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der deutschsprachigen Presse e.V
2. Beilage für
„DasSauerland“.
Jonntagsblatt
Nummer 26
29. Juni 1934
das kleine lier
Von Hildegard Korff
Wer noch nie in seinem Leben Gelegenheit hatte, das kleine, das junge Tier näher zu beobachten, der sollte nichts unversucht lassen, sich diese Freude zu verschaffen. Man kann wenige Tage alte Entlein sehen, wie sie, aufgeregt und unsicher, sich anstrengen, ihrer Mutter auf dem unsicheren Wasser zu folgen. Verliert aber eines dieser kleinen Wesen wirklich einmal seinen Weg, so steuert die alte Ente ihre Fahrt und wartet, bis sich ihr Kind wieder eingefunden hat. Dieses ist so rührend mitanzusehen, daß man sicher manchem Menschenkinde solche Mutter wünscht. Besonders bösartig und wütend werden ja die Gänsemütter, wenn man in die Nähe ihrer Kleinen kommt. Der ohnehin schon lange Gänsehals wächst unversehens ins riesenhafte, um Arm oder Bein eines solchen Eindringlings zu schnappen.
Junge Zicklein und Schäfchen schmiegen oft ungeniert ihre hellen Köpfchen mit dem kurzen, etwas harten Fall an den Wanderer, und ihre Liebe kennt keine Grenzen mehr, wenn man ihnen eine Rübe, ein Stückchen Schokolade oder ähnliches schenkt. Mit kleinen, eckigen Bewegungen hüpfen sie auf viel zu dünnen Streichholzbeinchen um einen herum, daß man Angst hat, ihnen ein Glied zu knicken.— In dem sprichtwörtlich schmutzigen Schweinestall gibt es nichts Saubereres als die Ferkelchen, die prall und rosig im Stroh liegen; ihre Schnäuzchen sind so zart wie Pfirsichhaut, mit denen sie ewig saugende Bewegungen ausführen.— Wer hat schon einmal vier oder fünf junge Kätzchen ruhen sehen, die schlafend lächeln, obwohl die feingezeichneten Mäulchen nach unten hängen? Sie sind bezaubernd!
Man wird mit Recht nichts Besonderes darin finden, daß die Jungen unserer Haustiere anschmiegsam und zutraulich zu uns Menschen sind, da sie von altersher an uns gewöhnt sind. Aber wie steht es mit dem Tierkind von Löwe, Bär und Tiger, die den Menschen in Hütten und Wäldern überfallen und zu vernichten suchen? Da habe ich die Feststellung gemacht: das Tier ist gut, wie der Mensch gut ist im Grunde seiner Seele, und wird wie er meist erst durch äußere Umstände und Umgebung in eine Abwehr= oder Angriffsstellung getrieben.
Ich habe einen zehn Wochen alten Bären auf dem Arm gehabt, d. h. in meinen Armen lag ein struppiges Wollknäuel, das an meinem Finger saugte und lutschte, als sei er eine Milchflasche, und ich habe dabei nur das eine peinliche Gefühl gehabt, dieses sich vertrauensvoll an mich schmiegende Teddykind zu betrügen, indem ich him ja in Wirklichkeit gar nichts zu trinken geben konnte. Zwei acht Wochen alte Löwenbabies saßen würdevoll im Sand und warteten, daß man ihnen ihren kleinen Spielgefährten wieder reiche. Kleine Löwen sind Aristokratenkinder, aber dabei nicht minder lieb und zahm, nur vermeiden sie die unendlich komischen und tapsigen Bewegungen des Bärkindes nach dem Freßnapf, den der Bär auch dann noch zu erwischen sucht, wenn er wirklich schon nicht mehr zu erreichen ist. Das Löwenkind begnügt sich bei derartigen Veranstaltungen mit dem Zusehen, indem es seinen kleinen, schlanken Leib mit bezaubernder Anmut in den Sand legt und den Kopf majestätisch, wie er es von seinen Eltern gelernt hat, in Pose hält.
Das Tierkind in seiner Hilflosigkeit und Würde, seiner Gutheit und seinem Vertrauen muß auch jedem Nichttierliebhaber die Tierwekt liebenswer: machen.
Der Hund
Von Ferdinand Avenarius
Wir knieten um dich, alle im Rund,
Und keiner dachte: da stirbt nur ein Hund— Du stolzes Tier, du lieber Gesell,
Noch einmal war dein Auge hell,
Jetzt strecktest du dich, ganz vornehm und groß, Dann sank dein Kopf in meinen Schoß.
Und wie ich dir leise die Haare strich,
Als junges Geschöpf wieder sah ich dich:
Als tollenden, übermütigen Tropf,
Im Maul einen großen Blumentopf.
Sah, wie ich dich ins Haus gebracht,
Und wie sie über dich gelacht.
Deine dummen Streiche schwebten vor mir, Und wie du lerntest, du kluges Tier,
Sah wachsend deine sprungfrohen Sehnen, Zu edelschlanken Gliedern sich dehnen.
Und sah dich, wie du Schritt um Schritt, Wohin wir gingen, gingest mit, Fidel mit unserem frohen Mut Und tierlich uns tröstend, ging's nicht gut. Dann, wie du einst schlimm erkranktest, Hund, Und wie wir uns sorgten: wirst du gesund? Ja, damals ward uns allmählich klar,
Was langsam aus dir geworden war...
Nun neben der Türe zu unserem Haus Heben wir dir ein Lager aus.
Schlafe da ruhig! Ein junger Fant Rimmt dir die Wacht ab. Doch kommt über Land
Mal recht was Böses und will hinein:
Ich weiß, wirst du am Platze sein.
(Aus„Deutsche Lyrik“.)
Des Aulang: Serojen
Von Erwin Spang
Erst zwanzig Jahre ist es her und doch schon Geschichte! Jener Junivormittag, der in der bosnischen Hauptstadt Serajewo den Weltbrand auslöste, der erst vier Jahre später eingeengt werden konnte, aber auch heute noch nicht völlig gelöscht ist.
28. Juni 1914! Ueberall in der Welt wird man mit Grauen an diesen Tag denken. Keinen gibt es, dem dieser Krieg nicht Wunden riß, kein Land, Sieger oder Besiegter, das reicher, glücklicher, froher durch ihn wurde. Zu entsetzlich war das Echo, das jene Schüsse von Serajewo auslösten.
Qualvoll die Wochen danach. Erntezeit in Europa. Aber die fleißigen Arbeiter auf den Feldern heben oft den Kopf, als lauschten sie auf das ferne Donnergrollen, das das heraufziehende Gewitter ankündigen soll. Jeder sieht, wie auf der einen Seite der Krieg gewollt wird, sieht die fieberhaften, immer hoffnungsloser werdenden Bemühungen der anderen, den Frieden zu retten, gleichviel um welchen Preis. In den Außenministerien der Hauptstädte werden in diesen Wochen in keiner Nacht die Lichter gelöscht. Und in den Generalstäben weiß man sich vor Arbeit nicht zu retten...
So taumelt Europa— nein, die Welt! — in das Verderben, das jeder kommen sieht, dem keiner mehr auszuweichen vermag. Und heute noch, zwanzig Jahre danach, ist die Welt krank, fiebergeschüttelt, verwirrt.
Am Anfang aber standen, als sichtbares Zeichen, die Schüsse, die dem Leben des österreichischen Thronfolgerpaares ein jähes Ende setzten. Nicht, als ob mit ihnen das Unheil an sich begonnen hätte. Zu lange schon brannte das Feuer unter der Decke. Die Schüsse erst gaben ihm den Raum, nun als offener Brand mit wütender Gewalt sein Zerstörungswerk fortzusetzen.
Wenige Sekunden nur waren es— und doch genügten sie, eine Welt aus den Fugen zu reißen. Was halfen da, angesichts so elementarer Gewalten, noch Telegramme und Fürstenbesuche! Unter dem pfeifenden Geräusch der Mordpistole nahm ein furchtbares, vernichtendes Schicksal seinen Lauf.
In der Geschichte des 20. Jahrhunderts wird von Serajewo und diesem 28. Juni gesprochen werden, solange überhaupt geschichtliche Aufzeichnungen bestehen. Wie aus einem abgrundtiefen Dämmerschlaf wurde die Welt aufgejagt, um wenige Wochen später in einen ebenso tiefen Abgrund zu versinken. Bis dahin war Serajewo eine unbekannte Stadt„irgendwo da unten auf dem Balkan". Kaum ein Mensch außerhalb der österreichischen Verwaltung kannte diesen Namen. Nun war er mit einem Schlag in aller Munde, so wie später die Worte Skagerrak oder Versailles. Ein paar Schüsse, von einem Fanatiker abgefeuert, gaben einer Balkanstadt den Weg in die Geschichte frei.
Zwanzig Jahre zurück gehen die Gedanken. Kaum können sie sich noch an Friede und Ruhe vorher besinnen. Not und Verderben nur hat die Generation gekannt, die seitdem heranwuchs. Acht Buchstaben stehen am Anfang. Schicksalsschwer, wie ein dunkler Ausspruch der Gottheit selbst. Die acht Buchstaben des Wortes: Serajewo!