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Zweites Blatt.

Samstag, den 24. April 1915.

Die Bergarbeiter

zur Rede Kirdorfs.

Erklärung.

Mit großem Besremden hat die gewerkschaftlich or­ganisierte Bergarbeiterschaft von der Rede des perrn Geheimen Kommerzienrats Dr. Emil Kirdors, ge­hallen auf der Generalversammlung der Gelsenkirchener Bergwerks=Aktiengesellschaft am 17. April d. J. in Berlin, Kenntnis genommen. Wir lassen die uns be­lreffenden Ausführungen nach dem Berichte der„Köln. Stg.“(Nr. 391 vom 18. Aoril) folgen:

„Nachdem Geheimrat Dr. Kirdorf ausgeführt hatte. daß die vaterländische Gesinnung der Arbeiterschaft zu der Hoffnung auf Fortbesteben der bisberigen Arbeits willigkeit berechtige, verwies er auf die Möglichkeit, daß darin eine gewisse Aenderung eintreten könne. Diese Möglichkeit, so führte er weiter aus, ist begründet in der außerordentlichen Fühlungnahme, die seitens des Staatssekretärs des Innern und des Handelsministers mit den Vertretern der Axbeiterorganisationen gepflegt wird.(Nach der„Bergwerkszta.“ Nr. 90 und der„Köln. Volksztg.“ Nr. 314 hat Herr Kirdorf sogar von„sogenann= ten“, Arbeiterorggnisationen gesprochen.) Nament­lich der Handelsminister hat diese Be­zlehungen außerordentlich rege gepflegt uno auch den Versuch gemacht, die Ver­waltung der Gesellschaft dazu heran­zuzieben. Aber in den Kreisen der Verwaltung er­scheint dies auserordentlich bedenklich. und

man muß bei den Verhandlungen der Minister mit den rbeiterorganisationen sich doch die Möglichkeit vor Augen halten, daß dabei ein anderes Ergebnis beraus kommt, als die Minister sich denken. Denn es ist keine Frage, daß die Arbeiterführer naturgemäs im Auge haben. ihre Gewerk schaften und ihre eigene Stellung in den Gewerkschaften zu stärken. Dies ist natur­gemäß bei diesen Bemühungen, die in die Form ge kleidet werden, daß unsere Regierungsvertreter den Standpunkt betonen, sie täten das möglichste, um Ar beiterbeunruhigungen zu vermeiden, um den Burgfrieden aufrechtzuerhalten und auf eine engere Fühlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hinzuarbeiten. Der Minister glaubt. dies durch eine enge Fühlungnahme mit den Organisationen erztelt zu vaben. Aver das Ergebnis kann doch unerwünscht sein.

Eo muß von vorüberein betont werden, daß der vaterländische Geist der Arbeiterschaft außer Frage steht. und, daß auch die Verwaltung der Gesellschaft davon überzeugt ist. Denn die zur Jahne gerufenen Arbeiter sind dem Ruse mit Begeisterung, gefolgt. wofür wir zahllose Beispiele haben, und Leute, die als Fach­arbeiter zurückgerufen worden sind zur friedlichen Arbeit, haben sich dagegen gewehrt und darauf bestanden. ihter Wehrpflicht zu genügen.„In einer telchen Arbeiterschaft wird der vaterländische Geist immer wirksam bleiben. Aber immerhin wird in einem Manne. wenn man ihm beständig vorführt, daß Bemühungen seitens der Re­gierung im Gange sind. die Arbeiterschaft zu beruhigen. das Gefühl erzeugt, daß er nun eigentlich verpflichtet sein müsse, etwas unruhig zu werden.(Heiterkeit.) Die Verwaltung hofft, daß dies nicht eintreten wird. Sie müsse aber ihr Bedauern darüber aussprechen, daß eine Regierung. die wie der Ausbruch des die ganze Welt umfassenden Krieges zeigt. in ihrer äußern Politik doch vollständig verfehlte Wege gegangen ist, auch in der innern Politik Wege einschlägt, die alle diejenigen, die auf lange Erfahrungen im industriellen Leben zurück blicken, für sehr abwegig halten, und daß sie es versäumt. aus dem prachtvollen und machtvollen vater­ländischen Ausschwung, der sich in der gesamten Masse der Arbetter gezeigt bat, denjenigen Nutzen zu ziehen, der für das Staatswohl und das wirtschaftliche Wohl dauernd von Vorteil hatte sein können.

Nach diesen Darlegungen Kirdorfs, die mit Beifall ausgenommen wurden. fügte der Vorsitzende, Dr. Salomonsohn(Diskonto=Gesellschaft). noch die Hoffnung hinzu, daß der Warnungsruf, den Kirdorf an eine gewisse Realerungsstelle gerichtet habe, auch über die Kreise der Gesellschaft hinaus gehört und gewürdigt werden möge."

Die Unterzeichneten, als Vertreter der gewerkschaft­lichen Bergarbeiterorganisationen Deutschlands, die zu­sammen mehr als 250000 Mitglieder(einschließlich der sum Heer eingezogenen) umfassen, erheben gegen die Ausführungen des Herrn Kirdorf den entschieden sten Protest. Wir sind davon überzeugt, daß wir damit auch der Meinung der erdrückenden Mehrheit der noch nicht gewerkschaftlich organisierten Bergarbeiter Ausdruck geben.

Zur Sache bemerken wir folgendes: Wir dürfen als bekannt voraussetzen, daß die Mehrheit der Bergwerks­besitzer von jeher den gewerkschaftlichen Bestrebungen der Bergarbeiter schroff ablehnend gegenüberstand. Das hat oft zu schweren Kouflikten im Bergbau geführt. Um nun in dieser ernsten Kriegszeit dem Ausbruche solcher Konflikte vorzubeugen, ohne dadurch ein Arbeiterrecht preiszugeben, regten die Unterzeichneten in einer Ein gabe an den Herrn Minister für Handel und Gewerbe die Errichtung von Einigungsämtern im Bergbau an. Wir dachten dabei auch an die guten Erfabrungen. die mit ähnlichen Einrichtungen(Arbeits­

S.

gemeinschaften) bereits im Baugewerbe, in der Holz­industrie usw. gemacht worden sind.

Bei den mündlichen Verhandlungen über unsere Ein­gabe fanden wir im Handelsministerium für unser Be­treben auf Errichtung von Einigungsämtern Ver­tändnis. Der Herr Minister hob aber auch die nach einer Ansicht bestebenden Schwierigkeiten bezüglich der Ausführung unseres Vorschlages bervor und betonte, zu­nächst noch mit den Werksvertretern verhandeln zu wollen. Der Verlauf unserer Unterredungen mit dem Herrn Handelsminister gibt also Herrn Kirdorf auch nicht das geringste Recht, von einer einseitigen Be­vorzugung der Arbeiterorganisationen durch die Re­gierungsvertreter zu reden. Wir sind überdies als Staatsbürger berechtigt, wenn es das Interesse der Ar­beiter erfordert, mit den Regierungsorganen zu ver­handeln. Auch die Vertreter der Großindustrie machen ia von diesem Staatsbürgerrechte den weitestgehenden Gebrauch, um ihre Interessen wahrzunehmen.

Die Ausführungen des Herrn Kirdorf bestätigen uns nun mit aller Deutlichkeit, daß leider die Werks­vertreter auch jetzt noch ihre ablehnende Haltung gegenüber den Arbeiterorgani­sationen beibebalten, und daß an dem Wider stande der Werksvertreter die Errichtung von Einigungs ämtern scheiterte. Dafür haben sie die volle Verant­wortung zu tragen.

In den weitesten Kreisen der Oeffentlichkeit, auch von offiziöser Seite im Parlament, wurde anerkannt, daß auch die gewerkschaftlichen Bergarbeiterorganisa tionen in dieser Kriegszeit durchaus im vater­ländischen Sinne tätig sind. Um so ungerechter und beleidigender ist daher die Unterstellung des Herrn Kirdorf, die Vertreter dieser Organisationen könnten die Füblungnahme mit den Regierungsvertretern dazu r nutzen, die Bergarbeiter zu beunruhigen.

In einer Zeit, da viele Tausende gewerkschaftlich organisierter Bergarbeiter ihr Leben zur Verteidigung des Vaterlandes bingeben, wirkt eine solche Rede be­sonders bitter und ist sicherlich nicht geeignet, den Burg­frieden zu fördern.

Gewerkverein christlicher Bergarbeiter Deutschlands.

I. A.: Steger.

Polnische Berufsvereinigung der Bergarbeiter.

I. A.: Mankowsky.

Gewerkverein der Bergarbeiter

I. A.: Schmidt.

Verband der Bergarbeiter Deutschlands.

I. A.: Sachse.

Aus dem Stadtkreile Herne.

Herne, den 24. April 1915.

Invalidenspende deutscher Armee= und Marine­Lieferanten.

Es wird uns geschrieben:

Aus kaufmännischen Kreisen hat sich eine Zahl ange­sehener Firmen verschiedener Geschäftszweige vereinigt und einen Aufruf au alle Lieferanten veröffentlicht, um diese zu einer Sammlung von Geldern zu Gunsten der Kriegsinva­liden zu veranlassen

Erfreulicher Weise laufen reichliche Spenden für diesen patriotischen Zweck ein, sodaß bereits 180000 Mark für die Kriegsanleihe gezeichnet werden konnten, obwohl nur ein Tausendstel des Umsatzes mit den Militärbehörden von den betr. Lieferanten erbeten wird.

Die Deutsche Bank, Berlin W. 8, Depositenkasse A, welche sämtliche eingehenden Beträge bis zum Friedens­chlusse in Verwahrung behält, überweist sie dann dem in Unterstützung von Invaliden seit 1872 so bewährten „Invalidendank", Berlin W. 8, Unter den Linden 24 zu Händen Sr. Exellenz Generalleutnant z. D. Freiherrn vor Gablenz.

Die zuständigen Kriegsministerien erhalten die Hälfte eingegangenen Summe, sodaß die Spende den Inou­Idi im ganzen deutschen Reiche zu Gute kommt

Je länger der schwere, opferreiche Krieg dauert, desto mehr Invaliden werden neben der staatlichen Fürsorge auf

private Beihilfen angewiesen sein; es ist daher eine drig­gende Notwendigkeit, daß alle diejenigen kaufmännischen Betriebe, welche für Kriegszwecke direkt oder indirekt tätig waren oder noch beschäftigt sind, sich ihrer Verpflichtung den Kriegern, und insbesondere den Invaliden gegenüber voll bewußt werden, welche mit ihrem Blut für das von allen Seiten so heimtückisch bedrohte deutsche Vaterland eingetreten sind und jeden Augenblick dem Tode ins Ange sicht geblickt haben

Nähere Auskunst erteilt Fabrikbesitzer Paul(Engel,

Berlin SO. 16, Cöpenikerstraße 40.

Der„Invalidendank", Berlin W. 8, ist zur Abgabe eine großeren Anzahl Aufrufe behufs weiterer Verbreitung

bereit und für Angabe von Adressen jeder Art Kriegs­Armee= und Marine=Lieferanten sowie Interessenten sehr verbunden.

**

*

Eßt Klivv= und Salzfische.

Nachdem am Montag und Dienstag dieser Woche in einem besonderen Vortrage auf die verschiedenen Ber­wendungsmöglichkeiten und die Bedeutung des Klipp= und Salzfisches für die Bolksernährung hingewiesen worden ist, soll auch an dieser Stelle nochmals darauf aufmerksam gemacht werden. Die Fische geben bei geeigueter Behand­

lung, das werden die genannten Vorträge gezeigt haben, ein durchaus schmackhaftes Nahrungsmittel ab. Der für die Verkaufsstellen amtlich sestgestellte und kontrollierte Preis von 35 Pfg. für das Pfund dürfte als durchaus angemessen zu bezeichnen sein, wenn man bedenkt, daß die Fische ohne Kopf, ausgeweidet und nach Entfernung der Rückengräte in Handel kommt. Gerade jetzt im Anfang sollte jeder einmal einen Versuch mit diesen Fischen wachen, um dadurch das Interesse für den Fisch und den Bezug dauernd zu sichern. Die Ersparnis für die Volksernährung an Fleisch würde dadurch eine ganz erhebliche sein.

Verkaufsstellen sind:

a) Herner Konsumanstalt, Bahnhofstraße,

b) Kersting, Bahnhofstraße, gegenüber der esangelischen Kirche,

c) Kölner Konsum=Anstalt, von der Heydtstraße und Filiale Bahnhofstraße

In den genannten Geschäften sind auch gedruckte Koch­rezepte unentgeltlich erhältlich.

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* Kirchliches.

Herr Kaplan Anton Gerken, bisher Kaplaneiverwe­ser an der Propsteikirche in Wattenscheid, wurde zum 2. Kaplan an der St. Marienpfarrkirche ernannt. Freiherr von Gayl in Bochum.

X Der stellvertretende kommandierende General des

7. Armeekorps, Freiherr von Gayl, traf auf einer In­spektionsreise am gestrigen Nachmittag zu kurzem Aufent­halt in Bochum ein.

Vom Neubau unseres Amtsgerichtsgebäudes.

X Anstelle des im Felde stehenden Herrn Reg.=Bau­meisters Thüreau ist, wie wir hören, Herr Reg.=Baum Dr. Scheibner mit der örtlichen Bauleitung unseres Amtsgerichtsneubaues betraut worden. Mit dem Beginn der Bauarbeiten dürfte nunmehr bald begonnen werden.

X Direktor Gustav Brinckmann;

Am Donnerstag starb in Godesberg, wohin er sich nach seiner Pensionierung zurückgezogen hatte, ziemlich unerwartet im Alter von 58 Jahren der frühere kauf­männische Direktor der Gewerkschaft„Friedrich der Große" Gustav Brinckmann. Mit ihm ist ein Mann ins Grab gesunken, der lange Jahre in seiner Vaterstadt Herne verdienstlich gewirkt hat. Herr Direktor Brinckmann war ein gevorener Herner. Nachdem er zuerst längere Zeit bei der Bergwerksgesellschaft Hibernia tätig gewesen, war er auf den Zechen„Holland“,„Zollverein“, sowie auf einer Zeche im Aachener Bezirk beschäftigt, und bekleidete dann seit dem Jahre 1898 die Stelle eines kauf­männischen Direktors bei der Gewerkschaft Friedrich der Große, in welcher Eigenschaft er an der Ent­wickelung dieses Werkes lebhaften und tätigen Anteil nahm Im Jahre 1909 wurde er Stadtverordneter der 1. Ab­teilung und nach dem Ausscheiden des Stadtrats Wilhelm Schlenkhoff an dessen Stelle zum Stadtrat gewählt. Als solcher nahm er dann bis zum Austritt aus seiner Gesellschaft, der in der Hauptsache aus Gesundheitsrück­sichten im vergangenen Jahre erfolgte, an der Entwickelung der Stadt Herne tätigen Anteil. Als begeisterter Natur­freund unterstützte er nach Kräften die hiesige Ortsgruppe des Sauerländischen Gebirgsvereins, dessen Vorstands­mitglied er bis zu seinem Fortzuge nach Godesberg war. Nicht lange hat der Verstorbene sich hier seines wohlver­dienten Ruhestandes erfreuen dürfen. Ein schweres Leiden setzte seinem Leben ein vorzeitiges Ziel. Sein Andenken

wird bei allen, die ihn kannten, in Ehren bleiben R. 1 P.

X Die nächste Sitzung der Stadtverordneten­Versammlung

findet am Dienstag, den 27. April 1915, nachmittags

4 Uhr statt.

Zu Anfang der Sitzung wird das von Herrn Beige­ordneten Cremer gestiftete Bild übernommen werden.

Tagesordnung:

1. Ergänzungswahl zum Magistrat. a) Für Herrn Beigeordneten Cremer, dessen Wahlperiode am 24. Juni

Rummex 94.

1915 abläuft, b) Für Herrn Stadtiet Hoppe, dessen Wahlperisde am 15. Mai 1915 abläuft, c) Für Herrn Stadtrat Klein, dessen Wahlperiode am 24. Juni 1915 abläuft

2. Ersatzwahlen in die Kommissionen und Deputationen für den verstorbenen Stadtverordneten Schulte Kulkmann. Schulte=Kulkmann war Mitglied der Armen=Deputation, der Baudeputation, der Kommission für die Lieserung von Brot, Hafer und Stroh im Mobilmachungsfalle, der Kom­mission für die Abschätzung von Schäden, die marschierende Truppen verursacht haben.

3. Ersatzwahl für den verstorbenen Stadtverordneten Engeldrecht. Der Magistrat hat beschlossen, die Ergän zungswahl jetzt vornehmen zu lassen, weil Engelbrecht bei der regelmäßigen Ersatzwahl 1914 gewählt war, jedoch in­folge seiner Krankheit noch nicht wieder in sein Amt ein­geführt werden konnte.

4. Ersatzwahl für den verstorbenen Stadtverordneten Schulte=Kulkmann. Der Magistrat hat beschlossen, die Ergänzungswahl jetzt vornehmen zu lassen, weil bei Nicht­ergänzung dieser Wahl im Jahre 1916 das gesetzliche Recht des Stadtteils Baukau auf einen besonderen Wahlbezirk nicht mehr besteht, weswegen ein genugend begründetes Interesse der Baukauer Wähler dafür angenommen wird, bis 1916 diesen Platz noch von sich aus zu besetzen.

5. Rückzahlung von Haftpflicht=Prämienderrägen in Höhe von 473.35 Mk., die von der Straßenbahn Herne­Sodingen=Castrop für die frühere Straßenbahn der Stadt Herne vorgelegt sind. Vorgenannter Betrag wurde erst gezahlt, nachdem die Straßenbahn Herne=Constantin von der Straßenbahn Herne=Sodingen=Castrop verwaltet wurde und vor der Verpachtung an die Westfälische Straßenbahn.

6 Weitergewährung eines Darlehens im Betrage von 33500 Mk. an die Straßenbahn Herne=Sodingen Costrop aus städtischen Mitteln und Festlegung eines Tilgungs­planes auf 10 Jahre. Vorgenannter Betrag wurde ange liehen zur Deckung der Unkosten bei Aufnahme eines Dar lehens von 600000 Mk. Da dieses Darlehen auf.10 Jahre unkündbar ist, soll dieser Fehlbetrag ebenfalls auf 10 Jahre geliehen und innerhalb der 10 Jahre getilgt werden.

7. Uebernahme einer anteiligen Bürgschaft für eine seitens der Hasenbetriebsgesellschaft aufzunehmende Anleihe von 1 500000 Mk. Gemäß§ 22 des Gesellschafts ver­trages sind die Gesellschafter verpflichtet, für Darlehen der Gesellschaft ihrem Anteil und Kapital entsprechend sich zu verbürgen. Die Anleihe von 1½ Millionen Mark dient zur Deckung der für den provisorischen und endgiltigen Ausbau des Hafenbahnhofs, und des Anschlusses an den Bahnhof Wanne sowie zur Beschaffung weiterer Betriebs­mittel erfordetlichen Kosten

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Im Westen des Reichs.

Roman von O. Elster. 14

„Mama,“ rief Jeanne,„soeben bringt ein Bote dieses Telegramm von Papa! Was hat das zu bedeuten?"

Ihre Mutter nahm das Telegramm und las es. Dann reichte sie es Wolrad und sagte mit einem trau­rigen Lächeln:„Da, lesen Sie selbst und dann— ver­lassen Sie uns?"

Wolrad las das französisch geschriebene Telegramm. es lautete:

Reise soeben nach Nancy ab, folgt mir morgen in aller Frühe. Habe Charles telegraphiert, er besorgt das Nötige. Garnier.

„Ich verstehe nichts mehr,“ sagte er und ließ das Pavier fallen, das auf den Boden flatterte.

Jeannes Augen schweiften angstvoll zwischen dem Ge liebten und der Mutter hin und her.

„Was soll das heißen. Mama?“ fragte sie mit beben der Stimme

„Das soll heißen, daß Du Abschied für immer von Deinem Freund nehmen mußt," sagte ihre Mutter in dumpfer Ruhe

„Niemals!“ schrie Jeanne auf. flog auf Wolrad zu und schlang die Arme um seinen Nacken.„Bleibe bei mir, Geliebter.“

Sein perz krampfte sich zusammen. Er ahnte, welches Vergehens sich Garnier schuldig gemacht hatte. weshalb er so rasch und plötzlich Deutschland verlassen wollte. Er preßte Jeanne die Hand

„Frag' Deine Mutter, ob ich bleiben darf,“ ent

gegnete er bebend

„Dein Vater befiehlt. Jeanne, wir müssen gehorchen." sagte Frau Garnier

„Aber weshalb""

„Willst Du, daß Deine Eltern ins Gefängnis ge worfen werden?“

Da schrie Jeanne laut auf und schlug die Hande vor das Gesicht. Wie ein Blitstrahl fuhr die Erkenntnis der Wahrheit durch ihre Seele. Sie wimmerte leise und

schmerzlich

„Jeanne— meine arme Jeanne... sprach Wolrad mitleidsvoll.

Sie fuhr emvor und streckte die Arme, wie abweh rend. aus

„Geb. geb!“ keuchte sie.„Nein, rühr' mich nicht mehr, an— ich bin versehmt.“

„Jeanne...

Da warf sie sich in seine Arme und küßte ihn leiden schaftlich. Dann trat sie von ihm zurück und richtete sich

stolz emvor

„Nun geb. Geliebter— ich kann, ich darf Dich nicht

halten. Ich bin meines Vaters Tochter— wir können uns nicht angehören.. geh— verlaß mich!"

„Du willst es, Jeanne— lebewohl Er wollte sich ihr nähern, stolz wies sie ihn zurück. Da verließ er das Zimmer.

Jeanne aber brach krampfhaft schluchzend in den Armen ihrer Mutter zusammen.

9. Kavitel.

Auf der Flucht.

Der Unteroffizier der Patrouille hatte sich nicht ge­irrt, als er hinter dem kleinen Gitterfenster des alten Turmes das Gesicht eines Mannes zu sehen glaubte. In dem Turm befand sich unter der Plattform ein kleines Gewölbe, das von der eisernen Tür, die perr Garnier Wolrad gezeigt hatte, verschlossen wurde. Allerdings führte von diesem Gewolbe, das einer Kerker zelle glich, eine Falltür auch in das finstere Burgverließ und in früheren, grausameren Zeiten mochte diese Fall tür auch dazu benutzt sein, um unbequeme Gefangene spurlos verschwinden zu lassen. Jetzt war jedoch das

kleine Gewölbe, das allerdings auch einen Taubenschlag enthielt, mit einigen einfachen Mobelstücken, einem schmalen eisernen Bett, einem Tisch und einigen Holz­schemeln ausgestattet. Charles, der in Abwesenheit Garniers das Schloß beaussichtigte, hatte sich den Raum auf diese Weise ausgestattet, um in der Nähe seiner ge liebten Tauben weilen zu können.

Charles Perrin war ein finsterer, worttarger Bursche von etwa, dreißig Jahren. Er hatte schon einmal als Wilddieb im Gefangnis gesessen, war auch angeklagt, einen Förster erschossen zu haben, welche Tat ihm je­doch nicht nachzuweisen war. Er stammte aus einem ein samen Dorf in der wildesten Gegend der Vogesen, hatte dart ein kleines Anwesen besessen, was er jedoch nach Verbüßung seiner Strafe verkaufte, um in die Dienste Garniers zu treten. Er war der Vertraute seines Dienst herrn in dessen dunklen Plänen geworden

Als er das Telegramm Garniers erhielt, stieß er einen leisen Fluch aus. Der Inhalt der Devesche mußte jedem Dritten gleichgültig erscheinen, aber Charles Perrin verstand ihren Sinn doch sofort. Er sagte dem Stall­burschen, daß er noch einen Gang in das nachste Dorf machen wolle, wo seine Braut wohne, schlich sich dann aber in den Turm und tappte sich die frühere Wendel trevpe hinauf. bis er die eiserne Tür erreichte, die er mit einem kleinen Schlüssel öffnete.

Die Gestalt eines jungen Mannes, der auf dem Bette ruhte, erhob sich. Es war Fritz Schlüter, der Deserteur!

Er trug jedoch die Uniform nicht mehr, sondern war wie ein Bauernbursche aus dem Elsaß gekleidet, in kurzer, wollener Jacke von blauer Farbe und schwarzen

Samthosen; auf dem Tisch lag ein alter Kragenmantel und eine verschossene Pelzmütze.

„Kommt Ihr endlich, um mich aus diesem verdammten Loch zu befreien?“ sagte er in ärgerlichem Tone.„Ich hab' es satt— das ist ja nicht besser, als eine Arrest= zelle.“

„Wenn Ihr nicht in eine Arrestzelle kommen wollt,“ entgegnete Charles Perrin ernst,„so macht Euch fertig mir zu folgen.“

„Wohin?“

„Ueber die Grenze.“

„Hol“ Euch der Henker! Ich hab's mir anders überlegt. Ich hab' einen dummen Streich gemacht, als ich Euch folgte. Ich gehe zurück zum Regiment, was kann mir da viel geschehen? Einige Wochen Arrest— die sitzt man bald ab. Deshalb braucht man noch nicht sein Vaterland zu verlassen!"

Die Einsamkeit der letzten vierundzwanzig Stunden hatte Fritz Zeit zur Ueberlegung gegeben. Er war kein schlechter Mensch, nur sehr leichtstinig und, wenn er ein Glas über den Durst getrunken hatte, seiner

Sinne nicht mehr mächtig. Als sein Rausch verflogen und er über das Geschehene ruhig nachdenken konnte

überkam ihn die Reue; der Gedanke, sein Vaterland für immer verlassen zu müssen, seine Heimat niemals

wiedersehen zu sollen, der Gedanke an seine Eltern und Geschwister, an die Schmach und Schande, die er über sich und seine Familie bringen wollte, bewegte schmerzlich sein Herz. und er kam zu dem Entschluß, lieber die Strafe für seinen Leichtsinn auf sich zu nehmen, als durch Flucht nach Frankreich sein ganzes Leben zu zer­stören

„Wie Ihr wollt“ versetzte Charles finster.„Aber hier könnt Ihr nicht länger bleiben. Kommt mit mir! Ich bringe Euch auf dem nächsten Weg nach Euerer Garnison,

aber glaubt nur nicht mit einer leichten Arreststrafe davon zu kommen. Ihr habt dem Unteroffizier die Flasche an den Kopf geworsen, daß ihm das Blut aus der Stirn spritzte. und welche Strafe auf den tätlichen Angriff eines Vorgesetzten folgt, brauch' ich Euch nicht zu sagen.“

Friv erschrak. Daran hatte er nicht mehr gedacht. In seiner Trunkenheit hatte er diesen Auftritt ganz vergessen Jetzt stand er ihm wieder deutlich vor Augen. Charles hatte recht, ein solches Vergehen gegen einen Vorgesetzten wurde mit den hartesten Strafen geahndet. Er senkte den Kopf und starrte eine Zeitlang düster vor sich nieder Wenn er nicht jahrelang im Gefangnts schmachten wollte, blib ihm nichts anderes übrig, als zu slichen. Er atmete schwer auf und erhob sich.

Laßt uns geben.“ knirschte er zwischen den Zahnen „Ich din bereit, Euch zu folgen...“

„So nehmt den Mantel und die Mutze und kommt—

halt! Wir wollen das Licht auslöchen! Es war überhaupt unvorsichtig, daß Ihr die Lampe angezündet habt.“

„Sollt' ich hier im Dunklen sitzen?“

Charles zuckte mit den Achseln. Dann ging er in einen Winkel des Gemachs und entnahm einem kleinen Wand schrank einen Revolver

„Was wollt Ihr mit dem Revolver"“ fragte Friv er stannt.

„Man kann nicht wissen, was einem passiert. Kommt jetzt, wir haben keine Zeit mehr....“

Er löschte die Lampe aus und im Dunkeln tappten beide die schmale Wendeltrevve hinab. Als sie auf den Hof kamen, sah sich Charles vorsichtig um. Aber alles war still, selbst im Schloß schien tiese Stille zu herrschen. Charles winkte Fritz und im Schatten der Gebäude schlichen sie sich fort, bis sie die Landstraße erreichten. Dann schlugen sie sich seitwärts in den Wald und ver schwanden im Dunkel der Nacht.

Dennoch waren sie gesehen worden!

Als Wolrad das Schloß verlassen, wußte er zuerst kaum, was geschehen war, wohin er sich wenden, was er tun sollte. Er setzte sich unter einen Baum auf einen Stein, stützte die Stirn in die Hand und suchte, sich zur Klarheit durchzuringen. Ein finsteres Geheimnis war zwischen ihn und seine Liebe getreten, ein Geheimnis, dessen Inhalt er ahnte, wenn auch nicht klar erkennen kennte. Die Andeutungen von Jeannes Mutter hatten ihm dieses Geheimnis zum Teil enthüllt und diese Ent hüllung mußte allerdings eine Verbindung zwischen ihm und Jeanne unmöglich machen. Die Tochter eines Spions, eines Landesverräters konnte der deutsche Offizier nicht zu seinem Weibe machen.

Finster ruhte sein Auge auf der dusteren Masse des Schlosses. Da traf sein Auge der Lichtstrahl des kleinen, erleuchteten Fensters in dem alten Turm, das wie ein totglühendes Auge in die Nacht hinausstarrte!

Sollte dort oben das Geheimnis verborgen sein“ Hatte der Unteroffizier nicht von einem Menschen gesorochen, den er da oben gesehen haben wollte? Und plotzlich dachte ei daran, daß, wie die Untersuchung seitgestellt hatte, der flüchtige Soldat auf einem leichten Korbwagen, der mit zwei Grauschimmeln bespannt gewesen, davongefahren sein sollte— und standen nicht im Stalle Garniers zwei Grauschimmel, die Wolrad einmal gesehen hatte, als er sein eigenes Pfed dort eingestellt hatte“

War es wirklich Garnier gewesen. der dem Soldaten zur Flucht verholsen hatte? Und verbarg sich der Flucht ling etwa in dem alten Turm. dessen einziges Fenster röt­lich glühend hinüberschimmerte?

Doch nein jetzt erlosch der Lichtschein des Fensters# und in finsterer Ruhe lag das ganze Schloß da

(Fortlenzung kolat.)