Ausgabe 
13 (16.9.1931) 216
Seite
798
 
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mit den Beilagen„Für Herz und

und„Anser Ziel.“

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Nr. 216.

Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Mittwoch, den 16. September 1931.

13. Jahrgang.

Je ärmer wir werden, desto reicher sollen wir im Geben sein. F. v. Bodelschwingh

igiiin

Junge Generation

und Wirtschaftskrise:

Als aufmerksamer Leser des„Aufwärts“ nahm ich auch von den in Nr. 203 unter obiger Ueberschrift er­schienenen Ausführungen Kenntnis. Gewiß ist es richtig, was Herr Karl von Endert von dem nicht zu erfassenden Strudel der Ereignisse sagt. Er hat recht, wenn er fest­stellt, daß heute unsere prominenten Wirtschaftsführer in der Reorganisation des Wirtschaftslebens versagen, daß es anscheinend unmöglich ist, von der Wirtschafts­führung her, neue Wege zu finden. Auch seiner Folge­rung:„nur wer innerlich bereit ist, alle Werte umwer­ten zu lassen, kann überhaupt im deutschen Gegenwarts­geschehen noch einen Sinn finden“, stimme ich zu. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Herr von Endert dem Ausgangspunkt des Umwertens keines­wegs gerecht wird.

Er behauptet„gehungert muß werden!“. Dieser For­derung könnte ich zustimmen, wenn unsere Erde nicht genügend Lebensmittel hervorbrächte. Aber die diesjäh­rigen Meldungen der Ernteergebnisse wissen von einem vielfachen Mehrertrag zu berichten. So wären wir in der Lage, alle unsere Volksbrüder satt zu machen. Trotzdem hungern schon Hunderttausende unserer Aermsten, ich möchte sagen, trotz voller Scheunen. Kann das der Sinn einer vernünftigen„Volkswirtschaft“ sein? Ist das der Sinn unserer leistungsfähigen Industrie, daß der größte Teil unseres Volkes nicht mehr Industrieerzeugnisse kau­fen und benutzen darf? Ist der Sinn der menschlichen Erfindungen der, brachzuliegen und nicht dem Mitmen­schen zur Ausgestaltung des Lebens zu dienen? Ja, warum soll denn gehungert werden, warum sollen wir denn verzichten, warum sollen wir uns denn einschrän­ken? Hier lautet die Antwort unserer kapitalistisch eingestellten Wirtschaft:„Die heutige Gelddecke reicht nicht aus, die Ansprüche zu befriedigen. Das„Blut“ der Wirtschaft genügt nicht.“ Unsere Wirtschaft scheint also an„Blutarmut“ zu leiden. Noch niemals habe ich die Antwort gefunden, daß unsere Rohmaterialien, un­sere Erzeugnisse nicht ausreichten. Also müssen wir Men­schen uns dem von Menschen geschaffenen Tauschmittel „Geld“ unterordnen. Sollte es nicht umgekehrt sein? Soll, weil es dem heutigen Wirtschaftssystem nicht mög­lich ist, die Ansprüche der Volkswirtschaft zu befriedigen, der Satz in Erfüllung gehen, daß 20 Millionen Deutsche zuviel sind? Ich sehe im Aussatz des Herrn von Endert doch immer wieder den Ausdruck des heutigen„Geld­denkens“. Wenn die Forderung erfüllt würde, daß wir unter Verzicht auf alle Bequemlichkeit, ja, auf das Not­dürftigste an unserer Zukunft arbeiten sollten, könnte nach meinem Empfinden der Fall eintreten, daß unsere Wirtschaft eines Tages ganz still stände. Die Folge der Einschränkungen, der geschwächten Kaufkraft unseres Volkes, zeigt sich doch heute schon in dem Absterben gan­zer Industrien. Je weniger gekauft wird, um so weniger kann hergestellt werden, um so weni­ger Arbeitsgelegenheit ist vorhanden. Es würde also das eintreten, was ich oben schon sagte, alle Erfindungen und Wirtschaftseinrichtungen würden sinnlos. Das kann und darf nicht sein! Hier muß die Umwertung er­folgen! Der Mensch muß wieder„Wert“ erlangen. Sinn­los ist nach meiner Erfahrung die Einrichtung der heu­tigen Geldwirtschaft, die das Geld zum Herrscher des Menschen macht. Obwohl wir in unserem Lande genü­gend Rohstoffe, genügend Maschinen, genügend Arbeits­möglichkeiten haben:„man denke an die stilliegenden Eisenerz= und Kohlengruben, an die Ziegeleien und Fa­briken, die ihren Betrieb einstellten, an die Textilfaori­ken, die wegen Mangel an Aufträgen schlossen, an die Wohnungsnot und das Wohnungselend, an die deutschen Bauern, die ihre Erzeugnisse ohne einen Pfennig Ver­dienst losschlagen müssen, wegen Ueberfluß in der Ernte“, müssen Millionen unserer Volksgenossen die Hände ruhen lassen, können Millionen sich nicht satt­essen. Die Ursache der Not ist die Vergötzung des Gol­des. Der Volkserzieher Berthold Otto zeigte in einem Aufsatz im„Aufwärts“ neue Wege, Wege, die uns aus dem Chaos unserer Wirtschaft hinausführen. Gerade der „Aufwärts“ ist es ja auch, der als eine der wenigen Zei­tungen sich mit diesen Fragen beschäftigt hat. Wenn ich nun die Schlußfolgerung aus obigen Zeilen für uns von der sungen Generation ziehen soll, dann muß es unse aufgabe sein, an der Ueberwindung der durch die Ueber­

bewertung des Geldes entstandenen Volksnot durch Er­ziehung unserer heranwachsenden Jugend zu klarem Denken, zu„volkswirtschaftlicher“ Einsicht zu helfen. Es muß unsere Aufgabe sein, das Wertvollste des Menschen zur Grundlage der Wertung, des Anteils des Einzelnen an der Volkswirtschaft zu machen, die Arbeitskraft. Die Rechenwirtschaft Berthold Ottos zeigt die Wege dazu. Ich rede damit keineswegs dem Sichausleben das Wort; son­dern sehe gerade in der Rechenwirtschaft die Möglichkeit der gerechteren Verteilung der Wirtschaftserzeugnisse. Ich glaube, durch Einführung der„Arbeitsmark“(kein Geld im heutigen Sinn) könnten die ungeheuren Gegen­sätze zwischen arm und reich, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Stadt und Land ausgeglichen werden.

Pflicht der jungen Generation ist, für eine„vernünf­tige"„Volkswirtschaft“ zu sorgen. Darum fort mit der „Gold=Geldwirtschaft“, her mit der Rechenwirtschaft.

A. W.

zur„Wära“.

In Nr. 208 des Aufwärts hat V. K. auf meine Aus­führungen bezüglich der Wära geantwortet. Wie V. K. betont, daß er nur der Klärung der Sache dienen wolle, so möchte auch ich dasselbe für mich in Anspruch nehmen. Es ist mir eine Freude, daß ich mit V. K. zusammen in diesem Sinne der Klärung des wirtschaftlichen Denkens dienen kann.

Seit 12 Jahren bin ich Anhänger S. Gesells. Trotz= dem gehöre ich keiner Organisation der Freiwirtschaft usw. an und freue mich, daß ich mich in keine Parteijacke habe einengen lassen, so daß ich heute ungebunden wirk­lich der Sache diene und nicht auf Parteiprestige schauen und achten muß.

Es drehte sich also darum, ob durch die Wära eine In­flation entstehen könnte. Ein Führer der Wäraaktion teilte mir folgendes mit:

1. Die Reichsmarkbeträge werden benutzt, um Wära dort zurückzukaufen, wo der Kreislauf noch nicht ge­schlossen ist.

2. Der Rest wird auf Postscheck= und Bankkonten be­reitgehalten. Ein Teil der Reichsmark wird neben der Wära in den Verkehr gebracht, so daß augenblicklich eine Vermehrung der Zahlungsmittel stattfindet. Das ist beabsichtigt, um der Deflation entgegenzuwirken. So­bald eine genügende Menge Zahlungsmittel vorhanden ist, wird Wära nicht mehr ausgegeben.

V. K. hat also insofern recht, daß ein Teil der Reichs­mark neben der Wära in den Verkehr kommt. Seine Be­fürchtung bezüglich der Inflation ist aber gar nicht be­gründet; denn die Reichsbank tut mehr als nötig, um die Golddeckung zu steigern, das heißt, die Deflation zu verschärfen. So wirkt die Wära krisenmildernd. Sollte die Wära von weitesten Volkskreisen benutzt werden, wird die Leitung der Wära jedes Mißbrauchen verhin­dern. Wie gesagt, eine Inflation unter den Gesichts­punkten der Wäraaktion ist nicht gegeben; denn die Ausgabe der Wära erfolgt nur bis zu dem Punkt, wo die Stabilität gewährleistet ist.

Nun auch etwas zu Schwanenkirchen. Die„Freiwirt­schaftliche Presse“ scheint etwas zu rührig zu sein im Kampfe gegen die Wära. Es ist doch ganz klar, daß eine Geldreform den heutigen Geldgewaltigen größte, ja, allergrößte Sorge macht. Schwanenkirchen hat bis nach Amerika die Geldherrscher aufhorchen lassen. Was Wun­der, wenn dann jene Herrscher Kampf bis zur Vernich­tung predigen und ausführen lassen!! In Hamburg hat die Kriminalpolizei, wie mein Gewährsmann mir mit­teilt, Grossisten vor der Wära gewarnt, so daß dieselben nicht mehr mitmachten. In Berlin ist eine Hochfinanz­konferenz gewesen, bei der 30000 RM zum Gegenkampf bewilligt wurden. Eine Banken= und Sparkassenorga­nisation ist in Süddeutschland zum Gegenkampf organi­siert. Zwei größere Kaufhäuser, die Bankfilialen be­sitzen, haben Wära bereits soweit an sich gebracht, daß der Kreislauf gestört und Hebecker nun keine Wära zum Lohnzahlen hatte und in Reichsmark löhnen mußte. Ich bin überzeugt, daß das erst der Anfang des Kampfes ist. Daß die Wäraaktion also stockt, ist nicht ein Zeichen von inneren Mißständen der Sache, sondern eine Folge des Gegenkampfes. Alle Geldreformer sollten sich also nicht in jene Reihen stellen, sondern das Reformwerk fördern, auch wenn es nicht das eigene Beginnen ist. Die lieben Aufwärtsleser haben gewiß noch in Erinnerung, daß sei­nerzeit die Bausparkassen auf alle mögliche Weise be­kämpft wurden, besonders die zinslos arbeitenden. Die bedeutendste, die Deutsche Bau= und Siedlungsge­meinschaft, wäre beinahe zertrümmert worden. Der ge­

sunde Sinn der Bausparer wehrte aber den Vernich­tungsschlag ab. Nun sieht man die Gegner den Bauspar­gedanken nachahmen. Aehnlich ist der Kampf gegen die Wära anzusehen.

Nun noch einige Bemerkungen zu V.'s. Behaup­tung, S. Gesell habe nie seine Zustimmung zu einer Teil­reform gegeben. Ich habe in Gesells Schriften diese Mei­nung nicht gefunden. Vielleicht darf ich V. K. um An­gabe einer diesbezüglichen Schrift bitten. Nach reiflicher Ueberlegung möchte ich sagen, daß wohl eine Geldreform ohne Bodenreform, aber niemals eine Bodenreform in Gesells Sinne ohne Geldreform möglich ist. Selbstver­ständlich wäre eine gleichzeitige Lösung der beiden Pro­bleme ohne Zweifel segensreicher. Ich glaube, daß eine 100=prozentige Lösung bis auf weiteres nicht möglich sein wird. Die Gegenwart begünstigt unbedingt die Geldre­form. Unser Volk hat bis tief in die SPD. hinein— die allerdings amtlich alles totschweigt, was in Leipzig über die Geldfrage geredet wurde— die Ueberzeugung, daß unser Geldwesen unser Unglück herbeigeführt und des­halb reformiert werden muß. Mein Gewährsmann ist ein persönlicher Freund Gesells gewesen. Er teilt mir mit, daß Gesell mündlich und in Denkschriften für Teile seiner Reform sich eingesetzt habe, um schrittweise vor­wärts zu kommen. So scheint die„Freiwirtschaftliche Richtung" doch wohl nicht unumstritten Gesells Meinung für sich in Anspruch nehmen zu können.— Mir aber gehts nicht um den kurzen oder langen Weg, sondern allein um das Ziel. Dem Ziele Gesells aber strebt— so bin ich zur Stunde noch fest überzeugt— die Wära zu.

H. K.

Die Leipziger Reichstagung des

Christlich=sozialen Volksdienstes.

Die Reichstagung des Christlich=sozialen Volksdien­stes findet vom 19. bis 21. September 1921 in Leipzig statt. Zu den Beratungen werden Vertreter der Anti­revolutionären, der Christlich=historischen Partei aus Holland und der Evangelischen Volkspartei der Schweiz erscheinen. Durch diese Anteilnahme hat zum ersten Male eine politische Gruppe, die nicht international ein­gestellt ist, über die Grenzen des großdeutschen Raumes eine Solidarität politischer Gruppen hergestellt.

Auf der Leipziger Tagung spricht der 1. Vorsitzende des CSVD., Reichstagsabgeordneter Simpfendörfer, über das Thema:„Der Volksdienst im Revisionskampf“, und Herr Hülser, Herausgeber der„Täglichen Rundschau“ und 2. Vorsitzender des CSBD., behandelt das Thema: „Der Volksdienst inmitten der Partei=Umgruppierun­gen“. Nach den Vorträgen findet eine Aussprache statt, die durch einzelne Beratungen in fachlichen Arbeitsge­meinschaften noch ergänzt werden soll.

Ein Feldzug für den Wein

in den französischen Schulen.

Der Minister des öffentlichen Unterrichts, Mario Roustan, richtete vor einigen Tagen an alle Lehrer ein Rundschreiben, um ihnen zu empfehlen, die Propaganda zu Gunsten der französischen Weine kräftiger zu gestal­ten. Denn„diese Weine sind gleichzeitig eine der be­wundernswürdigsten Reichtumsquellen unseres generö­sen Bodens, wie auch einer unserer sichersten Ruhmtitel“. Es gehört also zur Pflicht der Lehrer, den Wein zu ver­teidigen, dadurch werden sie den Alkoholismus bekämp­fen, denn wer den Alkohol bekämpfen will, muß den mäßigen Weingenuß fördern. Sobald der Mensch auf­hört, Wein zu trinken, greift er zum Branntwein oder, was noch schlimmer ist, zu verhängnisvollen Betäu­bungsmitteln(Morphium, Cocain, Heroin usw.). Der Mi­nister endet mit diesen Worten:„Man wird nie genug gegen die verheerende Macht des Alkoholismus kämp­fen; die Weinpropaganda ist ein Glied in diesem not­wendigen Kampf.“

Die Millionen von Leuten, die, in Europa und an­derswo, keinen Wein genießen, werden dem Minister für kühne Behauptung dankbar sein, daß sie notwendi­gerweise zu Anhängern des Branntweins und der nar­kotischen Mittel werden müssen und werden ihn bitten, die Tatsachen bekannt zu geben, auf die er sich stützt. Die Theorie des Herrn Roustan, der im Weingenuß ein er­probtes Mittel im Kampfe gegen den Alkoholismus sieht, ist grundfalsch: einerseits ist der Wein für einen Teil des herrschenden Alkoholismus verantwortlich, so daß in gewissen weinbautreibenden Ländern der Alko­holismus vor allem ein Weinalkoholismus ist. Dann hemmt der Weingenuß nicht den Branntweinverbrauch: