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Mikrotilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V.

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Nummer 17

Erstes Blakt

Kurze Tagesneuigkeiten

Vornntersuchung gegen Scheringer abgeschlossen.

* Berlin, 20. Jan. Die Voruntersuchung gegen den früheren Reichswehroberleutnant Scherin­ger, der jetzt der KPD. angehört, ist abgeschlossen worden. Scheringer steht bekanntlich in dem Ver­dacht, sich der Vorbereitung zum Hochverrat schul­dig gemacht zu haben. Die Akten, die von dem Untersuchungsrichter beim Landgericht 1 geführt worden sind, werden nunmehr dem Oberreichs­anwalt nach Leipzig zugehen.

Geheimrat Duisberg feiert sein goldenes Doktor­

jubiläum.

* Berlin, 20. Jan. Von der Preußischen Aka­demie der Wissenschaften wurde Geheimrat Duis­berg zur Erinnerung an seine vor 50 Jahren(21. Januar 1882) in Jena erfolgte Promotion zum Dr. phil. ein Diplom überreicht.

Inkrafttreten der neuen Butterzollsätze.

* Berlin, 20. Jan. Im Reichsanzeiger vom 20. Januar 1932 wird die Verordnung der Reichs­regierung über die Aenderung des Butterzolls veröffentlicht. Die neuen Zollsätze für Butter treten am 23. Januar 1932, der neue autonome Zollsatz für Quark aus Magermilch. Molken=Ei­weiß dagegen erst am 1. Februar 1932 in Kraft. Wieder Störung einer Vorlesung Professor Dehns

* Halle a. d. S., 19. Jan. Die Vorlesung des im Zusammenhang mit dem Universitätskonflikt in letzter Zeit viel genannten Professors der Theo­logie Dehn, wurde heute abend dadurch gestört, daß ein Student auf dem Korridor vor dem Hör­saal einen sogenannten Kanonenschlag zur Explo­sion brachte. Der Täter flüchtete, wurde aber von dem Pedell festgenommen.

Wie in Universitätskreisen erklärt wird, hat sich innerhalb der Dozentenschaft die Stimmung in den letzten Tagen sehr zu ungunsten Professor Dehns entwickelt. Seine Schrift„Kirche und Völ­kerversöhnung— Dokumente zum Halleschen Kon­flikt" stoße allgemein auf scharfe Ablehnung. Wie verlautet, haben sich Rektor, Senat und theologische Fakultät bereits an den preußischen Kultusmini­ster gewandt, da er es allein in der Hand habe, den Frieden in Halle wiederherzustellen. Ob diese jüngste Entwicklung, wie behauptet wird, die Ge­fahr einer Schließung der Universität tatsächlich akut werden lasse, könne im Augenblick noch nicht übersehen werden.

Erster Probeflug von Do. X 3.

* Friedrichshafen, 20. Jan. Das für Italien bestimmte Flugschiff Do. X 3 führte heute seinen ersten Probeflug aus. Unter Führung von Chef­pilot Wagner überflog es heute nachmittag in schnellem elegantem Fluge Friedrichshafen. Flugzeugabsturz in Darmstadt.

* Darmstadt, 20. Jan. Ein neues Flugzeug der akademischen Fliegergruppe Darmstadt wurde gestern nachmittag bei einem Versuchsflug völlig zerstört. Der Pilot brachte die Maschine in 1200 Meter Höhe in eine Rechtskurve, aus der sie trotz wiederholter Versuche aus bisher noch nicht aufge­klärten Gründen nicht herausgebracht werden konnte. Der Pilot sprang mit dem Fallschirm ab und kam unversehrt zu Boden. Die Maschine ging restlos in Trümmer.

Zugentgleisung bei Erfurt

* Erfurt, 20. Jan. Bei der Einfahrt eines Per­sonenzuges in den Bahnhof Leubingen stürzte ge­stern abend aus unbekannter Ursache der drittletzte Wagen plötzlich um und brachte die letzten Wagen zur Entgleisung. Während die Fahrgäste mit dem Schrecken davonkamen, wurde der Zugschaffner so schwer verletzt, daß er bald darauf im Krankenhaus starb.

Auflösung des Jesuitenordens in Spanien?

* Paris, 20. Jan. Nach einer Mitteilung aus Madrid hat der von der Regierung eingesetzte Ju­ristenausschuß zur Prüfung der Frage der ver­fassungsrechtlichen Zuständigkeit der Ausweisung der Jesuiten diese Frage bejaht. Voraussichtlich werde nun bemnächst eine Verordnung des Ju­stizministers über die Auflösung des Jesuiten­ordens in Spanien erscheinen.

Beim Gottesdienst ausgeplündert.

* Sofia, 21. Jan. In Kirdjali(Südbulgarien) überfielen fünf maskierte und schwer bewaffnete Banditen eine Moschee während des Gottesdien­stes. Etwa 30 türkische Beter mußten die Hände hochhalten, während die Räuber ihre Opfer durch­suchten und das erbeutete Geld sowie die Wert­sachen in einem Gebetteppich sammelten. Ein Türke, der kein Geld bei sich hatte, wurde ausge­zogen und verprügelt. Dann forderten die Räu­ber, daß die Andächtigen für das glückliche Ent­kommen der Räuber beten sollten. Danach muß­ten sich alle Anwesenden mit dem Gesicht auf Boden legen, worauf die Banditen die Moschee­türen abschlossen und flüchteten. Die Eingeschlosse­nen wurden erst nach zwei Stunden befreit. Haftbefehl gegen den ehemaligen Kaiser von China

* London. 20. Jan. Nach britischen Meldungen hat die chinesische Regierung Haftbefehl gegen den ehemaligen chinesischen Kaiser Puji, den Gouver­neur von Charbin, Tschangtschinghui, und andere sapanfreundliche Persönlichkeiten erlassen.

Donnerstag, den 21. Januar 1932

Graulng gegen Verlangerung des

Eine Erklärung an den britischen Botschafter

Hödder Jahres

Frankreich und Lausanne

* Berlin, 20. Jan. Der englische Botschafter in Berlin, Sir Horace Rumbold, hatte am Dienstag nachmittag im Auftrag seiner Regie­rung mit der Reichsregierung Fühlung genom­men, ob das Deutsche Reich mit einer Verlänge­rung des Hoover=Moratoriums um ein Jahr einverstanden sei. Reichskanzler Brüning hat, wie verlautet, in ablehnendem Sinne geant­wortet.

Von unterrichteter Seite wird dazu noch ge­meldet: Es ist richtig, daß Sir Horace Rumbold eine längere Unterhaltung mit dem Kanzler ge­habt hat. Eine andere Antwort, als sie Dr. Brü­ning ihm gegeben hat, konnte er schon deshalb nicht erhalten, weil die Verlängerung des Hoo­verjahres nur eine Maßnahme sein würde, die im Rahmen des Youngplanes bleibt und die Lö­sung erneut für längere Zeit hinauszögert. Au­ßerdem würde ein zweites Hooverjahr die Ueber­nahme weiterer deutscher Verpflichtungen bedeu­ten. Die Sachverständigen, die ja schließlich auch von Frankreich mit berufen worden sind haben aber ausdrücklich festgestellt, daß das Deutsche Reich nicht zahlen kann, daß die Initiative zur Beseitigung der gegenwärtigen Schwierigkei­ten über den Youngplan hinausgehen müsse und daß Gefahr im Verzuge ist. Sie haben die Re­gierungen kategorisch aufgefordert so schnell wie möglich zu handeln. Dieser Bericht der Sachver­ständigen muß für die weitere Entwicklung maß­gebend sein, wenn es gelingen soll, die Welt über die Krise hinwegzubringen. Bis zum Ablauf des Hooverjahres, also bis zum 1. Juli, sind es noch über fünf Monate; das ist nach deutscher Auf­fassung eine ausreichende Zeit, um eine vernunft­gemäße Lösung herbeizuführen, die die Verlän­gerung des Feierjahres überflüssig machen würde.

Leider läßt es Frankreichs Haltung aber immer zweifelhafter erscheinen, ob die Kon­ferenz von Lausanne zu dem vorgesehenen Zeit­punkt beginnen kann. Die Wahl von Lausanne entspricht dem französischen Vorschlag, dem Eng­land und schließlich das Deutsche Reich zugestimmt haben, obwohl namentlich die Reichsregierung gern einen anderen Konferenzort gesehen hätte. Frankreich hat außerdem erreicht, daß der Kon­ferenzbeginn verschoben wurde. Die franzö­sische Regierung hat zwar vermieden, zu dem Da­tum des 25. Januar ihre offizielle Zustimmung zu erklären. Bisher ist im letzten Stadium der Konferenzvorbereitung aber immer nur vom 25. Januar die Rede gewesen und Frankreich hat schon durch sein Stillschweigen sein Einverständnis kundgegeben. Nun scheint es jedoch, daß wegen des Datums neue Schwierigkeiten aufgetaucht sind. Man spricht schon davon, daß infolge des französischen Sträubens mit einer erneuten Ver­schiebung der Konferenz zu rechnen sei. Dieser Eindruck beruht vorläufig auf ausländischen Stimmen, die die Möglichkeit andeuten, daß Eng­land nichts anderes übrig bleiben werde, als die Einladung zur Lausanner Konferenz zurückzu­ziehen. Auch wenn diese Ankündigung sich bestä­tigt, kann kein Zweifel darüber sein daß die Reichsregierung mit aller Entschiedenheit gegen eine erneute Verschiebung der Konferenz ist.

Es ist zu bedauern, daß die Ablehnung der Reichsregierung an Englands Adresse gerichtet werden mußte, während sich der wirkliche Stö­renfried Frankreich im Hintergrund hält. Aus London ist mehrfach mitgeteilt worden, daß man „an sich“ einer sofortigen Inangriffnahme der endgültigen Lösung der Tributfrage keineswegs abgeneigt sei, daß man aber den„Schwierigkeiten der diplomatischen Lage“ Rechnung tragen. d. h. auf Frankreich Rücksicht nehmen müsse. Wir stehen also bereits mitten im Kampf um die von den Sachverständigen empfohlene und von Ber­lin mit voller Energie angestrebte Endlösung, der sich auf dem diplomatischen Vorfeld abspielt. Die nächste Entscheidung liegt jetzt bei England, das sich nun darüber schlüssig werden muß, ob es seinen Einfluß doch noch im Sinne der Berliner Absichten geltend machen oder ob es bei seiner Rücksichtnahme auf Frankreich bleiben will.

Trivvttonferenz im Mai

Die Bedeutung der Unterredung Brüning=Rumbold

* Berlin, 20. Jan. Der Unterredung, die am Dienstag abend zwischen Brünina und dem englischen Botschafter. Sir Horace Rumbold, stattgefunden hat, wird in politischen Kreisen große Bedeutung beigemessen. Man darf anneh­men, daß durch diese Unterredung eine gewisse Klärung der Tributfrage insofern stattgefunden hat, als nunmehr der deutsche Standpunkt ein­wandfrei feststeht. Der Reichskanzler hat nicht

nur den Vorschlag, das Hoover=Jahr um zwölf Monate zu verlängern, abgelehnt, sondern auch dem englischen Botschafter erklärt, daß die deut­sche Regierung auch jeden anderen Vor­schlag ablehnen müsse, der eine Verlän­gerung des Hoover=Feier=Jahres bedeute, auch wenn es sich nur um die lebhaft besprochene Ver­längerung bis zum 15. Dezember handele. Die Reichsregierung steht unbedingt auf dem Stand­punkt, daß bis zum Ablauf des Hoover=Feier­jahres am 30. Juni d. J. eine Klärung der Reparationsfrage herbeigeführt werden muß. Eine Verlängerung des Hoover=Feierjah­res würde für das Deutsche Reich eine Anerken­nung des Mechanismus des Youngplanes bedeu­ten und zugleich eine wirtschaftliche und politische Unehrlichkeit darstellen, da das Reich tatsächlich nicht in der Lage ist, jetzt oder in Zukunft irgend­welche Reparationen zu zahlen.

In politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß die Lausanner Konferenz bereits heute als er­

edigt gelten kann. Jedenfalls wird sie am nächsten Montag nicht beginnen. Voraussichtlich werden die diplomatischen Besprechungen über die Tributfrage weitergehen. Das Ziel dieser Be­sprechungen wird darin bestehen müssen, eine Tri­butkonferenz vor Ablauf des Hoover=Feierjahres zustandezubringen, vielleicht im Mai 1932. Man glaubt in maßgebenden Kreisen der Regierung, daß bis dahin die öffentliche Meinung in den Gläubigerländern etwas geneigter zu einer ob­jektiven Erörterung des Tributproblems ist.

Frankreich wird keinesfalls zahlen, wenn E N.# Deutschland nicht zahlt

Jan. Die Regierungserklärung Lavals findet in der Regierungspresse starken betont die völlige Einigkeit von der Rechten bis zur äußersten Linken über den wesentlichen Punkt der französischen Außenpoli­tik, daß Frankreich keinesfalls zahlen werde, wenn Deutschland nicht zahle, und„Echo de Paris“ warnt das Ausland vor Illusionen über das Ausmaß der innenpolitischen Streitigkeiten in Frankreich. Die Oppositionspresse verhält sich kritisch. So stellt die radikale„Republique“ die Engherzigkeit in der Reparationsfrage und in einer anderen Auslassung die Tendenz Briands einer Tendenz Marin gegenüber. Der„Quoti­dien“ schreibt, die Regierungserklärung habe kei­nen Schwung. Sie beziehe sich nur auf die un­mittelbaren Probleme und sei in unbestimmten Wendungen gehalten, die in Frankreich weder be­ruhigen noch zufriedenstellen könnten. Laval habe sprechen müssen, aber nichts gesagt.„Oeuvre“ hebt die Ansprache des Kammerpräsidenten hervor, die dafür Zeugnis ablege, daß das französische Volk nicht bereit sei, auf Briands Politik zu verzichten.

Lausanner Konferenz kann am 25. Januar nicht stallfinden

“ London, 20. Jan. Das britische Auswärtige Amt veröffentlicht ein Kommuniqué, in dem es heißt: Die Verhandlungen zwischen den an der Lausanner Konferenz hauptsächlich interessierten Regierungen sind noch nicht beendet. Es liegt auf der Hand. daß die Konferenz nicht schon am 25. Januar, dem provisorisch festgesetzten Datum, er­öffnet werden kann. Weitere Verhandlungen fin­den gegenwärtig statt. Die britische Regierung hofft, daß binnen wenigen Tagen eine befriedi­gende Vereinbarung über das einzuschlagende Verfahren zustandekommt.

103 Jahrgang

Ein erwägenswerler Vorschlag

* Berlin, 20. Jan. Die französische Kammer­debatte über die Tributfrage hat für uns keiner­lei Ueberraschungen gebracht. Sie verlief im Rah­men dessen, was wir aus dem französischen Par­lament gewöhnt sind. Allein der sozialdemokra­tische Führer Leon Blum hat einen Vorschlag gemacht, der auch nach unserer Auffassung durch­aus erwägenswert ist. Blum hat nämlich die französischen Angaben über die bisherigen deut­schen Leistungen für Wiederaufbauzwecke beanstan­det und angeregt, es möge eine unparteiische in­ternationale Nachprüfung der bisherigen deutschen Tributleistungen erfolgen. Dagegen läßt sich vom deutschen Standpunkte nichts einwenden, voraus­gesetzt natürlich, daß die Unparteilichkeit des prü­fenden Gremiums gewährleistet ist. Deutschland hat eine solche Untersuchung nicht zu scheuen, und nach Informationen in Berlin wäre die Reichs­regierung auch bereit, einer derartigen Nachprü­fung zuzustimmen. Wie wir übrigens weiter er­fahren, beabsichtigt die Reichsregierung eine amt­liche deutsche Mitteilung über die Höhe der bisher erfolgten deutschen Tributleistungen binnen kur­zem zu veröffentlichen. Dies ist zu begrei­fen, weil es höchste Zeit ist, daß die in­ternationale Welt über den wahren sachlichen Stand der Tributfrage aufgeklärt wird. Wenn die Franzosen immer noch so tun, als benötigten sie die deutschen Zahlungen zur Wiederherstellung der zerstörten Gebiete, dann ist das natürlich nichts als ein krasser propagandistischer Schwindel. In Wirk­lichkeit sind die Kosten für den Wiederaufbau Nordfrankreichs längst überzahlt, und die Fran­zosen haben jährlich rund eine halbe Milliarde Mark eingesteckt, um sie zu Rüstungszwecken zu gebrauchen. Die Welt aber hat kein Interesse daran, dieser friedensgefährdenden französischen Politik noch weiter Vorschub zu leisten.

Noch kein Ergebnis der Stillhalte­bechäublungen

Berlin, 20. Jan. Ueber die Berliner Still­halteverhandlungen ist heute in einem Berliner Blatt zu lesen, daß der bekannte Plan einer zehnjährigen Stillhaltung für die sogenannten Kassenkredite unter allmählicher Abtragung in halbjährlichen Quoten von je 5 Prozent bei Auf­

eines Vetorechts der Reichsbank bei Gefährdung der Währung durch den Transfer neuerdings wieder in den Vordergrund gerückt sei. Dazu verlautet von unterrichteter Seite, daß von einer grundlegenden Wendung der Dinge in den Verhandlungen keine Rede sein kann. Der erwähnte Plan steht, wie alle übrigen Vorschläge, noch immer zur Erörtetung und es kann heute noch nicht gesagt werden, ob er zur Annahme ge­langen wird. Sicher scheint nur soviel zu sein, daß die Stillhalteverhandlungen Ende dieser Woche zum Abschluß kommen werden. Erst dann wird man die Oeffentlichkeit über den Inhalt des ungemein schwierigen Vertragswerkes unter­richten.

Machenschaften im Memelgebiel

* Memel, 20. Jan. Der litauische Gouverneur hat die Privatreise des Präsidenten des Landes­direktoriums, Böttcher und zweier Landtags­abgeordneter nach Berlin, gegen die, wie gemel­det, auch die litauische Regierung beim Auswärti­gen Amt protestiert hat, zum Anlaß genommen, um eine neue Krisenmache im Memelgebiet ins Werk zu setzen. Der Gouverneur fordert den Rücktritt der Landesregierung, die sich angeblich des Hoch= und Landesverrats schuldig gemacht hat. Da der Präsident des Direktoriums dieses Ansin­nen zurückgewiesen hat, versucht der Gouverneur, die Landtagsparteien dazu zu bewegen, der Lan­desregierung das Mißtrauen auszusprechen. Außerdem hat er ein Landesverratsver­fahren gegen den Präsidenten und die beiden Abgeordneten angedroht. Diese Machenschaften haben im Memelgebiet große Empörung ausge­löst, um so mehr, als das ganze Verbrechen der Berliner Reise darin besteht, daß die drei Memel­länder als Vertreter der Landwirtschaft bei den zuständigen deutschen Stellen versuchen wollten, neue Ausfuhrmöglichkeiten für Schweine nach dem Deutschen Reich zu schaffen, um der memelländi­schen Landwirtschaft ihren schweren Existenzkampf zu erleichtern. Selbstverständlich haben es die Landtagsparteien abgelehnt, den Wünschen des Gouverneurs zu entsprechen.

Der Kampf um den Brospreis

* Berlin, 20. Jan. Der Germaniaverband der Bäcker wird am Mittwoch abend den Preissen­kungskommissar schriftlich darauf hinweisen, daß seit der letzten Preisvereinbarung die Mehlpreise fast im ganzen Reich um rund zwei Mark gestie­gen seien. Diese Steigerung müsse sich unbedingt auf den Brotpreis auswirken, da die Verdienst­spanne soweit gesenkt worden sei, daß sie keine Bewegungsfreiheit zulasse. Der Preissenkungs­kommissar habe sich zwar inzwischen mit dem Reichsernährungsministerium wegen einer Sen­kung der Mehlpreise in Verbindung gesetzt, jedoch sei noch nichts in dieser Richtung geschehen. Unter diesen Umständen sei eine Erhöhung des Brot­preises unvermeidlich.

Neue poltische Schlägerei

Vier Verletzte

* Berlin, 20. Jan. In den Colibri=Sälen in Schöneberg fand am Dienstag eine kommunistische Versammlung statt, in der nach dem etwa 2½= stündigen Referat des Hauptredners ein Ver­sammlungsteilnehmer weitere drei Viertelstun­den sprach. Als er am Schluß ein dreifaches „Rotfront“ ausbrachte, in das etwa 25 Versamm­lungsteilnehmer stehend einstimmten, entstand eine Schlägerei, in deren Verlauf vier Personen verletzt wurden, die der Rettungsstelle zugeführt werden mußten. Sechs angeblich parteilose Ver­sammlungsteilnehmer wurden zwangsgestellt. Bei Ausbruch der Streitigkeiten verließen die übrigen Versammlungsteilnehmer— etwa zur Hälfte Frauen— fluchtartig den Saal.