Bezugspreis:
Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgedühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifdano.25(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Haunover 67877.
mit den Beilagen„Für Herz und „Rndengabdek zund„Insen
Anzeigenpreis:
Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig, Reklame 30 Pfg. Beilagen unter Wgje tausend 15 Mi. Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkouto Hannover 67377.
Nr. 270.
Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Mittwoch, den 18. November 1931.
13. Jahrgang.
Wenn wir in höchsten Nöten sein Und wissen nicht, wo aus noch ein,
Und finden weder Hülf noch Rat,
Ob wir gleich sorgen früh und spat:
So ist dies unser Trost allein,
Daß wir zusammen insgemein Dich anrufen, o treuer Gott,
Um Rettung aus der Angst und Not.
Emgmmmz mm gi
Wir!
Ach Herr, unsre Missetaten haben's ja verdienet; aber hilf doch um deines Namens willen! denn unser Ungehorsam ist groß, damit wir wider dich gesündigt haben. Jer. 14, 7.
Der Landesbuß= und=bettag stellt uns, wenn er ernst zenommen wird, vor die Frage:„Wie stehst du zu der Sünde deines Volkes?“ Und hiermit ist eine entscheidende Frage gestellt, denn man kann sich nur auf zweierlei Weise zu der Sünde des Volkes stellen. Entweder so, daß man sagt, sie geht mich nichts an, sie haben gesündigt, oder so, daß man sich mit verhaftet fühlt; wir haben gesündigt. So leicht, wie es dem Menschen wird, sich mit seinem Volk zusammenzuschließen, wenn etwas Großes darin geschieht, so schwer tut er denselben Schritt bezüglich der Lasten, die auf dem Volke liegen. Leicht ist es zu sagen, wir haben gesiegt, wir haben eine große Entdeckung gemacht, obwohl doch der einzelne meist gar nicht bei diesem Großen mitgewirkt hat. Aber wer ist bereit zu sagen, wir haben gesündigt? Die Last der Schuld wird hin= und hergeworfen ein schwerer Ball. Sie haben gesündigt, so sagt ein Volk im Blick auf die andern. Siehaben gesündigt, so ruft in immer steigender Erbitterung eine Partei über die andere. Ja, so geht's hinein auch bis ins kirchliche Leben. Wo nur eine andere Glaubensart entdeckt wird, da wird der Finger ausgestreckt mit dem harten starren„sie“.
Nur der Mensch Gottes kann es zustande bringen, zu sagen: wir. Jeremias konnte es, obwohl er— und vielleicht noch ein verschwindend kleiner Rest von Frommen — wie der einzige Gerechte im Volke dastand. Aber er will nicht mit seiner Gerechtigkeit sich über das Volk erheben. Er will als ein Glied am Leibe dieses Volkes sich mit ihm und seinen Sünden ganz zusammenfassen, in der Tiefe vor Gott stehen, nichts von seiner Gerechtigkeit in die Wagschale legen:„Hilf, hilf um Deines Namens willen.“
Wenn wir ganz wahr vor Gott stehen, dann sollte sich wahrlich das„wir“ wie von selbst auf unsere Lippen drängen. Wo ist denn bei uns— ich rede von der Christengemeinde— die Gerechtigkeit, nach der wir uns trennen dürften von unserem Volk und seinen Sünden? Nennt doch nur eins, was uns heute Not macht! Sei es das schlechte Umgehen mit anvertrautem Gut, sei es der Wille der Herrschsucht, sei es selbst die Macht der niedrigen Tiebe des Menschen. Dringen nicht alle diese dunklen Wasser der Sünde in irgendeinem Maße auch in die Gemeinde ein? Aber das ist ja noch das geringste; nicht durch ihre Tugend, sondern durch ihren Glauben sollte sich ja die Gemeinde von der Welt unterscheiden. Im Glauben aber ist sie die Empfangende, die aus der Kraft des Herrn leben und lieben kann und so seinen Namen ehren darf. Wenn nun von den Kräften des Glaubens und der Liebe so wenig in der Gemeinde offenbar wird, ist dann nicht Grund genug dazu da, daß der Name des Herrn um ihretwillen gelästert wird in der Welt? Und ist es nicht eine Sünde, die schwerer wiegt als die Weltsünde, wenn wir Anlaß zu solcher Lästerung des Namens Christi gegeben haben?
Einer ist's, der uns noch ganz anders als Jeremias in die Tiefe zieht, in welcher wir das„Wir“ sagen können, sagen müssen. Das ist der Herr, der ganz unten steht, da er sich für uns zur Sünde machen ließ. So habe ich nun wie Er neben denen zu stehen, die sich„Gottlose“ nennen, und neben denen, die es sind. Auch neben denen, an deren Frömmigkeit ich viel aussetzen zu müssen glaube. Und in dieser Tiefe darf ich stehen neben dem Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, darf ich flehen, hilf doch um deines Namens willen und nur so darf ich auch auf Vergebung und Hilfe für mich selbst und mein Volk hoffen.—mn.
Gesinnungserweichung.
Von D. Martin Ulbrich.
Der skandalöse Sklarekprozeß, der ein übles Kleeblatt dunkler Ehrenmänner auf die Anklagebank gebracht hat, deckt nicht nur einen ungeheuren und allzulange geübten Betrug auf, der die Reichshauptstadt um viele Millionen geschädigt hat, sondern er läßt uns auch tiefe Blicke in ein verfaultes Gesellschaftsleben tun, das auf ein unersättliches Genießen bedacht ist, ohne daß die Teilnehmer sich sonderliche Bedenken machten, woher die Mittel dazu kamen. Bei den Veranstaltern gingen angesehene Persönlichkeiten aus allen Schichten aus und ein, und sie ließen es sich wohlgefallen, daß man=sie mit allerlei Herrlichkeiten, die Zunge und Gaumen ergötzen, fütterte. Und die noch nicht zu den Festlichkeiten Zulaß bekommen hatten, ließen es sich nicht verdrießen, bei den bewunderten Geldmännern zu antichambrieren, in der Hoffnung, ebenfalls bald zu ihnen in engere Beziehungen zu treten.
Wenn man vielleicht nicht allen Gästen des Sklarekkreises nachsagen darf, daß ihre Harmlosigkeit im Mitgenießen der kostbaren Delikatessen und Weine erlogen war, so muß es doch den objektiven Beurteiler befremden, daß es möglich war, daß die Betreffenden sich solange durch den Talmiglanz und das Scheingepränge blenden ließen, so daß sie skrupellos alles mitmachten, wozu man sie einlud. Und es ist kein gutes Zeichen für den Scharfblick dieser Leute, daß sie nichts von der Unsauberkeit der Verhältnisse spürten, sondern sich noch geehrt fühlten, wenn sie ihre facsimilierten Unterschriften auf dem Sklarekschen Freundschaftsbecher anbringen durften.
In der Welt hat es wohl immer Schmarotzer gegeben, die es sich an den Tischen der Reichen wohl sein ließen. Aber das waren minderwertige Menschen, deren Ehrbegriff wenig ausgebildet war. Aber hier geht es um viele Persönlichkeiten in verantwortungsvollen Stellen, um Träger von wichtigen Ghrenämtern, bei denen man ein starkes Gefühl für das, was Recht und Unrecht ist, voraussetzen mußte. Die Gäste kamen und ließen sich einfangen und machten unbedenklich alles mit, was man ihnen zumutete, und sie bedankten sich obendrein dafür, daß soviel von dem Glanze der Gastgeber auf sie überging. Und es blieb nicht bei der Tischgeselligkeit. Aus der Gastfreundschaft wurden Gefälligkeiten und Vorteilszuwendungen plumper Art, die sonst von korrekten Ehrenmännern zurückgewiesen werden. Und kamen etlichen Leuten Bedenken, so konnten sie nicht mehr zurück, weil sie in ihrer Ahnungslosigkeit sich schon allzutief hatten verstricken lassen.
Und woher kam das alles? Es rächt sich eben, wenn Leute in höhere öffentliche Aemter berufen werden, die keine blasse Ahnung von den mannigfaltigen Aufgaben besitzen, die sie im Auftrag der Allgemeinheit zu lösen, haben. Es fehlte ihnen der unbestechliche Beamtensinn und die unwandelbare Berufstreue, die gegen die mannig, fachen Versuchungen der gegenwärtigen Zeit genügend Festigkeit verleiht. Es fehlte vor allem der Scharfblick, der die bloße Maske der Wohlanständigkeit von echtem korrekten Wesen unterscheidet. So konnte es geschehen, daß ein Mann wie der Stadtrat Gaebel, der für die Vorgänge typisch ist, ahnungslos eine Beute der Sklareks wurde und mit ihnen auf die Anklagebank kam, von der aus er in seiner Selbstrechtfertigung äußerte:„Wie sollte ich denn Mißtrauen gegen die Sklareks gehabt haben? Alles verkehrte doch bei ihnen. Ueberall, an den amtlichen Stellen waren sie angesehen. Sie waren die großen Leute von Berlin. Jetzt verlangt man von mir, dem kleinen unbedeutenden Gaebel, daß ich Mißtrauen gegen die großmächtigen Sklareks hätte haben sollen.“ So standen viele andere und dachten in derselben Art. Die Mükken flogen ins Licht und verbrannten sich, weil der Wind sie dahin wehte. Und auf diese Weise wuchs der Kreis der Sklarekverehrer, die sich's bei den üppigen Tischen wohl sein ließen. Und je mehr Leute sich darum sammelten, um so schwerer war's, die Wahrheit zu erkennen.
Und fragt man nun, von was für einer Macht in letzter Linie der unheimliche Zauber ausging, der so vielen Menschen die Augen blendete? Es war die Macht des Geldes, des nichtswürdigen Mammons, dessen verderbliche Art durch den Sklarekskandal wieder einmal aufgedeckt wird. Alle Glieder des Sklarekkreises waren bewußt oder unbewußt dieser Macht verfallen. Dadurch wurden die Bedenken verscheucht und die Gesinnung erweicht bis zur inneren Verlumpung, wie sie ärger nicht gedacht werden kann. Die Vorgänge erinnern an die Gründerzeit in den Jahren nach dem deutsch=französischen Kriege, in welcher Henry Stroußberg— eigentlich Baruch Hirsch
Strausberg— mit seinen verwegenen Eisenbahngründungen sich einen bedenklichen Ruf erwarb, bis der üble Verlauf des rumänischen Unternehmens ihm den Hals brach. Was für vornehme Leute verkehrten damals in den Prachtsälen seines Berliner Palais, das heute die englische Botschaft inne hat! Aber es muß diesem Manne zur Ehrenrettung nachgesagt werden, daß er kein bewußter Betrüger war, sondern nur ein wagehalsiger dem vieles geglückt ist. Ob man in dieser Weise die Sklareks entschuldigen darf, ist zweifechäft. über wie
die Dinge auch liegen mögen, der christliche Beurteiler ist entsetzt über die ungeheure Verderbnis, die wieder einmal der unselige Mammonshunger angerichtet hat, so daß erneut das Wort der Schrift zur Wahrheit geworden ist:„Die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, welche versenken die Menschen in Verderbnis und Verdammnis“ Das müssen wir uns sagen in dieser trüben glaubenslosen Zeit in der sich die Menschen nicht mehr vom heiligen Gottesgeiste strafen lassen. Und so sehen wir in den Vorgängen ein gerechtes Gottesgericht, das uns zur Einkehr und Umkehr treiben muß. Sonst erfährt einmal unser ganzes Volk das furchtbare Gottesurteil: Gewogen, gewogen und zu leicht befunden!
Auf der Schwelle des X. Jahres.
Große Kundgebungen haben vor einiger Zeit in ganz Italien stattgefunden. Das italienische Volk hat nämlich die Wiederkehr des 28. Oktober festlich begangen. Vor 9 Jahren hat Mussolini den historischen Marsch auf Rom angetreten. Die parlamentarische Lage war damals verworren. Der Ministerpräsident Facta hatte sich als uns hig erwiesen, die Geschicke Italiens zu leiten. Mussolin der seine Stunde kommen sah, verlangte 5 Ministerien, Auflösung der Kammer, Wahlreform und Neuwahle Seine Forderungen wurden abgelehnt. Nach der Vorsch in Neapel, am 24. Oktob. 1922, zog der Duce 200 000 F0 schisten zusammen und gab ihnen den Befehl, Rom zu setzen. Von Padua aus begann der Vormarsch der Schwarzhemden. Ohne lange Unterhandlungen und Gefechte wurden alle telegraphischen und telefonischen Verbindungen in der ganzen Halbinsel unterbrochen. Eisenbahnstationen, Post= und Telegraphen=Aemter wurden besetzt. Ein Teil des Heeres verbrüderte sich mit den Schwarzhemden, die in wenigen Tagen Nord= und Mittelitalien in die Hände bekamen. Sie drangen in Rom ein. Groß war die Bestürzung und Verwirrung. Das Ministerium erbat vom Kö nig die Genehmigung, den Belagerungszustand zu verhängen. Vittorio Emmanuele, der vielleicht Blutvergießen befürchtete, lehnte ab. Zunächst beabsichtigte man, den alten Taktiker und Menschenkenner Giolitti, der stets für die Neutralität Italiens im Kriege eingetreten war, zur Bildung einer neuen Regierung zu berufen. Der Gedanke wurde aber bald fallen gelassen. Der frühere Ministerpräsident Salandra, der Italien in den Krieg getrieben hatte, sollte mit der Neubildung eines Kabinett betraut werden. Mussolini ging aber aufs Ganze. In „Popolo'Italia“ erklärte er am 29. Oktober, daß er nicht mobilisiert hhabe, um ein Kabinett Giolitti oder Salandra erstehen zu lassen.„Die Faschisten“, so schrieb er, „wollen die Macht, und sie werden sie auch bekommen.“ Der König rief Mussolini zu sich. Am 30. Oktober 1922 morgens 11 Uhr, traf der Duce in Rom ein, begrüßt von einer großen Menschenmenge. Im offenen Auto fuhr er zum Palast des Königs, nach dem Quirinale. Dort erhielt er den Auftrag, eine neue Regierung zu bilden.
Wie alle Revolutionen, die willens sind, eine neue Aerea einzuleiten, hat auch der Faschismus eine eigene Zeitrechnung eingeführt. Das Jahr l beginnt am 28. Oktober 1922, also an dem Tage, an dem die Faschisten zum Marsch auf Rom mobilisiert worden sind. Die Bezeich nung Jahr I, l usw. ist nicht allein in den Verwaltungsakten anzutreffen, sondern wird in der Geschäfts= und nicht selten in der Privatkorrespondenz gebraucht.
Am 28. Okt. eines jeden Jahres finden besondere Feierlichkeiten statt. Diese bestehen zumeist aus Ginweihungen öffentlicher Arbeiten. Diese Einweihungen verfolgen einen doppelten Zweck. Sie wollen einmal zeigen, daß
das faschistische Regime wirklich hält, was es verspricht. Darüber hinaus wollen diese Veranstaltungen aber auch den Italienern Gelegenheit geben, an der Entwicklung des nationalen Lebens Anteil zu nehmen. Damit erweist sich Mussolini als Menschenkenner. Denn diese Kund gebungen hinterlassen beim Volke einen tieferen Ein druck als die Verabschiedung von Gesetzen, über deren Richtigkeit oder Unrichtgkeit nicht selten sogar bei den Fachleuten Unstimmigkeit und Unklarheit herrscht. Ge
668 8 Nhgaps