Eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann. Erscheint jeden Sonntag und kostet bei den Fürstl. Thurn= und Tarischen Postämtern vierteljährlich 11 1/ Sgr., in den Expeditionen in Lemgo und Detmold 10 Sgr. N 48. Lemgo, 23. November 1856. Anzeigen werden berechnet: unter 5 Zeilen mit 2 Sgr. 6 Pf. von—10 Zeilen 5 Sgr. über 10 Zeilen jede Zeile 6 Pf. Winternacht. III. Der Schnee liegt hoch gethürmt. Vom dunkeln Winterhimmel Wälzt sich der Flocken Heer im nächtlichen Getümmel. Der Sturm jagt durch das Feld, er wühlt im tiefen Schneee, Als wollt' er retten sich vor brennend heißem Wehe. Es reißt den Schnee mit fort, in wirbelndem Gedränge Durchfegt mit ihm die Schlucht, wirft ihn an Bergeshänge. Er stürzt sich in den Wald, er rüttelt an den Bäumen, Als wollt' er wecken sie aus ihren Winterträumen. Die Stämme dehnen sich, sie ächzen und sie stöhnen, Als wenn den Lärm des Stürms sie wollten übertönen. Das kleine Käuzchen schreit aus seinem hohlen Baume, Der schrille Ton verklingt im aufzeregten Raume. Dem Känzchen hat der Schnce verstopft die Nahrungsquelle, Drum schreit es traurig jetzt aus seiner kleinen Zelle. Und dunkler wird die Nacht— und wüster stets und wilder, Es zieht sich scheu zurück das Heer der Sternenbilder. Zuweilen nur zerreißt der Sturm auf Augenblicke Die Wolken und der Mond tritt bleich dann vor die Lücke: Er schaut hinab so ernst, als wollt) er zürnend sagen: Stört doch mein Sinnen nicht und laßt das tolle Jagen!— O. Die Schule als selbstständiges Organ des Gemeinwesens neben Rirche und Staat. 3. Wenn die Sache im natürlichen Laufe der Dinge einmal so weit gediehen ist, daß die Wissenschaft aufgehört hat eine Magd der Kirche zu sein, daß sie sich aber eben so wenig in einem andern Dienst begeben kann; wenn die Mehrheit einer Nation vielmehr zu dem Bewußtsein durchgedrungen ist, daß die Wahrheit lediglich um ihrer selbst willen gesucht und erstrebt werden müsse; wenn die Förderung und Verbreitung der Wissenschaft als eine öffentliche Angelegenheit anerkannt wird, an der ein jeder im Volke ein Juteresse habe, theils um seiner eigenen Vildung willen, theils wegen ihres unmittelbaren Zusammenhanges mit allen Grundlagen zeitlicher Wohlfahrt, so ist es doch wohl an der Zeit, daß der gemeinsame Geist des ganzen Volkes, wie er als Bürgersinn zum Träger des Staats und als religiöser Glaube Träger der Kirche wird, so endlich auch als Wahrheitssinn sich der durch Lehre und Uuterricht zu fördernden Verbreitung von Wissenschaft und Kunst unterziehe und zu diesem Behufe, ein eigenes, selstständiges Orglan für Beide ins Leben gerufen werde! Der gewöhnliche Sprachgebrauch, welcher nach der Folge ihrer historischen Entwicklung Staat, Kirche und Schule schon seit geraumer Zeit trennt, kweist darauf hin, wie dieses Organ zu nennen sei. Wie die Gesammtheit aller einzelnen Ortskirchen eine große und einige Landeskirche bildet oder doch bilden soll, wenn erst alle Diener der Kirche ihre Aufgabe deutlicher erkennen, wissenschaftliche Fragen nicht länger zu Glaubensfragen machen, die Kirche nicht zu einem Orte schulmäßiger Belehrung, sondern— an die allgemeine, in jedem Menschen ohne Widerrede vorhandene Grundlage des Glaubens sich haltend— zu einem Orte religiöser Erbäuung des Gemüths und dadurch allen verdammungssüchtigen und unchristlichen Parteien= und Sekten=Wesen ein Ende machen, so werden auch alle öffentliche Anstalten für den Unterricht, welcher Art sie auch sind und welchen Namen sie führen, in eine große und einige Landesschule vereinigt werden müssen! Ebenso wenig aber wie ein Pfarrer seinen Beruf ganz erkannt hat, welcher seine Kanzel als ein Katheder ansieht und seine Glaubenssätze lediglich zu demonstriren sucht, hat auch ein Schulmeister seine Aufgabe begriffen, der umgekehrt seine Schulstube zu einem Betsaale macht, ohne auf die Entwickelung des Verstandes seiner Schüler besondere Rücksicht zu nehmen. Keiner von Beiden erscheint, nach unserer Anschauungsweise, seinem Berufe vollkommen gewachsen! So hätten wir denn drei Hauptorgane, welche ein Volk zu einer lebendigen Einheit verbinden, drei Organe, welche in der geistigen Einheit des Volks zugleich ihre gemeinschaftliche Unterlage besitzen, in dem fürstlichen Oberhaupte ihre gemeinschaftliche Spitze haben und in ihrem einträchtigen Zusammenwirken das Volk zu einem vollständig organisirten Gemeinwesen, zu einer wahren Kolektiv=Person erheben: die Schule als Organ für das Wissen und Können, oder als Organ für das Weltbewußtsein; die Kirche als Organ für den Glauben, oder als das Organ für göttliche Dinge und ihre Offenbarung; und endlich der Staat als Organ für die gegenseitige, lebendige Durchdringung Beider, welche zur Frucht treibt, und in Sitte und Tugend oder deren Gegentheil zur Erscheinung kommt. Daraus leuchtet zugleich ein, weßhalb der Staat auf höheren Stufen der Entwicklung weder ohne die Schule, noch ohne die Kirche sein kann! Ja in seiner ältesten Form war der Staat im Grunde nur Kirche und sein Princip ein ansschließlich hierarchisches! Der Schule gebührt nur das Verdienst, diese Einseitigkeit des Staats überwunden und demselben einen adäquaten Inhalt gegeben zu haben! Z. 190 Spaziergänge durch Deutschlands poetische Wälder. 1. Heinrich Heine. (Fortsetzung.) Besonders wohlthuend wurde für Heine der Aufenthalt in Berlin durch die Theilnahme und Aufmunterung, die er in dem Hause des Geh. Raths von Varnhagen und seiner Gattin, der berühmten Rahel, fand. Der letzteren widmete Heine sein„Lyrisches Intermezzen und „Die Heimkehrn und bemerkte fpäter:„Ich darf mich rühmen, der Erste gewesen zu sein, der diese große Frau mit öffentlicher Huldigung verehrte“ In Berlin erschien sein erstes Buch(„Gedichte“ 1822), welches damals schon einige der schönsten Erzeugnisse seiner Poesie enthielt, sich aber nicht den Beifall erwarb, wie seine späteren Sachen! Dasselbe widerfuhr ein Jahr darauf auch seinen freilich ziemlich unbedeutenden Tragödien„Redcliffen und„Almansorn. Ein Schriftsteller, der damals des jungen Dichters Bekanntschaft gemacht, sagt von ihm: Heine war klein und schmächtig von Gestalt, blond und blaß, ohne irgend einen hervorstechenden Zug im Gesichte zu haben, doch von eigenthümlichem Gepräge, so daß man gleich aufmerksam auf ihn wurde und ihn nicht leicht vergaß. Sein Wesen war damals noch weich, der Stachel des Sarkasmus noch nicht ausgebildet, der später die Rose seiner Poesie umdornte. Die guten Empfindungen, die er später oft verlachte, fanden ein wohlklingendes Echo in seiner Seele! Von Berlin ging Heine nach Göttingen, wo er 1825 die juristische Doktorwürde erhielt und zum protestantischen Christenthume übertrat. Alsdann bereiste er England und Italien und hielt sich abwechfelnd in Berlin, München und Hamburg auf! Im Jahre 1826 erschienen die„Reisebilder.“ Selten hat ein Buch in Deutschland so viel Aufsehen gemacht. Die Dreistigkeit, mit welcher der Verfasser nicht nur Zustände, sondern auch Personen geißelte, die er bei Namen nannte, war seit den Zeiten des berüchtigten Dr. Bahrdt unerhört. Seine Schlachtopfer erregten nicht einmal das Mitleid des Lesers, der lachen mußte, weil der Scharfrichter zu seiner Aktion selbst das possierlichste Gesicht machte. Eigentlich war und blieb er ja auch selbst stets die Hauptfigur! Er war nicht ihretwegen, sondern sie waren seinetwegen da! Während er seine Wunderthiere dem Publikum vorführte, klingelte der poetische Marktschreier mit seinen eigenen Narrenschellen so laut, damit man ja ihn vor allererst selbst bemerke, gleichviel, ob er sich dabei in gehässigem oder gutem Lichte zeigte. Der Dichter ist dabei so weit gegangen, seine eigene Ehre auf's Spiel zu setzen. Denn es läßt sich nicht läugnen, der Schmutz, mit dem er einige Persönlichkeiten beworfen, hat ihn selbst mehr verunehrt, selbst wenn sie es theilweise verdient hätten. Die Stelle über Platen entehrt Heine als Dichter, wie als Mensch. Was er über Platens Pedanterie und Selbstlob sagt, ist zum Theil gegründet und erlaubt, sie mit satyrischer Geißel zu verfolgen. Aber die häßliche, unnatürliche und verbrecherische Leidenschaft, deren er Platen auf das Schamloseste beschuldigt, hat wohl nur in der schmutzigen Phantasie seiner Gegner existirt und unter keiner Bedingung durfte ein Dichter als Denunziant eines so schmachvollen Verhältnisses auftreten. Ja Heine verirrt sich so weit, dem Grafen Platen seine Armuth vorzuwerfen. Den 1. Mai 1831 verließ Heine Deutschland und blieb seitdem, den kurzen Aufenthalt in Hamburg, 1844 abgerechnet, von seinem Vaterlande entfernt. Paris wurde nun zu seinem bleibenden Wohnsitze! (Schluß folgt.) Häusliche Angelegenheiten der Einige unserer Leser haben uns ihr Befremden darüber zu erkennen gegeben, daß in unserer Zeitschrift über ein und dieselbe Sache zuweilen die divergirendsten Meinungen zum Vorschein kommen. Wenn dies ein Tadel sein soll, so müssen wir denselben entschieden zurückweisen. Wir haben ja gleich in der ersten Nummer erklärt, daß die Sonntagspost kein Parteiblatt sein, sondern soweit es die Theilnahme ihrer Korrespondenten gestatte, möglichst gemeinnützig wirken solle. Die Redaktion glaubt auch, diese ausgesprochene Tendenz im ganzen Laufe des Jahres nicht aus den Augen verloren zu haben. Wer sich die Mühe machen will, die Hauptartikel unseres Blattes zu vergleichen, muß nothwendig die Ueberzeugung gewinnen, daß wir unserer Ankündigung treu geblieben sind. Wenn aber hin und wieder auch eine Korrespondenz mit unterläuft, welche das Gepräge der Parteilichkeit an sich trägt, so wird auch entgegengesetzten Anschauungen der Raum gegönnt worden sein, sich geltend zu machen. Nur dem absoluten Rückschritte im Staate, in der Kirche und Schule, den drei großen Hauptformen unseres öffentlichen Lebens, durften wir, um des gleich anfangs ausgesprochenen Zweckes willen, das große Wort nicht einräumen. Denn wer gemeinnützig wirken will, muß vor Allem auch das Schiefe und Verkehrte bekämpfen. Daß es dabei auch nicht an mancherlei Anstoß fehlen wird, ist nicht zu ändern! Wir möchten aber doch bei dieser Gelegenheit unsere geehrten Herren Mitarbeiter ersuchen, bei der Besprechung behördlicher Maßnahmen die möglichste Vorsicht anzuwenden. Es giebt Naturen, die offenbar aus grobem Holze gezimmert, doch, wo der Kultus ihrer eigenen lieben Persönlichkeit beeinträchtigt zu werden droht, so feine Fühlfäden besitzen, daß sie selbst aus einer ganz unbedenklich scheinenden Korrespondenz eine Injurie heraustasten. Und die Redaktion der Sonntagspost hat nun nachgerade Prozesse genug. Nun sagt zwar der größte italienische Staatsmann und Historiker: Man kann den Schluß machen, daß da, wo der Stoff nicht verdorben ist, öffentlicher Tadel nicht schadet: daß da aber, wo dieser verdorben ist, auch die bestgemeinten Dinge wenig nützen. Allein wir leben nicht in den Zeiten des großen Florentiners und werden darum nur wohlthun, wenn wir von der Befolgung der von ihm aufgestellten Maxime völlig Abstand nehmen. Correspondenzen. ., 20. Novbr. Wie wir aus glaubhafter Quelle erfahren, entbehrt das in einer Correspondenz der vorigen Nummer der Sonntagspost erwähnte Gerücht von einer für den ersten Januar 1857 angeblich beabsichtigten Veränderung der Postkurse in der dort angegebenen Weise jeder Begründung. Wir beeilen uns daher, dies nachträglich als Berichtigung zu bemerken! Lemgo. Auswärtige Btätter scheinen von lippischen Historien immer mehr zu wissen, als wir hier. So ist in derartigen Blättern neuerdings vielfach von gewissen allgemeinen Veränderungen die Rede gewesen, welche angeblich auf den Gebieten unseres kirchlichen Lebens bevorstehen sollen, die dort sogar als bereits vollzogene aufgeführt werden. Wir können dergleichen Zeitungsnachrichten um so weniger Glauben schenken, als unseres besten Wissens die trefflichen Männer, welche unsere kirchliche Oberbehörde bilden, ja stets jeder Art von geistigen Zwangsmaßregeln entschieden abhold gewesen sind. Darum glauben wir aber auch eine andere Zeitungsnachricht nicht, zufolge der besonders gegen einen durch seine frühere höchst freisinnige Denkweise sattsam bekannten diesseitigen Prediger gewisse Maßnahmen angeblich bevorstehen sollen! Dabei wollen wir jedoch nicht verhehlen, daß auch uns eine größere Betheiligung an dem Leben der Gemeinde, als vielleicht da und dort statt zu finden scheint, von Seiten des fungirenden Pfarrers stets wünschenswerth erschienen ist, ohne jedoch durch diese Bemerkung irgend einer Prätension auf geistliche Bevormundung und Strafgewalt das Wort reden zu wollen! 191 dem Lippischen. November. Die Ziegelarbeit im Auslande theilt das Loos alles Irdischen. Sie hat auch Schattenseiten. Dahin rechnen wir zuerst, daß der Hausvater jedes Jahr seine Familie 6— 7 Monate verlassen muß. Wer sorgt in dieser Zeit für die Erziehung der Kinder? die Mutter. Die kann sich aber sehr wenig um die Kleinen bekümmern; denn es liegt ihr noch eine andere schwere Sorge, nämlich die für's Hauswesen, für Garten und Feld ob. Wer möchte läugnen, daß diese nicht oft die Kraft eines schwachen Weibes übersteigt, und daß namentlich die Erziebung der Kinder oft vernachlässigt wird! Das straft sich aber oft surchtbar!— Eine andere Schattenseite finden wir in dem oft gar zu frühen Weggehen der jungen Leute. Nach vollendeter Confirmation nimmt die größte Zahl der Knaben, namentlich in dem westlichen und mittleren Theilen des Landes, den Wanderstab, und geht auf's„Tiggeln". Es ist sogar in diesem Jahre vorgckommen, daß Schulknaben von dem Besuche der Schule und des Confirmanten=Unterrichts dispensirt worden sind, um auf Ziegelei gehen zu können! Man höre die Klagen der Handwerker. Sie können keinen Lehrling mehr bekommen, obgleich jedes Handwerk einen goldenen Boden hat. Der gute Verdienst auf der lei von Anfang an ist aber gar zu lockend und reizt zu sehr. Ein Mangel der Handwerker wird bald die unausbleibliche Folge sein. Die Aussicht auf seine alten Tage ist ferner für den Ziegler oft sehr trübe. Durch die schwere, man möchte sagen übermenschliche Arbeit auf der Ziegelei, durch die unaufhörlichen Erhitzungen und Erkältungen wird derselbe oft vor der Zeit alt und er muß dann daheim bleiben. Daheim kann er sich aber nicht ernähren; denn eine andere leichtere Arbeit versteht er nicht und er fällt am Ende der Commüne zur Last.— Am meisten hört man aber klagen über die Verschwendung, den Luxus und die Vergnügungssucht der Ziegelarbeiter.„Die meisten dieser Leute müssen im Frühjahr ihr Reisegeld leihen“ heißt es gar oft. Wir zweifeln jedoch, daß die genannten Übel im Stande der Ziegelarbeiter mehr als in den übrigen Ständen eingerissen sind, und wenn auch Einzelne ihre sauer erworbenen Thaler auf eine leichtsinnige Weise durchbringen; so giebi's doch auf der andern Seite eine große Zahl, die ihren Lohn wohl zu Rathe halten. Man gebe den Leuten nur Gelegenheit, ihr Geld in Sparkassen niederzulegen und ermuntere dieselben durch Lehre und Beispiel zu einem ordentlichen Lebenswandel. Wie viel können in dieser Beziehung nicht Lehrer, Prediger und Beamte thun! Namentlich möchte es unendlich viel werth sein, wenn Erstere namentlich den jüngern Zieglern im Winter Gelegenheit böten, sich geistig zu beschästigen. Eine Fortbildungsschule#und Volksbibliothek möchten die geeignetsten Mittel hiezu sein. „Es muß das Ziegelgehen gesetzlich eingeschränkt werden; denn sonst kann die Landwirthschaft nicht mehr bestehen, es fehlt an Arbeitskräften." Dieser Vorschlag und diese Klagen sind sehr alt, werden aber it neuster Zeit, mehr betost. Hiervon ein anderes Mal. Weltbegebenheiten. In dem größen Wetterglase für Europa, in Paris, scheint die Quecksilbersäule immer tiefer zu sinken! Ist die unruhige Novemberluft Schuld daran und deutet dies auf Sturm? Wir vermögen nur zu sagen, daß die Zeitungen von einer großen Mißstimmung in Paris berichten, daß dort zahllreiche neue Verhaftungen vongenommen worden sind, daß im Rathe des Kaisers sich gewichtige Stimmen gegen die vorbereiteten, großartigen Feste in Fontainebleau aussprechen, das Niederreißen der Häuser eingestellt worden ist und aufreizende Plakate nächtlicher Weile an öffentlichen Orten noch immer angeheftet werden. Glücklicher Weise glauben wir aber daran keineswegs die Befürchtung knüpfen zu dürfen, als ob die Bevölkerung von Paris wieder Lust bekäme, in die Straßen hinab zu steigen und ein Stück Weltgeschichte zu machen. Denn alle einsichtigen Franzosen müssen doch wohl begreifen, daß ihr Vaterland dringender als jedes andere Land, des innern Friedens bedürfe, um die tiefen Wunden zu heilen, welche ihm die Staatsstreiche seit 25 Jahren geschlagen haben! Frankreich hätte nur dann zu fürchten, wenn die in den Zeitungen zuweilen auftauchenden Nachrichten von der wankenden Gesundheit des Kaisers sich bestätigen sollten, welchen jedoch die französische Staatszeitung, der Moniteur, bestimmt widersprochen hat.— Das gute Vernehmen zwischen England und Frankreich scheint auch vorläufig wieder hergestellt; gleichwohl stoßen die englischen ministeriellen Blätter gegen Rußland noch immer in die Kriegsposaune. Daß das gute Einvernehmen Dauer habe, glauben wir jedoch nicht. Ueber die Donaufürstenthümer ist auch noch keine Einigung unter den großen Kabinetten erfolgt. Und Neapel, dessen Gesandte in London und Paris nun ebenfalls ihre Pässe erhalten, giebt noch immer viel zu denken! Oesterreich hat sich einstweilen zu einigen politischen Konzessionen im lombardisch venetianischen Königreich entschlossen und eine Art politischer Körperschaften, die Zentral=Kongegrationen wieder hergestellt, welche das Recht haben sollen: Wünsche und Bitten der Nation dem Kaiser vorzutragen! In Rußland geht man unterdessen ruhig auf dem Wege freierer Entwicklung weiter. Geschichtliche Forschungen und selbst Kritiken über frühere Regierungen, allein mit Ausschluß der gegenwärtigen, werden jetzt zugelassen. Das Denunziren von Meinungen und Gesprächen in der unter der vorigen Regierung üblichen Weise ist untersagt. Viele Verbannte aus Sibirien sind zurückgerufen. Kurz, der hochherzige Kaiser Alexander II. zeigt seine humane Gesinnig in immer schönerem Lichte. In Deutschland machen die Bestrebungen einer hochkirchlichen Partei, welche den Wagen der Weltgeschichte gern umkehren möchte, in manchen Ländern noch immer viel böses Blut, namentlich in Baiern. In dem letztern mehren sich die öffentlichen Demonstrationen gegen die Einführung alter Kirchenordnungen; aus Nürnberg drohen sogar Stimmen: Sie wollten gleich lieber ganz katholisch werden; und in Augsburg wollen Lutheraner zum schweizerischen Reformatorenthum übergehen. Unterdessen suchen Münchner Blätter zu beschwichtigen: Die Ohrenbeichte solle ja nicht wieder eingeführt werden, sondern nur die Privatbeichte u. s.., jedoch nicht ohne Zustimmung der Gemeinden! Paris, Man fängt an, über das Budget der Stadt Paris nachzudenken. Die Ausgabe für die Stadtpolizei ist in vier Jahren von 7,863,136 Fr. auf 13,860,000 Fr. gestiegen. Die Armenpflege stieg in derselben Frist von fünf auf acht Millionen, und die künstliche Herabsetzung des Brodpreises hat die Gemeinde mit einer Schuld von 40 Mill. Fr. belastet, welche im Laufe d. I. 1857 ohne Zweifel auf 80 Mill. Fr. erhöht werden wird. Unglaublich aber sind die Kosten der„strategischen Verbesserungen“ des pariser Bauplans. Ein kleiner Flächenraum in der Nähe der Straße Rambuteau ist von der Regierung zur Anlegung eines befestigten Baues für 4,986,730 Fr. angekauft worden. Die Isolirnng des Hotel de Ville hat die ungeheure Summe von 50,477,817 Fr. verschlungen. Die Kosten einer neuen befestigten Kaserne in der Mitte der Stadt nebst dem nachträglichen Kredit zur Vollendung des Justizpalastes werden auf 2,700,000 Fr. veranschlagt. Selbst nach den gedoktorten amtlichen Ausweisen beträgt die Häuser=Expropriation seit 1852 nicht weniger als 120 Mill. Fr. Dabei geht Louis Napoleon noch mit dem Plane um, eine neue Zwingburg am Chateau’Eau zu errichten, welche den Mittelpunkt einer Anzahl andrer Festungswerke zur Beherrschung der nördlichen Stadttheile bilden soll. Nach dem Jahresbericht des Längen=Bureaus war in Frankreich von 1817 bis 1824 die durchschnittliche Lebensdauer 31 Jahre und 8 Monate, von 1845 bis 1852 hingegen 36 Jahre 7 Monate, von 1817 bis 1852 mithin 34 Jahre 2 Monate. Demnach nimmt die Lebensdauer zu. London, Das große Ereigniß Nord=Amerikas— Buchanan's Erwählung betreffend— ist, nach dem modernen der Börsensprache entlehnten Ausdruck, längst„diskontirto worden. Wir haben schon früher erwähnt, daß den herrschenden Kreisen in England bei der Aussicht auf eine Regierung Buchanan's nicht behaglich zu Muthe war; daß die Presse jedoch von dem Augenblick, als gas Resultat der pensylvanischen Staatswahlen bekannt wurde, einzulen 192 ken und gute Miene zum bösen Spiel zu machen anfing. Die Losung ist jetzt, dem künftigen Präsidenten so viel Vertrauen als überhaupt augeht zu bezeugen, in der Hoffnung, daß er sich bemühen werde, dasselbe zu rechtfertigen. Dies bezieht sich auf die auswärtige Politik Amerikas, denn daß die Niederlage der Freibodenpartei hier tief bedauert wird und schwere Besorgnisse für die Zukunft weckt, das kann und will Niemand(selbst das Manchester=Organ„Starn nicht) verhehlen. Wenn man auch(sagt die„Timesn) annehmen könnte, daß Mr. Buchanan weniger ein Enthusiast als Diplomat ist, und daß er nicht deshalb gewählt wurde, weil er wirklich Kuba erobern wird, sondern daß er Kuba bedrohl hat, um gewählt zu werden, so sei nicht zu übersehen, daß er Mitstrebende hat, denen sein Triumpf als Aufmunterung dienen wird, mit gleichen Mitteln sich den Weg zur Kandidatur zu ebnen. Dem Präsidenten Pierce standen Männer wie Donglas und Jefferson Davis als böse Engel zur Seite und Buchanan werde von denselben Rathgebern umgeben sein. Hoffentlich werde Mr. Buchanan mehr Selbstständigkeit entwickeln und sich zur Höhe seines Postens aufschwingen. Spanien. Aus Madrid schreibt man unterm 13ten Nov.: Die Umtriebe der hohen Geistlichkeit gewinnen immer mehr Einfluß im Palaste. Das Ministerium, Narvacz mitgerechnet, ist völlig rathlos, weil es in seinem eigenen Schooße uneins ist. Ein energisches Auftreten von Narvacz könnte vielleicht noch dem Treiben der Geistlichkeit ein Ende machen; man zweifelt jedoch, daß er sich dazu ermannen werde; im anderen Falle ist aber sein Sturz unausbleiblich, wenn er sich auch noch aus allerhand Rücksichten eine Zeit lang verzögert.— Das Journal„Nacion“ wird unter der oberen Leitung des Generals Prim, der an die Spitze der liberalen Partei zu treten strebt, wieder erscheinen.— Die Diebesbanden auf den Landstraßen nehmen zu. Literarische Streifzüge. XII. Geschichte Friedrichs des Großen, von Franz Kugler und Adolf Menzel. Mit 400 Illustrationen, in 24 Lieferungen à 5 Sgr. Verlag von H. Mendelssohn in Leipzig. Kaum ein Zweig der Literatur ist so ergiebig an Freuden und Kraftgefühl, als die Geschichte. Aus den Lebensbeschreibungen des Plutarch sogen die edelsten Geister Trost und Kraft. Seine Bilder erhoben eine Madame Roland in schweren Revolutionsgeschicken. Unser großer Stein ermahnte den Prinzen Louis Ferdinand, als dieser in kleinlichen Verhältnissen erstickte, den Plutarch zu lesen; Friedrich der Große, Goethe und andere große Männer erhoben ihre Herzen an diesen Lebensbeschreibungen. Wir haben in Varnhagen von Ense einen deutschen Plutarch, dessen volles Verdienst von unsern neuen Literarhistorikern noch nicht begriffen ist. Sollen wir über Kuglers Geschichte ein Urtheil aussprechen, so möchten wir es nicht, ohne jenen Meister der Lebensbeschreibung hier zu erwähnen und unsere Empfehlung des vorliegenden Werkes auf die Thatsache stützen, daß es ganz in der Schule und nach dem Muster Varnhageus geschrieben ist. In der That, es liegt ein eigner Zauber, eine wunderbare Kraft in dem Leben der Gewaltigen und Großen.— Worin besteht dieser Zauber? Können wir es ihnen gleich thun? Nein. Aber eins theilen wir mit ihnen, das Gefühl der menschlichen Freiheit. Während sie ihre Anlagen und Wirkungskreise wie Götter über uns erheben, erfahren wir, daß menschliches Wollen, menschliches Leiden auch ihr Theil ist und eine Erlösung geht in uns vor, eine Kräftigung unseres Willens, indem wir unsere kleineren Zwecke mit ihren größeren messen. Wie stark gefühlt wird diese Erlösung, wenn derjenige Mann, dessen Thaten wir lesen, aus unserm Vaterlande entsproß, wenn er mit unsern Voreltern seine Thaten ausführte, wenn er dieses Land zu der Selbstständigkeit und Tüchtigkeit erhob, die in wesentlichen Gütern uns jetzt zu Gute kommt. Wahrlich, von seinem Vater gut sprechen zu hören, ist für jeden redlichen Menschen eine Freude über alle Freuden; ein ähnliches inniges Gefühl durchdringt jeden Preußen, wenn er Friedrichs des Großen Thaten liest. Friedrich der Große, das geht uns wieder recht in Kugler's Geschichte auf, hat ein spezifisches Preußenthum geschaffen, welches die höchsten Ziele der Menschheit erstrebt, nicht aus einer Kaste heraus, noch aus einer Konfession, sondern aus Volksthümlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeit. Auch auf den Verfasser sind diese Eigenschaften in Bezug auf seine Darstellung übergegangen. Es war gewiß nicht leicht, die Geschichte Friedrichs des Großen mit solcher Wärme zu schreiben, daß jeder Preuße, mit solcher Unpartheilichkeit, daß jeder Deutsche damit einverstanden sein kann. Dies ist dem Verfasser ganz gelungen. So würde denn Kugler's Darstellung ausreichend erscheinen, um alle Eigenschaften des königlichen Helden zu einem herrlichen Bilde zusammenzuschmelzen. Durch Anführung von Anekdoten, durch Einflechtung mündlicher und schriftlicher Rede ist viel gethan, um auch den Charakter der Zeit wiederzugeben. Allein man muß sehen, was der Maler A. Menzel hinzugethan hat, um zu ahnen, was hinzugethan werden konnte, was eigentlich noch fehlte. V. Z. Buchstabenräthsel. Das Ganze hat die Erde nur einmal, Doch kennst Du es gewiß, das kann nicht fehlen, Du magst nur vor der Hand zuerst die Zahl Der Zeichen, die ihm zugehören, zählen. Beim Lesen nimm die beiden ersten dann, So hast Du 1 und 2, nun such das Dritte, Das findet jedesmal am Morgen man, Und zweimal zeigt es immer in der Mitte. Aus 4, 5, 1 mit einem d gemacht Wird 4 und 2 und 1 mit einem d, Es bringt dem Menscheu oftmals Glück und Macht, Und stürzt ihn oftmals auch in Leid und Weh. Nun übersetze ich auch noch getrost, Kennst Du Latein, um 2, 4, 5 zu finden; Und räthst Du's nicht, so kann die Sonntagspost Nur gleich des Räthsels Lösung Dir verkünden. W. Für die Redaktion: Dr. Leizmann. Lemgo. Besonderer Umstände wegen soll ein neues Fortepiano billig verkauft werden. Wo? sagt die Expedition d. Bl. Druckfehler. In dem Artikel„Heinrich Heinen in Nr. 47 ließ Atta Troll für Alla Troll und Synthese für Spüthese. Frucht=Preise. Lemgo, 21. November Bericht von M. Lenzberg Wwe. Weitzen, 2 Thlr. 74 Sgr. bis 2 Thlr. 121 Szr. Roggen 1 Thlr. 20 Sgr. bis 1 Thlr. 25 Sgr. Gerste 1 Thlr. 15 Sgr. bis 1 Thlr. 174 Sgr. Hafer 25 Sgr. bis 1 Thlr. Rauhfutter 1 Thlr. 15 Sgr. bis 1 Rthlr. 224 Sgr. Erbsen 2 Thlr. Linsen 2 Thl. 10 Sgr. Oel pro 100 Pfund 18 Thlr. Stand der Louisd'or à 5 Thir. 16 Sgr. Druck und Expedition von F. L. Wagener in Lemgo