Ausgabe 
13 (18.11.1931) 270
Seite
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Nr. 270.

Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Mittwoch, den 18. November 1931.

13. Jahrgang.

Wenn wir in höchsten Nöten sein Und wissen nicht, wo aus noch ein,

Und finden weder Hülf noch Rat,

Ob wir gleich sorgen früh und spat:

So ist dies unser Trost allein,

Daß wir zusammen insgemein Dich anrufen, o treuer Gott,

Um Rettung aus der Angst und Not.

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Wir!

Ach Herr, unsre Missetaten haben's ja verdienet; aber hilf doch um deines Namens willen! denn unser Ungehorsam ist groß, damit wir wider dich gesündigt haben. Jer. 14, 7.

Der Landesbuß= und=bettag stellt uns, wenn er ernst zenommen wird, vor die Frage:„Wie stehst du zu der Sünde deines Volkes?“ Und hiermit ist eine entscheidende Frage gestellt, denn man kann sich nur auf zweierlei Weise zu der Sünde des Volkes stel­len. Entweder so, daß man sagt, sie geht mich nichts an, sie haben gesündigt, oder so, daß man sich mit verhaftet fühlt; wir haben gesündigt. So leicht, wie es dem Men­schen wird, sich mit seinem Volk zusammenzuschließen, wenn etwas Großes darin geschieht, so schwer tut er den­selben Schritt bezüglich der Lasten, die auf dem Volke liegen. Leicht ist es zu sagen, wir haben gesiegt, wir ha­ben eine große Entdeckung gemacht, obwohl doch der ein­zelne meist gar nicht bei diesem Großen mitgewirkt hat. Aber wer ist bereit zu sagen, wir haben gesündigt? Die Last der Schuld wird hin= und hergeworfen ein schwerer Ball. Sie haben gesündigt, so sagt ein Volk im Blick auf die andern. Siehaben gesündigt, so ruft in immer steigender Erbitterung eine Partei über die an­dere. Ja, so geht's hinein auch bis ins kirchliche Leben. Wo nur eine andere Glaubensart entdeckt wird, da wird der Finger ausgestreckt mit dem harten starren„sie“.

Nur der Mensch Gottes kann es zustande bringen, zu sagen: wir. Jeremias konnte es, obwohl er— und viel­leicht noch ein verschwindend kleiner Rest von Frommen — wie der einzige Gerechte im Volke dastand. Aber er will nicht mit seiner Gerechtigkeit sich über das Volk erheben. Er will als ein Glied am Leibe dieses Vol­kes sich mit ihm und seinen Sünden ganz zusammen­fassen, in der Tiefe vor Gott stehen, nichts von seiner Ge­rechtigkeit in die Wagschale legen:„Hilf, hilf um Dei­nes Namens willen.“

Wenn wir ganz wahr vor Gott stehen, dann sollte sich wahrlich das„wir“ wie von selbst auf unsere Lippen drängen. Wo ist denn bei uns— ich rede von der Chri­stengemeinde— die Gerechtigkeit, nach der wir uns tren­nen dürften von unserem Volk und seinen Sünden? Nennt doch nur eins, was uns heute Not macht! Sei es das schlechte Umgehen mit anvertrautem Gut, sei es der Wille der Herrschsucht, sei es selbst die Macht der niedri­gen Tiebe des Menschen. Dringen nicht alle diese dunk­len Wasser der Sünde in irgendeinem Maße auch in die Gemeinde ein? Aber das ist ja noch das geringste; nicht durch ihre Tugend, sondern durch ihren Glauben sollte sich ja die Gemeinde von der Welt unterscheiden. Im Glauben aber ist sie die Empfangende, die aus der Kraft des Herrn leben und lieben kann und so seinen Namen ehren darf. Wenn nun von den Kräften des Glaubens und der Liebe so wenig in der Gemeinde offenbar wird, ist dann nicht Grund genug dazu da, daß der Name des Herrn um ihretwillen gelästert wird in der Welt? Und ist es nicht eine Sünde, die schwerer wiegt als die Welt­sünde, wenn wir Anlaß zu solcher Lästerung des Namens Christi gegeben haben?

Einer ist's, der uns noch ganz anders als Jeremias in die Tiefe zieht, in welcher wir das„Wir“ sagen können, sagen müssen. Das ist der Herr, der ganz unten steht, da er sich für uns zur Sünde machen ließ. So habe ich nun wie Er neben denen zu stehen, die sich„Gottlose“ nennen, und neben denen, die es sind. Auch neben denen, an de­ren Frömmigkeit ich viel aussetzen zu müssen glaube. Und in dieser Tiefe darf ich stehen neben dem Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, darf ich flehen, hilf doch um deines Namens willen und nur so darf ich auch auf Vergebung und Hilfe für mich selbst und mein Volk hoffen.—mn.

Gesinnungserweichung.

Von D. Martin Ulbrich.

Der skandalöse Sklarekprozeß, der ein übles Klee­blatt dunkler Ehrenmänner auf die Anklagebank ge­bracht hat, deckt nicht nur einen ungeheuren und allzu­lange geübten Betrug auf, der die Reichshauptstadt um viele Millionen geschädigt hat, sondern er läßt uns auch tiefe Blicke in ein verfaultes Gesellschaftsleben tun, das auf ein unersättliches Genießen bedacht ist, ohne daß die Teilnehmer sich sonderliche Bedenken machten, woher die Mittel dazu kamen. Bei den Veranstaltern gingen ange­sehene Persönlichkeiten aus allen Schichten aus und ein, und sie ließen es sich wohlgefallen, daß man=sie mit aller­lei Herrlichkeiten, die Zunge und Gaumen ergötzen, füt­terte. Und die noch nicht zu den Festlichkeiten Zulaß be­kommen hatten, ließen es sich nicht verdrießen, bei den bewunderten Geldmännern zu antichambrieren, in der Hoffnung, ebenfalls bald zu ihnen in engere Beziehungen zu treten.

Wenn man vielleicht nicht allen Gästen des Sklarek­kreises nachsagen darf, daß ihre Harmlosigkeit im Mit­genießen der kostbaren Delikatessen und Weine erlogen war, so muß es doch den objektiven Beurteiler befrem­den, daß es möglich war, daß die Betreffenden sich so­lange durch den Talmiglanz und das Scheingepränge blenden ließen, so daß sie skrupellos alles mitmachten, wozu man sie einlud. Und es ist kein gutes Zeichen für den Scharfblick dieser Leute, daß sie nichts von der Un­sauberkeit der Verhältnisse spürten, sondern sich noch geehrt fühlten, wenn sie ihre facsimilierten Unterschrif­ten auf dem Sklarekschen Freundschaftsbecher anbringen durften.

In der Welt hat es wohl immer Schmarotzer gegeben, die es sich an den Tischen der Reichen wohl sein ließen. Aber das waren minderwertige Menschen, deren Ehrbe­griff wenig ausgebildet war. Aber hier geht es um viele Persönlichkeiten in verantwortungsvollen Stellen, um Träger von wichtigen Ghrenämtern, bei denen man ein starkes Gefühl für das, was Recht und Unrecht ist, vor­aussetzen mußte. Die Gäste kamen und ließen sich ein­fangen und machten unbedenklich alles mit, was man ihnen zumutete, und sie bedankten sich obendrein dafür, daß soviel von dem Glanze der Gastgeber auf sie über­ging. Und es blieb nicht bei der Tischgeselligkeit. Aus der Gastfreundschaft wurden Gefälligkeiten und Vorteilszu­wendungen plumper Art, die sonst von korrekten Ehren­männern zurückgewiesen werden. Und kamen etlichen Leuten Bedenken, so konnten sie nicht mehr zurück, weil sie in ihrer Ahnungslosigkeit sich schon allzutief hatten verstricken lassen.

Und woher kam das alles? Es rächt sich eben, wenn Leute in höhere öffentliche Aemter berufen werden, die keine blasse Ahnung von den mannigfaltigen Aufgaben besitzen, die sie im Auftrag der Allgemeinheit zu lösen, haben. Es fehlte ihnen der unbestechliche Beamtensinn und die unwandelbare Berufstreue, die gegen die mannig, fachen Versuchungen der gegenwärtigen Zeit genügend Festigkeit verleiht. Es fehlte vor allem der Scharfblick, der die bloße Maske der Wohlanständigkeit von echtem korrekten Wesen unterscheidet. So konnte es geschehen, daß ein Mann wie der Stadtrat Gaebel, der für die Vor­gänge typisch ist, ahnungslos eine Beute der Sklareks wurde und mit ihnen auf die Anklagebank kam, von der aus er in seiner Selbstrechtfertigung äußerte:„Wie sollte ich denn Mißtrauen gegen die Sklareks gehabt haben? Alles verkehrte doch bei ihnen. Ueberall, an den amt­lichen Stellen waren sie angesehen. Sie waren die gro­ßen Leute von Berlin. Jetzt verlangt man von mir, dem kleinen unbedeutenden Gaebel, daß ich Mißtrauen gegen die großmächtigen Sklareks hätte haben sollen.“ So stan­den viele andere und dachten in derselben Art. Die Mük­ken flogen ins Licht und verbrannten sich, weil der Wind sie dahin wehte. Und auf diese Weise wuchs der Kreis der Sklarekverehrer, die sich's bei den üppigen Tischen wohl sein ließen. Und je mehr Leute sich darum sammelten, um so schwerer war's, die Wahrheit zu erkennen.

Und fragt man nun, von was für einer Macht in letz­ter Linie der unheimliche Zauber ausging, der so vielen Menschen die Augen blendete? Es war die Macht des Gel­des, des nichtswürdigen Mammons, dessen verderbliche Art durch den Sklarekskandal wieder einmal aufgedeckt wird. Alle Glieder des Sklarekkreises waren bewußt oder unbewußt dieser Macht verfallen. Dadurch wurden die Bedenken verscheucht und die Gesinnung erweicht bis zur inneren Verlumpung, wie sie ärger nicht gedacht wer­den kann. Die Vorgänge erinnern an die Gründerzeit in den Jahren nach dem deutsch=französischen Kriege, in welcher Henry Stroußberg— eigentlich Baruch Hirsch

Strausberg— mit seinen verwegenen Eisenbahngründun­gen sich einen bedenklichen Ruf erwarb, bis der üble Ver­lauf des rumänischen Unternehmens ihm den Hals brach. Was für vornehme Leute verkehrten damals in den Prachtsälen seines Berliner Palais, das heute die englische Botschaft inne hat! Aber es muß diesem Manne zur Eh­renrettung nachgesagt werden, daß er kein bewußter Be­trüger war, sondern nur ein wagehalsiger dem vieles geglückt ist. Ob man in dieser Weise die Sklareks entschuldigen darf, ist zweifechäft. über wie

die Dinge auch liegen mögen, der christliche Beurteiler ist entsetzt über die ungeheure Verderbnis, die wieder ein­mal der unselige Mammonshunger angerichtet hat, so daß erneut das Wort der Schrift zur Wahrheit geworden ist:„Die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste, welche ver­senken die Menschen in Verderbnis und Verdammnis“ Das müssen wir uns sagen in dieser trüben glaubenslosen Zeit in der sich die Menschen nicht mehr vom heiligen Gottesgeiste strafen lassen. Und so sehen wir in den Vor­gängen ein gerechtes Gottesgericht, das uns zur Einkehr und Umkehr treiben muß. Sonst erfährt einmal unser ganzes Volk das furchtbare Gottesurteil: Gewogen, ge­wogen und zu leicht befunden!

Auf der Schwelle des X. Jahres.

Große Kundgebungen haben vor einiger Zeit in ganz Italien stattgefunden. Das italienische Volk hat nämlich die Wiederkehr des 28. Oktober festlich begangen. Vor 9 Jahren hat Mussolini den historischen Marsch auf Rom angetreten. Die parlamentarische Lage war damals ver­worren. Der Ministerpräsident Facta hatte sich als uns hig erwiesen, die Geschicke Italiens zu leiten. Mussolin der seine Stunde kommen sah, verlangte 5 Ministerien, Auflösung der Kammer, Wahlreform und Neuwahle Seine Forderungen wurden abgelehnt. Nach der Vorsch in Neapel, am 24. Oktob. 1922, zog der Duce 200 000 F0 schisten zusammen und gab ihnen den Befehl, Rom zu setzen. Von Padua aus begann der Vormarsch der Schwarzhemden. Ohne lange Unterhandlungen und Ge­fechte wurden alle telegraphischen und telefonischen Ver­bindungen in der ganzen Halbinsel unterbrochen. Eisen­bahnstationen, Post= und Telegraphen=Aemter wurden besetzt. Ein Teil des Heeres verbrüderte sich mit den Schwarzhemden, die in wenigen Tagen Nord= und Mit­telitalien in die Hände bekamen. Sie drangen in Rom ein. Groß war die Bestürzung und Verwirrung. Das Ministerium erbat vom Kö nig die Genehmigung, den Belagerungszustand zu ver­hängen. Vittorio Emmanuele, der vielleicht Blutvergie­ßen befürchtete, lehnte ab. Zunächst beabsichtigte man, den alten Taktiker und Menschenkenner Giolitti, der stets für die Neutralität Italiens im Kriege eingetreten war, zur Bildung einer neuen Regierung zu berufen. Der Gedanke wurde aber bald fallen gelassen. Der frühere Ministerpräsident Salandra, der Italien in den Krieg ge­trieben hatte, sollte mit der Neubildung eines Kabinett betraut werden. Mussolini ging aber aufs Ganze. In „Popolo'Italia“ erklärte er am 29. Oktober, daß er nicht mobilisiert hhabe, um ein Kabinett Giolitti oder Sa­landra erstehen zu lassen.„Die Faschisten“, so schrieb er, „wollen die Macht, und sie werden sie auch bekommen.“ Der König rief Mussolini zu sich. Am 30. Oktober 1922 morgens 11 Uhr, traf der Duce in Rom ein, begrüßt von einer großen Menschenmenge. Im offenen Auto fuhr er zum Palast des Königs, nach dem Quirinale. Dort erhielt er den Auftrag, eine neue Regierung zu bilden.

Wie alle Revolutionen, die willens sind, eine neue Aerea einzuleiten, hat auch der Faschismus eine eigene Zeitrechnung eingeführt. Das Jahr l beginnt am 28. Ok­tober 1922, also an dem Tage, an dem die Faschisten zum Marsch auf Rom mobilisiert worden sind. Die Bezeich nung Jahr I, l usw. ist nicht allein in den Verwaltungs­akten anzutreffen, sondern wird in der Geschäfts= und nicht selten in der Privatkorrespondenz gebraucht.

Am 28. Okt. eines jeden Jahres finden besondere Feier­lichkeiten statt. Diese bestehen zumeist aus Ginweihun­gen öffentlicher Arbeiten. Diese Einweihungen verfolgen einen doppelten Zweck. Sie wollen einmal zeigen, daß

das faschistische Regime wirklich hält, was es verspricht. Darüber hinaus wollen diese Veranstaltungen aber auch den Italienern Gelegenheit geben, an der Entwicklung des nationalen Lebens Anteil zu nehmen. Damit erweist sich Mussolini als Menschenkenner. Denn diese Kund gebungen hinterlassen beim Volke einen tieferen Ein druck als die Verabschiedung von Gesetzen, über deren Richtigkeit oder Unrichtgkeit nicht selten sogar bei den Fachleuten Unstimmigkeit und Unklarheit herrscht. Ge

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