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sich langsam an dem Grabe vorbei, auf wel­ches die hierzu erwählten Kommissionen Kränze in allen Größen legten. Unter denselben rag­ten-besonders ein prachtvoller Kranz des könig­lichen Hauses, sowie die Kränze der Stadt Rom und der Territorialarmee durch ihre Schönheit hervor. Das Grabmal verschwand ganz unter Blumenspenden. In der Kirche waren sämtliche Mitglieder der römischen Kommunal= und Provinzialräte mit geringer Ausnahme, sowie eine große Anzahl italieni­scher Bürgermeister anwesend. Während die Spitze des Zuges das Pantheon verließ und sich außerhalb desselben allmählich auflöste, waren die Mitte des Zuges und die letzten Teilnehmer noch im Anmarsche nach dem Pantheon begriffen. Im Zuge wurde beson ders die Gruppe derjenigen, welche an den Unabhängigkeitskämpfen teilgenommen, durch begeisterte Zurufe ausgezeichnet.

Frankreich.(Hetzereien gegen Deutsch­land. Bei einigen Blättern ist es gewisser­maßer zur Gewohnheit geworden, nach gewissen Zwischtentäumen immer wieder einmal den Hetzton gegen Deutschland anzuschlagen. An­

sch##nd durch einige in der letzten Zeit er­folgte Ausweisungen von Franzosen aus El­saß=Lothringen veranlaßt, muß in der France Elsaß=Lothringen wieder einmal herhalten, um dem genannten Blatt Stoff zur Verdächti­gung Deutschlands zu geben. DieFrance meint,daß den Franzosen der Aufenthalt in Elsaß=Lothringen jetzt ziemlich unmöglich ge­macht sei, denn die Herren Deutschen hätten als alleinige Herren des Landes ganzeigentüm­liche Maßregeln getroffen, die sie in sehr liebens­würdiger Weise anwendeten. In jeder Stadt, in jedem Dorfe hätten sie Bauden von bezahl­ten Spionen, die durch blindes Denunzieren ihren Eifer kundgeben wollten. Jedenfalls müsse man gewichtige Gründe haben, wenn man sich den Gefahren in Elsaß=Lothringen, einem fast unbewohnbar gewordenen Lande, aussetzen wolle. DieFrance" muß ihre Leser für wenig intelligent verschleißen, wenn sie ihnen solche Dummheiten sagen darf; daß die an der Spitze der Zivilisation spozierende Nation sich aber solche Mährchen aufbinden läßt, ist ein Beweis dafür, daß bei einem gro­ßen Teile derselben der Haß gegen Deutsch= land den Verstand trübt. Wenn eine deutsche Zeitung solch ungereimtes Zeug von Frank reich schriebe, würde sie ausgelacht.

(Die Reformvorschläge) Fercys wollen Abschaffung der Senatoren auf Lebenszeit, jedoch Belassung der jetzt in diesen Stellen be­findlichen Senatoren, sowie die Aufnahme der Listenabstimmung für die Deputiertenkammer in die Verfassung.

(Aus Tongking) kommen jetzt Nachrichten des Generals Courbet über den Verlust des Feindes bei der Besetzung von Sontay; die Schwarzflaggen sollen 400 Tote und 600 Ver­undete, darunter die Anführer, sowie 89 Ka­nonen und eine Menge Munition eingebüßt haben. Der französische Verlust an Menschen­leben stellt sich somit nicht viel niedriger als der des Feindes. Ferner wird gemeldet, daß am 28. vor. Mts. ein Kampf zwischen Ana­miten und einem von diesen angefallenen frau­zösischen Posten von 50 Mann stattgefunden hat, wobei die Franzosen 100 Feinde kampf­unfähig gemacht haben sollen.

(Denkmal für Gambetta.) Der Gedanke, zu Ehren Gambettas ein Denkmal zu errich­ten, geht seiner Verwirklichung entgegen. Ein von den Freunden Gambettas erlassener Auf­ruf fordert die Bildhauer Frankreichs auf,

bis zum 1. Juni d. J. Modelle für das Denk­mal, welches etwa 350000 Franks kosten darf, einzusenden. Die öffentliche Ausstellung sämtlicher Entwürfe wird vom 3. bis zum 15. Juni stattfinden und die Wahl in den ersten acht Tagen getroffen werden, so näm­

lich, daß die Jury drei Modelle auszeichnen, unter denen dann später, wenn sie in verdop­peltem Format ausgefühet sind, eine engere Wahl entscheiden soll. Die beiden Künstler, deren Werk nicht bevorzugt wird, erhalten Prämien von je sechs; bis viertausend Fran­ken; eine Prämie von zehntausend Franken ist überdies für den Bildhauer ausgesetzt, der die meisten Stimmen des Preisgerichts ver­einigt hätte, aber schließlich doch nicht mit der Ausführung betraut würde.

P. Spanien.(Krisis.) Noch ist die Ent­scheidung der in Spanien schwebenden politi­schen Krise nicht gefallen, es scheint aber nicht, als könne dieselbe länger hinausgescho­ben werden. In der letzten Sitzung der Kortes erklärte der Minister der auswäctigen Ange­legenheiten, wenn die Spaltung unter den li­beralen Parteien fortdauere, so sei es möglich, daß die Gewalt in die Hände der großen und mächtigen conservativen Partei übergehe, welche als eine geeinigte in Spanien bestehe.

Die prinzipielle Bedeutung dieser Erklärung springt in die Augen. Ihre Spitze richtet sich in erster Linie gegen die sagastistische Kor­tesmehrheit, deren bisherige Haltung dem Ministerium Posada de Herrera seine parla­mentarische Existenz im höchsten Grade er­schwert, wo nicht direkt in Frage stellt. Denn als Herr Posada die ministerielle Erbschaft Sagastas antrat, geschah dies in der Voraus­setzung, daß die Anhänger des zurückgetretenen Kabinetts dem Experiment auf die Regier­ungsfähigkeit der dynastischen Linken keine Schwierigkeiten in den Weg legen würden.

Die inzwischen gemachten Erfahrungen haben gezeigt, daß das Kabinett der Linken sich dies betreffs in schwerem Irrtum befand. Das gestrige Auftreten der Regierung in den Kor­tes zeigt ferner, daß die unter der Hand vor­genommenen Schritte zwischen der Regierung und den Kortes, die unbedingt notwendige Ueber­einkunft zu schaffen, ebenfalls gescheitert sind, so daß der direkte Appell an den politischen In­stinkt der liberalen Parteien wohl als der letzte Versuch des Kabinetts Posada betrachtet wer­den darf, den Hereinbruch der Krise aufzu­halten. Die Drohung mit dem eventuellen Regierungsantritt dergroßen und mächtigen conservativen Partei ist darauf berechnet, den Anhängern Sagastas Schrecken einzu­flößen. Das Vertrauen zu der Wirkung des angewandten Mittels muß aber wohl kein all­zugroßes sein, andernfalls man nicht einsieht, weshalb die am Ruder befiadlichen Politiker sich desselben erst jetzt, wo ihnen das Wasser schon bis an den Hals reicht, bedienen. Die Klärung der Lage indessen wird dadurch auf jeden Fall beschleunigt und einem Zustande der Ungewißheit ein Ende gemacht, der jen­seits der Pyrenden nachgerade als allgemeiner Notstand empfunden wurde.

Spanien.(Deutsches Exerzierregle­ment.) Schon während der Anwesenheit des deutschen Kronprinzen in Spanien wurde vielfach darüber gesprochen, daß König Alfons die Absicht habe, das deutsche Exerzierregle­ment in der spanischen Armee einzuführen und hatten auch mehrere höhere spanische Offiziere mit dem Geueral Grafen Blumenthal über diesen Punkt Unterredungen, in welchen sie denselben fragten, ob er die Kommandierung

älterer Offiziere aller Waffengattungen nach Deutschland behufs Bekanntwerden mit dem deutschen Reglement für vorteilhaft halte. General von Blumenthal soll jedoch die Kom­mandierung älterer Offiziere für nicht praktisch erklärt, vielmehr befürwortet haben, daß jüngere befähigte Offiziere nach Deutschland kämen, die dann ihre Erfahrungen bei einge­tretenem Avancement verwerten könnten. Ob überhaupt Kommandierungen jüngerer Offi­ziere nach Deutschland erfolgen werden, muß in der nächsten Zeit sich entscheiden.

Großbritannien.(Feuische Verschwö­rung.) Durch die Nachricht, daß man in Leicester einer fenischen Verschwörung auf die Spur gekommen sei, ist die Stadt und die nächste Umgebung in große Aufregung versetzt.

Die Leicester durchschneidende Midland=Eisen­bahnstrecke wird bewacht, namentlich in der Nacht zum Sonntag, weil es hieß, der in der Nacht von London kommende Eilzug solle in die Luft gesprengt werden. Es waren in jener Nacht umfassende Vorkehrungen getroffen, um jeden Versuch eines Attentats zu vereiteln und ist bis jetzt auch noch kein Unheil angerichtet

vorden..., 96) hat Jurd e.

(Das Ansehen Englanos) har durch die Gladstonesche Politik des ungerechten Annek­tierens und hinterlistigen Uebervorteilens an­derer Nationen und Völker nicht nur bei den kultivierten Staaten sehr gelitten, sondern auch in den halbzivilisierten Ländern. Einen Be­weis hierfür gibt das Ultimatum, welches die Abgesandten der Transvaal=Republik an den Lord Derby zu richten sich erlaubten. In demselben erklären die Delegierten, daß es ihnen gestattet sein müsse, das Betschuanaland zu annektieren; die nach dem Norden führende Handelsstraße wollen sie für neutral erklären. Im Falle die britische Regierung diesen Be­stimmungen ihre Zustimmung vorenthalten sollie, heißt es dann weiter angeblich in dem Ultimatum,so wird die Transvaal=Regierung handeln, als ob England die Forderungen an­erkannt hätte, und überläßt es der britischen Regierung, ihre gegenteilige Meinung in der ihr entsprechend scheinenden Weise geltend zu machen." Dieser drohenden, oder vielmehr verächtlichen Wendung gegenüber erklärt die Times in einem Artikel, der eigens zur Rechtfertigung der von den Transvaal=Dele­gierten angeschlagenen Tonart geschrieben sein scheint: England müsse einfach annehmen, was die Boeren verlangen, wenn es sonst nicht abermals einen Krieg führen wolle, und dies sei niemandes Wunsch. Allerdings stehen nicht alle englischen Blätter auf demvorur­teilslosen Standpunkt derTimes", und namentlich derGlobe erinnert an das, den Betschuanas gegebene Versprechen, die den Boeren zu überliefern ein Verbrechen wäre. Das Ultimatum der Transvaal=Republik soll übrigens im englischen Ministerrat bereits be­raten worden sein.

Rußland.(Empfang bei Hofe.) Am

russischen Neujahrstage findet im Winterpa­lais zu St. Petersburg große-Auffahrt zum Gottesdienst und Beglückwünschung der Kai­serlichen Majestäten statt.

Aegypten.(Die Kabinettskrisis.) Der Khedive hat das Rücktrittsgesuch des Ministe­riums angenommen, dasselbe wird jedoch bis zur Neubildung eines anderen Kabinetts die Geschäfte weiter führen. In dem Rücktritts­gesuch sagen die Minister u.., daß sie kein Recht hätten, den Sudan, welcher ein Aegyp­ten anvertrautes Besitztum der Pforte sei, dem Wunsche Englands zufolge aufzugeben. Das

Verlangen Englands, Aegypten solle den Vor­schlägen der englischen Regierung ohne weite­res folgen, verstoße gegen die Verfassung, welche besage, daß der Khedive mit den Mi­nistern und durch die Minister regiere. Da die Minister daran durch England gehindert würden, so müßten sie, um nicht gegen die Verfassung zu handeln, ihre Entlassung geben.

Armes Aegypteu; es hat sich einmal mit

den Engländern eingelassen und muß jetzt auch die Folgen tragen. Wollte sich nur jemand finden, der der Türkei mit Geldmitteln an die Hand ginge, um die Expedition nach dem Su­dan zur Ausführung zu bringen, dann würde England ein gewichtiger Stein in den Weg geworfen. Aber auch so dürften die Interessen Englands in Aegypten schwer gefährdet sein durch den immer anwachsenden Aufstand, der, einer Lawine gleich, schließlich auch die engli­schen Truppen in Aegypten und den ganzen englischen Einfluß dortselbst über den Haufen

werfen kann...e,

Amerika.(Unglua.) In Beueville, im Staate Illinois, ist am Montag das Nonnen­klosterZur unbefleckten Empfänguis abge­brannt. Die Insassen wurden von einer groß­artigen Furcht ergriffen; mehrere Zöglinge und Lehrerinnen, welche sich durch einen Sprung aus dem Fenster zu retten versuchten, wurden getötet oder tötlich verletzt, andere sind verbrannt. Soweit bis jetzt bekannt, sind 22 Zöglinge und 5 Nonnen umgekommen. (Trauergottesdienst.) Am Donnerstag sollte im Emanueltempel in Newyork ein Trauergottesdienst für Eduard Lasker statt­finden, bei dem der bekannte Karl Schurz Leichenrede halten wird.

Preußischer Landtag.

Abgeordneten haus.

(21. Plenarsitzung.)

Berlin, 9. Januar.

Das Haus ist schwach besetzt. Am Ministertische: Minister der öffentlichen Arbeiten und mehrere Kommissare.

Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um 11¼ Uhr. Anf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend den wei­teren Erwerb von Privat=Eisenbahnen für den

Stagt. m

Zunächst werden die einzeinen Vortlage mit den verschiedenen Bihnen ohne besondere Debatte ge­nehmigt, wober die Tarif=Frage, sowie die Stelle ung der Eisenb ihnbeamten zur Sprache kommen.

Abg. Dr. v. Heydebrand und der Lasa will die vielbesprochene Tarifangelegenheit nicht in die allgemeine Debatte ziehen, betont jedoch die Notwendigkeit, die anormalen Tartfe zu beseitigen und Normaltarife einzuführen, und hofft, daß dies in absehbarer Zeit durchgeführt werde.

Abg. Büchtemann äußert sich eingehend über die Dienstverhältnisse der Eisenbahnbeamten und wünscht: Anrechnung der Dienstzelt vom 17. statt vom 20. Lebensjahre, Verkürzung der Probe­zeit von 5 auf bezw. 4 Jahre, sowie Ueber­nahme der Privatbahnbeamten in den Staatsdienst auf Grund ihrer im Privatdienst erworbenen An­ziennitätsverhältnisse.

Regierungs=Kommissar Geh. Rat Brefeld er­klärt, daß die Aufstellung der Anziennitätsliste nach Maßgabe der Examensablegung seitens der einzelnen Kandidaten stattfindet. Je nach den ver­schiedenen Dienst=Kategorieen habe dem Examen eine Probezeit voranzugehen, die gerade um ihrer Verschiedenheit willen nicht als Dienstzeit gerechnet werden dürfe. Was die pekuntäre Stellung der neu zu übernehmenden Privatbahnbeamten in den Staatsdienst betreffe, so möge man doch nur be­denken, daß dafür 6 Millionen mehr ausgegeben würden.

An der Debatte beteiligen sich noch die Dr. v. Heydebrand, Dr. Hemacher und Büchtemann, worauf der

Eisenbahnminister Maybach mit einem Schluß­wort antwortete. Die Frage, ob 5 Jahre Probe­dienstzeit nicht zu hoch gegriffen sei, lasse sich aller­dings erwägen. Dagegen habe der Etat einer Pri­

Aus dem Stift.

Erzählungen von E. Hartner.

Viktorine hatte das Gefühl, daß sie den Knaben anreden, nach seinen Eltern fragen und ihren Besuch in Aussicht stellen müsse, aber der Gedanke, daß sich sofort die halbe Schule um sie versammeln werde, verwirrte sie wie­der, sie grüßte hastig und beschleunigte ihren Schritt.

Der Justizrat reichte ihr freundlich die Hand, nachdem er die Gräfin begrüßt hatte, versicherte, daß man nicht nach ihrem Befinden zu fragen brauche, da sie blühend sei, wie eine Maienrose, und fügte, zur Gräfin gewendet, hinzu, wie sehr es ihn freue, die Tochter seines langjähri­gen Freundes gerade unter ihrem Schutz zu wissen. Mit dem geschäftlichen Teil des Besu­ches schien der Justizrat weniger einverstanden zu sein, wenigstens verfinsterten sich seine Mie­nen zusehends, während die Gräfin ihr Anliegen auseinandersetzte. Er gab ihr zu bedenken, ob sie nicht lieber die Sache ihrem Gemahl anver­trauen wolle, und als dieses entschieden zurück­gewiesen wurde, bat er noch um kurzen Auf­schub, damit er erst an seinen Geschäftsfreund in Paris schreiben und von diesem Nachricht einziehen könne, welcher Art die Schulden des jungen Grafen seien. Seien es abgelaufene Wechselschulden, so ließe sich mit den Gläubi­gern vielleicht ein Arrangement treffen. Die Gräfin erwiderte etwas gereizt, ihr Sohn schreibe ausdrücklich, es seien Rechnungen für entnommene Gegenstände und wolle auch nichts davon hören, daß man bei den Lieferanten we­

gen Zurücknahme und einer Abschlagszahlung anfragen könne. Nun wurde der Geschäfts­mann auch seinerseits gereizt und verstummte. Die Verhandlung wurde kurz und geschäftsmä­ßig erledigt, und auch dagegen erhob der Ju­stizrat keine Einsprache mehr, daß das Geld direkt an die Adresse des jungen Grafen und nicht an die Gläubiger geschickt werden solle, obgleich es Viktoriens scharfem Blick nicht ent­ging, daß er unzufrieden damit zögerte.

Es ist doch wunderbar, sagte die Gräfin, als sie wieder auf der Straße waren,daß wir Frauen immer bevormundet werden! Wenn ich meinem Sohne eine Summe Geldes schenken will, die mein freies Eigenium ist, so sollte man doch meinen, das sei eine Angelegenheit, die nur mich und ihn angeht, und doch hätte nicht viel gefehlt, daß dieser väterliche Justizrat sich geweigert hätte, meine Anordnung auszu­führen!

Ich glaube, daß er es gut meint!" bemerkte Viktorine schüchtern.

Gewiß thut er das, aber dieses ewige Bevor­munden wird einem auf die Dauer auch lästig, sagte die Gräfin zwischen Aerger und Lachen schwankend.Nun wollen wir aber an unsere Einkäufe gehen!

Viktorine hatte sich eigentlich auf eine halbe Stunde beurlauben wollen, um dem Pfarrer ihren schuldigen Besuch zu machen, allein sie fand den Augenblick nicht für geeignet dafür, und verschob es bis nach den Kommissionen. Natürlich nahmen dieselben mehr Zeit in An­spruch, als man berechnet hatte, und da die Gräfin die Löwenwirtin nicht gerne warten lassen wollte, beeilte man sich schließlich sehr,

um in das Gasthaus zurückzukehren. Während des Essens wurde der Wagen angespannt und Viktorine fuhr fort, ohne in ihrer Heimatstadt einen Besuch gemacht, oder mit irgend jemand ein vertrauliches Wort gewechselt zu haben.

Denke dir, sagte die Frau Pfarrerin am Abend dieses Tages zu ihrem Manne,heute ist Viktorine in der Stadt gewesen. Wie findest du das?

Der Pfarrer sah von seinen Büchern auf. Weißt du es sicher, liebes Kind?

Ganz sicher, Heinrich hat sie gesehen und gegrüßt. Und eben war die Löwenwirtin bier. Sie ist mit der Gräfin schon vor elf angekom­men, dann sind sie bis zwei in der Stadt gewe­sen und haben im Löwen zu Mittag gegessen. Ich verlange gewiß keinen Dank, schloß sie mit hochroten Wangen,aber wirklich, Johan­nes, das hast du nicht um dieses junge Mäd­chen verdient!

Der Pfarrer war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder.Laß uns nicht vor­schnell richten, liebes Kind! Wer weiß, wie sehr sie an ihre Herrin gebunden ist! Viel­leicht wäre sie gern ein wenig zu uns ge­kommen!

So hätte sie uns durch Heinrich oder die Wirtin einen Gruß und ein Wort der Enschul­digung senden können!" entgegnete die ge­kränkte Frau.Nein, nein, Johannes, alles was recht ist! In diesem jungen Mädchen steckt ein Hochmut, der sich noch einmal schwer rä­chen wird. Jetzt steigt ihr der Grafenstolz

Zur selben Zeit fragte der Graf seine Ge­madlin:Und wie hat dir unser Fräulein bei

zu

(Fortsetzung folgt.)

*

eurer heutigen Tour gefallen? Flossen die Thränen literweise, als sie ihr Vaterhaus und die alten Freunde wiedersah?

Du wirst es mir kaum glauben, Hugo, er­widerte die Gräfin,aber sie blieb vollkommen kalt. Ob sie innerlich etwas empfunden hat, weiß ich nicht, äußerlich war ihr jedenfalls nichts anzumerken, als eine vornehm kühle Zurück­baltung.... Grsz.4n8.5 8i

Nun, versetzte der Graf lacheno,es wird gut sein, wenn sie Eberhards Tollheiten gegen­über die vornehme Haltung behält!

Wo denkst du hin, Hugo! sagte die Gräfin ärgerlich.Eberhard und unsere Erzieherin! Nun, nun, nun! rief der Graf.Erhebe deinen Sohn nur nicht gleich bis in die Wol­ken! Du mußt nicht vergessen, daßunsere Erzieherin ein sehr schönes Mädchen ist und unser Sohn leider ein nur allzu lockerer Vogel!

Von diesem Tage an war in Viktorinens Stellung zu der Gräfin eine unmerkliche Ver­schiebung eingetreten, die sie mehr fühlte als be­merkte. Die Gräfin hatte sie ins Vertrauen gezogen, sie teilte ein Geheimnis mit ihr. Die Gräfin hatte ihrer Verschwiegenheit, ihrer Zu­verlässigkeit vertraut, sie fuhr fort, ihr kleine Zeichen besonderer Gunst zu erteilen. Ihr Ge­schmack, ihr Urteil wurde bei der Auswahl der Weihnachtsgeschenke zu Rate gezogen, und die Gräfin fand, daß ihre beiderseitige Ansicht in den meisten Fällen zusammentraf.