Neusser Zeitung

Erscheint täglich mit Ansnahme der Sonn. IEa1 n

und Festtage. Dreis vierteljährlich in Neuß (.50 Mk., durch die Dost bezogen 1.65 Mk., mit illustr. Unterhaltungsblatt in Neuß 1.80 MIk., durch die Post bezogen 1.95 Mk. Druck und Verlag: R. Roack, Neuß. Telephon No. 57.

Amtliches

Kreisblatt

Nro. 124

Freitag, 2. Juni.(Erasmus.)

Anzeigen im lokalen Verkehr 12 Ofg., sonst 5 Ofg., die rgespaltene Oetitzeile oder deren Kaum. Reklamen 50 Ofg., die4gespaltene Oetitzeile oder deren Raum.

Für die Redaktion verantwortl. R. Noack, Expedition: Neuß, Neustraße 1.

1905. 80.

Die Seeschlacht in der Koreastraße.

Rußland ist um eine große Hoffnung ärmer: Von der großen Armada, die den Japanern die vor Port Arthur gewonnene Seeherrschaft in den ko­reanischen Gewässern wieder entreißen und dem ganzen für Rußland so ungünstigen Kriege eine neue, glückliche Wendung geben sollte, sind nur noch Trümmer vorhanden. Von den sieben Panzer­schiffen haben sich nur eines oder zwei retten kön­nen, die anderen sind gesunken oder weggenommen worden, und ebenso sind von den Kreuzern und Küstenpanzern nur kleine Reste übrig geblieben. Mit welchen japanischen Verlusten der Seesieg er­kauft ist, wird man erst später erfahren, aber im Vergleich zu den russischen sind die japanischen Ver­luste jedenfalls gering. Alle Mühen für die Aus­rüstung der baltischen Flotte, das Ausrücken in drei Geschwadern, die lange Fahrt um drei Erdteile herum, die endliche Vereinigung der Streitkräfte in den südchinesischen Gewässern, die Ueberwindung der Schwierigkeiten der Proviant= u. Kohlenver­sorgung der schwimmenden Menschen= und Maschi­nenkräfte— alles ist umsonst gewesen.

Die Seeschlacht bei der Insel Tschuschima in der Noreastraße ist weitaus die größte der neueren Zeit und wird zu den bedeutendsten Ereignissen der Weltgeschichte zählen. Sie erinnert an die See­schlacht bei Trafalgar, in der die zur Eroberung Englands ausgerüstete, an Zahl überlegene fran­zösische Flotte der erprobten Kriegskunst Nelsons und der besseren Schulung der englischen Offiziere und Matrosen unterlag. Sieben Jahre vorher war Nelson die Wegnahme der französischen Flotte bei Abukir während des ägyptischen Feldzuges Bona­partes geglückt. Ebenso und in kürzerem Zwischen­raume hat der japanische Admiral Togo der Sieges­palme von Port Arthur den Lorbeer von Tschu­schima hinzugefügt. Die unmittelbare Wirkung der Zerstörung der baltischen Flotte auf die Kriegs­lage in Ostasien wird die Bedrohung des russischen Kriegshafens Wladiwostok, die Besetzung der russi­schen Insel Sachalin und das Hinübergreifen des Landkampfes von dem mandschurischen auf alten, ussischen Boden sein. Nach dem Beispiele Port Ar­tyurs müß Wladiwostok früher oder später fallen, wenn nicht vorher Friede gemacht wird.

So ist die Lage in Ostasien für Rußland gegen­wärtig fast hoffnungslos, und es begreift sich, daß schon wenige Tage nach diesem letzten und vielleicht größtem Erfolge der Japaner aufs neue Friedens­gerüchte auftauchen. Insbesondere geht die Pariser Presse mit eindringlichen Mahnungen an Rußland voran, der„Temps“ beschwört förmlich den Zaren, den Kampf verloren zu geben. Trotz allem brauchte ein kraftvoll regiertes Rußland diesem Rate noch nicht zu folgen; denn die wirtschaftlichen Hülfs­quellen des Riesenreiches, an und für sich denen Japans weit überlegen, sind keineswegs erschöpft. und der tief im Volkscharakter wurzelnde Behar­rungstrieb hat schon manchen, schweren Sturm überdauern helfen.

Nach Petersburger Meldungen bot die Stadt Petersburg am Montag ihr gewöhnliches Bild, keine außergewöhnliche Bewegung war zu bemer­ken. Das erklärt sich daraus, daß die Zensur alle genauen Nachrichten über die Seeschlacht geheim hielt. Nur soviel durfte das Volk zunächst er­fahren, daß am 27. in der Straße von Korea eine

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Schloß Neuenhof

(Fortsetzung.)

„Die Luft ist hier erstickend heiß— wollen wir eine kleine Promenade durch den Garten machen? Unter den Bäumen wandelt es sich so schön— und ich weiß ein schattiges Plätzchen, dort ist es kühl kommen Sie, ich will es Ihnen zeigen! Auch möchte ich sehen, ob die Bühne schon ganz fertig ist.“— Bun

Sie sprudelte das alles hastig heraus. Der junge Schauspieler machte ein etwas er­stauntes Gesicht; denn es war noch niemals vor­gekommen, daß Elisabeth ihn zum Mitgehen auf­gefordert hatte. Und gerade jetzt war es ihm just nicht angenehm, fortgehen zu sollen, denn die Diener brachten soeben Wein und allerlei Erfrisch­ungen herbei, und man begann, sich um die Tafel zum Frühstück zu gruppieren, das Ludwig Mattern um keinen Preis versäumen wollte.

„Ich stehe nachher ganz zu Ihrer Verfügung, mein gnädiges Fräulein“, sagte er deshalb in schleppendem Ton,„doch jetzt, dächte ich, sollten wir den Herrschaften hier Gesellschaft leisten.“

.. mym sofort an der Tafel Platz, Elisabeth

heute diskPtsan, S######e und scherzte, und schien

heuts ausgelasen ua zu sein, so daß manch ver­wunderter Blick sie streifte. Es gelang ihr, alle zu täuschen, nur Karl von Wolfegg nicht. Be­roffen sah er auf, wenn das übermütige laute Lachen an sein Ohr schlug.

Die Gläser wurden gefüllt. Graf Arnold erhob oen sein geschliffenen Kelch mit dem funkelnden Wein, und rief gut gelaunt:„Meine Herrschaften lassen Sie uns anstoßen auf das Wohl des jungen Brautpaares— es lebe hoch!“

Karl von Wolfegg sah, wie die Hand Elisabeths zitterte, als sie ihr Glas erhob, im nächsten Augen­blick lag es in Scherben zersplittert am Boden, und sein Inhalt hatte sich im Fallen über ihr helles Sommerkleid gegossen.

Seeschlacht stattgefunden habe. Mittlerweile kamen Telegramme aus dem Auslande, die allmählich den Umfang der Niederlage ahnen ließen, die indes keinen rechten Glauben bei den Vielen fan­den, die sich über die mit solchen Nachrichten ver­sorgten Blätter stürzten. Man wollte eine amt­liche Mitteilung abwarten, was vorlag, galt für übertrieben. Einen Augenblick glaubte man gar an einen russischen Erfolg, als bekannt gemacht wurde, die Japaner hätten einen Kreuzer und zehn Torpedoboote verloren, Roschestwienski sei durch die Straße von Korea gelangt und dampfe rasch nach Wladiwostok. Dies erweckte den Ein­druck, als habe das russische Geschwader seinen Sieg teuer erkauft, zumal die Japaner nicht zu bewegen schienen, ihre Verluste zu gestehen. Viel­leicht hätten sie einen Pyrrhussieg errungen? In den amtlichen Kreisen gab man vor, nichts über den Ausgang der Schlacht zu wissen. Unterm 30. wurde dann aus der Hauptstadt berichtet, die Telegraphenagentur sei angewiesen worden, den Blättern die Nachrichten der ausländischen Presse über den Umfang und den Ausgang der Schlacht vorzuenthalten, so daß die Blätter darauf ange­wiesen gewesen seien, einige ihnen gestattete, aber einander widersprechende Meldungen zu veröffent­lichen. In den eingeweihten Kreisen sickerte die Wahrheit auch deshalb nicht gleich durch, weil man sich allgemein den kühnsten Hoffnungen für den Kampf zur See hingegeben hatte und sich nicht enttäuschen ließ. Die erste Nachricht des Kommandanten von Wladiwostok war zu kurz, als daß man daraus hätte Schlüsse ziehen können. Wenigstens glaubte man noch oder tat, als glaubte man Roschdestwienski sei nach Wladiwostok unter schweren Verlusten entkommen. Diejenigen Blätter, die nach dreimaliger Verwarnung die Unterdrückung zu befürchten haben, schwiegen sich vorsichtig ganz aus.

Politische Nachrichten.

— Der Fürst von Montenegro hat dem Kaiser das Großkreuz des tschernagorischen Unabhängig­keitsordens verliehen.

Eine bemerkenswerte Aenderung der bis­herigen Ausschmücung der Feststraße Unter den Linden zur Hochzeit des Kronprinzen ist inso­fern eingetreten, als die Umstellung des Denkmals Friedrichs des Großen mit Fahnenmasten wieder beseitigt wird. Die Holzsockel der Fahnenmasten an den Straßenecken werden jetzt mit rot und goldenen Ornamenten und Zierleisten versehen, an den Spitzen haben die Masten Blumenkörbe mit Rosen erhalten. Die Zuschauertribünen werden in aller Eile fertiggestellt. Die Vorderfronten der beiden großen Tribünen auf dem Pariser Platz sind schon mit rotem Stoffüberzug bekleidet. Die Bänke sind auch schon fertiggestellt. Es werden darauf im ganzen etwa 1400 Personen Platz fin­den. Noch mehr Raum als diese beiden Tribünen zusammen bietet die am Lustgarten, an der jetzt eifrig gearbeitet wird. Sie liegt dem Königlichen Schloß in seiner ganzen Länge gegenüber und enthält 20 Sitzreihen mit je 200 Plätzen hinter­einander, so daß hier etwa 4000 Personen Platz finden können. Erheblich kleiner ist die Tribüne

vor der Universität, wo nur ca. 1000 Personen untergebracht werden können.

Potsdam, 31. Mai. In Anwesenheit des

Kronprinzenpaares von Griechenland, des Prin­zen und der Prinzessin Arisugawa und des Fürsten von Montenegro stellte gestern der Kaiser den

Prinzen August Wilhelm in die 5. Kompagnie des 1. Garderegiments ein, dessen Kommandeur Oberst Freiherr v. Berg dankte und sodann ein Hoch auf den Kaiser ausbrachte. Generalleutnant v. Löwenfeld kommandierte die Parade.

Berlin, 31. Mai. Der Kaiser verlieh dem

Fürsten Nikolaus von Montenegro den Schwarzen Adlerorden.

— Der Landesverband der badischen Gewerbe­und Handwerkervereine, der etwa 25000 Hand­werker, also etwa die Hälfte aller Handwerker des Großherzogtums umschließt, faßte in seiner letzt­hin in Rastatt abgehaltenen Ausschußsitzung den Beschluß, gegen die etwa beabsichtigte Einführung der obligatorischen Meisterprüfung, wie sie neuer­dings vor norddeutschen Handwerkskammern an­gestrebt würde, entschiedenen Widerspruch zu er­heben. Dagegen fordert der badische Verband, durch die Gewerbeordnung zu bestimmen, daß nur derjenige Lehrlinge halten und anleiten darf, der 24 Jahre alt ist und die Meisterprüfung bestanden hat. Außerdem sollen bei den Vergebungen von Arbeiten des Staates und der Gemeinden die­jenigen Handwerker, die berechtigt sind, den Meistertitel zu führen, in erster Reihe Berücksichti­gung finden.

Paris, 30. Mai. Von einem Berichterstatter wird gemeldet, daß heute Nachmittag in der Avenue du Bois de Boulogne bei der Vorbeifahrt des Königs von Spanien ein Mann das Spalier durchbrach, mit einem Dolche in der Hand gegen den Wagen des Königs stürzen wollte und dabei den Ruf ausstieß:„Tod den Tyrannen! Nieder mit den Inquisitoren!“ Der Mann wurde sofort verhaftet. Es ist ein gewisser Garnery, Sekretär der Genossenschaft der Goldschmiedegehilfen, ein den Gerichten seit mehreren Jahren bekannter An­archist. Ferner wurde ein Gutsbesitzer namens de Cussy verhaftet, der bei der Vorbeifahrt des Präsidenten der Republik Beschimpfungen gegen diesen ausstieß. Die Menge wollte de Cussy lynchen; doch wurde er von den Polizeiagenten geschützt.

Amerika.

Brooklyn, 30. Mai. Bei der Enthüllung eines Denkmals für den verstorbenen General Slocum hielt Präsident Roosevelt eine Rede, worin er ausführte, daß es auch an Besonnenheit zuneh­men und vermeiden werde, andere Völker zu be­leidigen. Das Volk und die einzelnen Bürger sollten sich davor hüten, schlecht von anderen Völ­kern und Rassen zu sprechen. Der sicherste Weg für ein Volk, das Unglück heraufzubeschwören, sei, wenn es im Ueberfluß lebe und dabei aggressiv, aber nicht gerüstet sei. Dies führe ein Volk nicht nur ins Unglück, sondern es gebe sich auch der Verachtung der Menschen preis. Wenn die Flotte hinreichend gut sei, um eine lange Friedenszeit zu ertragen, würde die einzige Wahrscheinlichkeit,

daß eine Unruhe über die Nation komme, nur daraus entstehen, daß man die Flotte zu klein oder unwirksam werden lasse. Eine Flotte erster Klasse, die jeder gegnerischen Kombination ge­wachsen sei, sei die sicherste und billigste Garantie für den Frieden. Man sollte meinen, schloß der Präsident, daß jeder, der beobachtet, was in den letzten Jahren in der Geschichte des Auslandes und in unserer eigenen sich ereignet hat, blind sein müßte, wenn er diese Lehre nicht verstehen sollte.

Herrenhaus.

Berlin, 30. Mai.

Am Ministertische die Minister v. Podbielski und v. Budde.

Zunächst wird die Interpellation Cahensly. (Ztr.) verlesen, welche lautet: Ist es wahr, daß der bisherige, bis zum 1. April 1916 mit der Firma Siemens& Comp. abgeschlossene Vertrag bezüglich der fiskalischen Mineralbrunnen zu Niederselters und Fachingen aufgehoben, und daß diese Quellen dem Rechtsnachfolger dieser in Liquidation sich be­findenden Firma bis zum 1. April 1927 verpachtet worden sind?

Abg. Cahensly(Ztr.) begründet seine Inter­pellation mit dem Hinweis auf die Verteuerung dieser Mineralwässer, seit die Firma Siemens& Comp. diese Quellen gepachtet hat.

Minister v. Podbielski erklärt, der bestehende Vertrag ist nicht aufgehoben worden, aber verschie­dene Bestimmungen des Vertrages bedurften auch nach dem Urteil der Budgetkommission einer Aende­rung.

Nach kurzer Debatte und einem Schlußwort Ca­henslys(Zentr.) wird die Besprechung der In­terpellation geschlossen.

In dritter Lesung wird sodann der Gesetzentwurf über die Aenderung der Landesgrenze gegen Bre­men ohne Debatte endgültig angenommen.

Es folgt diezweite Beratung des Antrages Gaip auf Annahme des Gesetzentwurfs, betr. die Sper­rung von Mutungen auf Steinkohlen und Steinsalz auf fünf Jahre.

Auf Vorschlag des Abg. Gamp wird sogleich die dritte Lesung vorgenommen und debattelos wie die zweite Lesung beendet.

Nachdem das Haus sodann eine Reihe von Pe­titionen erledigt hat, vertagt es sich gegen 4 Uhr auf Mittwoch 12 Uhr.

Tagesordnung: Gesetz, betreffend die Verwaltung gemeinschaftlicher Jagdbezirke; Gesetz, betreffend die Prüfung überwachungsbedürftiger Anlagen, Petitionen.

Berlin, 30. Mai.

Am Bundesratstisch Kolonialdirektor Stübel, Staatssekretär Nieberding und Schatzsekretär Stengel.

Präsident Graf Ballestrem eröffnet die Sitzung um 1,20 Uhr.

Das Haus ist mäßig besetzt.

Petitionen, welche zur Erörterung im Plenum als nicht geeignet erachtet wurden, werden durch Kenntnisnahme für erledigt erklärt.

„Ach, wie man nur so ungeschickt sein kann!“ rief sie lachend.„Sie können zufrieden sein, Herr von Wolfegg— Scherben bedeuten Glück! Sie werden ja zweifellos riesig glücklich werden, und ich wünsche es Ihnen von ganzem Herzen— denn — Sie verdienen es wirklich!“

Er neigte, ohne ein Wort zu erwidern, zustim­mend das Haupt. Er sah auffallend blaß aus. Seine Braut fiel mit ihrer dünnen Stimme ein: „Wir danken für Ihren liebenswürdigen Glück­wunsch!. Er muß sich erfüllen, denn wir lieben uns ja so sehr! Nicht wahr, Karl!“

„Gewiß, mein Kind!“

Die Antwort klang ein wenig ungeduldig, den­noch schien die junge Braut sehr befriedigt zu sein. Sie ließ ihre Augen mit triumphierendem Ausdruck im Kreise herumgehen. Elisabeth glaubte das alles nicht mehr länger ertragen zu können. Sie hatte das dringende Bedürfnis, den grenzenlosen Jammer ihrer Seele laut hinauszuschreien, und hier mußte sie-lachen— lachen, damit niemand ahnte, wie es in ihrem Innern tobte, wie ihr Herz blutete bei dem Gedanken, daß nun alles Glück für immer dahin sei. Der kleine Zwischenfall mit dem zerbrochenen Glase war bereits wieder ver­gessen. Die Unterhaltung war eine sehr lebhafte und drehte sich um alle möglichen Gegenstände. Ludwig Mattern, den der Wein sehr gesprächig machte, blinzelte verliebt nach Elisabeth. Er er­zählte ihr, daß er heute die Verlobungsanzeige einer Kollegin erhalten habe, die ihn in riesiges Erstaunen versetzte. Das Mädchen sei achtzehn, ihr Bräutigam aber schon fünfundsechzig Jahre alt.

„Dieser Bräutigam ist wohl sehr reich?“ fragte Clisabeth mit blitzenden Augen.

„Nun, das ist wohl selbstverständlich, lautete die lachend gegebene Antwort.

„Und da wundern Sie sich noch?“ rief Elisabeth. „Ich bitte Sie, was wird heutzutage um Geld nicht alles gemacht! Da kauft man Liebe, Treue, Freundschaft, Achtung.—— alles— alles für

Geld! O, wie ich solche Menschen verabscheue! Wie sie ringen und jagen, und achtlos andere in den Staub treten, um des schnöden Mammons willen! Was gilt ihnen ein Menschenherz? Nichts!— Geld wollen sie haben, um ein Leben in Lust und Freude führen zu können! Alles andere ist Neben­sache!“

„Sie tun den Menschen Unrecht, mein Fräulein, man darf die Motive einer Handlung nicht be­dingungslos verallgemeinern,“ sagte Karl von Wolfegg ruhig.„Nicht immer ist es die Sucht nach Lust und Freude, welche eine Handlung be­stimmt. Es giebt doch schließlich noch andere Gründe.“

Ton und Blick des Mannes gaben Elisabeth die Besinnung wieder. Sie entgegnete anscheinend heiter:„Streiten wir nicht darüber; es ist ja auch ganz gleichgiltig. Aber jetzt entschuldigen mich die Herrschaften wohl— ich muß das Kleid wech­seln infolge meiner vorigen Ungeschicklichkeit.“

Damit verneigte sie sich graziös und schritt, das goldschimmernde Köpfchen hoch erhoben, dem Aus­gang zu. Draußen blieb sie aufatmend stehen, beide Hände auf das klopfende Herz gepreßt.

„Was unsere kleine Liesel nur heute hat“, meinte Graf Arnold gedankenvoll, indem er dem Mäd­chen nachsah.„Sie scheint mir sehr erregt, so ganz anders als sonst.“——

Es war in früher Mittagsstunde. Elisabeth ging durch den vom Sonnengold durchfluteten Garten.: Sie wollte die kurze Zeit, die ihr noch bis zur Ankunft der Gäste aus der Nachbarschaft blieb, allein verbringen und setzte sich auf eine von dichtem Rosengebüsch überwucherte einsame Bank.

Dort war es so feierlich still, sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und blickte träumerisch den weißen, am Himmel dahin segelnden Wölkchen nach. Süßes Vogelgezwitscher klang aus allen Zweigen, die Grillen zirpten leise im Grase, ein sanfter Wind trug den Duft der Reseden zu ihr hin, summend flogen die Bienen von Blume zu

Blume. Elisabeth schloß die Augen. Ihre Ge­danken eilten zurück zu der Heimat, zu der glück­lichen Zeit, wo er, der jetzt einer anderen gehörte, so oft neben ihr herschritt und sie ansah, so innig, so lieb und gut, und ihr erzählte von seiner Jugend­zeit, die so reich an Entbehrungen war, von seiner Mutter und den Schwestern. Damals lag das Leben vor ihr wie ein sonniger Maimorgen, wie ein blühender Garten. Und nun? Dunkel war es um sie her geworden, dunkel und trostlos öde. So bald war das Glück wieder von ihr gegangen, um nie, nie mehr zurückzukehren.——

Plötzlich schreckte sie empor aus ihren Träumer­eien. Ein rascher Schritt näherte sich dem stillen, einsamen Plätzchen, und als sie aufblickte, stand — Karl-v. Wolfegg vor ihr.

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie da­voneilen, wie abwehrend streckte sie beide Arme aus, doch besann sie sich, und saß dann mit fest auf einander gepreßten Lippen da. Auf ihrem schönen Gesicht lag ein finsterer, trotziger Aus­druck, und das Herz schlug in so rasendem Tempo, daß sie fürchtete, der vor ihr Stehende könnte es hören.

„Ich habe Sie gesucht, Elisabeth, denn ich muß Sie sprechen,“ sagte er möglichst ruhig, doch vermochte er das Beben seiner Stimme nicht ganz zu unterdrücken. Er machte eine Bewegung, als wollte er ihre Hände erfassen. Sie kreuzte mit spöttischem Auflachen die Arme über die Brust.

„Mich— sprechen?" wiederholte sie.„Was hätten wir beide uns wohl noch zu sagen, Herr von Wolfegg?“

„Elisabeth,“ bat er dringend,„nicht diesen Ton, ich ertrage es nicht! Lassen Sie uns ruhig mit einander reden, wir werden uns verstehen, ohne viele Worte.“

„Entschuldigen Sie, mein Herr— aber meine Zeit ist gemessen, ich habe mich ohnehin zu lange hier aufgehalten. Ich muß zum Schlosse zurück, die Gäste werden bald hier sein,“ kam es in eisigem Ton von des Mädchens Lippen.(Forts. folgt.)

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