Nr. 177.= 1. Blatt.
Dienstag, den 2. August 1893
11. Jahrgang.
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Redaktion, Druck und Verlag von Ferd. Strunck in Dmsburg.
Ein neues Monopolprojekt.
Seit Jahren mühen sich die Grubenbesitzer des niedereheinisch=westfälischen Bergwerksbezirkes ab, ein Mittel ausfindig zu machen, um die Kohlenpreise knnstlich hoch zu halten. Bis jetzt haben alle Vereinigungen, Kartelle, Syndikate, Konventionen oder wie sie es sonst nannten, allenfalls für einige Zeit ihren Zweck erfüllt, auf die Dauer vermochten sie es aber nicht. Die großartigsten Pläne, die darauf hinausgingen, sämtliche Kohlengruben unter einen Hut zu bringen und dann, wie sich die Verfechter dieser Ideen schmeichelten, den ganzen Markt zu beherrschen, scheiterten schon, ehe sie ins Leben getreten waren, auch das seiner Zeit viel besprochene Projekt, die für ganz andere Zwecke begründete Berggewerkschaftskasse zum Hinauftreiben der Kohlenpreise zu benutzen, obwohl der damolige Handelsminister Fürst Bismarck
bereitwillig und auf dessen Aenderungen nach einigem Widerstreben auch der Minister der öffentlichen Arbeiten Maybach, die Bestrebungen der Kohlenbarone unterstützten. Es wollte nicht gelingen, alle Zechen zu vereinigen, und als man auf Grund der vom Minister Maybach auf Anweisung Bis marck's genehmigten Statutenänderung zwangsweise gegen die Zuwiderhandelnden vorgehen wollte, ergab sich, daß der damalige Reichskanzler doch nicht ganz allmächtig war und de Gerichte in diesem Falle eine andere Auffasseng von Gesetz und Recht hatten, als der heutige Herzog von Lauenburg.
Nach dem Scheitern dieses genialen Planes versuchte man es mit Kohlenverkaufsvereinen in der Form von Aktiengesellschaften. Es wurden deren für jedes Revier begründet; sie sollten unter steter Fühlung mit einander die von sämmtlichen Zechen geförderten Kohlen verkaufen, den einzelnen Zechen die von ihnen auszuführenden Lieferungen zuweisen, die Zahlungen entgegennehmen und nach Abzug der Verwaltungs= und sonstigen Kosten jeder Grube die auf sie entfallenden Summen auszahlen. Unter den„sonstigen" Kosten befanden sich Beträge, die einer eigenen Einrichtung geopfert werden mußten. Da das Inland nicht alle geförderten Kohlen verbraucht, so muß ein großer Teil ins Ausland abgestoßen werden, das Ausland kauft aber natürlich die Kohlen nicht zu dem für das Inland festgesetzten, sondern zu dem Preise, der
durch die Loge des eigenen Marktes, das heißt durch die Konkurrenz bestimmt wird. Die Kohlen=Verkaufs
vereine mußten also dem Auslande billiger liefern, der Zeche aber, deren Kohlen ins Ausland gingen, mußten Entschädigungen auf Kosten der Aktionäre der Vereine gezahlt werden. Das ging so lange gut, als es den Vereinen gelang, die Kohleupreise im Inlande hoch zu halten. Als diese, zumal in Folge des Rückganges der Eisenindustrie, ins Wanken kamen und die Konkurrenz der den Vereinen nicht beigetretenen Zechen— ein Teil der Kohlengrubenbesitzer ist ja doch immer vernünftig genug, sich an derartigen Dingen nicht zu beteiligen — sich fühlbarer machte, da fingen die Vereinszechen selbst an, nicht mehr um das Vereinsbureau zu bekümmern, und das Ende vom Liede ist, daß die Verkaufsvereine dem Zweck, zu dem sie begründet waren, nicht mehr dienen können und ihre Auflösung nur noch eine Frage kurzer Zeit.
In dieser schwierigen Lage kam dem früheren ReichstagsAbgeordneten Kleine, einen bei vielen Kohleubergwerken beteiligten Gewerke und Gruben=Direktor, der auch früher schon bei den Beratungen über die Monopolpläne eine der ersten Rollen gespielt hatte, die Erleuchtung. Er begann eine neue Agitation für die Errichtung einer Vereinigung, die alle Gruben umfassen soll, und zwar diesmal in der Form einer Aktiengesellschaft. Herr Kleine hat Statuten ausgearbeitet und beweist in einem langen Berichte, daß er endlich das gefunden hat, was der Kohlenindustrie allein helfen kann, und die „Rheinisch=Westfalische Zeitung", die gewissenhaft und überzeugungstreu, wie sie ist, alle bisherigen Versuche, so aussichtslos sie auch immer von vornherein sein mochten, verteidigte, begrüßte auch den neuesten mit einem Hymnus und erklart alle für Besserwisser und Nörgler, die so verlaut sind, einige Einwendungen bescheiden auszusprechen. Gestern sollte eine Versammlungen der Vertreter aller Grubenverwaltungen stattfinden. Das genannte Blatt sieht indessen selbst schon ein, daß der Plan des Herrn Kleine nicht auf allgemeine Unterstützung rechnen kann, und spricht unter Berufung auf seinen Heros Bismarck von Kompcomissen, von gegenseitigen Zugeständnissen hat sich schon der Urheder des Planes gezwungen gesehen. Es sollen nämlich die einzelnen Grubenverwaltungen das Recht haben, bis zum 1. Jannar 1893 selbständig Verkaufsverträge auf beliebige Zeit hinaus abzuschließen. Damit würde von Aufang an die Monopolgesellschaft bis weit in das nächste
Jahr hinein lahmgelegt sein, denn sie würde blos die weniger gangbaren und schlechteren Kohlensorten zum Verkaufe erhalten, während die unter günstigen Verhältnissen arbeitenden,
den beden Vowrichtungen ausge
mit den besten Vorrichtungen ausgerüsteten Gruben sich beeilen würden, möglichst für das gange Jahr ihre Förderung zu verschließen. Und unter solchen Poraussetzungen sollen sich die Grubenverwaltungen entschließen, sich auf zehn Jahre zu binden, dem Kohlensyndikate mit seiner höchst schwerfälligen Organisation sich völlig zu überliefern und bei schwerer Geldstrafe auf jedes eigene Geschäft zu vereitlen! Das werden schon die kaufmännischen Leiter zu verzichten, wenn nicht aus anderen Gründen, so doch aus der egoistischen Erwägung, die Besitzer der Gruben wenn erst einmal die„Aktiengesellschaft Rheinisch=Westfälisches Kohlensyndikat" ins Leben getreten ist, wurden sehr schnell zu der Ansicht gelangen, daß die hohen Gehälter und Tantiemen der kaufmännischen Direktoren gespart werden könnten.
Politische Cagesschau.
Deutschland. Berlin, 1. August. Dem Kaiser ist auch die jüngste Nordlandfahrt aufs vortrefflichste bekommen, er erfreute sich während der ganzen Zeit der besten Gesundheit, sieht außerordentlich feisch, wttergebräunt und blühend aus und spricht seine höchste Befriedigung über den ganzen Verlauf der Reise aus, die ihn wiederum einige der schönsten Stellen der Erde hat keunen lernen und bewundern lassen. Dem König Oskar von Schweden hat er sofort von Wilhelmshaven aus eine sehr warme Depesche gesandt, in der er sich namentlich auch für die trefflichen Einrichtungen bedankt hat, die ihm den schnellen Verkehr mit der Heimat ermöglicht haben. In seiner Antwortdepesche hat König Oskar seiner besonderen Freude darüber Ausdruck gegeben, daß er Anfangs September Kaiser Wilhelm in Götaborg werde begrüßen können.— Aus Helgoland wird von gestern gemeldet: Der Kaiser und Prinz Heinrich trafen mit dem Dampfern„Kaiseradler“ und„Beovulf" um 7 Uhr ein; sie begaben sich alsbald aus Land. An der Landungsbrücke begrüßten Kontreadmiral Mensig, eine Deputation der Einwohner, sowie eine große Menge Einheimischer und Badegäste den Kaiser. Dieser fuhr mit der Drahibahn auf das Oberland, besichtigte daselbst die Befestigungsanlagen und speiste in der Kommandantur. Um 10 Uhr erfolgte die Weiterreise nach England. Die ganze Insel war reich beflaggt. Nicht nur das offizielle Organ der Freikonservativen, sondern
auch andere Blätter derselben Richtung beeilen sich, jede Gemeinschaft mit dem„Deutschen Wochenblatte“ des freikonservativen Abg. Dr. Arendt abzulehnen, der den Ruf: Fort mit Caprivi!
erhoben hatte. Es ist eine auffällige Thatsache, daß Blätter, die mit unverkennbarer Bismarckfreundlichkeit in dem
der tade
abgeben,
Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man diese etwas überraschend zum Durchbruch kommende politische Einsicht damit in Zusammenhang bringt, daß wit der Rückkehr des Kaisers denjenigen Personen, die auf die Haltung einzelner Parteiorgane Einfluß ausüben, bisher bestandene Zweifel über die Situation und ihre nächste Entwickelung benommen worden sind.— Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, beschäftigt sich heute anscheinend offiziös wieder einmal mit dem Parteiprogramm der Konservativen und stellt gegenüber der„Kreuzzeitung" fest, daß ein neues Programm nicht nötig sei, da das alte alles enthalte, was vernünftigerweise gewünscht werden könne. Besonders sei ein sogenannter Judenparagraph, um die sich der ganze Streit drehe, nicht nötig. Gerade weil ihm, führt das Blatt aus, die Stimmung der konservativen Elemente und ihr Streben im Lande sehr genau bekannt sei, gerade deshalb halte es keinen Zusatz. weder einen erweiternden, noch einen deklarierenden zum 1876er Programm für nötig. Denn ein solcher Zusatz würde die Umwandlung einer sachlichen Forderung in eine gegen Personen gerichtete Zuspitzung bedeuten, welche unter dem Einfluß der gegenwärtig vorherrschenden, auf recht verworrenen Anschauungen beruhenden Stimmungen unfehlbar auf verhängnisvolle Abwege führen müßte.— Die„Post“ bezeichnet die Gerüchte von einer Erkrankung des ehemaligen Eisenbahnministers Maybach als übertrieben. Das Unwohlsein ist bereits gehoben und die Abreise Maybachs auf morgen festgesetzt.
G. 38#hr k.., 31. Juli. Gestern wurde unter großer Feierlichkeit und im Beisein Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs von Baden der 14. badische Feuerweyrtag eröffnet.
Oesterreich=Ungarn. Wien, 31: Juli. Wie die
„N. Fr. Pr.“ angeblich aus Berliner guter Quelle erfährt, werde am Montag in Berlin die offizielle Erklärung veröffentlich werden, daß die deutsche Regierung von der Veranstaltung einer Weltausstellung in Berlin nunmehr Abstand nimmt.— Wie bestimmt verlautet, ist zum Nachfolger des rücktretenden Ministers Prazak der bisherige Statthalter von Böhmen Graf Franz Thun ausersehen und dürften dieser Ernennung sowohl Czechen als auch Deutschen zustimmen.— Nach Warschauer Privatmeldungen ist dort thatsächlich die Cholera aufgetreten, auch in der Umgebung sollen verdächtige Fälle vorgekommen sein.— Offizielle Blätter bestätigen, daß der Minister Prazak bereits den Entschluß bekannt gegeben habe, demissionieren zu wollen.
Pest, 1. August. Der„Magyar Nisag“ veröffentlicht ein Gutachten, welches im Auftrage der englischen Regierung von einem Fachmann über die österreich=ungarisch Volutaregelung ausgearbeitet worden ist. Dasselbe bezeichnet die österreichungarische Finanzverhältnisse als vollständig konsolidiert. Die österreichischen Slaatspapiere würden auf dem Weltmarkt die selbe Aufnahme finden wie die des deutschen Reiches.
Frankreich. Paris. 28. Juli. Aus Anlaß der Generalratswahlen erklären mehrere bisherige Monarchisten ihren Zeitritt zur Republik.— Die Polizei hat neuerdirgs Haussuchungen bei Anarchisten vorgenommen, darunter bei dem Zimmermaler Ferdinand, der mit dem Anarchisten Parmeggiani in Verbindung stand. Die Polizei fand bei Ferdinand eine Kiste mit Phiolen, die dem Anschein nach zur Herstellung von Explosivstoffen dienten. Ferdinand wurde verhaftet.— Nach einem heute veröffentlichten amtlichen Telegramm aus Libreville, sollen Soldaten des Congostaates auf den französischen Posten am Ufer des Koto, eines Nebenflusses des Mbomu, geschossen und einen Mann getötet haben. Die Eingeborenen, die mit vortrefflichen Gewehren bewaffnet seien, hätten in derselben Gegend einen andern Franzosen und mehrere Eingeborene getötet. Der Unterstaatssekretär der Kolonieen hat infolge dessen die erforderlichen Maßregeln ergriffen, um der französischen Flagge Achtung zu verschaffen. Der Minister des Auswärtigen, Ribot, hat sofort den Vertretern des Kongostäates Mitteilung von diesen Vorkommnissen gemacht, eine Genugthuung verlangt und gleichzeitig Zurückziehung der Posten von der Grenze gefordert.
England. London, 1. August. Die Zustände in Ma
rocco werden immer verwickelter. Der„Central News“ wird aus Madrid gemeldet: Das spanische Kanonenboot Pilar, das die Küste Maroccos passirte und mit Schüssen empfangen wurde, habe die königliche Flagge Spaniens aufgehißt; aber das Schießen habe nicht aufgehört. Darauf erst wurde mit Gewehrfeuer erwidert und schließlich mit der Kanone. Dann sind die Angreifer, etwa hundert, geflohen. Tötungen und Verwundungen sind nicht angegeben.
Italien. Rom, 1. August. Cipriani telegraphirte seiVerteidiger, er verzichte darauf ein Gnadengesuch zu unterzeichnen.— Als sicher gilt die Ernennung des Generals Lanza Gesandter von Italien in Berlin. Anläßlich einer Unterredung Giolittis mit dem König, welche zu Monza erfolgte, sei die Ernennung schon anläßlich der Reise des Königs Humbert nach Berlin beschlossen worden.
Catania, 1. August. Der Auswurf des Aetna hat sich allmählich vermindert.
Serbien. Belgrad, 1. Ang. In hiesigen informierten Kreisen bezeichnet man die in Sofia veröffentlichten Aktenstücke für unbestre itbar echt. Die Ableugung des„Journal de St. Petersburg“ findet keinen Glauben, weil es hier amtlich nochweisbar ist, das s. Z. bulgarische Erzigranten im direkten Auftrage der russischen Regierung nach Serbien gekommen waren, um gegen Bulgarien zu komplottieren.
Griechenland. Athen, 31. Juli. Das Uebereinkommen zwischen den beiden Staaten bestehende Handelsabkommen bis zum 31. Dezember d. J. verlängert wird, ist unterzeichnet worden.
Zur Choleragefahr.
Breslau, 31. Juli. Un die Einschleppung der Cholera
zu verhüten, hat der Regierungspräsident von Oppeln im Einvernehmen mit der königlichen Eisenbahndirektion und der Polizeiverwaltung ferner verfugt, daß die gesundheitspolizeiliche Untersuchung auf den Bahnstationen Kattowitz, Schoppinitz, Myslowitz, Pleß und NRatibor unverzüglich in Wirksamkeit treten soll. Fur die Unterbringung von Reisenden, die offenber oder mutmaßlich an der Seuche krank sind, sind Personenwagen
Unsere heutige Rummer umfaßt 8 Seiten.
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