Ausgabe 
13 (29.9.1931) 227
Seite
846
 
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mit den Beilagen„Für Herz und Haus“

„Kindergabe“ und„Anser Ziel.“

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Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Dienstag, den 29. September 1931.

13. Jahrgang.

Herz, laß dein Sorgen sein,

Sorgen schafft Angst und Pein Und frommt doch nicht.

Vertrau auf Gott, den Herrn,

Sein Hilf ist dir nicht fern,

Gott schlummert nicht!

mmzmmmig

Nicht so langsam.

Unser Volk gleicht im Augenblick einem schwer Kran­ken, der mit dem Tode ringt. Um das Lager des Darnie­derliegenden sind die besten Aerzte der Welt versammelt, um ihm zu raten und zu helfen. Aber ihre Ansichten über das, was hier vonnöten sei, gehen weit auseinander. Im­mer noch gibt es solche unter ihnen, die nicht sehen oder nicht sehen wollen, wie ernst es um den Kranken steht. Sie stellen die ganze Krankheit als harmlos dar, sind da­her weit davon entfernt, das Uebel an der Wurzel zu fassen, kurieren statt dessen an den äußeren Symptomen herum und erwarten davon Besserung und Heilung. Je­doch dürften diese beneidenswerten Optimisten doch all­mählich sehr in der Minderheit sein. Die allermeisten von den ernst zu nehmenden Männern haben den ganzen Ernst der Lage erkannt. Sie wissen, daß es um Leben oder Sterben geht, daß hier nicht mit diesen oder jenen Mittel­chen zu helfen ist, daß es vielmehr gilt, durch einen ope­rativen Eingriff den Herd der Krankheit freizulegen und unschädlich zu machen. Soweit ist man sich einig. Aber nun sind die einen für eine absolute Gewaltkur, während die andern immer noch glauben, eine solche würde der Kranke nicht ertragen. Sie sind für eine ganz langsame und allmähliche Erstarkung und Heilung von innen nach außen. Vielleicht würden sie damit wirklich ans Ziel kommen, wenn nicht die Krankheit jeden Tag ernsthaf­ter würde, wenn nicht das Leben des Kranken wirklich nur noch an einem seidenen Faden zu hängen schiene. Man müßte in der Tat viel mehr Vertrauen in die Kunst und Einsicht dieser Leute haben, um diesen Zweifel zu über­winden. So aber kann man nur mit zitterndem Herzen die Stunden, Tage und Wochen zählen, die es noch dauern soll, bis eine Wendung zum Besseren eintritt. Die bange Frage will nicht zum Schweigen kommen: Wird es wirklich am Sterben vorbei gehen? Und so möchte man den Leuten vom Fach zurufen: Warum so langsam? Sollte es nicht doch möglich sein, dem Kranken schneller und gründlicher zu helfen?

Die Frage ist um so ernster, als wir in der Tat glau­ben, daß es Mittel und Wege gäbe, die mit 99 Prozent Sicherheit zur Besserung, wenn nicht zur vollen Heilung führen würden. Eine solche Behauptung mag sehr an­maßend klingen. Aber sollte es nicht vielleicht doch so sein, daß der gesunde unverbildete Laienverstand viel­fach klarer und sicherer erkennt, wie hier zu helfen, als das erleuchtete Hirn des Mannes vom Fach und Be­ruf? Wir möchten gewiß keiner ernst gemeinten Wissen­schaft zu nahe treten. Wir wissen ihre Arbeit wohl zu schätzen. Aber gesagt werden muß auch, was nun doch einfach die Wahrheit ist. Ja, es ist wirklich an der Zeit, der Wahrheit einmal restlos die Ehre zu geben. Als unser Volk nach außen noch gesund und stark war, da sind an seinem Wege Männer aufgestanden, die unerbitt­lich auf den tiefen inneren Schaden hingewiesen haben, der am Lebensmark damals schon nagte. Sie ließen sich nicht durch den äußeren Schein einer nie erlebten Kultur­blüte blenden. Sie sahen unter dem dünnen Firnis einer nach außen stolz zur Schau getragenen strotzenden Kraft­und Lebensfülle die schleichende Krankheit, den schlei­chenden Tod. Man hat nicht auf sie gehört. Zumeist des­halb nicht, weil sie nicht zur gewerblichen Zunft der an­erkannten Fachmänner gehörten und weil das, was sie sagten, zumeist nicht in den Bahnen der anerkannten fachmännischen Weisheit einherging. Man hat sich in den maßgebenden Kreisen nicht oder sehr schwach die Mühe gegeben, ihren Gedanken nachzudenken und die von ih­nen vorgezeichneten Wege zu beschreiten. Aber sie haben recht behalten. Daß man nicht auf sie gehört hat, das ist unser Verderben geworden. Und es wird uns endgültig in den Abgrund führen, wenn wir nicht endlich, endlich diese Erkenntnis uns zu eigen machen und aus ihr die einzig richtigen Folgerungen ziehen, wenn wir nicht noch in elfter Stunde den Weg einschlagen, der allein zur wah­ren Rettung und Gesundung führen kann.

Ein Volk ist dann bedenklich krank, wenn es nicht mehr mit aller Sorgfalt darüber wacht, daß alle seine Glieder und Stände innerlich gesund und stark bleiben, wenn ein Stand glaubt, auf Kosten des andern leben zu konnen, statt daß er mit zu seiner Wohlfahrt beiträgt. Es gibt in unseren Tagen Menschen, die alles, was wir in

Deutschland nunmehr seit 13 Jahren zu erdulden haben, auf das Schuldkonto einer verfehlten Außenpolitik schrei­ben. Nun wollen wir durchaus nicht leugnen, daß ein verlorener Krieg und ein überaus schmachvoller Frie­densvertrag sowie die nachfolgende Gewaltpolitik mäch­tiger, rachedurstiger Siegerstaaten uns dahin geführt ha­ben, wo wir heute stehen. Aber glaubt man denn im Ernst, daß es irgendeiner Macht in der Welt gelungen wäre, ein innerlich gesundes und starkes Volk an den Rand des Abgrundes zu bringen? Ja, wir sagen noch mehr: Glaubt man wirklich, daß es irgendeiner Macht der Erde je gelingen wird, uns zu vernichten, wenn wir uns auf uns selbst besinnen, wenn wir schleunigst dafür Sorge tragen, daß das Volk innerlich wieder gesunden und erstarken kann? Völker gehen niemals an der Uebermacht äußerer Feinde und widriger Verhältnisse zugrunde. Sie sterben stets an der eigenen Schwachheit, an der inneren Erschlaffung. Und das ist die Frage, ob unser Volk noch den Willen und die Kraft zum Leben in sich trägt. Ein Volk, das leben will, wird auch leben und sich durchsetzen. Die Zeit der größten Not wird für es zum Durchgang in eine neue Zukunft.

Wege zur inneren Gesundung und Erstarkung un­seres Volkes werden uns viele gewiesen. Es kommt nur darauf an, daß sie mutig und tapfer beschritten werden. Dabei wird es sich darum handeln, daß die Hilfe zunächst dort am tatkräftigsten einsetzt, wo sie am dringendsten ist. Ein Großteil von gesunden und starken Kräften in unse­rem Volk sind dazu verurteilt, brach zu liegen. Sie schaf­fen nicht nur keine Werte, sondern weil sie nicht genutzt werden, müssen sie mit der Zeit als eine ungeheure Be­lastung und Gefahr für die Gesamtheit sich erweisen. Eine Unmenge von materiellen und ideellen Werten gehen verloren, weil diese Kräfte nicht schaffen. Das Volk ver­armt und verelendet innerlich und äußerlich. Das ist der beste Beweis dafür, daß jene Kräfte nicht etwa deshalb ruhen, wie man vielfach annimmt, weil man ihre Arbeit zur Befriedigung von Lebensbedürfnissen nicht mehr brauchte. Der Fehler muß anderswo liegen. Vielleicht stoßen wir später noch auf die Fehlerquelle. Hier mag schon festgestellt werden: Es müßte möglich sein, die brachliegenden Kräfte wieder voll auszuwerten, wenn als Maßstab für die zu leistende Arbeit das jeweils vor­liegende Bedürfnis, die Wohlfahrt des Volkes und seiner einzelnen Glieder genommen würde. Warum schafft man dem Volke nicht, was es braucht, und läßt dafür lieber gesunde Arbeitshände ruhen?

Die Wege, die hier im einzelnen zu beschreiten sind, sind von einsichtsvollen Männern seit langem klar ge­zeigt und geebnet worden. Gerade auf dem Gebiet des Arbeitswesens und der Fürsorge für den deutschen Ar­beiter und damit auch in der deutschen Innensiedlung und Landeskultur hat der Gründer der ersten deutschen Ar­beiterkolonie, der unvergeßliche Pastor O. Friedrich von Bodelschwingh, dessen 100. Geburtstag uns in diesem Jahre Anlaß zu dankbarem Gedenken gab, sich als weit­sichtiger Vorkämpfer erwiesen. Es ist erstaunlich, wenn man heute seine Schriften zur Arbeiterfrage liest, zu be­obachten, mit welch einer Klarheit er den Weg unseres Volkes überschaut hat und wie daher seine Vorschläge noch ganz in die gegenwärtige Lage passen und in sehr vielen Fällen heute noch ohne weiteres zur Anwendung kommen könnten und müßten. Er hat damals schon ganz klar die Wege gewiesen, die zur inneren und äußeren Gesundung führen würden: Den Weg aus der Enge der Stadt hinaus aufs Land, aus der Heimatlosigkeit der Mietskasernen zum eigenen Heim auf eigener Scholle, aus der restlosen Abhängigkeit vom großindustriellen Ar­beitgeber und vom internationalen Arbeitsmarkt in die Bodenständigkeit und damit zur persönlichen und natio­nalen Selbständigkeit und Unabhängigkeit.

Bodelschwingh war einer der großen sozial= und le­bensreformerischen Vorkämpfer, über deren Leben trotz aller persönlichen Erfolge etwas von der Tragik derer liegt, die für das Wahre und Rechte, für ihre Brüder als solche einstehen: Sie wollen das Beste, aber man hört sie nicht. Es sind zuviel der Hemmungen in der Welt, als daß sie siegen könnten. Bodelschwingh stand nicht allein in seinem Kampfe. Neben ihm und mit ihm kämpften an­dere. Aber solange das deutsche Volk nach außen hin ge­sund und stark war, glaubte man, es sich leisten zu kön­nen, ohne tatkräftige Durchführung der hier vorgeschla­genen Hilfsmaßnahmen auszukommen. Heute ist in wei­ten Kreisen die Erkenntnis dafür aufgegangen, daß uns hier doch wohl ein Ausweg aus unserer bedrängten Lage gezeigt sein könnte. Arbeitsdienst und ländliche Sied­lung sind zu viel erörterten Fragen unserer Zeit geworden. Leider kommt man vielfach über solche Erörterungen noch nicht wesentlich hinaus. Die Versuche, die gerade

in letzter Zeit auch von seiten unserer Regierung und der maßgebenden Behörden in dieser Richtung gemacht werden, muten uns allzu zaghaft an. Und doch tut heute schnelle und durchgreifende Hilfe not. Wenn uns, auch hier im„Aufwärts“, von vertrauenswürdiger Seite im­mer wieder gezeigt wird, wie leicht auch heute noch ge­holfen werden könnte, wie von einsichtsvollen Männern längst die Pfade geebnet wurden, die es zum Heil unse­res Volkes zu beschreiten gilt,— ich denke jetzt vor allem an den Artikel: Landeskultur, Staat und Arbeit, in Nr. 209 ds. Blattes,— dann versteht man nicht, warum von der Regierung immer noch nicht der entscheidende Hebel gezogen wird, der, wenn er gezogen würde, für unser Volk vielleicht Rettung vom Untergang bedeuten würde. Wir gehen in den, nach Dr. Brünings Worten vielleicht schwersten Winter seit 100 Jahren hinein. Was gedenkt die Reichsregierung zu tun, um die bitterste Not zu lin­dern und vielleicht zu überwinden? Was gedenkt sie überhaupt zu unternehmen gegenüber der ungeheuren Gefahr des Bolschewismus, die unser Volk bedroht, ge­genüber einer breiten und tiefen Flut von Haß und Ver­bitterung, die verderbenbringend durch unser Volk geht? Oder sollte man jene Gefahr immer noch unterschätzen? Wer direkt oder indirekt die Stimmung im Volke kennt, der gibt sich keiner Täuschung mehr hin. Unser Volk ist in seinen breiten Schichten für den Bolschewismus reif, wenigstens für einen ersten Anprall desselben. Und— wir betonen es noch einmal— nur schnelle und durchgrei­fende Hilfe kann uns vor dem Aeußersten bewahren.

Aber man wird uns jetzt entgegenhalten: Uns fehlen die Mittel, die Kredite, die wir brauchen, um uns helfen zu können. Nun, die Frage, die uns damit aufgegeben ist, die Frage unserer Währung, unserer unheilvollen Ge­bundenheit an die internationale Goldfinanz und nach der Möglichkeit eines Freiwerdens von diesen Fesseln wird jetzt mit aller Schärfe gestellt. Sie ist auch hier im „Aufwärts“ weitgehend erörtert worden. Wir möchten sie noch einmal einfach so stellen: Sollte ein Volk, daß über genügend Arbeitskräfte verfügt, das auch einen gro­ßen Teil der Güter, die es zum Leben braucht, im eige­nen Lande erzeugen kann, zugrunde gehen müssen, weil es sich nicht lösen kann aus dem Banne einer ihm frem­den Goldmacht? Sobald man die Frage so stellt, sieht je­dermann klar den Widersinn, der darin liegt. Ein Volk, das sich wieder auf die einfachsten Voraussetzungen sei­nes Daseins, auf seine Arbeit und die Schätze seines Lan­des besinnt, wird sich sicher auch das ihm angemessene Tauschmittel des Geldes schaffen können, das ihm nicht zum Unsegen, sondern zum Segen wird.

Wir alle kennen den unerbittlichen Vernichtungs­willen unserer Feinde. Auch sie werden die Waffen strek­ken müssen vor einem Volk, das in sich selber wieder er­starkt. Wir sind ein wehrloses Volk geworden inmitten einer in Waffen starrenden Umwelt. Daran wird auch die kommende Abrüstungskonferenz nicht viel ändern. Die beste friedliche Aufrüstung unsererseits, die uns kein Mensch wehren könnte, läge in der Richtung der oben gemachten Vorschläge. Auf diesem Wege allein würden wir uns ein freies und gesichertes Dasein unter den Völ­kern wahren.

Aber nicht so langsam, sonst sterben wir drüber.—

H. St.

Brief aus Baden.

In den Stunden, da diese Zeilen geschrieben wurden, rüstete sich die badische Landeshauptstadt, den soeben am Typhus verstorbenen bad. Staatspräsidenten Dr. Joseph Wittemann mit allen Ehren zu bestatten. Der Erzbischof war aus Freiburg eingetroffen, um die Beerdigung und die voraufgehende Trauerfeier vorzunehmen. Im badi­schen Landtagsgebäude, im Sitzungssaal des badischen Landesparlaments, fand eine große Feier statt. Am Trauergeläute beteiligten sich die Kirchenglocken sämt­licher Konfessionen, während im ganzen Lande um die Mittagsstunde von allen Kirchen, auch den evangelischen,

geläutet wird.„ 544 Jin; m amtanlanf.

Mit diesen Veranstattungen finver eine Beamtentauf­bahn ihren Abschluß, wie sie in Baden eigentlich gar nicht so selten ist. In irgendeinem Winkel des Landes kommt ein Knabe zur Welt, seine Begabung bringt ihn dem Wunsche der Eltern entsprechend aus der bäuerlichen Um­gebung heraus. Gymnasium, Studentenzeit bilden ihn aus, und dann geht es den Weg weiter über irgend eine höhere Stelle in die Politik, bei Wittemann nicht nur einfacher Zentrumsabgeordneter, sondern auch Kammer­präsident, wozu ihn seine Arbeit im höheren Richteramt allen Parteien gleichermaßen geeignet erscheinen ließ. Von dieser Stelle scheidet er, weil er den Vorsitz am