Ausgabe 
13 (6.11.1931) 260
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Nicht edel ist, wer Rechtes stets getan,

Nur der kann's sein, der auf des Lebens Bahn Für andrer Glück auf Glück verzichten kann!

gziimigiin

Um das„Niemandsland“ im fernen Osten.

Soweit sich der politisierende Mitteleuropäer über die mandschurische Frage und den japanisch=chinesischen Kon­flikt Gedanken macht, liegen seine Sympathien durchaus auf der Seite Chinas, und da England, wie auch ganz be­sonders Amerika und sein Gegenpol, der Sowjetstaat, sehr realpolitische Interessen im fernen Osten zu vertre­ten haben, ist die alles andere als„splendid Isolation“, in der sich der japanische Bevollmächtigte im Völker­bundrat befand, durchaus zu begreifen. Marquis Yoshi­zawa war in Genf zu einer fast tragischen Rolle verur­teilt, denn er selbst und sein Chef in Tokio, Außenmini­ster Shidehara, sind ausgesprochene Anhänger des Völ­kerbundsgedankens und das, was man hierzulande Pa­zifisten(?) nennt. Aber im Reich des Mikado herrscht auch in„normalen“ Zeiten eine fast unbeschränkte Mili­tärdiktatur, gemildert durch ein konstitutionelles Kaiser­tum, das aber mitsamt seinem Parlament in militäri­schen Angelegenheiten nichts zu sagen hat, dieweil das Kriegsministerium dem Parlament nicht verantwort­lich ist. Also mußte Marquis Yoshizawa im Völkerbund­rat eine Sache, die er selbst für„schwarz“ hielt, auf den Befehl des Prinzen Saionji, des allmächtigen Hauptes der noch allmächtigeren Militärkamarilla am Hofe des Mikado,„weiß“ waschen, wobei er begreiflicherweise nur mäßigen Erfolg erzielte.

Aus dieser Sachlage erklären sich ohne weiteres die Widersprüche, die sich aus den Friedensbeteurun­gen der japanischen Regierung und den Kriegs­handlungen ihrer Generäle ergeben; doch wenn viel­leicht auch die Letzteren sich in den bevorstehenden Win­termonaten, deren mandschurisches Klima den Exponen­ten der japanischen Militärkaste wenig zuträglich zu sein pflegt, den Wünschen ihrer Regierung ein wenig anpas­sen, so darf man sich nicht darüber täuschen, daß auch im fernen Osten Entscheidungen heranreifen, die von un­übersehbarer Tragweite für den Weltfrieden werden können.

Wie ziemlich allgemein bekannt ist, geht es im japa­nisch=chinesischen Konflikt um die mandschurische Frage, aber von den näheren Zusammenhängen wissen die we­nigsten, und es ist in Anbetracht des nicht unwahrschein­lichen Einwandes, daß wir im alten Europa zur Zeit grö­ßere Sorgen hätten, als uns über asiatische Wirren zu unterrichten, nicht ohne Bedeutung, daß alle Kenner der östlichen Verhältnisse vom Sozialisten Vandervelde bis zu Paul Rohrbach dringend zur außenpoliti­schen Aufmerksamkeit diesen Dingen gegenüber raten.

Vandervelde nennt die Mandschurei, die schon seit Jahrzehnten— man denke an den russisch=japanischen Krieg— der Brandherd aller fernöstlichen Verwicklun­gen ist, das„Niemandsland, um das sich zwischen Rus­sen, Japanern und Chinesen ein heftiger Kampf entspon­nen hat". Die Erklärung für diese überraschende Be­zeichnung— uns überraschend, weil unsere Sympathien bekanntlich auf der Seite des Reiches der Mitte als des „rechtmäßigen Eigentümers“ der Mandschurei sind— macht einen kurzen Exkurs ins Historische und Bevölke­rungstatistische nötig. Die eigentlichen Herren der Man­dschurei waren die Mandschu, von denen es unter insge­samt 22 Millionen Einwohnern dieses riesigen Landes schätzungsweise noch höchstens 3 Millionen gibt. Unter den verbleibenden 19 Millionen gibt es einige hunderttausend Japaner, Europäer und Russen— gelbe, weiße und „rote“ Fremde— und der ganze Rest besteht aus„China­men“. Die Chinesen haben also das Land in des Wortes verwegenster Bedeutung„durchdrungen“, es sozusagen auf friedlichem Wege erobert, aber„Kolonisatoren“ ohne eigentlichen Rechtstitel sind auch sie.

Weit weniger unblutig sind die Spuren, die Japan im Ringen um dies, sein„kontinentalasiatisches Kolonial= gebiet“ hinterlassen hat. Der schon erwähnte russisch­japanische Krieg ist noch in unser aller Erinnerung, und schwerlich hätte sich das Reich der aufgehenden Sonne zur Teilnahme am Weltkrieg entschlossen, wenn es nicht auf den mandschurischen Siegespreis spekuliert hätte. Aber bei der Liquidation des Weltkrieges und hemnach bei der Washingtoner Konferenz(1921) hat es den richti­gen Anschluß irgendwie verpaßt und sich von den Bol­schewikis die nördliche Mongolei ohne Kompensation fortschnappen lassen. Aus dem allen, besonders aber aus

seinen„Blutopfern“ kann nun freilich Japan keine völ­kerrechtlich begründeten Ansprüche auf die Mandschurei erheben, wohl aber macht es sogenannte„moralische“ Rechte auf dieselbe, die man vielleicht besser unmoralische nennen sollte, geltend, und um die Darlegung derselben hat sich jetzt Marquis Yoshizawa in Genf rechtschaffen abgequält.

Nicht unwesentlich werden übrigens diese japanischen Rechte dadurch unterstützt, daß man von Tokio aus eine ganz ungeheure und gewiß nicht unproduktive kolonisa­torische Tätigkeit in der Mandschurei entfaltet hat. Man kann es ruhig als unwahrscheinlich hinstellen, daß die 19 Millionen Chinesen, die heute das Land der Mandschus bevölkern, überhaupt würden existieren können, wenn nicht Japan durch seine Bahnbauten und durch die Er­schließung von Kohlengruben und die dadurch ermög­lichte Industrie die Mandschurei zu dem gemacht hätte, was sie heute ist. Man schätzt, daß heute in der Mandschu­rei etwa 5 Milliarden Mark japanisches Kapital angelegt sind, und es ist vom Standpunkt kapitalistischen Wirt­schaftsdenkens aus durchaus verständlich, wenn Japan aus diesen Zahlen dieselben Rechte herleitet wie aus sei­nen„Blutopfern“.

Es ist durchaus möglich, daß das Reich des Mikado die finanzielle und industrielle Durchdringung der Man­dschurei, die durch die von den den Japanern ergebenen Koreanern betriebene Agrarsiedlung höchst wirkungsvoll unterstützt wird, nur sehr ungern auf die nicht absolut sichere Karte des Waffenglücks setzt, zumal ihm ja vor­derhand doch wohl noch auf unabsehbare Zeit die inner­chinesischen Wirren die faktische Ueberlegenheit über die diversen chinesischen Regierungen in Nanking, Tschita, Ninguta, Tsitsikar usw. sichern. Doch die Sphinx im euro­päischen Osten, der Sowjetstäat, mag es den Japanern ratsam erscheinen lassen, die mandschurische Frage auf ihre Art zu„bereinigen“.

Ueber die Interessen der Moskauer Machthaber im fernen Osten braucht man nicht viel Worte zu verlieren: es sind die des alten imperialistischen Rußland mit sei­nem Drange zum stillen Ozean, und es sind die Weltre­volutionspläne der Bolschewikis, die in China längst ein leider sehr dankbares Betätigungsfeld gefunden haben. Man geht daher kaum fehl in der Annahme, daß der Vorstoß Japans in der mandschurischen Frage im letzten Grunde den Russen galt, und daran würde auch ein scheinbares derzeitiges Einvernehmen zwischen Japan und Rußland nichts ändern, denn man kann sich auch über das Fell des Bären, den man gemeinsam erlegt, in die Haare geraten.

Es könnte scheinen, als ob Europa dem ostasiatischen Konflikt mit der Aussicht auf ernstliche russisch=japani­sche Verwicklungen als„tertius gaudens“ zusehen dürfe. Das würde ein verhängnisvoller Trugschluß sein, denn auch das Aufflammen der Kriegsfackel im fernen Osten müßte die Welt in Brand setzen. Msc.

Evangelische

und Nationalsozialismus.

Der Artikel in Nr. 254„Ev. Kirche und National­sozialismus“ war mir erschütternd als Zeugnis eines evangelischen

Die....P als Freiheitspartei in allen Ehren! Gewiß, sie mußte kommen und sie hat eine Aufgabe vor der Geschichte als Aufschrei eines geknechteten Volkes. Aber eine besondere positive Verbindung zwischen ihr und dem Christentum herstellen zu wollen, scheint doch sehr gewagt. Ob nicht der Wunsch Vater des Gedankens ist bei denen, die durchaus eine christliche Partei in ihr sehen wollen? Kennen sie denn das nationalsozialistische Schrifttum wirklich?

Sehen wir ganz ab von Rosenbergs„Mythus des 20. Jahrhunderts“, von dem gesagt wird, daß es nicht„par­teiamtlich“ sei. Obwohl es interessant wäre, zu unter­suchen, inwieweit ein geistiger Führer einer Bewegung sein geistiges Gut teilen kann in„privates“ und in sol­ches, das der Bewegung zufließt. Ist er nicht in allem, was er geistig ist und hat, seiner Bewegung verhaftet und beeinflußt sie, bewußt oder unbewußt? Wie sehr dies der Fall ist, zeigt gerade der Fall Rosenbergs, dessen Ideen von Blut und Rasse die nationalsozialistische Par­tei so durchdrungen haben, daß sie weithin zur Religion des Nationalsozialismus geworden sind.

Aber bleiben wir bei Hitler selbst. Er hat sich auch in diesen Dingen weniger exponiert als die Führer des 2. Glieds, ist gemäßigter und vorsichtiger. Spricht er ge­legentlich auch einmal von der„Satansbibel", und zeugt dieser Ausdruck auch nicht gerade von Achtung vor dem

Christentum, so werden ihn seine Anhänger doch nicht tragisch genommen haben wollen, was bei dem sonst dort üblichen Sprachgebrauch nicht verwunderlich erscheint. Nach Hitlers sonstigen Aeußerungen glaubt er an den Schöpfer Gott. Aber wo in seinen Schriften oder Reden finden wir etwas, das darauf schließen läßt, daß er von einem lebendigen Christus weiß, daß seine Bewegung irgendwie aus diesen Quellen gespeist wird? Gewiß, Adolf Hitler spricht davon, daß dem politischen Führer „religiöse Lehren und Einrichtungen“ seines Volkes un­antastbar sein müssen. Weshalb aber gestattet er seinem Pg. Rosenberg, im Parteiverlag ein Buch herauszugeben und in der nationalsozialistischen Presse in großer Auf­machung anzupreisen, das in Tausenden von Exemplaren ins deutsche Volk geht und dort seine verheerende Wir­kung tut, wenn es(um nur ein Beispiel zu nennen) davon spricht, daß die Predigt vom Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, aufhören müsse? Ist es da wirklich Aufgabe evangelischer Pfarrer, in dieser Bewegung„das Reich Gottes bejahende Kräfte zu sehen?" Lesen wir nicht ganz ähnliche Dinge in der bolschewistischen Lite­ratur?

Der Nationalsozialismus bekämpft den Bolschewis­mus. Sehr gut! Aber ist es nicht ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, daß der Geist vom Abgrund, den wir im Bolschewismus verkörpert sehen, nur durch rohe Gewalt bekämpft werden könne? Ist es nicht in erster Linie Kampf der Geister, bei dem der Teufel nicht durch Beelzebub ausgetrieben werden kann?

Und in der Praxis?„Diese Gesundbeter",„diese widerwärtigsten Gesellen",„diese Wasserapostel“(mit Be­zug auf den Kampf gegen den Alkoholismus),„vollge­fressener Bonze",„Verbrecher",„Mistkerl“.— Nicht irgend welche nationalsozialistische Versammlungsredner, sondern die Führer der Fraktion im Reichstag waren es, die diese Ausdrücke solchen zuriefen, die aus christlicher Gewissensverpflichtung heraus versuchen, Volk und Vaterland zu dienen im politischen Leben. Wenn sie durch höhnische Zurufe von„Amen, Amen“ einen Red­ner zu stören versuchen, oder am Schluß dem Redner zu­rufen:„So, nun könnt ihr ja wieder gemeinsam beten“, so macht das nicht den Eindruck, als ob sie auf viel „christliche Belastung“ in ihren eigenen Reihen Rücksicht zu nehmen brauchten.

Gewiß hat der Schreiber des Aufsatzes in Nr. 254 recht, wenn er von der evangelischen Kirche fordert, daß sie sich aller ihrer Kinder, auch der irregeleiteten, mit gleicher Liebe annehme. Aber unverständlich ist es, wenn evangelische Pfarrer, denen das Erbe eines Martin Luther anvertraut ist, sich mit solcher Wärme, ja Leidenschaft für eine Partei einsetzen, deren Stellung zum Christentum eine immerhin sehr fragwürdige ist.

Frau H. Simpfendörfer, Korntal b. Stuttgart.

Nationale Verantwortung.

Von Dr. Heppe, stellv. Vorsitzender des Landesverbandes Westfalen=Ost der Deutschnat. Volkspartei.

Vor mir liegen die beiden Aufwärts=Nummern vom 22. und 28. 10. 31 mit den Artikeln von W. W und von D. Mumm„Reichskanzler Brüning am Scheidewege“ und„Mit gutem Gewissen.“ Sie haben ein gemeinsames Charakteristikum. Einige Zitate daraus mögen es er­weisen. Herr W. W. fragt, wie es möglich sei, daß in einer Zeit größter Not man sich nicht zusammenfinden könne zu gemeinsamer Abwehr und gemeinsamem Wie­deraufbau, und er antwortet:„Die Antwort kann nur lauten, daß in den letzten Wochen die Verfechtung mate rieller Interessen und wirtschaftlicher Machtfragen derart in den Vordergrund getreten sind, daß eine Verständigung fast unmöglich erscheint". Weiter heißt es dort:„Es ist unverständlich, daß die Nationalsozialisten einer Front angehören, die nicht nur sozialreaktionär ist, sondern eine Schutztruppe der Bank= und Börsenfürsten dar­stellt.“ Und ferner:„Ist es nicht manchmal so, daß die nationale Gesinnung vorgeschoben wird, um den mate­riellen Interessenkampf dahinter verbergen zu können?“ Herr D. Mumm stellt die Frage, ob man den Männern der nationalen Opposition die Regierung habe anver­trauen können, und sagt dazu verneinend:„Da sollte man Vertrauen haben und die ganze Macht in die Hand dieser Männer legen, die nur in der Negation einig sind?“ Er sagt sogar noch weiter:„Sind die Rechtsradi­kalen denn die Männer, denen man mit vollem Ver­trauen die Geschicke des Vaterlandes unvertrauen kann? Ich kenne sie aus der Nähe. Und wer sie nicht kennt: Kann jemand billigen, daß die Rechtsradikalen sich im 16. Ausschuß jeder Mitarbeit zugunsten der Kriegsbeschä­digten enthalten? Kann man es billigen, daß die Rechts­

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