Nr. 272.
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Sistorischer Kalender.
1 9. November: Badenweiler erbaut, 150.— Karl I. von England, geb. 1600.— Thorwaldsen, Bildhauer, geb. 1770.— Ferd. v. Lesseps, Erbauer des Suezkanals, geb. 1805.
— Franz Schubert, Tondickter, gest. 1828.
— Besetzung von Kiautschou durch die Deutschen, 1897.
Zum Jubiläum der sozialen Gesetzgebung.
Der„Reichs= und Staatsanzeiger“ veröffentlicht an der Spitze nachstehenden Allerhöchsten Erlaß:
Der heutige Tag, an we'chem vor 25 Jahren der in Gott ruhende Kaiser und König Wilhelm der Große seine unvergeßliche Botschaft erließ, gibt Mir willkommenen Anlaß, mit dem deutschen Volke in ehrsurchtsvoller Dankbarkeit dieses Friedenswerkes zu gedenken, durch welcher Mein erlauchter Ahnherr zum Schutze der wirtschaftlich Schwachen der Gesetzzebung neue Bahnen wies.
Nach seinem erhabenen Willen ist unter freudiger Zustimmung der verbündeten Regierungen und der verständnisvollen Mit wickung des Reichstages gelungen, den schwierigen und weitverzweigten Ausbau der staatlichen Arbeiterfürsorge auf dem Gebiete der Kranken, Unfall= und Invalidenversicherung so zu fördern, daß die Hilfsbedürftigen in den Tagen der Not einen Rechtsanspruch auf gesitzlich geregelte Bezüge besitzen. Die Arbeiter haben damit, dank den umfassenden Leistungen des Reiches und ihrer Arbeitgeber, sowie auf Grund ihrer eigenen Beiträge eine erhöhte Sicherheit für ihren notwendigen Lebensunterhalt und für den Bestand ihrer Familien erreicht.
Die großen und werbenden Gedanken der Kaiserlichen Botschaft haben diesen E.solg aber nicht nur in unserem eigenen Vaterlande gezeitigt, sondern wirken auch weit über dessen Grenzen hinaus rorbildlich und bahnbrechend. Leider wird die Erreichung des Lötsten Zieles der Kaiserlichen Bot schaft gehemmt und verzögert durch den andauernden Widerstand gerade von der Seite, welche glaubt, die Vertretung der Arbeiterinteressen vorzugsweise für sich in Anspruch nehmen zu können. Gleichwohl vertraue Ich auf den endlichen Sieg gerechter Erkenntnis des Geleisteten und auf wachsendes Verständvis für die Grenzen des wirtschaftlich Möglichen in allen Kreisen des deutschen Volkes. Dann wird sich auch die Hoffrung Kaiser Wilhelms erfüllen, daß sich die Arkeiterversicherung a's dauern###e Bürgschaft inneren Friedens für das Vater land erweisen möge. In dieser Zaversicht ist es Mein fester Wille, daß die Gesetz gebung auf dem Gebiete der sozialpolitischen Fürsorge nicht ruhe und in Erfüllung der vornehmsten Christerpflicht auf den Schutz und das Wohl der Schwachen und Bedürftigen fortgesetzt bedacht sei.
Durch gesetzliche Vorschriften und Leistungen allein ist indes die Aufgabe im Geiste der Kaiserlichen Botschaft und ihres erlauchten Schöpfers richt zu lösen Ich erkenne es an dem heutigen Tage an, daß es dem deutschen Volke nie an Männern und Frauen gesehlt hat, die freiwillig und freudig ihre Kraft in den Liebesdienst zum Wohle des Nächsten stellten, und sage allen, die sich dem großen, sozialen Werke unserer Zeit selbst los und opferfreudig widmen, Meinen kaiserlichen Dank.
Ich beauftrage Sie, diesen Erlaß zur allgemeinen Kenntnis zu bringen.
Gegeben Donaueschingen, 17. Nov. 1906.
Wilhelm I. R.
An den Reichkkanzler.
Ueber die Zukunft
von Südwestafrika
die in nächster Zeit im Vordergrurde der Reichstagserörterungen stehen wird, herrschen unter allen Kennern des Landes— mit alleiniger Ausnahme der als Schmarotzer am Lebensbaume der Kolonie zehrenden Konzessionsgesellschaften— ganz übereinstimmende Ansichten. Das Land ist ein Viehzuchtland im ausgesprochensten Sinne, für Ackerbau und Gartenwirtschaft nur in sehr engen Grenzen geeignet, seine Besiedelurg muß daher in extensider Weise erfolgen. Eine Bestätigung dieser Tatsache bietet auch wieder der Bericht, den die„Hamb. Nachr.“ über eine Unterredung bringen, die einer ihrer Mitarbeiter mit Professor Dr. Hahr in Kapstadt gehabt hat. Dieser Gelehrte, der seit langen Jahren als Pofessor der Metallurgie und Czemie in Kapstaet wirkt, ist in Bethanten, im Süden unserer Kolonie, geboren. Wiederholt hat er ganz Südafrika durckquert und die Führer der einzelnen Stämme kennen gelernt. Unter anderen sagte er über die Zukunft von Groß Namaqualand:
„Das Klima, die Niederschläge, die Boden verhältnisse, die Weiden und Futterkräuter sind in Groß Namaqualand nicht besser oder schlechter als im mittleren, nördlichen und nordwestlichen Teil der Kopkolonie. Dieser Teil der Kapkolonie heißt die Karru, und wer sich eine richtige Vorstellung von der Karrn machen will, bevor sie besiedelt wurde, der lese ihre Beschreibung in dem Reisewerk von Heinrich Lichtenstein, der in den Jahren 1803 bis 1806 Südafrika bereiste und dessen Wik über Südafeika das beste ist, das in der geographischen Literatur über Südafrika besteht. In jner Zeit
nannte man die Kaern die Karru=Wüste und diesen Namen behielt dieser Teil der Kapkolonie bis zu seiner Besiedelung im ersten Drittel des vorigen Johrhunderts. Es wurden kleinere und größere Staudämme an verschiedenen Orten angelegt, Brunnen gegraben und hier und da auch Wasserleiturgen angelegt und auf diese Weise wurdes Orte geschiffen, die die Kristallationspunkte für die Bevölkerung der Karzu bildeten. Zugleich fieg man an mit Schaf zucht, besonders Merinoschafe und auch gorazlegen wurden gezogen. Zurzeit hat sich die Schafzucht fast über die ganze Karru verbreitet und bei weitem der größte Teil der aus der Kapkolonie(xportierten Wolle und der Angorahaare rühren aus der vormaligen Kurra=Wüste.
Dieselben Aussichlen, in hohem Geade wirtschaftlich nützlich zu werden, wie die Karru, besitzt nun Groß= Namagualand. Von besonderem Jutcresse und fur die Beurteilung des Landes sehr wichtig ist die Natur der Futterkräuter, die über die garze Karrn verbreitet sind. Diese zeichen sich durch einen sehr hohen Nährweit aas, wie durch interessante Untersuchuigen festgestellt worden ist. Wer weilere Belege zu haben wünscht, daß in Deutsch Südwest, besonders in Groß Namaqualand, das Land mit den selben Futterkräutern, wie in der Karrn bedick ist dem empfehle ich die Lektüre des Berichtes des Pro# ssore Rehbock und seines Begleiters G C Waterm yrr.“
Diese Mitteilungen erhalten eine glänzende Rechtfertigung durch die Talsache, daß der in Nomtsas ermordete Farmer Hamann
den praktischen Beweis gelitfert hat, daß die Wollschafzucht im Nawegtaland ebinso gut durchgeführt werden kann, wie in der Karrn. In dieser wird mit bestem Erfolge auch Straußenzucht getrieben.
Zur Duraführung eines geordneten Farm betriebes gehören aber natürlich zwei Bidingungen: Land zu freiem Eigentum und Wasser auf diesem Lande. Die letztere Forderung wird in bester Weise zu erfüllen
sein. Denn aus dem dieser Tage verkffentlichten Berichte des Gouverneurs v. Lindequist geht her vor, daß mehrere Bohrkolonnen in Damaraland an der Arbeit sind. Nach den von ihnen gemachten Erfahrungen wird dann auch im Namaqualard Wesser erschlossen werden können.
Um aber Land für die Anfiedler zu beschaffen, muß mit der Obstruktion der Kon ##ssionsgesellschaften aufgeräumt werden, die sich bis jetzt tatsächlich jeder Besiedelung widersetzt haben. Professor Hahn gibt jedem, der in Nameg ialand Schaf= oder Straußenzucht beginnen will, den sehr richtigen Rat, sich vorher einige Monate lang diese Betriebsformen in der Karru anzusehen.
Was Damaraland betrifft, so war dies, das Gebiet der Herero, längst für garz Südaftika von großer Bedeutung. Dr. Hahn schreibt:
„Ich erinnere mich sehr wohl, daß noch bis etwa vor dreißig Jahren regelmäßig große Mengen von Vieh aus Damaraland in die Kapkolonie gebracht und in der Nähe von Kapstadt verauktionielt wurden. Nachdem sie von den Bauern angekauft und eine zeitlang die gute Weide genessen hitten, wurden sie als Schlachtvieh nach Kapstadt und anderen Städten verkauft. Ja jinen Zeiten wurde das sogenannte Damara Landvieh in der Kapkosonie sehr hoch eingeschätzt, aber diese Zuzüge hörten auf infolge der Reibereien zwischen den Hottentotten und Damaras und den darauffolgenden Kalamitäten, die das Land besielen. Doch auch dieses Hereroland kann seiner natürlichen Bestimmung, nämlich der Viehzucht, wieder gegeben werden und wenn die Anfiedelung des Landes auch in entsprechender Weise aus geführt wird, so unterliegt es keinem Zweifel, daß in mehreren Jahren wiederum Vieh aus Deutsch Südwest nach den verschiedenen Zentren von Sadaftita aus geführt werden wird. Ich verspreche mir nicht viel von der Produktion von Getreide in Damoraland, wohl aber von Viehzucht und Perde zucht. Am Ende der sichziger Jabie war Damaraland voll Vieh und man schätzte den Vlehstand auf 3—4 Millionen Stick Rindvieh. Es liegt kein Grund vor, weshalb in friedlicher und ruhiger E twicklung nicht dieselben günstigen wirtschaftlichen Berhältnisse berbeigeführt werden tönnen, die früher im Lande herrschten.“
Dem Gouverneur von Lindequist stellt Dr. Guse folgendes sehr zutriffindes Zeugnis aus:„Zim Glück für das viel verzufene Südwest besitzt es zur Zeit in Hiren von Lindeg ust den Mann, der die Verhältnisse, die durch Räubereien, durch Ri= dup st. durch Kriege, durch Aufstand, durch Ermordung von Ansiedlern gestört worden sind, wieder einrenken kann. Herr von Lind gist kan im Anfang der neunziger Jahre nach Sü. afrika und hit sich gleich von Anfang an bemüht, einen Eindlck in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Kapkolonie und anderer Länder Südaftikas zu gewinnen. Ee war dann bis 1900 in Suewist tätig, mit dessen wirtschaftlichen Verhatnissen er auch genau bekannt wurde. 1900 wurde er zum Gegeralkonsul in Kopstadt ernannt. Während dieser seiner Kopstädter Zeit hat Herr von Lindegulst die verschiedenen Länder Südaftikas durch den Auger schein persönlich kennen gelerrt und sich besonders bemüht, die ökoromischen Berhältnisse in diesen
Ländern kennen zu lernen; seine garze Tätigkeit in Südafrika konnte man eine zielbewußte Vorbereitung auf seine jetzige Stellung nennen, und ich glaube, es ist sehr selten, daß ein Gonverneur so wohl vorbereitet für seine Aufgaben zu einer Stellurg berufen worden ist, wie es der Fall war mit Herrn von Lindequist, als er zum Vonverneur von Südwest berufen wurde. Dazu kommt noch, daß zwischen Herrn von Lindegust und den Behöeben der benach
barten südafrikanischen Staaten die besten persönlichen Beziehungen bestehev, wodurch die Behandlung von Sachen, die von allgemeiner südafrikanischer Bebeutung sind, sehr erleichtert wird. Wenn es Herrn von Lindeg ust nicht gelingt, die Verhättnisse in Südwest wieder zu ordnen, so gelingt es niemandem!“
Selbstverständlich kann auch dieser tüchtige Mann seine Aufgabe nur erfüller, wenn Reichstag und Regierung ihn hinreichend unterstützen. Dazu ist vor allem rötia, deß die auf einstimmigen Beschluß des Reichstages eirgesetzte Kommission zur Untersuchung der Rechtsverhältnisse der Konzessionsgesellschaften ihre Pflicht tut und nicht elwa, wie sehr zu bifürchten steht, unter dem Eirflusse der den Kolonialrat beheerschenden Interessenten ihre Aufgabe versumpfen läßt. Denn dann wäre jeder weitere für Südwest aufg wendete Groschen weggeworfenes Geld!
Zum Fall César.
In der Rheinprovinz hat infolge der durch die Fälle Fscher, Jatho, Röner, César hervorgerufenen Erregung die Sache der„Positiven Ugion“ einen bedeutenden und sehr erfreulichen Ausschwung genommen. Der Rheiniiche Provinzialverein der Posttiven Ugion, 1904 nur etwa 60 Mitglieder ftark, zühlt deren heute in seinen vier B zieksgruppen— Niederrhein, Berg, Mittelrhein, Oberthein— nicht weniger als 390 und hat somit zum„Zentralvorstande der Landesklichlichen Vereinigung der Freunde der Positiven Union“ in Berlin 8 Mitglieder zu deputieren. Als solche wurden in der am 19. d. Mis. zu Köln stattgefundenen Sitzung des Provinzialvorstandes bestimmt die Herren: P. lic. Weber, M=Sladbach; Pros. D Ecke, Bonn; Pros. W. Weber, Wesel; Reko, Adams, Barmen; Bürgermeister Hagenköther, Huckes wagen; Fabrikant Dietrich, Duistu g; P. Jetzloff, Solirgen; P. Seeger, Koblenz. Im übrigen war in dieser Sitzzng angesichts der kirchlichen Lage und der noch immer ausflehenden Entscheidung des Oberkirchenrats im Falle Céar die Stimmung eine außerordentlich ernste und zeigte sich die einmütige, volle Ealschlossenheit, falls wider E warten diese Eltscheidung gegen das Konf'sto ium aussell n sollte, in dem dann unvermeidlichen Kampfe den tapferen Westsalen ruchntlos zu gemeinsemem Vorgehen an die Seite zu treten.-b
Aus dem Deutschen Reiche.
Berlin, 18. November.
Die Kaiserin ist gestern morgen wieder in Potsdam eingetroffen. Der Kaiser besuchte gestern das badische Goßheizogspaar und reiste abends 9 Uhr noch Berlin ab.
Der Kronprinz stieg von H tzau täglich 1000 Meter auf. Am Mirwoch erlegte er nichts, am Donnerstag und Freitag dagegen je drei Geasen. Am Sonntag wollte er mit Sonderzug nach Poisdam abreisen
Prinz Joachim Albrecht von Preußen wird nach den bisherigen Bestimmungen an Bord des cm 24. d. M. von H. miurg in See gehenden Rachspostdampfers„Prir zessin“ die Autreise rach Deutsch= Südwestafrika antreten. Die Einschiffung des Pinzen erfo'gt voraussichtlich erst in Antwerpen, von wo die „Prinzessin“ am 29. d. M. abfährl. Die Ankunft in Swakoxmund ist am 17. Dezember zu erwarten.
Der Reichstag erklärte dieser Tage zunächst die viel umsteittenen Wahlen der beiden konservativen Abgeordneten Dietrich und Malkewitz mit 202 gesen 177 und 177 gegen 135 Stimmen für gültig. Die