Nr. 107.
Paderborn, Donnerstag, 10. September 1891.
Zeitung für Stadt und Land.
Der Paderborner Anzeiger erscheint wöchentlich dreimal, des Dienstag, Donnerstags und Samstags, mit einer landwirthschaftl. Beilage und dem westfäl. General=Anzeiger.
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Organ des landwirthsch. Kreis-Vereins.
∆ Zur allgemeinen Lage.
Die europäische Tagespolitik wird unverkennbar noch immer durch die jüngsten Vorgänge am„goldenen Horn“. beherrscht, wie sie sich durch das russisch=türkische Dardanellen=Abkommen und die stattgehabte durchgreifende Erneuerung des türkischen Cabinets darstellen. Bis zur Stunde ist es noch unklar, ob der erwähnte Vertrag und der Ministerwechsel in Stambul wirklich in einem inneren Zusammenhange mit einander stehen oder ob beide Ereignisse durchaus für sich zu betrachten sind. Falls die Version richtig wäre, der Cabinetssturz am goldenen Horn sei lediglich eine Folge des russisch=türkischen Abkommens und das in letzterem unzweifelhaft sich wieder einmal ausdrückenden diplomatischen Uebergewichts Rußlands über England bei der Pforte, so hätte der Ministersturz in Constantinopel allerdings eine nicht zu unterschätzende politische Tragweite aufzuweisen. Aber es scheint doch, als ob die russisch=türkische Vereinbarung, welche bekanntlich den Transport russischer Soldaten auf russischen Handelsschiffen durch die Meeresstraßen des Bosporus und der Dardanellen unter gewissen Bedingungen künftig gestattet, mit dem Ministerwechsel in Constantinopel nichts zu thun habe. Vielmehr dürften die Ursachen des letzteren Ereignisses in Vorgängen zu suchen sein, die mit der hohen Politik in keiner Weise zusammenhängen und bei denen höchst wahrscheinlich Palastintriguen zum guten Theil ihre Rolle mitspielen.
Wenn es somit den Anschein gewinnt, als ob die Neubildung des türkischen Ministeriums unter Djevad Pascha nicht jene politische Bedeutung besitze, welche man diesem Vorgange im ersten Augenblicke überall zuschreiben wollte, so stellt es sich heraus, daß auch die von Rußland wieder aufgerollte Meeresengenfrage schwerlich noch weitere und beunruhigende Kreise ziehen wird. Es könnte dies nur in dem Falle geschehen, wenn die übrigen Großmächte gegen das unzweifelhaft einseitig getroffene Abkommen zwischen der Pforte und Rußland in der Dardanellenfrage energisch protestirten, indessen ist von einem solchen etwa beabsichtigten Schritt noch nichts bekannt geworden. Am ehesten stünde ein derartiger Protest noch von Seiten Englands zu erwarten, als derjenigen Macht, deren Interessen in der ganzen Meerengen=Angelegenheit mit am meisten engagirt sind, aber in der Haltung des Londoner Cabinets deutet nichts auf ein solches Unternehmen hin. Wenn es jedoch England nicht für gut befindet, in das russisch=türkische Separat=Abkommen ein Wörtchen mit hineinzureden, so
ist dies von den übrigen Mächten noch viel weniger zu erwarten, vermuthlich wird sich daher der Wellenschlag dieser Affaire schließlich wieder harmlos verlaufen.
Gerade in die Zeit dieser Ereignisse am goldenen Horn ist nun die Monarchen= und Ministerzusammenkunft von Schwarzenau hineingefallen und es ist wohl möglich, daß hierbei diese neuesten Wendungen in der orientalischen Frage mit zur Sprache gekommen sind. Jedenfalls haben sie aber bei den gemeldeten Conferenzen des Kaisers Franz Josef mit dem deutschen Reichskanzler v. Caprivi und des Kaisers Wilhelm mit dem österreichischen Minister Grafen Kalnoky nicht die hervorragendste Rolle gespielt, vielmehr dürfte das seit Kronstadt so scharf in die Erscheinung getretene französisch=russische Einvernehmen den Hauptgegenstand der in Schwarzenau gepflogenen politischen Erwägungen gebildet haben. Daß letztere zu bestimmten Beschlüssen geführt haben sollten, ist zwar kaum anzunehmen, immerhin kann nicht daran gezweifelt werden, daß die beiden verbündeten Kaiser und ihre ersten Minister in Schwarzenau die allgemeine Lage, wie sie sich seit der russisch=französischen Verbrüderung von Kronstadt darstellt, haben ernste Revue passiren lassen. Sollte die Meldung sich als zutreffend erweisen, daß während der Kaisertage von Schwarzenau ein reger Depeschenverkehr zwischen Schwarzenau und Monza, dem Sommeraufenthalt des Königs Humbert von Italien, geherrscht habe, so würde hieraus die Bedeutung der jüngsten Kaiserzusammenkunft auf österreichischem Boden ohne Weiteres in die Augen springen. Jedenfalls darf man aber gewiß sein, daß die Entrevue aufs Neue das fortdauernde innige Einvernehmen zwischen den Dreibundsmächten gezeigt hat und dieses Einvernehmen wird sicherlich bei allen künftigen Wechselfällen in der europäischen Politik wirkungsvoll hervortreten.
Politische Uebersicht.
Paderborn, den 10. September 1891.
Die großen Kaisermanöver in Niederösterreich sind durch das am Montag Vormittag bei Allensteig abgehaltene zweistündige Manöver beschlossen worden. Alsdann hielten Kaiser Franz Josef wie Kaiser Wilhelm Ansprachen an das Offiziercorps, in welchen die Monarchen den Truppen ihre höchste Anerkennung zollten und welche Kundgebungen ferner die Waffenbrüderschaft zwischen der österreichischen und der deutschen Armee zum Ansdruck brachten. Letzteres war auch schon tags zuvor bei dem Gabelfrühstück geschehen, zu welchem sich in Göpfritz die
sämmtlichen Fürstlichkeiten und Generäle auf Einladung des Erzherzogs Albrecht versammelt hatten. Kaiser Wilhelm toastete hierbei, den Trinkspruch des Erzherzogs Albrecht auf den deutschen Kaiser, auf den König von Sachsen und auf das deutsche Heer erwidernd, auf Kaiser Franz Josef, den Erzherzog Albrecht und die österreichisch= ungarische Armee. Zugleich bekundete der kaiserliche Redner, seine Befriedigung darüber, daß es ihm vergönnt sei, in der Mitte der braven österreich=ungarischen Truppen, seiner Kameraden, zu weilen.— Montags Vormittags 11¾ Uhr reiste der deutsche Kaiser, nach herzlichster Verabschiedung vom Kaiser Franz Josef, dem König und dem Prinzen Georg von Sachsen, sowie von sämmtlichen Erzherzögen, von der Eisenbahnhaltestelle Allensteig aus nach München ab. Nachmittags 2 Uhr reisten die sächsischen Herrschaften von Schwarzenau aus nach Dresden zurück und unmittelbar darauf erfolgte die Rückreise des Kaisers Franz Josef nach Wien.
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Die nun wieder beendigte Monarchenzusammenkunft hat zu zahlreichen Ordensverleihungen Anlaß gegeben. U. A. empfing Erzherzog Albrecht die Kette zum Schwarzen Adlerorden, der österreichische Kriegsminister v. Bauer erhielt die Diamanten zum Großkreuz vom Rothen Adlerorden, auch der Landesvertheidigungsminister Graf Wilfersheimb und der Generalstabschef v. Beck wurden durch hohe preußische Orden ausgezeichnet. Kaiser Franz Josef seinerseits verlieh u. A. dem Chef des Militairkabinets des deutschen Kaisers, General v. Hahnke, dem Generalstabschef Grafen Schliffen, dem Generaladjutanten v. Wittich und dem Chef des kaiserlichen Civilcabinets v. Lucanus das Großkreuz des Leopoldordens, dem Leibarzte Kaiser Wilhelms, Professor Dr. Leuthold, das Großkreuz des Franz=Josefordens.
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Kaiser Wilhelm traf am Montag in der zehnten Abendstunde in München ein. Auf dem Centralbahnhofe, der in electrischem Lichte und bengalischer Beleuchtung erstrahlte, war eine Ehrenwache aufgestellt. Zum Empfange waren neben dem Prinz=Regenten Luitpold und sämmtlichen Prinzen des bayerischen Königshauses, die obersten Hofchargen, die Minister und die Generalität anwesend, die Begrüßung zwischen dem Kaiser, welcher die Uniform seines bayerischen Ulanen=Regiments angelegt hatte, und dem preußische Artillerie Uniform tragenden Prinz=Regenten war eine ungemein herzliche und denselben Charakter wird die Begrüßung zwischen dem Kaiser und den Prinzen des Königshauses auf. Nach Erledigung der üblichen
Geheimniß der Frau de la Mare.
Roman von H. v. Limpurg.
(Nachdruck verboten.)
Die dichten, schweren Fenstervorhänge eines vornehmen Hauses in der Residenz waren zugezogen, eine elegante Hängelampe warf aus matter Glaskuppel ihr gedämpftes Licht auf das behagliche Sophaplätzchen in dem kleinen, behaglichen Boudoir und auf zwei junge Damen, die in lebhaftem Gespräch miteinander begriffen waren.
Wohl kaum gab es zwei so durchaus verschiedene und doch beides schöne Gesichter neben einander, als diese Blondine und Brünette; erstere war augenscheinlich die ältere. Ueber ihrem zarten, regelmäßigen Antlitz, den blauen, schwermüthigen Augen lag eine milde Sanftmuth und unendliche Herzensgüte ausgegossen. Fräulein Luise von Norden erschien in dem dunklen, schlichten Kleide ohne Schmuck und Verzierung, wie das Ideal jener deutschen Frauengestalt, das die Dichter zu allen Zeiten geschildert und besungen haben.
Ganz anders erschien die feurige, dunkeläugige Brünette an Fräulein von Nordens Seite, Madame Juana de la Mare. Diese war ganz und gar ein Kind des sonnigen Südens und konnte ihre spanische Abkunft nicht einen Moment verleugnen. Kleiner als ihre Freundin, aber beweglicher und sprühend vor Lebenslust, war Frau de la Mare nicht weniger schön wie diese, denn was den dunkler gefärbten Gesichtszügen an Regelmäßigkeit fehlte, das ersetzt das bezaubernde Lächeln der kirschrothen Lippen und das Funkeln der dunkelbraunen Augen.
Frau de la Mare trug ein ebenso elegantes als bequemes, dunkelrothseidenes Hauskleid, doch ihre dunkeln Locken waren schon zierlich geordnet zum Theaterbesuch am Abend.
„Nein, Luise,“ rief sie lebhaft und ergriff enthusiastisch
die schlanken, weißen Finger der Freundin, ich kann Dir gar nicht sagen, wie entzückt ich bin, Dich hier in der Residenz wieder gefunden zu haben. Nun fühle ich mich schon ganz heimisch und werde es nicht bereuen, Paris den Rücken gekehrt zu haben, denn Ihr werdet mich gewiß nicht verlassen in der großen fremden Stadi.“
„Gewiß nicht, meine geliebte Juana,“ erwiderte Fräulein von Norden mit liebevollem Lächeln,„Du bist ja ein Flüchtling, ein armes, verscheuchtes Vöglein und sollst Schutz finden bei uns. Wenn Dir nur unsere Freundschaft genügt, um Dir Paris und das dortige glanzvolle Leben zu ersetzen?“
„Es gab dort nur noch ein glänzendes Elend für mich,“ sagte die junge Frau offenherzig, und ein dunkler Schatten legte sich auf ihre heitere Stirn. Nimmersatte, goldhungrige Verwandte, und dazu ein Dutzend zudringlicher Freier umlagerten mich von früh bis Abend und raubten mir jede frohe Stunde. Selbst Theater, Conzerte und Gesellschaften wurden mir dadurch zur Qual, meine Reichthümer waren sozusagen mein Elend geworden.“
„Das glaube ich,“ erwiderte Luise von Norden. „Wo wäre eine junge, schöne kinderlose und steinreiche Wittwe vor habgierigen Schmarotzern und geldgierigen Freiern sicher!“
„Reichthum und Glück wohnen eben selten beisammen,“ rief Madame de la Mare und zuckte die Achseln.„Mein Leben war bisher eigentlich nicht viel mehr als ein großes, seltsames Abenteuer, und glücklich, wahrhaft glücklich bin ich noch nie gewesen.“
„Meine arme Juana, Du hast trotz Deiner Jugend schon mancherlei Bitteres ertragen müssen. Wie lange ist es doch, daß wir in der Pension in der schönen Schweiz waren?“
„Sechs Jahre, Luise, Du warst bereits achtzehn,
kaum sechzehn Jahre alt, und wir sollten beide nur noch den„letzten Schliff“ in der Pension erhalten.“
„Es war eine seltsame Zeit unseres Lebens,“ entgegnete lächelnd Fräulein von Norden.„Die jüngeren Schülerinnen sahen uns wie bevorzugte Wesen an, wenn wir Abends in Theater und Conzerte gehen durften. Weißt Du noch jene Eroberung, die Du einst beim Verlassen eines Conzertsaales machtest, Juana, als Du den feurigrothen Seidenbaschlik trugst?“
„Ja, ich erinnere mich,“ rief Frau de la Mare mit großer Heiterkeit.„Es war ein englischer Lord, der mir noch denselben Abend Herz, Hand und Reichthümer zu Füßen legen wollte. O, was wäre aus mir geworden, hätte ich damals eingewilligt? Ich hieße dann wohl Mylady und säße auf einem altenglischen Schlosse.“
„Juana, wie köstlich Du plauderst! Man meint, ein Kind reden zu hören, und denkt nicht daran, daß Du Schweres erlebt hast.“
„Das Unglück ist wohl nicht tief in mein Herz drungen,“ meinte Madama de la Mare,„denn, daß ich den mir fast fremden Gatten, der dreißig Jahre älter war als ich und der mir, dem halben Kinde, nur in Folge eines Familienversprechens aufgedrungen wurde, nicht liebte, versteht wohl jeder Vernünftige. Daß ich ihn auch später nicht lieben lernte, war seine Schuld mehr als die meine, denn er war eine leidenschaftliche Natur und ein Spieler und Trinker.“
„O, meine arme Juana, Du bist also das Opfer einer grausamen Conveninzheirath gewesen.“
Ueber Juana's schönes Antlitz tritt ein Schatten. „Es war so,“ sagte sie schwermüthig,„und doch werde ich es nie meiner geliebten Mutter zur Schuld anrechnen daß sie meine Verheirathung mit meinem Onkel de la