„Die Lippische Landes=Zeitung= erscheint mit Ausnahme der Sonn= und Festtage täglich und werden in derselben die amtlichen Bekanntmachungen des Amtsblattes für das Fürstenthum Lippe in besenderer Radrik veröffenzlicht.

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Verantwortlicher Redacteur August Klingenberg. Druck und Verlag der Meyer'schen Hofbuchdruckerei(Gebr. Klingenberg) in Detmold.

D1e 02. Meittwoch, 14. März. 1883.

Fürst Gortschakoff F.

Wir meldeten bereits in der gestrigen Nummer den Tod des Fürsten Gortschakoff und lassen nun noch nachstehende Mittheilungen über das Leben dieses „Diplomaten der alten Schulen folgen:

Gortschakoff's staatsmännisches Wirken war von so tiefeingreifendem Einflusse auf die Gestaltung der Be­ziehungen Rußlands zum Auslande und auf die Ge­schicke der von Rußland politisch abhängigen Staaten, daß man sagen kann, es scheidet mit ihm ein Stück Weltgeschichte aus dem Leben. Nach Beendigung seiner Studien wandte er sich der diplomatischen Karrière zu und hatte zuerst als Attaché des Grafen Nesselrode auf den Kongressen von Laibach und Verona Gelegenheit, sich praktisch auf dem Felde der europäischen Politik zu orientiren. Nachdem er in London, Florenz und Wien untergeordnete diplomatische Funktionen ausgeübt, wurde er 1841 Gesandter in Stuttgart und 1850 unter Bei­behaltung dieses Postens zugleich russischer Bevoll­mächtigter am deutschen Bundestage. Seit 1854 russischer Gesandter in Wien, wirkte er mit solcher Energie und Geschicklichkeit für die Sache Rußlands, daß ihn Kaiser Alexander II. im April 1856 zum Minister des Auswärtigen erhob. Als solcher ließ er keine Gelegenheit unbenutzt, einen entschiedenen Gegensatz gegen Oesterreich hervorzukehren, welcher die Signatur seiner ganzen folgenden Wirksamkeit bildete. Seinem Einflusse ist es überhaupt beizumessen, daß sich Alexanders II. Regierung völlig frei machte von der früheren traditionellen Politik Rußlands und ganz neue politische Verbindungen suchte. Es gelang ihm, die durch den Krimkrieg entfachte Abneigung Alexanders gegen Napoleon III. zu dämpfen und eine Annäherung mit Frankreich zu bewirken, die auch für Italien russische Sympathien zeitigte. Bei den Russen machte er sich besonders populär durch die energische Zurückweisung der Einmischungsabsichten des Auslandes in den pol­nischen Aufstand vom Jahre 1863. Der deutsch­französische Krieg gab ihm die Möglichkeit, eine der für Rußland empfindlichsten Folgen des Krimkrieges, nämlich das Verbot, eine Flotte im schwarzen Meere zu halten, zu beseitigen, was den Russen im letzten russisch=türkischen Kriege sehr zu statten kam.

Die Freuden des Lebens hat der Verblichene bis in

sein hohes Alter mit vollen Zügen genossen. Zur Zeit des letzten Türkenkrieges, als er den Schauplatz seiner politischen Aktion nach Bukarest verlegt hatte, beschäftigte sich die chronique scandaleuse der rumänischen Haupt­stadt mit Niemand so sehr, als mit dem jetzt verstorbenen Fürsten Gortschakoff; er pflegte sich durchaus keinen Zwang in dieser Hinsicht aufzuerlegev. In den öffent­lichen Lokalen von Bukarest trank er an lauen Sommer­abenden Champagner in einer Umgebung, in dr man den leitenden Staatsmann eines großen Reiches nicht hätte suchen sollen. Ebenso pflegte er in Baden=Baden und in Nizza auf die Wahrung des Dehors nicht allzusehr bedacht zu sein. Seit den letzten Jahren be­gleitete ihn als Pflegerin, wie er sie selbst nannte, eine Dame aus Berlin, die man in der„monde, oü’on ’amuse“ sehr genau kennt. Sie war dem Fürsten Gortschakoff außerordentlich zugethan und er seinerseits hing mit großer Zärtlichkeit an ihr. Er hat der be­treffenden Dame eine Villa in Baden=Baden ge­schenkt und auch sonst ihr vielerlei Beweise seiner Zuneigung gegeben. Sie dürfte jedenfalls bis zu einem gewissen Grade mit unter den Erben des Ver­storbenen figuriren. Fürst Gortschakoff war mit einer geborenen Prinzessin Urussoff vermählt gewesen, die, als sie zur Fürstin Gortschakoff wurde, bereits an den Grafen Mussin Puschkin verheirathet gewesen war. Die Ehe hat nur fünfzehn Jahre gedauert, denn im Jahre 1853 ist die Fürstin Gortschakoff gestorben. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne, von denen der eine im russischen Hofdienst, der andere im russischen diploma­tischen Dienst steht. Der ältere, Fürst Michael Gort­schakoff, der gegenwärtig dretundtierzig Jahre zählt, war längere Zeit russischer Gesandter in Dresden, dann in Vern und gegenwärtig(seit Januar 1879) in Madrid.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus. Sitzung vom 13. März. Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um 12½ Uhr. Am Ministertische: Dr. Friedberg, Lucius, v. Puttkamer und Scholz. Das Haus tritt in die Tagesordnung ein. I. Zweite Berathung der Hundesteuervorlage. Abg. Francke(Sezess.) fürchtet von den Bestimmungen der Vorlage Unzuträglichkeiten zwischen den Gemeinden und der Polizei. Abg. v. Benda(Nationalliberal) bittet, die Vorlage anzunehmen, da sie die beste Lösung der

schon seit Langem schwebenden Frage bringt. Auch in der Besteuerung der Militärhunde wird die Regierung sich, wie Redner hofft, nachgiebig zeigen. Abg. Zelle (Fortschritt) ist gegen das Gesetz, weil das Hauptprinzip desselben, die Luxusbesteuerung nicht entschieden genug zum Ausdruck komme. Abg. v. Ludwig verlangt, daß die Steuerpflicht nur für solche Hunde bestehe, die die Milchzähne gewechselt haben, das Alter von 3 Monaten, wie es die Vorlage festsetzt, sei nicht zweckmäßig gewählt. Der diesbezügliche Antrag wird indeß abgelehnt, ebenso eine Reihe anderer Anträge, und die Kommissionsfassung überall angenommen. Bei§ 5 kommt die Frage der Militärbesteuerung zur Erörterung. Die Regierungs­vorlage bestimmt, daß die Erträge der Grundsteuer, welche servisberechtigte Militärpersonen zu zahlen haben, zur Verwendung für militärische Wohlthätigkeitszwecke an die Militärbehörde gezahlt werden sollen. Die Kommission hat diese Bestimmung gestrichen. Es würde also auch diese Steuer der Militärpersonen der Ge­meindekasse zufließen. Abg. v. Resselmann(Konservativ) beantragt, die Regierungsvorlage wiederherzustellen, da sonst durch diese Bestimmung das Gesetz für die Re­gierung unannehmbar sein würde. Abg. Seelig(Fort­schritt), die Hundesteuer hat die gleiche Bedeutung, wie die Lösung eines Jagdscheines; wie hier, so sollte auch bei der Hundesteuer das Militär keine Sonderstellung einnehmen. Abg. Dr Wagner(Konservativ) die Hunde­steuer ist eine direkte Verbrauchssteuer, während für den Jagdschein nur eine Gebühr gezahlt wird. Abg. Dirichlet (Fortschritt) dieser Unterschied ist nicht klar. Uebrigens müssen die Kommunen schwere Lasten für die Angehörigen der Militärs tragen; es ist nicht unbillig, wenn diese auch Steuern an die Kommune zahlen. Reg.=Kommissar Tschirschwitz bestreitet die Belaftung der Kommunen durch Militär=Angehörige. Abg. Richter=Hagen: In Crossen haben die Offiziere, deren Kinder dort zur Schule gehen, verlangt, daß das Realgymnasium von der Kommune in ein Vollgymnasium umgewandelt werde, widrigenfalls die Garnison verlegt werden würde. Regierungs=Kommissar: Ich hatte nur die Unterstützung

Nothleidender im Sinne. Die Regierung steht übrigens entschieden auf dem Standpunkte, daß die Militärhunde­steuer auch nur dem Militär zu Gute kommen darf. — In namentlicher Abstimmung wird der Antrag Resselmann abgelehnt mit 180 gegen 163 Stimmen.

„Das Donauweibchen“, wiederholte sie, nein sonder barer Name für eine Statue, aber ein schönes Sujet!" Ein gewisser Neid kam in ihre Seele, sie hätte dem unbekannten Künstler seinen Sieg entreißen und ihrem Verlobten zuwenden mögen. Warum hatte er sich nicht betheiligt? Und nun wurde dies Donauweibchen, von dessen Schönheit man schon sprach, bevor es noch Jemand, außer den verschwiegenen Mitgliedern der Kommission gesehen, ausgestellt, vielleicht neben das Werk Ede's, das neben ihm verschwand.„Nein!“ sagte sie unwillkürlich laut und entschieden, ihr Muth und ihr Vertrauen wuchsen.

„Wie geht es Marie?“ fragte sie.

„Sie ist ganz entsetzt über den schnell hier bekannt gewordenen Wechsel der Domanin'schen Verhältnisse. Sie sieht schon im Geiste Frau von Domanin am Stickrahmen, für Geld ihr Augenlicht opfernd, und Ede in einer Bildhauerwerkstatt, um Lohn arbeitend. In ihrer Weise stellt sie sich Alles dunkler hin, als es ist.“ Mit Stolz fügte er hinzu:„Sie hat aber sofort ge­

sagt, wir müßten, wenn es nöthig wäre, unser ganzes Vermögen hingeben für sie, wollte auch nach Eurer Ankunft sogleich ihre Theilnahme ausdrücken.“

„Da würde sie einen üblen Empfang haben; Frau von Domanin ist außer sich und entschlossen, jedes Wort des Beileids für eine Beleidigung zu halten! Jetzt wird sie mit ihrem Bevollmächtigten sprechen; noch im Laufe des Tages will ich hingehen und ihr meine Vorschläge machen. Sie wird dann etwas ruhiger sein und mich wenigstens anhören!“

Als Frau von Domanin die Treppe hinaufstieg, kam Ede ihr von oben entgegen.„Sie weiß noch Nichts! Wie wird sie es aufnehmen?" dachte er. Und sie vermied, ihn anzuschauen, weil sie sich sagte: „ Freies Schaffen in seiner Kunst hat ihn beglückt, es ist gut, daß er jetzt arbeiten und verdienen muß, aber es wird ihn hart treffen.“

(Fortsetzung folgt.)

Das Vonauweibchen.

dem Leben eines Künstlers von George Baron Dyherrn.

(Fortsetzung.) 20

Thränen des Zornes traten ihr in die Augen.

„Ich glaubte, Du stelltest die Menschen nicht hoch genug, um Dich über sie zu ärgern. Wenn man still sein Loos erträgt und mit sich allein seine Sorgen ab­macht, dann imponirt man ihnen am meisten.“

„Nein, nein!“ rief die erregte Frau,„ich gehöre nun einmal nicht zu den Weibern, die mit nieder­geschlagenen Augen ihre Suppe essen!: Sie eilte hinaus und stampfte empört eigenhändig einige Sachen in ihren Koffer, warf ihre Schmucksachen, ohne sie anzu­sehen, in eine Schatulle und dachte dabei immer an Ede.

Als sie in der Stadt nach einer schweigsamen Fahrt anlangten, begleitete Errha Frau von Domanin in ihr Palais; sie hielt eine Theilnahme, die be­ständig zu trösten sucht, für unstatthaft und fuhr allein in ihre Wohnung. Sie traf ihren Bruder zu Hause. Er hatte spät die wenigen Worte durch den reitenden Boten erhalten und sich bereits genau orientirt.

„Nach einer herzlichen Begrüßung sprach er: nEs ist, wie ich fürchtete; das Vermögen, welches in den beiden Banken deponirt war, ist verloren. Frau von Domanin wird ihr Palais verkaufen müssen, wenn sie, um zu leben, ein Kapital in der Hand haben will. Indeß ist es möglich, daß die Sache sich später noch andert und ein Theil wenigstens gerettet wird.“

„Ich verstehe nichts von Geschäften, Eck, ich dachte nur, es sei meine Pflicht, jetzt einzutreten. Ich werde den Palast kaufen und Frau von Domanin, die natür­lich dort wohnen bleibt, die Summe herauszahlen!“ „Sie wird das Opfer nicht annehmen“, bemerkte er. „Sie wird es mir zurückgeben, wenn sie arrangirt ist. Allerdings würde sie es vorziehen, alle ihre Habe zu verkaufen, ehe sie selbst von ihrer Schwiegertochter

ein Geschenk annähme! Niemand Anders darf auch er­fahren, daß ich hierbei betheiligt bin.“

„Das wird sich nicht vermeiden lassen, Errha; übrigens begreife ich nicht, warum Du es nicht offen und frei thun solltest. Als der Braut Domanin's steht es Dir sehr wohl zu.“

„Ich hoffe, Ede ist Deiner Ansicht!“ sagte sie.

Er ergriff ihre Hand.„Schwester, viel habe ich Dir abzubitten.“

Erstaunt sah sie ihn an.

„Meinen Zweifel an Dir!“ erklärte er weiter.

„Laß vergangene Schatten nicht in die Gegenwart fallen. Jedes scheinbare Unheil kann Gutes in sich bergen. Wären jene Verleumdungen nicht gewesen, so hätte meine Verlobung noch nicht stattgefunden und ich wäre jetzt nicht berechtigt, Domanin's zu helfen; dann war ich auch beleidigt, daß Du mich nicht zur Vertrauten Deiner Liebe machtest und dachte: Er hat sein Geheimniß und ich das meine!"

„Du bist gut, daß Du mir verzeihst, Errha. Du kannst nicht mehr gelitten haben, als ich.“

„Ich trage die Schuld, mein Bruder, ich glaubte mich zu hochstehend, um für Schmähungen erreichbar zu sein, es war ein Irrthum und— ich hätte Dir vertrauen sollen, weshalb ich Ede besuchte und warum ich unsere Verlobung noch geheim halten wollte.

Er schloß sie in seine Arme. Er hatte die Statue noch nicht gesehen, von der sie ihm damals auf dem Heimritt erzählt. Ede erlaubte ihm eben so wenig den Eintritt in sein Atelier, wie den Anderen.

„Gestern Abend war ich noch spät im Klub, man sprach fast nur von dem Donauweibchen, dessen Modell preisgekrönt wordenkist. Niemand hat es gesehen, Nie­mand kennt den Meister, der nun wohl mit seinem Namen hervortreten wird; man fabelt von seiner un­vergleichlichen Schönheit. Ich will doch Ede fragen, ob er nichts davon weiß. Das Modell soll ausgestellt werden, wie ich höre.“