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Organ der Sozialdemokratie

für das östliche Westsalen und die lippischen Kurstenlumer.

Buchhandlung, Druckerei, Erpedition und Redaktion: Schulstraße Nr. 20.

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bis ½9 Uhr vormittags. Größere Inserate müssen bis 5 Uhr abends tags zuvor aufgegeben sein.

Druck und Verlag per Buchdruckerei und Buchhandlung „Volkswacht"

Gerisch& Co.,

Nr. 245.

Bielefeld, Mittwoch, 20. Oktober 1909.

20. Jahrg.

Die heutige Nummer umfaßt. 8 Seiten.

Vozlalisteatdirt Hr. Krumunn=Trirbrnau.

I.

Je mehr die Arbeiterschaft sich von der Geißel des Kapitalis­mus zu befreien sucht, je mehr wächst natürlich die Besorgnis derer, die an der Erhaltung der kapitalistischen Ausbeutung ein Interesse haben. Vor allem lassen es sich die als Scharfmacher berüchtigten Großunternehmer ein schweres Stück Geld kosten, um die jeroständige Betätigung der Arbeiter öffentlich in Miß­kredit zu bringen. Die Herren wenden sich deshalb mit beson­derem Ingrimm gegen die Sozialdemokratie, weil diese in Deutschland die einzige Partei ist, die die Interessen der Ar­heiter konsequent versicht; und zur Verleumdung der Sozialdemo­kratie dienen dann besondere, vom Großunternehmertum ausge­haltene Organisationen, die alles, was ihrer Meinung nach diese Partei im öffentlichen Ansehen herabsetzen könnte, zusammen­tragen müssen.

Zu den unzähligen zum Zweck der Sozialistentötung ver­öffentlichten Flugblattern und Streitschriften gesellt sich jetzt eine mit vielem Lärm angepriesene Broschüre„Die Sozial­demokratie als Arbeitgeberin".

Der Verfasser, ein Reichsverbändler Dr. Fritz Stephan Neumann in Friedenau=Berlin, kündigt in einer Reklame an, daß es der Zweck der Schrift sei,„das Vertrauen der betörten Arbeiterschaft zur Sozialdemokratie weiter zu erschüttern, das Vertrauen zum bürgerlichen Arbeitgeber und zur heutigen Wirtschaftsordnung aber erneut zu kräftigen." Das„weiter" ist ein überaus passender Ausdruck, nachdem die Sozialdemo­kratie gerade in den letzten Monaten von einem erhebenden Sieg zum anderen geschritten ist. Doch das beiseite. Wenn wir einen Blick auf das Buch des Herrn Dr. Neumann selbst werfen, so erfahren wir aus der Vorrede, daß,„wo immer die Blüte eines Unternehmens oder die Arbeitsbedingungen von Genossen abhängen, sich diese als geborene Pfuscher, als Ar­beiterquäler von einer Grausamkeit erweisen, wie sie in dem schlechtesten bürgerlichen Betriebe nicht erreicht wird.“ Die Sozialdemokraten sind in diesem Falle nach Herrn Dr. Neu­mann„Lohndrücker und Profitmacher, denen es allein darauf rankommt, aus den„Knochen der Arbeiter Ueberschüsse zu er­zielen,“ sie sind„unfähige und unehrliche Verwalter, Vergeuder der ihnen anvertreuten Arbeitergroschen usw.“ Man sieht, es kommt unserem Sozialistentöter auf große Worte nicht an.

Um nun auch wahrzumachen was er verspricht, betrachtet der Verfasser in fünf Kapiteln die Sozialdemokratie in den Konsum­vereinen, die Arbeiterbehandlung in sozialdemokratischen Buch­druckereibetrieben, die sozialdemokratischen Vertrauens­personen, sozialdemokratische Staats= und Stadtexperi­mente und die sozialdemokratische Wirtschaft in den Orts­krankenkassen. Wir haben hier also das unveränderte Rezept des seligen Lügenpastors Hülle und des gegenwärtigen Reichsver­bandes vor uns. Allerdings macht Herr Dr. Neumann­Friedenau in der Vorrede einen kleinen Vorbehalt.„Die Sozialdemokratie.“ schreibt er,„mag Einzelheiten anfechten, alle wesentlichen Angaben dieser vernichtenden Anklageschrift wird sie bestehen lassen müssen.“

Diese Reservation war am Platze, denn wenn wir die ver­nichtende Anklageschrift durchblättern, so finden wir nichts als die bekannten Geschichten, mit denen die„Reichsverbandskorre­spondenz" seit Jahr und Tag hausieren gegangen ist, und deren unsaubere Armseligkeit von der Arbeiterpresse derart an den Pranger gestellt wurde, daß selbst unabhängige bürgerliche Blätter in der sprichwörtlichen Reichsverbandsmethode ein Haar finden.

Da ärgert sich auf Seite 11 seiner Broschüre der Verfasser darüber, daß der„sozialdemokratische" Zentralverband der Konsumvereine seinen und seiner Mitglieder sozialdemo­kratischen Charakter systematisch zu verleugnen sucht. Aber das hindert Herrn Neumann nicht, an den Arbeiterkonsumvereinen das Denunztantenhandwerk mit der Behauptung zu üben, daß sie zum politischen Machtmittel der Sozialdemokratie planmäßig mißbraucht werden sollen. Damit ist nun, wenigstens in den Augen der Arbeiter, nicht viel getan, und daher folgt eine Auf­zählung angeblicher Schandtaten in Konsumvereinen, die natür­

unbesehens alle der Sozialdemokratie zur Last fallen, mag der Verfasser zu seinem Leidwesen auch selbst eingestehen müssen, daß die Konsumvereine sich peinlich streng von politischer Be­tätigung fernhalten. Natürlich fehlen in der Aufzählung nicht die üblichen Geschichten über die Ausbeutung in den Konsum­vereinen. Daß die Lohn= und Arbeitsbedingungen in diesen Vereinen zum Teil bessere sein könnten, ist bekanntlich gerade von der Sozialdemokratie oft genug hervorgehoben worden. Wie die 1907 mit der Organisation der Bäcker und der Trans­vortarbeiter abgeschlossenen Tarifverträge zeigen, sind diese Be­Angungen zum guten Teil aber unendlich viel besser als in Privatbetrieben.

Der Lohn der in Privatbäckereien beschäftigten Bäckergesellen betrug wöchentlich bei voller Kost und Wohnung, die mit zirka 8 Mark anzurechnen sind, 9,20 Mark, zusammen also 17,20 Mark. Die außer Kost und Wohnung beschäftigten Gehilfen erhielten zi#chschnittlich 23,37 Mark. Bei 10. bis 14stündiger Arbeit er­vior das einen Stundenverdienst für die erstere Kategorie von 18 bis 24,4 Pfg., für die zweite von 24,8 bis 33,4 Pfg. Dem­gegenüber ist durch den Genossenschaftstarif von 1907 der Mindestlohn für Bäckergehilfen auf 23 Mark wöchentlich festge­

„im agien wur er'2 Mart nlebrigers., Hierzu, kommen Oris­

4 41/4 bis zu 30 Prozent, so daß also die Gehilfen 23 bie

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##c1egs bis zu 30. Prozent, so, daß also die Gehilfen 23 bis ek, Schichtführer und Alleinbäcker 26 bis 33,80 Mark

Stundensob.— macht bei achtstündiger Arbeitszeit einen

# hon 43-8p““ von 48 bis 62 Pfg, bei neunstündiger einen solchen

.4 bis 554 Bsg, Diese Stundenlöhne sind aso in Durch­itt doppelt so groß, wie die in Privatbäckereien bezahlten. #ßerdem geben die Genossenschaften nach einjähriger, Tätigkeit #eine Woche Ferien unter Fortzahlung des Lohnes. wan ver­

gleiche mit diesen Arbeitsverhaltnissen die 1907 in Berlin in hartnäckigem Kampfe mit Hilfe der gesamten Arbeiterschaft für Teil der dortigen Bäckergehilfen errungenen 23. Mark Minimallohn, eine zehnstündige Arbeitszeit in Groß­petrieben, zwölfstündige in Kleinbetrieben, die die Mehrheit bilden, und Benutzung des paritätischen Arbeitsnachweises. . Die mustergiltigen sanitären Einrichtungen der Genossen­schaften gegenüber den bekannten, oft grauenerregenden Verhält­nissen in den Privatbäckereien, seien nur nebenbei erwähnt.

Die zweite Gewerkschaft, mit der der Zentralverband einen arif abschloß, war die der Handels= und Transvortarheiter.

Nach einer im Jahre 1905 veranstalteten Enquete des Ver­bandes, die sich auf 30000 Personen erstreckte, betrug die durch­schnittliche tägliche Arbeitszeit in diesem Gewerbe unter Ein­

weibliche 11,4 Stunden, nach Abzug der Pausen 10,9 bezw. 10 Stunden. Durch den Genossenschaftstarif ist die Arbeitszeit auf wöchentlich 53 Stunden festgesetzt, sie beträgt also wöchentlich 9.4 bis 12,4 Stunden weniger als die der männlichen, und 7 Stunden weniger als die der weiblichen Privatarbeiter. Auch hier gibt es für alle vor dem 1. Februar 1907 im Genossenschafts­betrieb Beschäftigten eine Woche Ferien unter Fortzahlung des Gehalts.

Der an den einzelnen Orten gezahlte Durchschnittswochen­lohn der privaten männlichen Transportarbeiter schwankt zwischen 12,04 Mark(in Eisfeld) und 25,84 Mark(in Zehlen­dorf). Der Gesamtdurchschnittslohn betrug 20,72 Mark, oder auf die Stunde berechnet 31.7 Pfg. Die Genossenschaften zahlen nach ihrem Tarif 19 Mark Anfangslohn, der sich jährlich um 1 Mark bis zu 24 Mark, bei den Kutschern usw. bis 25 Mark er­höht. Auch hierzu treten wieder Ortszuschläge bis zu 30 Prozent, so daß sich die Löhne bis auf 31,20 reip. 32,50 Mark erhöhen. Der durchschnittliche Stundenlohn der Genossenschafts­arbeiter stellt sich demnach auf 47,3 Pfg., d. i. 15,6 Pfg. oder 50 Prozent mehr als der in Privatbetrieben gezahlte. Ueber­arbeit wird mit 40 bis 60 Pfg., Sonntagsarbeit, die nur in dringenden Fällen gestattet ist, mit 50 Prozent Aufschlag ver­gütet. In den Privatbetrieben mußten ein Drittel aller Ar­beiter Sonntagsarbeit ohne besondere Vergütung verrichten.

Und wenn wir uns nun zu den Verhältnissen der Lagerhalter wenden, so muß Herr Neumann selbst gemäß der oom„Vor­wärts“ am 12. Mai 1909 veröffentlichten Aufnahme zugeben,

ferner der„Vorwärts“ ausdrücklich sagt, daß die Besserung des noch unbefriedigenden Zustandes um so eher zu erzielen sei, je mehr klassenbewußte Arbeiter den Konsumvereinen beitreten. Daß bei alledem die Verhältnisse in den Konsumvereinen noch bedeutend besser sind als bei der Mehrzahl der kleinen Krämer, weiß ein jeder, der in das Elend der Handlungsangestellten je einen Blick getan hat.

Was jedoch die behauptete geschäftliche Unfähigkeit der Konsumvereine betrifft, so zeigen die folgenden Zahlen zur Enidenz den wirklichen Tatbestand:

Am 1. Januar 1907 bestanden nach einem Bericht im „Konsumgenossenschaftlichen Volksblatt“, in Deutschland 2021 eingetragene Konsumvereine mit insgesamt 1181 753 Mit­gliedern. Die Zahl der nichteingetragenen Konsumvereine schätzt man auf 129 mit 68 247 Mitgliedern. Somit stellt sich der Stand der deutschen Konsumgenossenschaftsbewegung für den 1. Januar 1907 auf 2150 Genossenschaften mit 1¼ Millionen Mitgliedern. Rechnet mon die Familie zu 5 Köpfen, so reprä­sentiert die deutsche Konsumgenossenschaftsbewegung eine Be­völkerungszahl von 6¼ Millionen oder den zeynten Teil des ganzen deutschen Volkes.

Vom 1. Januar 1906 bis 1. Januar 1907 stieg der Umsatz, den die Konsumvereine im eigenen Geschäfte bewältigten, von 279,4 Millionen Mark auf 299.5 Millionen Mark und der er­zielte Reinüberschuß von 29,1 Millionen Mark auf 29.5 Millio­nen Mark. In eigener Produktion wurden von den Konsum­vereinen für 32,6 Millionen Mark Waren hergestellt.

Die überwiegende Masse der Konsumvereine, 985 mit 885074 Mitgliedern, ist im Zentralverbande deutscher Konsumvereine organisiert.

Diese imposanten Leistungen machen es begreiflich, daß man selbst auf bürgerlicher Seite den Arbeiterkonsumgenossenschaften Anerkennung zollt. Wir führen in dieser Hinsicht die Rede an, die Oberbürgermeister Schmieder im August 1908 bei der Be­grüßung der Generalversammlung des Zentralverbandes deut­cher Konsumvereine in Eisenach hielt, und die nach dem steno­graphischen Bericht in folgende Worte ausklang:

„So glaube ich, daß der Genossenschaftsgedanke überall, wo er sich zum Durchbruche verhilft, zum Segen derjenigen gereicht, die sich ihm anschließen, und damit schließlich auch zum Segen unseres ganzen Vaterlandes. Dieses liegt uns allen am Her­zen, und speziell natürlich liegt es den Stadtverwaltungen, den Verwaltungen, die die Organisationen des Staates und des Reiches zu keiten haben, ganz besonders am Herzen. Wenn Sie also weiter auf Ihrem Gebiete fortfahren, den Genossenschafts­gedanken zu pflegen, so können Sie gewiß sein, daß Sie gerade in den Städten und bei den Stadtverwaltungen auf weit­gehendste Sympathien stoßen.“

Wozu der„Hansa=Bund“ gegründet wurde.

Kürzlich trat auch in Königsberg i. Pr. der„Hansa­Bund“ an die Oeffentlichkeit. Es wurde eine große Versamm­lung abgehallen, in der erklärt wurde, der„Hansa=Bund“ wolle Deutschland vom agrarischen Joche befreien und die Gleich­berechtigung aller Erwerbsstände bestreben. Am Tage darauf schrieb die„Hartungsche Zeitung", das Blatt des Königsberger Freisinns, der Kampf gegen die Vorherrschaft des Agrariertums soll die Parole des„Hansa=Bundes“ sein. Den Beteuerungen von dieser Seite hat man natürlich nicht den geringsten Wert beigelegt, denn im selben Augenblicke, in dem man vom „agrarischen Joche" und von der„Bekämpfung der Vorherrschaft des Agrariertums“ sprach, trat man dafür ein, daß in der Stich­wahl in Koburg der Mann des„Bundes der Landwirte“ ge­wählt werden soll. Der Schwindel der Hansa=Bündler wird aber völlig aufgedeckt durch ein vertrauliches Schreiben, das der erste Direktor der Norddeutschen Kreditanstalt, George Marx in Königsberg, an den Vorsitzenden des„Hansa=Bundes“, Geheim­rat Rießer=Berlin, gerichtet hat. Marx ist Vorstandsmitglied der Königsberger Ortsgruppe des„Hansa-Bundes“. Er schreibt unter dem Vermerk„Vertraulich":

„Mein verehrter Herr Geheimrat!

Da wir hier unmittelbar vor der Gründung der Orts­gruppe des„Hansa=Bundes" stehen, halte ich es für nicht un­angebracht, Ihnen einen Vorschlag zu machen, der ernster Er­wägung wert ist. Ich bin nach reiflicher Ueberlegung zu der Ansicht gekommen, daß der Hansa=Bund", obgleich sein Wachstum sehr erfreulich ist, doch nicht in dem Maße sich aus­dehnt, um sofort dominierend wirken zu können. Für

unsern größten Feind halte ich die Sozial­demokratie. Was dieser Partei Schaden brächte, dürfte uns naturgemäß stets von Nutzen sein. Wie wäre es nun, mein verehrter Herr Geheimrat, wenn wir den Eintritt in den„Hansa=Bund“ auch den Arbeitern öff­neten. Die letzteren entrichten hohe Beiträge für ihre Par­tei, so daß der kleine Beitrag(1,00 Mk.) selbst für diese nicht hoch wäre. Und vielleicht fände sich auch ein Weg, daß die Arbeiter nicht direkt den Beitrag zu zahlen brauchten. Wir würden mit Verwirklichung dieses Vor­schlages zweierlei Vorteile haben: Erstent bekämen wir viele Mitglieder aus der großen Zahl der Arbeiterpartei, und vor allem hätten wir der Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln genommen, da diese nicht gut einen Bund bekämpfen könnte, dem eine große Zahl Mit­glieder aus ihrer eigenen Partei angehörten...

Soviel aus dem Schreiben, das uns ein günstiger Wind zu. geweht hat. Einer der Führer der Hansa=Bündler spricht hier den Herzenswunsch der meisten der Bundesbrüder aus. Die Sozialdemokratie soll vor allem bekämpft werden, das ist ihr Ziel, und alles Gerede von der Bekämpfung der agrarischen Vor­herrschaft ist nichts als Beiwerk, denn„der größte Feind ist die Sozialdemokratie".

Und wie„genial“ die Sache gemacht werden soll! Wenn erst dem„Hansa=Bund“ eine Anzahl sozialdemokratisch gesinnter Ar­beiter angehörten, dann könnte die Sozialdemokratie doch den

Bund nicht gut bekämpfen.....

Wenn Herr Marx mit derselben Genialität seine Funktionen als Direktor der Norddeutschen Kreditanstalt ausführt, so können sich die Aktionäre gratulieren.

Liberaler

In einem Artikel mit der Ueberschrift„Der Tag der Jugend" befaßt sich das„Berliner Tageblatt“ mit den Verhand­lungen auf dem Vertretertag der nationalliberalen Jugend­vereine in Jena. Es weist darauf hin, daß man in Jena einem zwingenden Beschluß sorgfältig ausgewichen ist. Es fährt dann fort:

Zwar in der Diskussion wurde die entscheidende Frage: wie stellen wir uns zur Sozialdemokratie?— sehr energisch ange­packt. Ein Redner aus dem Rheinlande sprach es mit aner­kennenswerter Offenheit aus, daß der Liberalismus verloren sei, wenn er fortfahre, Anlehnung nach rechts statt nach links zu suchen. Da aber meinte der Vorsitzende diplomatisch:„Wir wollen erst einmal den Liberalismus einigen und dann erst die Stellungnahme zur Sozialdemokratie erörtern."— Herr Bassermann wird Herrn Fischer segnen um dieses„staats­männischen“ Wortes willen.

Auch aus der Versammlung hat man dazu„sehr richtig“ gerufen. Nun ja, der Deutsche ist immer für Ordnung und wohldurchdachte Zeiteinteilung. Sagt ihm jemand

..... klar und angenehm

Was erstens, zweitens und drittens käm, so nickt er entzückt Beifall. Also erstens kommt die theoretisch­programmatische Vorbereitung zur Einigung in Thesen, Reden und Resolutionen. Zweitens kommt die praktische Einigung a) der drei linksliberalen Gruppen, b) der geeinigten Linken mit dem Nationalliberalismus— salls sich der in­zwischen nicht anderweitig geeinigt hat. Und endlich drittens kommt die Verständigung der großen, liberalen Partei mit der Sozialdemokratie— worauf die Vertreter von mehr als

3 Millionen Wählerstimmen natürlich mit all der achtungs­vollen Ergebenheit warten werden, die dem Volke der„Dichter und Denker" vor Thesen, Reden und Resolutionen ange­boren ist!

Nein, so geht das Ding wirklich nicht, es wird schon vorher Farbe bekannt werden müssen. Denn die Sozialdemokraten — genauer gesagt die sozialdemokratischen Wähler sind miß­trauisch gegenüber dem Liberalismus. Und— seien wir doch aufrichtig!— mit Recht mißtrauisch. Wenn je. so war ja nach den Hauptwahlen von 1907 der Augenblick gegeben, wo der Liberalismus der geschlagenen Sozialdemokratie die Hand zur taktischen Verständigung hätte dieten müssen. Denn dem Zen­trum war doch eigentlich Fehde angesagt! Aber damals so wenig wie heute hatte irgendeiner der liberalen Führer den Mut. das Odium der Konsequenz auf sich zu nehmen, wovor seine Durchlaucht der Herr Reichskanzler zurückschreckte.

Der Artikel des„Berliner Tageblatt“ schließt mit den Worten:

Wer nicht einmal den Ausblick auf den hundertsten Sozial­demokraten im Reichstage festen Auges ertragen kann, der wird eben den hundertsten Zentrumsmann als eine dauernde Einrichtung im Deutschen Reiche müssen gelten lassen.

Das„Berliner Tageblatt“, das selbst eine sehr entschiedene liberale Politik befürwortet, teilt offenbar die sozialdemokratischen Zweifel daran, daß sich die Liberalen in Deutschland noch einmal zu einer entschiedenen Politik ausschwingen werden.

Die preußische Wahlreform und der Liberalismus.

Der alte Träger bricht im„Berliner Tageblatt“ eine Lanze für Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen. Durchaus zutreffend führt er am Schlusse seines Artikels aus:

Der Kampf für die Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen gilt auch seiner Erhaltung im Reiche, wo es von Anbeginn ein Dorn in konservativen Augen geblieben, obgleich Bismarck erklärt hatte, daß ihm kein besseres, von Mängeln freieres Wahlrecht bekannt sei als dieses. Trotzdem wollte der Minister Puttkamer, die wünschenswerte Homogenität der Wahlsysteme durch Einführung des preußischen Wahlrechts im Reiche herstellen und verlangte 1895 Graf Mirbach im Herren­hause ungescheut nach einem Staatsstreich zur Beseitigung des Reichstagswahlrechts. Mögen diese Kundgebungen auch weit zurückliegen, die Tendenz besteht fort und hat sich ganz neuer­dings am 10. Juli d. J. in der hochbedentsamen Rede des Herrn v. Heydebrand unverhüllt offenbart. Danach sind die Konservativen zur Ablehnung der Erbschaftssteuer durch das Moment maßgebend bestimmt worden, daß sie eine solche Be­sitzbesteuerung nicht in die Hände einer auf dem gleichen Wahlrecht beruhenden parlamentarischen Körperschaft legen wollen. hrt goh: und alsa

Man sieht deutlich, wohin die Faori geht, und also muß die Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen die Parole für die nächsten Wahlen zum Reichstag sein, die auch für Preußen ausschlaggedende Bedeutung gewinnen können. Denn bei der bekannten hastigen Eile, mit welcher in dortigen Ministerien derartige Vorlagen vorbereitet werden, läßt sich