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Fünfter

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für die Kreise

Bitvurg und

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D aun.

19.

Sonntag, den 27. April

Personal=Chronik.

An die Stelle des frühern, aus dem Dienste geschie­denen Bürgermeisters Simon zu Kilburg, ist die Ver­waltung der Bürgermeistereien Kilburg und Malberg, Kreis Bitburg, dem Premier=Lieutenant a. D. Fried­rich Wilhelm von Oerthel commissarisch über­tragen worden.

Der Bürgermeister André zu Dasburg ist am 8. d. Mts. gestorben und die dadurch erledigte Verwaltung der Bürgermeistereien Dasburg, Daleiden, Olmscheid und Arzfeld dem Civil=Supernumerar Hochmuth commissarisch übertragen worden.

Ständchen in der Silvesternacht.

(Fortsetzung.)

Der blinde Bergmann schritt unterdessen in den vier Ecken der Stube umher, nicht sowohl um den Inwoh­nern Lebewohl zu sagen, denn er war wenig mitthei­lend, als um die Wände zu betasten und sich einen letzten Eindruck von ihrer Beschaffenheit zu machen, denn der Gebirger liebt und überschätzt Alles, was ihn umgibt. Seine Berge, sein Schacht, sein Haus, ja die Ecke seiner Stube sind ihm unersetzliche Besitzthümer die er nirgend so wieder zu finden hofft, und auch in der That nirgend so und nur so wieder findet, wie sie ihm durch Gewohnheit und Erziehung theuer geworden sind.

Wo meint er je dieselbe Luft zu fühlen, die ihn von seinen Wiesen so würzig anweht, dieselbe Sonne zu sehen, die so senkrecht in seine Thäler hineinscheint die nämliche Mundart zu hören, die seinem Ohr zau­berisch tönt, wo den Sitten und Gebräuchen zu be­gegnen, die so alt und ehrwürdig nur noch in seinen Bergen leben, in denen er aufgeht, die ja eben den kleinen Winkel der Erde ihm zur Heimath schaffen! Denn was ist Heimathsinn anders als das Aufgehen seiner selbst in der Umgebung? Heimweh ist die Sehn­sucht nach diesem Aufgehen. Und er kennt sie, diese Sehnsucht, der einfältige Bergmann!

Auch Matthias war aus dem Hofe wieder in die Stube getreten und schritt aus seiner Ecke in eine fremde, aber nicht um die Wände zu betasten.

In dem zweiten Stubenviertel wohnte eine Wittwe mit ihrer Tochter. Beide nährten sich von Klöppeln und kamen jetzt eben von der benachbarten Spitzenfa­brik heim, wo sie sich ihren Lohn und neue Arbeit ge­holt hatten. Der Zahlungstag ist aber für den Ge­birger ein Freudentag. Sein glücklicher Leichtsinn läßt ihn vergessen, das der karge Lohn nicht über die drin­gendsten Bedürfnisse hinausreicht und daß vielleicht schon morgen der Tag sein wird, an welchen sich die lange Reihe der Fasttage schließen mag.

Auch bei Frau Muth und ihrer Tochter war daher Alles Lust und Frohsinn. Erstere schob den Klöppelsack beiseit und schickte sich an, ihr Viertel zu fegen, um

es zur heiligen Nacht mit Sirohmatten zu belegen, nach altem Brauch. Die Tochter, Anna=Marie rückte vor dem kleinen Spiegel die Kornette zurecht und sang dabei mit der hübschen fibrirenden Gebirgsstimme:I bin ä gebirgisch Mädel rc. ein Liedchen. Da trat Matthias auf die Schwelle von Frau Muths Wohnung um den beiden seine Abschied=Visite zu machen.

Anne=Marie, sagte er und schickte dabei sein for­schendes Auge auf Kundschaft aus,Anne=Marie, ich zieh' heut fort in die Fremde auf Nimmerwiedersehen. Anne=Marie sah im Stückchen Spiegel das Auge und sagte lachend:Das sollt' ihm schlimm bekommen, Matthias! Matthias fragte:Wie so? Die hüb­sche Klöpplerin wandte ihm darauf rasch das Gesicht zu, indem ihre Augen sich fast zornig in die seinigen gruben.

Das will ich ihm erzählen, Matthias, aus eige­ner Erfahrung! rief sie und pochte mit dem Fäust­chen in die hohle Hand.

Vor zwei Jahren da lockts mich auch, dacht': möcht' doch sehen; wie die Welt hinter den Bergen beschaffen ist! Da hab ichs denn erfahren.

Und die Thräneu traten dem Kinde bei diesem An­denken in die Augen.

Sieht er, Matthias, meine Mutter hat eine Ver­wandte in der Residenz, die ist meine Pathe, die nahm mich zu sich, auf wie lang' ich wollt', wenn mir's ge­fiele. Anfaugs gesiels mir auch, aber das war bald anders.

Die Pathe besaß ein Haus mit vielen Stuben, in denen wir zwei ganz allein wohnten und aus einer in die andere gingen, wir wußten selbst nicht warum. Das kam mir schon sehr wunderlich vor und ich meinte, die Frau Pathe könnte Jemand hinein quartieren, dem's just an einer Stube fehlte.

Die Treppen waren himmelhoch, aber deshalb be­kam ich vom Himmel doch nichts zu sehen, ausser, wenn wir spazieren gingen. Darauf freut ich mich auch über die Maßen; aber, was war's? bestaubte Promenaden, wie sie's nennen, mit Strauchwerk an den Seiten. Viele geputzte Leute, die an uns vorübergingen, ohne Gruß, ohneGlück auf, kurz, die uns ganz fremd waren und die auch wir nicht kannten. Das, Mat­thias, wollte mir schon das Herz beklemmen; aber ich ertrug's und dachte: wenn du nur erst Sr. Majestät. unsern gnädigen Landesvater wirst sehen!

Das sollte mir denn auch zu Theil werden.

Stößt mich eines Tages auf der Straße meine Pathe und sagt: da kommt der König, ich sehe mich um, rechts und links, schaue nach der sechsspännigen Staatskarosse aus, mit dem Heiducken hinten, dem Läufer vorn, von dem sie bei uns solch Wesen machten, ich kann nichts ersehen!

Endlich kommt da ein schlichter Mann gegangen,

im dunkeln Rock mir'n Hut, wie jeder gemeine Mann ihn trägt, geht an uns vorüber, wir grüßen nicht, er dankt nicht, hat nichts hinter sich, nichts vor sich, als seinen eigenen Schatten. Und das, Matthias, war der Landesherr! Jetzt Mathias, war meine Freud' dahin! ich wußt' nicht mehr, warum ich in der Resi­

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