*

Zeitung.

Die Staffeltarise von 1891

Die Staatsregierung hat, wie schon bekannt, beschlossen, für den Fall des Inkrafttretens des deutsch=russischen Handels­vertrages und für den Fall der Aufhebung des Identitäts­nachweises bei der Getreideausfuhr die allgemeinen Aus­nahmetarife für Getreide und Mühlenfabrikate vom 1. Sep­tember 1891 auf den preußischen Staatsbahnen wieder auf­zuheben.

Diese Ausnahmetarife— Staffeltarife, die mit steigender Entfernung fortschreitende erhebliche Frachtvorteile gewähren, — wurden am 1. September 1891 insbesondere wegen der ungünstigen Ernteaussichten und wegen des russischen Roggenausfuhrverbots eingeführt,— um wie die Ankündigung im„Reichsanzeiger“ lautete—„eine unter den zeitigen Verhältnissen etwa zu befürchtende Schwierigkeit in der Ernährung der Bevölkerung abzuschwächen.“ Maßgebend war hierbei also weniger die Absicht, für die nördlichen und östlichen Provinzen, die mehr Getreide produzieren als konsumieren, in der damaligen Zeit durch erleichterte Zufuhr zur Hilfe zu kommen.

Die ungünstigen Verhältnisse von damals, bestehen nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Gleichwohl sind die Staffeltarife geblieben, da sie sich nicht nur für die Staats­kasse gewinnbringend, sondern auch für die östliche Land­wirtschaft, der die Ausfuhr über See aus bekannten Gründen verschränkt war, segensreich erwiesen. Auf der anderen Seite aber erwuchsen mit der Zeit für die westliche, sehr viel weniger für die südliche Landwirtschaft Nachteile durch die Konkurrenz, welche die erleichterte Zufuhr ihren Pro­dukten brachte. Während man im Osten für die Aufrecht­erhaltung der Staffeltarife eintrat, forderte man hier ihre Beseitigung.

Diesen Gegensatz auszugleichen, bietet das Inkraft­treten des deutsch=russischen Handelsvertrages Gelegenheit. Denn durch die in diesem Vertrage vorgesehene Herabsetzung des Kornzolls auf den Satz von 3,50 Mark, der auch den übrigen Vertragsstaaten gewährt ist, wird es möglich, der nördlichen und östlichen Landwirtschaft wieder die Aus­fuhr über See zu eröffnen. Wird der Landwirtschaft des Nordens und Ostens zugleich mit der Aufhebung des Iden­titätsnachweises diese Möglichkeit gewährt, dann hat sie geringeres Interesse an der Aufrechterhaltung der Staffel­tarife für den Versand nach Westen und Süden.

Die Staatsregierung hat demgemäß sich zu der Be­seiligung der am 1. September 1891 für Getreide und Mühlenfabrikate eingeführten Staffeltarife entschlossen. Sie hat damit nicht etwa eine grundsätzliche Stellung gegen Staffeltarife überhaupt eingenommen und so auch nicht die

preußische Eisenbahntarispolitik nach einer bestimmten Richtung festgelegt. Ueber die Dauer der Beseitigung hat die Staats­regierung keine Entscheidung getrossen; ebenso wenig aber hat sie sich die Möglichkeit abgeschnitten, auf die Wieder­einführung der jetzt aufzuhebenden Tarife zurückzukommen; denn es lassen sich Fälle denken, z. B. bei ausgedehntem Mißwachs, wo ihre Wiedereinführung gerade im Interesse des Westens erforderlich ist. Die Staatsregierung konnte sich in dieser Beziehung nach keiner Seite binden; wohl aber darf sie das Vertrauen dafür in Anspruch nehmen, daß sie den Beschluß der Beseitigung in loyaler Weise ausführen wird.

Es sind in der Hauptsache preußische Interessen, die für den Beschluß der Staatsregierung maßgebend gewesen sind. Durchaus falsch ist die Auffassung, als ob das Reich Preußen hierzu„gezwungen“ habe: Der Reichskanzler hat am Sonnabend gegen diese Unterstellung als eine durchaus unbegründete und irrige im Reichstage lebhaft Einspruch erhoben. Die Aufhebung der Staffeltarife begründet sich zur Genüge aus der Lage der Dinge in den verschiedenen Landesteilen Preußens.

Politische Uebersicht.

Deutsches Reich.

Der Finanzminister Dr. Miquel veranstaltete Dienstag abend ein größeres Diner, zu welchem auch der Kaiser er­schien. Ferner wuren erschienen hohe Reichs= und Staats­beamte sowie hervorragende Parkamentarier.

Ueber die Reise der Kaiserin nach Abbazia wird be­richtet: Die Kaiserin ist Dienstag nachmittag 2 Uhr mit den kaiserlichen Kindern und dem Gefolge in dem vom Verkehrs­direktor Regierungsrat Ritter von Pfeiffer und dem Ver­kehrschef Tomas geführten Hossonderzug auf dem Bahnhof Mattuglie eingetroffen. Der Bahnhof war mit Laubguir­landen und österreichischen und deutschen Fahnen geschmückt, der Bahnsteig, der Wartesaal und der Aufgang mit Tep­pichen belegt und mit Palmen und Gewächsen geziert. Den Hofzug verließen zuerst der Hausmarschall Freiherr von Lynker und der Oberhofmeister Freiherr von Mirbach. Bei ersterem meldete sich im Auftrage des Kaisers Franz Josef der Statthalter Ritter von Rinaldini. Bald darauf entstieg die Kaiserin in hellem Reisekleide dem Wagen, der Statthalter wurde vorgestellt und von Ihrer Majestät durch eine An­sprache ausgezeichnet. Sodann erfolgte die Vorstellung des Kommandanten des deutschen Schulschiffes„Moltke“, Kapi­täns z. S. Koch. Ihre Majestät trat sodann auf die aus deutschen Herren und Damen bestehende Depution zu, die aus Fiume hergekommen war, und nahm ein prächtiges

Fliederbouquet entgegen. Die Kaiserin fuhr alsdann in offenem Wagen nach Abbazia. Voran fuhren der Statt­halter mit dem Bezirkshauptmann und dem Präsidialsekretär. Hinter dem Wagen ihrer Majestät kam ein geschlossener Wagen mit der kaiserlichen Prinzessin, hierauf die kaiser­lichen Prinzen und das Gefolge in langer Wagenreihe. Die Bevölkerung der Umgebung war in großer Zahl herbei­geströmt und umsäumte die Hügel der langen Fahrstraße, was ein prächtiges Bild bot. Vor Volosca ließ Ihre Ma­jestät den Wagen halten, um die Großherzogin von Tos­cana, welche mit dem Großherzog von Toscana von der von denselben bewohnten Villa promenierte, zu begrüßen. Auch bei der Durchfahrt durch Volosca waren alle Bewoh­ner auf den Straßen oder an den Fenstern, in Abbazia selbst begrüßten sämtliche Kurgäste Ihre Majestät auf das Ehrfurchtsvollste. In der Villa Amalia erwarlete der Direktor der Kuranstalt Silberhuber Ihre Majestät und, als beim Eintritt um 2 Uhr 40 Minuten die deutsche Flagge gehißt wurde, gab S. M. Schulschiff„Molike“, welches große Flaggengala angelegt hatte, den üblichen Geschützsalut ab. Die Kaiserin besichtigte nach der Ankunft in Abbazia die Räumlichkeiten der Villa Amalia sowie die der Villa Angiolina und begab sich sodann mit den Kaiser­lichen Kindern nach dem reservierten Garten, wo sich eine herrliche Aussicht bietet. Der Salon Ihrer Majestät ist mit zahlreichen Bouquets geschmückt, welche von den deut­schen Reichsangehörigen in Triest, der Stadt Fiume, von dem Direktor Silberhuber und der Kuranstalts=Kommission gewidmet worden sind.

Wir sind in der Lage, so schreibt die„N. A. Z.“, „die in parlamentarischen Kreisen umgehende Nachricht“ von dem bevorstehenden Rücktritt des Staatssekretärs im Reichs­amt des Innern, Staatsministers Dr. v. Boetticher, als jeder Begründung entbehrend zu bezeichnen.

Der Präsident des evangelischen Ober=Kirchenrats Wirkliche Geheime Rat D. Dr. Barkhausen ist aus Aller­höchstem Vertrauen auf Lebenszeit in das Herrenhaus be­rufen worden.

Zwischen der deutschen und der russischen Regierung war verabredet worden, daß der deutsch=russische Handels­vertrag bis zum 20. März ratifiziert d. h. in aller Form abgeschlossen sein sollte. Die dritte Lesung ist für morgen Freitag in Aussicht genommen, nachdem vorher noch die dritten Lesungen des Etats und des Gesetzes über die Auf­hebung des Identitätsnachweises erledigt sein werden. Daß die endgiltige Abstimmung über den ganzen Handelsvertrag der Abstimmung über den Artikel 1 entsprechen wird, gilt allgemein als sicher. Voraussichtlich wird dann der Vertrag

Frühling im

Seinen Odem läßt Gott walten Lebenswarm durch Wald und Flur; Auferweckungsstimmen schallen In die Gräber der Natur,

Ihre Adern wieder fließsen,

Und ihr Antlitz färbt sich schön, Tausend Lebenskeime sprießen,

In den Thälern, auf den Höhn.

Sieh, der Winter ist vergangen,

Schnee und Regen ist vorbei, Leben, das der Tod gefangen,

Bricht die Bande und wird frei.

Aller Orten regt sich mächtig,

Was des Winters Schlaf gedrückt,

O, und bald steht alles prächtig. Frühlingsmäßig ausgeschmückt.

Ueberall erschallt es deutlich:

Leben ist vom Tod erwacht

Und die Erde schmückt sich bräutlich,

Uno der blaue Himmel lacht.

Komm, dies Wunder anzusehen, Freu' dich, Seele, inniglich:

Gott läßt seinen Odem wehen,

Und der Frühling kommt für dich.

Der Mausefallenkerl.

Skizze von Hedwig Erlin=Schmeckebier.

21(Fortsetzung.)(Nachdruck verboten.)

Die Gräfin lachte über sich selbst belustigt laut auf. Es ist gewiß das erste Mal im Leben, daß sie ihre Gedanken so eingehend mit einem Mausefallenkerl beschäftigte. Aber daran war nun einmal nichts zu ändern, sie hatte wirklich noch nie vorher im Leben ein solches schönes, interessantes Gesicht gesehen, als wie es eben dieser Mausefallenkerl be­saß. Ja, wenn er zum Beispiel ein Baron oder Graf wäre und schöne Kleider trüge, geistreiche, pikante Gespräche führte, den Damen galant die Kour schnitte, weiß der Himmel, er wäre zum verlieben, vielleicht sogar gefährlich für eine gewisse junge, noch nicht lange verheiratete Gräfin Rittberg. Aber so natürlich!“ Ein Mausefallenker!! Noch einmal lachte die Dame auf. Es war nirklich eine tolle Idee, sich ihn als Gentlemann ohne Gleichen vorzustellen. Nun schön war er auch so, sehr schön sogar, man konnte sich auch etwas mit ihm unterhalten. Blickten dort nicht aus dem Dunkel ein paar große, schwarze Augen so traurig, so fragend. Sprach nicht eine etwas dunkel gefärbte Stimme noch einmal die seltsamen Worte:

„Ich weiß es nicht; es wurde Frühling und Winter und Sommer und Herbst, doch niemand sagte mir wie oft ich das schon erlebte.“

Die Gräfin richtete sich jetzt schnell auf und griff sich zerstreut an die Stirn.„Was habe ich nur, bin ich so aufgeregt und nervös, daß schon ein Mausefallenhändler genügt, um mich krank zu machen.“

Plötzlich wurde die Thür geöffnet und der Gatte der jungen Frau, Graf Rittberg trat in's Zimmer.

„Nun, Wanda, noch im Dunkeln“, scherzte er und tappte vorsichtig vorwärts. Doch die Gräfin war schon auf ihn zugeeilt, hatte ihren Arm um seinen Nacken geschlungen und flüsterte:

„Ich dachte an Dich mein einzig geliebter Mann.“

In der Nacht entlud sich ein schweres Gewitter, und die Folge davon war, daß der nächste Tag kalt und reg­nerisch war. Gräfin Rittberg hatte sich fröstelnd in ihr Boudoir begeben, in dessen Kamin ein helles Feuer brannte. Nicht weit von dem wärmenden Schein ließ sie sich in einen bequemen Fauteuil nieder und beschäftigte sich mit einer feinen Stickerei.„Eigentlich war es recht unsinnig von mir“, sagte sie sich,„daß ich den Savoyarden=Knaben

gegen Abend in den Park bestellt habe. Bei dem Wetter ich doch nicht hinausgehen. Ob er überhaupt wohl kommt? Und wenn er nun käme? Würde es nicht son­derbar erscheinen, wenn man ein Dienstmädchen, oder sonst irgend einen Boten zu ihm schickte? Nein, das ging nicht.“

Die Dämmerung ruhte bereits in allen Ecken und Winkeln, als sich die Gräfin erhob, einen langen, schwarzen Mantel nahm, ihn umwarf und das goldblonde, kokette Köpfchen mit einem dunklen, seidenen Schleier umhüllte. Sie wollte doch in den Park gehen, um wenigstens zu sehen, ob der Bursche da sei und um ihm Bescheid zu geben.

Es regnete noch immer, als die junge Frau hinaus trat, und der Boden war schlüpfrig. Die Gräfin huschte schnell über einige breite Wege des Parkes, dann vog sie auf die Seite, und oftmals schlugen ihr dabei die nassen Zweige der Büsche in's Gesicht. Endlich war der kleine Platz unter den Linden erreicht. Wo war Maritano? Die

Gräfin blickte sich suchend um. Richtig, dort stand er ja, an dem Stamm eines Baumes gelehnt und blickte unver­wandt zum Himmel auf. Doch wie verändert sah er aus. Wie bleich und traurig, und wie es schien, zitterte er vor Frost.

„Maritano, Du bist doch gekommen?" Mit diesen Worten eilte die Gräfin auf den Knaben zu, der vor Freude errötete.

„Warum sollte ich nicht gekommen sein, Madam'?“

„Nun, bei solchem Wetter wäre es doch nicht gerade unmöglich.“

Maritano blickte sinnend nach oben, dann sagte er schmerzlich lächelnd:„Was kümmert die Tiere und die armen Menschen das Wetter!“

Die junge Gräfin war wieder ganz hingerissen von der Schönheit des jungen Burschen und zu ihm hintretend, seine Hand ergreifend flüsterte sie:„Was suchst Du dort oben in den Wolken, Maritano, hat denn nur der Himmel für Dich Verständnis?“

„Ja, nur der Himmel und die guten Menschen.“

Maritano sagte diese Worte mit seltsamer, zitternder Stimme.

Der Abend legte sich mehr und mehr über den Garten. Aus dem Dunkel aber leuchteten wie zwei Sterne die Augen des schönen Savoyardenknaben. Der Gräfin kam die Situation ungemein romantisch vor. Sie liebte überhaupt das Ro­mantische und hatte sich's längst schon einmal gewünscht, ein interessantes und dabei doch harmloses kleines Abenteuer zu erleben. Nun, dieses Zusammensein mit dem schönen fremden Burschen im dunklen Park war schließlich sehr ro­mantisch und doch auch harmlos, denn er war ja nur ein Mausefallenker!! Also man konnte getrost ein wenig zu­traulich sein.

„Du bist so betrübt heute, Maritano, was ist Dir geschehen?“

Die Gräfin suchte in den Zügen des jungen Burschen zu lesen, doch er senkte das Haupt.

„Ich bin nicht traurig, sagte er.“