gliedern haben nur 58 für den Hinauswurf der Haase und Genossen gestimmt, während 33 dagegen waren, 4 sich ent­hielten und 12 fehlten. Jene 58 und vielleicht noch einige von den Fehlenden wird man wohl als den Kern einer neuen Parteibildung ansehen können. Von den 88 Opponenten wiederum haben sich nur 18 in der Fraktion zusammenge­funden, die sich als„sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft" bezeichnet, während sie die sozialdemokratische Arbeitstren­nung herbeigeführt hat. Diese Haase=Gruppe besteht aus den Leuten, die schon am 21. Dezember v. Is. die Kriegskredite verweigerten, sodaß, nachdem Liebknecht und Rühle vorange­gangen waren, jetzt alle jene 20 aus dem Fraktionsverband geworfen sind. Unter den 28, welche in der Fraktion gegen den Hinauswurf stimmten, sind ferner die 14 zu suchen, welche im„Vorwärts“ gegen diese Maßregelung ausdrücklich Ein­spruch erheben und zugleich betonen, daß sie vor der Abstim­mung über den Notetat den Sitzungssaal des Reichstags ver­lassen hatten. Hier hat man also den Ansatz zu einer dritten Fraktionsbildung, während der 83., der gegen die Maßrege­lung stimmte, mit den 4, die sich enthielten, und etlichen der vorsorglich Fehlenden vielleicht das Material zu einer vierten sozialdemokratischen Fraktion liefern, wozu dann als Num­mer 5 die Fraktion Liebknecht=Rühl käme, die bisher noch nicht den Anschluß an die Hinausgeworfenen gefunden hat und vielleicht, ebenso wie die Schwankenden unter den 14, erst abwarten will, wie der— Haase läuft.

Jedenfalls ist es zweifellos, daß sich noch unbegrenzte Möglichkeiten für die Fortsetzung der Spaltung ergeben. Meinte doch unlängst die sozialdemokratische Breslauer „Volkswacht", daß man in der Partei zwischen einem rechten Zentrum(Scheidemann, Ebert, David), einem linken Zentrum(Bernstein, Haase, Kautsky), den Intransigenten (Liebknecht, Mehring, Ledebur) und der„unbestimmbaren Gruppe, der man Gewalt antut, wenn man die Annektio­nisten nennt“(Heine, Heilmann, Kloth) unterscheiden müsse. Immerhin, fürs erste handelt es sich nur um die Spaltung der Fraktion. Aber schon diese schafft mancherlei Möglich­keiten der Neuorientierung. Zunächst parlamentarischer Art, da die„sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft" bereits die Gewährung von Fraktionsrechten beantragt hat. Immerhin bleibt die sozialdemokratische Fraktion mit 89 Mitgliedern noch die stärkste; aber das Zentrum folgt ihr unmittelbar mit 88 Mitgliedern, und so würde dieses bei der sehr wahrschein­lichen weiteren sozialdemokratischen Absplitterung an die Spitze rücken.

Wichtiger als die fraktionellen sind die politischen Wirkun­en, und diese werden sich zunächst darin geltend machen, daß d Genossen befreite sozialdemokratische vaterlär den Standpunkt, ewinn dar­

Tito. Andererseits ist

damit zu rechnen, daß auch die Haase=Partei sich noch rück­haltsloser als bisher zu dem vaterlandslosen Standpunkt der Liebknecht=Rühle bekennen wird, nachdem ihnen die Frak­tionsfessel abgestreift wurde. Das wird man mit in Kauf nehmen müssen, auch wenn man daraus im feindlichen Aus­lande falsche Schlüsse ziehen und eitle Hoffnungen schöpfen sollte.

Man wird es mit in Kauf nehmen können, wenn sich die Hoffnung, die wir hegen, erfüllen sollte, wenn die Entwicklung, 4. August 1914 einfetzte und die jetzt in der

gen, und diese werden sich zunachst darin geltend m die von den Haase und Genossen befreite sozialde Fraktion jetzt rückhaltsloser den vaterländischen E zu dem sie sich bekehrt hat und der ihren Kriegsg stellt, betonen kann und hoffentlich auch wird. And

welche mit dem sozialdemokratischen

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der Sozialdemokraten sich jetzt zu Scheidemanns Wort bekann­te,„in der Stunde der Gefahr lassen wir unser Vaterland nicht im Stich“, sollte sie sich da nicht auch nachher zum wiederge­fundenen Vaterland bekennen, wenn die Stunde der Gefahr vorüber ist und die Zeit des Wiederaufbaues beginnt!

Deutscher Tagesbericht.

Braudenburger, Hannoverauer, Hallenser weisen russische Massenangriffe ab.

wotb. Großes Hauptquartier, 28. März 1910.

Westlicher Kriegsschauplatz.

Südlich von St. Eloi entspannen sich lebhafte Nahkämpfe an dem von den Engländern gesprengten Trichter und an den Anschlußlinien.

Ueber die Lage im Kampfgebiet beiderseits der Maas ist nichts Neues zu berichten.

Oestlicher Kriegsschauvlatz.

Von neuem trieben die Russen frische Massen gegen die deutschen Linien bei Postawy vor. In tapferer Ansdauer

trotzen dort Truppen des Saarbrücker Korps allen An­stürmen des Feindes.

Von den an ihrer Seite kämpfenden Braudenburgern, Hannoverauern u. Hallensern zerschellte ein an vielen Stellen vorgetragener Augriff zweier russischer Divisionen unter schwerster Einbuße des Geguers. Das gleiche Schicksal hatten die auch nachts wiederholten Versuche des Augreifers, den bei Mikrzyee verlorenen Boden wieder zu gewinnen.

Balkan=Kriegsschauplatz.

Im Verfolg der feindlichen Luftangriffe auf unsere Stel­lungen am Doirau=See stieß ein deutsches Luftgeschwader in die Gegend von Saloniki vor und belegte den neuen Hafen, den Petroleum=Hasen sowie die Ententelager nördlich der Stadt ausgiebig mit Bomben.

Oberste Heeresleitung.

Oesterreich-ungarischer Bericht.

Erfolglose russische und italienische Angriffe.

wtb. Wien, 28. März. Amtlich wird gemeldet:

Russischer Kriegsschauplatz.

Nördlich von Bojan haben die Russen nach einigen Sprengungen in unseren Hindernissen wiederholt versucht, in die Stellung einzudringen. Alle Augriffe wurden unter erheblichen feindlichen Verlusten abgewiesen. Nordöstlich der Strypamündung scheiterte ein nächtlicher Vorrückungsver­such russischer Abteilungen schon an der guten Wirkung unse­rer Vorfeldminen.

An der bessarabischen Frout und bei Olyka feuerte feind­liche Artillerie lebhaft.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Kämpfe am Görzer Brückenkopf dauern fort. Auch im Abschnitt der Hochfläche von Doberdo begann ein leb­haftes Feuer der beiden Artillerien. Von italienischer Seite folgten Angriffsversuche am Nordhang des Monte San Martino, die leicht abgewiesen wurden. Oestlich Selz ist das Gefecht noch immer im Gauge. Auch im Plöckenabschnitt scheiterten alle feindlichen Angriffe. Vor der Kampffront des braven kärtnerischen Feldjägerbataillons Nr. 8 liegen über 500 tote Italiener. An der Tiroler Front waren die Ge­

schützkämpfe in den Indikarien lebhafter als sonst. Da in Venezien ein erhöhter Eisenbahnverkehr gegen die Isonzo­front festgestellt wurde, belegten unsere Flieger einige Ob­jekte der dortigen Bahnen mit Bomben.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Keine Ereignisse.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs.

v. Hoefer, Feldmarschallentnant.

Die große Sitzung im Hauptausschuß des Reichstags.

wtb. Berlin, 28. März. Der Hauptausschuß der Reichstages begann heute vormittag die Beratung des Etats mit dem Etat des Auswärtigen Amts. Anwesend waren Reichskanzler von Bethmann Hollweg, Staatssekretär des Aeußern von Jagow, Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück, Staatsekretär des Reichsschatzamtes Dr. Helfferich, Staatsse­kretär des Reichsmarinamts von Capelle, Staatssekretär des Reichskolonialamts Dr. Solf, Vertreter des Kriegsministe­riums und anderer Ressorts, sowie viele Bevollmächtigte der Bundesstaaten zum Bundesrate. Außer den vollzählig er­schienenen 28 Mitgliedern des Ausschusses wohnten zahlreiche

der zur Unterseebootsfrage gestellten Anträge. Hierauf ergriff der Reichskanzler das Wort, um in längeren, streng ver­traulichen Ausführungen die Politik der Reichsregierung dar­

zulegen und auf die von dem Berichterstatter angeschnittenen fragen einzugehen. Der Ausschuß gedenkt einen offiziellen Bericht über die vertraulichen Verhandlungen durch die Reichs­tagsdrucksachen zur Verteilung zu bringen.

Vom Tage.

Der Sekretär der Kardinals Mercier verhaftet. wtb. Brüssel. 27. März. Die über das Treiben des Privatsekretärs des Kardinals Mercier namens Loncin einge­leitete Untersuchung hat ergeben, daß der Verdacht, der sich gegen Loncin richtete, nichts weniger als begründet war. Bei einer haussuchung hat sich herausgestellt, daß die Organisa­tion des sog.„Oevre du mol du soldat" durch die unter Be­nutzung von Chiffreadressen eine unerlaubte Nachrichtenver­mittelung zwischen Belgien und der feindlichen Front forige­setzt erfolgte, dem Privatsekretär Loncin sehr nahe stand. Na­türlich wurde Loncin nunmehr verhaftet.

Der Vierverbandsprotest gegen die Einverleibung von Nordepirus.

wtb.Mailand, 26. März. Nach einer Meldung des Secolo“ aus Athen ließ gestern abend die Entente Skuludis ein Memorandum überreichen, das in den freundschaftlichsten Ausdrücken den Vorbehalt bezüglich der Einverleibung von Nordepiruz wiederholt, dessen Zukunft vom Friedenskongreß festgesetzt werden solle.

Minenopfer in der Nordsee.

wtb. Hoek van Holland, 28. März. Der aus London kom­mende Harwichdampfer„Cromer“ hat auf der See ein Boo: mit 23 Leuten ausgenommen, darunter den Kapitän des Dam­pfers„Empreß of Midlands“(2224 Brutotonnen), der auf eine Mine gelaufen ist.

wtb. Rotterdam. 28. März. Wie aus London gemeldet wird, ist der holländische Dampfer„Duiveland“ dessen Ver­lust bereits gemeldet wurde, 12 Meilen von der englischen Küste auf eine Mine gelaufen und in 7 Minuten gesunken.

In englischen Reedereikreisen veranschlagt man den Wert der in der vorigen Woche versenkten englischen Schiffe auf 40 Millionen Mark. Diese Ziffer schließt den Wert der versenk­len Ladungen nicht in sich.

Lippisches.

Detmold, 29. März 1916.

Unsere

Helden.

Den Heldentod für Vaterland starb der Musketier Gustav Gröne aus Wüsten im Inf.=Regt. Nr. 55. Zu Ehren des Gefallenen fand Sonntag in der Kirche in Wüsten ein Trauergeläut statt.

Mit dem Fürstlich Lippischen Kriegsverdienstkreuz aus gezeichnet wurde der Leutnant d. R. Philipp Volk­hausen, Inhaber des Eisernen Kreuzes und des Olden­burger Kriegsordens Friedrich August=Kreuz 2. Klasse. Leutnant Volkhausen ist ein Sohn des Herrn Medizinalrats Dr. Volkhausen in Detmold.

Dem Wehrmann Ernst Eikmeier aus Rhiene ist für tapferes Verhalten vor dem Feinde das Eiserne Kreuz verliehen worden. Vor einiger Zeit hat der Fürst ihm bereits das Lippische Kriegsverdienstkreuz verliehen. Eikmeier ist in der Winterschlacht in der Champagne schwer verwundet wor­den, während sein Bruder, Tischlermeister August Eikmeier aus Herserheide, mit dem er 7 Monate lang Schulter an Schulter gekämpft hatte, im September v. Is. den Heldentod für Kaiser und Reich gefunden hat.

— Militärpersonalien. Befördert wurden zu Leutnants der Reserve Offizieraspirant des Beurlaubtenstandes Schütze (Bielefeld) im 1. Garde=Reserve=Regiment und Vizefeld­webel Niemoeller(Detmold) im 1. Bataillon des Fußart.= Regiments Nr. 15.

Geheimer Oberjustizrat Hunnaeus f. X

Von den alten Juristen des Landes, deren Werden und Sein längst vergangenen Tagen angehört, war der Geheime Oberjustizrat Johannes Hunnaeus einer der ältesten, wenn nicht gar der älteste. 82 Lebensjahre waren ihm beschieden, bis nun auch er dem Tode das Opfer seines Lebens gebracht hat. Gestern ist er nach schweren, bitteren Leiden gestorben. Der Tod war für ihn so recht eine Erlösung, und deshalb auch versöhnend, tröstend diejenigen, die um den alten Geheimrat weinen.

Geheimrat Hunnaeus war Lemgoer. Als er am 8. Ja­nuar 1835 geboren wurde, war sein Vater in Lemgo Subkon­rektor. Den Alten im Lande ist bekannt, daß der Subkonrektor in den Freiheitskriegen zum Korps der wilden Lützower Jäger gehört hatte, daß er wie auch sein Sohn darauf nicht wenig stolz waren. Johannes Hunnaeus besuchte das Gymna­sium seiner Vaterstadt, studierte darnach die Rechte und legte schon im Jahre 1856, soeben einundzwanzigjährig, das erste juristische Examen ab. Gleich darauf wurde er zum Auditor beim Amte Schötmar ernannt. Das juristische Staatsexamen legte er im Jahre 1861 ab. 1864 erfolgte seine Ernennung zum herrschaftlichen Stadtrichter in seiner Vaterstadt Lemgo, und bald darauf seine Berufung als Stadtrichter nach Blom­berg. In der alten Blumenstadt mag er auch wohl die ruhig­sten und schönsten Amtsjahre zugebracht haben. Er war dort auch recht lange und zwar von 1864 bis 1879, wo nach und mit der juristischen Neuordnung aller Dinge seine Berufung nach Detmold erfolgte. Er wurde hier der erste Staatsanwalt am Fürstlichen Landgericht und blieb es lange Jahre lang. Im Jahre 1892 wurde er Landgerichtsdirektor, 1893 Landgerichts­präsident. Das letztere Amt bekleidete er bis zum Abschied aus dem Staatsdienst, den er aus Gesundheitsrücksichten nahm. Nachdem er schon im Jahre 1891 mit dem Ehrenkreuz zwei­ter Klasse des Lippischen Hausordens ausgezeichnet worden war, erhielt er bei seinem Abschied vom Amte den Titel eines Geheimen Oberjustizrats.

Persdnsich und politisch war der Heimgegangene durchaus eine Kampfnatur. Er hat auch oft im Mittelpunkt des öffent­

lichen Lebens gestanden. Verehrt und bewundert von den einen, bitter bekämpft von den anderen. Hausmann, Büxten, Asemissen waren seine besonderen Gegner. Die ersteren, weil sie gerade in Hunnaeus die ausschlaggebende Persönlichkeit für den von ihnen für unglücklich gehaltenen Domanialausgleich ahen, Asemissen wiederum aus anderen juristisch=persönlichen differenzen. In jenen Zeitläuften waren die Parlamentsver­handlungen nicht friedlicher als heutzutage. Im Gegenteil. Damals wurde mit einem größeren Maß von Er= u. Verbitte­rung gekämpft. Nachdem erst vor wenigen Jahren der alte Brand aus Lieme und nunmehr auch Geheimrat Hunngeus das Zeitliche gesegnet hat, ist Herr von Gevekot der letzte von den Männern, die an der Wiege unseres heutigen Parlaments­rechts gestanden haben.

Aber bis in unsere Tage hinein war der Heimgegangene noch landtagspolitsch tätig. Als 1904 die Wogen des Thron­treits noch einmal recht hoch schlugen, da hatten die Freunde des Bückeburger Hauses mit ihm ihren letzten Wahlerfolg. Er iegte damals mit wenigen Stimmen über Professor Weerth. Aber nicht, wie seine Anhänger wohl gemeint hatten, als Ver­fechter schaumburg=lippischer Auffassungen, sondern, was zum mindesten eigenartig war, als Vertreter Weißenfelder An­sprüche. Aber nicht lange mehr war er im Landtage tätig. Er legte später das Mandat nieder und lebte wieder ganz seiner Ruhe und Beschaulichkeit. Lebhaften Geistes hat er die fer­nere Entwickelung des Landes verfolgt. Es wor ihm noch be­

schieden, zu sehen, wie sich das Land viel segensreicher und schneller entwickelte als zu der Zeit, die ihn und seine Zeitge­nossen im Schaffen und Arbeiten gesehen hatte, wie auch na­mentlich der erste Fürst aus der Biesterfelder Linie im Mittel­punkte einer geradezu beispiellos erfolgreichen Gesetzgebung und Vorwärtsentmie nen Landes gestanden

hat. Darüber hat wohl auch der alte heimgegangene Ober­justizrat seine rechte Freude gehabt.

Wer im Kampfe um höhere, bleibende Interessen Be­währung gefunden hat, wird in dem Herzen seines Volkes nle vergessen. So wird auch des heimgegangenen ehemaligen Landgerichtspräsidenten und Landtagsabgeordneten Hunngeus allezeit herzlich und ehrend gedacht werden.

— Von seiten des stellvertretenden Generalkommandos des 7. Armeekorps geht uns folgendes zu:

Wie bereits früher durch die Zeitungen bekannt gegeben worden ist, hat der Privattelegramm=Verkehr zum Feldheer einen derartigen Umfang angenommen, daß bei der beschränk­ten Zahl der täglich zur Beförderung zugelassenen Telegramme nur die wichtigsten Berücksichtigung finden können, d. h. solche, deren Dringlichkeit ohne weiteres offensichtlich oder durch amt­lich beglaubigte Atteste bezw. Unterlagen begründet ist. In­solgedessen können in der Regel nur Telegramme über Er­krankungen oder Todesfälle von Angehörigen ersten Ver­wandtschaftsgrade(d. s. Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sahn, Tochter) berücksichtigt werden. Liegen aber schwerwie­gende Gründe oder besondere Verhältnisse bei Erkrankungen oder Todesfälle von Angehörigen zweiten Verwandtschafts­rades(z. B. Schwiegervater, Schwiegermutter) vor, die die lnwesenheit des betreffenden Angehörigen unbedingt erfor­derlich machen, so sind amtlich beglaubigte Unterlagen über die Notwendigkeit des Teegramms beizufügen. Die Unter­lassung führt regelmäßig zu Beanstadungen und damit zu Ver­zögerungen. Um dem vorzubeugen, ist es überhaupt zu em­pfehlen, dem Telegramm immer in einem besonderen Anschrei­ben einige aufklärende Worte über die Dringlichkeit und das Verwandtschafts=Verhältnis beizufügen.

Im weiteren wird darauf aufmerksam gemacht, daß Be­glückwunschungen, Mitteilung minder wichtiger Familien=An­gelegenheiten, Kundgebungen von Stammtischen, allgemein gehaltene Anfragen nach Befinden, Aufenthaltsort usw. auf schriftlichem Wege zu erledigen sind. Telegramme betreffend Lieferungen an Kommandostellen in besetzten feindlichen Ge­bieten sind nach wie vor bei den Post= bezw. Telegraphen=An­

stalten unmittelbar aufzuliefern, ebenso Telegramme, die an ngehörige inmobiler Formationen(z. B. Ersatzbataillone und Ausbildungsformationen in festen Standorten des Deut­schen Reiches) gerichtet sind. Diese Telegramme sind nicht an die Telegramm=Prüfungsstelle des Generalkommandos einzu­senden

Die Telegramm=Gebühren für den Privattelegramm­Verkehr zum Feldheer betragen für die Adresse ohne Rück­sicht auf die Wortzahl 50 Pfg., für jedes Text= und Unter­schriftswort 5 Pfg. Volle Unterschriften mit Angabe des Ortes und der Straße nebst Nummer ist notwendig. Der Betrag ist steis dem Telegramm beizufügen(Marken dürfen nicht aufge­klebt sein); die Unterlassung führt zur Zurückweisung des Tele­gramms. Die Aufgabe von Telegrammen durch Fernspre­cher, sowie die telegraphische Ueberweisung ohne gleichzeitige telegraphische Uebermittlung des Betrages durch Postanwei­sung ist unzulässig.

Vielfach kommt es vor, daß Briefe mit Telegrammen un­mittelbar an die Person des stellvertretenden kommandieren­den Herrn Generals des 7. Armeekorps gerichtet werden. Ab­gesehen von einer Verspätung durch den Geschäftsgang erlei­den die Telegramme in der Weiterbeförderung noch bisweilen dadurch eine wesentliche Verzögerung, daß der kommandie­rende Herr General vielleicht dienstlich abwesend ist. Es wird daher nochmals darauf hingewiesen, daß alle Briefe mit Telegrammen im frankierten Briefumschlag an die

„Telegramm-Prüfungsstelle des stellvertrelenden Ge­neralkommandos 7. Armeekorps Abt. V in Mün­sler(Westf.), Grevenerstraße 2“

(war bisher Steinfurterstraße 6) einzusenden sind.

Geschäftsstunden sind Werktags von 8—1 Uhr mittags und von 4—8 Uhr nachmittags, Sonntags 9—1 Uhr mittags und von 6—8 Uhr nachmittags. In diesen Dienststunden kön­nen die Telegramme auch persönlich aufgeliefert werden.

Eine frohe Botschaft.

Ende September 1914 erhielt die Familie Grüttemeyer in der Sachsenstraße in Detmold die Nachricht, daß ihr Sohn Karl, angehörend dem Königs=Jäger=Regiment zu Pferde, am 20. September 1914 auf einem Patrouillenritt, unweit Blaschki in Rußland, gefallen sei, und daß er nach Feststellung seiner Persönlichkeit in gemeinsamem Grabe 4 Kilometer öst­lich Blaschki an der Chaussee beerdigt worden sei. Spätere Nachrichten von privater Seite ergaben, daß eine aus 15 Jägern bestehende Patrouille des Königs=Regiments auf eine 200 Köpfe zählende Kosakenabteilung gestoßen war, daß sie heroisch den Kampf gegen die Uebermacht aufgenommen hatte, daß drei Jägern der Durchbruch gelungen war, die übrigen aber gefallen und schwer verwundet worden seien. Jetzt, nach anderthalb Jahren, erhalten die Eltern von dem als gefallen gemeldeten Sohne die Nachricht, daß er in Sibirien am Bahn­bau beschäftigt sei, daß es ihm leidlich gut gehe, daß ihn aber die Sorge um die Eltern und die Brüder künnnere. Diese Nachricht ist im Februar d. Is. geschrieben worden und hat gestern die hocherfreuten Eltern erreicht. Möchte es ihnen nun auch noch vergönnt sein, den totgeglaubten und beweinten Sohn nach glücklichem Frieden wieder daheim begrüßen zu können.

Der Lippische Kalender im englischen Gefangenen-Lager.

Dem Wunsche seines in englischer Gefangenschaft leben den Sohnes entsprechend, sandte Herr Kammerdiener Fink hierselbst gegen die Jahreswende einen Lippischen Kalender nach England. Vor einiger Zeit hat der Vater die Nachricht erhalten, daß der Lippische Kalender das Ziel seiner Reise er­reicht habe und daß er von unseren Soldaten mit der größten Freude und dem größten Interesse gelesen werde. In erster Linie natürlich von den Lippern, denen der Kalender durch die veröffentlichte Heldentafel und durch die mancherlei Kriegs erzählungen natürlich besonders nahe steht. Unsere braven Soldaten erfahren auf diese Weise mancherlei Heimatnach richten.

Denkan unsl Sendt

Salem Aleikum

SolenCeid

Zigaretten.

Willkommenste Liebesgabe!

- O 10 Pd. Stück

6

Trustfrei!

— Der Musikalische Abend zum Besten der Hinterbliebe­nen von Kriegsgefallenen, der unter dem Protektorat Sr. Exz. des Herrn Staatsministers Biedenweg am verg. Sonntag in der Ressource stattfand, gelang in jeder Hinsicht gut. Ein Frühlingshauch hoher Kunst durchzog ihn und küßte wach manch wunderfeine Blüte edelster Musik. Vortragende und Vortragsfolge waren einander wert. Ohne dem Kommenden von seinem Reiz zu nehmen, durfte man so mit dem Erhabend­sten des Abends beginnen mit Mozarts A=dur=Konzert.... Welch ein Anfang ist das, wenn, wie hier Geige und Klavier einander und dem Wollen des Großen gewachsen sind; da ist kein Ohr, das er nicht sogleich und völlig bezwingt. In dieser köstlichen Einführung breitete Fräulein Elly Mandik die Summe ihres reichen Könnens vor uns aus: eine unbedingte Sicherheit, feinnerviger Anschlag, Empfindung, die über zar­testen wie kraftvollsten Ausdruck gebietet, verständnisvolles Er­fassen der begrenzenden und verschlungenen Linien, die jedes Kunstwerk gestalten, und des Geister, dessen Leben es zum Kunstwerk macht.— Dieses Eindenken in des Schöpfers eigene Weise, das Anpassen und Anschmiegen an den Ausdruckswillen des schaffenden Künstlers war es auch, das Fräulein Mandik u ihrer eindruckvoll bestimmten Wiedergabe von bezeichnen­den Werken so unterschiedlicher Geister befähigte, wie der klassische Chopin, der auf Effekte zielende Henselt und Schu­mann, der herzenstiefe Träumer, es sind. Höher zu bewerten vielleicht noch, als diese schlagenden Proben der Vielseitigkeit ihrer Begabung war das, was die Künstlerin als Begleiterin gab. Die außerordentliche körperliche Leistung schon, die sie durch die Uebernahme auch dieser Aufgabe vollbrachte, ver­diente Anerkennung, mehr aber die gehaltene Art, in der sie dem Komponisten, wie den vortragenden Künstlern gerecht wurde. Abseits des anderen, aber hochbeachtlich stand ihre Be­gleitung zur„Ballade u. Polonaise v. Vieuxtemps, weil sie zu Tiefe, die dem belgischen Geiger von der seinem Geburtsort nahen deutschen Grenze in's Blut geflossen war, auch südlicher empfindenden Geschmack erfordert. Hinsichtlich der stützenden Eigenschaften einer dienlichen Begleitung waren die bei den Liedern an Fräulein Mandik gestellten Anforderungen freilich weitaus größer. Die Geige zeigt in der Vieuxtempsschen Kom­position durchaus Selbständigkeit, sie verlangt kaum eine Hilfe, es sei denn, um Atem zu holen.

Umsomehr muß der Künstler sein Instrument beherrschen, der alle Poesie der Ballade, alle Kraft und alle Feinheit der Polonaise ausschöpfen will, ohne zu übertreiben. Daß Franz Majowski derartige Schätze und solcherweise heben würde, wußte jeder, der ihn kennt, konnte natürlich keinem fraglich sein, der ihn im A=dur=Konzert vernommen hatte.—. Wie so leicht in Konzerten f. Violine u. Klavier erscheint uns auch hier das Klavier ähnlich der Frau des bedeutenden Mannes. Meist tritt sie bescheidentlich hinter ihm zurück, scheint schüchtern seine Aussprüche zu wiederholen, nur gelegentlich fällt auf sie ein helleres Licht. Wenn nun auch der Kundige weiß, daß im Klavier der Grund zur Größe der Geigenstimmen liegt. auch er gibt sich gern vor dem Zauber der schmeichelnden Saiten. Und vermag er anders, wenn ein Künstler wie Majoweki sie meistert! Er rührt den Bogen, da springt die Pforte zu Mo­zarts Zauberwelt: da breiten Paradiesesauen sich, aus denen schimmernd Wunderbaue zu den Sternen auftürmen, da zittert die güldene Wölbung weiter Hallen im Widerklang von tau­send Melodien, und zierlich Schmuckwerk lacht von Wand und Säulenkranz, indeß die Anmut bunte Blüten streut....

Lieblichkeit und Kraft, Riesenhaftes und zierliches wußte Majowski zu verbinden zu natürlichster Gefälligkeit. Tief aus dem Herzen kam es über ihn: und wie ein Bildner Ton und Holz. so nahm er Geige u. Bogen und formte, alle Spröde und alle äußere Glätte mit suchender Seele überwindend, die him­melgeborenen Gebilde, die Mozart einst erschuf.— Nichts fehlt Majowski zur Vollendung; die Saite seiner Kunst, die er im A=dur=Konzert wie in dem Werke von Vieuxtemps nur an­klingen lassen konnte, die des schwärmerisch Getragenen, in der durch hingerissenen Beifall erwirkten Zugabe von Schumanns „Träumerei“ durfte er auch ihre Stimme voll und schwelgend zur Bruft der Hörer dringen lassen. Das erwarb ihm die Be­

geisterung auch der Freunde, bei denen die erhabene und die eghafte Schönheit der anderen Werke nicht den rechten Grund gefunden.

Es gibt ja eine große Reihe von Menschen, die im Leben, jedenfalls aber in aller Kunst weichere Gefühle vor anderen bevorzugen, da sie ihnen mit erdachter Handlung leichter be­greifbaren Inhalt zu leihen vermögen. Solchen Naturen sagt, wie es ja überhaupt das zunächst gegebene ist, der Gesang am meisten. Sie, aber auch andere erhielten im Musikalischen Abend auch in dieser Hinsicht volles Genügen.

Denn eine Menge Proben seiner Eigenart ließ Herr Königl. ofopernsänger Georg Baldszun uns kosten, Schubert, chumann, Brahms und R. Strauß reichten Lieder, die der Sänger, stets in persönlscher Note sie vermittelnd, uns darbot. Eine ungemein große Leichtigkeit im Vortrag und eine weitrei­chende Tragfähigkeit der Stimme verliehen ihr eine Modula­tionsmöglichkeit, die mühelos und ungewaltsam aus dem Piano zum Fortissimo und vom Fortimisso zum Piano zu schweben vermag und hauptsächlich die eigene Weise des Künstlers schuf. Die Auffassungsbesonderheit verleugnete sich nie und fand stets jubelnden Beifall. Schuberts„Wohin“, Schumanns„Mond­nacht“, die drei Brahmslieder„In Waldeinsamkeit".„Wie Melodien zieht es mir....„Ständchen" und von Strauß „Heimliche Aufforderung“ wiesen uns Baldszun in vollstem Besitz seiner Ausdrucksmittel. Dies letztgenannte Lied na­mentlich gab dem Sänger Gelegenheit, all sein Talent zu ent­falten und, wie das Publikum ihm nach jedem Vortrag zu­subelte, so überzeugte es ihn besonders beim Schluß dieses Ge­sanges durch eifrige Huldigung wieder von seiner Beliebtheit.

Die aus dem Innern kommende Begeisterung aber, von der wir uns so gerne zwingen lassen, dem Künstler zuzuwinken, fand ihre schönste Aeußerung, als am Schluß des Abends Fräu­lein Mandik Hand in Hand mit Herrn Majowski und Herrn Baldszun erschien und ihnen zu Ehren der Saal von frohestem „Beifall wiederhallte. So klang das Konzert aus mit einem freudig und aus vollem Herzen gegebenen Dank.