Eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann. Erscheint jeden Sonntag und kostet bei den Fürstl. Thurn= und Taxichen Postämtern vierteljährlich 11 ¼/ Sgr., in den Expeditionen in Lemgo und Detmold 10 Sgr. Me 6. Lemgo, 8. Februar 1857. Anzeigen werden berechnet: unter 5 Zeilen mit 2 Sgr. 6 Pf. von—10 Zeilen 5 Sgr. über 10 Zeilen jede Zeile 6 Pf. Die=Heimath. (Nach Florian). Sei mir gegrüßt, du Heimathsflur, Von der ich schied mit stillen Zähren! Laß froh zu dir mich wiederkehren, Zu meiner Kindheit seel'ger Spur. Als einst das Schicksal mich von hier Mit harter Hand hinweg getrieben, Irrt ich umher; dir blieb mein Lieben Und meine Hoffnung blieb bei dir. Ob anderswo ich auch erblickt Gestade, Matten, grüne Wälder, Es haben Wellen, Blumen, Felder, Mein Auge nirgends so entzückt. Nein, auf der lieben Heimathsflur, Da singt der Bach die schönsten Lieder, Da senkt auf weichen Rasen nieder Der Baum die kühlsten Schatten nur. O glücklich, wer, wo ihm der Tag Erschien, verträumt des Daseins Stunden; Mit einer Freundin hold verbunden Nicht wechselt Liebe und nicht Dach! ist die Industrie? Industrie ist im strengen Sinne der neueren Zeit di Kunst, ein werthloses Produkt durch geschickte Verwendun werthvoll zu machen. Wenn der Goldschmied einen goldenen Schmuck, einer silbernen Löffel macht, so hat er eigentlich sehr wenig gelei stet; denn meisthin ist das Material, das Gold und das Silber, daran mehr werth als die Arbeit. Wenn dageger eine Fabrik aus einem Pfund Eisen Stahlfedern macht, so hat sie sehr viel geschaffen, denn das Produkt ist hundert mal mehr werth als das Material. Und das ist die recht Industrie. 56 4 5% Wenn Gold und Silber als Material einen hohen Werth haben, so rührt dies daher, weil diese Metalle selten zu finden, weil sie sehr mühsam ans Tageslicht geschafft werden und weil sie die edle Eigenschaft besitzen, weder von der Luft noch von gewöhnlichen Säuern angegriffen und rostig gemacht zu werden. Ihre Gewinnung ist theuer und darum ist ihre Verarbeitung nicht von hohem Werth.— Wenn dagegen die neuere Wissenschaft nachgewiesen, daß unsere gewöhnliche Thon=Erde ein Metall„Aluminium“ entdas man in fester Masse herstellen, das man zu vielen Dingen verarbeiten kann und das ebenfalls in seinen Eigenschaften den edlen Metallen gleichkommt; wenn hierauf die Industrie sich in der jüngsten Zeit die Aufgabe gestellt hat, dieses Metall im Großen und in billiger Weise herzustellen; wenn es sich bestätigen sollte, was neuerdings berichtet wurde, daß in Frankreich das Pfund Aluminium für etwa einen Thaler wird geliefert werden können, so wird dies ein neuer, ein echter Industrie=Zweig werden; denn man wird aus einem Produkt, das sich allenthalben in großen Massen findet und das gegenwärtig ganz werthlos ist, ein Metall schaffen, das zu unzähligen Dingen nutzbar und in tausend Fällen werthvoll sein wird. In neuerer Zeit hat man den Chaussee=Staub zu ganz vortrefflichen festen Steinen verarbeitet. Man hat aus einem werthlosen Ding ein werthvolles geschaffen. Das ist echte Industrie.— In neuester Zeit befreundet man sich immer mehr mit dem Gedanken, daß man das unreine Wasser unserer Gossen, das in den Fluß fließt und denselben verunreinigt, einmal so behandeln wird, daß man aus diesem den kostbarsten Düngstoff wird gewinnen können! Das ist ein großer Plan, ein recht industrieller Gedanke von der bedeutsamsten volkswirthschaftlichen Wichtigkeit. Wird er verwirklicht, so wird man aus Nichts sehr Viel schaffen. In solcher Thätigkeit greift der Menschengeist kräftig in die Werkstatt der Natur ein. Er regelt ihren Haushalt und ordnet ihn zu seinem Dienste; er erfüllt seine Bestimmung, die ja schon in alter, sehr alter Zeit dahin ausgesprochen wurde, daß er die Erde füllen und sie bezwingen solle.— Ein echter Zweig der Industrie ist es aber auch, aus verbrauchten abgenutzten Dingen wieder neue Produkte brauchbarer Art zu schaffen. Wenn die Chemie aus alten werthlosen Knochen Leim, Phosphor, Knochenmehl und andere wichtige Produkte macht, ist es ein Gewinn aus abgenutzten Dingen. Wenn man Horn=Abfälle jetzt so zu behandeln versteht, daß sie wiederum gut verwendet werden können, so ist das ein echter Industrie=Zweig. Aus alten Lederstückchen, die Sattler, Schuhmacher u. s. w. sonst in den Kehricht warfen, fabrizirt man jetzt künstliches Leder. Das ist ein werthvolles Produkt aus werthlosen und abgebrauchten Stücken. Die Chemie hat nachgewiesen, wie man aus Sägespähnen Spiritus und Essig bereiten kann, ja wie sogar die Aussicht vorhanden ist, einen brauchbaren Zucker daraus zu gewinnen. Das ist Stoff für echte Industrie. Wie man aus der sonst ganz mißachtet gewesenen Braunkohle jetzt werthvolle Stoffe mannigfacher Art gewinnt, ist eine bekannte Thatsache. Paraphin, Photogen sind schon wichtige Handelsartikel geworden. Die Ausbeute wird noch viel weiter getrieben werden, wenn erst der richtige Geist der Industrie sich der Ergebnisse der Wissenschaft bemächtigen wird, denn in dieser, der Wissenschaft, liegt ein mächtiges Mittel der Verwerthung werthloser und verbrauchter Materialien, und wir dürfen die Hoffnung hegen, daß an der Hand des geistigen Fortschrittes auf diesem Gebiete der materielle Fortschritt sich sehr emporschwingen wird. Und das ist es, was wir Industrie, die wahre Industrie nennen. 22 Ein Bürgerhaus vor sechshundert Jahren.*) „Das Bild eines pariser Bürgerhauses im dreizehnten Jahrhundert unterscheidet sich von jenem eines Herrenhauses in mannigfachen und wesentlichen Dingen, darin stimmten sie jedoch stets überein daß die Familienräume von den übrigen, zu welchen auch Fremde Zutritt hatten, streng geschieden blieben. Wir denken uns als den Bewohner einen Handwerker, der gleichzeitig auch den Verkauf der von ihm erzeugten Waaren besorgt, dessen Haus also nebst der Wohnung noch die Werkstätte und das Kaufgewölbe in sich schließt. Das letztere war frei gegen die Gasse gelegen und so eingerichtet, daß sein Verschluß gleichzeitig als Schirmdach und Verkaufstisch diente. Von den beiden Holzladen nämlich, welche die Krambuden zur Nachtzeicht und an Festtagen sperrten, öffnete sich der obere und untere in entgegengesetzter Richtung. Der erstere wurde halb aufgezogen, so daß er ein schräges Dach bildete und Sonne und Regen abhielt, der andere auf die Fußbank niedergelassen und auf ihm sodann die Waare vor dem Kunden, der stets außen auf der Straße blieb, ausgebreitet. Im Hintergrunde der Krambude befand sich die Werkstätte, das ouvroir, von welchem zuweilen eine Treppe in das obere Geschoß, so wie in den Keller führte. Unmittelbar von der Straße gelangte man über Flur und Treppe zu den Wohnungsräumen, und zwar zunächst zum Saale, welcher die Familie bei dem Schmause vereinigte und zur Begrüßung der Gäste diente. Nur in vornehmern Häusern gab es eine besondere Küche; sie lag in einem Hofbaue und besaß gleichfalls eine abgesonderte Treppe. Hier zählte man überhaupt mehr Räumlichkeiten. Zum Umkreise des Palastes gehörten Garten und Hof mit den Stallungen und den Wohnungen für Fremde und Diener. Vom Hauptthore führte der Weg unmittelbar in den großen Saal, wo sich die Vafallen versammelten, die Gelage abgehalten und das Recht gesprochen wurde. Versteckt angebrachte Wendeltreppen vermittelten den Zugang zu den Familiengemächern, die unregelmäßig, aber dem Bedürfniß angemessen hier und dort bald vorspringend, bald in der Tiefe der Mauer angebracht waren und von den Fremden nicht betreten wurden. Die minder reichen Classen begnügten sich mit einer einzigen Bettkämmer, an den Saal anstoßend und zuweilen nur durch schmale Gucklöcher erleuchtet. Ueber der Kammer befand sich häufig der Söller, blos durch eine Außentreppe zugänglich, der Ehrenplatz im Hause und gleichzeitig der sicherste Raum, wo der Hausherr seine Habe barg und im Falle der Gefahr die Familie flüchtete. Nach modernen Begriffen mag freilich einem so bunt gegliederten Hause eine Grundbedingung der Schönheit, die Symmetrie fehlen; das kleine Thürchen z. B. zum nächtlichen Gebrauche und für die Fußgänger neben dem großen Einfahrtsthore, die Gucklöcher neben den Hallenfenstern beleidigen den Sinn für Regelmäßigkeit, und geht man vollends von dem Satze aus, der heutzutage die bürgerliche Architektur regiert: das Haus sei der Facade wegen da, so wird man an dem mittelalterlichen Baue keine guten Eigenschaften erkennen. Anders wird freilich das Urtheil lauten, wenn man die innere Einrichtung des Hauses mit den Lebensgewohnheiten des Mittelalters vergleicht. Man vergißt dann weder die Sorgfalt für die Bequemlichkeit der Einwoher, noch den ledendigen Sinn für die zierliche Ausschmückung der Räume. Betreten wir für einen Augenblick die Bettkammer oder chambre. Das mit Federbett und Kissen versehene Lager ist so aufgestellt, daß zwischen ihm und der Wand noch ein Gäßchen, der gewöhnliche Zufluchtsort überraschter Liebhaber, übrig bleibt; in seiner Nähe steht die Kleiderlade oder als Ersatz dafür die„pertica“, eine an der Wand befestigte Stange, über welche die Kleider geworfen wurden; dem Bette gegenüber ist der breite Kamin angelegt, unter dessen Mantel ein Fensterchen angebracht war, so daß man sich gleichzeitig wärmen und die außen Vorübergehenden betrachten konnte. Die Wände waren mit bunten Teppichen bedeckt, oder mit Holzgetäfel verkleidet, die Deckbalken zierlich geschnitzt, in die Fenstervertiefung der reich *) Paris im dreizehnten Jahrhundert von Anton Springer. Mit einem Plan. Leipzig, S. Hirzel. gearbeitete Vogelbauer gestellt, falls nicht, wie es in den meisten Palästen üblich war, eine eigne Stube für diesen Zweck eingerichtet wurde, und der Boden mit Tüchern bedeckt, deren Stelle in ärmern Häusern die Binsenstreue verkrat. Manches Auffallende und der reifen Cultur Entgegengesetzte finden wir freilich auch vor. Der Gebrauch der Stühle ist im dreizehnten Jahrhundert seltener als in frühern Zeitaltern. Infolge der Krenzzüge reißt die Sitte ein, auf Kissen und Teppichen zu ruhn, in deren Ermangelung wohl auch das Bett als Sitz diente. Gabeln bilden ebenso wenig einen nothwendigen Theil des Hausrathes, sie kommen im Besitze von Fürsten nur in einzelnen Exemplaren vor, während die silbernen Löffel schon nach Dutzenden gezählt werden. uun umn###(Grenzb.) espondenzen. Detmold, 28. Januar. Gestern wurde hier der Tag gefeiert, wo der Regierungspräsident v. Meien vor 50 Jahren in den Staatsdienst eintrat, indem er Anfang 1807 als Auditor in Schötmar seine Laufbahn begann. Man muß gestehen, in der langen Reihe von Jahren, in welcher manche critische verhängnißvolle Periode zu überstehen war, wollen wir auch nicht an die ferne Franzosenzeit erinnern, hat er, von der hochseeligen Fürstin Pauline im Jahre 1851 zum Amtmann in Horn, und dann im Jahre 1815 zum Regierungsrath und Commissarius der Neustadt in Detmold befördert, von Sr. Durchl. dem jetzt regierenden Fürsten aber im Jahre 482t zum Chef der Regierung erhoben, sich fortwährend als treuer Diener des Regenten bewiesen, der bei Allem unbedingt auf ihn zählen konnte, und sich den Geschäften mit einer Gewandtheit, Promptheit und Unermüdlichkeit hingegeben, welche in der That selten sind. Dabei wußte er sich von jeher die Herzen Aller durch seinen freundlichen liebenswürdigen Charakter zu gewinnen. Deshalb wiederfuhren ihm denn auch zu dessen festlichem Tage die verschiedensten Ehren in verdienter Weise. Am Abend zuvor brachte ihm nämlich die hiesige Liedertafel ein Ständchen, bei welchem, unter instrumentaler Begleitung, mehre sinnige Lieder vorgetragen wurden. Gestern bei Tagesbruch eröffnete das militärische Musikcorps das eigentliche Fest, indem es unter den Fenstern des Jubilars mit mehren schmetternden Musikstücken auswartete. Gegen 10 Uhr begann die größe Grakulation, wo zunächst die Familie den Jubilar begrüßte, unter Darbringung von verschiedenen Geschenken; die mit artigen Gedichten begleitet waren, sodann Herr Cabinetsmeister von Oheimb erschien und unter zweckmäßiger Anrede im Namen Sr. Durchl. des Fürsten die Verdienstmedaille überreichte, von preußischer Seite den Rothen Adlerorden zweiter Klasse hinzufügend, der durch Vermittlung des preußischen Gesandten in Kassel von Berlin hergesandt war. Gegen 11 Uhr fanden sich diejenigen Herren ein, weiche sich zur Darbringung eines Ehrenbechers unterzeichnet hatten, ein großer Zug von ein paar hundert Männern, die von ihrem Sammelplatze, der Ressource, feierlichst heraufgezogen kamen und an ihrer Spitze den Herrn Geh. Hofrath Piderit hatten, der die Adresse verlas und den schön gearbeiteten größen silbernen Pocal übergab. Daran schloß sich die Gratulation des Herrn Provinzialsteuerdirektors Göring von Münster und derjenige des Herrn Cabinetsministers von Lauer und Reg.=Raths Höcker aus Bückeburg, denen der hiesige Magistrat, welcher zugleich ein Ehrengeschenk von 50 Flaschen feinen Weines gesandt hatte und ferner die Deputationen der übrigen Magistrate und mehrer Aemter folgten. Um 1 Uhr war der Jubilar zu Sr. Durchlaucht dem Fürsten befohlen, wo ihm Hochderselbe seinen Glückwunsch dargebracht haben wird. Um 4 Uhr war große Tafel am Hof, welche bis gegen Ende 7 Uhr fortgesetzt wurde.— Wir wollen wünschen, daß uns der Himmel noch lange den Jubilar in seiner Thätigkeit erhalten möge, der übrigens noch immer in einer rosigen Frische blüht, welche Bewunderung erregen muß. Es ist in einem kleinen Lande, wie das unsrige, gewiß ein seltenes Zusammentreffen, daß in dem kurzen Zeitraume von 2 Monaten drei Jubiläen zusammenfallen, nämlich am 6. Januar d. J. das des Amtsraths Mücke zu Schieder, am 27. Januar das des Regierungspräsidenten v. Meien und am 12. Februar das des ersten Burgemeisters Petri zu Lemgo. Ein viertes, 23 wofür von Seiten der Behörden schon alle Vorbereitungen getroffen waren, würde im Monat März gefeiert sein, wenn nicht ein unerwarteter Tod den allverehrten Jubilar, Forstrath Kellner zu Sternberg, zum tiefsten Bedauern seiner zahlreichen Freunde und Verehrer, vor wenigen Wochen abgerufen hätte.(H..) Weltbegebenheiten. Die Vorlegung der neuen Steuergesetze von Seiten der Regierung scheint weder den Beifall des Landes, noch des preußischen Landtags zu haben. Namentlich ist man gegen die Gewerbesteuer und die Erhöhung des Salzpreises. Als ein Ausdruck dieser Stimmung darf auch folgender Antrag gelten: Berlin. In der Finanzkommission hat der Abg. Kühne(Berlin) folgenden Antrag gestellt: ndie Kommission ist der Ansicht, daß 1) die aus der Wiederherstellung der vollen dreijährigen Präsenzzeit erwachsende Steigerung des Militär=Etats wird gedeckt werden können: a) durch einstweilige Verwendung der aufkommenden Eisenbahnsteuer zur laufenden Dodation des Eisenbahnfonds, b) durch eine vom Etat der Staatsschulden=Verwaltung schon vou 1858 an dadurch zu bewirkende Ersparniß, daß ein entsprechender Theil der für die Kaution der Statsbeamten zu zahlenden Zinsen aus den beim sog. Kautions=Deposito aufkommenden Zinsen bestritten werde, und daß 2) das Bedürfniß einer Verbesserung der Beamtgehälter zwar keineswegs in Abrede zu stellen sei, vielmehr in speziellem Bezug auf einen großen Theil der Unterbeamten selbst als dringend anerkannt werden müsfe, daß jedoch die Bewilligung neuer Steuern für diesen Zweck nicht für angemessen und auch in so weit nicht für erforderlich könne erachtet werden, als die für die nächsten Jahre mit genügender Wahrscheinlichkeit zu erwartenden höheren Erträge aus den bestehenden Einnahmequellen die Mittel zur successiven Erledigung auch derartiger Anforderungen gewähren würden, wobei dann nur darauf zu achten sein werde, sowohl daß die Ausgabe-Erhöhungen für den obengedachten Zweck nicht hinter andern minder dringenden Staats=Ausgaben zurückstehen dürfen, als ferner, daß dabei gleichzeitig auch die Frage wegen Verminderung der Beamtenzahl durch Vereinfachung der Verwaltung möge in Auge behalten werden.“ — Am 2. Februar wurde in der Wohnung des Kaufmanns Rosenthal(Spandauerstr. 60.) ein Einbruch verübt und eine große Anzahl von Brillantringen, 300 goldene Uhrketten, 150 goldene Uhren und 250 Thlr. an barem Gelde gestohlen. Der bestohlene bietet durch öffentlichen Anschlag 500 Thlr. Belohnung demjenigen, welcher zur Herbeischaffung des entwendeten Gutes behülflich ist. Magdeburg. Die von der Polizei bereits im vorigen Jahre eingeführte Beschränkung der öffentlichen Tanzlustbarkeiten ist in diesem Jähre auch auf die Vorstädte und einige zum hiesigen Polizeibezirke gehörenden Dörfer ausgedehnt worden. Paris, 30. Jan. Vserger wurde heute Morgen um 8 Uhr hingerichtet. Der Kassationshof hatte gestern Abend nach 6 Uhr sein Gesuch verworfen. Der Beschluß des Gerichtshofes wurde sofort redigirt und nach dem Justizministerium gesandt. Gegen Mitternacht erhielt der Generalprokurator am Kassationshofe Befehl, das Urtheil am Freitag Morgen bei Tagesanbruch vollstrecken zu lassen. Um 12½ Uhr Nachts kam der betreffende Befehl in dem Gefängnisse La Roquette an. Der Scharfrichter überbrachte den Befehl selbst. Um 2 Uhr wurde das Schaffot vor dem Gefängnisse La Roquette aufgeschlagen. Ungeachtet man das strengste Geheimniß bewahrt, so hatte sich doch schon um 3 Uhr Morgens eine große Anzahl von Personen eingefunden. Um 7 Uhr waren die Straße de la Roquette und die benachbarten Straßen mit einer ungeheuren Menschenmenge bedeckt. Das Publikum wurde jedoch nicht in die Nähe des Schaffots zugelassen. Die Straße war in einer Länge von etwa 900 Fuß gesperrt, so daß die Zuschauer nur mit Mühe die Ereignisse auf dem Schaffot bemerken konnten. In diesem Raume waren Infanterie und Kavallerie nebst PolizeiAgenten in großer Anzahl aufgestellt. Während des gestrigen Tages war Verger höchst aufgeregt gewesen. Er drückte öfters seine Befürchtungen über die Verwerfung seines Gesuches aus. Da er Abends keine Nachricht erhielt, so hatte er wieder Hoffnung gefaßt. Er fragte aber doch mehrere Male, wie lange man den Verurtheilten nach Verwerfung des Kassationsgesuches noch Zeit gewähre. Während eines Theiles der Nacht war Verger in großer Angst; er schlief schlecht. Gegen 2 Uhr Morgens verfiel er jedoch in einen tiefen Schlaf, gerade während man das Instrument zu seiner Hinrichtung aufrichtete. Als man Morgens kam, um ihm anzukündigen, daß er sich zum Tode vorbereiten müsse, war er noch im tiefsten Schlafe. Es war um 7½ Uhr, als der Gefängnißdirektor, der General-Inspector und der Chef der öffentlichen Sicherheitspolizei, so wie der Abbé Hugon sein Gefängniß betraten, um ihm die Todesbotschaft zu bringen. Es war der Abbé Hugon, der ihm die Verwerfung seines Kassationsgesuches ankündigte. Bei den ersten Worten schüttelte Verger den Kopf, wie ein Mann, der aus einem schweren Traume aufwacht. Er rief aus:„Das ist unmöglich! Als der Abbé Hugon ihn darauf wiederholte, daß es keine Hoffnung mehr für ihn gebe, gerieth er in eine unbeschreibliche Wuth. Aber ich will nicht sterben!“ rief er aus, nes ist unmöglich! Ich will leben; ihr habt nicht das Recht, mir das Leben zu nehmen!“ Der Abbé Hugon versuchte alles Mögliche, um ihn zu beruhigen, aber Verger hörte ihn nicht an, und die Szene, die sich vor dem Assisenhofe zugetragen, wiederholte sich. Der Gefängnißdirektor intervenirte hierauf.„Bewilligen Sie mir eine Stunde,“ rief Verger,„eine einzige Stunde!“ Man antwortete ihm, es sei unmöglich.„Gut!“ rief er dann in fürchterlichster Wuth,„ich will nicht sterben,— ich werde mich vertheidigen!“ Ihr werdet mich hier tödten, aber ich werde nicht fort gehen!“ Er hielt sich an seinem Bette fest und weigerte sich, aufzustehen. Seine Wächter mußten ihn mit Gewalt anziehen. Verger leistete zuerst den heftigsten Widerstand, als er aber sah, daß dieser unnütz war, ließ er zuletzt Alles mit sich machen. Der Scharfrichter holte ihn um 7¾ Uhr ab, um seine Toilette für den letzten Gang zu machen. Verger wollte zuerst Widerstand sleisten. Der Nachrichter erklärte ihm aber, daß er Mittel habe, ihn sofort zu bändigen, und Verger gab nach und ließ den Nachrichter gewähren. Diese Operation machte aber einen fürchterlichen Eindruck auf ihn; sein Gesicht wurde ganz entstellt, er war um 20 Jahre älter geworden. Abbé Hugon näherte sich dann Verger von Neuem und bewog ihn nach einer längeren Weigerung dazu, die Absolution zu empfangen. Einige Minuten vor 8 Uhr verließ Verger seine Zelle; der Scharfrichter und der Abbé Hugon führten ihn. Verger schien resignirter zu sein. Vom Gefängnißdirektor verlangte er aber nochmals eine Stunde Frist, als er Abschied von ihn nahm. Auf dem kurzen Wege vom Gefängnisse zum Schaffot murmelte er einige Worte, wie:„Kirchenbuße. später....“ Er bestieg das Schaffot, von dem Priester und dem Scharfrichter unterstützt. Oben angekommen, küßte er das Kreuz, umarmte den Abbé Hugon und rief dann zwei Mal:„Es lebe Christuslu indem er dabei auf die Kniee sank. Einen Augenblick später hatte das Messer seinem Leben ein Ende gemacht. Paris, 31. Jan. Wie es heißt, wird der Kaiser von Rußland sich im Frühjahre über Berlin nach Nizza begeben, um dort mit dem Kaiser Napoleon und dem Könige von Sardinien zusammenzutreffen.— Der Bruder von Verger hat den Leichnam des Hingerichteten reklamirt, um ihn zu beerdigen und alle seine Freunde einzuladen. Es wurde ihm jedoch bedeutet, daß das Letztere überflüssig wäre. Derselbe Bruder sagte zu einem Advokaten, daß er den Verlust seines Bruders wohl bedauere, aber doch hoffe, daß die Veröffentlichung von dessen Memoiren ihm in einigen Jahren zu einem Vermögen verhelfen werde. Sehr brüderliche Gedanken! England. Die Eröffnung des Parlaments hat stattgefunden. Die Tyronrede berührt auch die Neuenburger Frage und stellt die endliche friedliche Beilegung dieser Angelegenheit in Aussicht. Italien. Man schreibt der„K..n aus Neapel vom 22.: Das gewaltsame System, das hier seit einigen Wochen herrscht, dauert fort. Der Polizeidirektor machte zuerst Vorstellungen gegen die befohlenen massenhaften Verhaftun 24 gen, führte sie aber aus, als er erfuhr, daß es der König selbst gewesen sei, der sie angeordnet. Der König, der plötzCaserta abgereist ist, hat sich dort mit allen möglichen Vorsichtsmaßregeln umgeben. Er hat eine eigene Leibwache, die aus fünf Hauptleuten besteht und die Tag und Nacht um ihn, zu seinem persönlichen Schutze sind. Eine aus 84 ausgewählten und gedienten Soldaten bestehende Polizeiwache versieht den Dienst im Innern des Palastes von Caserta. Eine bedeutende Abtheilung der Infanterie der Garde du Corps versieht ebenfalls den Dienst im Auf dem Platze, der sich vor dem Schlosse befindet, sind Tag und Nacht starke Kavallerie=Abtheilungen mit gezogenen Degen und gespannten Pistolen aufgestellt. Die Besitzer der Häuser, die sich dem Schlosse gegenüber befinden, haben Befehl, kein einziges Fenster zu öffneu. Jedes Individuum, das in Caserta ankommt, wird bis zu seiner Abreise von einem Soldaten fortwährend begleitet. Die Personen, die in Caserta mit der Eisenbahn ankommen, dürfen nicht den geraden Weg von dem Bahnhofe nach dem Schloßplatze nehmen, sondern müssen sich auf einem Umwege, der an der Kaserne vorbeiführt, dorthin begeben. Vor der Ankunft des Königs in Caserta erhielten zwanzig Individuen Befehl zur sofortigen Abreise. Die Aufregung wird noch erhöht durch die Verhaftungen, die ohne Aufhören täglich in Neapel und dem übrigen Königreiche vorgenommen werden. Die Nachrichten aus Sizilien sind spärlich, aber die Aufregung, die dort herrscht, muß nicht gering sein. Amerika. Der älteste Mann in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist ein Farbiger. Er lebt in Woodstock(Vermont), ist 2 Jahre vor dem großen Washington geboren und jetzt 126 Jahre alt. Das amerik. Blatt, dem wir diese Notiz verdanken, verschweigt aber den Namen des schwarzen Patriarchen. Ueber HHandwerkerassociationen und damit verbundene Creditvereine. (Fortsetzung.) 2. Die Beschaffung des Kapitals erfolgte: a) durch Ausgabe von Actien. Die Mitgliedschaft sollte durch Zeichnung einer Actie zu 2 Thaler erworben werden, wobei man davon ausging, daß diejenigen, welche nicht einmal 2 Thaler aufbringen und ersparen könnten, überhaupt nicht geeignet sein, dem Vereine anzugehören und von ihm Credit zu erhalten. Die Anstalt sollte eben keine Armenversorgung werden, vielmehr der Verarmung vorbeugen und den redlichen Erwerb erleichtern. Neben diesen sogenannten Mitgliederactien à 2 Thlr. wurden sogenannte Ehrenactien à 5 Thaler emittirt, welche in den ersten beiden Jahren keine Zinsen tragen, dagegen vom dritten Geschäftsjahre an den Inhabern mit 5 Procent verzinst werden sollten. Von solchen Actien à 5 Thaler wurden 216 gezeichnet, somit daraus 1080 Thaler gelöst. Der so geschaffene erste Fonds wurde noch dadurch verstärkt, daß der Stadtrath bereits vorher aus den Ueberschüssen seiner Sparkasse 250 Thaler für eine zu gründende Creditkasse ausgesetzt hatte und ein ungenannter Bürger sofort ein zinsfreies Darlehen von 100 Thaler dem Vereine zur Verfügung stellte. Somit begann der Verein mit einem Vermögensbestande von 1686 Thalern, wovon jedoch schon im ersten Monate des Bestehens(April 1855) 1495 Thaler als Darlehn den Mitgliedern vorgeschossen wurden. Die weiteren Bedürfnisse der Vereinskasse wurden gedeckt b) durch Anfnahme von Darlehen, wofür alle Vereinsmitglieder solidarisch haften. Die betreffenden Schuldscheine werden von dem Direktorium oder Vereinsausschusse unterschrieben c) durch die Monatsbeiträge und die Einlagen der Mitglieder. Der Creditverein ist zugleich ein Sparverein, indem jedes Mitglied einen monatlichen Beitrag von wenigstens 2½ Sgr. beisteuern muß. Diese Monatsbeiträge werden den Mitgliedern gehörig verzinst, müssen aber während der Dauer der Mitgliedschaft in der Vereinskasse stehen gelassen werden, so lange sie nicht die Höhe von 20 Thaler übersteigen. Es bildet sich daraus nach und nach ein Stammvermögen des Vereines, wodurch sich dessen Credit erhöht.— Was die Einlagen anlangt, so ist dadurch den Mitgliedern des Vereins der weitere Vortheil geboten, kleine und große Ersparnisse sicher und zu besseren Zinsen(zu%), als die Sparkassen gewähren, anzulegen. 3. Voraussetzungen zur Erlangung von Credit. Der Creditverein gibt nur Credit an seine Mitglieder. Die Höhe des zu gewährenden Credits wird jedem einzelnen Mitgliede gleich beim Eintritte nach seinen Vermögens=, Geschäfts= und persönlichen Verhältnissen durch den Vereinsausschluß ansgeworfen. Dieser Ausschluß oder Verwaltungsrath besteht ans 12 Personen, wozu von allen Theilnehmern des Vereins meist solche Mitglieder gewählt worden sind, welche je in den verschiedenen Kreisen mit den persönlichen und Vermögensverhältnissen der Mitglieder gut vertrant sind und das Vertrauen Aller genießen. Diese Ausschlußpersonen schätzen nun jedes Vereinsmitglied gewissenhaft ab und entwerfen danach eine förmliche Creditliste über alle Theilnehmer. Diese Liste hat verschiedene Abstufungen. So werden z. B. die wohlhabenderen angesessenen Bürger mit einem blühenden 1a####ls solche aufgeführt, denen der Verein unbedenklich 200 Thaler oder derüber borgen könne; andere mit weVermögen, aber mit guten Geschäften von anerkannter Tüchtigkeit und Rechtlichkeit, sollen 100, wieder andere 50 oder 25 Thaler bis zu 10 Thaler herunter dargeliehen erhalten. Der Maßstab der Abschätzung ist: der Vermögenszustand des Mitgliedes, namentlich etwaiger Grundbesitz, sodann der Stand und die Bedürfnisse seines Geschäftes und in der Hauptsache Rechtlichkeit, Fleiß, Geschicklichkeit, Sparsamkeit. In letzterer Beziehung wird auf die Regelmäßigkeit in der Einzahlung der Monatsbeiträge oder auf Niederlegung besonderer Ersparnisse Rücksicht genommen. Befinden sich in dem Vereine Mitglieder von anerkannt mißlichen Verhältnissen, von zweifelhaftem Rufe, oder solche, die schon bankerott waren oder sich außergerichtlich mit ihren Gläubigern vergleichen mußten, so werden dieselben in die Liste derer kommen, denen überhaupt bloß nach Höhe ihres Guthabens und ihrer Einlagen in die Vereinskafse oder nur gegen Pfand und Bürgschaft geborgt wird. Nach dem Resultate der Abschätzungen und Berathungen im Ausschusse wird eine Creditliste in 2 Exemplaren angefertigt, von denen die eine in die Hände des Direktors, die andere in die des Cassirers kommt. Die Creditliste wird in der allmonatlichen Ausschußsitzung einmal durchgegangen, wobei dann etwaige Veränderungen in den Vermögensverhältnissen der einzelnen Mitglieder besprochen und je nach dem Zustande ihres Geschäftes oder sonstigen bekannt gewordenen Thatsachen ihr upersönlicher Credit“ erhöht oder erniedrigt werden kann.(Wird fortgesetzt.) Briefkasten. An K. in S. Für gütigst zugesandte Gedichte Dank! Das früher zugesandte Räthsel können wir indeß nicht geben. Berichtigung. In der vorigen Nummer im„Fragment aus meinem Leben" lese man: primitiven statt privativen und baltischen statt beltischen. Für die Redaktion: Dr. Leizmann. Frucht=Preise. Weitzen, 2 Thlr. 5 Sgr. bis 2 Thlr. 10 Sgr. Roggen 1 Thlr. 15 Sgr. bis 1 Thlr. 224 Sgr. Gerste 1 Thlr. 15 Sgr. bis 1 Thlr. 174 Sgr. Hafer 28 Sgr. bis 1 Thlr. Rauhfutter 1 Thlr. 15 Sar bis 1 Thlr. 20 Sgr. Erbsen 1 Thlr. 20 Szr. bis 2 Thlr. Linsen 2 Thl. bis 2 Thlr. 10 Sgr. Stand der Louisd'or à 5 Thlr. 16 Sgr. Druck und Expedition von F. L. Wagener in Lemgo. Hierbei ein Samenverzeichniß.