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30. Jahrgang

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Geschäftsstelle Ritterstr. 43. Fernsprecher Nr. 15.

Listorischer Kalender.

26. Juni: Schlacht bei Fleurus, 1794. — I M. Montgolsier, Efirder des Luft­bollons, gest. 1810.— Bernh. Windscheid, Rechtslehrer, geb. 1817.— Georg IV. von Eng­land, gest. 1880.— Gefecht bei Hüner wasser und Podal in Böhmen, 1866.

Hirleseto

Dienstag, 26. Juni 1906

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Die gesetzliche Regelung der Heimarbeit.

Die„Leipziger Zeitung“ hat vor kurzem eine sehr ausführliche Betrachtung über die Lage der Heimarbeit und die Notwendigkeit einer gesitzlichen Regelung derselben ver­Diese Darlegungen sind nicht bloß aus dem Grurde beachtenswert, weil sie offenbar den Stan punkt der sächsischen Regierung, dessen Organ die„Leipziger Zeitung“ ist, kennzeichnen, sondern weil sie die Heimarbeiterfrage von durchaus objektiven Gesichtspunkten aus in allen Stücken be­leuchten. Es kann nicht wundernehmen, daß dabei die Schwierigkeiten, die bei Durch­führung der bis jetzt vorgeschlagenen Reformen auf Schritt und Tritt erscheinen, besonders hervorgehoben werden, und daß betont wird, wie der ernstliche Wunsch, den in so be­kümmerter Lage befindlichen Hausindustriellen helfen zu wollen, an der Macht der Ver­hältnisse zerschelle.

Reformen— so wird in dieser Hinsicht ausgeführt— die sich in einem Falle be­währt haben, sind nicht ohne weiteres auf andere anwendbar. Verbote der Heim­arbeit, die eine Zunahme der Fabrik­betriebe nach sich ziehen würden, können die Hausindustriellen selbst schädigen. Sozial­politisch ist ja, seit man sich gewöhnt hat, die Fabrik unter das wachsame Auge der Obrigkeit zu nehmen, diese die wünschens­werteste Unternehmungsform. Aber nicht jeder Arbeiter und nicht jede Arbeiterin mag oder kann sich in die Fabrikdisziplin finden. Jede Kraft kann auch die Fabrik nicht ge­brauchen. Für solche nicht mehr ganz voll leistungsfähige Individuen müssen Arbeits­gelegenheiten vorhanden sein, sie finden sich in der Tat in der Hausindustrie, also kann man die letztere nicht aus der Welt scheffen. Soll man nun deswegen die Hände in den Schoß legen und die Dinge weiter gehen lassen wie bisher? Nachdem so viele Schäden aufzedeckt worden sind, könnte man das gar nicht verantworten. Es ergibt sich denn auch die Möglichkeit wenigstens einer teilweisen Reform, wenn auch in anderer Richtung, als sie seither gesucht ist.

Mit der Ausdehnung der Kranken versicherungspflicht auf die Hausin­dustriellen länger zu zaudern, hätte keinen Sinn, nachdem sie wiederholt Gegenstand der Erörterung im Reichstage gewesen ist. Die Gesetzgekung hält Heimarbeiter und Haus. gewerbetreibende auseinander. Nur die ersteren als unselbständige Arbeiter sind ver­sicherungspflichtig, die letzteren, als selbst ständige Gewerbetreibende betrachtet, sind es nicht. Indes sind beide Kategorien wirt­schaftlich in der gleichen Avhängigkeit und Unselbständigkeit. In der Praxis hat diese Auffassung die Folge gehabt, daß man den Kreis der Heimarbeiter enger zog und die Klasse der Hausgewerbetreibenden tunlichst weit faßte. Dadurch sind dann immer winiger Heimarbeiter der Wohltat der Kranken­versicherung teilhaftig geworden. Nirgends wäre jedoch diese so nötig wie eben der Hausindustrie, die unter besonders ungün­stigen Bedingungen sich vollzieht und über­dies häufig nicht ganz voll leistungsfähige Kräfte mit geschwächter Gesundheit verwertet.

In dem letzteren Moment liegt freilich wieder #. neue Gefahr, nämlich die zu starke Belastung kleinerer Krankenkassen. Manche werden sich vielleicht als Hausindustrielle angeben, selbst wenn sie dieser Tätigkeit nur ganz nebenher obliegen, um Mitglied der Krankenkasse zu werden. Dem müßte da­

durch vorgebeugt werden, daß lediglich Haus­industcielle von einem bestimmten Einkommen an krankenversicherungspflichtig sind und gleichzeitig nur Ortskranken= oder Gemeinde­krankenkassen zu ihrer Aufnahme verpflichtet wären. In dem größeren Umfange der letzteren würde das Risiko erträglicher werden.

Zur Durchführung der Versicherungspflicht ist unbedingt die Registrierung der Heimarbeiter anzustreben. Man muß wissen, wo die Leute zu finden sind, denen man helfen möchte. England, einige ameri­kanische Staaten, die australische Kolonie Viktoria, Neuseeland sind uns in dieser Be­ziehung vorangegangen. Unternehmer und Zwischenmeister sind verpflichtet, Listen ihrer Außenarbeiter zu führen. In Vikto­ria ist auch den Heimarbeitern die Anzeige­pflicht auferlegt. Demnach müßten auch in Deutschland die Heimarbeiter angehalten werden, wenn sie in ein derartiges Verhält­nis eintreten, der Gewerbeinspektion Mittei­lung zugehen zu lassen. Die Unternehmer aber und Zwischenmeister müßten beauftragt werden, Listen zu führen, in denen Namen, Beschäftigung, Wohnung, Lohn der zu Hause Beschäftigten nachzuweisen wäre. Damit verbindet sich die Möglichkeit zur Ausübung einer gewissen Sanitätspolizei und Woh­nungsinspektion. Unter hygienisch verwahr­losten Bedingungen sollte keine Heimarbeit vor sich gehen dürfen. Errichtung von Zentralwerkstätten, in denen die Hausindu. striellen Plätze mieten, um unter angeneh­meren Bedingungen, als sie zu Hause durch führbar sind, ihrer Arbeit nachgehen zu können, empfiehlt sich desgleichen. Das Vorgehen von Genf und Lausanne verdient in dieser Richtung Anerkennung. O ffent­liche Mittel dazu zu verwenden, wäre durchaus zulässig. Weniger leuchtet die vorgeschlagene Markierung hausin­dustrieller Erzeugnisse ein. Man hat sie aus vorwiegend sanitätspolizeilichen Rücksichten ins Auge gefaßt. Doch würde sie als ein Mittel zur Abwehr der Hausin­dustrie wirken. Jeder würde gleichsam ge­warnt, einen Artikel zu erstehen, der unter gesundheitswidrigen und unzweckmäßigen Be­dingungen hergestellt worden ist. Damit würde der Preis solcher Artikel noch mehr gedrückt werden.

Endlich sollte die Selbsthilfe nicht ganz vernachlässigt werden. Die Bildung von Genossenschaften, sei es zum Ankauf von Rohmaterial, sei es zur Verwertung fertiger Erzeugnisse wird nicht von der Hand zu weisen sein. Schwer aber ist es gewiß, ihnen Anerkennung zu verschaffen. Frauen und Kinder als Träger der heuti­gen Hausindustrie lassen sich nicht leicht organisieren. Wo die Preise für hausindu­strielle Gegenstände niedrige sind, oder die Erzeugnisse keine höhere Bewertung zulassen, wird eine Genossenschaft wenig zu tun ver­mögen. Mitunter werden sie doch ein Mittel sein, aus der drückenden Abhängig­keit vom Verleger oder Zwischenmeister frei­zukommen.

Die Ausführungen der„Leipziger Zeilung“ sind ohne Zweifel sehr beachtenswert; ihre Vorschläge werden gewiß zu eingehenden Erörterungen führen. Vor der Hand wird man das Ergebnis der eingeleiteten Erhe­bungen abzuwarten haben, ehe man sich für die eine oder andere der vorgeschlagenen Reformen zu entscheiden vermag. Daß das Heimarbeitswesen verbesserungsfähig und verbesserungsbedürftig ist, unterliegt keinem Zweifel, und ebenso wird nicht bestritten werden können, daß Reformen auf diesem Gebiete nicht lange auf sich warten lassen dürfen. Aber es wird immerhin eingehen­der Erwägungen bedürfen, auf welchem Wege im Interesse eines großen Teils der Heimarbeiter vorgegangen werden soll. Ein salscher Weg würde leicht zur Schädigung derer führen, denen man nützen will.

Streiks— eine veraltete Sache.

Der Oberbürgermeister Lord Meyor von Manchester, der größten englischen In­dustriestadt, erklärte, wie Lic. Reinh. Mumm mitteilt, den jetzt aus England heimgekehrten Führern der christlichen Arbeiterbewegung: „Streiks gelten in Manchester als eine ver­altete Sache. Industrien, in denen Streiks vorherrschen, leben noch unter barbarischen Zuständen. Lic Mumm will demgegen­über die deutsche Eigenart nicht schelten. Er meint:„Es ist doch etwas Großes, daß der Deutsche alle Dinge prinzipiell an­zufassen pflegt; es kommt nur darauf an, welche Prinzipien maßgebend sind. Deutsch­land kann der Fluch und kann der Segen der Welt werden, je nachdem, welche Prin­zipien in seinem öffentlichen Leben geltend werden.“ Christus müsse herrschen im öffent lichen Leben, auch über die wirtschaftlichen Kämpfe. Dazu sagen wir: Richtig ver­standen: Ja, nämlich durch Aenderung der Herzen, also der Menschen, nicht aber der äußeren Lebensverhältnisse in seinem Namen.

Handelskammer=Politik.

Von einigen Handelskammern, namentlich von der Bonner Kammer, ist bei der Re­gierung petitioniert worden, bei den Han­delsvertragsverhandlungen mit den Ver einigten Staaten von Amerika möchte dar­auf Bedacht genommen werden, der Ein­fuhr von amerikanischen Fleisch­produkten Konzessionen zu machen. Die Handelsvertretungen wollen also, wie es scheint, die von der ganzen Welt zurückge­wiesenen unappetitlichen und gesandheits­schädlichen Fleischwaren aus Chikago usw. in Deutschland unterbringen— mit höchstem Profit natürlich. Die„Weser=Zeitung“ unterstützt diese unglaublichen Petitionen, indem sie schreibt:„Es ist sehr bedauerlich, daß die Regierungen sich diesen berechtigten Wünschen gegenüber vollständig passiv ver­halten. Der Bekämpfung der Sozialdemo kratie dient eine solche dilatorische Behand­lung der wichtigen Frage der Fleischversor­gung unserer Bevölkerung jedenfalls nicht.“ Das freihändlerische Blatt scheint wie die Handelskammern anzunehmen, daß gerade die deutsche Bevölkerung gut genug dazu wäre, das ekle amerikanische Zeug zu ver­zehren. Es ist wirklich unbegreiflich, was die Freihändler— noch dazu unter Beru­fung auf die Sozialdemokratie— dem deutschen Volk zu bieten wagen und— leider noch immer wagen dürfen.

Verständnis bei der norwegischen Regierung gesunden. Deu schlands Haltugg sei in schwerer Zeit von Anfang bis zum Schluß außer­ordentlich korrckt gewesen. Die Ecnennung eines welterfahrenen Mannes wie des früheren Kolonialdirektors Stübel zum ersten deutschen Gesandten in Norwegen habe in allen Berufs­kreisen eine durch Stübels persönliches Auf­treten noch erhöhte Befriedigung gefunden.

Für den dahingeschiedenen Direktor des Herrenhauses Alexander Reißig fand Sonnabend nachmittag 5 Uhr im Festsaal des Herrenhauses eine Trauerfeier statt. Der Schwager des Verewigten, Pastor Hoppe aus Mudarge in Pommern, hielt die Gedächtnisrede.

Wie dem„Reichsboten“ mitgeteilt wird, laufen die Faden der Kolonialange­legenheit in den Händen eines entlasse­nen Bureaubeamten des Kolonialamtes zu­sammen, der einige seiner ehemaligen Kol­legen überredet habe, ihm geheime Mittei­lungen zu machen, die er dann an die Herren Erzberger und Müller Sagan weiter gegeben habe. Danach wäre es wohl auch zu verstehen, wenn die„Freisinnige Zeitung“, das Organ des Herrn Müller Sagan, er klärt, daß ihr die Mitteilungen über den Bericht des Geh. Legations=Rats Rose von keinem Beamten des Kolonialamtes zuge­gangen seien.

Zu dem Beschluß der Herrenhaus­

kommission:

„In Schulverbänden mit mehr als 25 Schul­stellen soll die Wahl der Lehrer und Rektoren durch die Gemeindeorgane erfolgen, in den übrigen Schulverbänden durch die Schulaussichts­behörde. Weitergehende Rechte sowohl hinsichtlich der Lehrer= und Rektorenwahl bleiden in allen Schulverbänden aufrecht erhalten. Ferner wurde beschlossen, daß Städte mit mehr als 25 Schul­stellen nur mit ihrer Zustimmung einem schulverband zugeteilt werden können“. bemerkt der„Reichsbote“:„Durch diesen Be­schluß des Herrenhauses werden die Be­stimmungen über den konfessionellen Cha­rakter der Schule völlig illusorisch gemacht und es ist uns ganz unverständlich, wie das Herrenhaus und insbesondere auch die kon­servativen Mitglieder desselben diesen Be­schluß fassen konnten. Die Konfessionsschule ist in dem Gesetz ja überhaupt nur tatsäch lich, aber nicht prinzipiell gesichert und der Entwicklung der Simultanschule und was damit zusammenhängt, ist freie Bahn gemacht.“

Aus dem Deutschen Reiche.

Berlin, 25. Juni.

Aus Kiel wird gemeldet: Gestern vor mittag hielt der Kaiser Gottesdienst an Bord der„Hamburg“ ab und begab sich später auf die Jacht„Meteor" zur Teil­nahme an der heutigen Wettfahrt des Nord­deutschen Regatta Vereins, die um 11½ Uhr begann. Heute vocmittag nahm der Kaiser Besichtigungen auf der kaiserlichen Werst vor.

Prinz Eitel Friedrich und Gemahlin trafen gestern nachmittag in Kiel ein und begaben sich an Bord des Kaiserschiffes „Hamburg".

Herr Max Bewer, der zurzeit in Dront­heim weilt, um für den„L.=A.“ die Krönungs­feierlichkeiten zu schildern, ist vom Minister präsidenten Michelsen empfangen worden. Bei dieser Gelegenheit hat Herr Michelsen ausgeführt: Das ganze norwegische Volk lege außerordentlich hohen Wert auf den Besuch Kaiser Wilhelms, als ersten den König Haakon besuchenden Souveräns. Daß der Kuser im Jahre 1905 Norwegen nicht besuchte, sondern König Oskars Einladung nach Stockholm annahm, habe damals volles

Aufstand in Südwest­Afrika.

Hauptmann von Zülow, der bekanntlich bei Beginn des Feldzuges in Südwestafrika von Swakopmund aus Okahandja befreit hat, kehrt am 7. Juli wieder nach dem Kriegsschauplatze in Südwestafrika zurück.

Verluste: Gefreiter Mathäus Koch, am 18. Juni im Lazarett Windhuk an Lungenentzündung gestorben. Leutnant Paul Cleve, geb. zu Essen, am 16. Juni an Bord des Dampfirs„Gertrud Woermann“ an Typhus gestorben. Reiter Karl Seeber, am 17. Juni im Feldlazarett Lüderitzbucht an Nierenenlzündung ge­storben.

Aus dem Auslande.

Oesterreich Ungarn. Der Kaiser ist gestern abend aus Böhmen wieder in Wien eingetroffen, nachdem er von Reichenberg aus noch Gablonz besucht hatte.

Paris, 25. Juni. Der Generalstaats­anwalt bemerkt, die Verurteilung Dreysus' sei damals nur mittelst aus­gesprochenster Verbrechen durch­gesetzt worden.

Italien. Trotz der Anarchisten: Ver haftungen und Bombenfunde in Ancona traf das Königspaar mit Giolitti dort ein und blieb einige Stunden. Nachts vor­her noch wurde im nahen Dorfe Castel­ferretti ein Bombenfund gemacht.— Auf