Freitag, 13. Nov. 1925

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58. Jahrgang.

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Im Kumpf gegen die Teuerung.

Vom Geschäftsführer der Kreisbauernschaft Wipperfürth,

Blum, Lindlar.

Seit Wochen ist das Mort„Preisabbau“ in aller Munde, und wenn man sich so die Leute anhört, so müßte man beinahe glauben, als ob es sich beim Preisabbau um weiter nichts handelte, als um die Vernichtung von einigen Existenzen im Handel und Handwerk. So äußerte sich denn auch bei einer Besprechung beim Landwirtschaftsrat in Berlin ein Vertreter des Fleischergewerbes, der behauptete, daß die ganze Preisabbauaktion der Regierung weiter nichts bedeutete, als eine sinnlose Verhetzung der Konsumenten gegen das Handwerk, vor allem gegen die Fleischer und Bäcker.

In diesem Zusammenhange scheint auch das Wort„Preisabbauaktion“ in etwa verfehlt zu sein. Man hätte richtiger daran getan von einer Aktion zur Aktivierung unserer Wirtschaft zu sprechen, denn es geht ja beim Preisabbau um nichts mehr und nichts weniger als um die Erhaltung der Existenz dir deutschen Volkswirt­schaft, um die endliche Wiedergesundung der gesamten deutschen Wirtschaft mit Einschluß des Handels und des Handwerks.

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Regierungsmaßnahmen einen Erfolg zu verzelchnen haben. So lesen wir heute viel­fach in den Zeitungen:„Nach Beschluß des Vorstandes der Zwangsinnung für das Bäcker­und Konditorenhandwerk sind die Preise ab heute wie folgt geregelt worden.“ Es folgen die Preise.„Trotz der Erfolge und der lang­sam fallenden Preise auf dem Lebensmittelmarkt muß bezweifelt werden, ob die volle Zurück­führung der Preise, auf ein angemessenes Niveau wirklich möglich ist, ohne daß man eine große Generalaktion im Wege der Sondergesetz­gebung durchführt, denn das Mißverhältnis zwischen Erzeuger und Kleinhandelspreisen ist auch heute noch erschreckend. Immer noch sucht man nach neuen Schuldigen und die Erregung richtet sich bald gegen den einen, bald gegen den anderen Berufsstand. Der Preistreiber und die Ursache der Teuerung war in früheren Zeiten immer nur der Bauer. Heute ist es etwas anders ge­worden. Rach den Untersuchungen und Verhand­lungen der letzten Wochen dürfte unbestreitbar nach­gewiesen sein, daß die landwirtschaftlichen Produkte nicht die Ursache der Teuerung sind. Diese sind nicht teurer geworden, sondern haben gerade heutzu­tage einen nie geahnten Preistiefstand erreicht. Im unberechtigten Gegensatz dazu hat der Ver­braucher in der Stadt für die Lebensmittel Preise zu zahlen, die den Stand der Vorkriegs­preise bis zu 400 und 500 Proz. übersteigen. So bekommt z. B. der Erzeuger für Roggen 94 Proz. des Friedenspreises, für Kartoffeln 98 Proz., für Ochsen 84 Proz., und für Schweine 154 Proz. Im Kleinhandel über­steigen aber die Preise das Friedensniveau bei Brot um 19 Proz., Roggenmehl 30 Proz., Kartosseln 40 Proz., Rindfleisch 38 Proz., und Schweinefleisch 76 Proz. Noch schlimmer sieht es bei den Erzeugnissen der Gärtnerei und Fischerei aus. Die Kontrolle der Brotpreise hat ergeben, daß im September 1913 ein Preis von 5 Pfund zu 41 Pfg. einem Preis von 5 Pfund Brot zu 73 Pfg. entsprach, und während im September 1925 5 Pfund Roggen 38 Pfg. kosteten, aber 5 Pfund Brot 93 Pfg. Damit kst klar, daß die gegenwärtig und schon seit langem vorhandene Ueberteuerung nicht darauf zurückzuführen ist, daß es etwa der Landwirtschaft zu gut gehe, sondern daß die Verteuerung erst auf dem Wege vom Erzeuger zum Verbraucher, also am Verteilungsapparat, erfolgt. Nicht nur der Preisabbau im teilungs­apparat der Lebensmittel gehört hierhin, sondern auch die Preisgesundung auf allen anderen Gebieten. Die Maßnahmen der Regierung zum Preisabbau richten sich ja auch zunächst gegen die Kartelle und Syndikate. Die Erzwingung künstlich hoher Preise durch Innungen ist aber ebenso scharf entgegen zu treten, wie dem

lichkeit kann sich die preisverteuernde Auf­blähung des Zwischenhandels auf die Dauer nicht gefallen lassen, da die Wirtschaft immer schärfer und strenger die Tendenz zeigt, daß bie Konkurrenz die Preise nicht mehr drückt, sondern zu halten weiß.

Der Preispolitik der Innungen, die eine private Zwangswirtschaft darstellt, und auch von weiten Handwerkerkreisen als unangenehmer Hemmschuh betrachtet wird, muß Einhalt ge­boten werden. Es geht nicht an, daß der einzelne an sich niedrigere Preise für berechtigt hält, diese aber bald mit Rücksicht auf den Ober­meister, bald im Hinblick auf die Innung nicht festsetzen darf. So hat sich folgender unglaub­licher Vorgang in der Preiszwangspolitik einer Bäckerinnung in Breslau abgespielt: Ein Bäcker hatte die 5 Pfg.=Semmel mit 4 Pfg. in den Verkauf gebracht, worauf die Innung ihm alsbald drohte, vor seinem Geschäftslokal Händlerwagen vorfahren zu lassen, die Semmel mit 4 Stück zu 10 Pfg. verkaufen würde, um ihm sein Geschäft zu ruinieren. Die Differenz bei dem Händlerverkauf würde die Innung aus ihrem für derartige Zwecke eingerichteten„Kampf­fonds" bezahlen. Im übrigen zwang man die Bäcker wenigstens die Preistafel aus dem Laden zu entfernen, um den anderen Bäckern keine aufwiegelnde Konkurrenz zu machen!„Ein „Kampffonds“ gegen den Preisabbau ist wirk­lich das Unerhörteste in dieser Zeit unerhörter Ueberteuerung.

Gewiß, jeder ist seines Lohnes wert, auch der Handel und das Handwerk. Was er zurecht fordern kann, soll ihm nicht beanstandet werden, wogegen sich die Oeffentlichkeit aber wehren muß, ist die innungsmäßige Verpflichtung zu sachlich ungerechtfertigten hohen Preisen. Der Handel ist sich leider nicht klar darüber, daß die guten Elemente des Verteilungsapparates am meisten darunter zu leiden haben. Handel und Handwerk handeln im eigensten Interesse, wenn sie sich der Wirtschaftsgesundung, also dem Preisabbau zur Verfügung stellen. Bisher hat es leider an diesem guten Willen gefehlt, zum Teil haben aber auch die alten guten Elemente es nicht gewagt, gegen die Diktatur der un­reellen Elemente sich zu wehren. Alle die alten zweifelhaften Inflationselemente im Verteilungs­apparat müssen ausgeschaltet werden. Dann aber müssen auch die alten, ehrlichen Methoden der Pfennigkalkulation wieder zur Geltung ge­bracht werden. Das ist eine Förderung, die nicht nur im allgemeinen volkswirtschaftlichen Interesse liegt, sondern auch im wohlverstandenen privatwirtschaftlichen Interesse jedes einzelnen Teilnehmers an der wirtschaftlichen Produktion und deren Absatz.

Für die Lanndwirtschaft ist die Konsequenz dieser unberechtigten Preisschere klar. Die Preis­schere hat sich in den letzten Wochen immer mehr zu Ungunsten der Landwirtschaft geöffnet. Das Wort„Extensivierung“ ist kein Schlagwort mehr, die Extensivierung ist in bedrohliche Nähe gerückt. Ist sich das Volk, besonders die Industrie, der Arbeitnehmer und Handwerker klar darüber, was das bedeutet? Auf der einen Seite keine Ver­wendung künstlichen Düngers, kein Kauf von Maschinen, Einschränkung jeglicher Ausgaben, auf der anderen Seite vermehrte Arbeitslosigkeit infolge Absatzstockung und Kaufkraftminderung. Dazu auf der einen Seite wieder die Verringe­rung der Ernteerträge und damit verstärkte Ein­fuhr landwirtschaftlicher Produkte, deren Preise ausländische Spekulanten schließlich diktieren. Der Zusammenbruch der Landwirtschaft muß zwangsläufig den der anderen Berufsstände nach sich ziehen und den Wiederaufbau unmöglich machen.

Rentabilität der Landwirtschaft bedeutet die Wiedergesundung und Neuauflebung unserer Volkswirtschaft. Rentabilität der Landwirtschaft bedeutet nicht wie es volkverhetzend die Sozia­

Schahen

eine Zurückführung der Preise. Das wohlberech­tigte Interesse der Landwirtschaft ist und muß in Zukunft das Interesse des ganzen deutschen Volkes bedeuten. Die Agrarfrage war und bleibt eine Lebensfrage unserer gesamten nationale Wirtschaft.— Mögen wir gerade hier auf dem Lande in der Erkenntnis dieser Tatsache immer mehr dazu übergehen, gemeinsam den Weg der Verständigung zu gehen,— wenn auch über Entbehrungen und Sorgen vieler Art, — uns selbst, dem Volke und dem Vaterlande zu nutzen.

Für die bevorstehenden Sondermaßnahmen des Staates zur Preisregulierung und Wirtschafts­gesundung muß und wird aber vor allen Dingen das gute Beispiel maßgebend sein. Alle öffent­liche Stellen bis hinein in die Gemeindebehörden müssen sich nun nicht mehr darauf beschränken unverbindliche Zusicherungen zu geben und zum Sparen aufzurufen. Sie werden endlich selbst sparen müssen. Es ist schließlich doch sachlich nicht im geringsten gerechtfertigt, wenn, wie wir in der Westdeutschen Tageszeitung lesen, eine kleine Gemeinde 1913 einem Kanzleiaufwand von M. 8245,—, Gehälterausgaben von M. 10435,— und Reisekosten von M. 790,—, hatte, denen heute Kanzleiunkosten von M. 23300,—, Gehälterausgaben von M. 151,000,—, und

Reisekosten von M. 7100,— gegenüberstehen.

Noch eine Frage organisatorischer Art die ebenfalls in der Verteuerung der Wirtschaft eine große Rolle spielt. Jeder größere Arbeitgeber muß heutzutage nicht weniger als 170 mal im Jahre Steuern errechnen und sie 138 mal be­zahlen. Ob man sich wohl mit der genügenden Sorgfalt schon einmal überlegt hat, welche unge­heure Menge von Arbeitskraft hier vergeudet wird, nicht nur beim Steuerzahler, sondern auch bei den Steuerbehörden?

Dem„Zuviel“ auf allen Gebieten unseres Wirtschaftslebens muß der Kampf gelten. Dann wird auch die Preisabbauaktion zu einer Akti­vierung unserer Wirtschaft führen können.

Zusammentritt des Reichstages am 20. November.

TU Berlin, 12. Nov. Der Aeltestenrat des Reichstages hat heute nachmittag beschlossen, den Reichstag zum Freitag, den 20. November, zwei Uhr nachmittags einzuberufen. Am Freitag und Sonnabend werden der italienische und der russische Handelsvertrag in erster Lesung beraten werden. Am Montag, den 23. November be­ginnen die Beratungen über den Locarno=Ver­trag. Die Frage, ob zur Annahme dieses Ver­trages eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist, wurde von keiner Seite im Aeltestenrat an­geschnitten, da zurzeit noch das juristische Gut­achten hierüber erwartet wird.

Die Beratungen über den neuen Kommissionsentwurf. Die Forderungen der Sozialisten.

TU Paris, 12. Nov. Die Finanzkommis­

sion der Kammer ist heute vormittag um 11 Uhr zusammengetreten, um von Painleve zu hören, wieweit die Regierung die Gegenvorschläge der Kommission annimmt. Der Kommissionsentwurf, der unter dem sentscheidenden Einfluß der So­zialisten zustande gekommen ist, enthält folgende sechs Forderungen:

1) Keine Inflation.“

2) Konsolidierung der Schatzscheine, die auf drei, sechs und zehn Jahre ausgestellt sind und die nicht mehr eingelöst werden sollen.

3) Begrenzung der Einlösung der Bons der nationalen Verteidigung auf 325 Mlid. jährlich

4) Generalhypothek des Staates auf das ge­samte bebaute und unbebaute Land.

5) Beteiligung des Staates an dem gesamten französischen Aktien= und Obligationsbestand mit 15 Proz.

6) Erneuerung der Banknoten, die als verloren oder als vernichtet gelten können und deren Gesamtsumme man auf ein bis zwei Milli­

arden schätzt. Wam

Ueber die Aussichten einer Einigung der Linksparteien mit der Regierung auf dieser Grundlage besteht in diesem Augenblick noch keine Die Verhandlunnen werden in so

verwickelter und zum Teil versteckter Form geführt, daß man in der Kommission selbst noch nicht weiß, ob nicht am Ende eine Einigung bereits erfolgt ist. Die Sozialisten scheinen hinter dem Rücken der anderen Parteien Zusagen von der Regierung erhalten zu haben.

Bensberg und Umgegend.

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0 Bensberg, 13. Nov. Die Orts­gruppe Bensberg des Gewerkschafts­bundes der Angestellten(G. D..) beging am 7. Nov. im Anschluß an die dies­jährige Hauptversammlung im Lokale Empt­Bockenberg den Gedenktag des 5jährigen Bestehens des Einheitsverbandes der kaufmännischen, tech­nischen Büro-Angestellten und Werkmeister. Im Vordergrunde stand die Rede unseres Herrn Geschäftsführers Wilke von der Gaugeschäfts­stelle in Köln, welcher hervorhob, daß der Einigungswille der deutschen Angestellten diese Tat verlangte. In freiheitlich nationalem Geiste auf parteipolitisch und konfessionell neutraler Grundlage erstrebt der Gewerkschaftsbund der Angestellten die Höherentwicklung der Angestellten­schaft. Ein beredtes Zeugnis über die Leistungs­fähigkeit dieser Organisation legt der Geschäfts­bericht 1924 ab. Wir greifen einige Zeilen heraus, die gute Anhaltspunkte gewähren: Vermittelt wurden 12 882 Stellen. Seit Grün­dung der Verbände wurden rund 425 000 Stellen besetzt. 10683 Mitglieder erhielten 1924= 901 520,05 Mark Stellenlosengeld. Hinter­bliebenengeld wurde an 500 Empfangsberechtigte 43 524,65 Mark ausbezahlt. Bei der allgemeinen Unterstützungskasse fanden 2386 Mitglieder mit 91 879,55 Mark Berücksichtigung. Die Kinder­spende zum Weihnachtsfest erstreckte sich auf 1271 Fälle mit 31 152,70 Mark. Rechtsauskünfte wurden schriftlich 54 897 und mündlich 146 035 erteilt. Prozesse wurden 7874 für 8507 Mit­glieder durchgeführt. Durch Urteile und Ver­gleiche wurden 1232 541,00 Mark erstritten. Die G. D..=Krankenkassen zahlten ebenfalls im Jahre 1924 12162 464,00 Mark aus. Die weiteren Selbsthilfeeinrichtungen, wie z. B. Er­holungsheime, Kinderheime, Lebensversicherung und Sparunternehmen, Auslandsabteilung, Firmenauskunftei, Urlaubs= und Studienreisen verdienen ebenfalls besondere Hervorhebung. Im Zusammenhang ist auch das Bildungswesen zu erwähnen. Die Tätigkeit der Bildungsabteilung erstreckte sich auf rund 1300 Ortsgruppen(jetzt 1 500). Die Schülerzahl des Büsch-Instituts, höhere Handelslehranstalt der G. D. A. in Ham­burg belief sich im Schuljahr 24/25 auf 2 368. Die Versammlung gab einstimmig ihrer Be­friedigung über die Verbandsarbeit Ausdruck mit einem dreimaligen Glück auf. Nach Ehrung eines Mitgliedes mit 25jähriger Bundeszugehörigkeit, der Vorstandswahl, welche die alte Zusammen­setzung ergab, beschloß man, einen namhaften Betrag aus der Ortsgruppenkasse für die Weih­nachtsspende der Kinder von stellenlosen Kollegen auszuwerfen. Da die Ortsgruppe im nächsten Jahre ihr 25jähriges Jubiläum feiert, sollen früh­zeitig Schritte zu einer öffentlichen Kundgebung mit Fest getan werden. Einige gemütliche Stunden vereinigte die Mitglieder noch.

Beusberg, 13. Nov. Personal­änderung in der Feuerwehr. In der letzten geheimen Sitzung des Gemeinderates wurde zum I. Brandmeister für die Bensberger Wehr Herr Lambert Schlunz und zum II. Brandmeister Herr Willy Werheit be­stellt.— In derselben Sitzung wurde für die Refrather Wehr zum I. Brandmeister Herr Peter Kaser und zum II. Brandmeister Herr Peter Forster besteht.— Ein Gesuch der freiw­Feuerwehr Refrath um Erlaß von Vergnügungs. steuer wurde abgelehnt.

11 Bensberg, 13. Nov. Der Verkauf von Wochenkarten auf der Endstation der Elektrischen Vorortbahn Bensberg=Köln findet Samstags von—9 und Sonntags von 11—1 Uhr statt. An den Wochentagen von vorm. 8 Uhr ab. Sonntags wird außer der angesetzten Zeit keine Karte verabreicht. Es wird höfl. gebeten, sich an die obengenannten Stunden zu halten.