No. 100.
Witten, Dientag, den 30. April.
1895.
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sur Witten und Umgegend.
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+ Das deutsche Geschwader in Ostasien.
Mit besonderer Genugthuung ist es in ganz Deutschland begrüßt worden, das unsere Regierung der Entwicklung der Verhältnisse in Ostasien die größte Aufmerksamkeit erweist und zur Verstärkung der deutschen Seekräfte in den ostasiatischen Gewässern zwei große Schiffe, das Panzerschiff „Kaiser“ und den Kreuzer„Prinzessin Wilhelm", abgesandt hat. Denn die ostasiatische Frage ist durch den Frieden von Shimonoseki keineswegs erledigt, sie ist vielmehr in das zweite Stadium eingetreten. Nachdem die Zwistigkeiten zwischen China und Japat beigelegt sind, ist der Zeitpunkt gekommen, wo zuch die europäischen Staaten, deren Interessen in Ostasien durch die Friedensbedingungen gefährdet sind, ein Wort mitzureden haben.
Infolge dessen haben sich denn die drei mächtigsten Reiche Europas zu einem gemeinsamen diplomatischen Vorgehen geeinigt. Die Gesandtschaften Deutschlands, Frankreichs und Rußlands haben bereits in Tokio den Einspruch ihrer Regierungen gegen den Friedensvertrag zum Ausdruck gebracht. Für Deutschland handelt es sich jetzt nicht mehr allein darum, seine Reichsangehörigen in Ostasien zu schützen, sondern die Gestaltung der Lage hat es auch in die zwingende Notwendigkeit versetzt, seine bedeutenden Handelsbeziehungen, die mit Mühe und mit großen Opfern in China angeknüpft sind, vor Schädigungen zu bewahren. Eine große Gefahr ist aber für den deutschen Handel thatsächlich in den Friedensbedingungen enthalten.
Umsonst versichern die japanischen Zeitungen, daß infolge der Meistbegünstigungsklausel jeder von Japan errungene Vorteil auch den anderen Mächten zu gute kommen müsse. Sie verschweigen, daß Japan auf Umwegen diese Meistbegünstigungsklausel zu umgehen sucht, indem es die chinesischen Inlandsabgaben zu ermäßigen strebt. Verlangt es doch, daß alle japanischen Import=Artikel bei der Beförderung in das chinesische Inland bei Zahlung von zwei Prozent des ursprünglichen Kostenpreises von den Inlandsabgaben befreit sein sollen, während es zugleich dieselbe Forderung für alle von Japanern in China selbst angefertigten Artikel erhebt. Natürlich wird der Kostenpreis der japanischen Produkte bei den niederen asiatischen Löhnen und den billigeren Kohlenpreisen stets schon an und für sich ein geringerer sein als der von Waren europäischer Herkunft. Es wird also von Japan eine Art von japanisch=chinesischer Industrie=Vereinigung mit Differentialzöllen gegen das Ausland angebahnt, die für unsern Handel von den schädlichsten Folgen begleitet sein müßte.
Wie groß die Interessen sind, die Deutschland in Ostasien zu vertreten hat, kann man wohl am besten daraus ersehen, daß der deutsche Handels
Gefährliche Waffen.
16] Roman von Doris Freiin von Spättgen.
Mehrere Sekunden blieb es still im Zimmer, allein schon stand Helios mit flammenden Augen dicht neben ihren. Stiefvater und rief in schwer gezähmter Erregung:
„Zriny mußte auf seine alten Tage schwere Ackerarbeit und eines Tages sind seine schwachen Kräfte über das Maß hinaus angestrengt worden, sodaß ich selbst das unglückliche Tier mit steifen Gliedern, stöhnend vor Schmerz auf das Pflaster des Hofes sinken sah. Da erfaßte mich ein so namenloses Mitleid, ein solcher Zorn, daß ich Inspektor Hobrecht gehot— den Zriny unverzüglich zu erschießen.
viesem Moment hatte ich wahrhaftig nicht daran gedacht, mich einer unbefugten Handlung schuldig zu machen, ahnte nicht, daß Papa dies so ernst auffassen könne. Wohl jeder begeht einmal einen Fehler, den man später bereut!“ fügte sie sanfter hinzu, als ob es ihr besonders daran läge,
enschulsigen. mödlicht zu
— bereuen? Nun, über diesen Punkt wollen wir nicht streiten. Von Dir bin ich ja dergleichen Streiche gewöhnt,“ entgegnete Achenberg in beißendem Sarkasmus, wobei er die vor ihm stehende schlanke Gestalt herausfordernd betrachtete.„Wenn es einer bereut, so ist es Hob
Pragen koste Handlung den
„Papa!“ Tötliches Erschrecken in den Zügen, fuhr Helios mehrere Schritte zurück, weil ihr mit einem Male der tiefe Sinn dieser Aeußerung klar vor die Seele trat.
Prinz Möhringen, den Diskretion und angeborener Takt nicht länger als Zeugen dieses kleinen Zwistes duldete, war ins Nebenzimmer zu Frau Sophie getreten, wogegen Sieghard sich jetzt dicht neben Helios gestellt hatte und jedem ihrer Worte in fast ängstlicher Spannung zu lauschen schien.
„Papa— Du wirst doch nicht um meines, um dieses Vergehens willen den bewährten Beamten, ohne den ich mir Oberstein gar nicht denken mag— entlassen wollen?“ kam es stoßweise über ihre bleich gewordenen Lippen.
„Natürlich entlassen— ohne Gnade und Rücksicht entlassen; solche Leute sind schnell zu ersetzen. Wer meine Befehle nicht unbedingt erfüllt, mich nicht als höchste Instanz ansieht, den kann ich hier nicht gebrauchen. Man sollte das doch wissen!“ versetzte der Rittmeister schroff.
In fassungslosem Schmerze, wie betäubt, die Hände
verkehr mit China gegenwärtig etwa 60 Millionen Mark jährlich beträgt. Viele der ersten Handelshäuser in den chinesischen Vertragshäfen sind deutsche Firmen, und das deutsche Reich hat sich infolge dessen auch veranlaßt gesehen, seit neun Jahren die deutsche Ein= und Ausfuhr durch die ostasiatische Reichspost=Linie zu unterstützen. Außerdem besteht seit etwa sieben Jahren die deutschasiatische Bank mit einem Grundkapital von 22 Millionen Mark.
Alle diese Interessen laufen Gefahr, durch die Abmachung der Japaner empfindlich geschädigt zu werden. Wir müssen daher unserer Regierung dankbar sein, daß sie durch die Entsendung der Schiffe den Willen kund gegeben hat, die Rechte und den Vorteil Deutschlands mit aller Energie zu wahren. Die unermüdliche Arbeit der deutschen auswärtigen Politik wird freilich von den deutschen Zeitungen wenig beachtet. Diese sehen nur die Umsturzvorlage vor Augen, aber von den wichtigen Veränderungen im Osten sehen sie nichts, sie sehen nicht, wie sich neue Industriemächte in jenem Weltteil zu bilden suchen, die unter beispiellos günstigen Arbeitsbedingungen dereinst der europäischen Industrie eine schwere Konkurrenz bereiten und dadurch wichtige soziale Veränderungen allmählich im Abendlande herbeiführen können.
* Wenn amtlich der Ausbruch der Cholera in Mekka gemeldet wird, so heißt das, daß ganz Arabien der Seuche bereits verfallen ist. Für Europa er
wächst aus dieser Sachlage die dringende Pflicht, ohne Säumen eine sanitäre Rüstung in Stand zu setzen. Die aus allen Ecken und Enden der mohamedanischen Welt nach den heiligen Stätten Yemens zusammenströmenden Pilger, soweit sie nicht während ihres Aufenthalts an Ort und Stelle der Seuche zum Opfer fallen, schleppen den Keim der Ansteckung mit sich fort, und man kann sich nur immer darauf gesaßt machen, daß zahlreiche Cholerafälle bei vorrückender Jahreszeu längs der nach und von Südarabien führenden Wallfahrtstraßen ausbrechen und, wo sie günstige Entwickelungsbedingungen vorfinden, einen epidemischen Charakter annehmen werden. Leider wird nun aber das Choleragebiet von einer der meistbefahrenen Schiffahrtsstraßen der Welt, dem Seewege von Europa nach Indien und Australasien, durchschnitten, und damit wird der Möglichkeit Thür und Thor geöffnet, daß auch nach Europa Cholerakeime sich verirren und eventuell sich zu Epidemien auswachsen. Indessen haben die zur Eindämmung und Unschädlichmachung der Gefahr vereinbarten internationalen Reglements sich in der Praxis schon hinreichend bewährt, daß man vertrauen darf, sie werden bei sachgemäßer und vor allen Dingen bei rechtzeitiger Inkraftsetzung auch dieses Mal den auf sie gesetzten Erwartungen entsprechen. Ein Ort, der diesmal Ursache hätte, sich doppelt und dreifach vorzusehen, ist London, dessen Wasserleitungskalamität während des verflossenen Winters Unzuträglichkeiten weitestgehender Art nach sich gezogen und starke Verunreinigungen des Bodens, sowie des Grundwassers in zahlreichen Stadtvierteln zur Folge gehabt hat. Schon vor Monaten wurde von medizinischen Fachzeitschriften dieser Uebelstand im Hinblick auf eine mögliche Choleraheimsuchung als ein sehr ernster bezeichnet und dringend eine gründliche Desinfizirung der verunreinigten Quartiere gefordert. Die Cholera steht nun wirklich an den Thoren der Levante, von einer sanitären Aktion der Londoner Behörden ist noch nichts in der Oeffentlichkeit verlautbar.
krampfhaft ineinander geschlungen, war Helios völlig verstummt.
Dagegen wandte sich jetzt Sieghard mit beschwichtigenden Worten an den Bruder:
ei###ch. Kurt, zeige Dich doch nicht strenger und unversohnlicher, als Du in Wirklichkeit bist! Du wirst doch nicht gleich solch' ein grausames Exempel statuieren wollen. Keine Regel ohne Ausnahme!“
"„Bitte, sprich mir nicht in meine Angelegenheiten hinein.
lieber Junge. Was ich einmal gesagt habe, bleibt fest— basta!“
Damit wandte sich Achenberg mit unwilliger Schulterbewegung dem Ausgange zu.
a. Als. Helios aufblickte, war sie mit Sieghard allein. Noch hov und senkte sich ihre Brust in leidenschaftlicher Erregung, noch zuckte es wie heimliches Wehe um den herbgeschlossenen Mund— doch der eigentümliche Ausdruck
gen inniger Teilnahme und Zärtlichkeit in des jungen Ossizters Zugen ließ schnell dus alte Gefühl von Trotz in ihr aufsteigen und sie ihre Fassung gewinnen. Sichtlich gereizt sprudelte sie hervor:
"„Warum stierst Du mich so mitleidig an, Sieghard? Ich kann es nicht ausstehen, wenn jemand mich bedauert. Habe ich ein Unrecht gethan, so werde ich die Folgen davon auch allein tragen.“
„O, es thut mir nur leid, daß ich die unschuldige Veranlassung zu dieser— Szene war. Selbstverständlich maße ich mir kein Recht zu, mich in dieser Angelegenheit als Richter aufzuwerfen, aber ich hege die feste Ueberzeugung, daß es Kurt nicht so ernst meint, daß er sich die Sache mit Hobrecht noch einmal überlegen und seine Entschlüsse ändern wird. Deinetwegen wünsche ich das sehr, Helios,“ versetzte Sieghard mit warmem Blick.
gütig— obgleich es mir noch nicht recht klar ist, was Dich veranlaßt, heute plötzlich für mich Partei zu nehmen, da Du doch sonst im Allgemeinen auf die Worte und Handlungen Deines Bruders schwörst,“ gab das junge Mädchen in hartem, spöttischem Tone zur Antwort.
„Der Angeredete biß sich auf die Unterlippe und sagte
„Gewiß thue ich das. Kurt ist in jeder Hinsicht für mich eine Norm, doch das schließt nicht aus, daß ich in diesem Fall Deine Gefühle verstehe.“
Mehrere Sekunden blickte Helios ihrem Gegenüber
tronischem Lachen sage;: gerdieie Gescht, worauf ste unter
Deutsches Reich.
Berlin, 27. April. * Berliner Nachrichten. Unser Kaiser weilt zur Zeit in Kaltenbronn in Baden auf der Auerhahnjagd. Am Samstag wird sich der Monarch über Karlsruhe nach Darmstadt zum Besuch des großherzoglich hessischen Paares begeben, wo er bis zum Montag verweilen wird, um dann zur Jagd nach Schlitz zu reisen.— Zum 25jährigen Jubiläum des Staatssekretärs v. Stephan hat der Kaiser in einem eigenen Handschreiben gratuliert. Dem gegenwärtig auf Reisen befindlichen Jubilar sind zahlreiche Gluckwunschtelegramme und kostbare Blumenspenden zugegangen. Auch die Stadt Bremen hat Herrn v. Stephan zu.m Ehrenbürger ernannt. Die nationalliberale Fraktion des Reichstags hat eine Adresse übersandt.— Ein Berichterstatter meldet: Der Präsident des Reichstags Frhr. v. Buol beabsichtigt, die zweite Lesung der sogen. Umsturzvorlage am 1. Mai auf die Tagesordnung zu setzen. Vorläufig widerstrebt die sozialdemokratische Reichstagsfraktion (wegen der Maifeier) der Verwirklichung dieser Absicht.— Der Stadtverordneten=Vorsteher Dr. Langerhans ist von dem Oberpräsidenten von Aschenbach telegraphisch angewiesen worden, bei 300 Mark Geldstrafe die Absendung der gestern von der StadtverordnetenVersammlung beschlossenen Petition gegen die Umsturzvorlage an den Reichstag zu unterlassen. Die Absendung war indessen bereits gestern abend erfolgt.— Der Berliner Magistrat hat sich entschieden, gegen die Beanstandung der von ihm beschlossenen Petition gegen die Umsturzvorlage durch den Oberpräsidenten von Brandenburg den Klageweg im Verwaltungsstreitverfahren zu be— Auch die Stadtverordnetenversammlung von Charlottenburg hat auf den Antrag des Stadtverordneten Schenk einstimmig beschlossen, eine Petition gegen die Umsturzvorlage an den Reichstag zu senden. Der Magistrat ist diesem Beschlusse beigetreten.— Heute Nachmittag wurden in der Druckerei des„Vorwärts“ 15000 Exemplare der Maifestzeitung konfisziert wegen des darin enthaltenen Aufrufs an die Arbeiter.— Die Duelle zwischen Herrn v. Kotze und seinen Gegnern sollen mit dem neulich stattgefundenen Duell durchaus noch nicht erledigt sein. Es verlautet, Herr v. Kotze werde sich demnächst noch mit dem Grafen Fritz Hohenau und dem Prinzen Aribert von Anhalt schießen.— Gegen die Preistreiberei des Petroleums haben die Antisemiten im Reichstage eine Interpellation eingebracht:„Welche Maßregeln gedenken die verbündeten Regierungen zu ergreifen, um die Ausbeutung, von welcher das gesamte deutsche Volk durch die künstliche Preistreiberei des Petroleums betroffen ist, zu beseitigen?“
— Zur Kanalfeier. Das Programm für die Feier der Eröffnung des Nord=Ostseekanals hat insofern eine Erweiterung erfahren, als am 22. Juni im königlichen Schlosse noch ein Abend fest stattfinden soll, an dem etwa 250 bis 300 Personen teilnehmen werden. Prinz Heinrich hat für diesen Abend den Bonner Männer=Gesang=Verein nach hier geladen, der in einer Stärke von etwa 70 Herren hier eintreffen wird.
Dem Bundesrat ist heute der Entwurf eines Gesetzes betr. die Feststellung eines Nachtrags zum HaushaltungsEtat pro 1895/96 zugegangen.
Das Bismarck=Komitee war heute vormittag 10 Uhr unter dem Vorsitze des Abg. v. Levetzow im neuen Reichshause zusammengetreten, um die weiteren Einzelheiten der Errichtung eines Bismarck=Denkmals zu erörtern. Zunächst wurde zur Vervollständigung der Preisrichter=Jury geschritten. Sodann wurden die Bedingungen für die beabsichtigte Ausstellung der eingegangenen Entwürfe aufgezählt: diese Ausstellung soll am 1. Juni im Ausstellungsgebäude stattfinden. Am 15. Juni soll die Jury das Urteil über die einzelnen Entwürfe fällen.
Der Reichstag wird, wie in der Reichsregierung nicht fernstehenden Kreisen in Berlin verlautet, sich kurz vor Pfingsten vertagen, voraussichtlich ohne die Umsturzvorlage verabschiedet zu haben. Soweit sich bisher übersehen läßt, wird der preußische Landtag seine Session nicht
„Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob es Diplomatie — oder Bequemlichkeit von Dir ist, daß Du Dich Deines Bruders Anordnungen stets so willenlos fügst.“
„Was meinst Du damit!“ brauste Sieghard unwillig auf.
..„Nun, ich meine nur, daß Du jedenfalls sehr praktisch ich so denken und handeln könnte wie Du, würde ich mir vielleicht eine weniger klägliche Existenz verschafft haben. Du bist daher das enfant cheri— darfst jede Summe verlangen, und Dein Bruder gewährt se. Dirgmit„Lächeln, während er mir oftmals ein paar elenoe Marr für meine Armen verweigert und um jeder Kleinigkeit willen eine Szene macht. Dein Ausdruck„Norm“ erscheint in meinen Augen fast als Ironie, ganz abgesehen davon, daß ich vielleicht durch mein etwas übertriebenes Gerechtigkeitsgefühl beeinflußt werde. Ein wahres Glück ist es nur, daß Oberstein so reiche Erträge abwirft!“ entgegnete sie schroff.
Als ob man ihm einen Schlag versetzt hätte, prallte Sieghard zurück und rief:
„Helios, bei allem, was Dir lieb und heilig ist, wie kannst Du den Mut finden, mir Worte ins Gesicht zu schieubern, die— die eine fürchterliche Beleidigung für mich sind! Meinst Du, meine ganze treue Liebe, Anhanglichreit und Dankbarkeit für Kurt sei nichts weiter als erbärmlicher Eigennutz! Bei Gott, diese Auffassung bringt mich zu der Ueberzeugung, daß Du sehr niedrig— sehr schlecht von mir denken mußt!"
Wie ein Schatten— man wußte nicht, ob es Schmerz
oder Erschrecken war— huschte es jetzt über des jungen Mädchens Stirn. Mehrere Male schöpfte sie tief und hastig Atem, dann sagte sie ziemlich erregt, jedoch noch immer in jenem sarkastisch gefärbten Tone:
„Niedrig, schlecht? O Gott bewahre— davon ist nicht die Rede. Höchstens beneide ich Dich, daß Du daß Schoßkind, ich dagegen nur Aschenbrödel bin, Du glücklicher Mensch!“
Sieghard entgegnete kein Wort mehr; er wandte sich auf dem Absatze um und verließ das Gemach.
Als Helios am nächsten Morgen auf den Laubengang hinaustrat, wo die Eltern und Sieghard gerade beim ersten Frühstück saßen, zeigten ihre auffallend geröteten Lider, daß sie geweint hatte. Nachdem sie der Mutter die Hand geküßt und durch flüchtiges Kopfnicken den jungen Offizier begrüßt hatte, schritt sie unverzüglich auf den Stiefvater zu und sagte mit leiser vibrierender Stimme sanft:
„O Papa, ich möchte Dich sehr, sehr bitten, Dein gestrenges Wort betreffs Hobrecht noch einmal zurückzunehmen. Der Gedanke, daß dieser vortreffliche Mann um meinet
so schnell beenden können. Man nimmt an, daß nach einer dreiwöchigen Unterbrechung das Abgeordnetenhaus etwa am 25. Juni wieder zusammentreten wird, um dann den Bericht der Stempelsteuerkommission entgegenzunehmen; die Regierung besteht darauf, daß die Tarifvorlage noch in dieser Session erledigt wird. Zugleich dürfte nach den Ferien dem Hause auch eine Vorlage zugehen betr. eine Verschärfung des Vereinsgesetzes. Bestätigt sich das, so wird einer Tagung des Landtages bis spät in den Juni hinein entgegengesehen.
"— Die Justizkommission des Reichstages hat
heute eine Sitzung abgehalten, in welcher Abg. Lenzmann den Vorschlag machte, von der Durchberatung der ganzen Jusitzzngpelle, wegen der Kürze der Zeit abzusehen und nur den noschnutt, welcher die Entschädigung unschuldig Verurteilter behandelt, herauszunehmen. Staatssekretär Nieberding gab hierauf die Erklärung ab, er könne sich im Namen der Regierung hierüber nicht äußern. Es entstand darauf eine längere Debatte; ein Beschluß wurde jedoch nicht gefaßt. Die freisinnigen Mitglieder der Kommission beabsichtigen nun, wenn in den nächsten Tagen vom Regierungsvertreter eine definitive Auskunft nicht gegeben wird, die Angelegenheit im Plenum des Reichstages in Gestalt einer Interpellation zur Debatte zu bringen.
— Naumanns„Hilfe“ bringt die Antwort ihres Redakteurs auf die Absage der Kreuzzeitung. Halb bedauernd, halb freudig spricht sich Herr Naumann darin über die Trennung von den Konservativen aus. Der Grundton seiner Antwort ist folgender:
Der Artikel der Kreuzzeitung bedeutet, daß die konservative Partei den christlichen Sozialismus von sich abschüttelt. Daß etwas derartiges in der Luft lag, haben wir gewußt, und die Leser unserer letzten Wochenschau werden auch die Stimmung schon kennen, mit der wir den Absagebrief begrüßen: der Strick ist zerrissen und wir sind los! Der alte große Dampfer, an welchem unser Kahn gehangen hat, hat das Schlepptau gekappt, nun müssen wir selber rudern und steuern. Auf! ihr Leute im Kahn, singt ein fröhliches Schifferlied von der Freiheit! Wir werden tüchtig arbeiten und ringen müssen, wir werden opfern und tragen müssen, aber die Sterne Gottes leuchten uns, der Wind hebt und trägt uns. Es gibt kein Grund zur Klage, vorwärts mit Gott in die Wellen hinein!
Viel, meint Herr Naumann, werde für die nächste Entwicklung davon abhängen, welche Antwort die Kreuzzeitung von Stöcker, Weber, Oberwinder, Gerlach, Werner usw. bekomme.„Wir zweifeln nicht daran, daß sie in alter Treue zur gemeinsamen Arbeit stehen werden, obgleich für sie die Lage verhältnismäßig schwerer ist als für uns.“ Ganz so wohl zu Mute, wie er sich den Anschein gibt, scheint es dim streitbaren Herrn Naumann bei seinem Schifferjiede demnach doch nicht zu sein.
Italien. Die vatikanische Presse bringt fortgesetzt heftige Artikel gegen den Präfekten von Rom, welcher in einem Rundschreiben an alle Pfarrer denselben verboten, den Kranken öffentlich die Sterbesakramente zu bringen.
Frankreich. Wie der Pariser„New=York=Herald“ telegraphisch aus Berlin meldet, sollen die deutschen Inhaber griechischer Wertpapiere beabsichtigen, die von Griechenland zu den Festlichkeiten nach Kiel zu entsendenden Schiffe mit Beschlag belegen zu lassen.(?)— „Gaulois“, spricht in einem Artikel über die Einweihungsfeierlichkeiten des Nord=Ostseekanals von der Eventualität, daß der Kanal bei der großen Zahl der bei der Feier anwesenden Schiffe in seinem Wasserstande erheblich und gefahrdrohend steigen würde. Es empfehle sich deshalb eine Aenderung einzelner Teile des Programms.
Rußland. Die„Köln. Ztg.“ meldet aus Belgrad, Kaiser Nikolaus von Rußland beharre dem König Milan gegenüber auf demselben Standpunkt wie der verstorbene Zar. In Petersburg laufen ganz unglaubliche
wegen seine Stellung verlieren soll, macht mich tief unglücklich. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht und möchte jedes Opfer bringen, wenn Du Dich in Deinen Entschlüssen noch einmal umstimmen ließest.“
Mit einem Ausdrucke spöttischer Verwunderung schaute der Rittmeister der Stieftochter in das purpurn erglühte Angesicht und sagte voll beißender Ironie:
man mit Trotz nichts erreicht, legt man sich auf's Bitten: Kenne diesen Kniff! Aber ich bin doch viel zu schlau, als daß ich mich durch solche Armsündermiene fangen ließe!“
Sieghard, über dessen Züge tiefer Unmut flog, war aufgestanden und lehnte sich halb abgewandten Gesichts über das hölzerne Geländer, während Frau Sophie die Kaffeetasse ärgerlich aus der Hand setzte und unwillig äußerte: anwillig
# Du hast ein besonderes Talent, unangenehme Dinge
steis bei den Mahlzeiten vorzubringen, Helios.“
Die Tochter beachtete diesen Einwurf nicht und sagte noch einmal eindringlicher, wobei ihre Stimme wie leises Schluchzen klang:
aber, Papa, daß mein unüberlegter Schritt mir aufrichtig leid thut und daß ich mein Unrecht gerr. guz, machen möchte! Verlange von mir, was immer
nicht fantts ich hue es— nur schicke den guten Hobrecht
„Potztausend— ist das Dein Ernst, Kleine?“
„Ja— Papa!“
„Allerdings, das ändert die Situation wesentlich, Helios. Und welch' schweres Sühnopfer soll ich denn von Dir verlangen?“
„Das mache ganz, wie Du willst— was immer Du mir auflegst— ich werde mich in alles fügen“, klang es fest zurück. klang
Mit zu Boden gesenkten Blicken stand Helios vor dem Stiefvater, aber deutlich hörte sie, wie Sieghard anscheinend ungeduldig einige Male auf die hölzerne Brüstung des Geländers schlug. Ein trotziger Mut kam über sie; jetzt war es ihr wirklich einerlei,„was er darüber denken mochte, daß sie nun doch klein beigegeben hatte und den Stiefvater um Verzeihung bat.
„So— hm, verlange, was Du willst! Vorsicht ist Diplomatie! Du bist nämlich wie ein Aal, der einem, ehe man sich versieht, wieder aus den Händen schlüpft.“ sagte Achenberg gedehnt, als ob er über etwas nachsänne.
(Fortsetzung folgt.)