Der Westwind treibt die Wellen als eine unendliche Horde wilder Pferde mit silbernen Mähnen durch den Sund und läßt sie mit schäumendem Schwall über das Riff toben, bis sie ihre Dut an der Felsenküste zerschlagen. Dort warten die Männer und lauern, daß sich der Sturm lege. Orüben hängt ein Schiff auf den Klippen. Man kann seine dunklen Amrisse gut erkennen. Es kam gewiß aus dem Süden und vertraute dem breiten Sund und seinen ruhigen Wellen.

„So helft doch!“ schreit Mattias Tor die wartenden Männer an und zerrt ungestüm die Taue des großen Boo­tes von den Pfählen. Eine schwere Hand drückt den Jun­gen zur Seite und eine dunkle Stimme gebietet ihm, schla­fen zu gehen. Es ist Mattias' Dater, Torsten Lor, der den Jungen heute zum erstenmal an dem nächtlichen Werk der Männer vom Sund teilnehmen lassen wollte. Doch Mat­tias scheint noch zu sung, um zu verstehen, daß man nicht gegen Sturm und Riff ankämpfen darf. Mattias weiß noch nichts von dem schlimmen Erbe, das er einst antreten wird, wie eine lange Kette von Geschlechtern vor ihm. Solange das tückische Felsenriff sich mit vielen heimlichen Höckern und Zacken dicht unter dem Wasser durch den ver­rufenen Sund bis zur Insel Bolin schiebt, sind die Män­ner der Felsenküste schon in seinem unheilvollen Bann. Nie halfen sie einem Schiff in Seenot, aber stets waren sie nach dem Sturm zu schweigsamer Ernte bereit. Das trug ihnen mehr ein als der Fischfang.

Mit brennenden Augen steht Mattias Tor, da man ihn wegschickte, auf hohem Steilufer. Heiß würgt der Trotz in der Kehle. llein- er will nicht wieder zu den Hütten zurückkehren! Nicht die Furcht vor schmerzenden Schlägen, sondern der Abscheu hat den Weg zurück zerstört. Tage­lang irrt Mattias an der Küste umher und grübelt, bis er seinen Plan fertig hat.

Einmal nimmt auch der härteste Winter ein Ende(Scherl­

Heimlich stiehlt er aus dem kleinen Hafen ein Boot. And dann gerät in den näch­sten Tagen bei stärkstem Nordwest kein Schiff mehr im verrufenen Sund auf Grund. Dochenlang warten und lauern die Männer ver­gebens. Sie müssen sich ein­schränken und beginnen schon, die letzten Vorräte hervorzuholen. Sie sind ver­kommen genug, lieber auf eine leichte Beute zu warten und zu darben, als auf an­ständige Weise durch Fisch= vor der Hütte fang zu leben.

Mattias' Dater, Torsten Lor, aber ahnt, warum kein Wrack mehr auf dem Riff hängt. Als der Sturm wieder einmal tost, fährt er allein mit seinem Boot in den Sund hinaus und kommt gerade zur rechten Zeit, wie Mattias, sein eigener Sohn, von Bord eines Kutters geht und sein schmales Ruderboot besteigt. Das war es also: Seit Wochen brachte der Junge als heimlicher Lotse die Schiffe wohlbehalten durch den verrufenen Sund. Diele Fischer und Seeleute wissen ihm Dank und vertrauen sich dem schweigsamen Mattias an.

Der Junge hat seinen Dater längst entdeckt und stemmt sich mit aller Kraft gegen die Riemen. Sein Boot treibt auf das Riff zu. Torsten versucht, dem Sohn die Flucht abzuschneiden. Da flackert sach der Sturm auf und schlägt mit breiter Hand auf das Wasser. Schon gehen die Wellen höher und lassen die einfachen Fischerboote auf zuckenden Rücken tanzen. Mattias sieht, daß er die Durchfahrt am Riff nicht mehr vor dem Dater erreichen kann. Da wählt er mit sungem Mut den letzten Weg und rudert geradewegs auf das Riff zu. Torsten Lor wendet im Nu und folgt dem Flüchtenden. Doch ur­gewaltig bäumt sich eine Welle auf und schleudert mit schaumgefleckten Flanken die Boote voneinander. In tollem Wir­bel fegt sie Mattias über das Riff und wirft das Boot des Daters zurück. So gewinnt der Junge Raum und flüchtet mit eiligen Ruderschlägen aus der Strömung am Riff. Als er nach eini­ger Zeit an der Felsenküste anlegt, sieht er, daß des Daters Schiff im branden­den Wellenmeer an den Klippen geblie­ben ist. Hilflos hängt das Boot, wie die vielen unseligen Schiffe zuvor, auf scharfen Felszacken und gewiß werden es die tosenden Wellen bald zerschlagen.

Es gibt für Mattias, den Jungen, kein langes Aeberlegen. Er schiebt das Boot in die Strömung zurück und ru­dert auf das Riff zu. In zähem Kampf arbeitet er sich durch die Riffbrandung und faßt mit harter Faust den bersten­den Bug des wracken Bootes. Er trotzt der reißenden Strömung, bis die beiden Boote nebeneinander liegen und ver­bunden sind. Dort liegt Torsten Lor und ein schmaler Streifen Blut rinnt von seiner Stirn. Quirlendes Wasser um­spült den regungslosen Körper, trägt ihn fast dem Jungen zu, der ihn schnell packt und in sein Boot herüberzieht. Dann Bilderd.=Autofler) erst löst Mattias das Tau vom Wrack.

(Engel, Zander=.)

Schrammend gleitet das Boot am Riff entlang zur Durchfahrt. Noch rast der Sturm im Sund. Mattias Lor bringt seinen Dater zu den Fischerhütten, wo die Männer warten. Wie aus schwerem Schlaf erwacht Torsten Tor. Dor ihm steht sein Junge mit wirrem Haar und feuchten Augen. Müde hebt Torsten die Hand und reicht sie dem Sohn. Schweigend erleben die Männer die Amkehr ihres

Aeltesten und senken die Köpfe.

Der Nordwest sault mit letzter Kraft vom Sund her und tatzt noch einmal mit seiner gewaltigen Dranke auf das Meer, daß sich eine hohe Gischtwand vor den Män­nern aufreckt. Mählich beruhigen sich Wasser und Wind. Als die Sonne anderen Tages hinter der Insel Bolin hervorkommt, liegt der Sund glatt und beschaulich da. Schnurgerade ist die Linie der Fischerboote, die hinter Mattias Lor zum Riff fahren, um große Seezeichen für die Durchfahrt in die Felsen zu rammen. Weiter haben sie wieder ihre Fischernetze an Bord. Mattias will ihnen einen guten Fischgrund hinter Bolin zeigen, wie er ihnen auch den Weg zu dem großen, aufrechten Leben wies. Sicher wird Mattias Lor ein guter Lotse in diesem Fahr­wasser bleiben.

Herz unter grauem Gewand

Hart ist der Wille, und hart ist die Hand aber das Herz ist nicht tot:

Unter dem grauen Soldatengewand glüht es lebendig und rot!

All sein Verlangen verstummt in der Schlacht donnergewaltigem Klang ­aber zur Nacht, auf der einsamen Wacht tönt's wie von fernem Gesang.

Lieder der Heimat, wie Glocken so hell, steigen vom Herzensgrund wie ein verschütteter, heimlicher Quell ­bleibt auch versiegelt der Mund...

Lieder der Liebe, sie locken das Bild inniger Stunden hervor: Lächelt die Liebste nicht tröstlich und mild, wie einst beim Abschied am Tor?

Schaut nicht aus Kissen staunäugig ein Kind, rosig und unschuldverklärt?

Tönt nicht sein silbernes Stimmchen im Wind, der durch das Birkenlaub fährt?

Fest bleibt die Faust um die Waffe gespannt; hart macht und wachsam der Krieg ­aber das Herz unterm grauen Gewand feiert den leuchtenösten Sieg!

Heinrich Anacker.

Der berichene Suns

Eine abenteuerliche Erzählung von Karlheinz Holzhausen