Neusser

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Amtliches

Kreisblatt

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Nro. 128. 1. Blatt.

Mittwoch, 7. Juni.(Robert.)

1905. 30. Jahrg.

Fürst Bülow.

n

Berlin, 6. Juni. Der Kaiser hat den Reichs­kanzler Grafen von Bulow in den Fürstenstand erhoben.

Diese Meldung trägt der Telegraph heate durch die Lande. Wir haben diese Auszeichnung ledig­lich als ein Zeichen der allerhöchsten Gnade Sr. Majestät unseres Kaisers aufzufassen, der, wie man ja weiß, seit langer Zeit schon dem leitenden Staatsmann die verschiedensten Beweise allerhöch­sten Wohlwollens gegeben und ihn mit einer Reihe anderer Auszeichnungen bedacht hat. Fürst Bülow genießt bereits seit dem Oktober 1897, wo er das Auswärtige Amt übernahm, das allerhöchste Ver­trauen und hat es auch als Reichskanzler meister­haft verstanden, sich darin zu behaupten. Ja wir erblicken gerade darin das Bemerkenswerteste seiner ganzen Kanzlerschaft. Denn Fürst Bismarck, der so warm von Wilhelm I. denz Enfel empfohlen und von diesem die überströmendsten Ausdrücke der Anerkennung erhalten hatte, vermochte dies doch noch nicht zwei Jahre, Graf Caprivi vier Jahre, Fürst Hohenlohe, wenn man bis zur Ueberlassung der Auswärtigen Angelegenheiten an den damali­gen Freiherrn von Bülow rechnet, drei, während der jetzige Reichskanzler es als Leiter der Auswär­tigen Politik bereits auf acht Jahre gebracht hat. So gut wie er, hat keiner seiner Vorgänger sich in die mancherlei Rollen gefunden, die ihm zugewiesen wurden.

Möge es dem nunmehr in den erblichen Fürsten­stand Erhobenen vergönnt sein, seinem dereinsti­gen Vorgänger, dem eisernen Kanzler, als dessen Schüler er gilt, in Bezug auf Taten und Verdienst

gleichzukommen, wie er hinsichtlich seiner Lausbahn ichkeit mit ihm aufweist.

Die Hochzeitsfeier des Kronprinzen.

Berlin, 6. Juni. Bei prächtigem warmem Wet­ter wurde heute Nachmittag die Vermählung des Kronprinzen mit der Herzogin Cäcilie mit einer Reihe von Festlichkeiten vollzogen. Die Schloß­garde=Kompagnie, das Gardedukorps und die Leib­garde der Kaiserin bildeten Spalier und stellten die Galawachen in den Festräumen des Schlosses. Gegen 4 Uhr nachmittags setzte die Kaiserin der Herzogin=Braut die königliche Prinzessinnenkrone im Chinesischen Kabinett aufs Haupt. Inzwischen versammelten sich in der Schloßkapelle die gelade­nen Personen. Die Hofstaaten begaben sich ins Königszimmer und in die Rote Kammer: die Mit­glieder der königlichen Familie und die allerhöchsten Gäste versammelten sich in der boisierten Galerie „im Kurfürstenzimmer fanden sich ein: das Braut­paar, die Majestäten, der Großherzog von Mecklen­

burg=Schwerin, die Großherzogin=Mutter und die Geschwister des Brautpaares. Hier wurde die stan­desamtliche Eheschließung durch den Hausminister v. Wedel vorgenommen, worauf der Kaiser den Befehl zum Beginn der kirchlichen Feier erteilte Brautzug bewegte sich durch den Rittersaal, die Bildergalerie und den Weißen Saal nach der Kapelle. Zwei Herolde führten den Zug. Es folg­ten Oberhofmarschall v. Eulenburg, alle anwesen­den Kammerjunker und Kammerherren und dann die vom Kaiser der Braut zur Aufwartung beige­gebenen Kavaliere. Sodann folgte das Brautpaar Der Kronprinz trug die Uniform des ersten Garde=Regiments mit dem blauen mecklenburgi­schen Ordensband, die Braut zierliche Krone, Myrte und Schleier. In der Hand trug sie einen Strauß weißer Nelken. Die Schleppe der Braut wurde von Hofdamen getragen. Nach den Hofchargen folgte der Kaiser in der Uniform des ersten Garde=Regi­ments mit den Abzeichen eines Generalfeldmar­schalls mit der Großherzogin-Mutter von Schwerin. Hinter dem Kaiser schritten der Hausminister von Wedel, die Generaladjutanten, Generale, Admirale ala suite, Flügeladjutanten, der Geheime Kabi­nettsrat, der Hofstaat und der Ehrendienst der Großherzogin-Mutter. Sodann kam die Kaiserin, geführt vom Großherzog von Schwerin. Es folgte der Hofstaat, die Adjutanten und der Ehrendienst des Großherzogs. Hinter der Großherzogin von Schwerin, zu deren Rechten Erzherzog Franz Fer­dinand von Oesterreich=Este, zur Linken der Kron­

prinz von Schweden Norwegen schritt, folgten die übrigen anwesenden Fürstlichkeiten.

Beim Eintritt des Zuges in die Schloßkapelle sang der Domchor das Doppelquartett:„Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus Mendelssohn „Elias.“ Hofprediger D. Dryander und die Hof­geistlichkeit empfingen das Brautpaar und geleite­ten es zum Altar. Der Kronprinz trat zur Rechten seiner Braut, die allerhöchsten und höchsten Herr­schaften traten im Halbkreis um das Brautpaar, so daß rechts zunächst neben dem Altar der Kaiser, die Großherzogin=Mutter und Erzherzog Franz Fer­dinand standen, während die Kaiserin links vom Altar stand, neben ihr der Großherzog von Meck­lenburg=Schwerin, der Kronprinz von Griechen­land u. s. w. Die Gemeinde sang den Choral: „Lobe den Herrn“ begleitet von einem Bläserchor.

Oberhofprediger D Dryander hielt die Traurede über den vom Kaiser gewählten Text:„Wo Du hingehst, will ich auch hingehen, wo Du bleibst, da bleibe ich auch, Dein Volk ist mein Volk, Dein Gott ist mein Gott.“ Dann vollzog er die Trauung. Laut und bestimmt klang das„ja“ des Kronprin­zen, leise, jedoch nicht minder fest das der Braut.

In dem Augenblick, wo das hohe Brautpaar die Ringe wechselte, wurden von der im Lustgarten aufgestellten Leib-Batterie des ersten Garde=Feld­artillerie=Regiments dreimal zwölf Kanonenschüsse abgfeuert. Das Gebet:„Vater unser“ und der Segen folgten. Dann sang der Domchor das schöne Beckersche:„Wo Du hingehst, will ich auch hingehen.“ Der Gesang der Gemeinde:„Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang,“ schloß die Feier.

Nun begaben sich die Majestäten und die höchsten Herrschaften in gleich feierlichem Zuge nach dem Ausbau der Bildergalerie, um daselbst dem hohen Brautpaar ihre Glückwünsche abzustatten.

Unterdessen nahmen die Hofstaaten im Weißen Saale die bei der Defiliercour übliche Aufstellung. Die Majestäten nahmen mit dem Brautpaar unter dem Baldachin Platz. Die Kaiserin, die Braut und die Prinzessinnen nahmen auf Sesseln Platz, ebenso der Kaiser. Der Kronprinz blieb stehen.

In ununterbrochener Folge zogen die Gäste am Brautpaar und den Majestäten vorüber, zuerst die Botschafterinnen und die Damen des diplomatischen Korps, dann der Fürst=Reichskanzler, die Botschaf­ter, die fremdländischen Herren; hierauf die inlän­dischen Herren. Es folgte eine fast unendliche Reihe der übrigen Gäste.

Nunmehr zogen die Fürstlichkeiten in feierlichem Zuge nach dem Rittersaale zum Souper.

Der Kaiser brachte bei der Tafel die Gesundheit des hohen Paares in längerer, überaus herzlicher Ansprache aus, die auf alleAnwesenden einen tiefen Eindruck machte. Die Gäste, im ganzen 1700, speisten in den Räumen des Kaiserschlosses.

Den Schluß der Hochzeitsfeier bildete der Fackel­tanz im Weißen Saale. Die Majestäten und das Brautpaar standen unter dem Thronhimmel; links davon die fürstlichen Damen, rechts die Fürsten und Prinzen. Gegenüber dem Thron hatten die diplo­matischen Korps, der hohe Adel und die Exzellen­zen Aufstellung genommen. Zuerst machte das neu vermählte Paar einen Umgang im Saal un­ter Vorantritt des Oberhofmarschalls Eulenburg. Die Kronprinzessin wurde von dem Kronprinzen an der Hand geführt. Alles im Kreise verneigte sich. Nunmehr forderte die Kronprinzessin den Kaiser zum Tanze, der Kronprinz die Kaiserin und so erfolgte der zweite Umgang. Beim dritten Um­gang schritt die Braut mit dem Großherzog von Mecklenburg und der Bräutigam mit der Groß­herzogin Anastasia. Bei dem vierten Umgang gingen rechts von der Braut der Kronprinz von Griechenland, der Erzherzog Franz Ferdinand, links der Kronprinz von Schweden und Norwegen und Großfürst Michael, während der Bräutigam die Großherzogin von Mecklenburg=Schwerin und die Großherzogin Marie führte.

Nach beendetem Fackeltanz traten die fackeltra­genden Pagen dem Zuge der Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften bis zum Eingang der für die hohen Neuvermählten eingerichteten Gemächer vor. Die königliche Prinzessinnenkrone wurde dem Hausschatz wieder überliefert und die Oberhof­meisterin, Freifrau von Thiele Winkler nahm die Verteilung des Strumpfbandes vor. Hierauf ent­ließ der Kaiser den Hof.

Politische Nachrichten.

Deutschland.

— Die Spannung zwischen Deutschland- und Frankreich soll, wie das„Berl. Tageblatt“ sich aus Paris melden läßt, in den letzten Tagen sich sehr verschärft haben und eine kritische Wendung zu nehmen drohen. Die Stimmung fand ihren Aus­druck auch in dem Ausbleiben einer kaiserlichen De­pesche für den Präsidenten der Republik aus An­laß des Attentates, während der Kaiser dem König von Spanien telegraphierte. Es sollen jedoch An­zeichen vorliegen, daß die Krisis, die teilweise einen persönlichen Charakter habe, in kürzester Zeit eine gütliche Lösung finden wird.— Man muß dem „Berl. Tagebl.“ die Verantwortung für diese Mel­dung überlassen.

— Das Fernbleiben des Großfürsten Wladimir von den Berliner Hochzeitsfestlichkeiten ist, wie der „Ostpreuß. Ztg.“ von wohlinformierter Seite mit­geteilt wird, auf besonderen Wunsch des Berliner

Hofes erfolgt. Es gingen an verschiedenen amt lichen Stellen so zahlreiche Drohbriefe, in denen ein Attentat auf seine Person angekündigt wurde, ein, daß man sich zu einer Aeußerung nach Peters­burg entschloß und um Entsendung eines anderen Vertreters der Zarenfamilie bat, da man das Le­ben des Großfürsten Wladimir für ernstlich bedroht hielt. Der Zar entsprach dieser Bitte und verfügte, daß Großfürst Michael den russischen Hof zu ver treten hat.

Berlin, 6. Juni. An die Hauptausschüsse, die Herren Präsidialmitglieder, die Mitglieder des Gesamtvorstandes, sowie Freunde des Deutschen Flottenvereins richtet der Präsident, Fürst zu Salm=Horstmar folgende erfreuliche Mitteilung: „Das Präsidium hat in Uebereinstimmung mit der auf der Stuttgarter Hauptversammlung zu Tage getretenen Auffassung in Gemäßheit des Schlußsatzes von§ 11 der Satzung die Herren Generale Keim und Menges wiedergewählt. Die Genannten haben die Wahl angenommen, welchen Entschluß ich und alle Freunde unserer Sache mit aufrichtiger Freude begrüßen.“

— Die Gesamtzahl der preußischen Städte beträgt zur Zeit 1281 mit insgesamt 15 291 918 Einwohnern, das macht 44,4 v. Hun­dert— also erheblich mehr als zwei Fünftel— der Gesamtbevölkerung des Staates nach der letzten Volkszählung. Die Städte mit über 3000 bis 5000 und über 2000 bis 3000 Einwohnern, welche je etwas mehr als ein Fünftel der Gesamt­zahl ausmachen, sind am zahlreichsten; es folgen die Gruppen von über 1000 bis 2000 Einwohnern mit annähernd einem Fünftel und die von über 5000 bis 10000 Einwohnern mit fast einem Sechstel. Insgesamt umfassen diese vier Gruppen über drei Viertel aller Städte Preußens. Städte mit über 10000 Einwohnern sind im ganzen 250— 19,5, mit über 100 000 Einwohnern 24—= 1,9 vom Hundert aller vorhanden. Der bedeu­tendste Anteil an der städtischen Einwohner=Ge­samtzahl, nämlich mehr als ein Sechstel davon, entfällt auf die Gruppe der drei Städte mit über 300 000 Einwohnern: Berlin, Breslau und Köln. Danach kommt die von über 5000 bis 10000 Ein­wohnern mit nic ganz einem Zehntel. Zusam­men enthalten die Großstädte, also die Städte mit mehr als 100000 Einwohnern, zwei Fünftel der ganzen städtischen Bevölkerung und über ein Sechstel der Gesamtbevölkerung des Staates. In allen Provinzen mit alleiniger Ausnahme von Posen, wo die Städte der untersten Gruppe über­wiegen, sind wie im Gesamtstaate die Städte mit über 2000 bis 5000 Einwohnern am stärksten, und zwar in den Provinzen Ost= und Westpreußen mit über der Hälfte, in Hohenzollern sogar ausschließ­lich, vertreten.

Kiel, 6. Juni. Nach der Vernichtung der Bal­tischen Flotte Rußlands wird das deutsche ostasia­tische Kreuzergeschwader, wie die„Kieler Nachrich= ten“ aus autentischer Quelle erfahren, für den laufnden Monat dauernden Aufentbhalt in Tsingtau nehmen.

Frankreich.

Paris, 6. Juni. In politischen Kreisen ver­lautet, wenn Delcassé in dem morgen stattfinden­den Ministerrate seine Demission gebe, werde Rouvier vorläufig das Portefeuille des Aeußern übernehmen. Rouvier beabsichtige, die Verhand­lungen bezügl. Marokkos direkt zu führen, bevor die Nachfolge Delcassés einer politischen Persön­lichkeit angeboten werde.

Der russisch=japanische Krieg.

Der japanische Admiral Uriu soll den Auftrag haben das süd=chinesische Meer nach russischen Kreu­zern zu durchsuchen. Nötig scheint das in der Tat zu sein, denn es wird gemeldet, daß russische Hilfs­kreuzer, die zum Gefecht zu schlecht waren, nord­östlich von Hongkong fremde Handelsdampfer durchsuchten.

Hongkong, 5. Juni. Der heute hier eingekom­mene amerikanische Frachtdampfer Zafiro von Manila hat am Morgen ungefähr 80 Seemeilen südöstlich von Hongkong einen russischen Hülfs­kreuzer, zwei Fahrzeuge, die er für Torpedoboote hielt, und einen Kreuzer mit drei Schornsteinen in Begleitung eines schwer beladenen Frachtdam­pfers südwestlich steuernd gesehen.

Schanghai, 5. Juni. Die japanischen Kriegs­schiffe, die bei der Insel Gützlaff angekommen sind, sind das Flaggschiff des Admirals Urin, der Panzerkreuzer Tokiwa, die geschützten Kreuzer Na­niwa und Taketschio und die Torpedobootszerstörer Murasame und Sadzenami. Es werden noch mehr Kreuzer hier erwartet. Uriu ist von Tsu­schima außen um Formosa herum gefahren, um nach den noch fehlenden russischen Schiffen zu suchen. Eine Granate war hinten durch das Flagg­schiff gegangen, ohne zu explodieren.

Petersburg, 6. Juni. Im Warschauer Militär­bezirk ist eine Pferdemusterung zu Kriegszwecken angeordnet worden.

Die Unruhen in Rußland.

Petersburg, 6. Juni. In Staraja=Derewnja bei Petersburg hatten sich an 200 Arbeiter, einfaches Volk und Studenten, mit roten Fahnen, die die

Aufschrift:„Nieder mit dem Krieg" trugen, ver­sammelt und demonstrierten, bis Kosaken erschienen und die Menge mit Knuten auseinander trieb. Etwa 100 Verhaftungen wurden vorgenommen.

Petersburg, 6. Juni. Eine eigenartigeVersamm­lung von Journalisten fand gestern hier statt. Die­selben hatten sich ein Boot gechartert und mit dem­selben während 6 Stunden auf der Newa gekreuzt. Auf diese Weise wurden## sie von der Polizei nicht gestört. Die Teilnehmer nahmen einen Beschluß an, der zugunsten einer sofortigen Einberufung einer konstitutionellen Versammlung sich aussprach. Sie beschloß, ebenfalls an dieser Kundgebung teil­zunehmen, welche vor dem Senatspalaste organi­siert werden soll. Die Resolution begrüßt am Schlusse den Ausbruch der russischen Revolution.

Moskau, 5. Juni. Die allgemeine, auf den 6. Juni fegesetzte Konferenz der Mitglieder der Sem­stwos und der Bürgermeister ist verboten worden.

Von Nah und Fern.

I. Orken, 6. Juni. Der Theaterverein„Fi­delia". Orken, veranstaltete am Sonntag, den 4. Juni in Verbindung mit seinem 15jährigen Stiftungsfeste einen großen Theaterpreiswettstreit, an welchem sich 7 Vereine beteiligten. Zur Auf­führung gelangten: 1 Trauerspiel und 6 Lust­spiele. Das Trauerspiel„Die Heimkehr,“ führte der Verein„Pleciosa“, Neuß, auf und errang den ersten Ehrenpreis, außerdem einen Herren­und einen Damenpreis. Der Verein„Avein­gold“, hierselbst, führte unter großem Beifall den Militärschwank„Der entartete Kanarienvogel“ auf und errang den zweiten Ehrenpreis. Die Preise bestehen aus: 1. Preis Schillers Werke, nebst einer Medaille. 2. Preis Lessings Werke, nebst einer Medaille.(Eingesandt.)

*<space> M.= G l a d b a c h,<space> 5.<space> J u n i.<space> Z u<space> d e n<space> E r r u n g e n ­<space> schaften der Neuzeit auf dem Gebiete unserer städtischen Verwaltung gehörte eine Einrichtung, die jetzt mit rauher Hand wieder beseitigt worden ist. An maßgebender Stelle fand man es nämlich etwas prosaisch, daß einer der bedeutsamsten Akte im Leben zweier Liebenden vor einem Beamten abgeschlossen wurde, der auch nicht das geringste Abzeichen seiner bedeutungsvollen Stellung auf­zuweisen hatte. Man dachte da wohl an die Feier­lichkeit, mit der in den größeren Städten Frank­reichs die Eheschließungen begleitet sind. Nach­dem dort das zu verbindende Paar in zwei bor­dierten roten Plüschsesseln Platz genommen, öffnen sich nach einigen Minuten stiller Erwartung die Flügeltüren des Trauungssaales, auf der Schwelle erscheint ein prächtig herausgeputzter Zeremonien­meister, stößt die Hellebarde auf den glänzend ge­bohnten Boden und ruft in den Saal hinein: „Lofficier de l’etat civil,“ dann tritt er verneigend zur Seite, und gravitätisch naht im festlichen Gewande, über die Brust ein breites Band der Trikolore gezogen, der Mann,„der streng und ernst nach alter Sitte, mit langsam abgemessenem Schritte, hervortritt", bereit den gemeinsamen Willen zweier Personen entgegenzunehmen, von denen eine dabei häufig einen guten Teil ihrer bisherigen Selbständigkeit einbüßt. Aehnlich sollte es auch in M.=Gladbach sein, die Nüchternheit des Alltäglichen wurde aus dem Trauungssaale ver­wiesen. Man ließ also dem Standesbeamten eine Uniform bauen, beginnend mit Schnallenschuhen, schwarzen Wadenstrümpfen, sanitenen Kniehosen, dunkler Weste, dunkelblauem Leibrock, endend mit einem mächtigen Dreimaster und einem zierlichen Degen. Das machte denn doch einen anderen Eindruck, als der seitherige simple schwarze Geh­rock. Es war immer ein erhebender Moment, wenn ein Pärchen die Dienstleistung des Standes­beamten in Anspruch nahm, dann verschwand der bürgerlich gekleidete einfache Mann schnell im Ne­benzimmer, in dem die prächtige Uniform so hand­lich aufgehängt war, wie das Geschirr eines Gaules, der jede Minute zu erwarten hat, eingespannt zu werden. Es währte nicht lange, und das in dem uniformierten Beamten verkörperte Gesetz konnte die Erfüllung eines heißen Wunsches vornehmen. Jetzt hat die Herrlichkeit ein Ende. Die Mär von dem uniformierten Standesbeamten gelangte zu den Ohren des Ministers des Innern, und der hat nun dahin entschieden, daß der Standesbeamte in M.=Gladbach bei den Trauungen wieder den einfachen schwarzen Rock zu tragen habe. Die

nun ihrem Zwecke entfremdete Uniform wird wohl aufbewahrt werden als wertvoller Beitrag für eine demnächst zu errichtende permanente Kostüm­Ausstellung.

* Rheydt, 4. Juni. Vorgestern verschied hier eine Schülerin, die kurz vorher Seil gesprungen hatte. Sie trank kurz nachher kaltes Wasser, wo­rauf der Tod sofort eintrat.

* Gerresheim, 6. Juni. Beim Baden in der Düssel ertrank gestern Abend der Kaufmann Peschges.

*<space> E r k r a t h,<space> 5.<space> J u n i.<space> B e i<space> d e m<space> G e w i t t e r<space> v o n<space> gestern Abend schlug der Blitz in die Weberei von Deweerth. Das dadurch entstandene Feuer konnte bald gelöscht werden. Der Betrieb ist nicht gestört.

* Köln, 5. Juni. Der Rhein forderte am gestri­gen Sonntage fünf Opfer. Ein auf dem Rhein­dampfer„Neptun" beschäftigter Kellner fiel in der Nähe desKaiserdenkmals in den Fluß. Bei Weißen­turm ertrank beim Baden ein 21jähriger Schnei­dergeselle. Desgleichen in Niedermendig ein 12­

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