Nr. 103.

Dienstag, 1. September 1891.

5. Jahrg.

Zeitung für Stadt und Land. Organ des landwirthsch. Kreis-Vereins.

Der Paderborner Anzeiger erscheint wöchentlich dreimal, des Dienstag, Donnerstags und Samstags, mit einer landwirthschaftl. Beilage und dem westfäl. General=Anzeiger.

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Sedan 1891!

Don der Alpen Felsenzinnen bis zur Eider grünem Strand Geht erneut ein mächtig Klingen heute durch das deutsche

Land—

Wieder tönt in unsern Herzen jenes Cages Echoruf,

Der bei Sedan auf den Fluren einst das junge Reich erschuf— Jenes Cages, dessen Strahlen Alle jubelnd wir begrüßt, Dessen Schimmer noch zur Stunde Deutschlands Ehrenschild

umfließt!

Wohl, in Sedans flammenzeichen ward zum Leben jenes Bild, Das so lang der Däter Herzen nur als Traumgestalt erfüllt, Ward gestillt das alte Sehnen nach der Deutschen Einigkeit— Stieg herauf aus Schlachtendonner neuen Reiches Herrlichkeit, Die noch heute, wie vor Jahren leuchtet in die Welt hinaus, Drohen gleich ihr dunkle Wolken in der Zeiten Sturmgebraus!

hört ihr's nicht im Westen grollen, geht nicht auch von Osten her Eine Woge dumpfen Lebens, kündend an den Sturm so schwer? Schließen nicht des Reiches Reider immer enger ihren Bund, Dessen ungeschrieb'ne Sätze sich uns jeden Cag thun kund?

es pocht an deine Oforten, Deutschland, nämlich jene Zeit, Da es heißt für deine Söhne: Haltet euer Schwert bereit!

Nun wohlan, es ist geschliffen ja schon längst Germanias Schwert, Aber nur, um treu zu hüten eig'nes Haus und eig'nen Herd— Halte Wacht an deinem Chron, halte Wacht, Germania, Denke stets der alten Lehre, daß der Feind sich immer nah; Und sollt' es zum Schlimmsten kommen: Rolle auf des Reichs

Oanier—

Frohbereit dann sind wir Alle, es zu schützen für und für!

C. Berthold.

Politische Uebersicht.

Paderborn, den 1. September 1891.

Die kurze Erholungspause, welche sich Kaiser Wilhelm nach Abschluß der großen Reisen nach Holland, England und Norwegen in seinem trauten Familienkreise im Neuen Palais bei Potsdam gönnte, wird nunmehr wieder von einer Zeit neuer Anstrengungen für den er­lauchten Monarchen abgelöst werden. Soweit bekannt, reist derselbe am 2. September direkt nach Horn in Niederösterreich ab, um den Manövern bei Schwarzenau beizuwohnen. Sofort nach Schluß der österreichischen Manöver gedenkt der deutsche Kaiser behufs Theilnahme an den bayerischen Manövern nach München abzureisen, wo man seiner Ankunft am Abend des 7. September entgegensieht. In Cassel trifft der Kaiser am 11. September ein. Der Reichskanzler v. Caprivi wird seinen kaiserlichen Herrn auf diesen ganzen Reisen be­

gleiten. Bei den Schwarzenauer Manövern ist auch der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, zugegen und da er hierbei also mit Herrn v. Caprivi zusammentrifft, so dürfte es zwischen beiden Staats­männern zu einer sehr zeitgemäßen Aussprache über die internationale Lage kommen.

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König Albert von Sachsen und sein erlauchter Bruder, Generalfeldmarschall Prinz Georg, treffen zur Theilnahme an den österreichischen Manövern am 2. September in Schwarzenau ein und kehren am 7. September nach Dresden zurück. Wie bekannt, werden der König und Prinz Georg dann auch den Kaisermanövern in Thüringen beiwohnen.

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Die innere Politik feiert zur Zeit fast voll­ständig. Dies geht nicht nur aus dem Mangel an her­vorragenderen Nachrichten auf diesem Gebiete, sondern auch aus den fortgesetzten Urlaubsreisen der preußischen Minister hervor. Auf solchen befinden sich gegenwärtig die Minister Herrfurth, Dr. Miquel, v. Heyden, Dr. v. Bötticher und v. Berlepsch; außerdem wird in diesen Tagen noch der Cultusminister Graf Zedlitz Berlin ver­lassen. Dagegen sind von ihrem Urlaub wieder in der Reichshauptstadt eingetroffen der Justizminister v. Schelling und der Kriegsminister v. Kaltenborn=Stachau. Auf jeden Urlaub hat, gleich dem Reichskanzler, der Eisen­bahnminister Thielen verzichtet, vermuthlich, weil sich Herr Thielen erst in sein neues Ressort einzuarbeiten wünscht.

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Der in Kiel eingetroffene chilenische Kreuzer „Presidente Pinto“ wird diesen Hafen wieder ver­lassen müssen, ohne daß es ihm gelungen wäre, sich da­selbst mit schweren Geschützen und mit neuen Mann­schaften zu versehen. Die Kieler Marinestation und die Polizeibehörden haben dem englischen Dampfer„Drudje“ untersagt, die für den„Presidente Pinto“ bestimmte Geschützladung im Kieler Hafen zu löschen. Der Capitän der„Drudje" wartet nun auf neue Anweisungen aus Newcastle.

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Der Prager Stadtrath faßte in seiner Freitags­sitzung Beschlüsse über die Art der Begrüßung des Kaisers Franz Josef bei seinem angekündigten Besuche in Prag. Einstimmig trat der Stadtrath dem Vorschlage bei, der Bürgermeister solle den Statthalter ersuchen, dem Kaiser die Gefühle der lebhaftesten Freude, der Loyalität und

Dankbarkeit der Bevölkerung Prags für die Ehre aus­zudrücken, welche ihrer Stadt durch den allerhöchsten Besuch erwiesen werde.

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In Wiener politischen und militärischen Kreisen er­regt eine soeben erschienene Broschüre, betitelt:„Die gegenwärtige Lage Europas und das Kriegsbudget Oesterreich=Ungarns“, Aufsehen. In derselben werden eine ganze Reihe von Vorschlägen gemacht, welche sich auf eine beträchtliche Vermehrung des Offiziers=Friedens­standes, Erhöhung des gegenwärtigen Friedenspräsenzstandes der gemeinsamen Armee um 100 Mann pro Compagnie, Vermehrung der Zahl der Berufs=Cavallerie=Ofsiziere, Errichtung weiterer Remonte=Depots, Vermehrung der Artillerie, Bereitstellung großer Vorräthe an Conserven, Anschaffung hinlänglichen Feldbahnmaterials u. s. w. beziehen. Begründet werden diese vorgeschlagenen Maß­nahmen durch den Hinweis darauf, Oesterreich=Ungarn dürfte im Ausbau der Wehrmacht andern Mächten keinen Vorsprung lassen. Der Mehraufwand für die betreffenden Maßnahmen wird in der Broschüre auf 16 bis 18 Millionen Gulden veranschlagt und es ist allerdings leicht möglich, daß sich die Delegationen in ihrer bevorstehenden Herbst­session vor eine solche unerwartete militärische Neuforderung gestellt sehen.

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Braut sich an der Seine etwas zusammen? Fast möchte man dies meinen, wenn man vernimmt, daß der Ministerpräsident Freycinet und der Minister des Auswärtigen, Ribot, aus ihren Sommerfrischen ganz plötzlich nach Paris zurückgekehrt sind, um daselbst lange Conferenzen mit dem russischen Botschafter v. Mohrenheim abzuhalten. Vielleicht handelt es sich hierbei indessen nur um die Feststellung des Programmes für den Empfang des russischen Geschwaders, dessen Gegenbesuch in Cherbourg angekündigt ist. Auch Admiral Gervais ist in Paris eingetroffen, wo er dem Marineminister und Herrn Ribot Bericht über seine Reise erstattete; zum gleichen Zwecke sprach dann Gervais auch beim Präsidenten Carnot in Fontainebleau vor.— Die Meldung von einem im October stattfindenden Gegenbesuche der englischen Flotte in Cherbourg wird jetzt als unbegründet bezeichnet.

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Im Befinden der in Venedig anscheinend nicht unbedenklich erkrankten Königin Elisabeth von Rumänien ist wieder eine Besserung eingetreten. Die Aerzte hegen keine ernstlichen Besorgnisse mehr.

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13)

beiden Schwestern.

Novelle von F. Sutau.

(Nachdruck verboten.)

„Stehen Sie auf, Herr von Bornstetten, ich bitte Sie, wenn Helene käme!“ rief Johanna erschreckt.

„Erst Ihre Verzeihung! Mag Helene kommen, mag sie es wissen, ich— ich— o Johanna!“ Bornstetten stöhnte tief auf.

Da legte sie wie beschwichtigend ihre sanfte, schlanke Hand auf das lockige Haupt des wankelmüthigen Mannes und sagte:

„Ich verachte Sie nicht, Kurt, es hat wohl so kommen müssen; Helene ist so schön, so liebenswerth, und sie gleicht Ihrer verstorbenen Braut. Ich aber bin.....“

Einen Moment stockte jetzt Johannas Stimme, sie athmete schwer, sie wollte etwas sagen, was nicht über ihre Zunge wollte. Ihre Brust keuchte einige Sekunden und angstvoll starrte Bornstetten sie an, als ob er ein ver­dammendes Urtheil und ein Unglück befürchtete.

Aber auf einmal fand Johanna ihre Fassung wieder, sie wurde ruhig und freundlich und sagte sanft zu Born­stetten:

„Ich verzeihe Ihnen von Herzen und wünsche, daß Sie mit meiner Schwester glücklich werden. Ich weiß es, wo allein ich mein Glück zu suchen habe,“ fuhr sie mit erhobener Stimme fort.—„Ich weiß es,“ und ihre Augen leuchteten begeistert auf.—„Die Kunst, wenn wir uns ihr mit voller Seele hingeben, bietet zwar kein so bezauberndes, aber schließlich ein dauerndes und erhabeneres Glück als die Liebe, zumal mir eine Kunst auch gestattet, Großmuth und Barmherzigkeit zu üben!“

„Johanna, Sie sind ein Engel!“ erwiderte Born­Retten und versuchte ihre Hand zu küssen.

Aber Johanna wehrte sanft ab und verließ das Zimmer, um sich an dem schönen Herbstabende noch ein wenig im Garten zu ergehen und mit ihren Gedanken ganz allein zu sein.

10.

Drei Monate sind nach diesen Begebenheiten ver­gangen und ein Aufsehen erregendes Ereigniß hat sich in der Residenz vollzogen.

Bornstettens und Helenens Hochzeit ist im November in glänzender Weise gefeiert worden, und Johanna, die großmüthige, edele Schwester und die gute Tante Hopfen haben zusammen für eine standesgemäße Ausstattung Helenens gesorgt, welche die Leute fürstlich nannten.

„Es ist ein fabelhaftes, unverdientes Glück, welches diese kleine Elfe macht,“ hörte man in der Residenz über Helenens Verheirathung urtheilen.„Sie soll arm sein wie eine Kirchenmaus und heirathet einen bildschönen, hochgebildeten, adeligen Officier, der ein schönes Rittergut ganz allein besitzt. Das nennt man Glück für ein armes, unbedeutendes Professorentöchterchen, welche weiter nichts als ein hübsches Gesicht und ein Paar Märchenaugen besitzt.“

„Nun, dieses Glück hat sie eben ihrer Schwester, der berühmten Sängerin, zu verdanken, die den kunstliebenden Bornstetten lange an das Haus ihrer Tante fesselte und wohl auch an sich mit Rosenketten zu fesseln suchte, aber der schöngeistige Officier nahm schließlich die schöne, jün­gere Schwester der unschönen Sängerin. So gehts in der Welt!“

„Wer weiß übrigens, ob es wirklich ein großes und dauerndes Glück ist, welches die Helene Halm mit dem Herrn von Bornstetten haben wird!“

Solche und ähnliche Urtheile konnte man bei der

Hochet Helenens mit Vornseten desach in der Resden, hören.

Freilich war es für Helene Halm ein großes, glän­zendes Glück, die Gemahlin des stattlichen und reichen jungen Edelmannes Herrn von Bornstetten geworden zu sein.

Das neuvermählte Paar begab sich auf eine längere Hochzeitsreise nach Italien, Constantinopel und Egypten und kehrte erst nach sechs Wochen über Paris in die kleine Residenz zurück, wo sie durch ihre Schilderungen der südländischen Schönheiten und klassischen Kunstschätze Aufsehen erregten.

Bornstetten war und blieb ganz entzückt von seiner reizenden kleinen Frau und erfüllte alle ihre Wünsche. Er kaufte in der Residenz eine schöne Villa, führte ein großes Haus und gab Feste und Bälle, auf welchen Frau von Bornstetten mit Geschick und Anmuth die Königin des Tages zu spielen verstand, denn Jugend, Schönheit, kostbare Kleider, seltene Diamanten und Perlen, sowie eine stets gefüllte Börse standen der koketten Frau zur Seite.

Fast sämmtliche Damen der Residenz beneideten Frau von Bornstetten, alle waren geblendet von dem Glanze, mit dem sie sich zu umgeben wußte und selbst Helenens gute Mutter und die sonst so nüchtern urthei­lende brave Tante waren ganz von dem Glücke bezaubert, welches Helene durch ihre Heirath gemacht und um sich zu verbreiten verstand.

Eine sehr reservirte Rolle spielte Johanna in der Schwester glänzenden Kreisen. Es war Johanna nicht möglich, für all den Glanz und Flitter, die Feste und Bälle in der Weise zu schwärmen wie Helene und für die Koketterien derselben hatte sie gleich gar kein rechtes Verständniß, denn dies lag ihrem ganzen Wesen fremd.