Nr. 109.

Paderborn, Dienstag, 15. September 1891.

5. Jahrg.

Zeitung für Stadt und Land.

Der Paderborner Anzeiger erscheint wöchentlich dreimal, des Dienstag, Donnerstags und Samstags, mit einer landwirthschaftl. Beilage und dem westfäl. General=Anzeiger.

Organ des

landwirthsch. Kreis-Vereins.

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∆ Die„Wiederaufrichtung

Das Selbstgefühl der Franzosen ist seit den russisch= französischen Verbrüderungsfesten von Kronstadt und Petersburg unzweifelhaft ganz gewaltig gestiegen. Wenn im Laufe der letzten zwanzig Jahre von jenseits der Vogesen der Ruf zu uns beständig herüber erscholl: „Frankreich sammelt sich!“, so ist das seit Kronstadt mit einem Male anders geworden, denn nunmehr heißt es:„Frankreich hat sich gesammelt!“ Seitdem die Fran­zosen glauben, in Rußland ihren längst begehrten Ver­bündeten bei einem neuen großen Kriege zu besitzen, sind sie plötzlich zu der Ueberzeugung gelangt, wieder die erste Nation Europas zu sein, ihre frühere militärische und politische Macht im vollsten Umfange wiedererlangt zu haben. Von diesem selbstbewußten Geiste sind alle öffentlichen Kundgebungen, welche die Tage von Kron­stadt auf französischer Seite gezeitigt haben, mehr oder weniger durchtränkt und erst in diesen Tagen wieder hat es kein Geringerer, als der französische Minister­präsident, Herr de Freycinet, selber, in seiner Manöver­rede von Vandoeuvres, erklärt, daß gegenwärtig Nie­mand mehr die Stärke Frankreichs bezweifele.

Und sind nicht die Franzosen zu einem so selbstbe­wußten, zuversichtlichen Auftreten auch vollkommen be­rechtigt? Nach beispiellosen Niederlagen, welche das Land der Zerrüttung nahe zu bringen schienen, nach überaus schweren inneren Crisen hat sich Frankreich in wirklich überraschender Weise zu neuer Größe emporgearbeitet, sein Ansehen nach außen wiederhergestellt und sich im Innern mehr und mehr befestigt. Seine republikanischen Institutionen haben in der Nation kräftige Wurzeln geschlagen, so daß selbst der vordem weit überwiegend bonapartistisch oder orleanistisch gesinnte französische Clerus seinen Frieden mit der Republik gemacht hat. Die Finanzen Frankreichs sind trotz der Fünf=Milliarden­Abzapsung blühender denn je und sein Heer, an dessen Reorganisation, Verstärkung und Verbesserung alle fran­zösischen Ministerien seit 1871 mit hingebendster Unter­stützung aller Parteien unabläßig gearbeitet, ist zu einem kriegsbereiten, nach Millionen von Streitern zählenden Körper angewachsen. Gestützt auf diese Factoren, blühende Finanzen und ein starkes Heer, ist der politische Ein­fluß Frankreichs in der Welt unverkennbar ebenfalls ein größerer geworden und mit Recht dürfen darum die Franzosen stolz darauf sein, daß ihr Land heute wiederum

Geheimniß der Frau de la Mare.

31 Roman von H. v. Limpurg.

(Nachdruck verboten.)

„Mein Gott, Juana,“ rief Luise erschrocken,„was ist Dir? Bist Du unwohl? Woher kam diese Schwäche­anwandlung, die ich an Dir gar nicht vermuthete.“

Aber mit seltener Energie unterdrückte Madame de la Mare die so wunderbare Erregung, und mit einem wenn auch noch schwachen Lächeln schüttelte sie die dunklen Locken und sagte:„Es ist nichts— rein gar nichts, nur eine nervöse Angst, die mich in Folge meines früheren Nervenleidens mitunter ergreift, und ich bitte deshalb sehr um Vergebung, besonders da ich Sie, Herr von Norden, unterbrach, Sie wollten von— einem Fremden erzählen.

„Nein, meine Gnädigste, antwortete der junge Assessor verbindlich,„ich erwähnte nur den Namen des­selben; ihn kannte ich gar nicht und, da er sich auch nur auf der Durchreise hier aufhält, wird er wohl nur heute Abend bei uns sein...

„Ah, auf der Durchreise,“ entgegnete Juana und ein tiefer, wie erleichteter Athemzug schien Juana's Brust zu heben,„Sie werden somit heute Abend Besuch haben?“

„Wahrscheinlich, denn, wenn die Herren in Kunst­gespräche gerathen, hören sie sobald eben nicht auf, be­sonders Papa, der ein begeisterter Kunstfreund und leiden­schaftlicher Autographensammler ist.“

„Umsomehr muß ich mich beeilen. Also lebe wohl, mein liebes Herz, sagte Fräulein von Norden, die Freundin umarmend,„ich rechne darauf, Dich bei unsrem nächsten Empfangsabend zu sehen. Vergiß es ja nicht er ist übermorgen!“

Leopold von Norden hatte inzwischen kein Auge von der schönen jungen Wittwe gewandt; ihre sonderbare Er­

eine achtungsgebietende Stellung in der europäischen Staatenfamilie einnimmt.

Wir Deutschen sind gewiß die letzten, die der fran­zösischen Nation ihren Wiederausschwung mißgönnen, welcher derselben unter allen Umständen ein ehrendes Zeugniß ausstellt. Aber wir wissen genau, welches die Triebfeder für unsere westlichen Nachbarn bei ihren ge­sammten jahrzehntelangen Bestrebungen zur Wiederher­stellung ihrer Macht gewesen ist, nämlich die Hoffnung auf Revanche, an Rache an dem verhaßten Deutschland für die unerhörten Demüthigungen von 1870/71. So lange Frankreich nicht allianzfähig war, lebte diese Hoff­nung mehr im Verborgenen, seit der Herstellung des russisch=französischen Einvernehmens ist sie aber mächtig emporgeblüht und in Verbindung hiermit hat ein ge­fährlicher Chauvinismus von Neuem weite Kreise des französischen Volkes erfaßt. In den Pariser Regierungs­kreisen scheint man allerdings allmählich zu der Erkennt­niß von der Bedenklichkeit einer solchen Strömung gelangt zu sein und sich zu bemühen, dieselbe einzudämmen. Hiervon zeugt die weitere Rede Freycinets von Van­doeuvres, in welcher der Ministerpräsident Maßhalten und Ruhe für Frankreich als dringend nothwendig für das Land empfahl und schließlich betonte, daß die Dispositionen zu den Anordnungen für die gegenwärtigen französischen Manöver nur friedliche gewesen seien. Diese Mahnungen und Versicherungen von Regierungsstelle aus sind sehr schör, indessen haben die Ereignisse in Frankreich nur oft gelehrt, daß daselbst auch die vorsichtigste und fried­liebendste Regierung vor den Ausbrüchen der Volks­leidenschaften nicht Stand zu halten vermag. Wir Deutschen werden daher trotz der friedlichen Dispositionen der französischen Regierung auch fernerhin unser Pulver trocken halten, wir könnten es eines Tages vielleicht sehr rasch brauchen, denn von dem„wiederaufgerichteten Frankreicht sieht eben Alles zu befürchten.

Politische Uebersicht.

Paderborn, den 15. September 1891.

Den herzerquickenden Kaisertagen in Bayern sind nun­mehr die Kaisertage in den hessisch=thüringischen Gauen gefolgt und die großartigen Huldigungen, welche den Schirmherrn des Reiches an den Ufern der Isar entgegengetragen wurden, haben jetzt zunächst an den Gestaden der Fulda ihre Fortsetzung gefunden. Kaiser Wilhelm wird gewiß nur mit den Gefühlen tiefster Genugthuung über die ihm seitens Bayerns Herrscher­haus und Volk bereitete überaus herzliche Aufnahme

regung und deren mögliche Ursache beschäftigten ihn leb­haft, doch lag ihm der Gedanke fern, dieselbe mit dem Namen seines Fremden in Zusammenhang zu bringen.

Als Juana sich jetzt zu ihm wandte, ergriff er mit ritterlicher Huldigung deren kleine Hand und zog sie an die Lirpen. Die Hand war eiskalt.

„Sie sind noch immer nicht wohl, gnädige Frau,“ sagte er, ihr tief in die schönen, dunklen Augen sehend, „und ich bedaure lebhaft, daß meine Schwester gerade in diesem Augenblick Sie verlassen muß.“

„Ich danke Ihnen, Herr von Norden," erwiderte Madame de la Mare etwas befangen und schlug den Blick zu Boden, während eine dunkle Röthe ihr warm gefärbtes Antlitz überzog.„Mir ist wieder völlig wohl und ich denke sogar, noch ins Theater fahren zu können. Auf Wiedersehen also!“

Die Thür schloß sich hastig hinter der reizenden Er­scheinung und Leopold stand sekundenlang wie bezaubert an der Treppe, während es vor seinen Augen flimmerte und sein Athem stockte. Er fühlte noch den leisen Druck der beringten Finger, sah das Aufleuchten jener tief­braunen Augensterne.— Träumte er oder begannen die Augen der schönen Spanierin ihn in einen märchen­haften Zauberkreis zu ziehen, aus dem es keine Rettung mehr gab!

„Kommst Du, Leopold?“ frug Luise von unten herauf, und hastig fuhr er sich mit der Hand über die Stirn.

„Ja, Kind,“ gab er lachend zurück und folgte ihr, immer über zwei Stufen springend. Gerade als sie aus dem Hause auf die schneeflimmernde Straße traten, ging ein stattlicher Offizier vorüber, dicht in seinen Mantel gehüllt und grüßte ehrerbietig. Luise schrack unwill­kürlich zurück und ihre Hand fuhr nach dem Herzen,

aber der Blick, womit sie den Gruß erwiderte, glänzte

dieses Land verlassen haben, während er zugleich die besten Eindrücke von dem trefflichen Zustande des bayerischen Heeres mit hinweggenommen hat. Wenn schon bei der Parade auf der Fröttmanninger Heide die bayerischen Truppen durch ihre vorzügliche Haltung und ihr Aussehen die Bewunderung des Kaisers erregten, so war dies noch mehr bei den Manövern der zwei bayerischen Armeecorps vom Donnerstag und Freitag der Fall. Wiederholt hat sich der kaiserliche Kriegsherr aus diesem Anlasse in ehrendster und anerkennendster Weise über die Leistungen der bayerischen Truppen wie über die Art ihrer Führung ausgesprochen und darum werden die Kaisermanöver von Röhrmoos immerdar Ehrentage für das bayerische Heer bleiben.

*

Die großen bayerischen Manöver sind am

Freitag Mittag bei Röhrmoos zu Ende gegangen. Auf genannter Eisenbahnstation fand die in herzlichster Weise vor sich gehende Verabschiedung des Kaisers vom Prinz­Regenten Luitpold und den bayerischen Prinzen statt, worauf der Kaiser mit dem preußischen Kriegsminister v. Kaltenborn und dem Generalstabschef Grafen Schlieffen nach Kassel abreiste. Der Prinz=Regent kehrte in Be­gleitung des Reichskanzlers v. Caprivi und des General= feldmarschalls Grafen Blumenthal nach München zurück, von wo aus dann die beiden Herren am Freitag Abend nach Berlin zurückreisten. Die Ankunft des Kaisers in Kassel erfolgte Freitag Abends 8 Uhr und wurde er am Bahnhofe von der Kaiserin und den anwesenden Fürstlichkeiten empfangen. Im offenen Wagen fuhr so­dann das Kaiserpaar durch die großartig illuminirten und beflaggten Straßen unter dem Jubel der Bevölkerung nach Schloß Wilhelmshöhe. Abends wohnten die Majestäten dem ihnen zu Ehren vom hessischen Communal= Landtage gegebenen Festmahle im Orangerieschlosse bei. auf demselben begrüßte der Vicemarschall der althessischen Ritterschaft, Frhr. v. d. Malsburg, das Kaiserpaar in längerer Ansprache. Der Redner dankte für das Er­scheinen der Majestäten in Kassel und betonte dann, da der hessen=kassel'sche Bezirk erst 25 Jahre mit der preuß. Monarchie verbunden sei, könne diese Verbindung noch nicht so stark sein, aber doch habe sich der Volksstamm der Hessen rasch genug in die größere Familie eingelebt. Unter Hinweis auf den Krieg von 1870/71 gab dann der Redner schließlich dem festen Vertrauen des bessischen Volkes zu seinem Kaiser und der Anhänglichkeit des Hessenstammes an das ganze königliche Haus warmen Ausdruck.

wunderbar— genau so wie vorhin oben im

als sie mit Juana von der wahren, edeln Liebe ge­

sprochen.

„Komm, Schwester, gieb mir den Arm,“ sagte Leopold jetzt.„Du scheinst mir ebenso erschrocken, wie vorhin Frau de la Mare, obschon ich bei Dir den Grund leichter errathe.“

„Leopold,“ bat das schöne Mädchen stockend.

„Nun was ist dabei?“ frug er, sich zu ihr beugend, „ich denke, ein so großes Unglück kann Niemand darin finden, daß der Hauptmann von Leuthold Fräulein Luise von Norden auszeichnet.“

„Sprich nicht davon, Eugen. Was würde Papa dazu sagen.“

„Er wird sich, wie eben alle Väter, dareinfinden müssen, wenn Leuthold einen ernsten Antrag stellt.“

„Aber, Bruder, was fällt Dir ein? Mit mir in dieser späten Abendstunde solche Dinge zu besprechen.

„Es ist die Wahrheit, mein Herz,“ sagte Leopold plötzlich sehr ernst,„Papa bevorzugt mich, der ihm so viel Sorgen macht und ist oft schroff und ungerecht gegen Dich, welche ihr ganzes Dasein einsetzt, um alles nach seinem Wunsch gehen zu lassen.

„Ich thue nur meine Pflicht, Leopold, und Deine Liebe hilft mir über manches Schwere hinweg. Aber, Du bist heute so ernst; sage mir, ist etwas Schlimmes vorgefallen? Hast Du vielleicht wieder gewettet oder gespielt?“

Er seufzte schwer und schritt, ohne zu antworten, starr vor sich niederblickend weiter.

„Ja,“ sagte er endlich rauh,„ich konnte es nicht lassen— und habe zehntausend Mark verspielt.“

Luise schrie nicht auf, aber sie blieb in stiller Ver­

zweiflung stehen und seufzte tief.