Ausgabe 
13 (16.10.1931) 242
Seite
1267
 
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mit den Beilagen„Für Herz und „Kindergabe“ und„Anser Ziel.“

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Nr. 242.

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Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Freitag, den 16. Oktober 1931.

otthong

Tadeln ist leicht, deshalb versuchen sich so viele darin. Mit Verstand loben ist schwer; deshalb tun es so wenige.

Feuerbach.

EMMMMMMMME M M MM M M MMMMM MMMMMMMNN

Nicht Geld, sondern...?

Im Handelsteil einer großen Berliner Tageszeitung ward unlängst warnend auf„die Ueberspitzung des Geld­denkens“ in Handel und Wandel hingewiesen, im Leit­artikel einer zweiten kommt ein Reichstagsabgeordneter zu dem Schluß:„Nicht Geld kann uns retten, sondern Ar­beit“, und in einer dritten heißt es:„... Sparen und Ar­beiten... diese beiden Eigenschaften werden uns auch diesmal retten!“ Es gibt fraglos schlechtere Vorschläge und minderwertige Methoden unter den Maßnahmen, die man zur Behebung der ungeheuren Not unseres Volkes von den verschiedensten Seiten in Anregung bringt, recht zweifelhaft ist es aber, ob man das Geld auf der einen und Arbeit und Sparsamkeit auf der anderen Seite so unerbittlich in Gegensatz zu einander stellen darf, wie das in den beregten Presseauslassungen geschieht.

Es ist vielleicht das Grundübel unseres ganzen moder­nen Wirtschaftsdenkens, daß wir die drei Begriffe: Geld, Arbeit und Sparsamkeit zu einer unlösbaren Schicksals­verflochtenheit haben werden lassen, in der alle edleren Motive, die dem Tätigkeitsdrang und dem Vorsorgewil­len des Menschen ursprünglich zugrunde lagen, vom „Gott Mammon“ verdrängt sind. Wir arbeiten heute, um Geld zu verdienen, und wir häufen den Mammon, um neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen: ein fluchwürdiger circulus vitiosus, in dem das Pflicht= und Verantwor­tungsbewußtsein, von dem unsere Arbeit diktiert sein müßte, verloren ging. All unsere Tätigkeit kommt auf die Jagd nach Erfolg und Geld hinaus, und haben wir von beiden wirklich einmal genug, so sind wir erst recht von ihnen abhängig, da nur sie uns ermöglichen, ein „großes Leben zu führen“.

Wer denkt gar beim Sparen an die Opfer und Ent­behrungen, die unsere Vorväter sich auferlegten, um eine Kapitalbildung im Interesse von Staat und Nachkom­menschaft— also des Allgemeinwohls— zu ermöglichen? Der moderne Mensch denkt zunächst an sich selbst, wenn er spart, er denkt bestenfalls an Frau und Kinder, aber an den Staat, an das große Ganze? Nein! Kapitalflucht und Steuerscheu sprechen eine sehr deutliche Sprache. Für freiwillige Opfer und Enbehrungen, die letzten Endes allein den moralischen Wert der Sparsamkeit ausmachen, ist niemand zu haben;„schlimm genug“, wenn die harte Not dazu zwingt. Wir arbeiten aus Egoismus, und wir sparen aus Egoismus, und wenn wir davon reden und schreiben, daß eine Behebung der Wirtschaftsnot und die Wiederausbreitung eines allgemeinen Wohlstandes not­wendig sei, so denken wir— Hand aufs Herz!— an die eigenen Kursverluste, an unser zurückgehendes Einkom­men, an den drohenden Abbau und an die Auffüllung der eigenen Sparguthaben, von denen wir uns dies oder je­nes„zu leisten gedachten“.

Arbeit, Sparsamkeit und Gelddenken sind eins ge­worden und unserer Zeit ist nicht mehr dadurch zu hel­fen, daß wir uns aus dem einen ins andere zu„retten“ versuchen. Der Kreis des mammonistischen Götzendien­stes ist geschlossen, und es ist ganz müßig, darüber zu rät­selraten, ob das kapitalistische oder das sozialistisch=kom­munistische Wirtschaftssystem den Sieg in den Wirtschafts­kämpfen der Gegenwart davontragen werde. Beide sind in ihrer heutigen Form Exponenten unseres Geldden­kens, beide wurzeln in einem hoffnungslosen Egoismus, der nur dem Anderen, nicht auch dem eigenen Ich Opfer und Entbehrungen zumutet.

Der Wahrheit vorstehender Theorie kommen wir am nächsten, wenn wir den Arbeitslosen=Problemen einmal vorurteilslos nachzugehen versuchen. Man ist sich darüber einig, daß einer der Hauptgründe des Anwachsens der Ar­beitslosenheere in der Rationalisierung der Wirtschaft zu suchen ist, und es bedarf keiner Worte, um darzutun, daß unsere kapitalistische Wirtschaft rationalisierte und me­chanisierte, um schneller und reichlicher Geld zu verdie­nen; es kann ferner nicht gut bestritten werden, daß je­des Unternehmen, das eine Mehrheit von Menschen(Ar­beiter, Angestellte usw.) beschäftigt, diesem Personal ge­genüber gewisse moralische Verpflichtungen hat, die in dem Recht aller Menschen an Luft, Wasser und Brot wur­zeln. Hier lag auch der letzte ethische Grund dafür, daß in vergangenen Zeiten die„Herrenvölker“ ihre Sklaven nicht verhungern ließen, und unser kapitalistisches Wirt­schaftssystem mag bei den alten Römern in die Lehre ge­hen, um dort zu erfahren, daß es sich immer— auch vom rein egoistischen Standpunkt aus— rächen muß, wenn

man die Glieder, die den Magen ernähren sollen, rück­sichtslos abhackt. Auf der anderen Seite hat das soziali­stische Parteidogma aus den einfachen Menschenrechten der Arbeiterschaft eine Unterstützungs= und Rentenfrage, eine Geldfrage, gemacht, man hat auch vom sozialistischen Denken aus die Arbeit unter das Geld gestellt, indem man Tarifverträge und Lohnabkommen für unantastbar und„heilig“ erklärte, und es dem Arbeiter aus partei­egoistischen Motiven heraus verbot, zu arbeiten, um zu leben. Der Entgelt für die Arbeit, selbst in der Form des entgangenen Verdienstes, ward das Wesentliche: aus Ar­beits=Ethik wurde die Jagd nach dem Groschen!

In den Wirtschafts=Annalen einer vergangenen Zeit pflegte man das Geld als„Wertmesser“ und traf damit den Nagel auf den Kopf: Wert=Messer, d. h. ein Maßstab in der Hand des Menschen für die wahren Werte des ir­dischen Daseins. Der modernen Menschheit blieb es vor­behalten, die Atrappe anstelle des Inhalts zu setzen, aus Arbeit Ware zu machen und Geldanhäufung zum Selbst­zweck werden zu lassen: Der Mammon ward zum Skla­venhalter der Menschen! Können die von Not und Drang­sal geplagten Völker von diesem ihren Tyrannen ernstlich verlangen, daß er ihnen Dienste leistet, daß er ihren Bür­gern Wohlstand und Sicherheit gewährleistet, wie er es tat, als sie seiner noch Herr waren? Können sie sich wun­dern, wenn das unselige Gelddenken, das unser Tun und Lassen beherrscht, überall, wo es Platz greift, Verwirrung und Regellosigkeit hervorruft und uns um die Früchte unseres Arbeitens und Sparens bringt?

„Nicht Geld kann uns retten!“ Ein wahres Wort! Aber auch Arbeit und Sparsamkeit vermögen es nicht, solange sie im Zeichen unseres Gelddenkens und im Dienste unse­rer materialistischen Ichsucht stehen. Was uns allein ret­ten kann, ist die große geistige Wandlung, die der Befrei­ung vom Mammonismus vorhergehen muß, und nur wenn es gelingt, unsere Seele von den Fesseln des Gel­des zu befreien, bekommen wir auch die Hände frei für die Arbeit und Sparsamkeit, die allein unsere Wirtschaft zu neuer Blüte zu bringen vermögen. Msc.

Goldwährung, Schwundgeld und die Arbeitsmark.

Von Gg. Friedr. Muth.

Der Verfasser des Artikels scheint nicht zu wissen, daß über die Gesellschen Wirtschaftslehren im„Aufwärts“ schon sehr viel geschrieben ist. Wir hätten den Artikel gern ge­kürzt. Das ließ sich aber nicht gut machen. Es darf sich nur keine erneute Diskussion über die Sache wieder hier anschließen.

So erfreulich die Entschiedenheit ist, mit der der Auf­wärts die Währungsfrage angepackt hat, so notwendig ist es nun auch, die Bedeutung der verschiedenen Währungs­ordnungen zu klären. Einen ersten Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe möge vorliegender Aufsatz bilden.

Goldwährung: Diese Währung nimmt als Rech­nungseinheit einen bestimmten Wert des Goldes und baut darauf ein kunstvolles Geldsystem, das denjenigen, die gemünztes Gold und Geld besitzen, durch Zins und Zinseszins eine fast unbegrenzte Macht über diejenigen gibt, die es entbehren. Dadurch, daß Geld im allgemeinen sich immer nur da zur Verfügung stellt, wo der größte Profit gemacht werden kann, verhindert es, daß notwen­dige Bedürfnisse des Volkes befriedigt werden(Woh­nungselend!), bewirkt die entsetzliche Arbeitslosigkeit und führt dadurch zum sittlichen Niedergang. Die Goldwäh­rung ist überaltert und für unsere neuzeitlichen Verhält­nisse nicht mehr geeignet. Die Möglichkeit ihrer Beseiti­gung ist durch den Ueberweisungsverkehr und alles, was mit ihm zusammenhängt, technisch durchaus vorbereitet. Wenn man bedenkt, daß z. B. im Postscheckverkehr schon mehr als 4 Fünftel des Umsatzes sich bargeldlos vollzieht (im Jahre 1929 wurden so rund 120 Milliarden umge­setzt), daß der Verrechnungsverkehr der Banken und Sparkassen vielleicht noch umfangreicher ist, dann ist es klar, daß es nur noch eines kleinen Schrittes bedarf, da­mit wir die Goldwährung vollständig loswerden. Warum aber tut man diesen Schritt nicht? Weil die dem Techni­schen entsprechende seelische Vorbereitung noch nicht gründlich genug ist. Gewiß wirkt auch die Tatsache mit, daß die Regierenden und Fachleute keine Zeit haben, sich ernstlich mit den Voraussetzungen für eine gesunde Währung zu befassen— aber sie könnten mitgerissen werden— entscheidend ist, daß das die Goldwährung tra­gende Gelddenken, das den Kampf Aller gegen Alle im wirtschaftlichen Leben als das Naturgegebene ansieht, zu einem schrecklichen Aberglauben geworden ist, von dem die westeuropäische Menschheit anscheinend nicht mehr las­sen kann und will. Um so mehr müssen wir uns um die

Erkenntnis der seelischen Hintergründe der Währungs­aufgaben bemühen.

Schwundgeld: Den Aufwärtslesern muß beson­ders daran gelegen sein, das Schwundgeld, z. B. die „Wära“, die aus der Gedankenwelt Silvio Gesells stammt, und Berthold Ottos Arbeitsmark einander ge­genübergestellt zu sehen; denn oft bringt der Aufwärts (zuietzt in Nr. 216) Aufsätze, in denen einmal die eine, einmal die andere Währung als Rettung bezeichnet wird, ohne daß bis jetzt auf den Unterschied beider eingegangen wurde. Entweder ist kein oder nur ein geringer Unter­schied, dann aber ist es verwunderlich, daß die beiden Richtungen nicht zusammenarbeiten; oder aber es beste­hen in der Tat gewichtige Unterschiede, dann ist es nötig, diese zu kennzeichnen, damit die erforderlichen Schlüsse gezogen werden können. Da ich Anhänger von B. Ottos Arbeitsmark bin, wird meine Darstellung des Schwund­geldes vielleicht etwas einseitig ausfallen, und gewiß kann ich die Gesellsche Lehre nicht in ihrer ganzen Breite hier darlegen; das ist aber auch nicht der Zweck meines Aufsatzes. Jedenfalls aber werde ich mich bemühen, nach bestem Wissen zu berichten, werde dabei auch nicht Töne anschlagen, wie sie der Freiwirtschaftler Dr. Nölle gegen. die„untüchtigen und laienhaften Währungstheoretiker“ (siehe weiter unten) anzuwenden beliebt. Sollte ich in­dessen etwas Unrichtiges sagen, so liegt es in der Hand der Freiwirtschaftler, mich zu berichtigen.

Von Dr. Uhlemayr ist ein lehrreiches Bändchen über S. Gesell erschienen(Verlag Zitzmann, Nürnberg 1931, Preis 1,40 Mark), das erkennen läßt, mit welcher Gründ­lichkeit S. Gesell die ungeheuren Schäden der Goldwäh­rung aufgedeckt und nach Mitteln zur Beseitigung ge­sucht hat. Seine Besserungsvorschläge gründet er auf die Ueberzeugung, daß die Triebkraft der natürlichen Ent­wicklung der Eigennutz und der durch diesen ausgelüste Wettbewerb“ sei(Uhlemayr S. 15). Mit dieser Auffassung aber rückt der für seine Wohlfahrt und Sicherheit kämp­sende Einzelmensch in den Mittelpunkt alles wirtschaft­lichen Geschehens, so daß— ganz im Gegensatz zu Berthold Ottos volksorganischer Lehre—„nicht etwa die Gesellschaft es ist, worauf die soziologisch=politische Tätig­keit abzuzielen hat, sondern das Individuum, denn dieses ist die naturgegebene lebendige Wirklichkeit, die leidet und glücklich ist, nicht die Gesellschaft“(Uhlemayr, S. 17). Wir sehen also, daß Gesell einer der letzten entschiedenen, Vertreter des Individualismus und Liberalismus ist, der „jedem Einzelnen die volle Freiheit gewahrt wissen“ will, die nur, weil sie allen zuzubilligen ist, eine entsprechende gegenseitige Begrenzung und Einschränkung erfährt.

Wie aber soll es bei der Anerkennung des Eigennutzes. (den Gesell übrigens von der verwerflichen„Selbstsucht““: unterscheidet) als Grundlage der Wirtschaft zu einem vernünftigen wirtschaftlichen Verkehr kommen? Ant­wort:„Durch den von allen künstlichen Vorrechten und Machtmitteln, Lockungen und Hemmungen befreiten Wettbewerb“(Uhlemayr, S. 19). Dieser ungehemmte Wettbewerb wird dadurch hergestellt, daß wie­der Klarheit in die durch die heutige Geld­wirtschaft verdunkelten wirtschaftlichen Verhältnisse gebracht wird. Aller wirtschaftliche Verkehr nämlich ist, auch auf seiner höchsten Stufe, Tauschverkohr: Ware ge­gen Ware, Ware gegen Leistung, Dienstleistung usw. (Eine höchst wichtige Feststellung S. Gesells). Die Ein­führung des Geldes, als einer„Zwischenware“, hat diesen Austauschvorgang stark verdunkelt und schließlich— auf die einzelnen Abschnitte der Entwicklung kann leider nicht eingegangen werden— eine Verselbständigung des Geldes in den Händen einer kleinen Gruppe von Men­schen herbeigeführt, die nun ganz willkürlich in den Kreislauf der Güter eingreifen und je nach Bedarf Geld­aufblähung oder Geldschwund usw. herbeiführen, um je­desmal dabei ihre Taschen zu füllen. Wie nun ist bei die­ser Lage„der natürliche Zustand“ wieder herbeizufüh­ren? Geld ist nach S. Gesell— und auch hier(wie in sei­ner liberalistischen Weltanschauung) unterscheidet er sich aufs gründlichste von B. Otto— eine Ware wie jede andere Ware. Jede Ware aber ist dem Verfall und dem Verderben ausgesetzt, auch die Fortschritte der Technik wirken entwertend. Es kann darum kein Händler seine Ware allzulange zurückhalten, es besteht Angebots­zwang. Und eben dieser Zwang fehlt bei dem üblichen Geld, es ist— nach S. Gesell— unverderblich.„Daß das Geldkapital sich aber zurückziehen kann, während sich das Sachkapital unter allen Umständen anbieten muß, hat seine Ursache darin, daß es unvergänglich und nicht wie das Sachkapital, einem Substanzschwund unterwor­fen ist. Aus diesem Grunde kann der Besitzer von Geld­kapital sein Geld ohne Schaden zurückhalten. Er verliert zwar Zinsen, erleidet aber keine Einbuße an der Substanz. Das Geldkapital schafft aber dank seiner Unvergänglich­

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