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Nr. 270.

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Freitag, 7. Oktober 1898(Sergius).

32. Jahrg.

* Die Socialdemokratie und die Landtagswahlen.

1893 in Köln: Keine Beteiligung! i

1897 in Hamburg: Beteiligung freigestellt, aber keine Kompromisse

1898 in Stuttgart: Beteiligung und Kompromisse freiges

Diese Zusammenstellung

dercben, wirft noch ein bepjongers hells Lcht auf die diplo­

Fähigkeiten der Partei. Einst war die rote Partei stolz da­rauf, daß bei ihr alles in rücksichtsloser Geradheit und Offenheit ver­handelt werde. Jetzt gesteht man ein, daß die Wahlfrage an eine Kommission verwiesen worden ist, um längere Debatten in der öffent­lichen Versammlung abzuschneiden und um die küustliche Grundlage für einen einheitlichen Beschluß zu fassen.

Liebknecht gestand ferner ein, daß die rote Partei über eine Reihe „taktischer“ Fragen in heftige Debatten geraten sei, in Debatten, die mangels einer Verständigung„zwar nicht eine Spaltung, aber doch eine Trennung der Partei“ herbeigeführt haben würden.„Es galt, sagte er,„eine Form zu finden, die uns aus der Schwierigkeit herausriß. Er deutete auch an, was den Zersetzungsprozeß aufgehalten habe: die Gefährdung des Koalitionsrechts. Auch der Berichterstatter Fischer hatte schon vorher gesagt:„die Zuchthausvorlage ist ein vorzügliches Agi­tationsmittel; nützen wir daher die Gelegenheit aus.“

Was nun den etwas weitläufigen Beschluß selbst angeht so besteht der bedeutende Unterschied gegen den vorigjährigen Hamburger Beschluß darin, daß jetzt Kompromisse mit anderen Parteien unter sehr leichten Bedingungen gestattet werden, während in Hamburg die Kompromisse nnbedinge verboten worden. Bebel's Antrag in Hamburg war durch dieses Verbot in seiner praktischen Hälfte beseitigt worden, und der Vorsitzende Sienger hatte bei dieser Ueberrumpelung der Bebelschen Richtung wacker mitgearbeitet. In Stnttgart hat nun aber Bebel seine Revanche genommen und vollständig gesiegt. Sogar Liebknecht, der noch einen Tag vorher die Wahlschwärmerei als eine große Gefahr für die Partei bezeichnet hatte, mußte um des lieben Friedens willen sich vor einen Antrag spannen, der geradewegs auf die Anbändelung mit bürgerlichen Parteien hinausgeht.

Früher war es socialdemokratischer Grundsatz, alle anderen Parteien als„Eine reaktionäre Masse“ zu verschreien. Jetzt macht man schon Unterschiede. Um die„krasseste Reaktion“, d. h. die Vereinsgesetz­Partei zu bekämpfen, will man sich mit der bürgerlichen Oppasition zusammenthun unter der einen, ziemlich selbstverständlichen Voraussetzung, daß die etreffende Partei für die Einführung des Reichswahlsystems bei der Landtagswahl und für den Schutz der bestehenden Volksrechte sei. An der Fassung dieser Bedingungen sieht man, daß es der Mehrheit Ernst ist mit der Unterstützung der bürgerlichen Linken. Hätte man Hintergedanken, so würde man die Forderung hinzugesetzt haben, daß das Reichswahlrecht auch auf die Kommunalwahlen angewandt werden solle, was bekanntlich die Freisinnigen nicht versprechen können.

An Stelle des traurigen Landtags=Wahlrechts das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht zu setzen, ist auch der Wunsch des Centrums, wie ja auch das Centrum gegen jede Schmälerung der bestehenden Volksrechte stimmen wird. Das thun wir aber nicht, um den Socialdemokraten„bündnisfähig“ zu erscheinen. Wir brauchen nicht um rote Wahlhülfe uns zu bemühen und wollen es auch nicht. Ein Redner auf dem Parteitag hat zugestanden, daß die socialdemokra­tische Agitation gegen die Katholiken nicht vorwärts komme. So ist es recht. Wir können natürlich niemanden hindern, für Wahlmänner oder Kandidaten des Centrums zu stimmen; aber wir bleiben auf eigenen Füßen stehen als die kräftigsten Gegner der gottlosen Socialdemo­kratie und als die besten Vorkämpfer der wahren Arbeiterinteressen.

Wenn die Freisinnigen von der socialdemokratischen Wahlbe­teiligung profitieren, so soll uns das im Interesse der Abwehr der freiheitsfeindlichen Gesetze lieb sein. Allzu viel wird freilich nicht dabei herauskommen.

Evaugelische Bund

setzt auf seiner Generalversammlung in Magdeburg die Hetze„gegen Rom“ fort. Es liegen uns nur die Berichte über die öffentlichen Ver­sammlungen vor, die übrigen Versammlungen tagen unter Ausschluß

V Die beiden Perlenfischer.

Kriminal-Roman von H. Rosenthal-Bonin. 2

Endlich brachte ein Zufall mir die Kunde, daß eine in dürftigen Verhältnissen lebende Frau, Namens Louise Reinkens, in Östende ge­storben sei, einige Monate, nachdem ihr vierzehn Jahre alter Sohn ihr entlaufen und als Schiffsjunge nach London entflohen war. Die Frau nahm hierbei polizeiliche Hilfe in Anspruch, und dadurch gelangte ich zur Kenntnis dieser Vorkommnisse. Weitere Nachforschungen gaben mir die Gewißheit, daß diese Frau und ihr Sohn meine Gattin und mein Sohn gewesen sind, obwohl meine Frau nicht den Vornamen Louise, sondern Marie besaß— aber alle näheren Umstände, die ich in Erfah­rung gebracht habe: die Beschreibung ihres Aeußeren, ihres Wesens, ihrer Gewohnheiten, ferner ihre ihren Wirtsleuten gegenüber gemach­ten Angaben, daß sie anders heiße, sich von ihrem Manne in Süd­amerika getrennt hätte, daß Alter ihres Sohnes, die Newyorker Legi­iere, meine unbeantwortet gebliebenen Aufrufe, all' diese iene dauoch andere meyr lassen mich nicht daran zweifeln, daß e ouise Reinkens meine Frau gewesen ist. Sie hat wahrscheinlich Endertmen nut, um nicht von mir aufgefunden zu werden, ge­

un eiues unere Stinme ngt mir fedoch, daß mein Sohn woch lert,

und deshalb habe ich die oberen unter Nr. 5 aufgezeichneten Bestim­mungen getroffen. Viellicht ist ein anderer glücklicher in der Sache,

ist mein einziger Wunsch, den ich noch im Leben habe, daß mein Sohn einst die Früchte meiner rastlosen Thätigkeit genießt und somit nicht gezwungen wird, die edlen Güter, welche das Leben bietet,

Ulderwerb abhangig zu machen. Das Unglück seines Vaters sollte der Grund sein, auf dem sein Glück sich aufbaut."—

n war der Wortlaut jenes Abschnittes aus dem Testament des ancaun, mit dem er die Hauptverfügung seines letzten Willens Erlauterte und rechtfertigte. Es sprach viel Kummer und Gram aus

ecchternen Aufzeichnung von Thatsachen und sehr wenig Zu­

die.im teilte sich auch dem jungen, jede Silbe dieses Be­richtes mten aufnehmenden Anwalte mit. Er ließ das Blatt wie er­

abgekühlt?" frug der Freund lächelnd.

nden terdenlln. Falls der Sohn lebt, kann er noch ge­

der Oeffentlichkeit hinter Schloß und Riegel. Auf dem Krefelder Ka­tholikentage waren solche Angstmaßregeln nicht nötig. Der Besuch stand jedem offen, jedem gegenüber wurde die weitgehendste Gastfreundschaft geübt, sogar den evangelischen Bundesbrüdern gegenüber. Auch Herr Prediger Lic. Eveling ist dieser Gastfreundschaft teilhaftig gewesen und hat den Verhandlungen der Katholikenversammlung beigewohnt, wie er selbst mitteilte.

Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit tagte gestern zunächst der Ge­samtvorstand des Evangelischen Bundes und die Konferenz der Dias­pora=Angestellten, dann fand um 5 Uhr nachmittags im Rat haussaale eine öffentliche Generalversammlung statt, um die Begrüßung der Stadt Magdeburg und der evangelischen Geistlichkeit von Magdeburg entge­genzunehmen. Superintendent Trümpelmann=Magdeburg konnte sich in seiner Begrüßungsrede der Angriffe auf die katholische Kirche nicht enthalten:

Magdeburg sei die erste deutsche Stadt gewesen, welche die Lehre der Re­formation durchgeführt habe, und sie sei eine der ersten gewesen, die Luther öffentlich den neuen Glauben predigen ließ, den Glauben, der das Volk nall 3 C

hinein ertönt ein Pr

vom Friedensfürsten, wie man ihn nennt, wurde dieser Protest erhoben, und dieser Protest ist noch nicht verklungen in der Geschichte Deutschlands, und er wird heute im Jubeljahre des westfälischen Friedens wieder doppelt kräftig laut. Die Gesamtlage der Dinge ist heute in vielen Stücken ähnlich jener, wie sie vor dem dreißigjährigen Kriege in Deutschland war, der uns in seinem Verlauf ein Vorrücken Roms auf deutschem Boden brachte. Auch heute sehen wir dieses Vorrücken Roms auf der ganzen Linie, das, wie es scheint, unaufhaltsam ist. Die Klöster rücken überall vor und die Ordens­leute ziehen von Ort zu Ort. Und dabei herrscht leider eine tiefe Zerfah­renheit bei den Evangelischen und ein Mangel an politischem Interesse, der sehr zu beklagen ist. Männer sind uns not, echte evangelische Männer. Da erhebt sich denn der Evangelische Bund wie ein neuer Gustav Adolf, nicht mit dem Schwert in der Hand, sondern mit dem Schwert auf den Lippen.

Allerdings, das„Schwert auf den Lippen“ weiß man im Evange­lischen Bunde zu handhaben, wenn es sich um das vermeintliche„Vor­rücken Roms“ handelt. Ueber das Vorrücken des Unglaubens im Pro­testantismus führt Herr Superintendent Trümpelmann keine Klage, den Glauben zu befestigen, scheint nicht die Aufgabe des Evangeli­schen Bundes zu sein.

In der zweiten öffentlichen Versammlung hielt derum Herr Superintendent Trümpelmann die Begrüßungsrede, in­dem er der Magdeburger Bürgerschaft seinen Dank ausdrückte und an die Vergangenheit Magdeburgs erinnerte, wodurch diese Stadt für im­mer zu einer evangelischen gestempelt sei.

Im weiteren beschäftigte sich der Redner mit den Angriffen der ultra­montanen Presse gegen den Evangelischen Bund. Die ultramontane Presse leide an einer Begriffsverwirrung, wenn sie immer von einer „Detze“ des Bundes spreche.„Wir Protestanten protestieren, aber wir hetzen nicht. Wir nehmen Stellung gegen die fortwährenden Schmähungen und Beschimpfungen Roms gegen unseren Glauben. Was ist unsere Abwehr gegen­über den schweren Beschimpfungen von Seiten des Papstes? Ge­wiß, wir protestieren, aber wir protestieren mit Thatsachen und Wahrheiten, Schmähungen kennt unsere Seele nicht. Das läßt unser protestantisches Gewissen nicht zu.(Lebh. Beifall.) Schimpfungen und Flüche überlassen wir unseren Freunden, den Jesuiten und ihrem Oberhaupt, dem Papste.“(Beifall.) Es werde jetzt vielfach von dem Patriotismus der deutschen Katholiken gesprochen und es sei schon früher ausgesprochen worden, daß man den Patriotismus ei­nes deutschen Römlings so lange als wurmstichig bezeichnen müsse, als der Unfehlbare das Recht habe, die Genossen der Bischöfe und Priester zu zertreten. Er ändere diesen Satz heute dahin ab: Der Patriotismus eines deutschen Katholiken ist wurm­stichig und wird so lange für uns wurmstichig bleiben, als der deutsche Katholik nicht den Mut hat und nicht so viel Liebe zu seinem deutschen Gesamtvolk hat, um gegen Schmähungen Roms, wie sie erst in jüngster Zeit wieder in der Canisius=Encyklika zum Ausdruck gekommen sind, ein: Wir protestieren! entgegenzusetzen.(Lebhafter Beifall.) Redner schließt mit dem Wunsche, daß die Durchsetzung der katholischen Volksteile mit intak­ten evangelischen Volksmassen, wie sie die Freizügigkeit mit sich bringe, den Katholiken mehr Interesse für nationale Dinge einflößen möge.

„Wir hetzen nicht", sagt Herr Superintendent Trümpelmann, hält

„Ja, falls er noch lebt," fiel der Archivar ein.„Da liegt eben der Hase im Pfeffer! Lebte er noch, stünde er schon längst hier. Be­denke doch: zwei Millionen Gulden, Otto— zwei Millionen, und der Erbe kommt nicht nach allem, was da vorausgegangen ist. Die etwa noch lebende Mutter meldet sich auch nicht, nachdem wir nach dieser ebenfalls Aufrufe bis in die entlegensten Teile der Erde erlassen haber Glaube mir: Beide sind längst nicht mehr unter den Lebenden.“

Dieser Eindruck drückte die frühere Hoffnungsfreudigkeit des jun­gen Anwalts noch mehr nieder! Die Angelegenheit sah in der That sehr wenig versprechend aus. Es war sicher alles Menschenmögliche von dem Vater und anderen, jedenfalls klugen und in solchen Dingen erfahrenen Leuten, sowie von den Behörden gethan worden, den Erben ausfindig zu machen.—

Alles war vergeblich gewesen. Sollte es jetzt wohl ihm gelingen, nach so langer Zeit, ihm, einem völlig Unkundigen in der Praxis?

Höchst wahrscheinlich war die Mutter tot, und der gesuchte Erbe lag schon seit vielen Jahren irgendwo in den fünf Erdteilen in der Erde, so daß längst kein Stäubchen mehr von ihm vorhanden war.

In diesem Augenblick fiel ein feuriger Lichtstrahl der zum Unter­gang sich neigenden Sonne zwischen den Spalt, den zwei Giebelhäuser bildeten, und auf das Papier in der Hand des Anwaltes. Sein Auge traf von all' den Worten des Schriftstückes gerade den Ausspruch des alten Erblassers:„Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Sohn noch lebt.“ Der junge Rechtsgelehrte blickte zu dem scheidenden Tagesgestirn auf, das so freundlich sein goldenes Licht über ihn ergoß; er ließ seine Augen wieder über das verhängnisvolle Papier auf seinen Knieen schweifen, und es kam ihm vor, als winkte die Hand des alten Braun ihm ermunternd zu.

„Und doch ist es möglich, daß der Sohn noch lebt", sprach der An­walt unwillkürlich laut.

„Möglich ist vielerlei", warf der Archivar ein.

„Möglich ist auch", fuhr darauf der Anwalt, seinem Freunde ent­gegnend, fort,„daß jenem Manne von all' euren Maßnahmen und Auf­forderungen nichts zur Kenntnis gekommen ist, wie es mir ja auch er­ich sogar hier in der Stadt wohne. Allerdings war ich, als der Mann starb, verreist, schweifte in Spanien umher und kam erst ach dem Datum der ersten Publikation zurück. Aber doch sonst die Zeitungen täglich und besitze in Dir einen so guten Freund, der die Angelegenheit unter sich hat. Da siehst Du, wie es gehen kann. Da hast Du selbst einen leibhaftigen Gegenbeweis all' Deiner Einwürfe und Zweifel."

„Nun ja, Ju kannst auch das große Los gewinnen. So ungefähr verhält sich meiner Ansicht nach dieser Fall für Dich. Setze aber nicht zu viel ein. Namentlich kein Geld— das rate ich Dir.“

„Sei unbesorgt, ich werde nicht eher schießen, bevor ich nicht die Scheibe sehe. Jedenfalls aver mochte ich eine Kopie dieses Aktenstückes nehmen."

eine richtige Hetzrede, wie sie im Evangelischen Bunde hergebracht ist, und will in einer solchen Rede sich noch über„Begriffsverwirrung“ in der„ultramontanen Presse“ beschweren! Der Herr Superintendent kennt jedenfalls den Prediger Thümmel, der es bitter empfinden muß, auf der Magdeburger Hetzversammlung„Umstände halber“ nicht anwesend sein zu können. Besagter Thümmel hat noch im vorigen Jahre auf der Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Kre­feld eine Hetze gegen die Katholiken betrieben und sich in Schmän­ungen nicht nur gegen den Papst, sondern auch gegen Glaubenslehren der katholischen Kirche ergangen, daß auch protestantische Blätter den­selben von sich abschüttelten. Es war das noch vor dem„Fall Thüm­mel" in Altena.

Graf Paul v. Hoensbroech=Berlin, mit minutenlangem Bei­fall empfangen, begrüßte namens der Presse die Versammlung:

Man müsse durch die Presse Macht und Einfluß zu gewinnen suchen, um den höheren Gewalten sagen zu können„No popery!"(Kein Papst­tum!) Wir müssen dagegen protestieren, daß der im Auslande wohnende Papst Einfluß auf unsere inneren Angelegenheiten hat.

Alsdann folgten die angekündigten Vorträge:

Pastor Herdieckerhoff=Mülheim a. Rh. sprach über die Stellung der ultramontanen Presse zu Kaiser und Reich. Er führte aus, der Papst sei von alters her der klügste und gefährlichste Diplomat aller Zeiten gewesen, und so habe er sich in der ultramontanen Presse ein äußerst wirksames Kampfmittel für seine Interessen geschaffen. Diese Presse sei eine der eigenartigsten Erscheinungen der Gegenwart. In kluger Weise halte man von den Katholikentagen einen Angriff gegen die Andersgläubigen fern, um sich desto schärfer nachher in der Presse aus­zulassen. Dadurch sei man in der Lage, einmal zu sagen, wie friedlich und freundlich man sei, und zum andern auf den Evangelischen Bund zu schelten, weil er nicht desgleichen thue. So sei es gekommen, daß heute auch evan­gelische Leute ausriefen: Weshalb ist der evangelische Bundestag nicht ebenso ruhig, wie der Katholikentag?(Heiterkeit.) Demgegen­über sei zu bemerken, daß der Evangelische Bund nicht dieselben Kniffe habe und anwenden wolle, wie die Centrumsstreber und die gerissenen Cou­lissenschieber der ultramontanen Presse, die ihre Ansichten und ihre Stellung zu Kaiser und Reich ganz nach Belieben ändern und drehen könne. Die deutschen Protestanten könnten nicht anders als offen und ehrlich ihre Meinung sagen, ohne Beschönigungen, aber auch ohne Haß.(Beifall.) Der Redner bespricht dann eingehend die Stellung der„ultramontanen Presse“ zu den einzelnen Tagesfragen. Bei allen Gelegenheiten habe sie gezeigt, daß sie sich mit arger List und außerordentlichem Raffinement der jeweiligen Strömung anzupassen wisse, so in den Fragen der Heeresvermehrung, der Flottenvergrößerung u. a. Auf der anderen Seite aber wisse sie sehr wohl mit rohem und brutalem Ton ihre Forderungen zu stellen, die in allen Fällen auf eine Schmälerung des deutschen Ansehens und der deutschen Rechte hinaus­liefen. Redner gedenkt dabei der Stellung der ultramontanen Presse zu der Palastinareise des Kaisers, die den Wunsch nahe lege, daß in Palästina ein kräftiges Wort evangelischen Bekennermuts und evangelischer Bekennertreue gesprochen werden möge.(Beifall.) Auch sonst sei an­gesichts der Haltung der ultramontanen Presse der Ruf angebracht: Land­graf werde hart! Redner schließt mit einer Empfeylung der bundesfreund­lichen Presse.

Die„ultramontane Presse" kann dem Herrn Pastor Herdickerhoff dankbar sein für diese Rede. Dieselbe enthält ein unumwundenes An­erkenntnis, daß die Katholikentage sich von Angriffen gegen An­dersgläubige fernhalten, und daß dies bei den Evangelischen Bun­destagen nicht der Fall ist, woran auch evangelische Leute Anstoß nehmen. Wir acceptieren dieses Zugeständnis. Wenn wir aber nun unsererseits in der Presse die Versammlungen des Evangelischen Bun­des einer Kritik unterziehen, so ist es unser gutes Recht und unsere Pflicht, dem Angriff die Abwehr folgen zu lassen. In dieser Hin­sicht brauchen wir vom Herrn Pastor Herdickerhoff weder Vermah­nungen noch Belehrungen anzunehmen. Ob der Herr Pastor Herdicker­hoff berufen und befugt ist, für die Palästina=Reise des Kaisers Wünsche und gewissermaßen Instructionen zu erteilen, entzieht sich unserer Kenntnis. Wenn irgendwo, dann wäre gegenüber der An­maßung und dem verhetzenden Treiben des Evangelischen Bundes der Ausdruck gerechtfertigt:„Landgraf werde hart!“ Die Lection, welche der Evangelische Bund auf seine Beschwerde an das Auswärtige Amt wegen der Kaiserfeier der deutschen Katholiken in Rom erhalten hat, scheint Herr Pastor Herdickerhoff nicht zu kennen oder vergessen zu haben.

„Hier hast Du Tinte und Feder. Ich hätte den Abschnitt drucken lassen sollen, das wäre für mich und die anderen Beamten bequemer gewesen“, meinte der Archivar und rückte dem Freunde einen Stuhl zurecht.

Dieser machte sich sofort an die Arbeit, das Schriftstück zu ko­pieren.

„So, das wäre Numero eins", sprach darauf der Anwalt, den Bogen mit der Abschrift sorgfältig in sein Portefeuille legend.

„Ja, bei dieser Nummer wird es wohl bleiben“, brummte der Andere, die Hand dem Freunde zum Abschied reichend.

„Unsinn, Blödsinn, Narrheit", rief er dann laut aus, als sein Freund das Zimmer verlassen hatte.„Sonst ein so vernünftiger Mensch— aber das ist wie eine ansteckende Seuche, eine Epidemie, die umherrennt und bald da bald dort ihr Opfer ergreift. Ich werde ein­mal im„Amsterdamer Courier“ einen Artikel über die grassierende Krankheit der Erbensucherei schreiben.“

So murrend verschloß der Beamte das Schriftstück mit Braun's Passus in den Aktenschrank und nahm seine unterbrochene Arbeit wie­der auf.

2. Kapitel.

Otto Rembold war ein Deutscher von Geburt, und Düsseldorf seine Vaterstadt. Er hatte in Göttingen, Bonn und Berlin Rechtswissen­schaft studiert. Da jedoch in der Heimat eine Ueberfülle von Juristen war, so hatte der junge Mann den Entschluß gefaßt, in den Nieder­landen sein Heil als Advokat zu suchen. Seine Mutter war nämlich eine Amsterdamerin, und der junge Mann hatte von dieser Seite her viele angesehene und reiche Verwandte in Holland.

Otto ging nach Löwen, hörte dort ein Jahr holländisches Recht und wandte sich dann nach Amsterdam, wo er in die Kanzlei eines der gesuchtesten und bekanntesten Advokaten eintrat, um sich mit den hol­ländischen Verhältnissen vertraut zu machen und sich in der niederlän­dischen Sprache zu vervollkommnen. Fast drei Jahre hatte er nun praktisch dort gearbeitet und fühlte sich reif und befähigt, selbständig eine Advokatur zu eröffnen— da warf ihm das Schicksal den Fall „Oswald Braun's Erbe“ entgegen.

Diese Sache erregte mit einer ihm ganz seltsam dünkenden Energie sein Interesse, nahm sozusagen sein ganzes Wesen derartig gefangen, daß es ihm nach den wenigen Stunden schon, seitdem er die Angelegen­heit kannte, wie eine Lebensaufgabe schien, den Erben zu entdecken und ihm zu dem Nachlaß seines Vaters zu verhelfen. Das war nach dem, was an Hilfsmaterial bis jetzt vorlag, offenbar schwer, sehr schwer, aber die Aufgabe war groß, nach vielen Seiten hin lohnend, und ge­rade die anscheinende Unmöglichkeit reizte den jungen Mann, den Wurf zu wagen.

(Fortsetzung folgt.)