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W

Politische Rundschau.

Münstereifel, den 28. April 1906.

parlamentarische Tätigkeit hat wieder begonnen, und die Volksvertreter, welche sich während der Osterserien mit neuer Kraft ausrüsteten, werden die Wochen bis zu den Pfingstferien zur Absolvierung des größten Teils des ihnen noch vorliegenden Pensums benützen.

Die Reichstags=Diätenfrage, mit der sich zwischenzeitlich der Bundesrat beschäftigte, wird jetzt zum befriedigenden Abschlusse gebracht, und der Reichskanzler Fürst Bülow hat die Genugtuung, daß es ihm nach langem Bemühen gelungen ist, alle Hindernisse zu beseitigen, die der Lösuug jener Frage im Wege waren. Erfreulicherweise bessert sich der Gesundheitszustand des Fürsten Bülow so, daß er voraussichtlich bald wieder seine alte Kraft wieder­erlangt, die unter den Anstrengungen, welche mit seinem verantwortungsreichen Amte verknüpft sind, so sehr gelitten daß er knoch immer der größten Schonung bedarf. Die schwere Bürde, die auf den Schultern des Reichskanzlers ruht, hat naturgemäß zu der Frage geführt, ob es angängig, daß das Amt desselben mit der preußischen Ministerpräsident= schaft noch länger in einer Person vereinigt sein könne, und bei der Erörterung dieser Frage sind viele Stim­men laut geworden, die eine Trennung der beiden Aemter für angezeigt halten. Zugleich hat man sich für die Schaffung selbständiger Reichsminister anstelle der jetzigen Staatssekretäre ausgesprochen, weil die stets wach­senden Aufgaben der einzelnen Ressorts solches als notwen­dig erscheinen lassen. Besonders stark belastet ist das Aus­wärtige Amt, da die deutschen Interessen in der Welt viele Arbeit erfoedern, und es wird daher in dieser Beziehung wohl in allererster Linie das Nötige geschehen müssen, nach­dem bereits ein besonderes Kolonialamt eingerichtet worden ist. Der bisherige vorttagende Rat im Auswärtigen Amte Herr v. Holstein, der dort fast ein ganzes Menschenalier hindurch einen großen und mächtigen Einsluß ausübte, hat seinen Abschied genommen und ist in den Ruhestand einge­treten. Mancher mußte diesem Manne im Laufe der Zeit weichen, weil er eben jenen Eiofluß besaß, und aus Anlaß seines Abganges wurde v. a. erzählt, wie selbst Fürst Bis­mark den Unterstaatssekretär Dr. Busch, einen der tüchtigsten Männer des auswärtigen Dienstes, auf einen anderen Posten dirigieren mußte, weil derselbe sich nicht mit Herrn v. Hol stein vertragen konnte und der erste Reichskanzler jemand brauchte, der die heikelsten Dinge übernahm und durchführte. Trotzdem wurde aber Herr v. Holstein, der seinerzeit dem Fürsten Bismark das Material zu dem Sensationsprozesse gegen Achim v. Arnimin besonders gewandter Weise verschaffte, nicht selbständiger Staatssekretär, sondern blieb bis zu der ihm vom Kaiser bewilligten Dienstentlassung einfacher vortragender Rat. Ob sein Einfluß immer von

den 28. April 1906.

Vorteil für die deutsche Auslandspolitik war, lassen wir dahingestellt, wahrscheinlich wird die Geschichte darüber Auf­klärung bringen und die Welt dann auch wohl erfahren, ob sein Abschied einzig und allein auf sein hohes Alter zu­rückzuführen, oder ob die Marokko=Frage ihn mit dazu be­stimmt hat, in den Ruhestand zu treten. Gleichzeitig mit der Nachricht von der Verabschiedung v. Holsteins wurde diejenige von der Ernennung des bisherigen Generalkonsuls in Warschau, Frhrn. v. Reichenberg, zum Gouverneur von Deutsch Ostafrika bekunnt, und weiterhin erfuhr man, daß die im verflossenen Jahre begonnenen parlamentarischen Stu­dinreisen fortgesetzt u. in diesem Jahre solcher Reisen unter­nommen werden sollen. Zu der vorgesehenen Tour nach Kiaut­schau mit einem Abstecher nach Japan haben sich 10, zu der nach Ostafrika 12 und zu der nach Südwestafrika 16 Ab­geordnete gemeldet. Die Verhältnisse in unsern afrikanischen Schutzgebieten bessern sich inzwischen so, daß man auf eine baldige vollständige Wiederherstellung der Ruhe hoffen darf. Allerdings kann man nicht wissen, ob die Zulu=Unruhen in Natal, welche einen ernsten Charakter angenommen haben, und die englische Regierung zu umfassenden Maßnahmen greifen ließen, nicht wieder Schlimmes nach sich ziehen, zu­mal neuerdings auch aus Kamerun ungünstige Gerüchte ein­getroffen und im Sudan von einer abessynischen Bande furchtbare Greuel verübt worden sind, aber es ist doch wohl zu erwarten, daß es rechtzeitig gelingt, eine Ausdehnung der Eingeborenen=Bewegung 2c. zu verhindern. Das letztere ist übrigens um so wünschenswerter, als es den Anschein hat, daß die verschiedenen afrikanischen Fragen bestimmt seien, eine hervorragende Rolle in der nächsten Aera der internationalen Politik zu spielen. Wie sich diese neue Aera gestalten wird, ist zurzeit schwer zu sagen, aber im Hinblick auf deren Ankündigung finden wir es sehr begreif­lich, daß man sich gegenwärtig viel mit der Frage beschäf­tigt, ob der Dreibund in Zukunft fortbestehen werde oder nicht. Auf der einen Seite neigt man dazu, anzunehmen, daß die Verhältnisse, welche die Schaffung des Dreibundes herbeiführten, eine Aenderung erfahren haben, die die un­bedingte Aufrechterhaltung des Bündnisses entbehrlich er­scheinen läßt, andererseits ist man der Ansicht, daß der Dreibund weiter existieren kann, auch wenn sich Italien, wie der Reichskanzler am 8. Januar 1902 erklärte, eine Extratour" erlaubt, und schließlich kommt in Betracht, daß Italien, welches sich grade durch den Dreibund in seiner Entwickelung bisher geschützt gesehen, mancherlei Gründe hat das Bündnis mit Deutschland und Oesterreich=Ungarn zu festigen.

In Oesterreich=Ungarn bessert sich die inner­politische Lage, aber was speziell Ungarn anbelangt, so kann man zurzeit doch nur von einem Waffenstillstande zwischen der Krone und der Koalition reden, während wel­chem der verfassungsmäßige Zustand wiedergeherstellt, für

15. Jahrgan g.

die wirtschaftlichen und kulturellen Interessen Vorsorge getroffen und die Reform des Wahlrechts durchgeführt werden soll. Das Kabinett Weckerle betrachtet das als seine Mission, und der Ministerpräsident selbst hat erklärt, daß die Reform des Wahlrechts bezwecke, unter Wahrung der Unverletzlichkeit der ungarischen Staatsidee Gelegenheit zu schaffen, daß jeder berufene Faktor, insbesondere die Arbeiterklasse, die freie Ausübung des Wahlrechts erlangt. Weckerle glaubt, daß es ihm gelingen wird, den für die Entwickelung Ungarns so nötigen inneren Frieden zu schaffen und dem Lande eine erfreuliche Zukunft zu sichern.

In Italien ist die Bevölkerung durch neue Erdbeben, durch die an verschiedenen Orten wieder ein ziemlich bedeu­tender Schaden angerichtet wurde, abermals in große Auf­regung versetzt worden, jedoch läßt die Beruhigung des Besuvs erhoffen, daß Katastrophen jetzt nicht mehr zu be­fürchten sind.

In Frankreich hat der Ausstand der nordfranzösischen Bergarbeiter schwere Unruhen zur Folge gehabt. An 21000 Soldaten wurden in das Kohlenbecken von Lens geschickt und zu wiederholten Malen kam es zu blutigen Zusammen­stößen zwischen dem Militär und den Ausständigen, bei denen viele Leute aus dem Volke mehr oder minder schwer verwundet wurden.

In Spanien beschäftigt man sich zurzeit lebhaft mit den Vorbereitungen zu der auf den 1. Juni festgesetzten Hochzeit des Königs Alsons.

In Rußland, wo daß Osterfest glücklicherweise ohne die befürchteten Unruhen und Ausschreitungen gegen die Juden vorübergegangen ist, sind die Wahlen für die Reichs­duma so ausgefallen, daß der Zar sich genötigt sehen dürfte, wieder eine Politik des Nachgebens zu befolgen und diePolitik der festen Hand, die platzgegriffen hatte, fallen zu lassen. Für die Beruhigung des Volkes ist es aber jedenfalls nicht geeignet, daß neuerdings wieder die Unvermeidlichkeit eines zweiten Krieges mit Japanan die Wand gemalt wird, und wenn die russische Regierung nicht einen neuen heftigen Ausbruch der Revolution erleben will, wird sie alles daran setzen müssen, um dieseUnver­meidlichkeit aus der Welt zu schaffen.

Die nordamerikanische Union ist durch den Untergang San Franciscos und den damit verbundenen furchtbaren Ereignissen überaus schwer betroffen worden, aber trotzdem hat Präsident Roosevelt fremde Hülfe und Unterstützung als nicht erforderlich abgelehnt und dem Kongreß die Bewilligung der notwendigen Mittel zur Un­terstützung der von der Kotastrophe Heimgesuchten empfohlen, worauf denn auch die betreffenden Gelder sosort bereit ge­stellt wurden. San Francisco selbst wird wieder aufgebaut.

Freigesprochen.

26. Jamilien=Roman v. Ludw. Butzer.

Sie haben sich mit Ihren Kompagnien hervorragend gehalten, meine Herren, fuhr Berger fort.Eo war nicht anzunehmen, daß Bazeilles so stark besetzt ist. Die paar Bataillone konnten das Dorf unmöglich behaupten, und Unterstützung erhielten wir keine. Der Verlust des Ba­taillons ist leider ein sehr großer; er beträgt mit den fünfzehn Mann, die wir gestern bei Beanmont verloren haben, sieben Tote und fünfzig Verwundete. Unter den letzteren befinden sich vier Offiziere. Halten Sie sich für alle Fülle zum Vorrücken während der Nacht bereit. Ich danke Ihnen, meine Herren!

Der Major grüßte und die Offiziere gingen auseinander.

Berger begad sich auf die Hochfläche der terrassenför­mig aufsteigenden Höhe und sah durch ein Fernglas in das weitausgedehnte Gelände um sich. Unter ihm lag das Maastal, von dem geschlängelten, breiten Bande des Flusses durchschnitten, dessen Lauf er von dem südlich gelegenen Monzon bis zu seiner Windung um die Halbinsel Iges, nach Norden hin, zu verfolgen vermochte.

Links breitete sich die einem See gleichende Wasser. fläche der Maasstauung aus, deren Fluten die welligen Anhöhen von Bazeilles und Balan und das Glacis von Sedan bedeckten, dessen Doppelkuppeltürme über die Festungs­worke herüberragten. In östlicher Richtung erblickte er offenes, unbegrenztes Land mit zahlreichen Dörfern und Weilern und den filbernen Streifen der Chiers, deren klares Gewässer in Schlangenwindungen durch die Ebene von Danzy fließt, um unterhalb Remilly in die Maas zu münden. Zu seinen Füßen lag der Weiler Aillicourt, etwas nördlicher, Balan westlich gegenüber, das an den Abhang geschmiegte Wadelincourt, dann weit unten, bei der Flußwindung, Floing mit seiner wie blankes Silber glänzenden Kirchturmspitze und inmittten der Landschaft die

Festung Sedan mit dem dunkeln Höhenzuge des Ardennen­

waldes im Hintergrunde.

Die Armee von Chalons hatte das linke Maasufer vollkommen geräumt und stand nun in dem Dreieck zwischen Bazeilles, La Monzelle, Givonne, Illy und Floing=Bach auf einem eng zusammengedrängten, gegen Osten, Süden und Westen gerichteten Bogen um Sedan versammelt. Die beiderseitigen Heere befanden sich nahe gegenüber und mit den Vordertruppen in unmittelbarer Berührung. Im Tale, am Flusse und auf den östlichen und westlichen Höhen be­wegten sich unzählige, kleine dunkle Punkte und lange Wagenkolonnen, und Hunderte von Rauchwölkchen kenn­zeichneten die Lagerplätze der Gegner.

Guten Abend, Herr Major! hörte Berger plötzlich eine Stimme aus nächster Nähe, die ihn rasch sich um­wenden hieß.

Guten Abend, Herr General! erwiderte er, in stram­mer Haltung grüßend.

Halten Sie es für wahrscheinlich, Herr Major, daß Mac Mahon in seiner derzeitigen, äußerst ungünstigen Po­sition an Ort und Stelle eine Schlacht annimmt? begann der General, sein Pferd anhaltend.Meines Erachtens wird der nahezu vollendeten Umzingelung dadurch zu ent­gehen suchen, daß er noch im Lause der Nacht zu westlicher Richtung über Mezieres ins Innere des Landes abzieht, Das allerdings nur unter Aufopferung eines großen Teiles seiner Armee möglich wäre, oder er müßte, äußersten Falles über die belgische Grenze entweichen.

Ich bin der gleichen Anschauung, Herr General, versetzte Berger.Es wäre aber auch möglich, daß er der Einschließungsgefahr durch ein plötzliches Vorbrechen auf Carignan und Monimedy zu entrinnen sucht, wenn er über­haupt die Absicht der deutschen Heeresleitung ahnt.

General von Schief weg warf einen Blick auf die Karte in seiner Hand, dann nahm er durch sein Feinglas hinunter nach Illy und Saint Menges in Augenschein.

Er mochte in der Mitte der Fünfziger stehen und war von untersetzter, mittelgroßer Statur. Aus seinen Zügen

und den offenen, klaren Augen sprach ein tiefer Ernst, und

der Klang der Sprache verriet ein warmes Gemüt. Die frische Sonnenbräune seiner Gesichtsfarbe und der unge­und der ungezwangene, tadellose Sitz auf seinem lebhaften Grauschimmel bewiesen, daß er einer widerstandsfähigen Gesundheit und Rüstigkeit sich erfreute.

Wie geht es Ihnen, lieber Berger? fragte er plötz­lich, indem er seine Feldmütze abnahm und sich die Stirne wischte.

Wie immer, Herr General; nicht besser und nicht schlechter, erwiderte Berger.

Es ist sonderbar ich mußte in der letzten Zeit so oft an Sie und an Ihr Schicksal denken, wie nie zuvor. Die prächtigen Kinder, die Sie haben. Leutnant Hart­feld hat heute in Bazeilles das eiserne Kceuz verdient. Ich werde dafür sorgen, daß er diese Auszeichnung erhält. Und Sie wollen Ihren Kindern beständig freund gegenüber­stehen? Das ist ein ganz unnatürlicher Zustand.

Herr General dürfen versichert sein, daß ich diesen Zustand schwer genug empfinde.

Ueber die alte Geschihzte ist längst Gras gewachsen Ich meine, Sie sollten sich Ihrer Familie endlich einmal entdecken. Der Strafe wegen Führung eines falschen. Namens, die nichts Entehrendes an sich hätte, könnten Sie auf dem Gnadenwege vorbeugen. Ich stehe zu einer hoch­gestellten Persönlichkeit in freundschaftlichen Beziehungen und bin von Herzen gern bereit, Ihnen den Weg zu ebnen. Unser jugendlicher König ist ja überaus hochherzig und edelgesinnt und wird Sie gewiß nicht fallen lassen.

Herr General sind zu gütig; allein diesen Schritt könnte ich nur tun, wenn meine Unschuld an den Tag käme. Den Fluch des Vorurteils mmmi keine Macht der Welt von mir.

Sie sehen die Sache entschieden schwärzer als sie ist. Ueberlegen Se sich meinen Vorschlag, Berger, sprach der General, indem er dem Major die Hand reichte.

Berger ging dem Lagerplatz des Bataillos zu. Es begann dunkel zu werden. Ueber der Wasserfläche der