ien doch wieber hinauf. Sie wollten fliehen und konnten nicht. Sie ächzten und stöhnlen. Sie gelobten Besserung und Dortchen und Anneken einen neuen Rock und ein buntes Tuch und Gehorsam und Liebe und Treue bis ans Ende.
Und siehe da: Sie hatten wohl eine Stunde gestanden und gezittert, der Schweiß war wie Schneeschmelze von ihren Leibern in das überraschte Bachbett der Oker geflossen: Da blinzelten sie zum tausendsten Male empor und schrien befreit! Denn da oben über den westlichen Wipfeln glühte nur noch eine Sonne.
Sie waren gerettet! Sie trotteten rüstig heimwärts und erzählten allen Menschen, was ihnen widerfahren war, von dem großen Wunder und von ihrem Gelübde. Und es wunderten sich alle, und wenn auch gerade keiner nach der Sonne gesehen hatte, so zweifelte doch niemand. Sondern sie bestaunten die begnadigten Sünder, machten einen großen Zug, begleiteten Christel und Radchen mit Geschwatze und schwingenden Armen zu Dortchen und Anneken und umstanden das Haus noch lange.
Der Chronist aber schnitt mit Sorgfalt eine neue Gänsefeder, tauchte sie in den schwarzen Saft und schrieb:„Am 12. des Monats August dieses Jahres 1733 wurden zwey Sonnen gesehen an dem Himmell undt sie standen da mehr denn zween Stunden undt ward darumb ein groß verwundern im gantzen Lande."
—18.—
Der unterbrochene Czardas
Skizze von Kurt Miethke.
Es regnet über Budapest.
Dichte Wassermengen platschen herunter, kein Mensch ist auf der Straße, nur Autos fahren manchmal eilig und schwarztriefend vorüber.
Aber doch, dort steht ein Mensch. Vor einem hell erleuchteten Speiselokal, an eine Scheibe hat er sein Ohr gepreßt, seine Kleider triesen vor Nässe.
Es ist ein alter Mann, sein Gesicht ist zusammengefallen, er sieht aus wie eine Mumie. Schmutzig ist der Alte und unrasiert; wenn es nicht so regnete, hätten ihn die Polizisten schon längst weggejagt. Was tut er hier? Will er betteln?
Rein, nur zuhören will er, weiter nichts. Drinnen im Speiselokal spielt nämlich eine Zigeunerkapelle die seltsamen, schluchzenden und singenden ungarischen Weisen, spielt sich den vornehmen Gästen des Lokals ins Ohr, macht ihnen die Austern, den Kaviar, die seurigen Weine noch verlockender.
Der Alte draußen lauscht aufmerksam und
Eirrig, auf jeden Bogenstrich, an manchen en nickt er wie in wehmütiger Erinnerung mit dem Kopfe, und zuweilen summt er sogar mit. Jetzt, während gerade ein neuer Regenschauer klatschend in die Straße sprüht, fangen die drinnen ein neues Konzertstück an.
Das ist er! durchjubelt es den Alten, das ist er, mein Czardas, mein Lied. Man hat mein Werk noch nicht vergessen!
„Schneller, viel schneller, muß das gespielt werden!“ sagt er laut.„Ach, ihr seid ja lahm da drinnen, könnt ja nichts! Feuriger muß das gehen, holla, holla— ach was, ich muß euch das zeigen!“
Der Alte läuft mit ein paar großen Schritten dem Eingang des Lokals zu, sein schäbiger Rock flattert groteok durch den Regen. Er reißt die Tür auf, läuft an dem verdutzten Portier vorbei in den lichtüberfluteten Raum. Aufgeregt steht er da. Aus seinen Lumpen rinnt die schmutzige Brühe des Regenwassers.
Fremd und unwirklich sieht er aus unter diesen gut gekleideten Damen und Herren, die nach feinen Wohlgerüchen duften und von edlen Steinen blitzen.
„Falsch“, kreischt mit brüchiger Stimme der Alte,„salsch macht ihr das, ihr Hundesöhne!" Einige Gäste beginnen zu lachen, andere, die in der Nähe des Eindringlings sitzen, sehen sich hilseflehend nach dem Geschäftsführer um. Die Zigennerkapelle hat ihr Spiel abgebrochen, der Primas starrt den alten Mann ein bißchen erstaunt, ein bißchen hochmütig und ein bißchen fragend an.
Schon kommen aber auch der Geschäftsführer und der Portier, fassen mit sichtlichem Widerwillen den Alten an und wollen ihn hinaus werfen. Da steht ein älterer Herr mit silberweißen Haaren auf, lächelt und sagt, so daß alle es hören können:„Lassen Sie, bitte, dieser Herr ist mein Gast!" Dann wendet er sich an den Kellner:„Ein Gedeck für ihn, und ein Glas.“
Der Geschäftsführer verneigt sich vor dem weißhaarigen Herrn, denn dieser, ein weltberühmter Operettenkomponist, gebört zu keinen besten Kunden.
„Sprechen Sie!“ wendet sich nun der freundliche Herr an den Alten.„Was ist denn so falsch gewesen?“
Ganz starr hat der Alte da gestanden und mit den Augen geblinzelt. Jetzt wacht er auf und sagt:„Was falsch ist, willst du wissen? Alles, mein Sohn, alles. Kein Feuer haben sie in ihrer Musik, die Hundesöhne. Mein Czardas ist es! Ich muß es wissen!"
„Wieso ist es Ihr Czardas?“
Alle Gäste horchen gespannt auf seine Antwort.„Weil ich ihn komponiert habe.“ Ringsherum prusten die Gäste los, aber der Weißhaarige hebt die Hand, zum Schweigen auffordernd.„Aber ist denn Jan Horvath nicht tot?“
Dem Alten tropfen ein paar Tränen aus den rot umränderten Augen:„Tot? Ja, tot ist er in einem gewissen Sinne. Aber sein Körper irrt noch herum und hat Hunger. Sein Körper, das bin ich!“
Der Alte wühlt in seiner Tasche und eine goldene Uhr heraus:„Das ist alles, noch übrig ist. Da hat Franz Joseph selbst noch hinein gravieren lassen: Für Jan Horvath, den großen Künstler, Franz Joseph, Imperator Rex.“
Der Weißhaarige klappt den Uhrdechel auf. liest die Gravierung und nickt.„Kommen Sie zu mir an den Tisch,“ sagt er leise,„Sie müssen mir alles erzählen.“
Der Alte hat nicht hingehört, er geht nach dem Podium. nimmt dem P aus der Hand und sagt:„Hört zu, wie man, den Czardas spielen muß!"
Kein Laut ist zu hören, als er den Bogen hebt. Der weißhaarige Herr steht mit traurigem Gesicht an seinem Tisch und sieht auf das zweite Gedeck, das der Kellner in der Zwischenzeit aufgelegt hat. Er ist traurig, denn er weiß, was kommen wird.
Der Alte hat angefangen zu spielen. Resigniert setzt sich der Weißhaarige hin und lächelt bitter, denn der Alte dort oben auf dem Podium kratzt ganz fürchterlich. Wenn man nach zwanzig Jahren zum ersten Mal wieder eine Geige anfaßt, so kann man nicht spielen. Wenn man brennenden Hunger im Leibe hat, dann zittern die Hände.
Aber das Publikum weiß nichts davon, will nichts davon wissen. Es amüsiert sich königlich. Ueberall wiehert es und kichert es, und einer ruft:„Ein alter Geiger vergißt jeden Tag ein anderes Lied, so heißt ein magyarisches Sprichwort, du aber, alter Kerl, hast alles vergessen.“
Der Alte hört es nicht, er weiß auch nicht, daß er falsch spielt, er weiß nur, daß er wieder einmal eine Geige in der Hand hat. Erst, als sie ihn mit Gewalt vom Podium entsernen, beginnt er zu begreifen.
„Ja, ja,“ nickt er da,„es wird schon so sein. Habe alles verlernt, und war doch einmal Meister. Vor Kaisern habe ich gespielt. Alles ist aus.“
Die Gäste empfinden seine Gegenwart als Sensation, überall wird ihm zugerufen:„Hierher kommen, stoß mal mit uns an, alter Strolch!“
Ein anderer macht eine ironische Verbeugung:„Darf ich den großen Künstler zu einem Glas Tokaier einladen?“
Der Alte beachtet sie nicht, er begreift gar nicht, was eigentlich los ist. In seinem Kopf wirbelt alles wild durcheinander, der Geruch der warmen Speisen hat ihn schwindlig gemacht.— Er grinst und taumelt hinaus in den Regen. Nicht weit ist das Mütterchen, nur zwei Minuten braucht er bis zum Mütterchen Donau zu gehen. Sogar seine goldene Uhr hat er vergessen, was braucht er die jetzt noch?
Achtzig Jahre ist er alt und der Hunger brennt in ihm. Und alles, alles hat er vergessen...
Zwei Tage später las man in der Zeitung: „Von der Donau angetrieben wurde die Leiche eines Greises. Personalien konnten bislang nicht ermittelt werden. Der körperliche Befund legt die Vermutung nahe, daß Selbstmoro aus Nahrungssorgen vorliegt. Die Polizeiverwaltung bittet um zweckdienliche Angaben.“
Das war alles, was die ungarische Presse über den einst gefeierten Komponisten Jan Horvath brachte...
—2.—
Daß der Ouortierwirt seinen Jaulwänst
täglich unter jeden Teller sieben Silbergroschen“ legen mußte, hat manchem schmerzlich tan; wenigstens wenn ihm die„Heffendeibe!". für je einen fehlenden fünfundzwanzig hinten:: aufzählten. 22 1
Wenn sie aber in Ochtrup, Vorghorst, in Emsdetten, oder wo sie eben einfielen, sich an jede Schürze hängten, die nicht rechtzeitig davonlief. fanden sie in Rheine nicht das richtige Vergnüe. gen. Da hatten die Bürger vorgesorgt und das Frauvolk zurechtgeschustert, daß den unliebsamen Gästen Mund und Nase offen blieben! Heut noch erzühlen die Hessen sich, nirgendwo auf weiter Welt gäb' es so sonderbare Schönheiten wie die guten Rheiner Damen dazumal in wüster Zeit.
Wochenlang und wochenlang haben die sich nicht gewaschen, nicht gestriegelt und gestrählt,
sondern ihr Haar verfilzen jassen. Aber das
holt war noch
was sich wie
mindeste. Junge Meikes haben sich wie die Mohren angezogen, mit ein paar nerdumpten Flicken. Und die gradgewachsenen haben wunderlich gehumpelt. Wenn eine besonders klug zu sein vermeinte, hat sie sich recht blöd gestellt, daß die Kriegsknechte bloß noch große Augen machten. Feine Hochmutspuppen aben sich mit Torf geteert und sind bucklig herumgestelzt, oder sie haben sich ausgestopft. Nach Parfüm hat keine geduftet, eher nach dem Swinestall.
die
Hessen gewaschen, aber
ufällig noch schöbiger, als in Da ist ihnen die Luft ver
Eine haben die war von. Natur z1 ihrer Maskerade. gangen.
Die armen Leute haben ihren Spaß gehabt, daß die feinen Frauenzimmer auch einmal in Lumpen gingen. Und die häßlichen Mädchen sagten:„Kiek, ick bin so schön als die.“ Wenn die Männer anfangs meinten, ihre verehrten Wiwkes büßten auf diese Weise welnigstens die Putzsucht ab, hätten keine Kleidersorgen mehr, keinen Grund mehr, sich zu spiegeln und von Schneiderei zu labben, sahen sie sich schwer enttäuscht; mit derselben Eifersucht, wie sie sonst sich niedlich machten, setzten sie nun alles dran, sich recht garstig zu staffieren, und der Spiegel und die liebe Nachbarin mußten jetzt erst vollends raten. Nie ist soviel geschnippelt worden und genähtelt und gefädelt wie derzeit im Städtchen Rheine. Wenn: sich eine recht abscheulich angemalt und verschandelt hatte, lief sie mit dem gleichen Stolz zu Gevatterin und Base, um sich anstaunen zu lassen, wie vordem im schmucken Leibchen.
Es scheint eben, seufzten ihre Eheherren, die das Narrenspiel verdroß, daß die Wiwkes so und so immer gute Gründe finden, sich zu drehen und zu wenden und mal an die Luft zu kommen. Ja, sie fürchteten im Ernst, daß im Schutz und Schmutz ihrer Maskeraden manche einem Hessendeibel aus der Hand fraß, die daheim die Hexe spielte.
Eine aber hat sich nicht schön, nicht häßlich gemacht, hat ihr Haar nicht verfilzen lassen, hat ihr Antlitz nicht vermalt, ist nicht verschlampt und nicht verludert, sondern blieb natürlich, so wie der Herrgott sie geschaffen. Sie hat sich fein sauber gewaschen mit frischem Brunn und die Augen klar gehalten. Sie ging aufrecht und hob den Kopf, weder hoffärtig noch ängstlich. Ihr Mann hat gedacht:„Was bist Du mir lieb!“ und die Kinder haben zu ihr aufgeblickt und sie bestreichelt:„Liebe Mutter!“ Und sie hat keinen Schaden genommen, keiner hat ihr was angetan.
Sondern sie haben sich alle geschämt ihrer um geschlachten Sitten und der ganzen Schmutzerei.
Und genau wie diese eine ist das Frauvolk heute noch. Wenigstens im Städtchen Rheine. Und auch sonstwo, hoff ich doch.
Die eine zu Rheine
Skizze von Richard Euringer.
Als die Hessen in Rheine lagen, machten sie sich gute Tage. Buchweizen rührten sie nicht an, aber von den süßen Eierpfannkuchen konnten sie den Hals nicht vollkriegen. Deshalb sagt man dort heute noch von den Hessen, die Verantwortlich: H. Semmelmann. Aitena so gern Pfannkuchen fr... ühstücken. Druck nud Verlag: Dr. C. Santz, Altena.
Ein Frechdachs.
Der Herr von Bardau ist nicht nur Besitzer prachtvoller Güter, sondern auch ein Autofahrer vor dem Herrn. Bei keiner Zuverlässigkeitsprüfung darf er fehlen, bei keiner Sternfahrt, bei keinem Bergrennen, keinem Schnelligkeitswettbewerb. Ein halbes Dutzend Rekorde hat er inne; die jüngeren Klubkameraden nennen seinen Namen mit Ehrfurcht. Kürzlich hatte er ein paar der Herren zu Besuch auf seinem wunderschönen Jagdschloß E. Er führte sie durch alle Räume, zuletzt auch in die riesige Halle mit Hunderten von Jagdtrophäen, mit Geweihen aller Art. Und einer fragte ehrlich erstannt:„Alle selbst überfahren, Herr von Bardau?"
SAEPArtis ErBmas
Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung
Nr. 21
Samstag, 25. Mai
1020
Zerbrochene Flügel
Ein Fliegerschicksal, der Wirklichkeit nacherzählt von Georg Eschenbach.
Sonne brennt sengend auf die Wüste
Die
nieder, und über dem heißen Sand tanzt die
flimmernde Luft. Ein Flugzeug kauert mit zerbrochenen Flügeln neben einem dürftigen Grasfleck, und in seinem Scharten negen regungslos zwei Männer.
Läut, ohne Hoffnung.
Da tönt.-hauchseines Summen vom Horizont im Süden herüber. Es wächst zum Flügelschlag einer großen Fliege, zum Brummen einer kreisenden Hummel, zum dröhnenden Sang des Propellers, und ein Flieger steht über dem dürf tigen, toten Grasfleck. Die Männer unter dem zerbrochenen Flügel liegen regungslos.
Das Flugzeug kreist in engen Schleifen über den Kameraden. Es kann nicht landen, denn der Wüstensand lauert. Tiefer und tiefer zwingt der Pilot die Maschine, er sieht die beiden Männer liegen; sie rühren sich nicht. Er beißt die Zähne zusammen, dann schreit er zu den beiden Kameraden hinunter und weiß doch, daß der Motor jeden Ruf übertönt. Sein Begleiter sieht seine Furcht und teilt sie. Doch er wirft den Sack mit den Wasserflaschen und den Lebensmitteln über Bord und verfolgt den Weg des tanzenden Fallschirms. Neben dem zerbrochenen Flügel landet der Sack. Die beiden Männer dort unten liegen regungslos.
Der Propeller summt sein Lied wieder stärker, und das Flugzeug mit den zerbrochenen Flügeln bleibt zurück.—
Zwei Tage später trifft die Rettungskolonne mit ihren beiden Raupenwagen ein. Die Männer im Schatten des Flügels liegen regungslos. Sie sind tot.
Neben dem Aelteren finden die Retter, die zu spät kamen, eine Pistole und einen Bleistift. Das Notizbuch fehlt. Da zeigt einer der Männer nach dem zerbrochenen Flugel. Auf der Bespannung stehen Worte, und sie erzählen die Tragödie der Flieger:
„In der Wüste, dreihundert Meilen nördlich von Alice Springs. Gestern, am 10. April, stiegen wir auf, um nach dem verschollenen Flugzeug zu suchen. Sein Pilot war einst mein Freund. Er wurde mein Feind, und doch sind wir noch Kameraden, und einem Kameraden muß ich helfen.
Wir suchen die Wüste zehn Stunden lang ab. Da setzt der Motor aus. Die lecke Benzinleitung zwingt mich zum Landen. Der Sand verschlingt die aufsetzenden Räder, und der Sturz zerbricht mir die Flügel, den Propeller. Da liegen wir in der Wüste, und bis zur nächsten Station sind es dreihundert Meilen. Ach was! Sie werden uns ja suchen. Ich muß mein Notizbuch in Alice Springs gelassen haben. Ich schreibe auf den Flügel. Er hängt ja zur Erde.
gr
12. April. Nun sind wir schon zwei Tage hier und haben noch keinen Helfer gesehen. Wir mußten die Lebensmittel und das Wasser angreifen, die für ihn, den anderen, bestimmt waren. Die erzwungene Ruhe drückt auf uns. Tagsüber liegen wir im Schatten der zerbrochenen Flügel, und nachts stehen wir am Feuer, das wir mit dürrem Gras und unserem Brennstoff nähren, wärmen uns und hoffen, der Schein möge die Retter zu uns führen.—
15. April. Fünf Tage sind vergangen, und noch haben wir kein Motorengeräusch gehört. Hoffen, Warten und Untätigkeit fressen an unseren Nerven. Einen Tag wollen wir noch warten. Kommt keine Hilfe, dann müssen wir Alice Springs zu Fuß erreichen.—
18. April. Verzweifelt, todmüde sind wir gestern zu unserem Flugzeug zurückgekommen. Sechs Meilen haben wir am ersten Tag unseres
Schritt saugte der Sand unseren Fuß in sich
hinein und wir mußten kämpfen, um uns zu hefreien:„Umkehren! Umkehren!" Die Wüste läßt uns nicht frei, und wir müssen bei unserem Flugzeug auf die Retter warten oder... Ach was! Sie werden uns ja suchen!—
21. April. Unsere Lebensmittel gehen zur Neige. Das Wasser haben wir rationiert, einen Becher für jeden Tag. Die Untätigkeit ist grau
Schatten liegen re=senhaft. Robert ertrug sie nicht tänger. Jetzt die Stille ist ohnesarbeitet er an den zerbrochenen Flügeln:„Vielicht können wir sie flicken!“ Ich weiß, daß er lügt und sich nur ablenken will, weil er den Wahnsinn fürchtet. Ich helfe ihm jetzt, und doch sind alle meine Gedanken nur bei unseren Rettern.—
Hurra! Der Retter! Als winziges Pünktchen tauchte er am Horizont auf und nun kreist er über der Wüste. Er muß uns bald finden. Ich fürchte, Robert verliert vor Freude den Ver
14390.—
22. April. Wir haben einen Tag lang betäubt gelegen und kein Wort gesprochen.“ Die Enttäuschung wär zu schwer. Der Flieger hat uns nicht gesehen. Unbegreiflich! Er verschwand im Norden. Er mußte zurück kommen, denn dort drüben liegt keine Station mehr. Wir standen und warteten, bohrten die Augen in den Himmel hinein und glaubien jeden Augenblick das erlösende feine Summen zu hören. Stundenlang. Bis Robert irres Zeug zu reden begann und zusammen brach. Ich hube ihn unter den Flügel in den Schatten gelegt und einen kostbaren Becher Wasser geopfert, um seine glühenden, zersprungenen Livpen zu kühlen. Der Flieger muß verunglückt sein oder er hat einen anderen Rückweg eingeschlagen.
——— Wortlos wenden sich die Männer.
Einer bleibt stehen. Er nimmt die Mütze ab und sieht in das fahle, aufgedunsene Gesicht des Toten, das für ihn nichts Schreckliches hat: „Ich danke Dir für Deinen letzten Dienst, Kamerad!“
Fußzmärsches zurückgelegt. Dann blieben wir vom nachsten Menschen, von ihr. liegen. Wir kannten nicht weiter. Bei jedemendlich Schluß!“—
23. April. Jetzt weiß ich, warum uns der Flieger nicht sah. Ich bin in die Wüste hinaus gelaufen, damit Robert, der zeitweise wacht und mich in lichten Augenblicken beobachtet, nicht sah, wie ich vor Wut und Verzweiflung heulte. Da sah ich, daß unser Flugzeug gelbgrau im gelbgrauen Sand liegt. Der Kamcrad konnte uns nicht entdecken. Keiner wirk uns finden! Doch, sie müssen uns ja suchen!—
24. April. Immer klingt mir Propellersurren in den Ohren. Ich starre in den Himmel. Ueberall tanzen dunkle Punkte. Ist das der beginnende Wahnsinn? Ich schließe die Augen, will schlafen, vergessen. Da brüllt Robert neben mir:„Der Flieger!“ Ich springe auf. Der Himmel ist leer. Roberts Augen starren gläsern. Schaum steht um seinen zerrissenen Mund Er ist tot!
26. April. Ich habe eben den letzten Tropfen Wasser getrunken. Ich habe vorgestern getobt, als ich Roberts tote Augen sah. Allen Menschen habe ich geflucht und ihm, meinem Freund, meinem Feind, meinem Kameraden, den ich retten wollte, am meisten. Er hat mir mein Mädchen gestohlen, und jetzt nimmt er mir noch mein Leben! Ja, mein Leben! Denn ich weiß, daß es für mich keine Rettung mehr gibt.
Doch gerade diese Gewißheit muß mich ruhig gemacht haben. Ich bin völlig gefaßt und weiß, was ich tun muß. Die Pistole ist geladen. Meine Hand zittert nicht.
Ich will doch noch warten.
Ich denke an mein Leben. Mit keinem Menschen war ich verfeindet, bis er mir das Mädchen nahm. Und doch war es sein gutes Recht, denn Mary sagte ihm, daß sie ihn mehr liebte als mich. Ich war verrückt, daß ich in meinem besten Freund einen Feind sah. Er ist auch heute noch mein Kamerad, und ich möchte, daß er es einst erfährt. Einst? Vielleicht lebt er nicht mehr! Doch. Er muß leben, denn sie würde sich um ihn grämen. Für mich wird niemand eine Träne haben. Dummes Zeug!
das Leben war doch schön. Verfluchter Gedanke, hier zu verfaulen, dreihundert Meilen rächstan Manschon von ihr Unsinn! Run
Die Blinden
Skizze von Heinz Liepmann.
Ich lernte vor einiger Zeit einen Herrn kennen, der im Krieg verschüttet wurde und durch die Reaktion seiner Nerven ervlindete; es war dies einer jener Fälle, in denen kein organiicher Fehler das Nichtfunktionieren der Nerven verursachte, sondern es lag an der unkontrollierbaren, senilen Apparatur des Gehirns, die für den Mann alles, die Welt und den Tag, verlöschen ließ; das war zuerst sehr schlimm für ihn. In irgend einem Blindenheim, knapp in der Heimat, traf er eine gleichfalls erblindete Frau, und ihr plötzlicher Stimmklang rührte ihn nach der langen. dumpfen Vereinsamung seines Schmerzes und seiner Nacht fast bis zu Tränen,— es entspann sich eine seltsame Liebesgeschichte zwischen den beiden, eine sehr zarte Bindung, gefestigt durch den Klang der Stimme, scheues Streifen de Hände, den Duft des anderen.
Der Zustand der unendlichen Leere und Hoffnungslosigkeit, der Verbitterung, wich langsam. Einer begann dem anderen zu glauben, sonst niemand, denn die anderen hatten das Licht voraus,— man fand sich als gemeinsam Verlassene, reichte sich zögerno, suchend die Hände,— also, die Geschichte endete mit einer Verlobung, einer Heirat.
Als der Krieg zu Ende gegangen. zogen die beiden sich aufs Land zurück; mein Bekannter war vermögend; zwei Mägde bedienten das Anwesen. Man lebte still, es wurde Frühjahr, ein warmer Sommer kam, man fühlte die Sonne, spürte den Geruch der Aecker, man sprach nichts oder wenige Worte, es war noch immer eine verlegene Liebe zwischen den Gatten, sie schämten sich vor einander, daß sie nach einander tasten mußten, um sich zu finden. Spät im Sommer erst, nach einem Gespräch zwischen Duft und Wärme und weitfernen Lauten, begab sich der Mann eines Abends zu seiner Frau und traf sie auf der Schwelle der beiden Zimmer, hier hatte sie viele Nächte auf ihn gewartet; Frauen vergessen schneller ihre Hilflosigkeit, Männer schämen sich ihrer.
Es wurde Herbst, Winter, es stürmte vom Wald her über die Seen, bis an das Haus: die eine Magd lag krank, aber die beiden Gatten liefen durch den Schneesturm, ihm entgegen, hielten sich an den Händen und hatten alles vergessen: Welt, Stadt, Menschen,— beide waren glücklich. Der Mann sagte einwunderbar, nicht wahr, daß ich blind bin und daß du es auch bist. Es ist mir, als ob ich mein ganzes Leben danach Sehnsucht gehabt hätte, blind zu sein. Nun erst habe ich alles vergessen, was mich unzufrieden und schweren Herzens machte, nur mich sehe ich und dich. Nichts bedrängt mich, nichts iockt mich.“
Sie weinten beide vor Glück. Das Zimmer war heiß, der Duft der verbrannten Tannennadeln lag in der Luft.
In der nächsten Woche wurde es durch einen Erbschaftsprozeß nötig, daß der Mann in die Hauptstadt fuhr; es war selbstverständlich, daß die beiden Gatten diese unangenehme Pflicht gemeinsam erledigen wollten, aber zufällig erkrankte die Frau, und ihr Mann mußte allein reisen. In der Hauptstadt verzögerte sich der Prozeß einige Tage, die er im Haus seiner Verwandten verlebte.
In einer größeren Abendgesellschaft lernte er einen berühmten Augenarzt hennen, der