Tages=Uebersicht.
Deutschland
Berlin, den 27. Oktober 1898.
— Folgenden Telegrammwechsel bei der Eröffnung Kiautschaus veröffentlicht die soeben eingetroffene Nummer des Ostastat. Lloyds: Ts##tau, den 2. September 98. An Se. Majestät den Kaiser, Berlin. Als ersten Gruß aus dem soeben mit drei Hurrahs auf Euere Majestät eröffneten Freihafen bittet Eurer Mojestät jangste Kolonie, das Gelöbniß unverbrüchlicher Treue allergnädigst entgegennehmen zu wollen. gez. Rosendobl, Gouverneur.— Hannover, den 2. September 98. Gouverneur Rosendahl, Tsntau. Die Meldung von der Eröffnung des Freihasens hat mich hocherfreut und ich danke Allen, welche an diesem Werke mitgearbeitet haben. Möge dasselbe zur kräftigen Entwickelung der Kolonie beitragen. gez. Wilhelm I. R.“
— Nachdem nunmehr das von der lippischen Regierung von Professor v. Seydel in München über die Frage der Zuständigkeit des Bundesrathes zur Entscheidung der lippischen Thronfolgestreitigkeiten erbetene Gutachten, wie wir bereits mitgetheilt haben, sertig vorliegt, sind nunmehr sämmtliche Gutachten, welche die Parteien zu überreichen beabsichtigten, dem Bundesrathe vorgelegt. Die Entscheidung des Bundesralhes ist daher als unmittelbar bevorstehend zu betrachten und wird, wie das B. T. hört, vielleicht schon in der in dieser Woche stattfindenden Plenarsitzung erfolgen. Die schaumburg=lippische Staatsregierung hat dem Bundesrathe bereits vor längerer Zeit zwei Gutachten überreicht, von denen das eine von Prosessor Zorn in Königsberg, das andere von Dr. Stephan Kékulé von Stradonitz in Groß=Lichterselde herrührt.
— Die Vorbereitungsarbeiten des Heeresorganisationsvorschlages für da Reichstag sind der Münchener „Allg. Zig.“ zufolge noch immer Gegenstand geheimer Verhandlungen zwischen den betheiligten Kriegsministerien. Von den über die Militärstrafreform geführten Verhandlungen ist es in letzter Zeit ganz stille geworden. Vor der Rückkehr des Kaisers von der Orientreise,
der erst im letzten Drittel des November entgegenzusehen ist, wird die ganze Angelegenheit wahrscheinlich auch nicht vorwärts schreiten.
— Die alsbaldige Veröffentlichung des Gesetzentwurfs betr. den Schutz Arbeitswilliger ist von einem Theil der Presse wiederbolt gefordert worden. Diese Forderung ist, wie die„Nordd. Allg. Zia“ hervorhebt, schon deshalb unersüllbar, weil der Entwurf noch nicht alle Instanzen bis zu seiner Feststellung für die Berathung der gesetzgebenden Körperschaften durchlausen hat. Daß der Entwurf weder dem Grundsatze der Koalitionsfreiheit noch dem System des Strafgesetzbuches widersprechen werde, sei selbstverständlich. Darnach würde also eine Bestimmung, die Zuchthausstrafe demjenigen zu Theil werden läßt, der einen Arbeitswilligen an de: Arbeit hindert oder zum Streik aufreizt, in der bevorstehenden Vorlage nicht enthalten sein.
— Prinz Heinrich von Preußen wird, wenn die politischen Verhältnisse es gestatten, auch Tsinning, die Residenz des Bischofs v. Anzer, besuchen. In Dentschon suwird der Prinz den Grundstein zu einer Suhnekirche für die ermordeten Missionare Nies und Henle legen.
— Die große Kanalvorlage, die dem preußischen Landtage in seiner bevorstehenden Tagung zugehen wird, soll nicht 300 Millionen, wie es letzthin dieß, sondern 400 Millionen Mark beanspruchen, wovon 192 Millionen auf den Mittellandkanal entfallen.
— Die Altonaer Krimzinalpolizei verhaftete den kürzlich zugereisten Schirmmacher Oldenburg unter der Beschuldigung anarchistischer Umtriede. Oldenburg soll erklärt haben, daß ihn das Loos getroffen habe, den deutschen Kaiser auf der Rückreise nach Deutschland zu ermorden.
— Die Probefahrten des neuen Liuienschiffes „Kaiser Friedrich III.“ haben bis jetzt sehr zufriedenstellende Ergebnisse geliefert, und man ist zu der Hoftnung berechtigt, daß alle von diesem neuen Schiffstyp gehegten Erwartungen sich erfüllen werden.„Kaiser Friedrich 111“ ist das erste Schlachtschiff unserer Marine, welches drei Maschinen bezw. drei Schrauben erhalten hat. Der Vortheil des Dreischraubensystems liegt ein
mal in der größeren Wirthschaftlichkeit im Kohlenverbrauch bei der sog. Marschgeschwindigkeit von 10 bis 12 Knoten, mit der Kriegsschiffe in der Regel zu dampfen pflegen, in dem man entweder die beiden seitlichen Schrauben oder die mittlere allein arbeiten läßt. In taktischer Hinsicht dietet es die Möglichkeit, die Fahrgeschwindigkeit sofort zu steigern und auf das höchste Maß anwachsen zu lassen, indem man alle drei Maschinen arbeiten läßt.
— Bei der Konzession zum Bau eines Handelshafens in Haldar=Pascha handelt es sich nach den „Mach. N. N.“ jediglich um Ueberlossung eines kleinen Land“reisens am Hasen an die deutsche anatolische Eisendahngesellschaft zum Bau von geeigneten Räumlichkeiten, hauptsächlich, um das für den Bahnbau eintreffende rollende Matertal dort zu lagern. Die Verhandlungen wegen Ueberlassung eines solchen Landstückes datiren schon über Jahr und Tag und die erfolgte Genehmigung sei nicht im Geringsten dazu ergethan, eine Beunruhigung des Auslandes wachzurufen.
— Die Stadtverordneten in Beuthen beschlossen einstimmig eine Pelition an das Ministerium, dasselbe möge die Schweineeinfuhr vergrößern, damit die Ernährung des oberschlesischen Arbeiters wieder ausreichend werde. Der Magistrat hat der Petttion zugestimmt.
— Die spanisch=amerikanischen Friedens=Verhandlungen in Paris schreiten nur recht langsam vorwärts. Den Amerikanern dauert die Geschichte aber schon zu lange, sie möchten schnell klaren Tisch gemocht sehen und in dem nämlichen Tempo, wie sie ihre weitgehenden Forderungen aufstellen, von den Spantern auch das zustimmende Ja erhalten. Da nun nehmen leichter ist als geben, so vermögen sich die spanischen Delegirten nicht so schnell zu der Bewilligung der amerikanischen Forderungen zu gestehen und in Washington geht man daher mit der Absicht um, den schon vor Wochen gefaßten Entschluß, die Verhandlungen abzudrechen und die Feindseligkeiten wieder aufzunehmen, zur Thatsache werden zu lassen, wenn die Spanier sich nicht schnen dem Verlangen der Vereinigten Staaten unterwersen! In Madrid, wo man den Ernst der Lage nicht ver
Nachdruck verboten.
Heimliche Niebe.
Roman von Helene Voigt.
2)
Lothar, bat Nora halblaut, ihre Hand in seinen Arm schiebend, Du hast Sorgen? Weshalb bist Du nicht offen gegen mich; sprich, Liebster, kann ich Dir helfen,— mein Mann ist reich—
Nein Nora, rief der Assessor, ein hübscher, schlanker Mann, dessen Gesicht auffallend ähnlich dem der Schwester war; ich habe keine Schulden, wie Du zu denken scheinst, mein Kummer sitzt tiefer und betifft — nicht mich allein—
Ab, rief Frau van der Huylen in schnellem Verständniß, ist es das, so kann Albrecht immerhin vielleicht helfen—
Meine gnädigste Frau, schnarrte plötzlich eine scharfe Stimme hinter den Geschwistern, Sporen klirrten und ein mittelgroßer Offizier mit röchlichem Bart und aufgedunsenem Gesicht trat herau, wie sreue ich mich, Sie hier wiederzusehen! Ich hoffte ii stillen bereits darauf, als ich vierher versetzt wurde.
Herr von Bieberstein! Nur eine Sekunde war die schöne Frau zusammengezuckt unter seinem halb vertraulichen, halb mitleidigen Blicke, dann richtete sie sich stolz auf und erwiderte kühl den ehrfurchtsvollen Gruß.
Sie hier, Herr Hauptmann rief auch Lothar erstaunt, ich hatte wirklich keine Ahnung, daß Sie jetzt in Bremen stehen!
Erst seit vier Tagen, lächelte Bieberstein leichthin und schritt neben Nora und deren Bruder den Perron entlang, als verstünde sich das von silbst. Gestern wollte ich Ihnen, Herr Assessor, meine Aufwartung machen, sagie der Hauptmann zu diesem, gab indes, da Sie nicht zu Hause waren, keine Karte ab, um die Ueberraschung voll zu machen.
Die ist Ihnen auch gelungen, meinte der Assessor
sehr kühl, ah, da kommt endlich der Zug, auf Wiedersehen, Herr von Bieberstein.
Auf Wiedersehen, lieber Trahlow; meine gnädigste Frau, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen und werde in den nächsten Tagen mir erlauben, nach Ihrem Besinden zu stagen.
Er halte, ehe sie es hindern konnte, die Hand der jungen Frau ergrissen und mit siegesbewußtem Lächeln an die Lippen gepreßt, jetzt trat sie reservirt einen Schritt zurück und sagte kühl: Mein Mann wird sich freuen, Sie zu empfangen, Herr Hauptmann.
Sarkastisch lächelnd schaute Bieberstein dem Geschwisterpaare nach, als es den Perren hinab schritt, dann drehte er zufrieden seinen Schnurrbart: Auf Ehre, sie ist noch schöner als früher und es lohnt, ihr abermals den Hof zu machen, besonders, da die intrigante Mutter jetzt nicht mehr mit Heirathsdrohungen dahinter steht.
Lothar, flüsterte die junge Frau, den Arm des Bruders fester an sich pressend, ich ahnte nicht, daß Biederstein hier sei, aber— lache mich nicht aus— ich fürchte mich vor ihm! Albrecht wird eisersüchtig werden, denn die Mutter—
Der Assessor nickte ernst vor sich hin. Ja, die Mutter hätte Dich lieber an der Seite dieses wüsten Spielers, denn als Gattin eines uhrenhaften Kaufmanns gesehen, ich weiß es wohl, Nora, und wenn Du mit Deinem Manne stündest wie andere Frauen, so gingest Du zu ihm und erzähltest ihm alles, dann könnten keine Verwickelungen entstehen.
Nein, Lothar, nur das nicht— sage Du es ihm — aber ich bringe es nicht über die Lippen!
So wird es die Mutter thun— und das ist das Schlimmste!
Der Zug hielt, aus einem Salonwagen erster Klafse stieg eine Dame in elegantem Staubmantel und
schlug den blauen Schleier zurüdk, sodaß ein scharfgeschnittenes, früher vielleicht s#hnes Gesicht sichtbar wurde.
Ah, meine lieben Kinder! rief die Dame lebhaft. Wie freundlich, daß Ihr selbst kommt, nur Albrecht scheint die unangenehme Pflicht von sich geschüttelt zu haben; o, liebste Noro, entschuldige ihn nicht erst, ein Kaufmann hat immer im Geschäfte zu thun, ich nehme es ihm nicht übel.
Aber die Worte hatten doch die junge Frau scharf verletzt, und sie küßte ziemlich steif die Hand der Mutter, während Lothar has Gepäck zu besorgen gilte. Frau von Trahlow kom von Wiesbaden, wo sie sich seit der Verheirathung ihrer Tochter nieder gelassen hatte. Sie halte viel zu erzählen und sie schten Noras Schweigen kaum zu bewerken.
Als der elegante Wagen vor dem Senatorenhause hielt, stand von der Huplen auf der Freitreppe, degrüßte seine Schwiegermutter höflich und führte sie sogleich in das für sie hergerichtete Zimmer, woh n Nora ihr folgte, nachdem sie Lothar zugerufen, zum Kaffee zu bleiben.
Erschöpft ließ sich Frau von Trahlow in einen Fauteuil gleiten und zieb die Stirn mit kölnischem Wasser, während ihre Tochter mit dem Stubenmädchen den Koffer öffnete und das Nöthigste auszupacken begann.
Dem Himmel sei Dank, daß ich endlich angelangt bin, seuszte sie schmachtend, nein, dieses Eisenbahnfahren bringt mich fast um, es ist zu anstrengend, ich hätte unterwegs einen Aufenthalt machen sollen.
Du kannst Dich bei uns wenigstens ganz nach Deinem Belieben ausruhen, Mama, meinte Nora freundlich, hier im alten Senatorenhause giebt es genug Ruße und auch unser Garten ladet dozu ein.
Du hast Dich wohl sehr gut mit Deinem Kaufmann eingelebt, Kind? sragte die Mutter spöttisch und hielt das Riechfläschchen an die Nase, nun, um so