Die Vorfreude

Sie ist das Allerschönste unseres Sommerurlaubs und beginnt eigentlich schon beim Ende der vorjährigen Reise, bei der man— zum Glück— nicht alle Rosinen aus dem Ferienkuchen sei­ner Wünsche und Träume picken konnte. Einmal reich­te das Geld, dann aber auch die Zeit nicht dazu. Die Enttäuschungen, die unsere letzte Reise hervorrief, bei der leider ein sehr regnerisch veranlagter Himmel einen un­angenehm dicken Strich durch die kühn erbauten, prachtvollen Luftschlösser zog, sind schnell verwunden, ja, vergessen. Denn irgendwann beschenkte uns der Sommeraufenthalt doch mit herrlichsten neuen Eindrücken, erwärmte uns die Sonne den Pelz und das Gemüt.

Beim Ende des alten Urlaubs steht vor uns ein bis zum Rande gehäufter Wunschkorb. Hatten wir uns nicht geschwo­ren, diesmal bestimmt an die See zu gehen? Nun tauchen einige Monate zuvor, nachdem wir uns aus aller Welt Reise­prospekte haben zuschicken lassen, doch Zweifel und neue Pläne auf. Unsere eine Hälfte— es braucht nicht immer unsere„bessere" zu sein, schwärmt mehr für„Wasser, Luft und Sonne“, für die urfaule Siesta am Strande der blauen bzw. grünen Ost= und Nordsewellen, unsere andere hat Mut zu Anstrengungen und Touren in die Berge.(Zur Not fah­ren ja auch Autos hinauf.) Guter Rat ist teuer. Von der lange erwogenen Auslandsreise sind wir schon wegen der gepfefferten Preise abgekommen, aber dann hat sich auch noch etwas in uns geregt: Liebe zur schönen, deutschen Heimat. Mitempfinden mit der Not der Zeit, wo es gilt. jeden Groschen dreimal umzudrehen, ehe wir ihn dem Egois­mus anderer Nationen opfern, ist heute mehr als je an­gebracht. Die harte Schule des letzten Jahrzehnts hat es ge­lehrt, daß wir alles von uns, aber nichts von anderen erwar­ten können, es sei denn, daß wir uns dieses selbst zähe er­kämpfen, oder daß es auch im Bereich ihrer Vorteile liegt. Doch fern sei es, hier politisch zu werden.

Deutschland ist so reich und bunt an Naturschönheiten, daß es wirklich unerschöpflich ist. Hier lockt der Rhein, der Rhein der schönen Reben, dort der herrliche Harz mit sei­nem Tannenduft, dem Rauschen seiner Wildbäche und dem Zauber historisch berühmter, romantischer Plätze. Allerdings braucht z. B. der Glaube an die Romantik der Walpurgis­nacht nicht gerade so weit zu gehen, wie das jetzt bei einigen verrückten Gelehrten geschah. die felsenfest davon überzeugt waren, auf dem Brocken aus einem schneeweißen Ziegenböck­chen in Gegenwart einer unschuldigen Jungfrau unter einem weißen Seidenschleier einen schönen Jüngling hervorzaubern zu können. Schallendes Gelächter in aller Welt! Wir leben — aus dem Zwang und der Not der Zeit heraus verständ­lich— in einer allzu okkult veranlagten, dem Aberglauben in jeder Form zugänglichen Zeit, und gerissene Konsunktur­deuter verstehen sehr geschickt, hieraus erhebliche Kapital­sümmchen zu schlagen. Doch lassen wir auch diese„Sorgen“ gründlich hinter uns, um zum Ziel unserer Ferienträume zu kommen. Vom Harz fliegen unsere Gedanken zum Rie­sengebirge, ins Frankenland, in das deutsche Tirol, zum Schwarzwald, in den Teutoburger Wald und weiter...

Zeit und Geld

Haben wir fleißig gespart, um trotz der Notverordnun­gen und vielen Abzüge und Einschränkungen wenigstens eins der zahlreichen Projekte durchführen zu können? Der Ueber­schlag unserer Sparkasse erbringt ein freundliches Ja. Nun kann auch endlich der Zeitpimkt des Urlaubsantritts festgesetzt werden. Die Entscheidung des Wahlorts ist salo­monisch gefällt und lautet halb an die See, halb auf die Berge. Die Tage bis zum Beginn der Abreise werden ge­zählt, über den Bedarf an Reisegegenständen und Koffern gründlich debattiert. Frauen nehmen da meistens einen an­deren Standpunkt ein. Sie können ja auch im Gegensatz zu vielen Männern sehr schön packen und Dinge verstauen, die an sich viel anspruchsvoller in bezug auf Platz sind, als ihnen eigentlich eingeräumt gehörte. Aber allen sei dringend gera­ten, nicht zuviel„Ballast“ mitzunehmen. Man kann ihn später nämlich nicht so einfach wie aus einem Ballon an die Luft befördern. sondern muß ihn überallhin mitschleppen, bei Umzügen, Wanderungen und jedem noch so kleinen Wechsel des Aufenthalts. Das kostet Geld, Zeu uno viel Freude. Je weniger der Vergnügungsreisende einpackt, um so bequemer und reibungsloser verläuft die Reise. Sie ist

der große Auftakt

Die Erfüllung der lang gehegten Sehnsucht setzt mit dem Augenblick ein. in dem wir mit gelöster oder gelösten Fahr­karten den Ferienzug bestlegen haben. Der Wetterbericht vom Vortage verkündet Aufheiterung. Diesmal glauben wir fest daran wie an ein Evangelium, sonst haben wir immer

gescholten und ihn als unzuverlässigsten Bestandteil unserer Tageszeitung bespöttelt und in Kauf genommen. Draußen pladdert's und gießt's aus dicken Wolkenschläuchen. Aber das hat gar keinen Einfluß auf unsere unverwüstlich optimistisch eingestellte„Reiseseele". Und wirklich: der Optimismus war angebracht. Zwei bis drei Bahnstunden hinter dem Aus­gangspunkt unserer Reise hellt sich der schwarz behangene Wolkenhimmel auf, und ein Blau und eine Sonne blitzen uns an, die uns gar nicht das Ende der freudigst angetre­tenen Fahrt erwarten lassen können. Wir spüren im wiegen­den Rhythmus der rasch rollenden Bahn keine Anstrengung. keine Ermüdung mehr, nur Freude, Freude und nochmals Freude. Was werden wir alles an Schönheiten und Neuig­keiten zu sehen bekommen? Wie werden wir den Tag ein­tellen, um ihn bis ins Letzte auskosten zu können? Erst ein­mal in See= oder Höhenluft den alten, etwas verstaubten Adam auslüften, erst einmal die Lungen mit der würzigen Tannen= und erfrischenden Seeluft vollpumpen und dann erst unser Augenmerk auf die mit gleichen Sehnsüchten her­gereisten Menschen richten. Vergnügungen? Wollen wir nicht, oder noch nicht. Bei sehr schlechtem Wetter bleibt uns noch immer dieser Ausweg offen. Aber so nach und nach knüpfen sich doch einige nette Bekanntschaften an. Vorerst sind wir glücklich, dem Einerlei und Trubel des Alltags ent­ronnen zu sein. Da knirscht die Bremse und rüttelt uns aus unseren letzten Träumen auf. Noch einmal umsteigen, und dann sind wir am Ziel. Ach, diese ewig=schöne Fehrt mit dem„Bimmelbähnchen“, wie lieben wir sie! Jetzt haben wir es ja nicht mehr eilig, jetzt haben wir ja Zeit, Zeit, und sind dem Fluche entronnen, den uns das Höllenwort„Tempo“ beschert hat. Wir rekeln uns im etwas leer gewordenen Ab­teil, lehnen uns ganz weit zum Zupfenster hinaus, genießen die Wohltat des Einatmens von frischer, unverqualmter Landluft. Langsam schraubt sich unser Bähnle empor. An der Station lesen wir mit dem allergrößten Vergnügen, das die Phantasie ausmalen kann: 678 Meter über dem Meeres­

spiegel. In zwanzig Minuten sind wir da. Bäche rauschen an uns vorüber. Bergkulissen und steile Felsschroffen hin­dern den Ausblick. Wir fahren langsam und ruhig durch einen langen, dunklen Tunnel. Da öffnet sich ein unbeschreib­lich schönes Tal mit Waldflanken, weiten Wiesen und hoch bestandenen Feldern vor unseren Augen, und nun wissen wir es genau, daß wir am Beginn und Ausgangspunkt un­seres ersehnten Fernseins angelangt sind. Wir deuten es als glückliches Vorzeichen unserer Ankunft, daß wir freundlich im Wagen vom Bahnhof abgeholt werden. Das Auto trägt uns schnell höher, fliegt mit den Flügeln unserer Wünsche durch romantische Gegenden. Wir lauschen gespannt den Er­klärungen unseres an sich schweigsamen Autolenkers und müssen uns hierbei etwas bemühen. die fremden Klangfarben seines heimatlichen Dialektes voll und ganz in uns aufzu­nehmen. Aber auch dieser Gedanke ist dazu angetan, freudige Vorstellungen in uns zu wecken, denn er unterstreicht unser augenblickliches Wunschleben, das ja in einer anderen deut­schen Heimatwelt untertauchen und sich erholen will,

Wir sind am Ziel

Vor einem schmucken, freundlichen Haus, das wir uns im Prospekt ausgewählt haben, halten wir. Die kleinen Forma­litäten der Anmeldung und Vorstellung sind bald erledigt. Wir stehen am Fenster unseres kleinen, aber peinlich saube­ren Zimmers, schauen hinauf zu fernen Bergspitzen die von der rötlich leuchtenden Abendsonne vergoldet werden, und fühlen uns frei und neugeboren. Alles in uns lacht. Der alte Adam ist„ausgezogen“, um in gesunder Natur Gesun­dung und Erholung zu finden und wieder einmal ganz Mensch zu sein. 6 M