Ausgabe 
12 (27.5.1930) 123
Seite
330
 
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mit den Beilagen„Für Herz und

„Kindergabe“ und„Anser Ziel.“

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Nr. 123.

Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Dienstag, den 27. Mai 1930.

Mühsam über Berg und Hügel Zieht der Mensch durch diese Welt.

Doch nimmt er des Glaubens Flügel, Führt sein Weg zum Himmelszelt.

Martin Ulbrich.

mittel?

Die neue Reparationsordnung.

Der Youngplan ist in Kraft getreten. Wenn auch die Nehrheit des deutschen Volkes der Ansicht ist, daß der neue Plan weniger schlecht ist als der Dawesplan, so hält doch wohl niemand die am 17. Mai in Kraft getre­tene neue Reparationslösung für ideal. Die Schulden­dokumente früherer Reparationslösungen sind vernichtet worden. Es handelt sich um folgende: 1. Die nach dem Londoner Reparationsultimatum vom 5. 5. 1921 heraus­gegebenen Schuldzertifikate, Serie A. B u. Cim Gesamt­betrage von 132 Milliard. Mark, 2. die Industrieschuldver­schreibungen gemäß dem Dawesplan in Höhe von 5 Mil­liard. Mark und 3. die Reichsbahnschuldverschreibung ge­mäß dem Dawesplan von 11 Milliard. Mark.— Die deut­schen Reparationsleistungen nach dem„neuen Plane“ werden ohne ausdrückliche dingliche Sicherung geleistet werden. Als Unterlage der Verpflichtung hat die Reichs­regierung bei der Bank für internationalen Zahlungs­ausgleich in Basel(...) Schuldscheine mit Koupons hinterlegt. Die Koupons sind in solche für ungeschützte und geschützte Zahlungen eingeteilt. Das Reich löst die Koupons durch Ueberweisung des betreffenden Betrages an die internationale Bank ein. Außerhalb dieser Ord­nung bleibt lediglich Folgendes bestehen: a) die deutsche Reichsbahngesellschaft leistet jährlich aus eigenen Erträ­gen 660 Millionen Mark; b) die früheren verpfändeten Reichseinnahmen(Zölle und Verbrauchsabgaben) haften noch für die Zinsen und Tilgungsraten, welche das Reich für die sogenannte„Dawesanleihe“ vom Jahre 1924 (800 Millionen Mark) zu zahlen hat. Aber diese letzt­genannte Haftung hat im wesentlichen nur formelle Be­deutung. Deutschland hat die Verpflichtung übernehmen müssen, die früher verpfändeten Einnahmen nicht ander­weitig zu verpfänden.

Das einzige Kontrollorgan für die Durchführung des neuen Reparationsplanes wird die Internationale Bank sein. Die bisherigen Kontrollorgane ver­schwinden. Zu diesen Organen gehören: 1. Die in Paris sitzende Reparationskommission. Sie ist auf Grund des Versailler Vertrages eingesetzt worden und bestand nur aus Vertretern der Gläubiger­machte. 2. Der Reparationsagent Parker Gilbert, der in Verlin seinen Sitz hatte, und der die Durchführung des Lawesplanes zu überwachen hatte. 3. Die Treuhänder und Kommissare, die auf den einzelnen Gebieten(Reichs­dahn, Industrieschuldverschreibungen, Reichsbank und verpfändete Reichseinnahmen) Kontrollbefugnisse aus­loten. 4. Die Vertrauensleute der Gläubigerländer im verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahngesellschaft und im Generalrat der Reichsbank. 5. Die Besatzung in den beutschen Westgebieten.— In der Bearbeitung der Re­earationsfrage durch das Reich tritt keine Aenderung ein. Nach wie vor wird eine Abteilung des Reichsfinanz­mnisteriums darüber wachen, daß die Reparationser­fnltung keine Katastrophe für die deutsche Wirtschaft, die eeutschen Finanzen und die deutsche Währung herauf­beschwört. Während sich früher die reparationspoliti­

Verpflichtung des Reiches darauf beschränkte, die fäl­den Beträge in Reichsmark auf dem Reichsbankkonto Generalagenten Parker Gilbert anzusammeln, kunftig deutscherseits die Devisenbeschaffung und Lossenüberweisung an die Internationale Bank vorge­mmentwerden müssen. Die zuständige Reichsstelle wird besau prüsen müssen, welche Folgen die Reparations­esültung hat. Ergeben sich ernste Schwierigkeiten, so hat * der Reichsregierung gegebenenfalls die Inanspruch­eime des Ueberweisungsmoratoriums für den geschütz­* Teil der deutschen Jahresleistungen zu empfehlen er anheimzugeben, bei der Internationalen Bank die Eichung des beratenden Sonderausschusses zur Prüfung

deutschen Zahlungsfähigkeit und zur Ausarbeitung ner neuen Reparationslösung zu beantragen.

Dr. Croll.

Brief aus Baden.

Nicht ohne einen gewissen Stolz lasen wir die Biele­

felder Rede von Prof. Dr. Hellpach auf dem dortigen

Reichselterntag. Wir freuten uns über den Redner, der seit Jahrzehnten unser Landsmann geworden ist. Aber werden seine Worte auch zu denen dringen, die keine

Deuschland= sinds, en Vescher des

Unser Landsmann sorgt selber, daß man seine Stimme i ietzter Zeit zu hören bekommt. Seine Parteikritik, die er nicht nur durch Worte, sondern auch durch die Taten seines Rücktritts vollzog, findet bei uns ein offenes Ohr. Sein Zeitungsaussatz„Entsumpfung und Urbarmachung im Parteienbruch“(Heidelberger Tageblatt Nr. 105) ist ein besonders vernehmliches Wort zu dem Ziel, neues Leben in die Parteien zu bringen oder gar das Wesen der Partei und der Parteien nach den heutigen Notwen­digkeiten zu gestalten,

Um aber noch einmal auf Hellpachs Bielefelder Rede zurückzukommen: Mehr noch als die Parteien haben eben unsere Familien und Ehen eine Entsumpfung nötig, eine Urbarmachung, wenn man so will. Damit sie wieder das werden, oder gar erstmals das werden, was sie urtümlich und ursprünglich zu sein haben. Darum ist auch heute jede Geburt zu begrüßen, die gewollt und in der Ehe er­folgt.

Wie steht es aber in Baden auf dem Gebiet der Ge­burten? Das Jahr 1929 hat nur noch 45 616 Geburten ge­bracht. Soviel, wie seinerzeit das Jahr 1856. Noch wa­ren es 1928 47173, also noch 1557 mehr. Während um die Jahrhundertwende jede unter 45 Jahren stehende Frau durchschnittlich drei Kinder hatte, hat sie heute nur noch 1,6 Kinder! Aus dem damaligen Dreikindersystem ist das Einkinder= und vielfach das Keinkindersystem ge­worden. Dazu starben 1929 auch mehr Badener als 1928. Nämlich mit 30 846 um 2203 mehr als die 1928 gestorbe­nen 28643. Und unter den zahlreicher Gestorbenen hat leider auch die Zahl der unter einem Jahr Stehenden sehr bedenklicherweise einen wachsenden Anteil, näm­lich 7,8 gegen 7,5 v. H. im Jahre 1928. Wir bringen diese ausführlichen Zahlen als Beweis gegen die so oft geäußerten Bedenkenlosigkeiten und Entschuldigungen, wonach angeblich durch verringerte Sterblichkeit, auch der Kinder, die so weithin für bedeutungslos gehaltene Ge­burtenabnahme ausgeglichen werde. In Baden also trifft dies, wie hiermit gezeigt ist, nicht zu! Dabei steigen nach erklärlichen Schwankungen in den letzten Jahren die Eheschließungen stark an. Nur daß diesen Ehen eben lei­der ihre Erfüllungen vielfach versagt bleiben oder sich zu­meist ihre Erfüllung selber versagen! Darum fordern wir Entsumpfung und Urbarmachung der Ehe!

Daß auf diesem Gebiet auch die Kirche nicht genug tun kann, neben der Heiligkeit des werdenden Lebens auch dem bereits gewordenen die Wege zu erleichtern, wissen wir alle. Auch die Kirche weiß hier ihre Pflicht und es geht nicht an, ihr ungerechterweise, wie das nur zu oft geschieht, etwa Pflichtvergessenheit vorzuwerfen. Nur fehlen ihr die Mittel, wie so oft, auch hier, das alles zu tun, was sie tun sollte und gewiß auch gerne tun möchte.

Wie schön auch könnten die großen christl. Kirchen hier Hand in Hand gehen. Das können sie aber, wie an­derweitig, so auch hier, eben leider nicht. Es liegt an der ganz anderen Einstellung zum Leben und zu dem, was man Religion heißt. Noch wird im Katholizismus grund­sätzlich das klösterliche Leben als das höhere gewertet, daher zu Welt, Leib, Irdischheit eine durchweg gebrochene Haltung eingenommen. Im Protestantismus fehlt es ge­wiß auch nicht an solcher Haltung, die eben schon durch das Neue Testament gegeben ist. Aber grundsätzlich heißt uns die evangelische Haltung, nicht vor der bösen Welt das Kloster aufzusuchen, sondern die Welt mit den Kräf­ten Gottes zu durchdringen!

Das mag einem wieder einmal schier schaudernd zum Bewußtsein kommen, wird man, wenn auch nur mittel­bar, Zeuge katholischer und evangelischer Veranstaltun­gen. Von jenen zuerst ein Bericht, nämlich von einer „Kinderfeier" im Kloster Neuburg vor den Toren Heidel­bergs. Läßt sich eine sonst gar nicht katholische Zeitung, das Heidelberger Tageblatt, eines der größten Blätter Badens, u. a. allerdings von einer mir als mystisch ver­schwärmt bekannten Frau schreiben, was wir unten wie­dergeben, so fragt man sich von vornherein: Was haben wir da noch viel an gemeinsamem Erbgut? Die Worte lauten:

„Draußen vor der Kirche ein fröhliches Walfahrtstreiben, die Sonne meint es gut und der kleine Fischörunnen an der Mauer war ständig von durstigen Mäulchen umgeben und hohle Händchen fingen begierig das Wasser auf. Um das

kleine Lädchen war es dicht gedrängt. Heute gilt das Interesse den kleinen Heiligenbildchen, die zu billigem Preis hoch­wertige Kunst bieten, desgleichen die Statuetten— man kann sie ruhig expressionistisch nennen— aber nie überschreiten sie Geschmack und Würde. Neuerdings liefert die Abtei Maria=Laach Keramik mit altchristlichen Motiven, und der neuernannte Auto=Schutz=Heilige Christophorus auf den kleinen Plaketten für Wagen und Rad scheint mir wahrlich geschmack­voller als die gräulichen Fettische und Popanze amerikanisch­indianischen Ursprungs...

Droben in der Abtei ist's wieder still geworden; die Welle bürgerlichen Lebens, die da hinanbrandete, ist zurückgeebbt; durch die kühle Klosterkirche schwebt das ruhige Tagzeiten­gebet der Mönche. Alter, uralter Gebrauch! Heutzutage ist Tradition nicht mehr Mode, man will ganz von vorne an­fangen, nirgends wurzeln, nirgends anknüpfen, und doch zieht dieses Alte, Unwandelbare des Klosterlebens die Menschen immer wieder an, läßt auch Nichtkatholiken da oben so gerne haltmachen und die Kinder und das einfache Volk, das nicht nach der Mode geht, fühlen hier etwas Altgewohntes wieder­kehren, das schon die Altvordern liebten, die das Sprichwori prägten:„Unter dem Krummstab ist gut leben!“——

In gleicher Weise leben auch anderweitig in Baden die vom Fetischtum„amerikanisch=indianischen= Ursprungs“, richtiger: heidnisch=animistischen Ursprungs religionsge­schichtlich gar nicht so weit entfernten katholischen Bräuche wieder auf. In Neudenau, nahe der württemberger Grenze kam der„Gangolfsritt“ zur hl. Gangolfsquelle wieder auf mit der damit verbundenen Weihe und Seg­nung von. Pferden! Im letzten Jahre nahmen über hundert Pferde daran teil!— Während im Jahre 1808 die damals„aufgeklärtere“ katholische Kirche derartige Unsitten verboten hatte, ist man heute„sehr dafür". Be­greiflicherweise! Nicht daß am Ende der Auto=Schutzhei­lige Christophorus über den ebenso heiligen Gangolf den Sieg erringe und gar auch in der Heiligenwelt die„Mo­torisierung“ fortschreite wie zur Zeit auf der unheiligen Erde!

Da gibt es doch wirklich keine gemeinsame Losung für die beiden christlichen Kirchen! Schon aus diesem Grunde müssen wir Evangelischen immer wieder lebendige Ge­meinden erstreben. Wir freuen uns aufrichtig, daß und wie dies der zu Pforzheim zusammengeführte Evange­lische Gemeindetag dies Ende April getan hat. Können wir auch auf die einzelnen ganz vorzüglichen Darbietun­gen, nicht zuletzt auch auf die gelungenen Vorbereitun­gen durch die Festgemeinde nicht weiter eingehen, so empfand man bei all den wertvollen Vorträgen wieder einmal die Vielseitigkeit unserer evang. Kirche und freute sich dessen. Hier wehte keine Klosterluft. Hier strömten andere Quellen als die des Pferde= und Quellenheiligen Gangolf!

Darum ist es auch völlig abwegig, diese Eigenart der Evangelischen Kirche auch politisch nicht beachten zu wol­len und etwa mit ihr ein gleiches Konkordat zu schließen, wie es gewiß die katholische Kirche mit dem Staate und der Staat mit der katholischen Kirche sehr bald schließen wird. War es schon immer nötig, dem auch in der Oef­fentlichkeit Ausdruck zu geben, so hat der frühere Heidel­berger, jetzt Erlanger Kirchenrechtsprofessor Dr. Lier­mann, der neben seiner Rechtswissenschaft auch ein evan­gelisches Herz besitzt, deutlich und vollständig getan Er wählte dazu als Rahmen seiner Ausführungen über „Protestantenvertrag und Konkordat“ eine öffentliche Ta­gung des Evangelischen Volksdienstes. Fragt sich nur, wird der heutige badische Staat in seiner bekannten un­evangelischen Einstellung eine Rücksicht auf die evange­lische Eigenart nehmen und die Parität diesmal so aus­legen, wie sie allein sinngemäß und berechtigt ist: Jedem das Seine zu geben und nicht etwa blindlings allen das Gleiche(oder nicht einmal dies!).

Hierbei kommt— in Baden zumeist— auch die Schule stark in Frage. Unsere in der Hauptsache durchaus nicht kirchenfeindlich eingestellte Lehrerschaft wird ein wach­sames Auge haben. Sieht man überhaupt auf ihre letzte Tagung und die dort geäußerten Wünsche, so kann man sich nur freuen, wie viel Liebe zur Schularbeit und zu den Kindern aus ihnen heraussprach. Aber auch wie­viel Anerkennung und Würdigung der Zusammenarbeit mit dem Elternhaus! Mag der Außenstehende daneben noch immer über die gewünschte Lehrerbildung an der Hochschule anderer Meinung sein! Konnte bisher auch eine Reihe unvermögender Väter ihre Söhne auf billigem Wege Lehrer werden lassen und sie damit in eine ange­sehene Stellung bringen, so werden es hernach nunmehr auch hier wieder nur die besonders Bemittelten sein. Die so hochgepriesene„freie Bahn dem Tüchtigen“ wird auf diese Weise wieder stark verrammelt. Ist die akademische Vorbildung wirklich die beste?

Sofern übrigens Heidelberg in Frage käme, so stellte der frühere Unterrichtsminister, der jetzige Landtagsab­geordnete Dr. Leers kürzlich in der Oeffentlichkeit fest, wie sehr der Landtag gerade dieser Hochschule die Mittel gekürzt habe. Freilich stehe es auch in Freiburg nicht