Scheele Hin„

32. Jahrgang.

Königswinter,

Erscheint Mittwoch und Samstag.

Preis vierteljährlich 1 Mk. 25 Pfg. Durch die Post bezogen vierteljährlich 1 Mk. 25 Pfg.

Anzeigen:

die 6spaltige Garmond=Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Petosten Drack aund fiortag

Samstag den 3. September 1898.

N 71

Agentur:

Niederdollendorf, Wittwe Weber.

Expedition:

Königswinter, Hauptstraße Nr. 69.

ie et ce.

Deutschland.

Berlin, 1. September.

Der Kaiser und die Kaiserin werden um die Mitte des November mit einem Gefolge von 85 Personen auf der Dacht„Hohenzollern“ in Alexandrien eintreffen, wohin der Khedive mit seinem Bruder, dem Prinzen Mohammed Ali, dem Kaiserpaar entgegen reisen wird. Nach kurzem Aufent­halt in Alexandrien wird die Reise nach Kairo fortgesetzt. Für die Dauer dieses ersten Aufenthaltes in Kairo sind vier Tage vorgesehen. Am Abend des zweiten Tages wird der Khedive seinen Gästen ein Festmahl zu 120 Gedecken geben, an dem die Prinzen der viceköniglichen Familie, die Spitzen des kaiserlichen Gefolges, die Staatsminister und das diplo­matische Corvs theilnehmen sollen. Ferner sind Ausflüge nach den Pyramiden von Gizeh, der Stufenpyramide von Saygarah und nach dem großen Nilstauwerk unweit Qua­liub geplant. Alsdann soll eine etwa zwölftägige Yachtfahrt bis zum ersten Nilfalle folgen, wobei der Khedive seine Gäste begleiten wird. Nach der Rückkehr aus Oberägypten würden der Kaiser und die Kaiserin noch einige Tage in Kairo verweilen, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt kennen zu lernen.

— Der russische Abrüstungsvorschlag beschäftigt seit Mon­tag die gesammte Presse. Namentlich conservative Blätter äußern sich überaus skeptisch, wenn auch selbstverständlich den Absichten voller Beifall bezeugt wird. Die„Hamb. Nachr." glauben auf Grund von Gesprächen, die der Vertreter des Blattes in den letzten Jahren mit dem Fürsten Bismarck über die Abrüstungsfrage geführt hat, daß Bismarck, wenn er den russischen Vorschlag noch erlebt hätte, etwa in fol­gender Weise zu ihm Stellung genommen hätte:

Zweifellos hätte er der menschen= und völkerfreundlichen Absicht, die den Kaiser Nikolaus bei seinem Vorgehen ge­leitet hat, seine ehrfurchtsvolle Anerkennung nicht versagt. Ebenso sicher aber sind wir auch, daß er an die Möglichkeit, auf dem vorgeschlagenen Wege zu einem Ergebniß zu ge­langen, das die Urheber der Idee befriedigt, gleichzeitig aber auch den Lebensinteressen einzelner Staaten genügende Sicherheit gewährt hätte, nicht geglaubt haben, und am aller­wenigsten der Meinung gewesen sein würde, daß die Lage, in der sich Deutschland befinde, gestatte, auf das bisherige Maß von Rüstungen zu verzichten.

— Die französischen Zeitungen erklären fast alle, Frank­reich müsse im Grundsatz der Conferenz zustimmen, viele meinen jedoch, der Abrüstung müsse die Umgestaltung der Karte Europas vorangehen. Der„Matin" bemerkt, diese Umgestaltung sei eine Uropie, folglich sei es auch die Ab­rüstung. Der„Gaulois“ sagt, zwei„Fragen“ müßten vor­her geregelt werden, die elsässische und die ägyptische.

— Es kann als sicher gelten, daß das neue preußische Abgeordnetenhaus sich bereits in seiner ersten Session mit einer Revision des Gemeindewahlgesetzes zu beschäftigen haben wird. Die Regierung ihrerseits hat stets betont, daß

Dämonen des Hasses.

Eine Geschichte von der hannoversch=holländischen Grenze.

Von Th. Schmidt.

(Unbefugter Abdruck wird gerichtlich verfolgt.)

(38. Fortsetzung.)

„Aber deshalb brauchen Sie sich doch keine Vorwürfe zu machen, Frau Professor."

„Doch, doch, er darf sich ja nicht aufregen; ach, wenn er sterden sollte, habe ich ihn auf dem Gewissen."

„Ich glaube, Sie können darüber ganz ruhig sein. Ich habe noch niemals einen Menschen von einer freudigen Ueberraschung sterben sehen,“ tröstete sie die Alte.„In Romanen liest man ja immer, daß kranke junge Leute viel schneller gesund werden, wenn man ihnen den häufigen An­blick der oder des Geliebten gestattet“

Um die Frau Professor noch einige Zeit in der Küche festzuhalten, sie nahm an, daß die beiden Liebenden sich während der Zeit sehr gut unterhalten würden— so griff sie zu einer List.

„Das Wasser, das Sie da gepumpt haben," begann sie, „wird nicht kalt genug zu Umschlägen sein, Frau Professor, denn es hat bereits längere Zeit in der Pumpe und den Röhren in der warmen Küche gestanden. Warten Sie, ich pumpe erst einige Eimer voll weg, nachher haben Sie schönes kaltes Erdwasser.“

Bei diesen Worten nahm sie der erregten Dame das Waschbecken ohne weiteres aus der Hand und goß dessen Inhalt in den Rinnstein. Dann begann sie gemächlich zu pumpen. Dabei sing sie an, ihr des Langen und Breiten Die Geschichte von einem vor Freude varück gewordenen zu erzächlen.

„Schen Sie, dieser einfältige Mensch gewann das große

Toob. Varüder wurde er so aufgeregt und gerieth vor Freude

sie der Revision von 1892/93 nur einen vorläufigen Cha­racter zuerkenne, und bei der letzten Etatsberathung hat der Vicepräsident des preußischen Staatsministeriums, Finanz= minister Dr. v. Miquel, ausdrücklich anerkannt, daß eine Aenderung des Gemeindewahlgesetzes im Sinne einer Auf­hebung der plutokratischen Wirkung der Steuerreformgesetz­gebung dringend nothwendig erscheine.

Berlin, 30. Aug. Die„Nordd. Allg. Ztg.“ schreibt anläßlich des morgigen Regierungsantritts der Königin Wilhelmina der Niederlande: Auch Deutschland begleitet das Ereigniß mit lebhafter Theilnahme. Es ist ein wohlbe­stelltes, mühevoll gewonnenes und klug zusammengehaltenes Erbe, das die junge Königin antritt. Daß sie dies Erbe gut verwalten und das Land zu einem fortgesetzten Gedeihen regieren wird, dafür wollen wir ihr Oranierthum als Bürg­schaft nehmen, welches von deutschem Boden Zähigkeit und Kraft gewann und zugleich mit großem staatsmännischen Talent begabt den Grund schuf für Hollands Wachsen und Blühen. Deutschland bringt der jugendfrischen anmuthigen Königin den aufrichtigen Wunsch dar, ihre Regierung sei immer gesegnet und in inniger Harmonie mit dem starken Volke zum Heil des Landes.

— Letzter Tage wurde dem Koiser eine Wandtafel der deutschen Kriegsschiffe vorgelegt, die in Schulen und sonstigen Bildungsanstalten Verwendung finden soll. Die Tafel zeigt in klarem Farbendruck die wichtigsten deutschen Kriegsschiff­arten, wie das neue Linienschiff„Kaiser Friedrich III.“ in einer Seiten= und Vorderansicht unter Dampf. im Längs­durchschnitt und in einer Deckansicht, den Panzerkreuzer „Fürst Bismarck", den großen Kreuzer„Freya“, den kleinen Kreuzer„Geier“ und ein Torpedoboot, mithin Kriegsfahr­zeuge, von denen die Mehrzahl in den nächsten Monaten ihrer Vollendung entgegensieht. Auch dem Reichstage beab­sichtigt, nach dem„Hamb. Corr.“, der Kaiser eine derartige Tafel zu überweisen.

— In der 1. Sitzung der Generalversammlung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen wurde die Verein­barung über die Verausgabung von Rundreiseheften auf die Jahre 1899/1900 verlängert, dagegen jede Erhöhung der Gültigkeitsdauer für Rundreisehefte über die jetzige Norm abgelehnt.

— Der 7. allgemeine deutsche Bergmannstag wählte in seiner Schlußsitzung Dortmund als nächsten Versammlungsort.

Holland.

Königin Wilhelmina hat, da sie großjährig geworden, nunmehr die Regierung übernommen. In einer von allen Ministern gegengezeichneten Kundgebung der jungen Königin heißt es:„Mein Wunsch ist zu herrschen, wie man es von einer Königin aus dem Hause Oranien erwartet, treu der Verfassung, aufrecht zu erhalten die Achtung für den Namen und das Banner Niederlands; mein Wunsch ist, mit Gerech­tigkeit über die Besitzungen und Colonien in Ost und West zu herrschen, und soweit es in meinen Kräften steht,

so außer sich, daß er'n paar Tage nachher in's Irrenhaus gesteckt werden mußte; er war verrückt geworden und das hatte der Dummkopf garnicht nöthig. Denn kaum befand er sich im Irrenhause, da wurde die ganze Lotterieziehung für ungültig erklärt, weil sich bei der Ziehung ein Fehler eingeschlichen hatte. Sehen Sie, Frau Professor, närrisch kann man danach vor Freude wohl werden, ober„vor Freude sterben“, nein, das ist blos so’ne Redensart. Ihr Herr Sohn ist ein durchaus gesunder, kräftiger.....“

„Aber, ich bitte, Frau Burghard— ich muß jetzt wirklich zu dem Kranken; er liegt ohne jeden Verband," fiel die Dame der Redenden ungeduldig in's Wort.

„Ich bin jetzt fertig. So, hier ist anderes, kälteres Wasser, das wird Ihrem Sohne wohlthun,“ antwortete die kluge Frau Burghard.

Der Alten das Gefäß hastig aus der Hand nehmend,

zur Vermehrung ihres materiellen und geistigen Wohlbe­findens beizutragen. Ich hoffe und erwarte, daß mir nie­mals Euer Aller Unterstützung fehlen wird, um welchen officiellen oder socialen Stand es sich auch handeln möge, innerhalb oder außerhalb des Königreiches. Indem Ich Mich Gott befehle, und ihn bitte, Mir Kraft zu verleihen, trete Ich die Regierung an.“

30. Aug. Eine Sonderausgabe des Staatsblatt veröffentlicht folgende Proclamation der Königin= Regentin: „Die Aufgabe, die mir im Jahre 1890 anvertraut worden ist, ist bald beendet. Ich habe das unschätzbare Glück, meine geliebte Tochter das Alter erreichen zu sehen, wo sie nach der Verfassung berufen ist, zu regieren. In den Tagen des Schmerzes und der Trauer übernahm ich das Amt der Re­gentin. Heute vereinigt sich das ganze Volk froh um den Thron der jungen Königin. Gott hat mir geholfen und meine innigsten Wünsche erhört. Ich danke allen, die mich durch Rathschläge unterstützten und mir halfen in hingebender Liebe. Möge das Land und die Colonien gedeihen unter der Regierung der Königin Wilhelmine, möge es groß sein in allem, worin ein kleines Volk groß sein kann. Ich ziehe mich zurück von der hohen Stelle, die ich im Staate inne­gehabt habe mit dem heißen Wunsche, Gott möge die Königin und das Volk, die durch die engsten Bande ver­knüpft sind, segnen. Emma."

Frankreich.

Wie man sich erinnert, hatte der Kriegsminister Cavaignac in der Deputirtenkammer das Schriftstück vorgelesen, das er als Dreyfus am meisten belastend bezeichnet hatte. In diesem war Dreyfus mit vollem Namen genannt. Es hatte fol­genden Wortlaut:„Ich habe gelesen, daß ein Deputirter über Dreyfus interpelliren wird. Wenn der Kaiser mich fragt, dann werde ich niemals sagen, daß ich Beziehungen zu diesem Juden gehabt habe; das ist abgemacht. Wenn man Sie fragt, sagen Sie auch so, denn Niemand darf je­mals wissen, was mit ihm vorgegangen ist.“ Dieses Schrei­ben sollte, wie aus dem Zusammenhange der Dinge ge­schlossen werden mußte, vom deutschen Obersten von Schwarz= koppen herrühren.— Die Echtheit dieses Schriftstückes be­zweifelte der Kriegsminister seit einiger Zeit, nachdem Oberst Picquart es längst als eine Fälschung bezeichnet hatte. Diens­tag ließ der Minister den Oberst Henry rufen und verhörte ihn in Gegenwart seines Kabinets=Directors, des Generals Rosé, über die Art, wie die Schriftstücke in seine Hände ge­kommen seien. Nach einigem Zögern hat Henry eingestanden, die Schriftstücke gefälscht zu haben und versuchte darzulegen, er habe es Angesichts der Nothwendigkeit gethan, neue Be­weise für die Schuld des Dreysus herbeizuschaffen. Cavaignac war durch diese Enthüllung auf das Tiefste ergriffen, ordnete aber die sofortige Festnahme Henry's an.— Natürlich erre­gen Geständniß und Verhaftung das denkbar größte Auf­sehen.„Eclair“, welcher zu den dem Generalstabe nahe stehenden Blättern gehört, erzählt, Henry habe vorgegeben,

empfing die Frau Burghard das zu ihr in die Küche tretende junge Mädchen, auf dessen Antlitz Freude und Mißbehagen um die Oberhand kämpften.

Marie verbarg ihr Gesicht schluchzend am Busen der guten Alten.

„Er liebt mich noch, ach, er ist so gut, so gut! Als seine Mutter forteilte, um Wasser zu holen, ging ich langsam hinter ihr her; sie wollte ja, daß ich das Zimmer verlassen solle. Da rief er meinen Namen, und ich konnte nicht widerstehen. Ich ging zu ihm, dankte ihm dafür, daß er mich doch noch lieb behalten hätte und bat ihn, er möge mir und sich den Abschied nicht noch schwerer machen, wir müßten uns für immer trennen, seine Mutter wünsche das; er würde es wohl schon an dem Benehmen derselben gemerkt haben, daß ich ihr nicht gefiele. Da richtete er sich auf, griff nach meiner Hand und zog mich zu sich nieder. Sprich

eilte die Frau Professorin quer über die Hausdiele in da# zetzt nicht von Trennung, mein Alles,“ sagte er, ich liebe

gewöhnliche Wohnzimmer und durch dieses in die K.] Dich mohr wie je und werde Dich zu erringen suchon end

gewohntahe Wohnzimmer, und durch bieses in die S###0# Stube. Hier trat ihr Marie mit dem Wunsche entgen#n, sich zu verabschieden.

Die Frau Professor warf auf das Antlitz der Zurück­gebliebenen einen forschenden Blick, und da sie keinerlei Zeichen dafür zu entdecken glaubte, daß während ihrer Ab­wesenheit eine Unterredung zwischen den Liebenden stattge­funden habe, streckte sie Marie mit dem ihr immer zur Verfügung stehenden glatten, verbindlichen Lächeln die eine freie Hand hin.

„Leben Sie wohl, mein liebes Fräulein Schmedes, ich wünsche Ihnen alles Liebe und Gute. Vergessen Sie nicht, was Sie vorhin der um ihren Sohn besorgten Mutter ge­lobten.“

„Ich werde nichts vergessen, Frau Professor. Leben Sie wohl! Ich wünsche Ihrem Herrn Sohn gute Besserung", antwortete Marie tiefernsten Antlitzes.

„Ra, min lütt' Deern. Allens wedder in Ordnung?“

Dich meyr wie je und werde Dich zu erringen suchen und wenn die ganze Welt sich gegen mich erklären sollte.“ Ich konnte nichts sagen, denn er ließ mich garnicht zu Worte kommen.....“

„Vor lauter Küssen!“ schaltete die erfreute Alte ein.„Nu, seh mir einer an kann kaum wieder n' Finger rühren und thut schon so, als säße er mit der Liebsten mutterseelenallein in der Geisblattlaube dahinten in unserm Garten. Ja die Jugend, die Jugend! Hat wirklich Temperament, der junge Herr. Na, nu ist alles gut, min lütt Deern. Das Andere findet sich später. Habe mich königlich gefreut, die kluge Frau Professor hier in der Küche eine Weile an der Nase herumführen zu können, damit min lütt Küken mit'n Schatz sick freuen kunn.“

Marie schüttelte zwischen Lachen und Weinen den Kopf.

„Die Mutter hat zu viel Dünkel, sie wird mich nicht als ihre Tochter anerkennen wollen, und er verehrt sie zu sehr, als daß er sich ihrem Willen auf die Dauer widersetzt.