mit den Beilagen„Für Herz und Haus“
„Kindergabe“ und„Anser Ziel.“
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Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Dienstag, den 29. September 1931.
13. Jahrgang.
Herz, laß dein Sorgen sein,
Sorgen schafft Angst und Pein Und frommt doch nicht.
Vertrau auf Gott, den Herrn,
Sein Hilf ist dir nicht fern,
Gott schlummert nicht!
mmzmmmig
Nicht so langsam.
Unser Volk gleicht im Augenblick einem schwer Kranken, der mit dem Tode ringt. Um das Lager des Darniederliegenden sind die besten Aerzte der Welt versammelt, um ihm zu raten und zu helfen. Aber ihre Ansichten über das, was hier vonnöten sei, gehen weit auseinander. Immer noch gibt es solche unter ihnen, die nicht sehen oder nicht sehen wollen, wie ernst es um den Kranken steht. Sie stellen die ganze Krankheit als harmlos dar, sind daher weit davon entfernt, das Uebel an der Wurzel zu fassen, kurieren statt dessen an den äußeren Symptomen herum und erwarten davon Besserung und Heilung. Jedoch dürften diese beneidenswerten Optimisten doch allmählich sehr in der Minderheit sein. Die allermeisten von den ernst zu nehmenden Männern haben den ganzen Ernst der Lage erkannt. Sie wissen, daß es um Leben oder Sterben geht, daß hier nicht mit diesen oder jenen Mittelchen zu helfen ist, daß es vielmehr gilt, durch einen operativen Eingriff den Herd der Krankheit freizulegen und unschädlich zu machen. Soweit ist man sich einig. Aber nun sind die einen für eine absolute Gewaltkur, während die andern immer noch glauben, eine solche würde der Kranke nicht ertragen. Sie sind für eine ganz langsame und allmähliche Erstarkung und Heilung von innen nach außen. Vielleicht würden sie damit wirklich ans Ziel kommen, wenn nicht die Krankheit jeden Tag ernsthafter würde, wenn nicht das Leben des Kranken wirklich nur noch an einem seidenen Faden zu hängen schiene. Man müßte in der Tat viel mehr Vertrauen in die Kunst und Einsicht dieser Leute haben, um diesen Zweifel zu überwinden. So aber kann man nur mit zitterndem Herzen die Stunden, Tage und Wochen zählen, die es noch dauern soll, bis eine Wendung zum Besseren eintritt. Die bange Frage will nicht zum Schweigen kommen: Wird es wirklich am Sterben vorbei gehen? Und so möchte man den Leuten vom Fach zurufen: Warum so langsam? Sollte es nicht doch möglich sein, dem Kranken schneller und gründlicher zu helfen?
Die Frage ist um so ernster, als wir in der Tat glauben, daß es Mittel und Wege gäbe, die mit 99 Prozent Sicherheit zur Besserung, wenn nicht zur vollen Heilung führen würden. Eine solche Behauptung mag sehr anmaßend klingen. Aber sollte es nicht vielleicht doch so sein, daß der gesunde unverbildete Laienverstand vielfach klarer und sicherer erkennt, wie hier zu helfen, als das erleuchtete Hirn des Mannes vom Fach und Beruf? Wir möchten gewiß keiner ernst gemeinten Wissenschaft zu nahe treten. Wir wissen ihre Arbeit wohl zu schätzen. Aber gesagt werden muß auch, was nun doch einfach die Wahrheit ist. Ja, es ist wirklich an der Zeit, der Wahrheit einmal restlos die Ehre zu geben. Als unser Volk nach außen noch gesund und stark war, da sind an seinem Wege Männer aufgestanden, die unerbittlich auf den tiefen inneren Schaden hingewiesen haben, der am Lebensmark damals schon nagte. Sie ließen sich nicht durch den äußeren Schein einer nie erlebten Kulturblüte blenden. Sie sahen unter dem dünnen Firnis einer nach außen stolz zur Schau getragenen strotzenden Kraftund Lebensfülle die schleichende Krankheit, den schleichenden Tod. Man hat nicht auf sie gehört. Zumeist deshalb nicht, weil sie nicht zur gewerblichen Zunft der anerkannten Fachmänner gehörten und weil das, was sie sagten, zumeist nicht in den Bahnen der anerkannten fachmännischen Weisheit einherging. Man hat sich in den maßgebenden Kreisen nicht oder sehr schwach die Mühe gegeben, ihren Gedanken nachzudenken und die von ihnen vorgezeichneten Wege zu beschreiten. Aber sie haben recht behalten. Daß man nicht auf sie gehört hat, das ist unser Verderben geworden. Und es wird uns endgültig in den Abgrund führen, wenn wir nicht endlich, endlich diese Erkenntnis uns zu eigen machen und aus ihr die einzig richtigen Folgerungen ziehen, wenn wir nicht noch in elfter Stunde den Weg einschlagen, der allein zur wahren Rettung und Gesundung führen kann.
Ein Volk ist dann bedenklich krank, wenn es nicht mehr mit aller Sorgfalt darüber wacht, daß alle seine Glieder und Stände innerlich gesund und stark bleiben, wenn ein Stand glaubt, auf Kosten des andern leben zu konnen, statt daß er mit zu seiner Wohlfahrt beiträgt. Es gibt in unseren Tagen Menschen, die alles, was wir in
Deutschland nunmehr seit 13 Jahren zu erdulden haben, auf das Schuldkonto einer verfehlten Außenpolitik schreiben. Nun wollen wir durchaus nicht leugnen, daß ein verlorener Krieg und ein überaus schmachvoller Friedensvertrag sowie die nachfolgende Gewaltpolitik mächtiger, rachedurstiger Siegerstaaten uns dahin geführt haben, wo wir heute stehen. Aber glaubt man denn im Ernst, daß es irgendeiner Macht in der Welt gelungen wäre, ein innerlich gesundes und starkes Volk an den Rand des Abgrundes zu bringen? Ja, wir sagen noch mehr: Glaubt man wirklich, daß es irgendeiner Macht der Erde je gelingen wird, uns zu vernichten, wenn wir uns auf uns selbst besinnen, wenn wir schleunigst dafür Sorge tragen, daß das Volk innerlich wieder gesunden und erstarken kann? Völker gehen niemals an der Uebermacht äußerer Feinde und widriger Verhältnisse zugrunde. Sie sterben stets an der eigenen Schwachheit, an der inneren Erschlaffung. Und das ist die Frage, ob unser Volk noch den Willen und die Kraft zum Leben in sich trägt. Ein Volk, das leben will, wird auch leben und sich durchsetzen. Die Zeit der größten Not wird für es zum Durchgang in eine neue Zukunft.
Wege zur inneren Gesundung und Erstarkung unseres Volkes werden uns viele gewiesen. Es kommt nur darauf an, daß sie mutig und tapfer beschritten werden. Dabei wird es sich darum handeln, daß die Hilfe zunächst dort am tatkräftigsten einsetzt, wo sie am dringendsten ist. Ein Großteil von gesunden und starken Kräften in unserem Volk sind dazu verurteilt, brach zu liegen. Sie schaffen nicht nur keine Werte, sondern weil sie nicht genutzt werden, müssen sie mit der Zeit als eine ungeheure Belastung und Gefahr für die Gesamtheit sich erweisen. Eine Unmenge von materiellen und ideellen Werten gehen verloren, weil diese Kräfte nicht schaffen. Das Volk verarmt und verelendet innerlich und äußerlich. Das ist der beste Beweis dafür, daß jene Kräfte nicht etwa deshalb ruhen, wie man vielfach annimmt, weil man ihre Arbeit zur Befriedigung von Lebensbedürfnissen nicht mehr brauchte. Der Fehler muß anderswo liegen. Vielleicht stoßen wir später noch auf die Fehlerquelle. Hier mag schon festgestellt werden: Es müßte möglich sein, die brachliegenden Kräfte wieder voll auszuwerten, wenn als Maßstab für die zu leistende Arbeit das jeweils vorliegende Bedürfnis, die Wohlfahrt des Volkes und seiner einzelnen Glieder genommen würde. Warum schafft man dem Volke nicht, was es braucht, und läßt dafür lieber gesunde Arbeitshände ruhen?
Die Wege, die hier im einzelnen zu beschreiten sind, sind von einsichtsvollen Männern seit langem klar gezeigt und geebnet worden. Gerade auf dem Gebiet des Arbeitswesens und der Fürsorge für den deutschen Arbeiter und damit auch in der deutschen Innensiedlung und Landeskultur hat der Gründer der ersten deutschen Arbeiterkolonie, der unvergeßliche Pastor O. Friedrich von Bodelschwingh, dessen 100. Geburtstag uns in diesem Jahre Anlaß zu dankbarem Gedenken gab, sich als weitsichtiger Vorkämpfer erwiesen. Es ist erstaunlich, wenn man heute seine Schriften zur Arbeiterfrage liest, zu beobachten, mit welch einer Klarheit er den Weg unseres Volkes überschaut hat und wie daher seine Vorschläge noch ganz in die gegenwärtige Lage passen und in sehr vielen Fällen heute noch ohne weiteres zur Anwendung kommen könnten und müßten. Er hat damals schon ganz klar die Wege gewiesen, die zur inneren und äußeren Gesundung führen würden: Den Weg aus der Enge der Stadt hinaus aufs Land, aus der Heimatlosigkeit der Mietskasernen zum eigenen Heim auf eigener Scholle, aus der restlosen Abhängigkeit vom großindustriellen Arbeitgeber und vom internationalen Arbeitsmarkt in die Bodenständigkeit und damit zur persönlichen und nationalen Selbständigkeit und Unabhängigkeit.
Bodelschwingh war einer der großen sozial= und lebensreformerischen Vorkämpfer, über deren Leben trotz aller persönlichen Erfolge etwas von der Tragik derer liegt, die für das Wahre und Rechte, für ihre Brüder als solche einstehen: Sie wollen das Beste, aber man hört sie nicht. Es sind zuviel der Hemmungen in der Welt, als daß sie siegen könnten. Bodelschwingh stand nicht allein in seinem Kampfe. Neben ihm und mit ihm kämpften andere. Aber solange das deutsche Volk nach außen hin gesund und stark war, glaubte man, es sich leisten zu können, ohne tatkräftige Durchführung der hier vorgeschlagenen Hilfsmaßnahmen auszukommen. Heute ist in weiten Kreisen die Erkenntnis dafür aufgegangen, daß uns hier doch wohl ein Ausweg aus unserer bedrängten Lage gezeigt sein könnte. Arbeitsdienst und ländliche Siedlung sind zu viel erörterten Fragen unserer Zeit geworden. Leider kommt man vielfach über solche Erörterungen noch nicht wesentlich hinaus. Die Versuche, die gerade
in letzter Zeit auch von seiten unserer Regierung und der maßgebenden Behörden in dieser Richtung gemacht werden, muten uns allzu zaghaft an. Und doch tut heute schnelle und durchgreifende Hilfe not. Wenn uns, auch hier im„Aufwärts“, von vertrauenswürdiger Seite immer wieder gezeigt wird, wie leicht auch heute noch geholfen werden könnte, wie von einsichtsvollen Männern längst die Pfade geebnet wurden, die es zum Heil unseres Volkes zu beschreiten gilt,— ich denke jetzt vor allem an den Artikel: Landeskultur, Staat und Arbeit, in Nr. 209 ds. Blattes,— dann versteht man nicht, warum von der Regierung immer noch nicht der entscheidende Hebel gezogen wird, der, wenn er gezogen würde, für unser Volk vielleicht Rettung vom Untergang bedeuten würde. Wir gehen in den, nach Dr. Brünings Worten vielleicht schwersten Winter seit 100 Jahren hinein. Was gedenkt die Reichsregierung zu tun, um die bitterste Not zu lindern und vielleicht zu überwinden? Was gedenkt sie überhaupt zu unternehmen gegenüber der ungeheuren Gefahr des Bolschewismus, die unser Volk bedroht, gegenüber einer breiten und tiefen Flut von Haß und Verbitterung, die verderbenbringend durch unser Volk geht? Oder sollte man jene Gefahr immer noch unterschätzen? Wer direkt oder indirekt die Stimmung im Volke kennt, der gibt sich keiner Täuschung mehr hin. Unser Volk ist in seinen breiten Schichten für den Bolschewismus reif, wenigstens für einen ersten Anprall desselben. Und— wir betonen es noch einmal— nur schnelle und durchgreifende Hilfe kann uns vor dem Aeußersten bewahren.
Aber man wird uns jetzt entgegenhalten: Uns fehlen die Mittel, die Kredite, die wir brauchen, um uns helfen zu können. Nun, die Frage, die uns damit aufgegeben ist, die Frage unserer Währung, unserer unheilvollen Gebundenheit an die internationale Goldfinanz und nach der Möglichkeit eines Freiwerdens von diesen Fesseln wird jetzt mit aller Schärfe gestellt. Sie ist auch hier im „Aufwärts“ weitgehend erörtert worden. Wir möchten sie noch einmal einfach so stellen: Sollte ein Volk, daß über genügend Arbeitskräfte verfügt, das auch einen großen Teil der Güter, die es zum Leben braucht, im eigenen Lande erzeugen kann, zugrunde gehen müssen, weil es sich nicht lösen kann aus dem Banne einer ihm fremden Goldmacht? Sobald man die Frage so stellt, sieht jedermann klar den Widersinn, der darin liegt. Ein Volk, das sich wieder auf die einfachsten Voraussetzungen seines Daseins, auf seine Arbeit und die Schätze seines Landes besinnt, wird sich sicher auch das ihm angemessene Tauschmittel des Geldes schaffen können, das ihm nicht zum Unsegen, sondern zum Segen wird.
Wir alle kennen den unerbittlichen Vernichtungswillen unserer Feinde. Auch sie werden die Waffen strekken müssen vor einem Volk, das in sich selber wieder erstarkt. Wir sind ein wehrloses Volk geworden inmitten einer in Waffen starrenden Umwelt. Daran wird auch die kommende Abrüstungskonferenz nicht viel ändern. Die beste friedliche Aufrüstung unsererseits, die uns kein Mensch wehren könnte, läge in der Richtung der oben gemachten Vorschläge. Auf diesem Wege allein würden wir uns ein freies und gesichertes Dasein unter den Völkern wahren.
Aber nicht so langsam, sonst sterben wir drüber.—
H. St.
Brief aus Baden.
In den Stunden, da diese Zeilen geschrieben wurden, rüstete sich die badische Landeshauptstadt, den soeben am Typhus verstorbenen bad. Staatspräsidenten Dr. Joseph Wittemann mit allen Ehren zu bestatten. Der Erzbischof war aus Freiburg eingetroffen, um die Beerdigung und die voraufgehende Trauerfeier vorzunehmen. Im badischen Landtagsgebäude, im Sitzungssaal des badischen Landesparlaments, fand eine große Feier statt. Am Trauergeläute beteiligten sich die Kirchenglocken sämtlicher Konfessionen, während im ganzen Lande um die Mittagsstunde von allen Kirchen, auch den evangelischen,
geläutet wird.„ 544 Jin; m amtanlanf.
Mit diesen Veranstattungen finver eine Beamtentaufbahn ihren Abschluß, wie sie in Baden eigentlich gar nicht so selten ist. In irgendeinem Winkel des Landes kommt ein Knabe zur Welt, seine Begabung bringt ihn dem Wunsche der Eltern entsprechend aus der bäuerlichen Umgebung heraus. Gymnasium, Studentenzeit bilden ihn aus, und dann geht es den Weg weiter über irgend eine höhere Stelle in die Politik, bei Wittemann nicht nur einfacher Zentrumsabgeordneter, sondern auch Kammerpräsident, wozu ihn seine Arbeit im höheren Richteramt allen Parteien gleichermaßen geeignet erscheinen ließ. Von dieser Stelle scheidet er, weil er den Vorsitz am