JOURNAL
des
s
Nieder- und Mittel-Rheins.
Aachen, Donnerstag den 12. October 1815.
Tagesgeschichte.
Wien, vom 1. October.
Man hat noch keine Erklärung, warum Russland seine Truppen aus Frankreich zieht, und selbst Oestreich dazu Anstalt macht, während Preussen noch immer neue Korps in das Land rücken läfst, da die Höfe ihre Gründe zu diesem Verfahren noch geheim halten; doch fehlt es nicht an Vermuthungen darüber. Eine der fonderbarsten mügte seyn, Oestreich und Russland hätten mit Frankreich den Frieden schon abgeschlossen, aber dabei festgefetzt, dass er geheim bleiben müsse, bis alle Verbündeten ihm beigetreten wären. So zögen denn die Russen und Oestreicher ab, einmal weil sie für sich selbst mit Frankreich im Frieden sind, und vielleicht noch aus dem zweiten Grunde, dadurch die andern Verbündeten zu vermögen, diesem Frieden um fo eher gleichfalls beizutreten.(Falsch, denn auch die königl. preufs. Garden verlassen Frankreich.) Man ist offenbar über die grosse Frage, ob Frankreich ungetheilt belassen oder getheilt werden foll, noch nicht im Reinen.
— Dem Vernehmen nach werden in Mähren und
Ungarn grosse Magazine für den Bedarf der aus Frankreich zurückkehrenden Truppen angelegt, wodurch denn der Wucher wieder einigermaassen Vorwand findet, eine bedeutende Erhöhung der Getreidepreise hervorzubringen. Der Metzen Korn kostet bereits 18 Fl., welches ein unerhörter Preis ist.
— Madame Mürat ist bis jetit nicht nach Wien«gekommen; hingegen hatte fie am 20. Sept. eine Zufammenkunft mit der Erzherzoginn Marie Louise in einem Dorfe nahe an der Donau. Haimburg ist bekanntlich nur eine Stunde von Schlosshof entfernt.
Ihr Gefolge ist sehr zahlreich; 12 Gardes-Lanciers versehen den Dienst bei ihr, gleich einer regierenden Königinn; zwei Ehrendamen, ein Pallastmarschall, drei Generale, Livron, Zurlo und Macdonald, nebst 8 Kammerherren und 6 Pagen, bilden den Hofslaat, durch welchen das kleine Städtchen Haimburg recht lebhaft geworden ist.
— Die Regierung von Modena hat die Jesuiten in ihre Staaten wieder einzuführen beschlossen, und zu dem Ende mit. Errichtung eines Kollegiums von 12 Mitgliedern den Anfang gemacht.
Leipzig, vom 29. Seplember.
Unter dem kaif. russ. Gouvernement hatten die Juden in Sachsen grössere Handelsfreiheiten erlangt. Die angesehensten jüdischen Bankiers und Kaufleute verkauften daher in Dessau ihre Häufer und Besitzungen, und etablirten ihre Komptoirs in Leipzig zum grossen Nachtheil des dasigen Handelstandes. Vor einigen Tagen ist hier auf Ansuchen der Kaufmannschaft ein k. Rescript erschienen, nach welchem jene sich hier niedergelassenen jüdischen Bankiers und Kaufleute binnen einem Monate Leipzig wieder verlassen müssen.
(Leipz. Zeit.)