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Nr. 148.

Mittwoch, 6. Juni 1894(Norbert).

28. Jahrg.

7 Auch Italien

hat nun zum Ueberflusse noch eine Ministerkrisis. Dieses Regierungsfieber scheint ansteckend zu sein.

Das Crispische Kabinett ist durch einen„Pyrrhussieg" in der Kammer ins Wanken gekommen. Der schlaue Crispi hatte aus den zahllosen Reden über die Finanzreform sei­nes Kollegen Sonnino richtig erkannt, daß eine sofortige Abstimmung für die Regierung äußerst gefährlich sein würde. Er machte also den überraschenden Schachzug, zu­nächst die Einsetzung einer Kommission zu beantragen, die sich der Vereinfachung des Verwaltungsapparates und der Aufspürung von Spargelegenheiten widmen sollte. Er hoffte, für diesen Antrag auch manche Abgeordneten zu gewinnen, die sich zur Zustimmung zu dem Finanzplane noch nicht hatten entschließen können; in der Zwischenzeit hätten sich die schwankenden Elemente noch weiter bear­beiten lassen, und auch die Sisyphus=Arbeit in der Kom­mission würde voraussichtlich dazu beigetragen haben, die Notwendigkeit der neuen Steuern dringender hervortreten u lassen. Daß die Kommission ihre eigentliche Aufgabe ösen könne, hatte Crispi gewiß nicht im Auge. Er hatte ja selbst ein Vollmachtsgesetz eingebracht, das der Regie­rung die Abschaffung der überflüssigen Beamtenstellen ec. übertragen sollte, weil das Parlament überhaupt nicht fähig erschien, den heillos verzwickten Knoten der Kirch­turms- und persönlicher Interessen zu durchhauen.

Crispi's Schachzug hatte nun insofern Erfolg, als die Kammer wirklich den Antrag auf Einsetzung der unfrucht­bären Verschleppungskommission annahm. Aber es ergab sich eine so schwache Mehrheit(225 gegen 114 Stim­men), daß der Sieg den Charakter einer Niederlage an­nahm. Es zeigte sich, daß das Ministerium von der Laune eines halben Dutzend Deputierten abhing, und man sagte mit Recht, daß für die Finanzreform selbst gewiß keine Mehrheit vorhanden sei, wenn sich dieser Zwischenantrag ur Geschäftsordnung nur mit so knapper Not durchdrücken ieße.

Als die Minister auf dn„Lorbeeren" dieser Abstim­mung sich zur Beratschlagung niederließen, kam alsbald die richtige Ansicht zum Durchbruch, daß es so nicht weiter gehe. Entweder Kammerauflösung oder Ministerkrisis. Crispi soll, wie die„Nat.=Ztg." sich telegraphieren läßt, den Plan einer Kammerauflösung energisch bekämpft haben, was sich wohl begreifen läßt. In bezug auf die Minister­krisis sollen einige für eine partielle, andere für eine all­gemeine Demission sich ausgesprochen haben; zwei römische Blätter wollen wissen, sämtliche Minister hätten Crispi ihre Portefeuilles zur Verfügung gestellt und ihm ihr voll­stes Vertrauen bekundet. Ist letztere Nachricht richtig, so spielt Crispi die Rolle eines Vizekönigs. Man nimmt auch allgemein an, daß Crispi mit der Neubildung des Mini­steriums beauftragt werden soll.

In dieser Hinsicht gereicht ihm sein Schachzug wieder zum Vorteil. Wäre die Regierung bei der sachlichen Ent­scheidung über den Finanzplan in der Minderheit geblie­ben, so hätte Crispi nur für den Fall der Auflösung des Parlaments Ministerpräsident bleiben können. Der jetzige Pyrrhussieg ermöglicht ihm, unter Aufopferung des einen oder andern Kollegen auch weiterhin mit dieser Kam­mer sein Heil zu versuchen. Wenn Crispi nur einen neuen Finanzminister finden kann, der ihm die Durchdrückung der Steuern zu erleichtern scheint, wird Sonnino jedenfalls da­ran glauben müssen.

Also voraussichtlich bleibt es bei dem alten Rock mit einem neuen Flicken. Aehnlich wie in Ungarn, wo die sog. Krisis auf die Rückkehr Wekerles mit zwei gleichgesinnten, aber etwas höflicheren Ersatzmännern für Szilagyi und Csaky hinauszulaufen scheint. Der Unterschied ist freilich der, daß in Ungarn eine festgeschlossene, rücksichtslose Par­

lamentsmehrheit der Krone das Ministerium ihrer Wahl aufzwingt, während in Italien das Parlament so zerfahren und an brauchbaren Staatsmännern so arm ist, daß der König gar keinen Nachfolger, der sich sehen lassen kann, für Crispi aufzufinden vermag. In der Clique der Blin­den hat der Einäugige die Herrschaft.

Der Schachzug Crispis und die Charakterlosigkeit der Kammer führen zu einer weiteren Verschleppung der drin­gend notwendigen Finanz= und Verwaltungsreform. Von den Reformmaßregeln, die zur Abstellung der schrecklichen kommunalen, wirtschaftlichen und socialen Mißstände in Sicilien und manchen andern Landesteilen erforderlich sind, ist inzwischen alles still geworden. Man begnügt sich da­mit, über die angeblichen Anstifter der Revolutionen dra­konische Strafen zu verhängen; die Ursachen der Ver­zweiflung des Volks bestehen ruhig fort.

Die neueren Vorfälle bestätigen nur die alte, traurige Ueberzeugung, daß im Staate Italien nicht bloß viel, son­dern alles faul und die herrschende Clique durchaus un­fähig ist. Es ist an keine Heilung des kranken Staats­körpers zu denken, so lange nicht aus den christlich-konser­vativen Kräften des Landes ihm neues, gesundes Blut zugeführt wird, und das kann erst geschehen, wenn der Staat sich mit der Kirche versöhnt. Darin muß der An­fang aller wirklichen Reform bestehen.

Deutsches

= Berlin, 5. Juni. Der Reichskanzler Graf Ca­privi wird der„Post" zufolge seinen Urlaub erst im späteren Verlauf des Sommers antreten und vielleicht auch in diesem Jahre auf einige Wochen nach Karlsbad ge­hen. Seine Gesundheit ist so gut) daß er auf einen Kur­gebrauch verzichten könnte, doch ist ihm solcher in den letz­ten Jahren sehr heilsam gewesen.— Der Adjutant des General=Reichskanzlers, Major Ebmeyer, ist in den Adelstand erhoben worden.

* Furst Bismarck hat den Empfang von Deputationen aus Posen, Westpreußen, Westfalen usw. abgelehnt, weil der von seiner letzten Krankheit herrührende Schwäche­zustand nicht gehoben sei. Der Fürst soll auch wieder an neuralgischen Schmerzen leiden.

* Geh. Rat Pindter, der Chefredakteur der„Nordd. Allg. Ztg.", wird, wie die„Post" zuverlässig erfahren haben will, in allernächster Zeit von der Redaktion der „Norddeutschen" zurücktreten. Wahrscheinlich wird er sich ganz zur Ruhe setzen, denn„seine Mittel erlauben ihm das". Sein Gehalt als Leiter des Blattes und der Buch­druckerei soll sich jährlich über 30000 M. belaufen haben. Die politische Leitung der„Nordd. Allg. Ztg." wird Dr. M. Griesmann übernehmen, früher Redakteur der„Kon­servativen Korrespondenz" und als solcher ein Helldorffia­ner und Kartellmensch, die Direktion der Buchdruckerei soll Herr O. v. Ehrenberg erhalten.

* Die Wanderausstellung der Deutschen Land­wirtschaftsgesellschaft wird morgen im Treptower Park bei Berlin durch den Prinzen Heinrich eröffnet wer­den. Dieselbe soll bis zum 11. Juni dauern und wird an Größe alle bisherigen Veranstaltungen der Gesellschaft über­treffen.— Die Berliner Herbstmesse soll nach den gestern gefaßten Beschlüssen der„1893er Vereinigung" in den Tagen vom 20. bis 30. August abgehalten werden. Der Messepalast ist immer noch nicht da; man beschäftigt sich aber jetzt wieder mit der Platzfrage.

Der frühere Kultusminister Graf von Zedlitz­Trütschler bildet jetzt in der liberalen Presse den Gegenstand lebhafter Erörterungen. So hat neuerdings auch die„Magdeb. Ztg." sich mit ihm beschäftigt und an­erkannt, daß er ein tüchtiger Verwaltungsbeamter sei, aber — Graf Zedlitz sei zu sehr„Kreuzzeitungsmann". Dem konservativen„Reichsboten" kommt diese liberale Aufmerk­samkeit etwas verdächtig vor, er meint, daß die Furcht dabei eine große Rolle spiele und bemerkt dann:„Wir haben übrigens guten Grund zu der Annahme, daß der

liberale„ansturm gegen den Grafen Zedlitz zu spät kommt und daß er eine Klärung der Mißver­ständnisse, welche etwa vom Fall des Schulgesetzes an maßgebender Stelle zurückgeblieben sein soll­ten, nicht mehr zu verzögern oder gar zu verhindern ver­mag. Es ist aber für die liberale Agitation bezeichnend, daß sie selbst in solche zarte Vorgänge wie in die Wieder­verständigung eines Herrschers mit einem allseitig als charaktervoll und bedeutend anerkannten Staatsdiener mit solchen öffentlichen Pressionen einzugreifen versucht und nicht einmal derartige diskrete und persönliche Dinge den dabei Beteiligten vor allem der freien Initiative der Krone überläßt. Woher hat übrigens das liberale Blatt solche in­timen„zufälligen" Kenntnisse, wie daß Graf Zedlitz von sei­nem Posten zurücktrat, obgleich wie uns zufällig bekannt ist, der Ministerrat mit allen gegen eine Stimme sich dahin aussprach, daß eine Veranlassung zu diesem Rücktritt nicht vorliege?— Ob nicht diese eine Stimme diejenige des Finanzministers Miquel gewesen sein mag? Hatte er doch selbst sein Entlassungsgesuch eingereicht, und nur der Sturz des Grafen Zedlitz und das gleichzeitige Fallenlassen des Volksschulgesetzes ermöglichten Herrn Miquel das Verblei­ben im Amte. Im Uebrigen bestätigen die Ausführungen des„Reichsboten" daß der Wiedereintritt des Grafen Zedlitz in den Staatsdienst thatsächlich in Erwägung ge­zogen wird.

* Der polizeilichen Auflösung verfiel am Montag eine Volksversammlung in Rixdorf, die sich mit dem Bier­boykott beschäftigte. Es sollte die Sperre über einen Saalbesitzer verhängt werden, der nicht nur geboykottetes Bier verzapft, sondern auch die übrigen Rixdorfer Gast­wirte aufgefordert haben soll, ihre Säle zu den Arbeiter­versammlungen zu verweigern. In der Debatte wurden viele Wirte namhaft gemacht, die sich„den Beschlüssen der Arbeiterschaft nicht gefügt" haben. Kurz vor der Abstim­mung kam es zu einem unbedeutenden Tumult, infolge dessen die Versammlung aufgelöst wurde. Ueber die Lage des Boykotts ist schwer Klarheit zu bekommen. Beide Teile prahlen stets mit ihrem baldigen Siege. Wenn Ner­vosität und Hast verdächtig sind, so steht die Sache der Arbeiter am schwächsten. Sie machen sehr viel Lärm, müssen zu den unerhörtesten Tyrannisierungen und Frechheiten gegenüber den Wirten ec. greifen und eine aus­gedehnte Kontrolle üben, damit die Beschlüsse der„Arbei­terschaft"„respektiert" werden, und klagen doch immer, daß der Boykott von Wirten und Arbeitern nicht beachtet werde. Die„Brauereiprotzen" benehmen sich bedeutend ruhiger. Jedenfalls haben sie auch sehr scharfe Waffen. Gestern sollen sie beschlossen haben, unter keinen Umständen nachzugeben und den Streikenden das Ultimatum zu stellen daß, wenn bis zum 15. d. Mts. der Boykott nicht aufge­hoben sei, weitere 25 Prozent der Arbeiter entlassen wer­den sollen. So werden die Folgen des frivolen Boykotts wieder auf die Arbeiter fallen. Die Schreier und die Herren von der„Kommission", die alles anordnet, werden natürlich den Betrogenen einzureden suchen, die Drohung sei ein Zeichen des baldigen Sieges, da die„Brauerei­protzen" ihre Produktion infolge der Wirkung des Boykotts einschränken müßten.

* Eine Polemik über das Verhältnis der Adligen und Bürgerlichen in Ansehung der Besetzung höherer Verwaltungsstellen hat der„Köln. Ztg." Veranlassung gegeben, das neueste Staatshandbuch zu Rate zu ziehen. Sie stellt daraus folgendes fest: Von 10 Ministern sind 5, von den Unterstaatssekretären 6, von den 20 Ministerial­direktoren 19, von den vortragenden 183 Räten aller Mini­sterien, einschließlich des Staatsministeriums und des Aus­wärtigen Amts, nicht weniger denn 148 bürgerlicher Her­kunft. Von den 12 Oberpräsidenten stammen die Hälfte, von den 12 Oberpräsidialräten 5, von den 35 Regierungspräsi­denten 16, von den 59 Oberregierungsräten 18, von den 575 Regierungsräten 506 aus dem Bürgerstande. Unter den Landratsämtern ist nahezu die Hälfte(227) mit Bürgerlichen besetzt, denen 249 Adlige, alle die eingeschlossen, die in den letzten Jahren geadelt wurden, gegenüberstehen. Dieses Ver­hältnis ist um so auffälliger, weil zu Landräten, wo irgend

thunlich, vorzugsweise gern im Kreise selbst Angesessene ge­nommen werden, und weil doch in vielen Provinzen, na­mentlich in der Mark, Pommern, Schlesien, die Zahl adligen Gutsbesitzer überwiegt. Bei den 10 von 34 Regie­rungen ist überhaupt kein einziger adliger Ober=Regierungs­rat und bei 8 Regierungen kein einziger adliger Regierungs­rat vorhanden.

* Zur Durchführung der am 1. April 1895 eintretenden Neuordnung der Staatseisenbahnverwaltung sollen, wie der „Reichsanzeiger" mitteilt, neue Königl. Eisenbahndirek­tionen errichtet werden in Königsberg i. Pr., Danzig, Stettin, Posen, Kattowitz, Halle, Kassel, Münster, Essen, Saarbrücken. Hiernach wird vom 1. April 1895 die Be­triebsverwaltung der Staatseisenbahnen unter unmittel­barer Leitung des Arbeitsministers von 20 Di­rektoren geführt.

* Wegen der bekannten Reichsgerichtsentschei­duna über die auf einer Jahrhunderte alten„Ordnung" beruhende Kirchenbaupflicht der Stadt Berlin hatte die Berliner Gemeindebehörde beim Kultusminister und Finanzminister beantragt, die Aufhebung der Konsistorial­Ordnung von 1573 auf dem Wege der Gesetzgebung herbei­führen zu wollen. Etwa 60 kurbrandenburgische Städte hatten sich dem Antrage angeschlossen. Die Minister haben jetzt geantwortet, daß sie mit dem Oberkirchenrat Unterhand­lungen über die Sache angeknüpft haben. Wie von anderer Seite gemeldet wird, verlangt man von der Stadt Berlin nicht weniger als 20 Millionen Mark für prote­stantische Kirchen= 2c. Bauten.

Ausland.

Die ungarische Kabinettskrisis ist noch nicht gelöst. Nach­dem Graf Khuen seinen Auftrag in die Hände des Kaisers zurückgegeben, empfing derselbe gestern Nachmittag Koloman Tisza, woraus hervorgeht, daß der Kaiser nicht beabsich­tigt, ohne weitere Versuche auf Dr. Wekerle wieder zu­rückzugreifen.

* Leo XIII. und der Zar. Die polnische Ausgabe der

Petersburger Zeitung, der Kraj, veröffentlicht den vollstän digen Text der Encyklika des hl. Vaters an die Polen. Die russische Regierung soll außerdem, wie versichert wird, dieses Schriftstück sämtlichen katholischen Bischöfen Rußlands zugestellt haben. Ein solch unerwartetes Ereignis würde die Bestätigung dessen sein, was in jüngster Zeit über die ehrfurchtsvolle Gesinnung des Zaren gegenüber der Per­son Leos XIII. gesagt wurde. Alexander III ist eine schweig same Natur, und da er niemals fragt, so wagt es Niemand, ihm die Dinge zu berichten, von denen man weiß, daß sie ihm unangenehm sind. So soll die Niedermetzelung der Katholiken in der Kirche von Kroze ihm bis zu dem Augen blicke vollständig unbekannt gewesen sein, wo ihm der Papst einen eigenhändigen Brief anläßlich dieses blutigen Ereig­nisses schrieb. Einen ebenso tiefen Eindruck wie die Dar­stellung dieser Vorgänge sollen auf den Zaren die maß vollen, besäuftigenden Worte der Encyklika an die Polen gemacht haben. Sollte diese gewaltige Stimme, die bis zu den Grenzen der Erde dringt, auch auf moskowitischen Fa­natismus einen besänftigenden Einfluß hervorgebracht haben? Sollte es ihr gelungen sein, ein klein wenig Gewissensfrei­heit zu erlangen für die unglücklichen Katholiken in Polen?

* Auch Italien bereitet uns von Zeit zu Zeit eine Ue­berraschung. Gestern meldete der Teleg aph aus Rom, daß Crispi mit seinem gesamten Kabinett dem König seine Entlassung eingereicht habe. Crispi begann am Samstag den Bogen straffer zu spannen, bis er zerbrach. An diesem Tage war eine der merkwürdigsten Kammersitzungen, die seit Crispis Regie­rungsantritt erlebt worden, und zeitweise war die Stim­mung so erregt, daß man sich schon darauf gefaßt machte, das Aufeinanderplatzen der Leidenschaften plötzlich mit ei­ner Krisis endigen zu sehen. Den Anlaß zu dem Sturm gab folgender Antrag, den Crispi im Namen der Regie­rung ganz unerwartet während der Fortsetzung der Finanz­beratung einbrachte:

Die Kammer, in der Absicht, vorläufig festzusetzen, wie hoch sich die Verbesserungen belaufen können, die aus Herab­setzung der Ausgaben zu erreichen sind, giebt einer von den ständigen Ausschüssen zu ernennenden Achtzehner=Kommission

8 Die Tochter des Sozialisten.

54 Detektivroman von L. Lynch.

Wie sehr sich auch Madeline freute, Moina wieder zu begrüßen, so fand sie doch in ihrem Wesen eine große Ver­änderung, man sah ihr an, sie hatte viel gelitten und war durch die Trübsal gereift und gestählt worden. So offen wie früher konnten die Freundinnen freilich nicht mitein­ander verkehren, aber doch war das Wiedersehen von bei­den Seiten ein herzliches. Moina sprach von ihren Er­lebnissen, erwähnte auch den russischen Gast, der jetzt bei ihnen im Hause wohnte; als die Rede auf ihres Vaters Krankheit kam, zeigte ihr Madeline die größte Teilnahme und äußerte den Wunsch, Herrn La Croix einen Augen­blick zu sehen. Moina ließ ihren Papa zu sich herüber­bitten; er kam, konnte aber nur wenige Minuten bleiben, weil er, wie wir wissen, Besuch im Atelier hatte; doch fand Madeline Gelegenheit, sich zu überzeugen, welche völlige Umwandlung mit ihm vorgegangen war und fühlte sich auf das schmerzlichste davon berührt.

Als Madeline Lebewohl gesagt hatte und die Treppe hinunterging, öffnete sich unten eine Thür und sie hörte eine wohlklingende Männerstimme sich von den Gästen ver­abschieden. Einen Augenblick stand Madeline lauschend und verwundert still, dann eilte sie hinab und schritt grü­ßend an La Croix und seinen Besuchern vorüber, welche eben aus dem Atelier traten.„Ich habe eine Entdeckung gemacht," murmelte sie, als sie im Wagen saß und sich in die Kissen zurücklehnte.

Zu Hause angekommen, verfaßte sie sofort den Bericht, um welchen Drexel sie gebeten hatte.

„Moina La Croix," schrieb sie,„sieht unruhig und sor­genvoll aus, aber die traurige Veränderung, die mit ihrem Vater vorgegangen ist, bietet dafür eine genügende Erklä­rung. Er ist geistig und körperlich wie gebrochen, ein völ­lig verwandelter Mann. Der freundliche, höfliche, geist­volle alte Herr, den wir an Bord des Dampfers trafen, ist nicht wieder zu erkennen; der beste Teil seines Wesens scheint zerstört oder abgestorben zu sein."

Bevor Madeline weiter berichtete, ließ sie die Feder ruhen und lächelte vor sich hin.„Ich muß mich wohl stellen, als sei ich blind und taub gewesen," sagte sie und fügte ihrem Briefe noch folgende Worte hinzu:„Die La Croixs haben einen Gast, der bei ihnen im Hause wohnt,

die Fürstin hat ihn heute dort aufgesucht, er soll ein Russe sein."

Gegen Abend desselben Tages verließ eine Dame in ein­facher, dunkler Kleidung, tief verschleiert, das Hotel Oriental und eilte die Straße hinunter. Nachdem sie eine Strecke weit gegangen war, erschien plötzlich ein kleiner Mann an ihrer Seite, der sie schweigend durch die dichte Menge ge­leitete. Jetzt hatten sie eine weniger belebte Straße er­reicht und gingen langsamer weiter.

„Nun, Disset, wie steht es?" fragte Sascha Orloff, denn sie war es.

„Ich habe viel zu berichten," erwiderte jener leise und ehrerbietig.„Sharlaw hat mir geschrieben. Ihm macht die Sache viele Bedenken. Daß jener Lugos hier eine so hohe Stellung erhalten hat, überrascht ihn sehr. Er hat dazu keinen Befehl erteilt und wird weitere Ermittelun­gen anstellen lassen. Wenn der Mann gefährlich ist und Ihre Angaben sich als richtig erweisen, so giebt es nur ein Mittel. Und das soll in Ihre Hand gelegt werden."

„In meine Hand?"

„Ja, von Ihnen der Befehl, durch mich die Ausfüh­rung! Für alle Fälle sendet er Ihnen den Talisman— hier ist er."

Aus seiner inneren Brusttasche zog Sharlaws Vertrau­ter ein kleines Päckchen hervor und reichte es Sascha, welche zusammenschauderte, als sie es zagend in Empfang nahm.

„Schon?" sagte sie.

„Es giebt kein anderes Mittel. Ohne dieses ist er mäch­tiger als Sie; so aber—“

„Kann ich den Kampf aufnehmen? Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?"

„Ihre Anwesenheit hier macht jenen Menschen viel Kopf­zerbrechen—“

„Das weiß ich."

„Sie haben sich sogar schon nach Europa gewendet und um Auskunft gebeten, unter dem Vorwand, daß sie fürch­ten, Sie ständen im Dienst der russischen Geheimpolizei."

„Was würden sie erst glauben, wenn sie wüßten, daß Sie hier sind, Disset?"

„Zum Glück haben sie keine Ahnung davon und wähnen, ich säße ruhig am Schreibpult in der Themsestraße.“

Sie gingen eine Weile schweigend weiter.„Ist das

alles, was Sie von drüben gehört haben, Disset?" fragte sie dann.

„Nein, noch etwas. Man hat mit Verwunderung er­fahren, daß Crashaw, der als Führer der Gruppe hierher gesandt wurde, diese Stellung an La Croix abgetreten hat, der nur als zweiter auf dem Register steht. Man vermutet einen tiefen Plan dahinter. Es sind Dinge zu Tage ge­kommen, von denen wir seiner Zeit Nachricht erhalten wer­den. Crashaw hat die Gelder unter sich, die hier für den Bund gesammelt wexden wie Sie wissen; man macht Nach­forschungen in dieser Richtung—“

Die Mitteilung schien die Fürstin wenig zu interessieren.

„Sagen Sie, Disset," unterbrach sie ihn plötzlich,„ken­nen Sie einen früheren Offizier, der Fernand Makofski heißt und bald nach dem Tode des Zaren in die Verban­bung geschickt wurde?"

„Dem Namen nach, ja."

„Er soll entkommen sein und sich in La Croix's Hause verbergen. Ich muß ihn sehen und wollte Sie bitten mir als Bote zu dienen. Geben Sie diesen Brief dort ab; die Antwort können Sie mir ohne Gefahr zustellen lassen auf welche Weise Sie wollen."

„Sie haben nur zu befehlen."

„Besten Dank; jetzt müssen wir uns trennen; ich bin hier ganz nahe an meinem Hotel. Wo treffen wir uns das nächste Mal?"

„Am besten bei Tage. Auf diese Karte habe ich den Ort geschrieben. Wir werden ganz sicher sein."

„Daß wir uns zu bestimmten Zeiten und niemals am selben Platz treffen wollten, war ein guter Gedanke."

„Wir dürfen keine Vorsicht außer Acht lassen."

„Nun leben Sie wohl." Sie sagte es zögernd, als hätte sie noch etwas auf dem Herzen; dann trat sie dicht zu ihm heran.„Ich habe einen leisen Hoffnungsschimmer, Disset," flüsterte sie,„bald werde ich vielleicht Nachricht erhalten."

„Das gebe Gott," erwiderte er und faßte teilnehmend die Hand, welche sie ihm reichte. Im nächsten Augen­blick sah er sie mit dem Strom der Vorübergehenden da­voneilen.

„Ein kühnes, entschlossenes Weib," murmelte er, wäh­rend er seines Weges ging;„aber, wie wird es alles enden? Ja, wer das wüßte!“

31. Kapitel.

Sie entdeckt ihr Herz.

Hauptmann Fernand saß gerade bei Miles La Croix im Studierzimmer, als ihm Saschas Brief gebracht wurde. Er las ihn ohne eine Miene zu verziehen und bat um Erlaubnis ihn gleich am Schreibtisch seines Wirtes beant­worten zu dürfen. Dies war schnell geschehen, denn das Billet, welches er Margot für den Boten einhändigte, enthielt weder Datum, Adresse noch Unterschrift, sondern nur das einzige Wort:„ja!" in großen lateinischen Buch­staben.

Schweigend schob Makofski darauf den Brief der Für­stin seinem Wirte hin. La Croix nahm ihn zur Hand und las:

„Die Fürstin Orloff kann sich an der neulichen Zu­sammenkunft mit Hauptmann Makofski durchaus nicht genügen lassen. Es ist ein zu seltenes Vergnügen, in Amerika einem Landsmann zu begegnen, der nicht nur ihre Vaterstadt, sondern auch Leute aus ihrer Be­kanntschaft kennt. Sie wünscht noch viel von ihm zu erfahren, da er ohne Zweifel manches Interessante mitzuteilen hat. Deshalb bittet sie ihn, sie sobald als möglich zu besuchen und er darf es ihr nicht verwei­gern. In ihrer Heimat würde sie nur zu befehlen haben, sie nimmt daher an, sie sei in Rußland und befiehlt, daß Hauptmann Makofski sich am morgen­den Abend um acht Uhr in ihrem Empfangssalon ein­zufinden hat. Der Bote wird die Antwort zurück­bringen, sie braucht nur ein Wort zu enthaltes„ja", oder„nein"."

La Croixs Stirn umwölkte sich.„Was werden Sie thun?" fragte er, den Brief auf den Tisch legend.

„Ich werde dem Befehl gehorchen."

„Aber, soviel ich weiß, ist dies die Frau, welche Sie für Ihre Feindin halten."

„Ja, ich habe allen Grund sie zu fürchten."

„Und doch wollen Sie zu ihr gehen?"

„Ich halte es für das Klügste und Sicherste. Der Brief hat noch eine versteckte Bedeutung; es wäre gefährlich, wollte ich mich widersetzen. Und doch war meine Zusage übereilt, denn, hat mein Besuch schlimme Folgen, so könn­ten auch für Sie leicht Belästigungen entstehen. Ich hätte es erst mit Ihnen bereden sollen.„ Er war aufgestanden und schritt erregt im Zimmer hin und her.

„Gehen Sie nicht," sagte La Croix mit Bestimmtheit.