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IWODNPEDGFES—

Samsiag, den 2. Juli 1932

Nummer 30

Beilage zum Altender Kreisblatt zuzleich Neuenrader Zeitung

Der Schuß der Woiwodin.

Skizze von A. Steininger=Graz.

Mit verächtlichem Blick streift die Gattin des Wotwoden Schar der bezechten Gäste. Unter den Tisch getrunken liegt Herr des Hauses, und manch edler Pole schläft mit derem Schädel zwischen verschüttetem Wein und den ver­iten Speiseresten, die unsauber die Tafel bedecken.

Den Vorhang zur Seite schiebend geleitet der deutsche Ordensritter die Herrin des Hauses hinaus auf den hölzernen Säulengang. Die prickelnde Luft der ersten lauen nächte umfängt sie. Irgendwo im Hof singt einer der Knechte ein altes wehmütiges Liebeslied. Schweigend an die Brüstung gelehnt lauschen sie. Die Schulter der Frau liegt an der seinen, berührt sie leise wie unabsichtlich.

Das Lied ist zu Ende. Mit tiesem Aufseufzen richtet sich die Wotwodin auf.

„Was ist Euch, Herrin?“ fragt der Ritter besorgt. Fast un­

gewollt umfassen seine Hände ihre Schultern. Da hängen plötz­lich ihre Lippen an seinem Munde:„Kommt zu mir! Das Besinde schläft. Niemand sieht Euch...“ stößt sie erregt hervor. Sanft löst sich der Ritter aus ihrer Umarmung.

„Ich bin Gast Eures Gemahls. Es ziemt sich nicht, daß ich ihn bestehle.“

Wie von einer Natter gestochen, prallt die Woiwodin

zurück.„Ihr verschmäht mich!“ zischte sie haßerfüllt.„Daran

sollt Ihr noch denken!“—­

„Bodo, mein Falke!“

Ihrem Gemahl den Rücken kehrend, streichelt Jadwiga järtlich das Gefieder ihres Lieblingsvogels, der schläfrig auf einer Steige sitzt. Doch der Woiwode läßt sich dadurch nicht beirren. Nochmals wiederholt er seine Frage:„Warum betzt Du immer gegen den Ritter? Vergiß nicht, daß er der Ab­gesandte des Komturs ist! Das Ordenskapitel ist mächtig.“

Jäh wendet sich die Frau um. Zornig blitzten ihre Augen. „Seid Ihr die Knechte dieser Deutschen? Dürfen sie ungestraft Eure Frauen beleidigen?“

Stirnrunzelnd horcht der Woiwode auf:„Wer hat Dich beleidigt?“

„Der Ritter verfolgt mich mit seinen Anträgen!“ Jäh schießt dem Polen das Blut zum Kopf. Seine Hand greift nach dem Schwert.„Das soll er mir büßen!“—

„Herr, seid auf der Hut! Das Gesindel gefällt mir nicht", der Graumäntler Udo, der Ordensknecht, flüstert es seinem Ritter, der nach dem Pferde gesehen hat, unter der Stalltür zu.„Sie führen Böses im Schilde. Ich weiß...“

Jäh bricht er ab und reißt seinen Herrn zur Seite. Etwas schwirrt an des Ritters Haupt vorbei. Ein Eschenpfeil steckt bitternd im Holz der Tür.

In langen Sätzen verfolgt der Knecht den meuchlerischen Schützen, der aus seinem Verste Hof flüchtet.

Der Wettlauf mit dem Tode 7 Afika-Erzählung von Rudolf de Haas

Von seinem Ansitz an der Lagune konnte der alte Jäger seine Gefährten bei der Arbeit beobachten. Quer gegenüber an der anderen Seite der Pfanne in einer Entfernung von etwa dreihundert Metern zerwirkten sie das bereits erlegte Fluß­pferd; zu diesem Behufe hatten sie sich ihrer Kleider entledigen und nackt in das Wasser gehen müssen. Die Tätigkeit ging ihnen flott von der Hand: man merkte, daß sie guter Dinge waren. Das Fett des Dickhäuters ließ sich zu allen möglichen Zwecken verwenden, die Haut war kostbar und das Fleisch nicht übel, wenn es von einem nicht zu alten Tiere kam.

Der Jäger spähte umher, ob sich nicht der alte Bulle oder wenigstens das Kalb sehen ließen, das noch in der Lagune war. Leider zeigte sich in weitem Umkreis kein Wasser­bläschen. Unter der dicken Schädeldecke der Urzeitriesen schien überraschend schnell das Verständnis für die Errungenschaften der Kulturmenschheit aufgedämmert zu sein, seitdem es das erste Mal geknallt hatte. Das Begriffsvermögen der un­geschlachten Ungetüme verdiente Anerkennung.

Plötzlich ließen die beiden Gefährten drüben die Arbeit fahren und sprangen aus dem Wasser. Mit allen Zeichen größter Aufregung liefen sie am Ufer entlang. Der Alte spähte in die Runde nach irgend einem Lebewesen, das sie erschreckt haben mochte, konnte aber nichts entdecken.

„Sollte am Ende der Bulle in der Nähe aufgetaucht sein und eine Attacke beabsichtigen?“ kam es ihm in den Sinn. Aber nein, der Spiegel der Lagune lag glatt da, das Fluß­pferd hatte keine Angriffsgelüste und nicht die mindeste Neugierde, zu erfahren, was aus seinem Genossen geworden sein mochte; es war froh, wenn die bleichen Gespenster, die bloß auf zwei Beinen dahergelaufen kamen, keinen Donner mehr in das Wasser warfen.

Mittlerweile kamen die Kameraden des Jägers am Saum der Lagune entlang wie verrückt dahergestürmt. Vielleicht hatten sie den Sonnenstich bekommen und waren plötzlich über­geschnappt. Ihr Gefährte bekam es regelrecht mit der Angst, als sie, wie von Höllengeistern gepeitscht, anrasten.

„Was ist denn bloß in Euch gefahren?“ rief er, als sie in Rufweite waren; eben mußten sie der Dornbüsche wegen einen kleinen Bogen schlagen und kamen nicht so schnell weiter.

„Bienen!“ brüllten sie beide wie besessen aus einem

Schuppen von den Augen. Er hätte sich an den Ohren reißen mögen, daß er nicht eher von selbst auf den Gedanken ge­kommen war.„Macht Feuer!“ schrie er ohne jede weitere Ueberlegung. Da hatten die beiden allerdings Grund zum Ausreißen gehabt, denn diese Verfolger waren unerbittlich und drohten mit grausamem, qualvotlem, tragischem Tode. Können in Europa die Bienen schon mitunter bösartig sein, in Afrika verstehen sie auf keinen Fall Spaß.

Die beiden, die eben hinter den Dornen wieder hervor­kamen, hatten den Alten offenbar nicht verstanden.

„Macht Feuer!“ brüllte er noch einmal.

Sie glaubten augenscheinlich nun ihrerseits, er habe den Verstand verloren.„Mensch, siehst Du nicht, daß wir aus dem Wasser kommen?“ schrien sie.„Die Streichhölzer sind in unseren Kleidern, dort ist der Hauptschwarm.“

Der Alte kam sich in diesem Augenblick außerordentlich dumm vor, da er wirklich keine faulen Witze hatte machen wollen. Gerade wollte er sich entschuldigen, da glitt sein Blick über die Lagune und er vergaß die Bienen und die Gefährten in ihrer Not. Ein freudiger Schreck durchzuckte seine Glieder, denn in nächster Nähe gurgelten die Wasser, und ein un­geheures Gebilde reckte sich mit einer geradezu satanischen Fratze in die Höhe.

Es war der alte Bulle, der sich eines anderen besonnen hatte, als er das Gebrüll am Ufer vernahm. Er mußte den Zusammenhang erraten haben und kam nun, um sich über die Rächer zu freuen, die ihm die mütterliche Erde Afrikas ge­geschickt hatte. Jetzt konnte er sich an den Qualen der Ver­folger seines Geschlechts weiden. So wenigstens kam es den beiden Unglücklichen vor, die zwar dem Hauptschwarm der Bienen entronnen waren, aber immer noch von leichten Trupps ihrer rachsüchtigen Bedränger verfolgt und gestochen wurden. Es wäre ihnen nicht seltsam vorgekommen, wenn der Behemoth in diesem Augenblick schadenfroh den Riesen­rachen aufgesperrt und aus tiefster Brust das zufriedenste „Ha=ha=ha!“ seines Lebens angestimmt hätte. Aber den Bullen, den die Neugierde an die Oberfläche gelockt hatte, trotz all der guten Vorsätze, traf die Kugel des bleichen Jägers gerade ins Hirn, und der Abgrund verschlang ihn.

Nun erst fielen dem Alten die Kameraden wieder ein. Sofort stürzte er davon, um sich einige für Qualmentwicklung

Versteck am Ziehbrunnen über den

sich ih

den Weg. Ihre Krummschwerter empfange

tigen Hieben pariert er. Ein Schlag auf das Kettenhemd lähmt ihm fast den Schwertarm. Seine Streiche werden unsicher. Da ist sein Ritter neben ihm, spaltet einem Schlachtschitzen den Helm und legt noch zwei auf den Boden. Doch der Feinde sind mehr geworden. Den Rücken an der Turmmauer deckend, wehren sich die beiden Deutschen verzweifelt gegen die Ueber­macht. Die Schwerter sprühen Funken, und unter den Hieben springen Ringe von den Kettenhemden. Blut rieselt unterm Zeugwams warm über die Haut. Immer mehr ermatten die Kräfte der beiden Deutschen, immer mehr werden sie zurück­gedrängt bis an die Leiter, die in das Obergeschoß des Berg­friedes führt. Blitzartig erkennt der Ritter den Weg zur Feitung... L, Tmmin ungt in hem Auscht u und Aull.

„Hinauf in den Turm!“ ruft er dem Knecht zu und deckt, sich nochmals mit voller Wucht in den Feind werfend, den Rückzug,

Pochenden Herzens fährt Jadwiga aus dem Schlaf. Das Kampfgetöse, das Geklirr der Schwerter dringt bis in die Kemenate. Zwei Tage und zwei Nächte schon stürmt der Woi­wode den Turm. Das Heer der Vasallen erfüllt den Burghof.

Jadwiga ist an das Bogenfenster getreten. Im Schein der kodernden Feuer hacken die Leitern zum Sturm. Hastig klettern die Mannen hoch, während die Bogenschützen mit einem Pfeil­regen die beiden Deutschen überschütten, die mit ihren großen Schilden abwehrbereit in der Turmöffnung stehen. Es ist ein verzweifelter Kampf, doch immer wieder stürzen die Polen nach hartem Ringen von ihren Leitern.

Wie ein edles Wild, von der Meute kläffender Hunde ümstellt, wehrt sich der Ritter. Sein Schild ist mit Pfeilen bespickt, sein Helm vom Haupt geschlagen, blutverklebt sein Haar. Mitleid und Reue übermannen Jadwiga. Ihr Herz sagt mit jedem Schlag, daß sie den Ritter liebt.

„Schießt den Turm in Brand!“ Mit verhaltener Wut be­fiehlt es der Woiwode. Wladislaus Zamojski ist tot und Ka­simir Zborowski und noch sieben der tapfersten Ritter. Sollen die verfluchten Deutschen all seine Vasallen zu Schanden

Techtriefende Brandpfeile bohren sich in das Schindel­dach, lassen gefräßige Flämmchen aufflackern. Noch dämpfen die leiden Deutschen das Feuer. Von den Dachluken aus schlo gen sie mit ihren Schwertern auf die brennenden Schin­deln, daß sie prasselnd in den Hof fliegen. Doch der Brand­gesthosse sind zu viele. Da kriecht der Ordensknecht auf das Dech und versucht das Feuer zu löschen. Wie geile Bremsen urtschwirren ihn die Armbrustbolzen. Jäh schlägt er die Arme in die Luft und stürzt zu Tode getroffen vom Turm. Auf­katschend schlägt sein Körper auf das Pflaster des Burghoses. : Und nun brechen hochlodernd mit hellem Singen die ##lammen aus dem Dach. Triumphierend sieht es der Woiwode. Jetzt muß der Fuchs aus dem Bau. Mit gedrängten Spießen sehen die Knechte bereit. m., ges J.p, M.-fias

1„Fangt ihn lebend!“ befiehlt der Pole. Das tiefste Verließ ist für den Deutschen gerade tief genug. Doch die Knechte iparten vergebens.

Jadwiga weiß nicht, wie sie in den Hof gekommen ist. Mit seltsam leeren Augen starrt sie zum Turm. Ein wilder Schmerz um den Helden erfaßt sie, der lieber elend verbrennen als sich dem Feind ausliefern will. Ein kalter Schauer überläuft ihren Rücken. Dort... preßt sich dort nicht ein bleiches Gesicht in die Schießscharte, qualvoll nach Atem ringend? Flammen um­züngeln es, doch kein Laut des Schmerzes entringt sich dem Munde. Jadwiga kann den Anblick nicht ertragen.

„Um Jesu Christi willen, erlöst ihn!“ ruft sie. Doch auf einen Wink des Woiwoden setzen die Bogenschützen die Arm­brust wieder ab.

Da reißt Jadwiga dem nächsten der Knechte die Wasse aus der Hand. Unsicher zielt

Hartr, Ein Druck

hinweg sieht sie das bleiche flammenumzünge

einem Lächeln der Erlösung nach rückwärts gleiten, ein rotes Mal in der Stirn.

Jukt d# miammen.

Munde.„Bienen!“ tönte es noch einmal an sein Ohr. Es geeignete Baum= bzw. Buschwurzeln zu suchen. Es war vor war ein Schrei der Verzweiflung. Da fiel es dem Alten wie allen Dingen notwendig, daß er erst einmal die Kleider der

Gefährten und ihre Schuhe holte, was nicht ganz einfach war. Ohne Stiche würde es auch für ihn nicht abgehen. Selbst­verständlich mußte er unter dem Winde an den Bienen heran­gehen. Das war nur moglich, wenn er von der anderen Seite um die Pfanne herumging, nicht auf dem Wege, auf dem die Freunde geflohen kamen.„ G.„daen Mluraelschaite eina u—1.

Im Schutze seiner qualmenden Wurzelscheite ging er ent­schlossen in der Richtung auf das von den Bienen eroberte Flußpferd los, neben dem die Kleider lagen. In einiger Entfernung vom Operationsfelde zündete er zunächst ein mächtiges Feuer mit starker Rauchentwicklung an, um auf alle Fälle einen sicheren Zufluchtsort für das weitere Vor­gehen zu haben. Hier fanden sich auch die Gefährten ein.

Jetzt kam der entscheidende Augenblick. Ganz wohl war ihm nicht, als er nun von dem schirmenden Feuer fort mit den brennenden und qualmenden Scheiten in den Händen unmittelbar an die Stelle vorgehen mußte, an der die Kleider und Schuhe gerade dort lagen, wo das Flußpferd das Ufer berührte. Entrüstet fuhren die Bienen in dichten Massen in die Höhe und suchten durch Rauch und Flammen den Misse­täter, der es wagte, sie an der Festtafel zu stören. Der Alte fühlte das wütende Heer um seinen Kopf herum summen und merkte, daß er gestochen wurde. Mehr noch als das Stechen war ihm das Schwirren der erbosten Insekten zu­wider. Er dankte seinem Schöpfer, als er die Kleider und Schuhe in fliegender Eile an sich gerafft und den Weg zur Feuer= und Rettungsstation zurückgefunden hatte.

Jetzt erst fand er Muße, einen Blick auf die übel zu­gerichteten Gefährten zu werfen, die froh waren, in ihre Kleider fahren zu können. Was bedeuteten die wenigen Stiche; mit denen er selbst davongekommen war, gegen die Marter der Kameraden! Vereint konnte man jetzt dazu übergehen, die Bienen in ihrer eroberten Festung selbst anzugreifen und das zerwirkte Flußpferd, den Gegenstand des Haders und die Ursache so vieler Schweiß= und Angsttropfen, zurück­

Die zerstochenen Leute entwickelten einen Eifer, der nach ihren üblen Erfahrungen verständlich war. Sie brachten nicht nur windschnell geeignetes Holz zusammen, sie waren auch in eigener Person Feuer und Flamme für die Vertreibung des Feindes. Eine ungeheure Rauchwolke verhüllte in einigen Minuten das Flußpferd und seine ganze nächste Umgebung und in weniger als einer Viertelstunde hatten die Bienen das Feld geräumt.

## ooo uns teerem Geldschrank.

Skizze von Otto Schumann.

Herr Cspenberg, der reiche Juwelenhändler, war kaum aus dem Geschäft nach Hause gekommen, als die alte Haus­hälterin ihm meldete:„Da war heute vormittag so'n junger Mann vom Telephon=Amt, um die Leitungen nachzusehen. Die Sache ist doch wohl in Ordnung? Ich wollte ihn erst nicht ins Haus lassen, er sah wenig nett aus, so blaß, und außerdem schielte er.“

„Hm, die Leitung war nicht in Ordnung? Komisch. Gestern abend noch habe ich keine Störung bemerkt. Sagen Sie, Frau Hollermann, war der Mensch auch im Schlafzimmer, wo der Geldschrank steht?“

„Aber gewiß doch, Herr Espenberg. Aber er hat sich nur einen Augenblick dort umgesehen und gemeint, dort könne der Fehler nicht liegen.“

„Nun,'s ist gut, Frau Hollermann!“ Der Juwelenhändler begab sich in sein Arbeitszimmer, führte mehrere Ferngespräche — der Apparat funktionierte wieder ausgezeichnet— und be­auftragte dann die Haushälterin, ihm den Koffer zu packen, da er nach Hamburg reise. Eine Stunde später führte ihn sein Kraftwagen davon.——

Die Espenbergsche Villa lag in tiefem Schweigen, als sich „Schränker=Franz“, eine Zierde der Berliner Unterwelt, an­schickte, ihr einen unerbetenen Besuch abzustatten. Eine Scheibe war bald eingedrückt und der Eingang somit freigegeben. Vor­sichtig schlich sich der Einbrecher nach oben, wo im Schlaf­zimmer, wie er sich erst tags zuvor persönlich überzeugt, der Geldschrank stand. Und in ihm ruhten stets Edelsteine in be­trächtlichen Mengen, da der Juwelenhändler die kostbarsten seiner Schätze nicht im Geschäft zu lassen liebte, sondern es vorzog, sie jeden Abend mit nach Hause zu nehmen. Gerade heute war, wie Schränker=Franz auf Grund zuverlässiger Er­kundigungen wußte, eine besonders wertvolle Sendung aus Amsterdam eingegangen.

Den kundigen Händen eines so erfahrenen Geldschrank­knackers vermochte auch der Espenbergsche Safe auf die Dauer keinen Wiederstand zu leisten. Eine halbe Stunde harter Arbeit, und die Tür sprang auf. Der Einbrecher stieß eine laute Verwünschung aus: Der Geldschrank war leer. Leer, wo doch Espenberg stets seine Juwelen darin aufbewahrte. Warum gerade heute nicht?

Während„Schränker=Franz“ noch darüber nachgrübelte, bemerkte er plötzlich, daß die Innenfächer des Geldschrankes mit einer hauchdünnen Schicht Vaseline überzogen waren. Leise pfiff er durch die Zähne.„Aha, von wegen der Finger­abdrücke!“ dachte er; im gleichen Augenblick wurde ihm aber auch klar. was das bedeutete. Man hatte sein Kommen er­wartet. Die Sache wurde gefährlich. Eine Hand am Revolver lauschte der Einbrecher gespannt. Aber alles im Hause blieb still.

Schon wollte Schränker=Franz den Rückweg antreten, als ihm ein Einfall kam. Er zog aus einer vor einigen Tagen er­beuteten Brieftasche eine Besuchskarte mit den Worten„Karl­Friedrich Messener, Linden=Allee 16“ und legte sie in den leeren Geldschrank. Vielleicht würde das die Polizei auf eine falsche Spur bringen.— 15

Am nächsten Tage saß der Einbrecher beim gewohnten Frühschoppen und las die Zeitung. Plötzlich fiel sein Blick auf eine Meldung, die, fettgedruckt, aus dem übrigen Inhalt her­vorstach. Mit immer größer werdenden Augen las er:„Auf­sehenerregender Einbruch! Bei dem bekannten Juwelenhändler Espenberg wurde letzte Nacht ein frecher Einbruch verübt. In seiner Abwesenheit drangen Diebe in seine Villa in der Tier­gartenstraße, erbrachen den Geldschrank und raubten Juwelen im Werte von annähernd 800 000 Mark. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Von den Tätern feblt jede Spur.“

Schränker=Franz schlug mit der Faust auf den Tisch: „Solch ein Gauner! Hat keinen roten Heller im Geldschrank und läßt sich von der Versicherung achchundert Braune aus­

Er dachte einen Augenblick nach:„Da müßte aber doch was zu machen sein. Wenn ich nur wüßte, bei welcher Gefell­schaft er versichert war, der alte Betrüger.“——

Herr Espenberg saß am Schreibtisch und erledigte die Post, als seine Sekretärin ihm eine Karte brachte. Beim Lisen des Namens Hans=Friedrich Messener, Lindenallee 16, wurde der Juweleuhändler blaß, Verflirt, die Sache wurde faul. Aber ee

half nichts, er mußte mit dem Manne sprechen und sich irgenö­wie herauszureden suchen.

Der Besucher trat ein: ein junger elegant gekleideter Herr, bei dem nur der schielende Blick unangenehm auffiel.

„Sie wünschen?“ nötigte Espenberg ihn zum Sitzen.

„Das ist schnell gesagt, Herr Espenberg. Sie wissen, daß Sie gestern alle Ihre Juwelen mit nach Hamburg genommen haben, nachdem Sie von dem verdächtigen Telephonarbeiter gehört hatten. Und nachdem ich letzte Nacht den leeven Schrank geöffnet, wollen Sie sich von der Providentia“ seelenruhig die Versicherungssumme auszahlen lassen. Es ist wohl nur gerecht, wenn ich etwas davon abbekomme.“

Herr Espenberg blies langsam eine große Rauchwolke aus seiner Zigarre in die Luft und murmelte:„Nicht übel aus­gedacht.“ Dann kurz entschlossen laut zu dem Befucher: „Wie viel?“

„Ich bin bescheiden. 10 000 Emmchen würden genügen.“

Der Juwelenhändler ging zum Geldschrank, entnahm ihm den genannten Betrag und händigte ihn dem anderen ein. Der steckte die Scheine sorgfältig ein und sagte dann in plötzlich gänzlich anderem Tone:„Herr Espenberg, nachdem Sie mir den schlüssigen Beweis geliefert haben, will ich Ihnen sagen, daß ich keineswegs der Mann bin, dessen Name hier auf der Karte steht. Auch nicht der Einbrecher, der gestern bei Ihnen war. Ich bin Geheimbeamter im Dienste der„Providentia“ und für meinen Auftrag hier ausgewählt, weil ich, wie Sie sehen, schiele. Jetzt darf ich Sie bitten, mir zu folgen. Zwei Beamte warten draußen.“—.—

Eine Viertelstunde danach saßen in einem kleinen Kaffee­haus zwei Männer beisammen. Beide schielten. Der Geheim­beamte überreichte dem grinsenden„Schränker=Franz“ ein Bündel von vierzig Tausendmark=Scheinen, das dieser sorg­fältig in die Tasche schob.

„Nun, wir können beide zufrieden sein“, meinte der Be­amte.„Meine Gesellschaft hat durch Ihre Anzeige 800000 Mark gespart, und Sie haben aus dem leeren Geldschrank immerhin noch 40 000 herausgeholt. Das macht Ihnen auch nicht jeder nach.“

des Majors Gyldengrob.

Skizze von Georg Wagener.

Der Major Gyldengrob auf Regaholm war ein reicher Mann und unglücklich zu gleicher Zeit. Denn er lag seit dreißig Jahren gelähmt im Lehnstitzl., gu.raäerte#ur Sam Werd

Damals, als man auf dem Manöverfeld den vom Pferd Gestürzten auflas, hatte er gebettelt:„Kinder, gebt mir den Gnadenstoß!“ Und dann fluchte er, weil sie ihm den Gefallen nicht tun wollten, sondern ihn auf den Operationstisch legten und untersuchten:„Was wollt Ihr denn noch?. Es nützt ja nichts, denn das Rückgrat ist zum Derseft.

Sie hatten ihn aber nicht sterben lassen, und dann war in dem zerschlagenen Körper der Lebenswille erwacht. Freilich nicht ganz von selbst, sondern die lieben Verwandten hatten— wohl gegen ihren Willen— ein wenig dazu geholfen. Denn sie waren damals im Lazarett an sein Bett getreten, waren auf den Fußspitzen gegangen und hatten Gesichter gemacht, als

wollten sie von einem Sterbenden Abschied nehmen. Da biß der Major die Zähne zusammen und knurrte:„Den Spaß will Euch verderbenk“

Er hatte das gründlich besorgt. Denn wenn er auch ge­lähmt war, schimpfen konnte er um so besser. Er schimpfte alle Verwandten aus dem Hause hinaus, als er später aus dem Lazarett entlassen war, und auf Regaholm, seinem Stammgut, wohnte. Sie kamen ja nur, um sich bei dem unleidlichen Erb­onkel in Erinnerung zu bringen, und sie ertrugen um des er­hofften Vorteils willen manche schlechte Behandlung. Doch je nach dem Grad seines Ehrgefühls blieb einer nach dem anderen fort.

Nur eine Verwandte nicht. Denn sie

war, und er ließ mit den„Fähren die Witwe in Frieden, räumte ihr stillschweigend Hasfrauenrecht ein und bedauerte nur, den Jungen nicht täglich prügeln zu können.

Der Bengel war sein ewiger Aerger. Er wollte aus ihm einen anständigen Menschen machen und hatte doch keine andere Macht über ihn als die seines scharfen, zwingenden herrischen Blicks und seines groben Mundes. Deren Einfluß suchte sich der Junge so viel wie möglich durch die Flucht au­die Felder und Weiden von Regaholm zu entziehen. Dort draußen tobte er, ungesehen vom Major, seine Unbändigkeit aus und freute sich königlich, wenn die Erbsen aus seinem Blasrohr die Kuheuter trafen und die Tiere zu wilden Bock­sprüngen trieben.

Doch der Spaß wurde ihm bald gründlich vergällt. Denn als er eines Tages wieder vom Feld nach Hause kam, ließ ihn der Major rufen:„Bengel, ich kann alles sehen, was Du da draußen anstellst. Nimm Dich in Acht!“ Er hatte sich nämz lich an das Fenster des großen Erkers schieben lassen und ent­deckt, daß er von hier aus, wenn er die Augen wandern ließ soweit es sein gelähmter Hals erlaubte, wohl ein Drittel der weiten Ländereien von Regaholm überblicken konnte. S# stimmte das, was er dem Jungen erzählte, wohl nicht gang aber er konnte ihm genug auf den Kopf zusagen, um den Bengel einzuschüchtern. A„„

Seitdem saß der Major Gyldengrob von Morgen bis Abend unbeweglich an seinem Erkerfenster. Jahraus, jahrein immer an der gleichen Stelle wie ein Wachposten. Und wenn er es anfänglich des Jungen wegen getan hatte, so gab er die Beschäftigung auch nicht auf, als Erik Haderblom den bunten Rock anzog. Denn es war die einzige Beschäftigung des Gelähmten, und außerdem glaubte der Major erzieherisch auf seine Leute einwirken zu können, wenn das Auge des Herrn über ihnen und den Fluren von Regaholm wachte.

So war das Gesicht am Erkerfenster allen Leuten auf Regaholm bekannt. Es gehörte so gut zum Schloß wie der Turm mit der knarrenden Wetterfahne,„

Jahre vergingen. Erik Haderbkom hielt sich gut, und als er zum Hauptmann befördert wurde, erklärte ihm der Alte feierlich:„Junge, ich habe oft geschwankt, ob ich es tun sollte oder nicht. Doch heute ist es sicher: Wenn Du keinen dummen Streich mehr begehst, wirst Du mein Erbe. Doch eins ver­sprichst Du mir auf Ehrenwort: Du verkaufst niemals Rega­holm. Bevor ich zum lebenden Leichnam wurde, dachte ich ein Junge von mir würde den Stammsitz erben. Nun soll en wenigstens in der Familie bleiben.“

Erik Haderblom gab dem Alten sein Ehrenwort. Dann ging er zurück zu seinem Regiment.

Es sollte das letzte Mal gewesen sein, daß er den Erbonkel lebend sah. Denn als der Leibdiener eines Abends zur ge­wohnten Stunde den Major von seinem Erkerfenster zurück­schieben wollte, entdeckte er, daß der alte Herr sehr im Gegen­satz zu seinem sonstigen lauten Poltern still und schweigend in eine andere Welt hinübergegangen war. Die Abendsonne warf ihren hellen Schimmer auf das friedliche Gesicht des

Toten.——„„H. Eak Lein G.k­ an Oef G.

Der Hauptmann Haderblom trat sein Erbe an. Das Ge­rücht ging ihm voraus, er habe in der Garnison erhebliche Schulden gemacht. Er selbst bestätigte das Gerede. Denn eines Tages brachte er einen bekannten Grundstücksmakler nach Regaholm, und zum bestürzten Verwalter sagte er:„Ich will verkaufen. Was soll ich mit dem Gut?“

Es war ein sonniger Sommerabend, als Erik Haderblom mit dem Makler über die Fluren von Regaholm ging, Besitz besichtigen zu lassen. Er hatte dabei ein unbehagliches Gefühl, als riefe ihm semand zu:„Denk an Dein Wort!“ Doch er schüttelte durch eine kurze Schulterbewegung das Unbehagen ab wie Regentropfen:„Der Alte ist tot. Wer hat mir nog

Dem Makler gefiel, was er sah:„O ja, das läßt sich schon verkaufen.“ Er blickte befriedigt über das weite Land und dann zum Schloß zurück. Und stutzte. Denn der Hauptmann Hader­blom starrte zu einem Erker hinauf, und alles Blut war ihn aus dem Gesicht gewichen: Dort oben stand, von der Sonn­

Denn sie war eben Witwe ou, ven, ves,„(Gesicht des loten Majors Gyldengrobl

eworden, und hezr, kein Geld, dasir aber einen u,gevogenez) beschäerzg Hoderblom fuhr sich über die Augen. Er,

Jungen. Dessen Zukunft bereitete ihr Kummer, und so nistete sich die Frau Hauptmann Haderblom auf Regaholm ein und all

ertrug alle, Demütigungen von seiten des Gelähmten.„Der empfand schließlich Achtung vor der Ausdauer der Gequälten, meil er selbst wußte, daß er ein unleidlicher Kerl geworden

Erik Haderblom fuhr sich über die Augen. sein schlechtes Gewissen gankle ihm ein Spukbild vox, Doch Gesicht des Alten hinter der Fensterscheibe blieb. Ruhig mi ein wenig gespensterhaft. Und dem Hauptmann schien sagen:„Kerl, ich passe auf und sehe, was Du machstl: