Ausgabe 
12 (19.6.1930) 141
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D. A.

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ändigkeit der Urlisten ist schriftlich oder zu n.

rmeister:

*, Amtsbeigeordneter.

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„Kindergabe“ und„Unser Ziel.“

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Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Donnerstag, den 19. Juni 1930.

Nr. 141.

12. Jahrgang.

Erfahrung ist eine treffliche Ware:

Bleibt frisch und vermehrt sich in jedem Jahre.

Julius Sturm.

Si engiiiii

Die Flut steigt.

Brüning zog aus, um mit dem vollen persönlichen Ein­satz des Verantwortungsbewußten eine, wie es schien, kleine Finanzreform durchzuführen und zugleich das parlamentarische System funktionsfähig zu erhalten. Auf letzteres hat er bei den Abstimmungskämpfen im Reichs­tag und später in verschiedenen Reden besonders deutlich hingewiesen— etwas zu nachdrücklich für alle die, die we­niger von einer Rettung des parlamentarischen Betriebes erhofften als von der positiven Tat. Inzwischen sind die Fluten der Not, der finanziellen Schwierigkeiten gestie­gen. Die Wasser stehen schon bedenklich hoch. Wo noch vor Wochen der Wille zu entschlossenem Handeln war, macht sich Verzweiflung, Katastrophenstimmung und zer­störerischer Radikalismus breit. Und die bange Frage steht riesengroß vor den kommenden Wochen: Wird auch diesmal die Sorge um die Erhaltung der Funktionsfähig­keit des parlamentarischen Systems so stark sein wie bis­her und das Handeln der Regierung entscheidend mitbe­stimmen? Oder wird sie diesen ganzen überlebten und verhaßten Plunder über Bord werfen, um der Nation das Beispiel kraftvollen Tuns zu geben, das ihr wieder Mut und Vertrauen gibt? Wird sie das zündende Wort finden, auf das Millionen warten und sie aus ihrer Ver­zweiflung reißt? Wird sie Taten tun, die die Nation an­spornen, die Nöte und Entbehrungen der kommenden Jahre mit dem festen Willen endgültiger Entschlossenheit und dem Gefühl tiefster Pflichterfüllung zu übernehmen, ohne die sie untragbar sind?

Zwei positive Verdienste besitzt die Regierung Brü­ning: Sie hat einmal den Mut gehabt, den Schleier von Dingen wegzureißen, die bisher so sorgsam behütet wur­den. Und da zeigt sich, daß wir seit 1924 in einer Welt des Scheines, der Illusionengelebt haben, die jetzt einer sehr grauen, nüchternen Alltagswirklichkeit Platz macht. Mit Hilfe von Auslandskrediten haben wir die Jahre hindurch unsere Schulden bezahlt, mit Hilfe einer Welt­hochkonjunktur eine Wirtschaftsblüte vorgetäuscht, in der wir bald vergaßen, daß wir ein besiegtes Volk sind. Und eine geschickte Presse verstand es meisterhaft, diese Illu­ionen Tag für Tag zu nähren, weil sie so bequem waren und erlaubten, mit vollen Händen zu geben, wo härteste Sparsamkeit am Platze gewesen wäre. So entstand die glanzende Fassade unserer Verwaltungspaläste und Sport=Stadien und dahinter lauerte, nur mühsam ver­deckt, der Abgrund. Ein Jahr ohne Auslandskredite und einige Monate Weltwirtschaftskrise haben das trügerische Bild zerrissen. Hermann Müller und sein Finanzminister Hilferding glaubten noch mit der Philosophie des„Als ob“ weiter regieren zu können. Sie bewilligten Ausgaben über Ausgaben, als ob ihre Deckung von selber käme; sie sahen dem Zerfall der Reichsfinanzen zu, als ob die Wen­dung zum Besseren von selbst einträte; sie fuhren nach dem Haag, als ob das alles doch nicht so schlimm sei, ob wir nun 1½ oder 2 Milliarden bezahlen müssen.... Mit diesem„Als ob“, das uns mit rasender Schnelle dem abgrund zugeführt hat, haben Brüning und Moldenhauer und Stegerwald gebrochen. Ihre Reden und Maßnahmen lassen keinen Zweifel darüber zu, daß, so hart es sein mag, der jetzige Lebensstandard des Volkes nicht aufrecht echalten werden kann. Die ersten Lohnherabsetzungen haden soeben stattgefunden. Der Mechanismus zur Re­vuktion der Löhne und Gehälter muß sich erst einspielen. eunn wird er auf der gesamten Front zur Anwendung kom­nen. Gewiß, auch die Preise werden sinken. Ob in dem­eeiden Maße wie die Löhne, bleibt abzuwarten und muß lich allen Erfahrungen als sehr zweifelhaft angesehen schaften. Frotdem zeigt sich schon heute, daß die Gewerk­csten einen ernsthaften Widerstand nicht wagen. Die bewalt der Dinge ist stärker als sie. Sie müssen diese eitere Lehre auskosten, da sie früher von ihrer unsinni­de Theorie der Konsumkraft=Steigerung nicht loskom­den konnten. Es wird viel Rebellion in ihren Reihen beden und viel Einbuße an moralischem Ansehen. Sie eaden sich eben zu lange einer Entwicklung entgegenge­eemmt, die, früher eingeleitet, uns vor mancher Krisen­Errscharfung bewahrt hätte. Nicht ungestraft verschließt an. Augen vor der Tatsache, daß der Topf, aus dem nie satt werden sollen, nur einen beschränkten Inhalt ei und daß die einen leer ausgehen, wenn die anderen eotel bekommen. Die Wirkung nennt man: Arbeits­PVckeit. Es bedurfte erst dieser harten Lehre einer Mas­eerwerbslosigkeit, um sich langsam zur Anerkennung

der einfachsten Gesetze des Wirtschaftslebens durchzurin­gen, daß man nur des Heeres der Erwerbslosen Herr wird, wenn man ihnen Arbeit an Stelle von Unterstützung Ziel kann aber nur erreicht werden, wenn der Wirtschaft mehr Freiheit gegeben wird als bisher; und daher hat heute geradezu eine Flucht aus dem staats­sozialistischem System der Nachkriegszeit eingesetzt, der sich selbst die Sozialisten nicht mehr entziehen können.

Das ist das Eine: man ringt sich langsam zur Anerken­nung der Gesetze durch, die uns der verlorene Krieg, die Reparationen und die Erfordernisse einer nüchternen Fi­nanz=, Wirtschafts= und Sozialpolitik auferlegen und de­ren oberstes heißt: Sparsamkeit.

Die Regierung hat— und dies ist ihr zweites Ver­dienst— den bei uns so seltenen Mut zur Unpopularität besessen, indem sie die harten Tatsachen in das volle Ta­geslicht stellte und ihr Handeln von ihnen bestimmen ließ. Sie hat Steuererhöhungen erzwungen, die keineswegs populär waren. Und sie hat, da alle Finanzpläne von heute auf morgen über den Haufen geworfen wurden. neue Sparmaßnahmen und Steuerentwürfe ausgearbei­tet, die z. T. einen Sturm der Entrüstung erregt haben. Und schon hat das verdächtige Verhandeln hinter ver­schlossenen Türen begonnen, sind die neulich so erschreck­ten politischen Zirkel wieder an der Arbeit, um Einfluß zu nehmen, Petitionen abzugeben, Druck und Gegendruck auszuüben— kurz, das ganze Getriebe des Parlamen­tarismus ist plötzlich wieder in Aktion und wittert neue Morgenluft.

Die Feuerprobe der Regierung Brüning beginnt. Wir sind weit davon entfernt, alle ihre Taten gutzuheißen. Vieles trägt den Charakter des Uebereilten, des Unorga­nischen, und viele der neuen Steuerpläne, vor allem das so umkämpfte Notopfer, sind in der Tat abwegig. Aber das liegt zuletzt daran, daß die Regierung sich auch heute noch nicht zu Maßnahmen entschließen kann, die an die Wur­zel des Uebels greifen. Es kommt ja nicht allein darauf an, den Staatssäckel zu füllen, um den Verpflichtungen des Staates nachzukommen. Dazu gehören letzten Endes nur Steuern und einige Nerven, die Proteste der Inter­essenten abzuwehren. Von einem Finanzminister muß mehr verlangt werden. Die Steuern müssen auch so be­schaffen sein, daß sie gerecht sind und nicht wirtschafts­hemmend. Von beiden Erfordernissen ist das heutige Steuersystem weit entfernt. Alle Sanierungen Molden­hauers sind aber an der längst fälligen Steuerreform vor­beigegangen. Und glaubt man denn wirklich, die letzte Sanierung vorzunehmen, die wieder nur neue Lasten und damit neue Wirtschaftsdepression bringt? Das Spiel beginnt dann wieder von vorne, und man kann schon den nächsten Zeitpunkt ausmachen, wo die...te Sanierung fällig wird. Nur die entschiedene Reform(Und worin be­steht die? Die Schriftleitung) kann da noch helfen. Zu diesem Entschluß hat sich die Regierung aber noch nicht durchringen könnnen. Sie bleibt mit allem zu sehr im Geleise des Gewohnten, des Ueblichen, und schon sind alle die Kreise und Zirkel wieder auf der Bildfläche erschienen, die auf dem glatten Parkett des Parlamentarismus groß geworden, meinen, daß auch diese Regierung doch nicht ganz so schlimm sei, nicht ganz so ernst genommen wer­den müsse, wie es zu Beginn aussah.

Die Regierung steht im Begriff, das wertvollste Gut über Nacht zu verlieren, das eine Regierung seit Jahren besaß: das Vertrauen. Nur eine elementare Anstrengung, die mit großer Geste an das gesamte Volk appelliert und zur Reform aufruft, kann davor bewahren, daß wert­vollste Kräfte zu früh verbraucht werden, und daß ihr Einsatz zu hoch für ein Spiel war, das Wende sein sollte und doch nur Etappe wurde. Dr. Venter.

Rationalisierung.

Es gibt kaum ein Schlagwort, mit welchem so viel Un­g getrieben wird, wie mit dem der Rationalisierung. as umfaßt denn der Begriff eigentlich? Er umfaßt in iner reinen unverfälschten Auslegung: die Einführung rbesserter, neuzeitlicher Arbeitsmethoden, mit dem Ziel, e schwere Handarbeit durch Maschinenarbeit zu ersetzen id durch genauere Zusammenarbeit aller Arbeitsgänge nen schnelleren Umlauf innerhalb der Erzeugung durch sparnis an Zeit zu erreichen. Die Erzeugung soll ver­ehrt, das Erzeugnis soll verbessert und verbilligt wer­n. Es soll ein Kreislauf entstehen, derart, daß die ver­sssserten und verbilligten Erzeugnisse einem sich ständig rgrößerndem Abnehmerkreis zugeführt werden, dessen achstum um so größer sein wird, je mehr Menschen den forderten Preis für das Erzeugnis aufbringen können. er gesteigerte Absatz erlaubt die Einführung von erneut rbesserten Arbeitsmethoden, eine erneute Vermehrung

der Erzeugung, eine fortschreitende Verbesserung und Verbilligung des Erzeugnisses und gewinnt somit einen, eben durch die Preissenkung nochmals erweiterten Ab­nehmerkreis. Oder mit anderen Worten: die durch Er­sparnis von Zeit und Kraft erzielten Gewinne sollen nicht nur dem Unternehmer, der Unternehmung zufließen, son­dern zu einem Teil dem Betriebe zum Ausbau neuer Ar­beitsmethoden, zur Vermehrung der Erzeugung, und zu anderem Teil dem Verbraucher in Form von verbilligten Erzeugnissen zugeführt werden. Die Rationalisierung ist also nicht einseitig egoistisch=materialistisch, sie bricht mit dem Grundsatz des größmöglichen Reingewinnes, sondern sie fußt auf einem Leistungsprinzip, welches den Erzeu­ger, die Erzeugung und den Verbraucher in ein gewisses Verhältnis zu einander setzt. Das Ziel ist die wirtschaft­liche Leistungsfähigkeit des Erzeugers zu heben— Ver­mehrung der Erzeugung— und sich der Kaufkraft mög­lichst breiter Schichten immer mehr anzunähern— Ver­mehrung des Absatzes—. Die Ersparnis an Zeit durch stärkste Ausnutzung der Leistungsfähigkeit steht im freien Ermessen des Einzelnen, die Zeit ist frei, ihre Ausnutzung benachteiligt niemand. Die Ersparnis an Menschenkraft und Handarbeit kann zu einer Einschränkung der be­schäftigten Arbeiterzahl führen. Diese Einschränkung braucht aber nur vors rgehend zu sein, denn auf der einen Seite werden die aus der ständigen, fortlaufenden Verbesserung der Arbeitsmethoden nutzenziehenden Un­ternehmen vermehrten Bedarf an Arbeitskräften haben, auf der anderen Seite bedingt eine stets wachsende Er­zeugung eine entsprechend stärkere Bindung von Arbeits­kräften.

Was hat man nun aus diesem Begriff gemacht? In der Mehrzahl der Fälle das Leistungsprinzip eliminiert und statt dessen das„Ich“ in den Vordergrund geschoben. Nicht mehr das Verhältnis zwischen Erzeugernutzen und Verbrauchernutzen blieb ausschlaggebend, sondern die Einsparung von Betriebskosten zwecks Erzielung größe­rer Gewinne, oder aber— was das Schlimmere ist— die Rationalisierung wurde dazu mißbraucht, die Betriebe knapp lebensfähig zu gestalten. Die Rationalisierun blieb in einer Herabminderung der Unkosten, in der Ver­ringerung des Bedarfes an menschlichen Arbeitskräften stecken und erschöpfte sich darin, die Betriebe„konkur­renzfähig" zu machen, als wenn das etwas mit dem Lei­stungsprinzip zu tun hätte. Sobald diese Ziele, die ja nur Teilziele im Sinne wirklicher Rationalisierung waren, erreicht schienen, verharrte man auf den erreichten Er­zeugungsmethoden und ließ die im ursprünglichen Begriff liegende Zwangsläufigkeit der Fortentwicklung fallen. Es ist fast zu einer stehenden Redensart der Geschäftsbe­richte geworden:„Die Rationalisierungsarbeiten sind zum Abschluß gebracht worden.“ Dabei ist der„Abschluß" von Rationalisierungsmaßnahmen ein Unding, eine Unmög­lichkeit, weil die Maßnahmen zwangsläufig weiter wirken müssen und einfach nicht abgeschlossen werden können.

Ist aber tatsächlich ein Abschluß erfolgt, so ist eben nicht rationalisiert, sondern nur eine neue, vielleicht ver­besserte Arbeitsmethode eingeführt worden. Es hat") nur die Betriebsform, nicht aber die Wir schaftsform verändert. Darin liegt der grundlegende Unterschied zwischen diesen beiden Auffassungen!

Die Rationalisierung verlangt aber nicht eine nur veränderte Betriebsform, sondern tatsächlich eine neue Wirtschaftsform, denn sie schaltet den Individualismus der liberalen Wirtschaftsform zugunsten eines Leistungs­prinzips aus, indem sie Erzeuger und Verbraucher zum Träger macht und ohne dieses Verhältnis nicht zu wirken vermag. Weder in der Erzielung größerer Gewinne, we­der in der Senkung übersteigerter Unkosten noch in der Ersparnis von Arbeitskräften oder der stärkeren Ausnut­zung menschlicher Arbeitskräfte liegt das Wesen der Ra­tionalisierung begriffen, sondern einzig und allein in ih­ren volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Nur diese be­stimmen Wert und Unwert. Fehlen derartige Auswir­kungen, die sich natürlich zuerst innerhalb des Betriebes zeigen müssen, um von dort auszustrahlen fehlt im Beson­deren das Merkmal des Leistungsprinzips als dritter Fak­tor, welcher die Rationalisierung als Wirtschaftsform über die heutige liberale Wirtschaftsform hinaus hebt, so ist nichts wirklich Neues geschaffen worden. Vielleicht ist die Liberale Wirtschaftsform durch die Möglichkeit dik­tatorischer Ausnutzung der Verbraucher verbessert wor­den, wahrscheinlich ist sie aber verschlechtert worden! Man muß sich die Geschäftsberichte ansehen, um zu erkennen, daß die Notwendigkeit der Rationalisierung stets und ausschließlich mit den Vorteilen für das„Werk“, niemals aber mit den Vorteilen für den Verbraucher begründet wird. Nur in Reklamen, also den Aeußerungen, die nur das enthalten, was der Verbraucher glauben soll, finden