10. Paderb.
Der Sandy?
„„„„„„„
Paderborn, Samstag, 1. August 1891.
5. Jahrg.
Zeitung für Stadt und Land. Organ des landwirthsch. Kreis-Vereins.
Seitung für Stahit in)
des Dienstag, Donnerstags und Samstags, mit einer landwirthschaftl. Beilage und dem westfäl. General=Anzeiger.
W weiche in Paderborn und ungegend große Verbreitung finden, kosten pro Petitzeile nur 10 Pfg., Reclame 30 Pfg.
∆ Der Czar und die französischrussische Bündnißfrage.
Nach den ganz außerordentlichen Vorgängen in Kronstadt und Petersburg kann die große politische Tagesfrage gegenwärtig keine andere sein, als zu untersuchen, ob die französisch=russischen Bündnißbestrebungen wirklich den Beifall des Alleinherrschers von Rußland gefunden haben oder nicht. Wollte man freilich den begeisterten spaltenlangen Berichten der französischen und russischen Zeitungen Glauben schenken, so könnte an dem französischrussischen Bündniß nicht der geringste Zweifel sein, denn folgende Berichte über den Empfang der französischen Gäste findet man in zehnfachen Variationen in fast allen russischen und französischen Zeitungen:„Zu Ehren der französischen Gäste spielte man die Marseillaise und die russische Volkshymne, immer die eine Melodie unmittelbar hinter der anderen und= man hatte die Enden der russischen und französischen Festfahnen aneinander geknüpft, um die Intimität der beiderseitigen Beziehungen zu kennzeichnen", und:„Das vom Marineklub in Kronstadt den französischen Seeleuten gegebene Festmahl war glänzend, großartig und rührend zugleich."„Während einer vollen halben Stunde spielte die Musik unaushörlich, stetig abwechselnd, die russische Hymne und die Marseillaise. Mehr als 500 Menschen sangen beide Hymnen mit unbeschreiblichem Enthusiasmus. Die Feierlichkeit war von elementarer Gewalt.“ Der Admiral Gervais schloß seinen Toast mit den Worten:„Auf die Verbrüderung Frankreichs mit Rußland!“
Diesen begeisterten Kundgebungen über die französischrussische Verbrüderung fehlt aber die Sanction des Czaren, welcher in Rußland der allein maßgebende Faktor für alle politischen Entschließungen ist, denn wenn auch Czar Alexander die französischen Gäste mit Freundschaftsbeweisen überhäuft und Toaste auf den Präsidenten Carnot, die französische Flotte und auf Frankreich ausgebracht hat, als er die französische Marineoffiziere zur Festtafel in Peterhof bei sich sah, so ist doch kein einziges Wort aus dem Munde des Czaren gehört worden, welches auf dem Abschluß oder auch nur auf die Absicht eines Bündnisses Rußlands mit Frankreich hindeutete. Der Kaiser von Rußland ist offenbar ein viel zu kluger und vorsichtiger Herrscher, um die ebenso großen als mannigfaltigen politischen und wirthschaftlichen Aufgaben Rußlands an ein unter Umständen doch recht unberechenbares Bündniß mit Frankreich zu knüpfen. Will man offen und ehrlich sein, so könnte doch die Grundlage eines französischerussischen Bündnisses nur ein Krieg gegen
21] Novelle von H. von Ziegler.
(Nachdruck verboten.)
„Lucie, ist's möglich? Hätten Sie in diesem einen Jahre in der That gelernt, mich zu lieben?“
Sie wurde glühend roth und neigte still das Köpfchen; zu reden vermochte sie nicht, aber als Albrecht nun leise, fast feierlich seinen Arm um sie schlang und sie an sich zog, da lehnte sie an seiner Schulter und Thränen der Wonne, des tiefinnersten Glückes entströmten ihren Augen.
„Lucie, mein Liebling,“ sagte er endlich zärtlich und bog sich über sie,„ist es wirklich wahr. Willst Du mich lieb haben, wie ich es schon so lange thue? Willst Du mein liebes Weib sein?“
„Ich will— Dein demüthiges Weib sein,“ hauchte sie in sein Ohr,„welches für Dich und mit Dir lebt, Dein Vergißmeinnicht.“
„Das bist Du gewesen, besonders dies letzte Jahr über,“ erwiderte Albrecht, fast ehrerbietig die weiße Stirn der Geliebten küssend,„mitten im Trubel der Welt, in der Einsamkeit meines Zimmers, im Traume der Nacht— allüberall sah ich Dich, Lucie, mein blaues, süßes Vergißmeinnicht. Jener Rahmen, den Du für Thekla gemalt, hat mich begleitet auf meiner Reise, meiner Flucht vor mir und der Liebe zu Dir.“
„O. Albrecht,“ stammelte sie glückselig, wenn Du wüßtest, was ich für Thränen vergoß an dem Tage, da Du abreistest. Ich— liebte Dich schon damals, doch ohne es mir einzugestehen. Jener Italiener war— der Probepfeil, an dem ich mich und mein Herz geprüft; nun ist's überstanden, nun leuchtet die Sonne des Glücks Aber uns.“
„Und Du willst wirklich die Schloßherrin von Schwarzendorf werden?“ frug Aldrecht von Neuem.„Du willst
Deutschland, Oesterreich und Italien und die Ausführung ehrgeiziger Eroberungen von Seiten Frankreichs und Rußlands sein! Kann zu einem solchen schicksalsschweren Beginnen ein weiser und wiederholt als friedlich gesinnter Herrscher seine Hand bieten! Könnte nicht der gewaltige Stein, den Frankreich und Rußland unter Umständen ins Rollen bringen würden, Rußland und Frankreich selbst verhängnißvoll werden! Wir wollen in dieser Hinsicht keine weiteren Vermuthungen aufstellen, sondern über die russische Politik und das Verhältniß Rußlands zu Frankreich nur noch die Kundgebung eines Blattes, welches notorische Beziehungen zur russischen Regierung unterhält, citiren. Dieses Blatt ist der in Brüssel erscheinende„Nord“, das anerkannte Organ der russischen Gesandtschaft in Brüssel. Dieses Blatt schreibt zu der von uns hervorgehobenen Tagesfrage:„Frankreich und Rußland sind beide stark und von glühendem Patriotismus beseelt, aber beiden gilt der Friede als bestes und idealstes Mittel, um den Wohlstand der Völker zu sichern, und trotz dem hohen Bewußtsein ihrer Kraft opfere sie diesem Ideale ihre gerechten Beschwerden, welche zu bekannt sind, als daß dieselben nochmals aufgezählt werden müßten.“ Betreffs der von der Londoner, Wiener und Berliner Presse mehrfach erörterten Absichten Rußlands auf Constantinopel erklärt der„Nord“, daß Rußland durchaus nicht nach dem Besitze Constantinopels trachte, sondern nur darauf bedacht sei, daß der Zugang zum Schwarzen Meere hinlänglich beschützt sei. Man könnte nun freilich annehmen, daß Rußland den Eingang zum Schwarzen Meere am sichersten selbst bewachen würde, indem es sich in den Besitz von Constantinopel setzte. Abgesehen jedoch von den Schwierigkeiten und Zufälligkeiten einer solchen Eroberung würde das moderne Byzanz ein solch gewaltiges Gegengewicht zu dem am anderen Ende Rußlands gelegenen St. Petersburg abgeben, daß das Reich Gefahr liefe, in zwei Theile zerbrochen zu werden, gleichwie ein Brett zerbricht, das an beiden Enden zu schwer beladen ist. Uebrigens sei gerade jetzt, wo die transsibirische Eisenbahn Rußlands ganze Aufmerksamkeit auf die unermeßlichen Gebiete im Norden richte, für das Petersburger Cabinet der ungünstigste Augenblick, seine Blicke in anderer Absicht nach Süden zu richten als in der, die Garantien der Sicherheit und Ruhe, deren es an dieser Grenze ebenso wie an den anderen bedürfe, zu befestigen.“— Mit dieser Klarlegung der russischen Politik wird man sich so lange begnügen müssen, so lange keine gegentheiligen Thatsachen bekannt geworden sind.
Deine veingäiag Vratentrone nict den shlchen Ghelmanne opfern?"
„Sie gehöret mir ja gar nicht, die Grafenkrone," erwiderte Lucie.„Du nimmst eines Schauspielers Kind in Deine Arme, ohne Familie und Ahnen— nur mit viel Liebe.“
„Meine Lucie,“ murmelte er, ihre Augenlider küssend, „Du schenkst mir dennoch viel, unsäglich viel; ich kanns Dir nimmer genug vergelten.“
„Wenn doch Großmama käme,“ lächelte Lucie strahlend,„mich verlangt, ihr mein Glück mitzutheilen.“
„Sie weiß, daß ich zu Dir kam, mein Lieb. Wir schmiedeten heimlich ein Complot miteinander, um uns nicht gegenseitig im Wege zu sein.“
„O welch ein böses, liebes Großmütterchen,“ rief die Comteß jetzt beinahe übermüthig,„fährt so heimlich und ehrbar in die Stadt und läßt die arme Enkelin allein mit einem— schlimmen, schlimmen Manne—“
„Der sie nie wieder freigeben will durchs ganze Leben,“ vollendete Lassow liebevoll im selben Moment, als man draußen Rädergerassel vernahm.
„Da ist sie, das Großmütterchen," jauchzte Lucie ganz beseligt,„nun muß sie alles, alles erfahren— mein unverdientes, himmelhohes Glück!“
Das war ein herrlicher Frühlingstag für das Brautpaat! Hand in Hand saßen sie nebeneinander und konnten nicht müde werden, immer von Neuem sich zu erzählen, wie ihre Liebe begonnen und gewachsen sei bis zu dieser Stunde.
„Und im August an Luciens Geburtstag darf ich sie heimführen,“ bat der Bräutigam die Großmutter. „Länger möchte ich nicht vereinsamt bleiben.„Bis dahin schmückte ich mein Heim noch bestens aus für die
Politische Uebersicht.
Paderborn, den 1. August 1891.
In letzter Woche hat sich die Nordlandsfahrt Kaisers ihrem Ende genähert. Am letzten Donnerstag war der Kaiser schon bis Drontheim zurückgekehrt und dürfte inzwischen die Yacht„Hohenzollern“ mit dem Monarchen am Bord noch weiter südlich gefahren sein. Wegen der Knieverletzung des Kaisers und der dadurch bedingten Schonung, mußten verschiedene Landausflüge, welche der Kaiser nach den malerischen Ufern Norwegens geplant hatte, in letzter Woche unterbleiben. Das Befinden des Monarchen wird aber sonst in jeder Hinsicht als befriedigend geschildert und erledigte der Kaiser in den letzten Tagen an Bord der„Hohenzollern“ mit dem Chef des Militärcabinets und dem Vertreter des auswärtigen Amtes auch eine Anzahl Regierungsarbeiten.
*
Auf dem Gebiete der innern deutschen Politik
herrschte in dieser Woche die gewöhnliche Sommerruhe noch mehr wie in den Vorwochen. In den meisten Ministerien werden Ferien gehalten und es wurde nur berichtet, daß im Reichsamte des Innnern eifrig an einem Gesetzentwurf gegen die Trunksucht gearbeitet wird. Außerdem haben natürlich der preußische Finanzminister und der Minister des Innern noch alle Vorbereitungen zu treffen, um das neue Einkommensteuergesetz und die neue Landgemeinde=Ordnung entsprechend zur Ausführung zu bringen.
*
Die Resultate der drei
wahlen, welche in letzter Woche stattfanden, sind die folgenden: In Kassel wurde der nationalliberale Dr. Endemann gegen den Socialdemokraten Pfannkuch gewählt, in Memel siegte der Candidat der Conservativen Schlick gegen drei Candidaten, und in Tilsit findet Stichwahl zwischen dem Candidaten der Freisinnigen von Reibnitz und dem Candidaten der Conservativen, Weiß, statt.
*
Die zahlreichen Unglücksfälle, welche sowohl in Deutschland als in anderen Ländern in letzter Zeit auf den Eisenbahnen vorgekommen sind, haben der preußischen Eisenbahnverwaltung den Anlaß gegeben, nach allen Richtungen hin die eingehendsten Untersuchungen nicht sowohl in Bezug auf die Construction der Bahnanlagen, als auch in Bezug auf die Inanspruchnahme des Personals für den Dienst eintreten zu lasen.
junge, liebliche Herrin, welche darin schalten und walten soll.“
„Aber deine Herrin will ich nicht sein, lieber Albrecht sondern Dein treues Weib,“ erklärte Lucie lachend.
„Hast recht, mein Liebling, Hand in Hand wollen wir zusammen durchs Leben gehen; Keines soll ein Geheimniß vor dem andren haben und wenn trübe Stunden kommen, so wollen wir sie mit einander tragen."
„Gott segne Euch, meine Kinder,“ sagte die alte Gräfin bewegt,„einen glücklicheren Tag als den heutigen kann es für uns nicht geben; am liebsten bäte ich den Herrn, daß er mich nun mitten im Glück zu sich nähme!“
„O nein, Großmama,“ rief Herr von Lassow eifrig, „Du darfst uns gerade am allerwenigsten zu unserem Glücke fehlen, denn ohne Dich wären wir vielleicht niemals zu unsrem Glücke gekommen.“
Und an einem köstlich sonnenwarmen Augusttage stand vor dem Altare des Kirchleins von Bergenhöhe ein stattliches, glückstrahlendes Brautpaar, um den Segen des himmlischen Vaters auf den Bund ihrer Herzen herabzuflehen.
Comteß Lucie sah in dem langen, schimmernden Brautgewande, dem duftigen Tüllschleier und der blühenden Myrthenkrone ungemein lieblich aus; am Gürtel trug sie als einzigsten Schmuck ein Sträußchen Vergißmeinnicht vom Waldesrand, die ihr Albrecht heute früh selbst gebracht. Und Albrecht von Lassows Stimme klang tiefbewegt, als er sein„Ja“, den ernsten Treueschwur fürs ganze Leben, aussprach.
Der Segen war gesprochen, jubelnd klang die Orgel durch den hohen Kirchenraum und Segen und Jubel beglettete die Neuvermählten hinaus ins Leben— ins Glück!
— Ende.—