Mittwoch, 1. Juli 1896.
Postzeitungsliste Nr. 4215 a.
Detmold. 1. Jahrgang, Nr. 51.
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Die Lippische Tageszeitung
erscheint täglich, mit Ausnahme der Sonnund Feiertage.
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General-Anzeiger für die lippischen Fürstenthümer.
Sonntags=Beiblatt:„Lippischer Familienfreund“ und eine monatliche Novellen=Beilage in Heftform.
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1860.
Geschichts=Kalender.
1. Juli.
G. H. v. Schubert f.
Sonnenaufgang: 1.
Sonnenuntergang: 1.
Juli: 3 Uhr 42 Min. Juli: 8 Uhr 23 Min.
Juli.
Monatsplauderei.
(Nachdruck verboten).
—„An dem Himmel
strahlt die Sonn' im Brautgeschmeide,
weise Wölklein steigen auf
zieh'n dahin im stillen Lauf:
Gottes Schäflein geh'n zur Weide!“—
In wenigen plastischen Versen schildert der Dichter einen schönen Julitag. Tiefblau wölbt sich der weite, weite Himmelsdom über der sommerlichen Erde. Hoch oben schiff en zarte, aus Eisnebeln bestehende Silberwölkchen dahin, die Sonne sendet heiße Strahlen hernieder und umspinnt das der Ernte entgegenreifende Getreide auf dem Felde, das duftende Heu auf den Wiesen, das satte dunkle Grün des Waldes mit flimmerndem Goldnetze. Eine fast beängstigende Stille ruht auf der ganzen Natur. Vögel und Wild bergen sich, ohne Erquickung und Kühle zu finden, im Schatten des Gezweiges, matt schleichen die Zugthiere auf staubiger Landstraße dahin. Endlich löst sich die Spannung:
Tägliches
Unterhaltungs-Blatt.
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Wie lockt der Wald mit grünen Zweigen Aus dumpfer Stadt und trüber Luft,
Er lockt mit seiner Sänger Reigen, Mit seinem feierlichen Schweigen Und seiner Blüthen milden Duft.
Und welch' ein Reichthum in den Weisen,
Die in dem kühlen Waldeszelt Bald in Akkorden, milden, leisen,
Und bald in vollern mächtig preisen Die reiche, wunderbare Welt.
Die Ruhe, die das All' umschlungen,
Zieht auch in Deine Seele ein.
Der inn're Zwiespalt ist verklungen,
Du hast den Frieden Dir errungen,
Des Herzens Saiten tönen rein.
„Baroneßchen.“
Original=Roman von Ida John=Arnstadt.
Nachdruck verboten.
Sämmtliche Fenster des Mittelbaues schimmerten bell erleuchtet durch die Märznacht, und doch war es so unheimlich still auf der Pracksburg nach all den Festen, nach Jagd und Ball und Schmausereien. Im Vorzimmer auf einem steiflehnigen Sessel nickte ein alter Mann in der Livree des Hauses; vergeblich kämpften seine Lider gegen den Schlaf; drüben von der Thurmuhr schlug es Eins, und er war seit sechsunddreißig Stunden auf den Füßen gewesen; zur Ruhe kam er aber doch nicht, eine Männerhand legte sich schwer auf seine Schulter.
Herr Professor befehlen?“ fuhr er auf, erschrocken, als habe er etwas versäumt. Der fremde Arzt sah ihn mitleidig an.„Es hilft nichts, Stephan, Sie
„Schwarze Wetter überziehn den Himmelsbogen, und der Vogel singt nicht mehr.
Winde brauseu hin und her, und die milden Wasser wogen.“
Am Horizont taucht eine kleine, schwarze Wolke empor, sie wächst zusehends zu einer dunklen Wand; auf den Fittichen des Sturmwinds naht sie heran, der Himmel öffnet seine Schleusen und die dürstende Erde
trinkt gierig das ersehnte Naß.
„Rothe Blitze
zucken hin und zucken wieder, leuchten über Wald und Flur,— bange harrt die Kreatur,
Donnerschläge stürzen nieder.“
Der Herr naht in Wettern. Eindringlich mahnt seine eherne Stimme die Menscheuherzen, daß sie sein nicht vergessen. Aber er will nicht verderben, sein Pfad träuft von Segen: er erquickt alle Wesen, auch die dürstende Blume und das Würmchen im Staube. Und wenn die Wolken der Segensfülle entlastet sind, dann kommt Jehovah in stillem, sanften Säuseln,„und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens.
So offenbart sich uns der Monat, der in unsern Klimaten gewöhnlich der heißeste ist, in dem schwüle Tage mit heftigen Gewittern und Regengüssen abwechseln: der Juli. Dieser Monat, der 7. im Jahre, war bei den alten Römern der 5. und hieß darum Quintilis. Dem Kalenderreformator, Staatsmann und Feldherrn Julius Cäsar zu Ehren wurde er Julius genannt, weil dessen Geburtstag in diesen Monat fiel. Etliche meinen allerdings, daß der Name Juli altgermanischen Ursprungs sei, indem er mit der Sommersonnenwende ebenso im Zusammenhang stehe, wie das altnordische Julfest(zur Weihnachtszeit) mit der Wintersonnenwende.— Karl der Große nannte den Juli „Hewinmanoth“, d. h. Heumonu=, wen in diesen
Monat die Beendigung der Heuernte fällt. Die Franzosen der ersten Republik nannten ihn Messidor, d. h. Erntemonat, da in diesem Monat die Getreideernte beginnt.
Für den Landmann ist der Juli eine Zeit angestrengter Thätigkeit. Er beendet die Heuernte und beginnt die Getreideernte, deren Erfolg bedeutend von der Witterung abhängt. Darum weist der Bauern
müssen den Baron herschaffen. Die gnädige Frau verlangt jetzt selbst nach ihm, und ich fürchte— wir
haben keine Zeit zu verlieren.“ Die letzten Worte sagte er eigenthümlich bewegt.
„Großer Gott, nur das nicht; nicht das Schlimmste! stöhnte der greise Diener und Thrinen rollten in seinen grauen Bart. Durch die Portiere herein buckte angstlich eine junge Diakonissin:„Herr, Professor, bitte!“ Wie eine sanfte Klage kam es von ihren Lippen. Der Arzt zog die Uhr und wandte sich noch ein Mal an Stephan,„weiß Herr v. Prack, daß ich hier bin?“
Stephan schüttelte betrübt den ergrauten Kopf, „keine Ahnung! Als der Herr Baron vorgestern wegfuhr, war hier noch Alles Freude und Herrlichkeit,
und nachher sollte er durchaus nichts erfahren. Die gnädige Frau wollte es nicht. Heute nun giebt die alte Exzellenz von Damnitz noch einen Maskenball...
„Na, reiten Sie so schnell Sie können,“ unterbrach ihn der berühmte Mann und ging hinüber. Zehn Minuten später sprengte Stephan den Burgweg hinab, der Damnitzer Straße entlang.
Ein Schauer ging durch die ganze Natur, halb Wintertücke, halb Frühlingsathem. Wie riesige Karnevals=Gestalten, in tollem Reigen, jagten dunkle Wolken oben hin, die laublosen Pappeln am Wege bogen sich metertief zu der Sturmesmelodie und wo ein Mondschimmer durchbrach, gleiste und schwamm er in Regenfluth, zwischen Schollen und Schneeresten, es war eine richtige Märznacht. Flocken und Tropfenschauer umquirlten den einsamen Reiter, doch dieser fühlte, hörte und sah nichts, als das Unheil, von dem er kam. Vor zwei Jahren war seine junge Herrin glückstrahlend auf der Pracksburg eingezogen am Arme des heißgeliebten Gatten, und es war alle Tage Sonnenschein gewesen um den Baron, denn sie hatte jeder Rose, die das Leben trieb, die Dornen abgebrochen und für sich behalten, so sehr sie verwundeten, ihm gab sie nur
ihnen gehört schon der 2. Juli, Mariä Heimsuchung. Die Witterung dieses Tages ist für den Weinbauer von besonderer Vorbedeutung; denn die Bauernregel sagt:„Mariä“ Heimsuchung klarer Sonnenschein— bringt meist vielen und guten Wein.“ St. Margaretha (13. Juli) hat eine ähnliche Bedeutung wie der Siebenschläfertag:„Regen am St. Margarethentag bringt vier Wochen Regen darnach,“ was für den Landmann wegen der Einbringung der Ernte freilich sehr unan
genehm wäre.
Für einen ganz allgemein unheilvollen Tag gilt vielerorts St. Magdalena(24. Juli.) Das ist ein Unglückstag, an dem man nichts Wichtiges unternehmen soll, nicht heirathen, nicht reisen, nicht Arznei nehmen oder zur Ader lassen, weder auf Berge steigen, noch auf dem Wasser fahren; denn:„Neun hängen, neun erfallen, neun tränken sich.“ Im Gegensatz zu den vom Glück bevorzugten Sonntagskindern ist ein am Magdalenentage geborenes Kind das reinste Unglückswurm. Erstens lebt es nicht lange und zweitens, wenn es doch groß wird, so wird es stets vom Unglück verfolgt, nichts geräth ihm wohl, es
—„stolpert im Grase,
fällt auf den Rücken— und bricht die Rase
wie der Volksmund sagt, und schließlich stirbt der St. Magdalenen=Pechvogel auch noch eines plötzlichen elenden Todes.— Also Vorsicht in der Wahl— nicht nur der Eliern, sondern auch des Geburtstags!
Nicht mindere Wichtigkeit wie für den Landbewohner hat der Juli auch für den Städter. Während er dem ersteren eine Periode angestrengter Arbeit bringt— die aber nicht mit Seufzen, sondern mit Freuden gethau wird, da sie das Einheimsen des Erntesegens bezweckt— empfindet letzterer in den stauberfüllten Städten, deren Trottoire und Häuser oft vom Sonnenbrande förmlich glühen, die Julihitze ganz unerträglich; und es erwacht in ihm eine mächtige und unbezwingliche Sehnsucht, dem Bureau, der Kanzlei, dem Komptoir, der Schulstube, dem Redaktionslokale einmal auf etliche Zeit den Rücken zu kehren und sich in frischer Berg=, Wald= oder Seeluft die matte Brust gesund zu baden.
den Glanz und Duft, er war ja ein Künstler. Seine bildende Hand modellirte aus Gips und Thon die schönsten Dinge und alle Welt im Umkreis der Burg nannte ihn den Künstlerbaron. Stephan, der ihn vom ersten Schrei an kannte, wußte nicht, um wen ihn mehr bangte, um das junge, edle Weib oder um ihn, der es verlieren sollte. Doch da blitzte es ja schon bell herüber vom Damnitzer Schlosse, noch eine Wendung, und Stephan ritt in den Hof ein. Walzerklänge brausten ihm entgegen; fremde Kutscher und Bedienten drängten sich zwischen den Wagenreihen und eine heisere Stimme johlte ihm zu:„Hurrah, der Pracksburger hoch zu Roß! Punsch her! Es lebe Prinz Karneval!“ Stephan wies das dampfende Getränk, das ihm ein grinsender Kollege hinaufhielt, barsch zurück, sprang vom Pferde und warf die Zügel dem ersten, besten Stallknechte zu.„Na nu! Was ist denn los?“ riefen sie ihn überall nach, wo er sich winkend und wehrend durchdrängte. Er schien bekannt zu sein in dem fremden Schlosse; auf stillen, matterleuchteten Treppen und Gängen kam er unbemerkt bis in die Garderobe. „Nanette, geben Sie mir den rothen Domino dort vom Ständer, bitte, nur auf eine Viertelstunde. Die niedliche Zofe zuckte zusammen.„Ach, Sie sind es, Stephan! Gern, doch er gehört dem Grafen Chewsky.“ „Einerlei! Nur schnell, ich muß den gnädigen Herrn sprechen, sofort, und möchte doch ohne Aufsehen in den Saal kommen.“„Ist etwas geschehen auf der Pracksburg? Die Baronin?...“ Fräulein Nanette bekam keine Antwort, der rothe Domino rauschte soeben hinaus.
„Undine, schöne Nixe, warum lockst Du mich mit Deinen unergründlichen Augen, daß ich Dir folgen muß, überall,— heute und immer?" flüsterte der prächtigste Marquis im Saal einem schlanken Wellenmädchen zu. Sie wehrte ihm zwar mit dem grünen Lattichblatt=Fächer, konnte es aber doch nicht hindern, daß er ihr langwallendes, blondes Haar scherzhaft an