Ausgabe 
13 (11.9.1931) 212
Seite
780
 
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Im Glauben bin ich ein Herr aller Dinge, in der Liebe bin ich ein Knecht aller Menschen.

Luther.

Giigzigig

Der Friedensschluß zwischen Staat und Kirche in Italien

und der Widerhall in der beiderseitigen Presse.

Mehrmals ist hier von dem Konflikt zwischen Musso­lini und dem Papst die Rede gewesen. Es handelte sich um die Auslegung des Art. 43 des Lateranpaktes von 1929 oder konkret ausgedrückt: um die sogenannte Ka­tholische Aktion, durch deren politische Betätigung sich das faschistische Regime bedroht fühlte. Der Kampf hatte sich schon sehr zugespitzt und auf faschistischer Seite rigo­rose Gegenmaßnahmen hervorgerufen, wie z. B. die Auf­lösung aller Jugendorganisationen der Katholischen Ak­tion, und das Verbot für alle Faschisten, Mitglieder der Aktion zu sein. Durch lange Verhandlungen, die sicher nicht ganz leicht waren und zeitweilig durch die dazwi­schenfahrende Enzyklika des Papstes bedroht wurden, ist nun der Konflikt beigelegt worden, und man darf wohl sagen, daß der Faschismus erreicht hat, was er wollte. Die amtliche Mitteilung gibt folgenden Ver­tragsschluß bekannt:

1. Die Katholische Aktion in Italien ist reine Diöze­sanangelegenheit und steht unter den Bischöfen. Diese bestimmen ihre Kirchen= und Laienführer. Zu Führern dürfen niemals Männer bestellt werden, die Gruppen angehören, die dem Regime feindlich sind. Entsprechend ihren religiösen Zielen enthält sich die Katholische Ak­tion jeglischer politischen Betätigung und auch in ihren äußeren Organisationsformen alles dessen, was bei po­litischen Parteien üblich ist. Die Fahne der Ortsgruppen der Aktion ist die Nationalfahne.

2. Die Katholische Aktion verzichtet in ihrem Pro­gramm auf die Bildung von Berufsgenossenschaften und Gewerkschaften! Sie stellt sich also keine Aufgaben ge­werkschaftlichen Charakters. Die jetzt bestehenden Berufs­gruppen haben ausschließlich religiöse Zwecke und ver­pflichten sich außerdem dazu, an ihrem Teile dazu bei­zutragen, daß die rechtmäßig bestehende Berufsgenossen­schaft immer mehr den Grundsätzen der Zusammenarbeit unter den Volksklassen entspreche und den nationalen und sozialen Zielen, die der Staat mit seiner Gesetz­gebung zu erzielen sucht.

3. Die zugehörigen Jugendkreise sollen den Namen tragen:„Jugendgruppen der Kath. Aktion.“ Diese Grup­pen dürfen Abzeichen tragen, die streng ihren religiösen Zwecken entsprechen, und dürfen außer etwaigen Pro­zessionsfahnen keine andere Fahne führen als die Natio­nalfahne. Die Jugendgruppen werden sich jeglicher tur­nerischen und sportlichen Ausbildung enthalten und wer­den sich absolut beschränken auf Veranstaltungen erhol­samer und religiös=erzieherischer Art.

Soweit die Vertragspunkte. Es herrscht allgemeine Friedensstimmung in der Presse. Auch die faschistischen Zeitungen erheben nicht etwa ein Siegesgeschrei, sondern triefen von versöhnlichen Redensarten. Alle betonen, daß es sich in diesem Streit ja keineswegs um Kirche und katholischen Glauben gehandelt habe, sondern ledig­lich um die Auslegung eines Paragraphen. Nie habe man daran gezweifelt, daß es schnell zu einer friedlichen Beilegung der Meinungsverschiedenheit kommen werde. „Der Vertrag befriedigt beide Parteien“, schreibt Ar naldo Mussolini.„Zwischen Faschismus und katholischer Gesinnung besteht innigste Zusammengehörigkeit, die hoch erhaben ist über jeglichen politischen oder journali­stischen Einzelzwist.“

Der„Osservatore Romano“ das vatikanische Blatt, gibt folgenden Kommentar dazu:„Seit mehr als zwei Monaten haben wir die Beteuerungen treuer Gesinnung veröffentlicht, die dem Heiligen Vater von den Katholi­ken der ganzen Welt zugingen und zeigten, wie sie alle an seiner Betrübnis teilnahmen. Jetzt können wir tröst­licherweise Mitteilung machen von der Uebereinkunft, die alle Katholiken erfreuen und ihnen das Vertrauen geben wird, daß die Gründe des tiefen Schmerzes für das väterliche Herz Seiner Heiligkeit sich nicht wieder­holen werden. Man braucht nicht erst darauf hinzuwei­sen, daß kraft des Vertragsschlusses die Möglichkeit gleichzeitiger Zugehörigkeit zur Faschistischen Partei und Katholischen Aktion wiederhergestellt ist".

Das römische„Biornale'Italia“ kommentiert so, nachdem es seine Befriedigung über die Beilegung des Streites ausgedrückt hat:„Die Polemik, an der die Re­

gierung als solche niemals teilgenommen hat, war z. T, äußerst heftig; sie ergab sogar einige dramatische Mo­mente. Viel ist darüber im Inland geredet und geschrie­ben worden, und im Ausland, in Kreisen, die wir nicht näher zu erörtern brauchen, ist auch viel geredet und— gehofft worden. Um so mehr gibt die Uebereinkunft An­laß zur Freude für alle treuen Katholiken und alle gu­ten Italiener. Man muß mal darauf hinweisen, mit wel­cher Lächerlichkeit nunmehr behaftet ist die schadenfrohe Vielgeschäftigkeit der Ausländer und aller derer, die, ehemals Italiener, für Italien zu Landesfremden ge­worden sind. In geradezu grotesker Weise spekulierte man auf diesen Zwist, den man für unheilbar und dem Faschismus todbringend hielt.

Die öffentliche Meinung nahm ausgiebig an der Polemik teil. Die Partei verteidigte die Lauter­keit ihrer Institutionen, sonderlich die der Lieblingstoch­ter unseres Regimes, der Balilla(faschistischen Jugend­organisation). Die Regierung hat an der ganzen Polemik überhaupt nicht teilgenommen. Sie fühlte sich stark in ihrem Recht und ließ deshalb den erregten Wo­gen der Rede freien Lauf. Sie ist sicher, daß sie am wirk­samsten zu einer religiösen und bürgerlichen Befriedung aller Italiener beitrug dadurch, daß sie der italienischen Nation einen Staat größerer Einheit und dadurch größe­rer Kraft und Stärke schuf.“

Die Zeitung„Lavoro Fascista“ beurteilt den Pakt so: „Der Pakt verpflichtet den Heiligen Stuhl dazu, die Ka­tholische Aktion ihrem rein religiösen Charakter zu­rückzugeben, und bietet dem Staat hinreichende Garan­tien. Mit am wichtigsten ist dabei der nun festgelegte Diözesancharakter der Aktion und ihre direkte Abhän­gigkeit von den Bischöfen. Die Stellung der Bischöfe zum Staat ist im Lateranvertrag aufs genaueste festge­legt und bietet die Garantie dafür, daß die Aktion rein religiöse Ziele verfolgen und sich jeglicher Politik enthal­ten wird. Es herrscht jetzt kein Zweifel mehr: Die Ka­tholische Aktion kehrt in das Gebiet religiösen Glaubens­lebens zurück, aus dem nur die Unbedachtsamkeit eini­ger weniger sie herausgerissen hatte. Es wird deutlich, daß zwischen Kirche und Staat nicht der leiseste Gegen­satz besteht, wie die antifaschistische und freimaurerische Spekulation laut verkündet hatte. Und in der Annahme der Nationalfahne durch die Ortsgruppen muß man eine Art Symbol sehen, das über eine rein formale Bestim­mung weit hinaus geht. Dieses Symbol bedeutet, daß im italienischen Staate alle, auch die Katholiken, nur Italiener sein dürfen, und zwar in dem Geiste, der durch die geschichtliche Entwicklung allein möglich ist, im Geiste des Faschismus. w. b.

Die Pädagogik und die

wirtschaftliche Entwicklung.

Unser Jahrhundert muß die wirtschaftliche Befreiung des Menschen bringen, oder die Kultur wird untergehen. Das eine ist die stille Hoffnung, die die geistige Haltung der Gegenwartsmenschheit bestimmt, das andere die feste Ueberzeugung, die sich ihr tief in das Bewußtsein einge­prägt hat. Die Wirtschaft steht im Zeichen der Rationali­sierung. Die Technik bringt immer vollendetere Wunder­werke hervor und bewirkt, daß an der Stelle, an der vor Jahren noch zahlreiche Arbeiter beschäftigt waren, die­selbe Arbeitsleistung mit einigen Werktätigen vollbracht wird. Und nicht nur das; die Wenigen schaffen mit den besseren Maschinen noch ein Mehr an Erzeugnissen. Die Zeit ist also da, daß das Arbeitsmaß, das den Menschen auferlegt ist, verringert werden könnte. Was geschieht aber in Wirklichkeit? Von Zeit zu Zeit treten Hundert­tausende und Millionen ganz aus dem Arbeitsgang her­aus, und viele von ihnen kommen nie wieder in ihn hinein. Nach jeder Krise sehen wir, daß die Zahl dieser Unglücklichen wieder größer geworden ist. Heute sehen unsere Wirtschaftsführer eine Arbeitslosenzahl von zwei Millionen Menschen als Normalzustand an. Das heißt aber, daß nicht weniger als acht Millionen Angehörige unseres Volkes auf die Arbeitslosenunterstützung an­gewiesen sind.

Die Fälle sind gar nicht mehr selten, daß Kinder ihren Vater nie haben arbeiten sehen. Auf die Frage:„Was tut denn dein Vater, die ich kürzlich an einen Knaben richtete, erhielt ich die Antwort:„Er hilft Mutter!“ und als ich weiter in ihn drang, er würde doch sonst noch eine Beschäftigung haben, sah mich der Knabe ganz verwun­dert an, als wenn er sagen wollte:„Wie kannst du dumm fragen, Vater tut doch nichts. Andererseits gibt es El­tern, die ihr Kind nirgends in der Arbeit unterbringen können. Knaben, die mit Erfolg die Schule durchge­

macht haben, kommen nach Östern wieder, weil sie kei­nen Platz gefunden haben, die Eltern aber der Ansicht sind, daß sie in der Schule immer noch besser aufgehoben sind, als wenn sie zu Hause herumliegen.

Arbeitslosigkeit, weil zu viel Arbeitskräfte da sind, brauchte nicht zu sein. Nein, gewiß nicht, unser Produk­tionsapparat ist so vorzüglich, daß die Möglichkeit zum Reichtum unbegrenzt ist. Wir könnten jedem Menschen die Arbeitszeit verkürzen, ohne ihm am Lohn etwas neh­men zu müssen. Daß es nicht geschieht, ist Schuld des Systems, das es nicht zuläßt, daß der Reichtum allen zu­gute kommt, sondern daß er sich bei wenigen anhäuft. Damit das möglich ist, nimmt es die Zahl der Arbeits­losen in Kauf und bringt die Völker in die Gefahr, daß sie dem Bolschewismus verfallen. Hier liegt eine Auf­gabe vor, die von der Volkswirtschaft gelöst werden muß.

Aber noch ein zweiter Gedanke drängt sich auf. Die Art der Arbeit in den Fabriken erfordert in den aller meisten Fällen kaum noch körperliche Anstrengung, son­dern lediglich Anspannung der Aufmerksamkeit bei der Bedienung der Maschinen. Ob die Menschen es ertragen können, von physischer Arbeit befreit zu sein? Henry Ford hat diese Gefahr erkannt. Er hat jedem Arbeiter seiner Fabrik die Möglichkeit gegeben, sich in größerer Entfernung von der Arbeitsstätte ein Eigenheim mit einigen Hektar Land zu erwerben, auf dem er auch Vieh­haltung treiben kann. Das setzt voraus, daß jeder Ar­beiter sein eigenes Auto besitzt, um zur Fabrik kommen zu können. Dadurch erhält Ford nicht nur die Verbin­dung der Menschen mit der Natur aufrecht, die uns in dem Streben des Stadtbewohners nach dem Schreber­garten immer wieder in rührender Weise entgegen tritt, sondern er legt aufs neue damit den Grund für ein ge­sundes Familienleben, das in Amerika wie bei uns schwer erschüttert ist. Daß auch bei uns etwas Aehn­liches geschieht, wird eine weitere Aufgabe der Wirt­schaftsführer sein.

Für die Schule aber besteht die Aufgabe, unser Volk für die großen Veränderungen, die kommen müssen, schon jetzt vorzubereiten. Der Deutsche Lehrerverein be­müht sich seit Jahren, Klarheit darüber zu gewinnen, was werden soll. Er hat den Vereinen Aufgaben zur Bearbeitung übergeben, die dann auch auf den großen Verbandstagen zur Verhandlung kamen. Der Geschäfts­führer faßte die Aufgaben zusammen unter den Ueber­schriften:„Staat, Kultur und Wirtschaft",„Wirtschaft und Schule",„Volks= und Berufsschule", die drei Jahre lang die gesamte Lehrerschaft beschäftigt haben. Es sind vorzügliche Vorträge gehalten worden, auch von hervor­ragenden Wirtschaftsführern. Nicht immer sind aller­dings die gelehrtesten Arbeiten die besten gewesen, denn mancher Wissenschaftler, der die wirtschaftlichen Vor­gänge vollkommen versteht, weiß wenig von ihrer Be­deutung für die Volkserziehung. Aus der Gesamtheit der Arbeiten ergibt sich aber doch ein einigermaßen klares Bild darüber, was geschehen muß und geschehen wird.

Die Arbeitszeitverkürzung wird kommen, wir wer­den ihr nicht entgehen können. Da wird es eine Selbst­verständlichkeit sein, daß die Schulzeit um ein oder zwei Jahre verlängert wird. Heute gehen noch die Meinun­gen darüber auseinander, ob diese Jahre der Volksschule oder der Berufsschule angegliedert werden sollen, ob sie also der Allgemeinbildung oder der beruflichen Vorbe­reitung dienen sollen. Die Wirtschaft versucht heute, Ein­fluß auf die Schule zu gewinnen. Sie erstrebt die Spe­zialisierung der Erziehung bereits in der Schule für die verschiedenen Industriezweige, indem sie die Anpassung der Lehrpläne an die Bedürfnisse der rationalisierten Industrie verlangt. Eine solche Entwicklung läuft den Forderungen der Zukunft schnurstracks entgegen. Es kann nicht gesagt werden, daß der berufliche Gedanke nicht auch die Erziehung in der Volksschule schon berüh­ren soll. Es wird wohl kaum einen Knaben geben, der nicht das berufliche Ziel bereits in dieser oder jener Form vor Augen hat. Aber die Schule lehnt es ab, für bestimmte praktische Berufe vorzubereiten. Das gilt so­gar von dem Fach, das dem praktischen Leben sicher am nächsten steht, dem Werkunterricht. Auch sein Ziel ist die Emporbildung möglichst aller Kräfte im Menschen.

Wenn die neue Zeit da sein wird, dann muß die Pädagogik im Stande sein, für den notwendigen Aus­bau der Schule klare Vorschläge zu machen. Wir müssen unbedingt dahin kommen, daß die Zöglinge, die die Schule verlassen, im Stande sind, ihr Leben in vernünf­tiger Weise zu gestalten. Die Befreiung von der Arbeit darf nicht dazu führen, daß unser Volk Schaden an sei­ner Seele nimmt.