Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechomal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifdand.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67877. mit den Beilagen„Für Herz und Haus“ Kindergabe“ und„Anser Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig, Reklame 30 Pfg. Beilagen unter Tgje kausend 15 Mk. iß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 6737. Schlug n.—.—, en. u5r. Nr. 267. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 14. November 1931. 13. Jahrgang. Ein jeder Mensch kann irren; im Irrtum verharren kann nur der Unsinnige. L. Cassius. Ende der Persönlichkeitskultur. Wandlungen im Selbstverständnis des Menschen. Innerhalb der Weltenwende vollzieht sich zugleich mit den Wandlungen im äußeren Leben der Völker eine Wandlung geistesgeschichtlicher Art. Diese Wandlung ist nicht weniger wichtig als die äußere. Denn im letzten Grunde werden von dem aus, was der Mensch im Innern seines Geistes erlebt, auch seine äußeren Geschicke beeinflußt. Wie stark das Interesse für die Erkenntnis dieser geistesgeschichtlichen Wandlung ist, zeigte die Ueberfüllung des großen Saales in dem Neuen Gemeindehaus zu Bielefeld, in welchem Professor Staehlin=Münster am 6. November seinen Vortrag über das obengenannte Thema hielt. Professor St. machte zunächst darauf aufmerksam, daß wir noch mitten in der geistesgeschichtlichen Wandlung begriffen sind. Daß darum unser Sehen, weil mit dem eigenen Erleben gemischt, noch unsicher, unsere Urteile, soweit wir meinen, bestimmte Linien aufdecken zu können, vielleicht zu Uebertreibungen in der Gegenüberstellung von Altem und Neuem geneigt seien. Bei der geistesgeschichtlichen Wandlung, in der wir uns befinden, handelt es sich um die entscheidende Frage, was der Sinn des Menschen sei. Die biologische Auffassung des Naturwissenschaftlers, welche den Menschen nur nach seiner naturhaften Seite betrachtet, genügt nicht mehr. Wir verlangen den ganzen Menschen zu erkennen. Nun sind wir alle in einem Verständnis des Menschen aufgewachsen, welches seinen Ausdruck in dem Wort„Persönlichkeit“ gefunden hat. Länger als ein Jahrhundert hat man in diesem Wort ein Ideal ausgedrückt gefunden. Man stellte sich den Menschen als ein dreifach geschichtetes Haus vor. Seine unterste und damit niederste Stufe, die Körperlichkeit, dann das Stockwerk der Seele als ein Zwischenreich von Empfindungen, Gefühlen und Wollungen, darüber das oberste Stockwerk, das Reich des bewußten, klardenkenden Geistes. Von diesem obersten Reich aus sollte nun der Mensch regiert, sein Seelenleben in Ordnung gebracht, das Körperliche in Zucht gehalten werden. Das ist der Inhalt der Bildungsart, die unter dem Wort Persönlichkeit zu verstehen ist. Fragt man, wonach gestaltet sich die Persönlichkeit, so ist die Antwort, das Gesetz muß der Mensch in sich selber finden. Diese ganze Vorstellung wird nun heute aufs gründlichste erschüttert. Zunächst einmal wird das Bild von der im denkenden Geist gipfelnden Stufenordnung dadurch bedroht, daß man die Bedeutung der triebhaften körperlichen Sphäre durch eigene Beobachtung, Psychoanalyse und dergl. heute viel stärker einschätzt. Als Beispiel dafür führte der Vortragende die heutige völkische Bewegung in ihrer Hochschätzung der Rasse etc. an. Mag sie nach der andern Seite überschlagen, sie zeige, daß etwas Uebersehenes hier sein Recht fordere. Ein zweites Beispiel ist die zynische Selbstverständlichkeit, mit welcher heute die Jugend oft von der animalischen Seite des Lebens redet. Auch hierin sei eine Ehrlichkeit nicht zu verkennen, die man früher nur künstlich zurückgehalten habe. Zum zweiten entdecke man gerade im Seelenleben, wie es die Schicht des Traumes, des Ahnungslebens, der Intuition usw. zeigt, den Mutterschoß wirklichen Lebens. Wenn der Geist sich hiervon abtrennen wollte, als könne er aus sich selber vom Leben reden, so sei das gleichsam eine Komödie, mit der er sich selber täuscht. Auch die einfache Selbstbeobachtung zeige, wie wir immerfort mit unserm ganzen Sein, mit den unterbewußten Schichten des seelischen Lebens verwurzelt sind. Entscheidender noch ist, daß gegen das Ziel der harmonischen Selbstverwirklichung der Persönlichkeit ein neues Wissen aufgekommen ist um die Zerspaltenheit, welche durch alle Schichten unserer Existenz hindurchgeht. Nicht etwa nur bei Kranken, sondern in uns allen wohnt als Gegenspieler des Lebenstriebes eine Todessehnsucht. Bestätigt wird durch die Erkenntnis dieser Zerspaltenheit das, was die Kirchenlehre die Erbsünde nennt. Zum Persönlichkeitsideal gehört ferner der naive Herrschaftsanspruch über Natur und Geschichte. Heute kennen wir die Grenzen unserer Bedingtheit, wie sie sich in unserer vertieften Erkenntnis der„Erbmasse“ und weiter in den Mauern, welche die wirtschaftliche und politische Lage um uns ziehen, zeigt. Auch empfindet der einzelne ganz anders als früher sein Leben als kreatürlich, und zwar so, daß er sich nicht nur als Einzelkreatur, sondern vielmehr mit der ganzen Kreatur verbunden ansieht. Durch das heute in Uebung gekommene existenzielle Denken(d. h. das Denken, welches sich an seinen bestimmten Ort, an Natur und Geschichte gebunden weiß) hört die früher übliche Zuschauerhaltung philosophischer und ästhetischer Art auf. Wir können uns und unsere Lage nicht mehr gleichsam wie aus der Ferne betrachten. Wir sind überall hineinverflochten. Damit aber ist das Ideal der Persönlichkeit, die sich frei aus dem Gegebenen heraus erheben will, bedroht. Der schärfste Angriff aber richtet sich gegen die Persönlichkeitskultur, von da aus, daß der Mensch es mit ihr wagt, seine eigene Selbstverwirklichung zum Inhalt seines Lebens und damit im Grunde sich selbst zum Maßstab für das Leben zu machen. So wird alles, auch die Ehe, aber selbst Gott, dem Ziel unterworfen, daß man seine Persönlichkeit zur Vollendung bringen wolle. Der humanitäre Altruismus(d. h. du mußt ganz für den anderen da sein), ebenso der Kollektivismus(d. h. du mußt für die Gesamtheit, Volk, Staat, Menschheit da sein) führt hier nur scheinbar weiter. Man kann auch hiermit seine Persönlichkeitskultur verbinden. Anders ist es schon, wenn das Du in der Begegnung ganz ernst genommen wird und man nicht mehr fragt, was habe ich davon, sondern die Ver=Antwortung spürt. Zum Schluß warnte der Redner vor der Gefahr, durch den Gegensatz gegen die Persönlichkeitskultur in eine neue Einseitigkeit zu fallen, und etwa aus dem Kollektivismus einen Götzen zu machen, der die Vergötzung des selbstherrlichen Ich ablöst. So wurde diese philosophische Betrachtung im Grunde zu einer Vorhalle für die religiöse Betrachtungsweise, welche in einem späteren Vortrag folgen soll. Schon hier aber ergaben sich zum Schluß Andeutungen dieser inneren Art, nach welchen wir eben auch auf solche Weise zu einem Verständnis des Wortes gelangen, daß wir des Ruhms mangeln, den wir an Gott haben sollten. Nur da, wo Gott in Wahrheit als das Zentrum alles Lebens erkannt wird, hat der Mensch auch die eigentliche Bewegungskraft für sein Persönlichkeitsleben gefunden und kann die Liebe Wirklichkeit werden, nach welcher die heutige Welt dürstet. —-m Unsere Schicksalsverbundenheit. Von Obersteuerinspektor Eggers, Kiel. Zu den Ausführungen von W. K. ist vielleicht diese Erwiderung noch nötig, die freilich wieder etwas lang geraten ist. Manchen Lesern aus dem Beamtenstand sind die Darlegungen von W. K. zu gehässig gewesen. Sie bildeten aber nur eine von vielen Zuschriften, die hier auf den ersten Artikel von Herrn Eggers eingegangen waren. Das schien uns eine Bestätigung der Tatsache, daß es in unserem geplagten Volk viele gibt, denen die Existenzmittel soweit entzogen sind, daß sie kein Verständnis mehr dafür haben, wenn jemand sich beklagt, der immerhin noch Arbeit und soviel Einkommen hat, den Hunger ganz zu stillen. Nicht um einer beamtenhetzerischen Stimme Raum zu geben, nahmen wir jenen Artikel„Diener des Staates!“ auf, sondern um auch einmal jemand aus jener Schicht der Aermsten zu Wort kommen zu lassen. Heute weiß fast jeder im Volk, wieviel Einkommen ein Obersteuerinspektor hat. Wenn ein solcher dann über die Wirtschaftslage der Beamten schreiben will, muß er seine Worte schon sehr vorsichtig wählen. Wir leben eben jetzt wieder in einer Zeit, wo es der Beamtenstand sehr schwer hat, seine Stellung zu verteidigen. Ohne einen tüchtigen und zufriedenen Beamtenstand kann aber kein Staat bestehen. Die Schriftleitung. Die unter der Ueberschrift„Diener des Staats!“ von W. K. in Nr. 259 gebrachte Erwiderung auf meinen Aufsatz„Um die Kaufkraft des Beamten“(Nr. 248) liefert den Beweis, daß der Gedanke der Schicksalsverbundenheit noch nicht alle Kreise der Nation erfaßt, geschweige denn durchdrungen hat. Wenn ich im folgenden hier und da auf die m. E. allerdings etwas erregten und verbitterten Ausführungen des Verfassers zurückkomme, so lediglich deshalb, um dem Ganzen zu dienen. Bei unvoreingenommener und ruhiger Prüfung meiner Darlegungen wird auch der Nichtbeamte sich nicht brüskiert fühlen können. Es kam für mich mehr die Feststellung nackter Tatsachen in Betracht: Die Kaufkraft des Beamten der niederen Besoldungsgruppen ist leider bis zu einem gefährlichen Tiefpunkt gesunken. Das aber kann niemals im Interesse von Staat und Wirtschaft liegen. Es kann hier keine Rede davon sein, daß die Gehaltskürzungen durch Preisherabsetzungen ausgeglichen wären. Man braucht nur an die festliegenden Mieten, an die allgemeinen Zinssätze, wie viele lebensnotwendige Bedarfsartikel, z. B. Kleidung, zu erinnern. Um das Problem der Preisherabsetzung wird zur Stunde noch gerungen. Vieler Augen, gerade der geringer besoldeten Beamtenschaft, sind im Verein mit Millionen anderer wirtschaftlich schwacher Volksgenossen gegenwärtig auf die Bemühungen des Wirtschaftsbeirats der Reichsregierung gerichtet, die Uebermacht der Kartelle zu brechen. Meine Ausführungen in Nr. 248 gipfeln darin, weiten Kreisen begreiflich zu machen, daß die Lösung der Staats=, Finanz= und Wirtschaftskrise niemals allein auf dem Wege der fortgesetzten Schwächung der Kaufkraft der Beamten gewonnen werden kann. Daß diese Tendenz für jeden Unbefangenen offen zu Tage tritt, ergibt sich besonders aus der Schlutzmahnung: Videant consules, ne quid res publica detrimenti capiat!(Die Augen auf! ihr Konsuln, daß der Staat(nicht der Staatsdiener) keinen Schaden nehme!) Mit dieser Formel wurde bekanntlich den römischen Konsuln in Zeiten höchster Gefahr die unumschränkte Regierungsgewalt übertragen. Es lag nahe, die Aera der Notverordnungen, wie wir sie jetzt durchleben, hiermit in gewisse Parallele zu setzen. Aus der neuesten Rede des Reichskanzlers geht übrigens hervor, daß die Regierung sich der an sie gerichteten Mahnung nicht mehr verschließt. Dr. Brüning hat ausgeführt: Im Interesse der Wiederbelebung der Wirtschaft müßten die Selbstkosten gesenkt werden. Dieses Problem sei aber nicht zu lösen lediglich durch einseitige Lohn= oder Gehaltssenkung, denn das würde nur eine weitere## schränkung der Kaufkraft zur Folge haben und damit on Wirtschaft selbst schädigen. Die einzelnen Berufsgruppen müßten sich verständigen. Das werde gelingen bei gegenseitigem aufrichtigen Verständigungswillen!(Vgl.„Aufwärts“ Nr. 261). Daß der Staat keinen Schaden nehme! Darauf kommt alles an. Wer ist aber der Staat?’Etat’est moi(der Staat bin ich), so konnte noch Ludwig XIV. im Hochgefühl des absoluten Regimes sagen. Wenn Friedrich der Große es als seine höchste Fürstenpflicht betrachtete, nu. für den Staat und das Volk zu arbeiten,„der erste Diener des Staates“ zu sein, so legte er damit fürwahr ein wirk sames Bekenntnis für den aufgeklärten Absolutismus ab Aber heute gilt bei uns nun einmal der Verfassungssat, daß alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht(Art. 1 II RV.) Es wäre darum wenig glücklich, wenn jemand den Ver such machen wollte, die einzelnen Volksteile, die Schichten und Berufe, einander gegenüber zu stellen, um nicht zi sagen, gegeneinander auszuspielen. Der Ruf: hie Beam ter, hie Arbeiter, hie Angestellter, hie freier Beruf, ist heute völlig unangebracht. Heute gilt es, die Schicksalhaftigkeit des gemeinsamen Staatsvolks zu erkennen und zur Beseitigung der großen gemeinsamen Not das Trennende beiseite und das Einigende in den Vordergrund zu stellen. Niemand fühlt die Schicksalsverbundenheit mit Staat und Volk vielleicht mehr als der Beamte. Als „Diener der Gesamtheit, nicht einer Partei“(Art. 130 1 RV.), weiß er sich der Allgemeinheit gegenüber stark verpflichtet, aber auch verbunden. Aus dem Volk hervorgegangen, kann es nur sein ständiges Anliegen sein, für die Wohlfahrt des Volkes sein Bestes einzusetzen. So ist die Tradition des deutschen Berufsbeamtentums allzeit gewesen. Wenn es sein besonderes Berufsethos entwickeln und dieses, aller Belastungsproben ungeachtet, sich bis auf die Gegenwart noch zu erhalten gewußt hat, so ist das nur ein Segen, der nicht zuletzt dem deutschen Volke zugute kommt. Die Erkenntnis unserer staatlichen und volklichen Schicksalsverbundenheit sollte heute weit mehr Gemeingut werden. Wir müssen, ob Beamter oder nicht, heute in allen Schichten und Kreisen unseres Volkes Verständnis für die Notwendigkeit des Neben=, Mit= und Füreinanders der verschiedenen Erwerbsstände innerhalb der deutschen Zunge aufbringen. Soweit die Beamten in Betracht kommen, haben sie es sich schon von jeher angelegen sein lassen, in nimmermüdem Schaffen hohen sittlichen Zielen zuzustreben, Zielen, die zu erreichen im wohlverstande nen Interesse einer gesunden Volksgemeinschaft liegt. Als Bindeglied und Brücke zwischen Staat und Volk ist es der Beamte von Haus aus gewohnt, nicht dem kalt rechnenden Egoismus zu frönen, sondern sich für das Allgemeinwohl einzusetzen, zu opfern, ja, sich zu opfern. Die ser seiner Mittlerstellung eingedenk, betrachtet er es geradezu als ein Ehre,„Diener des Volkes“ zu sein. Zu diesem Dienst braucht er übrigens nicht besonders aufgerufen, nicht befohlen zu werden. Dienst am Volk ist der Inhalt seines Lebens, entspricht seinem beruflichen Ethos und ist darum für den Beamten eine Selbstverständlichkeit. Weil das aber so ist, darum darf er eine gerechte Beurteilung und Wertschätzung auch wohl von den Zeitgenossen verlangen, die ihm heute vielfach mißtrauisch oder gar feindlich gegenübertreten. Je mehr jedoch der Gedanke allgemeiner Schicksalsverbundenheit in den verschiedenen Erwerbskreisen unseres Volkes an Boden gewinnt, desto größer ist die Aussicht, über die gegenseiti668 S Neiaorhigispras gen Belange sich zu verstandigen und das allen gemeinsame Ziel eines harmonischen Miteinanders und Nebeneinanders, ja, sagen wir ruhig Füreinanders zu erreichen. Kein Berufsstand darf das alleinige Recht für sich in Anspruch nehmen, selbst als wichtigster Bestandteil der deutschen Volkswirtschaft und Volksgemeinschaft betrachtet zu werden. Es geht nicht an, den Beamten damit in seine Schranken verweisen zu wollen, daß er nur zu dienen, d. h. zu tun habe, was ihm befohlen werde und für die Vertretung seiner„Rechte eine Beamtenorganisation weder nötig noch nützlich sei. Damit würde die Beamtenschaft sogar eines ihrer verfassungsrechtlich zugesicherten Privilegien beraubt. Denn in demselben Artikel, der die Beamten als„Diener der Gesamtheit" bezeichnet (Art. 130 1 RV.), wird ihnen die(allen anderen Staatsbürgern als selbstverständlich zustehende) Freiheit der politischen Gesinnung und die Vereinigungsfreiheit ausdrücklich gewährleistet(Art. 130.). Ja, der Verfassungsgesetzgeber hat es sogar für notwendig(und wohl auch für nützlich) erachtet, den Erlaß eines Reichsgesetzes über besondere„Beamtenvertretungen“ in Aussicht zu stellen (Art. 130 IlI.). Daß über die Beamtenprobleme der Gegenwart nicht so ohne weiteres zur Tagesordnung übergegangen werden kann, zeigt übrigens ein kürzlich erschieneuer Bericht über die 8. Tagung der Vereinigung der „Deutschen Staatsrechtslehrer vom 27. bis 29. 10. 31 in Halle. Nach hoch bedeutsamen Reseraten und beachtlichen Diskussionsreden namhafter Gelehrter über die„Entwicklung und Reform des Beamtenrechts“ ist dort besonders zum Ausdruck gekommen, daß die Erziehung des Beamtentums zur unbedingten Sachlichkeit not tue. Es komme einerseits auf die richtige Beamtengesinnung, das Berufsethos, wie andererseits auf eine kluge Personalpolitik an. Hier ist nicht der Ort, noch weiteres über diese für die Zukunft der Beamtenschaft sehr wichtige Tagung zu berichten.(Näheres siehe„Beamtenbund“ v. 3. November 1931.) Warum ich dies hier erwähne? Um darzutun, daß auch die Beamtenschaft, wie jeder andere Volksteil, an der Fortentwicklung ihrer rechtlichen und wirtschaftlichen Existenzgrundlagen interessiert ist, ja, interessiert sein muß. Denn jeder Stand ist zu seinem Teil berufen, die ihm historisch überkommenen Funktionen eines Gliedes im volklichen Gesamtorganismus treu auszuüben. Die Beamtenschaft kann und darf davon nicht ausgeschlossen sein. Auch sie nimmt für sich in Anspruch, im wahrsten Sinne des Wortes produktiv zu sein. Die Ergiebigkeit der Volkswirtschaft in Zeiten der Blüte ist keineswegs nur das Ergebnis ökonomischer und wirtschaftlicher Produktion allein! Sie wird, was vielfach, insbesondere von Beamtengegnern gern übersehen wird, in hohem Grade mitbestimmt durch den Stand der allgemeinen Gesellschaftskultur, der sowohl Unternehmer wie Arbeiter und Angestellte ihr geistiges Rüstzeug verdanken. Nicht zuletzt aber ist die Produktivität einer Volkswirtschaft in starkem Maße mit“ bedingt durch das Niveau der Ausbildung der Wissenschaften aller Gebiete, vornehmlich der Gesundheitspflege und der sozialen Fürsorge als wichtigster Vorbedingungen der allgemeinen Leistungsfähigkeit. Sind nun aber in diesen Zweigen der Verwaltung unbestreitbar die Beamten rastlos mit tätig, so darf vor allen Dingen nicht übersehen werden, daß sie gerade auf ihrer eigentlichen Domäne, der Schaffung und Erhaltung der staatlichen Ordnung(Schutz, polizei. Reichswehr), der Betätigung auf dem Gebiete der Finanzwirtschaft(Steuer, Zoll, Reichsbank), der Rechtsprechung(Polizei, Justiz), sowie des öffentlichen Verkehrs (Post, Eisenbahn) hervorragenden Anteil haben. Die Beamtenschaft hat es nicht nötig, sich selbst in Lobeserhebungen über ihre Bedeutung für Staat und und Volk zu ergehen— ihre Taten gehören der Geschichte an! Aber verhüten möchte sie, als„quantité négligeable“ als„notwenoiges Uebe!“ in der Volksgemeinschaft angesehen zu werden. Jede Ueberheblichkeit liegt der Beamtenschaft der Gegenwart fern. In friedlichem Wettstreit mit den anderen Berufsständen um das Wohl des Volkes möchte sie aber gern in vorderster Linie stehen, ja, sie möchte sich in der Hingabe an das Staatsganze von keinem übertreffen lassen! Eingedenk ihres hohen Berufes als„Diener der Gesamtheit“ sieht die deutsche Beamtenschaft gerade in dem rückhaltlosen Einsatz ihrer Kräfte zugunsten der schicksalsverbundenen Volksgenossen ihre hehre Aufgabe. Möge sie von allen tief gefaßt und aufs beste gelöst werden! Es wäre zu wünschen, daß alle Volksteile von gleicher Hingabe an die Staatsidee erfüllt sein möchten. Die Hauptursache unserer augenblicklichen großen seelischen u. wirtschaftlichen Volksnot ist offenbar das allgemeine Mißtrauen. Der eine versteht den anderen nicht mehr— will ihn vielleicht gar nicht verstehen! Demgegenüber läßt sich nur die Mahnung hinausrufen: Vertrauen ist not! Um praktisch zu reden: Der Abzug der kurzfristigen Kredite, beruhte er nicht hauptsächlich darauf, daß die Auslandsgläubiger das Vertrauen zur deutschen Wirtschaft verloren?! Ist dadurch nicht unser Finanzelend aufs höchste gesteigert worden?! Mangelndes Vertrauen! Ist es anders in den großen Fragen der internationalen Politik?! Spielt nicht auch da die gegenseitige Achtung und das Vertrauen von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk eine überragende, ja, ausschlaggebende Rolle? Was unserem vielgeprüften Volke in seiner seelischen Zerrissenheit fehlt, ist vor allen Dingen: gegenseitiges Verstehen der Volksgenossen, nicht nur der Parteigenossen! Ob Arbeiter, Angestellter, Angehöriger eines freien Berufs, Unternehmer oder Beamter— es fehlt an Vertrauen des einen zum andern! Ueber alle Parteigegensätze hinweg sollte es möglich werden, die Gemeinsamkeit der Not zu erkennen und mit vereinten Kräften ihr zu steuern. Handelt es sich nun um politische, religiöse oder sonst weltanschauliche Fragen: einer achte die Ueberzeugung des andern! Ein Blick in die Tagespresse zeigt uns, wie sehr es hierin bei uns noch fehlt. Ist nicht Tag für Tag festzustellen, daß der Streit um die verschiedenen Auffasssungen immer noch auf gehässige, ja, brutale Weise ausgetragen wird?! Fassen wir, die wir doch Schicksalsverbundene in der großen gemeinsamen Not von Staat und Volk sind, Vertrauen zueinander! Innen= wie außenpolitisch wird eine der vordringlichsten Aufgaben sein, das erschütterte und geschwundene Vertrauen wiederherzustellen. Dazu bedarf es der Erkenntnis der Schicksalsverbundenheit unseres Volkes wie der ganzen Welt. Auch hier mag das Wort der Schrift gelten:„So werfet denn euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat!“ 50 Jahre Sozialpolitik — Berlin, 13. November. Die deutsche Sozialversicherung kann in diesen Tagen auf eine 50jährige Geschichte zurückblicken. Als Geburtsstunde der deutschen Sozialversicherung kann man den 17. November 1881 bezeichnen. An diesem Tage eröffnete Kaiser Wilhelm l. den neu zusammengetretenen Reichstag mit einer Throuirede, deren Kern eine Soziale Botschaft bildete, in der die Einbringung drei bedeutsamer Gesetzentwürfe über die Errichtung einer Kranken=, Unfall=, Invaliden= und Hinterbliebenenversicherung angekündigt wurde. Etwa drei Jahre später, am 1. Dezember 1884, trat die Krankenversicherung ins Leben; am 1. Oktober 1885 folgte die Unfallversicherung. Wesentlich länger dagegen dauerten die Beratungen über die Errichtung der Invalidenversicherung. Erst neun Jahre nach der Verkündung der Sozialen Botschaft wurde das Invalidenversicherungsgesetz von den gesetzgebenden Körperschaften verabschiedet. Der Zeit der Einführung der einzelnen sozialen Versicherungsgesetze folgte eine Zeit der Novellen, die Ergänzungen und Erweiterungen der bestehenden Gesetze brachten. So erfolgten Ergänzungen zur Krankenversicherung am 10. April 1892 und am 25. Mai 1903, zur Invalidenversicherung am 13. Juli 1899 und zur Unfallversicherung am 30. Juni 1900. An diesen Aenderungsarbeiten war der damalige Staatssekretär des Innern, Graf von PosadowskyWehner in hervorragendem Maß beteiligt. Dann trat für die nächsten Jahre eine gewisse Ruhe ein. Erst vom 19. Juli 1911 datiert wieder ein größeres Gesetz der Sozialversicherung: die Reichsversicherungsordnung. Diese Verordnung brachte technische und sachliche Verbesserungen durch die Zusammenfassung der Grundsätze in einem festen Werk mit Unterabschnitten fur die drei ursprünglichen Versicherungszweige. Die Begriffe waren schärfer bestimmt, der Geltungsbereich genau festgelegt, die Verfassung der Versicherungsbehörden bis ins einzelne geregelt. Daneben brachte die Reichsversicherungsordnung eine Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Landarbeiter und Hausgehilfen, eine Erhöhung der Versicherungsgrenze und in der Invalidenversicherung den Kinderzuschuß zur Hinterbliebenenrente. Eine entscheidende Erweiterung der sozialen Versicherungsgesetze wurde durch die Bildung der Angestelltenversicherung erreicht. Dieses Gesetz trat mit dem 1. Januar 1913 in Kraft. Daß die Versicherungsgesetzgebung im Kriege nur sehr geringe Fortschritte machen konnte, war nur natürlich. Neben kleinen Aenderungen erfolgte durch Gesetz vom 12 Juni 1916 eine Herabsetzung der Altersgrenze in der Invalidenversicherung auf das 65. Lebensjahr. Damit ist die Arbeiterversicherung, die bisher für den Erwerb der Altersgrenze die Vollendung des 70. Lebensjahres vorschrieb, der Angestelltenversicherung gleichgestellt worden. Auch im Krankenversicherungsgesetz wurden einige Aenderungen vorgenommen, die auf eine Erweiterung der Pflichtleistungen der Krankenkassen hinausliefen. Am Ausgang des Krieges war die Sozialversicherung in ihrem Vermögen verkürzt, geschwächt am Bestand an Versicherten und mit einer sehr hohen Zahl von fälligen Renten, vor allem in der Invalidenversicherung belastet. In der neuen Reichsverfassung wurde im Artikel 161 bestimmt, daß zur„Erhaltung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit, zum Schutze der Mutterschaft und zur Vorsorge gegen die wirtschaftlichen Folgen von Alter, Schwächen und Wechselfälle des Lebens das Reich ein umfassendes Versicherungswesen unter maßgebender Mitwirkung der Versicherten schafft.“ Damit war die Sozialpolitik der Nachkriegszeil umschrieben. Die Inflation jedoch verhinderte im wesentlichen eine entsprechende Ausarbeitung der in diesem Artikel der Reichsverfassung angekündigten Politik. Zahllose Verordnungen und Gesetze versuchten in den Jahren der Inflation die Geldbeträge in der Sozialversicherung dem jeweiligen Werte der Mark anzupassen. Ein praktischer Erfolg ist diesen Versuchen jedoch nicht beschieden gewesen. So war am Ende der Inflation das Kapital und das Betriebsvermögen der Sozialversicherung vernichtet, und die Wiederaufbauarbeiten nach dieser Zeit konnten nur die erhaltenen Grundmauern benutzen. Der Wiederaufbau der Sozialversiche: rung begann mit der Invalidenversicherung und der Angestelltenversicherung. Bei diesen Versicherungsarten umfaßt die Rente einen Grundbetrag als einen festen Bestandteil und den Steigerungsbetrag als beweglichen Bestandteil Der Grundbetrag in der Invalidenversicherung beträgt zur Zeit 168 Mark im Jahre, wozu ein Reichszuschuß von 72 Mark jährlich kommt. Dazu treten dann ein Steigerungssatz nach Maßgabe der entrichteten Beiträge und die Kinderzulagen In der Angestelltenversicherung beträgt der Grundbetrag jetzt 480 Mark im Jahre, wozu ein Steigerungsbetrag von 15 v H. der entrichteten Beiträge kommt. Die nachfolgenden Jahre brachten noch einige Aenderungen. Eine der wichtigsten Arbeiten auf dem Gebiete der Sozialversicherung in der Zeit nach der Inflation ist die Bildung eines einheitlichen Reichsknappschaftsgesetzes vom 1. Januar 1924 Mit diesem Gesetz wurden die vielen selbständigen, zum Teil leistungsschwachen landesrechtlichen Knaposchaftsvereine aufgehoben. An ihre Stelle trat die Die Resolutionen der Oekumenischen Konferenz der Methodistenkirche. Die Sechste Oekumenische Konferenz der Methodistenkirche in Tagung vom 16. bis 25. Oktober 1931, in Atlanta, Georgia, Amerika, die sich aus den Vertretern von 15 Millionen Mitgliedern der Methodistenkirche fast aller Länder der Erde zusammensetzt, betont im Interesse eines dauerhaften Weltfriedens, im Interesse der Behebung der allgemeinen Wirtschaftsnot und besonders im Interesse der Förderung der Ziele des Reiches Gottes die hohe Bedeutung eines erfolgreichen Ausgangs der Abrüstungskonferenz in Genf im Februar 1932. Die Oekumenische Konserenz sieht sich gezwungen, darauf hinzuweisen, daß der Vertrag von Versailles die Völker zu einer Politik allgemeiner Abrüstung verpflichtet, und daß die Rüstungsbeschränkung, die darin Deutschland auferlegt ist, verfügt wurde, um hierin für alle Völker einen Anfang zu machen. Diese Abrüstungspolitik sollte nun endlich ernsthaft verwirklicht werden. Die Oekumenische Konferenz ersucht daher die Methodisten aller Länder, für den Erfolg der Abrüstungskonferenz zu beten und bei ihren Regierungen wegen der dringenden Notwendigkeit eines befriedigenden Ergebnisses der Genfer Verhandlungen vorstellig zu werden Die Oekumenische Konferenz der Methodistenkirche bestätigt den Empfang der Resolutionen mehrerer deutscher Konferenzen und möchte den Methodisten in Deutschland ihre herzliche Sympathie zum Ausdruck bringen zu den großen Schwierigkeiten, durch die sie jetzt zu gehen habenDie Oekumenische Konferenz hat in einer entschiedenen Resolution die Methodisten aller Länder der Erde ersucht, für den Erfolg der kommenden Abrüstungskonferenz zu wirken und zu beten. Diese Forderung gründet sich grohenteils auf den Vertrag von Versailles, wonach Deutschlands Rüstungen beschränkt worden sind, um hierdurch eine allgemeine Abrüstungspolitik in die Wege zu leiten. Die Oekumenische Konferenz fleht zu Gott, daß die moralischen, politischen und wirtschaftlichen Regelungen, von denen in den deutschen Resolutionen die Rede ist, unter der Leitung der Vorsehung Gottes einen solchen Verlauf nehmen, daß an die Stelle der gegenwärtigen Nöte dauerhafter Friede und wahre Brüderlichkeit zwischen den Völkern tritt, und daß Deutschland, dem die Zivilisation soviel zu verdanken hat, in den Stand gesetzt wird, wieder den ihm gebührenden Platz unter den führenden Mächten der Welt einzunehmen. Zum Verständnis dieser Entschließungen der Sechsten Oekumenischen Konferenz der Methodistenkirche sei bemerkt, daß darin die Stellungnahme des Welt=Methodismus zu den Resolutionen zum Ausdruck kommt, die diesen Sommer von den jährlichen Konferenzen in Heilbronn, Planitz(Sachsen) und Bremerhaven angenommen und von der deutschen Delegation beschlußgemäß in Atlanta vorgelegt worden sind. Die Oekumenische Konferenz hat den Resolutionen die größte Beachtung geschenkt. und der Geschäftsausschuß, zu dem die besten Köpfe des Gesamtmethodismus gehörten, war bemüht, dem Verlangen der deutschen Methodisten um Unterstützung für die moralische, politische und wirtschaftliche Wiederaufrich tung Deutschlands mit einer kräftigen und herzlichen Entschließung zu entsprechen. Deren Annahme erfolgte, in dem die aus 550 Delegierten und 2500 sonstigen Teilnehmern aus aller Welt bestehende Versammlung durch Aufstehen zustimmte, nachdem Seminardirektor Dr. F. H. Otto Melle=Frankfurt a.., der Wortführer der deutschen Delegation in einer gewaltigen, zu Herzen gehenden Rede, die von der Versammlung durch häufige Sympathie“ Kundgebungen unterbrochen wurde, den Standpunkt Deutschlands in Verbindung mit der Seelennot, die der Friedensvertrag auch auf angelsächsischer Seite verursacht, dargelegt hatte. Mehrere Redner aus England und Amerika forderten auf, Deutschland in seiner gegenwärtigen schweren Lage Verständnis und weitgehendes Vertrauen entgegen zu bringen. Auch die offizielle Botschaft(Statement) der Oekumenischen Konferenz an die Methodisten der Welt enthält eine Stelle, die in Verbindung mit vorgenannten beiden Entschließungen zu erwähnen ist. Sie lautet wie folgt: Noch immer ist die Welt vom Krieg bedroht, obwohl ein bedeutender Apparat zur Aufrechterhaltung des Friedens geschaffen worden ist. Völkerbund, Weltschiedsgericht und Kellogg=Pakt sind Einrichtungen, durch die zur Sicherung des Weltfriedens schon mancherlei erreicht worden ist. Alle in dieser Richtung unternommenen Anstrengungen der Staatsmänner finden die Anerkennung und tat. kräftige Unterstützung unserer Kirche. Es ist auch not. wendig, die Staatsbürger überall an die feierliche Verpflichtung zu erinnern, die die alliierten Nationen eingegangen sind, als Deutschland gezwungen wurde, abzurü. sten. Es ist die dringendste Aufgabe der Methodistenkirche, sowie jeder anderen Kirche, den Vertretern der verschiedensten Nationen an der Genfer Konferenz im Februar zu versichern, daß die Völker der Erde jede ernste Bemühung zur wirklichen Herbeiführung der Abrüstung tatkräftig unterstützen. Wir freuen uns, daß viele politische Führer einzusehen beginnen, daß der Vertrag, mit den. der Weltkrieg zum Abschluß kam, schwere Ungerechtigkeiten enthält, und daß eine Neuregelung der Kriegsschuden nicht zu umgehen ist— Die Kirche sollte Erziehungsarbeit für den Frieden tun, sie muß den Frieden predigen, sie muß ihn denken. Berafsschule und Religionsunterricht. Die Zweigstellen Erfurt, Halle und Magdeburg der Gesellschaft für evangelische Pädagogik veranstalteten am 8. November in der Universität Halle eine außerordentlich gut besuchte Tagung unter dem Thema„Berufsschule und Religionsunterricht. Der Vorsitzende, Präses Geh. Prof. D. Dr. Eger=Halle, wies einleitend darauf hin, daß uns die Erkenntnis der leiblich=geistigen Ganzheit des Menschen neu geschenkt sei. Bei klarem Blick für die Wicklichkeit, insbesondere unseres Berufs= und Arbeitsschick. sals, greift ein„gläubiger Realismus“ mehr und mehr Platz. Von ihm aus wird Religion sichtbar als integrie. render Bestandteil aller Erziehungsarbeit und damit auch der Berufoschule. * Reichsknappschaft und die Gesamthaftung des deutschen Bergbaues. Am 16. Juli 1927 wurde dann auch das Risiko der Arbeitslosigkeit in die Sozialversicherung einbezogen, doch mußte das Gesetz über Arbeitsvermittlung und unter den Auswirkungen der Krise ete Arbeitslosenversicherung unter den Auswirkungen der Krise„ bereits mehrfach Neue Verhandlungen mit Francois=Poncet.— Vier Punkte? Alles in allem ist seit der Herausgabe der Sozialen Botschaft in Deutschland ein großes Gebäude der Sozialversicherung errichtet worden. Bekannt ist, daß gerade hier die deutsche Gesetzgebung für viel Länder richtunggebend war. Wenn auch jetzt wieder Reformen der Sozialgesetzgebung zur Debatte stehen, dann haben diese mit den voraufgegangenen das geneinsam, daß sie die deutsche Sozialversicherung veränderten Verhältnissen anpassen und sie so gesund erhalten sollen. Neue Erklärung Groeners. Der Rundfunkzwischenfall vor dem Reichsrat. Der Reichsrat hielt am Donnerstag eine Vollsitzung ab, in der Reichsminister Groener den Vorsitz führte. Der Minister benutzte die Gelegenheit, sich dem Reichsrat als neuer Innenminister vorzustellen. Er wies hin auf die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit den Ländern und kam in diesem Zusammenhang auch auf den Rundsunkkonslikt mit Preußen zu sprechen. Der Minister führte hierzu folgendes aus: „Nun ist die Sache nicht so, daß etwa sachliche Differenzen uns irgendwie getrennt hätten. Ich bin überzeugt, daß, wenn die Zeit gewesen wäre, diese sachliche Angelegenheit in gegenseitiger Aussprach zu klären, überhaupt niemand davon erfahren hätte. Aber eines möchte ich sagen: daß es für mich untragbar ist, wenn mir plötzlich wenige Stunden, ehe der Vortrag im Rundfunk steigen soll, eine Entscheidung vorgelegt wird, die nicht in wenigen Stunden erledigt werden kann. Das ist ganz ausgeschlossen, und so habe ich das größte Interesse daran— und ich glaube, daß auch die Länder dasselbe Interesse haben— daß wir so frühzeitig von all diesen Absichten, die mit dem Rundfunk zusammenhängen und politischer Art sind, unterrichtet werden, daß das Reichsinnenministerium sich mit den betreffenden Ländern in Verbindung setzen kann und daß genügend Zeit bleibt, um etwa bestehende auseinandergehende Meinungen zu beseitigen. Und daraufhin werde sch mir erlauben, die zur Zeit bestehenden Bestimmungen nachzuprüfen, und nach einer Aussprache auch mit dem preußischen Ministerpräsidenten, die für nächste Woche vorgesehen ist. Ihnen zu gegebener Zeit mit entsprechenden Vorschlägen zu kommen.“ Die Aussprache beendet. Einzelbesprechungen der Reichsregierung mit den Mitgliedern des Wirtschaftsbeirats. — Berlin, 13. November. Die aus den Mitgliedern des Wirtschaftsbeirates der Reichsregierung gebildeten beiden Ausschüsse für Fragen der Produktionskosten und Preise und Fragen des Zinses und Kredites haben ihre Generalaussprache in der Reichskanzlei unter Vorsitz des Reichskanzlers Brüning, zu Ende geführt. Die Reichsregierung wird nunmehr während der nächsten Tage unter Leitung der nächstbeteiligten Reichsminister in Einzelbesprechungen mit den Ausschußmitgliedern die Formulierung von Leitsätzen über die Gestaltung des Wirtschaftsprogramms vorbereiten. Diese Leitsätze sollen den beiden Ausschüssen, die nach dem Bußtag in der zweiten Hälfte der nächsten Woche wieder tagen, zur endgültigen Begutachtung vorgelegt werden. Am Sonntag finden in Hessen Neuwahlen zum Landtag statt. Im Wahlkampf sind die Führer fast aller Parteien zu Worte gekommen. Stadtschulrat Dr. Truschel=Halle bot in seinem Vortrage über die„Bildungsziele und Bildungswege der Becufsschule“ einen Ueberblick über Entwicklung und Schwierigkeiten der Berufsschule. Für eine Vertiefung der Berufsschulbildung sei es die entscheidende Frage, ob es ihr wie der Kirche gelänge, die Botschaft Christi in die Sprache unserer Zeit zu kleiden und damit den Bedürfnissen der Gegenwart gerecht zu werden. Gewerbeoberlehrer Wüstling=Halle schilderte das„Rin“ gen um die Einführung des Religionsunterrichtes in den Berufsschulen". Er ging aus von Hellpachs Wort:„Wer aus der Erziehungsaufgabe der Berufsschule die Religion entfernt wissen will, der nimmt die Verantwortung auf sich, ein Geschlecht heranwachsen zu lassen, dem sein Dasein in den schwersten Stunden nur als eine schale und zwecklose Zufälligkeit erscheint.“ Während auf Grund dieser Erkenntnis in Baden Religion bereits obligatorisches Unterrichtsfach der Berufsschulen ist, sind meistens noch alle Fragen, die sich hier ergeben, sehr umstritten. Dringende Klärung ist hier nötiger denn je. P. Dr. ErnstCreypau, der Leiter der philosoph. Abteilung des Forschungsheimes in Wittenberg, sprach auf Grund eigener Erfahrung über die„Gestaltung des Religionsunterrichtes in der Berufsschule". Das Ziel muß sein, die seelischen Grundlagen unseres Volkes, die noch immer christlich sind, wieder aufzugraben und wirkungsmächtig zu machen, zum Ernstnehmen des Lebens und zum Ernstnehmen Gottes zu führen. Dazu wird in der Berufsschule das Lehrverfahren teils jugendpflegerisch=seelsorgerisch ausgehen von Fragen der Schüler, teils unterrichtlichschulmäßig bestimmte Stoffe wie etwa die Bergpredigt zu grunde legen. Ueberall ist von der Peripherie der Alltagsereignisse hinzuführen zu einer ethischen Grundlage, die auf klarer Erkenntnis ruhen muß. Als notwendige Aufgaben der nächsten Zeit ergeben sich: in den maßgebenden Kreisen Verständnis zu wecken für Zweck und Bedeutung des Religionsunterrichtes in der Berufsschule; Menschen heranzubilden, die für diesen Unterricht begeistert und dazu fähig sind. Dr. O. E. Schlisske. — Berlin, 13. November. Der französische Botschafter in Berlin, Francois-Poncet, ist nach seinen mehrfachen Besprechungen mit dem Ministerpräsidenten Laval nach der Reichshauptstadt zurückgekehrt und hat sich danach sogleich beim Reichskanzler anmelden lassen. Obzwar immer wieder betont wird, daß FrancoisPoncei nicht in offizieller Mission in Paris gewesen ist, so estreitet man in den amtlichen Kreisen aber auch nicht, daß mit der Rückkehr des Botschafters und den neuen Instruktionen, die er sicher mitgebracht hat, die deutsch-französischen Vorbesprechungen in ein neues Stadium treten. Nach dem„Excelsior“ sollen in Paris folgende vier Punkte für die weiteren Verhandlungen aufgestellt worden sein: 1. Der im Noungplan vorgesehene B33=21 10 der de d Ve eingestotenien Hanbelschulden hoaden mit den Rerorationen nichts zu tun, unbeschadet eines etwaigen Zusammentritts einer Kommission für die Mobilisierung der eingefrorenen Kredite; 4. Verbindung der endgültigen Reparationsregelung mit einem Schuldennachlaß seitens der Vereinigten Staaten. Wenn diese Darstellung zutrifft, dann würden die Auffassungen Deutschlands und Frankreichs immerhin noch weit auseinandergehen. Trotzdem scheint man aber mit einem baldigen Abschluß der Vorbesprechungen zu rechnen. Am meisten wohl in Paris. So betrachtet z. B.„Paris Midi“ den Vortrag des Kanzlers beim Reichspräsidenten als einen Beweis dafür, daß ein deutsch=französisches Kompromiß bemaunstaht Hhig daute. zung ka maint das Rlatt mardvoritent. Die beune ##ind. so meint das Blatt. werde Au, iit in Eröffnung der Kammer.— 100 Interpellationen.— Kommunistische Demonstrationsversuche. Die einhalbmonatiger Pause wieder zusammengetreten. Die Wintersession hat diesmal eine besondere Bedeutung, weil die innen= und außenpolitischen Verhältnisse es mit sich gebracht haben, daß rund 100 Interpellationen eingereicht wurden, um den Ministerpräsidenten zur Stellungnahme zu zwingen, einmal aus dem Gebiete der Außenpolitik, dann auf dem der Arbeitslosigkeit und schließlich wegen der Frage der von der Regierung einzuschlagenden Agrarpolitik. Anläßlich der ersten Sitzung hatten die Arbeitslosen eine Kundgebung vor dem Parlamentsgebäude angekündigt, weshalb das Palais Bourbon in weitem Umkreise von Polizei bewacht wird. Die angesagte Kundgebung ist jedoch im Sande verlaufen, da sich nur wenige Teilnehmer eingefunden hatten. Nach Verlesung der Interpellationen fragte Kammerpräsident Bouisson den Ministerpräsidenten, wann die Regierung sie zu beantworten gedenke. Ministerpräsident Laval schlug vor, die Interpellationen über die Außenpolitik vom kommenden Dienstag an zu diskutieren; die Interpellationen über die Lage in der Landwirtschaft und über die Arbeitslosigkeit könnten angeschlossen werden. Die Kammer beschloß, über die Interpellationen zur Außenpolitik nach dem Vorschlage des Ministerpräsidenten zu verfahren. Hinsichtlich der Interpellationen über die Arbeitslosigkeit entspann sich aber eine lebhafte Debatte, da die Sozialisten die sofortige Besprechung ihrer Interpellation über die Arbeitslosigkeit verlangten. Ministerpräsident=Laval widersetzte sich der sofortigen Diskussion der Interpellationen über die Arbeitslosigkeit nicht; jedoch widersprach er der Behauptung, daß die Regierung nicht ihre Schuldigkeit getan habe. Am Nachmittag hat vor den Vereinigten Kammerausschüssen für Auswärtiges und Finanzen Ministerpräsident Laval mit Außenminister Briand und Finanzminister Flandin über die in London, Berlin und Washington geführten Verhandlungen und die damit zusammenhängenden Probleme berichtet. Besprechung mit Rußland Die Wietschaftsverhandlungen in Berlin wieder aufgenommen. Zwischen Deutschland und Rußland sind neue Wirtschaftsverhandlungen im Gange. Die Besprechungen, bei denen Deutschlan's Interessen von dem Reichsminister für Wirtschaft, Professor Warmbold, vertreten werden, finden in Berlin statt. Rußlands Vertreter sind Botschafter Chintchuk, der Handelsvertreter Ljubimoff und der stellvertretende Generalsekretär Weizer. Ueber den Inhalt der Wirtschaftsbesprechungen verlautet von unterrichteter Seite, daß sie sich in erster Linie mit den Fragen der Zolltarife, der Eisenbahntarife, der Hafengebühren sowie des russischen landwirtschaftlichen und industriellen Exports beschäftigen werden. Die Zolltarifverhandlungen, die im August und September im Gange waren, konnten zu keiner Einigung, führen, da Rußland seinerseits von Deutschland verngte, oaß es durch Zollermäßigungen und Kontingente und durch andere wirtschaftspolitische Maßnahmen die russische Einfuhr nach Deutschland steigere. Die Russen verwiesen dabei darauf, daß die deutsche Ausfuhr nach Rußland bereits wieder den Vorkriegsstand erreicht habe. Deutschland konnte jedoch keine Zugeständnisse auf tarifarischem Ge#e machen, da Deutschland sich auf den Standpunkt stellte, die Grundsätze der Meistbegünstigung nicht verletzt werden dürften. Es kann nicht Aufgabe der deutschen Regierung sein, den Mangel an Elastizität, den das russische Handelsmonopol besitzt, durch Regierungskäufe auszugleichen. * Die Verhandlungen mit der Schweiz. Ueber die Wiederaufnahme der deutsch=schweizerischen Handelsvertragsverhandlungen in Berlin wird mitgeteilt: Ministerialdirektor Dr. Köpke begrüßte namens der Reichsregierung die schweizerische Delegation und gab der Kammer ist am Donnerstag nach vierspätestens Montag oder Dienstag die Einberufung des BJZ.=Ausschusses beantragen und den interessierten Mächten genau ihren Standpunkt darlegen. Dazu ist jedoch zu sagen, daß, solange eine Einigung über die Vollmachten des B3Z.=Ausschusses nicht erzielt ist, ein deutscher Antrag auf Einberufung dieses Ausschusses nicht erfolgen wird. Weshalb Deutschland Auch die Londoner„Times" beschäftigt sich eingehend mit der Reparationsfrage und dem weiteren Ablauf der Geschehnisse. Das Blatt schreibt, Deutschland sei das erste Ausfuhrland der Welt geworden und habe jetzt Amerika genau so überholt, wie im vorigen Sommer England. Das sei jedoch kein Zeichen deutschen Wohlstandes, sondern zeige nur, daß die deutsche Nation einig sei in dem Willen, ihre Lebensbedingungen so einzuschränken, daß sie Absatz für die Produktion im Auslande finde. Die damit verbundenen Härten nehme das deutsche Volt in Kauf, aber nicht deshalb, um Tribute zahlen zu können, sondern im Gegenteil zu dem Zweck, diesen Tributen zu entgehen und der drückenden Fesseln des Versailler Zwangsvertrages frei zu werden. Die„Times“ betont ferner, es scheine ganz ausgeschlossen, daß Deutschland seine staatlichen und privaten Verpflichtungen voll und vor allem pünktlich abzahlen könne und erwartet die Einsetzung einer neuen Kommission internationaler Finanzsachverständiger, um diesen ganzen Fragenkomplex zu untersuchen. Hoffnung Ausdruck, daß die Verhandlungen zu einem beide Teile befriedigenden Ergebnis führen werden. Nach einer Erwiderung des schweizerischen Gesandten in Berlin. Dr. Rüfenacht der sich diesem Wunsche anschloß, wurde in die sachlichen Verhandlungen eingetreten. Der Rat will untersuchen. Neuer Appell Briands an Japan und China.— Bisher 129 Japaner gefallen. — Paris, 13. November. Der französische Außenminister Briand hat in seiner Eigenschaft als Präsident des Völkerbundsrats in Vorbereitung der am Montag beginnenden Ratstagung nochmals die Regierungen Japans und Chinas daran erinnert, daß die beiden Parteien sich vor dem Rat verpflichtet hätten, jede Verschärfung des Konflikts zu vermeiden. Den Kommandanten der beiderseitigen Streitkräfte müsse strikteste Anweisung gegeben werden, sich jeder militärischen Aktion zu enthalten. Im übrigen spricht Briand die Erwartung aus, daß den Ratsmächten,„die vielleicht Beobachter an Ort und Stelle entsenden“, um sich ein Bild über die Vorgänge zu machen, die Ausübung ihrer Aufgabe ermöglicht werde. Die sapanischen Botschafter in London und Rom haben. Anweisung erhalten, zur Tagung des Völkerbundsrats nach Paris zu fahren, um Joshisawa, Japans Vertreter im Rat, zu unterstützen. Sie werden aber den Sitzungen des Völkerbundsrats nicht beiwohnen, es sei denn, um Joshisawa gelegentlich zu vertreten. Der sapanische Gesandte in China hat Anweisung erhalten, bei der Regierung in Nanking wegen der Ausschreitungen in Tientsin Beschwerde einzulegerz Aus Tientsin selbst liegen Meldungen vor, die von eine Entspannung und Unterzeichnung eines Abkommen: sprechen. Einer vom Kriegsministerium in Tokio ausgegebenen Mittellung zufolge betragen die bisherigen Verluiste der japanischen Truppen in der Mandschurei 129 Tote, 302 Vexwundete und 6 Vermißte. Programmrede Hitlers. Die Aufgabe des Nationalsozialismus. Vor etwa 20000 Menschen sprach in Mainz der Führer der Nationalsozialisten, Adolf Hitler. Er führte u. a. aus, die nationalsozialistische Bewegung sei nur ein Mittel zu dem Zweck, eine neue Volksgemeinschaft zu organisieren und dem deutschen Volk aus seiner Not herauszuhelfen. Die Vorsehung sage dem kranken Menschen: du mußt vergehen, die Welt ist nicht da für die Kranken, sondern für das Lebensfähige und Gesunde! Von dieser Erkenntnis habe sich das deutsche Volk seit zwölf Jahren bewußt ausgeschlossen. Das Kapital habe vollständig vergessen, daß es der Diener der Wirtschaft sei, und sich eingebildet, Herr der Wirtschaft zu sein. Das Verhältnis zwischen Bedarf und Produktion sei so verschoben, daß alle Nationen, in denen keine Autarkie bestehe, verloren seien. Es gebe zwei Möglichkeiten, sich den Weltmarkt zu sichern: die eine sei Güte und Billigkeit, der andere Weg sei die Kraft des politischen Wohlwollens. Nicht die Chemie, nicht die Elektrotechnik hätten uns früher die Welt erschlossen, sondern der Kruppstahl. Unsere politische Macht sei zerbrochen worden, und der politischen Macht folge die Wirtschaft ins Grab nach. Getrennt könnten Sozialismus und Nationalismus nebeneinander nicht bestehen. Echter Nationalismus werde aber Sozialismus. Die nationalistische Bewegung habe erreicht, daß im gleichen braunen Hemd der Prinz von einst und der Schlosser von jetzt nebeneinander marschieren und sich verstehen lernen. Der Kampf um das Ringen des Nationalismus gelte dem Ziel, in Deutschland einen neuen Volkskörper aufzubauen. Rechtsparteien und Jentrum. Hugenberg-Rede in Dresden. Vor ungefähr 5000 Personen sprach in Dresden auf Einladung des Stahlhelm der deutschnationale Parteiführer Geheimrat Hugenberg. Zur politischen Lage führte der Redner u. a. aus, der Wille zum Durchstoßen bedürfe nicht nur der Kraft, sondern auch der Klugheit. Man habe sich in Harzburg zusammengetan, um durchzustoßen in eine bessere Zukunft Daß das Zentrum dauernd bei der Sozialdemokratie stehe, sei nachgerade eine größere Sünde, so führte Geheimrat Hugenberg aus, als die Sünde des Sozialismus selbst. Er habe häufig seine Bereitwilligkeit zu einem Bündnis mit dem Zentrum erklärt. Zum Schluß wandte sich der deutschnationale Parteiführer kurz dem Volksbegehren in Sachsen zu Eisenbahner gegen den Schiedsspruch. Vorstand und Verbandsbeirat des Einheitsverbandes der Eisenbahner Deutschlands haben beschlossen, den Schiedsspruch, der eine vierprozentige Kürzung vorsieht, abzulehnen. Die Hauptverwaltung der Reichsbahn wird den Schiedsspruch annehmen und seine Verbindlichkeitserklärung beantragen 2= Politische Rundschau. :: Zum Todes des Preußischen Landtagspräsidenten Bartels sprachen u. a. der Reichskanzler, der preußische Ministerpräsident und die Vorsitzenden verschiedenei Fraktionen in Telegrammen ihr Beileid aus. Bis zur Beisetzung wird die Leiche in der Präsidentenwohnung im Landtag und in den letzten Tagen in der Wandelhalle aufgebahrt. Die Totenwache he#ten Angehörige des Reichsbanners. Der Landtag und die preußischen Zentralbehörden haben die Flaggen auf Halbmast gehißt. :: Der Vorstand des Internationalen Gewerkschaftsbundes trat in Berlin zu einer Sitzung zusammen. Anwesend sind u. a. der Vorsitzende Citrine=England, JouhauxFrankreich, Mertens=Belgien, Leipart=Deutschland, JacobsenDänemark, Payerle=Tschechoslowakei, Smit=Amsterdam. Auf der Tagesordnung steht als erster Punkt die Aktion zugunsten der 40=Stunden=Woche. :: Ruhiger Verlauf des Einlagenverkehrs bei den Genossenschaftsbanken. Der durch die Notverordnung vom 8. August festgelegte Dreimonatstermin für die Auszahlung gekundigter Gelder über 1000 Mark ist ruhig verlaufen. Eine Umfrage bei Genossenschaftsbanken ergab, daß überhaupt bis jetzt der Monat November im Unterschied zu den sormonaten verhältnismäßig normal verlaufen ist Es stellt sich heraus, daß die Rückzahlungen gekündigter Einlagen nur zu einem geringen Bruchteil tatsachlich erfolgen. Zum großen Teil findet eine Abhebung der Gelder uberhaupt nicht statt. :: Abgeordneter Boening entzieht sich dem Antritt der Gefängnisstrafe. Der badische Landtagsabgeordnete Boening sollte dieser Tage eine#. angnisstrafe antresollte:. Tage eine viermonatige Gefängnisstrafe antreten, die im Zusammenhang mit ausschreitungen gegen ihn verhängt worden war. Als man ihn festnehmen wollte, Al stellte sich heraus, daß Boening abgereist ist. Sein derzeitiger Tufenthalt ist unbekannt. :: Verbindlichkeitserklärung des Breslauer Lohnschiedsspruchs. Der Schiedsspruch im Lohnkonflikt der Breslauer Metallindustrie ist für verbindlich erklärt worden. Lokal= und Provinzialnachrichten. Bielefeld. Die Redner auf der Jahrestagung des Westdeutschen Sittlichkeitsvereins. Zu der Jahrestagung des Westdeutschen Sittlichkeitsvereins kommen eine Reihe von bedeutenden Rednern und Führern in der Sittlichkeitsbewegung nach Bielefeld. So der Studentenpfarrer Kunze aus Leipzig und Pfarrer Raeder=Berlin, Pastor der Inneren Mission daselbst, beide sprechen in der Volksversammlung am Sonntagnachmittag. Am Montagnachmittag spricht Oberarzt Dr. Wichern=Bielefeld in einer Versammlung von Pfarrern, Presbytern und Gemeinedverordneten über das Thema:„Sexualnot und Kirche.“ Montagabend spricht Dr. med. et phil. Harmsen, Berlin, über „Die biologische Lebensfrage unseres Volkes— eine Erziehungsfrage?“ Als Besucher für die Montagabend=Veranstaltung find Lehrer, Eltern und Erzieher erwünscht. Dr. med. et. phil. Harmsen hat schon eine Reihe von sehr wichtigen sexualethischen Schriften geschrieben. Soeben ist herausgekommen„Frau und Kind in Sowjetrußland“. Er ist auch Herausgeber des„Archiv für Bevölkerungspolitik, Sexual= ethik und Familienkunde“. Sprechende Hände. Vor den Toren Berlins, in dem ehemaligen Weberdörfchen Nowawes bei Potsdam, hat werktätige Menschenliebe der Christen Zufluchtsstätten geschaffen für die Menschen, die vordem als Ausgestoßene galten, für die Taubstummblinden. Wir alle wissen heute viel von der Not des Lebens, aber hier in der Stille des Hauses ist wirklich alle Not eines Menschen zusammengetragen. Es ist die stille Welt der Menschen, deren Augen verschlossen sind, die ganze bunte Schönheit der Welt lebt für sie scheinbar nicht. Und auch ihr Ohr ist still, kein Laut, keine Musik, nicht der leiseste Klang wird vernommen. Ist es ein Wunder, daß diese Menschen wie Tiere lebten, ehe sie in das Heim kamen, ist es ein Wunder, daß die gefangene Seele nach allen Ausdrucksmöglichkeiten sucht, um irgendwie aus den Wänden der dunklen Gefangenschaft herauszukommen? Denn es sind in Wirklichkeit Menschen mit gesundem Geist, Menschen, deren Seele lebt, wie die unsere. Es ist eine Großtat im Reich des menschlichen Helfens, daß hier im Oberlinhaus zu Nowawes neben dem Krüppelheim eine Spezialanstalt für Taubstummblinde geschaffen wurde. Man versucht dort unter undenklichen Mühen und mit großer Geduld, den letzten bildungsfähigen Sinn, das Tastgefühl so zu stärken, daß es Auge und Ohr zugleich wird. Mit Hilfe eines eigens geschaffenen Fingeralphabeths wird ihnen eine neue Sprache beigebracht, eine Sprache, die für die Taubstummblinden bald lebendig wird, die Seele und ideellen Gehalt bekommt. Sicher sind und bleiben auch so noch die Taubstummblinden in vielen Dingen benachteiligt, aber es ist ebenso sicher, daß sie in vielen Dingen reiner und tiefer sehen, als wir scheinbar„Normalen“, daß sie in ihrer Sprache oft tiefer und klarer und sicherer hören, daß sie überhaupt manches sehen und hören, was uns verschlossen ist, daß ihr Geist ungestört durch die Mannigfaltigkeit, der nebensächlichen Erscheinungen, durch die wir immer wieder vom Wesentlichen abgelenkt werden, in andere Tiefen dringt. Der Zusammenbruch der Wohlfahrtsarbeit auf vielen Gebieten bedroht nun auch diese Arbeit. Aber wir hoffen und warten und bitten um Hilfe. Heute, Freitag, den 13. November 1931, abends 8 Uhr, findet in Bielefeld, im Gemeindehaus Grünstraße, ein Filmoortrag über die Arbeit im Taubstummenblindenheim in Nowawes statt, den P. Knolle vom Oberlinhaus vorführen wird. Wir bitten um ein offenes Herz. Knolle. Berichtigung. In dem Artikel„Der Wandel des physikalischen Weltbildes“ von D. Dr. E. Dennert sind leider zwei höchst unangenehme Druckfehler unterlaufen. In Zeile 12 vom Anfang muß statt„photographische“ stehen„philosophische“. In der drittletzten Zeile muß statt„idealistisch=spiritistischen“ stehen„idealistisch=theistischen“. Die Schriftleitung. Hinweis. Der Gesamtauflage unserer heutigen Ausgabe liegt ein Bücherprospekt der Vereinsbuchhandlung G. Ihloff u. Co., Neumünster i. Holst., bei, auf den wir auch an dieser Stelle eimpsehlend hinweisen. der Deutschen Seemanns=Mission in Amsterdam. O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit. Wieder naht die Weihnachtszeit mit ihrer Freudenbotschaft: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, die so tröstlich hineinklingt in das Dunkel unserer Tage. Wieviel bekümmerte und verzagte Menschenherzen warten darauf, daß ihnen Weihnachten eine Abwechslung ihres Daseins, eine Freude bringen möge!— Zu diesen gehören auch unsere deutschen Seeleute, die fern von der Heimat darauf warten, daß ihnen liebe Hände den Weihnachtstisch decken. Sie müssen doch das, was jedem Menschen auf Erden das Liebste ist, die Heimat, oft schmerzlich entbehren, dabei drängt sich gewiß manchem die bange Frage auf:„Wird christliche Liebe auch deiner gedenken, oder wirst du in fremden Landen und auf fremden Meeren vergessen werden? Da will die Seemannsmission eintreten und den deutschen Seeleuten, die zur Weihnachtszeit mit ihren Schiffen im fremden Hafen liegen, den Christbaum anzünden und ihnen im Seemannsheim ein Stück deutscher Heimat zu ersetzen suchen.. g 45pramm 4 M So kommen wir auch jetzt zur„Aufwarisgemeinde mit der Bitte:„Helft uns diese Liebesarbeit tun zu können.“ Wir wissen wohl, wie bange Sorge und Not jetzt überall herrschen, aber wir wissen auch, daß unsere Freunde und Freundinnen ein warmes Herz für unsere Seeleute haben und uns gerne helsen wollen und werden, soweit sie können. Willkommen sind Strümpfe, Taschentücher, Bücher, Tabaksbeutel, Nähbestecke, Halstücher, Hosenträger, Pfeifen, Briefpapier und Seife. Von Tabak bitten wir abzusehen, da derselbe hoch verzollt werden müßte. Einen persönlichen Gruß mit der eigenen Adresse beizufügen, verleiht der Gabe einen besonderen Wert und wird von dem Empfänger immer dankbar geschätzt und freudig begrüßt. Wir senden diese Bitte so früh hinaus, weil die Weihnachtskiste schon 14 Tage vor dem Fest abgehen muß, um den Anschluß an den Dampfer, der sie frachtfrei nach Amsterdam bringen soll, Alle Liebesgabenpäckchen mit dem Vermerk:„Für die Seemannsmission“, bitten wir recht bald an Hausvater Göckelmann, Bethel bei Bielefeld, Haus Nazareth, senden zu wollen. Mit herzlich dankbaren Weihnachtsgrüßen und=wünschen Amsterdam—Bethel, 1931. Deutsche Seemannsmission L. Würdemann, Vorsitzender, K. Göckelmann, Hausvater, E. Saretzki, Seemannsmissionar. Kirchliche Nachrichten der Zionsgemeinde zu Bethel. Sonntag, den 15. Nov.: 8½ Uhr: Pastor Wörmann. 9 Uhr; Pastor Lethaus. 10 Uhr: Pastor Bischoff. 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Montag 20¼ Uhr in Gosen Gemeindebibelstunde. Mittwoch, 18. Nov.(Bußtag): 8½ Uhr: Pastor Kirschsieper. 9 Uhr: Pastor Wilm. 10 Uhr: Pastor Tegtmeyer. 16½ Uhr: in Sarepta Beichte und Abendmahl. Pastor Wilmanns. Bethel. — Christlicher Verein junger Männer. Die heutige Bibelstunde lassen wir wegen der Missionsversammlung im Assapheum ausfallen. Zwischen Nil und Indischem Ozean. Eine Einladung. Am Freitag, den 13. November, abends 8 Uhr, gedenkt die Bethelmission im großen Saale des Assapheums ihre Hauptversammlung, wie alljährlich, zu halten. Die Ueberschrift des Abends soll heißen„Zwischen Nil und Indischem Ozean“. Was diese Ueberschrift bedeutet, wird der Abend selbst erklären. Drei Fragen sollen beantwortet werden: 1. Dürfen wir Mission treiben? von Pastor Jasper. 2. Sollen wir Mission treiben? von Pastor Trittelvitz. 3. Können wir Mission treiben? von Pastor Kuhla Bielefeld. Alle Freunde der Bethelmission werden herzlich dazu eingeladen. Heidschnuckenlammfleisch Postpaket ½ Braten, ½ Kochfleisch.50 Mk. einschl. Porto und Verpackung gibt ab die Arbeiter-Kolonie, Freistatt, Kr. Sulingen(Prov. 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Veranstaltungen wird herzl. eingeladen. litttnitrsttlllrililtrutintlsslinnssirlntnig Obstbäume, Beerensträuchers in besten Sorten " und Sohslige Baumschulartiker bietet an die Gätnerei der Hnstalt Bethel Preislisten gerne auf Wunsch. Stuniun Schriftleitung: W. Kraa, Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel, Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannoter 67377,„Aufwärts“, Christliches Tagehlatt, Bethel d. Bielefeld. Fernruf 3911/8919. Amt Dor Tccher Tcer Nr. 267. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 14. November 1931. 13. Jahrgang. Eine neue„Friedrich von BodelschwinghSchule in Asambara(Ostafrika). ist es erst ein kleines Reislein an dem großen Bethel=Baum— unsere kleine deutsche Schule hier in Lwandai bei Mlalo und doch, sie gehört auch mit zu unserer lieben, reichen Bethelarbeit! Und darum dürfen wir auch heut einmal den Freunden in der Heimat von ihr berichten. Es war ein reicher Festtag, der uns am Sonntag, dem 27. September, geschenkt worden ist. Vor mir liegt das wunderhübsch, in Zweifarbendruck von unserer Druckerei in Wuga hergestellte Festprogramm zur Erinnerung an die Einweihung, am Kopf geschmückt mit einer feinen Photographie des neuen Schülerheims. Schon dies eine Empfehlung unserer kleinen Schule, wie man sie hier in Afrika selten trifft. Die Mutter eines unserer Jungen sagte dazu:„Ich habe es gleich in die Heimat geschickt. Wenn sie das sehen, werden sie es nicht glauben wollen, daß solch ein Programm hier in Afrika gemacht ist.“ Ja, ohne Frage hat dies feine Programm tapfer mitgeholfen, viele Eltern, Freunde und alte Schüler unserer Schule als Gäste herbeizuführen. Schon am Freitag vorher kamen die ersten, und vom Sonnabend mittag an kam ein Auto nach dem anderen den Lwandaihügel heraufgeschnauft zur größten Freude unserer Kinder. Auch Mlalo hatte gastlich weit seine Pforten geöffnet, und so haben die 6 Haushalte droben in Mlalo und hier nicht weniger als 67 Erwachsene und etwa 20 Kinder als. Gäste aufgenommen, eine Zahl von Europäern, wie sie seit dem Kriege nicht wieder hier versammelt gewesen sind. Eine Bitte wurde sogleich allen Gästen weitergegeben, niemand dürfe über den Umbafluß zur neuen Schule gehen; das sollte dem Festtag selbst vorbehalten bleiben. Und dann kam der Tag! Doch, was ist das? Früh um 6 Uhr blasen die Posaunen drüben bei der Deutschen Schule und danach bei uns,— gerade wie daheim in Bethe!! Davon steht nichts auf dem Programm, doch darum ist's doppelt schön. Die letzten Autos treffen ein. Darunter auch das des Beamten von der Erziehungsabteilung(Kultusministerium) aus Daressalam, der als Vertreter seiner Regierung kommt. Gegen ½9 Uhr versammelt sich alles in der Aula der Centralschule für unsere eingeborenen Jungen, die festlich mit Palmen und Blumen als Gottesdienstraum hergerichtet ist. Der Präses unserer Missionsarbeit, Herr Pastor Wohlrab, hält uns den feierlichen Eröffnungsgottesdienst, der verschönt wird durch das große„Halleluja“ von Hummel, das die gesanglich geschulte Mutter eines unserer Kinder uns singt. Im Mittelpunkt der Predigt— ihr Text ist Luk. 2, 52:„Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“— steht der Ruf zur Entscheidung, zu der unsere an Gärungen auch auf dem Gebiet der Erziehung so überreiche Zeit alle Kinder und Jugendlichen auffordert. Es gilt die Synthese(den Zusammenschluß) zu finden zwischen einer Bildung, die ganz weltoffen ist und sich leiten läßt durch die Forderungen dieser Zeit, und einer Bildung, der es letztes Ziel ist, vor Gottes Augen zu wandeln und Gott und Menschen zu dienen in Christus.— Das war ein guter Auftakt für den ganzen Festtag. Nach dem Gottesdienst bildete sich der Festzug: Voran die Posaunen unserer Mlalo=Christen, danach die Kinder mit ihren Lehrern und der Hausmutter, danach der Vertreter der Regierung, und dann bunt gemischt die große Schar der Festteilnehmer. Unter hellen Marschklängen zogen wir im leuchtenden Sonnenschein hinunter zum Umba, über die Brücke und am anderen Ufer durch den schattigen Wald von jungen Zedern und Gerberakazien wieder hinauf.— Welch ein Staunen und Bewundern war da bei den Gästen zu hören beim Anblick der schmucken, überaus praktischen Anlage! Drei Gebäude sind es, die nun unserer deutschen Schule dienen: Ein kleines Schulhaus mit 2 Klassenräumen und einem Lehrerzimmer,— dabei ist allerdings die Möglichkeit weiteren Ausbaues vorgesehen. Das Hauptgebäude ist das Schülerheim, das Raum bietet für 26—30 Kinder, für zwei Lehrkräfte und die Hausmutter. Daneben steht das langgestreckte Wirtschaftsgebäude mit Küche, Speisekammer, 2 Badestuben, Waschküche und Holzstall. Alles liegt auf einem schönen Hang inmitten des Wäldchens. Der Bauplatz selbst hat durch gewaltige Ausschachtungen dem Berge abgewonnen werden müssen, und auf der Rückseite schauen mächtige Felsblöcke—„aus den Eingeweiden der Erde“, wie unsere Eingeborenen sagen— in die Fenster hinein. An der freien Stelle des Hanges blickt man weit hinaus auf Usambaras Berge, bis hin zum allerhöchsten, dem Mtumbi, der 2250 Meter übersteigt. Auch der Garten ist nicht vergessen, um stets frisches Gemüse zu liefern für all die tapferen Esser; er kann, was hier bei uns besonders wichtig ist, in all seinen Teilen bewässert werden. Ja, dicht neben dem Wirtschaftsgebäude kommt ein Wasserlauf herab, der wohl eine Stunde weit droben aus den Bergen hergeleitet, die deutsche Schule mit Wasser versorgt. Vor dem Schulhause war unter einem kühlen Mattenzelt der Festplatz bereitet, wo alle sich setzen konnten. Dort war im offenen Vorraum der Schule auf einfachste Weise eine Bühne errichtet. Nach einem Loblied der Kinder und einem für diesen Tag gedichteten Prolog durfte der Schreiber dieser Zeilen als derzeitiger Schulwart unserer Mission die Gäste begrüßen.— Heut ist der Ehrentag unserer kleinen deutschen Schule,— ein Tag großer, tiefer Freude! Unsere Freude wird zum Dank. der emporsteigt zu dem lebendigen Gott, der zu all unserem Wollen und Planen das Gelingen gab, so daß wir heut unser Einweihungsfest feiern dürfen. Unser Dank gilt allen Gästen, die hierher geeilt sind; er gilt dem „Deutschen Schulverein für den Norden von Tanganyika“, dessen Vorsitzende, Frau Gähde=Tanga, unter uns weilt, für alles Interesse, das uns seither bewiesen; wir grüßen in dieser Stunde die Vertreterinnen unserer Nachbarschule in Sunga und danken für die freundlichen Wünsche, die durch die Lehrerin, Frl. Dr. Knischewsky, unserer Schule dargebracht sind. Besonderer Dank gilt der Mandatsregierung und der Erziehungsbehörde unseres Landes in Daressalam, die ihren Vertreter, Mr. Williams, Superintendent of Education, zu uns gesandt hat. Wir danken der Erziehungsbehörde, daß sie zum ersten Male aus der Steuer für Europäisches Erziehungswesen uns eine wesentliche Unterstützung hat zuteil werden lassen durch Darreichung der Hälfte der Bausumme für Schule und Schülerheim.— In seiner Antwort gab der Beamte seiner Freude darüber Ausdruck, an dieser Feier teilnehmen zu können. Er wünschte der Schule ferneres Gedeihen und vor allem— was ja die Hauptsache sei— stets eine große Schar lebendiger, fröhlicher Kinder! Auch er erhoffe ein weiteres, gedeihliches Zusammenarbeiten zwischen Regierung und Mission!— Endlich gilt unser Dank all den Kreisen und Einzelnen in der fernen Heimat, die sich ratend und helfend hinter unsere Schule gestellt haben; sei es durch Darreichung von Spenden, durch Gewährung von Freiplätzen in unserem Schülerheim oder durch Ausstattung unserer Schule mit Lehrmitteln. Genannt seien hier: Die Deutsche Kolonial=Gesellschaft, der Frauenbund der D. K.., der Verein für das Deutschtum im Auslande und das Stuttgarter Auslandsinstitut.— Doch der tiefste Dank gilt unserer heimischen Missionsleitung in Bethel bei Bielefeld, die es üns ermöglicht hat, die Schule zu eröffnen und zu führen, die uns das Wichtigste gab: die lebendigen Menschen, die als Lehrkräfte unter uns wirken!— Doch über all dem vergessen wir nicht unsere schwarzen eingeborenen Meister, Gesellen und Arbeiter, die in monatelanger, mühevoller Arbeit unter Führung unseres lieben Baumeisters unermüdlich geschafft haben, um in der erstaunlich kurzen Spanne von 2½ Monaten alles fertigzustellen, wie wir es heut vor Augen sehen. Ihnen allen, vom ersten bis zum letzten, gilt unser herzlicher Dank! Nun folgte— was wohl für manche unserer Eltern ein Höhepunkt des ganzen Tages war— die Aufführung der Scharade, die uns die Inschrift über der Tür enthüllen sollte. Die Kinder der beiden Oberklassen stellten in 11 lebenden Bildern das Geheimnis dar; es galt für die Gäste, die dargestellten Tätigkeiten zu erraten, deren Anfangsbuchstaben— in der rechten Weise verbunden— den gesuchten Namen ergeben sollten. Da sah man als erstes Bild drei Mädchen sitzen am Tisch, eifrig Briefe schreibend und darüber plaudernd; das ergab den Buchstaben„“. Oder Bild Nr. 10:„Geburtstagsfeier": Lotte als Geburtstagskind mit einem Kranz im Haar vor dem Geburtstagstisch stehend; alle anderen Kinder singen: „Lotte ist Geburtstagskind, Laßt uns fröhlich singen. Laßt uns alle hier geschwind Unsre Gaben bringen. Bücher, Bildchen, Puppenkleid, Jede Art von Süßigkeit, Vase, Spielzeug, Handarbeit, Samt viel andern Dingen.— Liebe Lotte, höre fein. Was wir für dich bitten. Jesus mög dein Führer sein, Stets bei allen Schritten. Gottes Segen immerdar, ein gesundes neues Jahr, Will die ganze Kinderschar Dir von Gott erbitten.“(Melodie: Alle Vögel sind schon da..) Wie lebendig und eifrig waren alle dabei mit kindlich=natürlichem Wesen!— Und dann haben die Gäste unter humorvoller Anleitung von Herrn Mittelschullehrer Buchholz, der sich ihnen als„Schulmeister“ vorstellte, sich eifrig und erfolgreich ans Raten gemacht und richtig die Inschrift über der Tür erraten: „Friedrich v. Bodelschwingh=Schule". Nach dem gemeinsamen Gesang des Liedes:„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!“ zeichnete die nun folgende Ansprache des Unterzeichneten in kurzen Strichen den Gang der Entwicklung unserer Schule und ihre Ziele. Am 1. November 1908 ist sie einst in Mlalo gegründet, um den Kindern mancher deutschen Landsleute, die ohne geordneten Unterricht aufwuchsen, zu helfen. Die Zahl der Kinder stieg nach und nach auf 25. Ja, während des Krieges, als Mlalo=Lwandai der Zufluchtsort vieler deutschen Frauen und Kinder war, auf 75. Damals waren 5 Lehrkräfte tätig unter Leitung von Frl. Lindner. Doch im Jahre 1920 mußte die Schule aufgelöst werden. Als nach dem Kriege die Missionare wieder zurückkehrten, wurde vielfach der Wunsch ausgesprochen, daß in Mlalo doch wieder eine deutsche Schule eröffnet werden möchte. Zu unserer großen Freude sandte unser heimischer Vorstand 1929 eine Missionslehrerin, Frl. Melzer, für diesen Dienst heraus. Die Zahl der Kinder wuchs bald auf 18. Bei der zunehmenden Arbeit wurde uns eine zweite Lehrerin gesandt, Frl. Dorendorf. Als dann Frl. Melzer im Juli 1930 in die Missionsarbeit in Bukoba weiterziehen mußte, trat Herr Mittelschullehrer Buchholz, der an unserer Eingeborenen=Zentralschule steht, in die Arbeit ein und übernahm die Leitung der beiden oberen Grundschulklassen, unterstützt in einzelnen Fächern von den weiteren Lehrkräften der Zentralschule, Frl. Linder, Frl. Bösch und dem Unterzeichneten. Die Zahl der Kinder ist bisher langsam weiter gewachsen. Einzelne sind in die Schulen daheim übergegangen. Doch die entstandenen Lücken haben sich schnell wieder geschlossen. 3. Zt. sind 23 Kinder in unserer Fürsorge; doch liegen bereits eine Reihe neuer Anmeldungen vor.— Sehr dankbar sind wir, in Frau J. v. Prince eine Hausmutter gefunden zu haben, die sich mit großer Tatkraft und Frische ihren reichen erzieherischen Aufgaben widmet. Im weiteren Verlauf suchte die Ansprache den Eltern und Freunden unserer Schule zu zeigen, warum wir unsere Schule nach dem Namen Friedrich v. Bodelschwinghs genannt haben. Ein kurzer Ueberblick über das Leben und Wirken unseres Anstaltsvaters suchte auch denen unserer Landsleute, die wenig oder nichts von ihm vernommen hatten, einen Eindruck seiner Persönlichkeit zu geben. Wie er, der„Handlanger Gottes“, darum rang, alle, mit denen sein Weg ihn zusammenführte, hineinzuziehen in den seligen Dienst„dienender Liebe“.— Zum Größten, was Menschen einander schenken können, gehört Vertrauen. Alle Eltern, die ihre Kinder zu uns gesandt, haben uns das Kostbarste anvertraut, was sie besitzen. Wir danken ihnen dies Vertrauen von ganzem Herzen. Wir bitten Gott, daß er uns Lehrer und Erzieher mehr und mehr rüsten wolle durch seinen hl. Geist zu dem köstlichen großen Dienst an unseren Kindern nach Leib und Seele. Das Beste, was wir unsern Kindern mitgeben möchten, ist dies: Daß sie eingetaucht werden in den Geist lebendiger, dienender Liebe. Dienende Liebe— das ist die Quelle der Kraft, aus der Bethels Arbeit erwachsen und ein Segen geworden ist für die weite Welt in mehr als 50 Jahren. Das walte Gott. Nun wurden die Gäste gebeten, zum Schülerheim heraufzukommen. Dort sprach einer der ältesten Knaben den Weihespruch, worauf unser Baumeister, Herr Missionskaufmann P. Rorarius, den Vorhang von der Inschrift fallen ließ, so daß der Name nun weithin ins Land hinausleuchtet:„Friedrich v. Bodelschwingh=Schule". Darauf setzte die Führung ein durch die hellen, luftigen Räume. An jeder Tür stand eins der Kinder und sagte zu dem Namen des betr. Zimmers ein Sprüchlein auf. Wie jungenshaft bei„Felseck":„Große Felsen schauen zum Fenster hinein. Felseck soll drum hier der Name sein. Wir Knaben lieben die Felsen sehr. Hinaufzuklettern, das fällt uns nicht schwer." Oder das Sprüchlein für die Kleinsten im„Zwergenreich“:„Wir wohnen neben der Lehrerin gleich, Wir sind die Kleinsten von allen. Drum heißt unser Zimmer das Zwergenreich. Hier wird es uns schon gefallen.“— Den Abschluß der Vormittagsfeier bildete das Blasen des Posaunenchores auf dem freien Platz vor dem Schülerheim; wohl den tiefsten Eindruck machte das Niederländische Dankgebet: „Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten“ mit seinem gewaltigen Schluß:„O Herr, mach uns frei!“ Der Nachmittag vereinigte alle Gäste noch einmal auf dem weiten Platz vor dem Schülerheim. Dort war eine lange, lange Kaffeetafel gedeckt, an der alle Erwachsenen (etwa 80) Platz fanden. Neben der leiblichen Erquickung wurden noch allerlei Grüße ausgetauscht. Erwähnt seien besonders die Wünsche, die im Namen des Deutschen Schulvereins in Tanga unserer Schule dargebracht wurden; sie klangen aus in den Gedanken: Wo ein solcher Anfang gemacht sei, da müsse gewiß ein guter Fortgang folgen! Sehr wichtig war uns, daß der Präses unserer Missionsarbeit in diesem großen Kreise deutscher Landsleute einen Gedanken aussprechen konnte, der uns schon lange bewegt. Von Südwest= und Südafrika wissen wir, wie die evangelischen Deutschen sich zusammengeschlossen haben zu evangelischen Kirchengemeinden. Dasselbe ist in Abbessiniens Hauptstadt, Addis=Abeba, geschehen, seit vor wenigen Jahren die Hermannsburger Mission dort ihre Arbeit begonnen hat. Warum nicht dasselbe hier in Ostafrika?! Nun ist uns diese Schule als ein Mittelpunkt und Zusammenschluß geschenkt all der Eltern, die uns ihre Kinder anvertraut haben. Welch eine wertvolle Gabe würde es für viele unserer Landsleute hier draußen bedeuten, wenn eine Kirchengemeinde entstehen würde als ein Zusammenschluß derer, die Gottes Wort und Gebet als Quelle der Kraft für Leben und Sterben kennen und suchen! Sehr dankbar waren wir, daß dieser Gedanke auf mehreren Seiten lebhafte Zustimmung fand. So hoffen wir auch hierin, daß das ausgestreute Samenkorn Frucht bringen dürfe, die da bleibt— zum Segen für viele unserer deutschen Landsleute hier draußen.— Und es entsprach dem Empfinden vieler, als Herr Baron v. Kaltenborn aus bewegtem Herzen den Dank der Gäste aussprach und unserer Schule fernerhin Segen und Gedeihen wünschte. Aber noch waren die Ueberraschungen des Tages nicht zu Ende: Vor der großen Kaffeegesellschaft erschienen plötzlich vier lustige Zwerge aus dem Waldrei h: Murksel, Purksel, Mix und Pix. Sie sangen ein Zwergerlied, führten einen Reigen auf und luden die Gäste eir, ihnen in den Wald zu folgen. Dort wollten die Kleinen(Kinder des 1. und 2. Jahrgangs) ein Waldspiel aufjühren, das gedichtet und eingeübt war von Frl. Dorendorf und von Frl. Frieda Wohlrab.— Gern leistete man der Einladung Folge. Schon unterwegs begegnete man allerlei Merkwürdigem: 5 Sonnenkäferchen, 3 Blumenkindern, einer Hagebutte und einem Fliegenpilz, alle in reizenden Ko stümen. Den Festplatz bildete eine Freilichtbühne, wigeschaffen für diesen Zweck, inmitten frischer, grüner Zedern. Sogar Sitzgelegenheit war— wie im umphitheater ansteigend— geschaffen. Jetzt sangen die Märchenkinder ihre Lieder und führten ihre Reigen auf, wobei wohl aller Mütter Herzen höher schlugen voll Stolz, wie natürlich und frisch alle Kinder, bis hin zu den Kleinsten, mitwirkten. Auch eine„Waldurahne“ trat auf. Sie war ungehalten, daß die Ruhe ihres Waldes gestört sei durch den Einzug der Menschen; doch als sie erfuhr, daß nur Kinder in dem neuen Heim wohnen würden, war sie schnell versöhnt. Ja, nachdem sie noch ein lustiges Märchen— voll praktischer Anwendungen— erzählt, zeigte sie den Zwergen und Sonnenkäferchen, hinter einer Palme versteckt, feine Körbe voll geschnittener Ananas, die nun den Gästen angeboten wurden. Noch einmal bewegte sich der Zug der Gäste hinab zum Schulhaus, wo Herr Mittelschullehrer Buchholz das Schlußwort sprach. Nur zwei Gedanken daraus: Das Ziel unserer Schule, so wie es uns vorschwebt: Eine Mittelschule mit der mittleren Reife(dem früheren Einjährigen) als Abschluß, auf der sich alle Kinder, denen ein Weg zur Ausbildung in der Heimat sich nicht bietet, eine abgeschlossene, für die Erfordernisse des Lebens ausreichende Bildung erwerben können; andererseits aber für solche Schüler, die in die Heimat kommen, auf den verschiedenen Stufen die Offenhaltung des Ueberganges in die entsprechenden Klassen einer deutschen Oberrealschule bezw. eines Oberlyzeums.— In das Gefühl des Dankes gegen Gott und Menschen über allen Reichtum dieses Tages mischt sich das Bewußtsein von dem großen Ernst der Schicksalsgemeinschaft, die uns als Menschen des gleichen Stammes in dieser Zeit tiefster Not hier draußen im fremden Land verbindet, die aber insonderheit die verbinden wird, die als Eltern oder Freunde sich um unsere Schule scharen.— Wie am ganzen Tage immer wieder unsere Kinder— die große Hauptsache in der Schule— zu Wort gekommen waren, so brachten drei von ihnen den Abschiedsgruß: Dank gegen die Gäste, Segenswunsch für die Reise und die Einladung, bald wiederzukommen. Die Feier schloß mit dem von allen stehend gesungenen Loblied:„Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen.“ Dieser Bericht darf nicht schließen, ohne ein klein wenig auch der Größe unserer Not und Aufgabe zu gedenken. In diesen Tagen erhielten wir die Anfrage einer Mutter, die sieben Kinder im Alter von—13 Jahren hat, die alle nur ein wenig Unterricht daheim erhalten, aber noch nie eine richtige Schule besucht haben.“ Sofort haben wir den Eltern für zwei der Kinder Freistellen angeboten. Wo bleiben aber die anderen fünf?! Wohl wissen wir, daß die Not in der Heimat riesengroß ist. Und doch wagen wir zu bitten: Helft uns, damit wir anderen helfen können! Helft uns Freistellen zu schaffen für Kinder, deren Eltern nicht zahlen können! Erst die Hälfte der Bausumme ist fest gedeckt! Doch hier kosten 10 Ziegelsteine 6 Pfennig! Wer möchte uns eine Zehnzahl oder ihrer etliche darreichen? Wir brauchen notwendig Lehrmittel, um unseren Kindern lebendige Anschauung zu vermitteln. Sehnlich wünschen wir uns ein Harmonium; singen doch unsere Kinder gar zu gern, das ist ja unser liebes Bethelerbteil! Und welch eine Hilfe wird die Nähmaschine erst sein, sobald sie unserer lb. Hausmutter zur Verfügung steht! Als letzter soll nun zu Euch reden, lb. Freunde daheim im Vaterland, der Knabe, der unmittelbar vor der Besichtigung der Häuser den Weihespruch(gedichtet von Herrn Mittelschullehrer Buchholz) sprach:„Die schwere Arbeit ist getan.— So kommt, ihr Gäste, nun heran und schaut euch unsere Schule an.— Seht nur, wie ist sie stolz gericht't!— Die Fenster hell, die Türen dicht.— Die Maße richtig, Winkel echt,— Nach Maurer= und nach Zimmrerrecht.— Die Mauern lotrecht, Wand für Wand,— Die Balken richtig im Verband,— Die Zimmer groß, der Giebel stolz,— Die Diel von edlem Zedernholz.— Drum sprech ich heut: Ihr Herr'n mit Gunst,— Lobt unsers Meisters Bau= und Zimmerkunst! Doch eh' wir treten in das Haus, Sprech' ich jetzt diesen Weihspruch aus: Du sollst ein Haus des Segens sein, Wo deutsche Jugend, fromm und rein, Den Weg der Gnade werd’ geleit't, Der aufwärts führt zur Ewigkeit. Ein Haus, wo Jugendreinheit wohnt, Wo Gott in Kinderherzen thront, Wo alles Böse ist verhaßt, Wo gute Sitte treuster Gast. Ein Haus der Freude sollst du sein, Voll Kinderglück, voll Sonnenschein, Wo Wonne lacht, wo Liebe winkt, Wo heller Sang sich aufwärts schwingt. Hier mög erblühn ein neu Geschlecht, Im Glauben treu, im Lieben echt, Im Hoffen kühn, im Schaffen stark, Gesund und rein bis tief ins Mark, Und treu ergeben unverwandt Dem lieben deutschen Vaterland!“ H. Personn, Missionar. Sören Kierkegaard und Mozart. Der abseitige, zu seinen Lebzeiten kaum gekannte und beachtete dänische Aesthetiker, Philosoph und Theologe, Sören Kierkegaard, erfährt heute eine intensive Renaissance; gerade da, wo man sich um eine durchdringende und radikale Ordnung von Wissen und Leben bemüht. Die dialektische Theologie(mit Karl Barth) führt ihn begeistert ins Feld und die Existenzphilosophie(mit Martin Heidegger) hat von ihm eine Hauptanregung erhalten. Zwischen seinen vielen philosophischen und theologischen Schriften steht eine kleine Abhandlung über die Musik, die nicht so großen Anspruch macht. Sie ist kaum beachtet. Der Theologe blättert schnell über sie hin, der Philosoph mag sie gelegentlich als Mußelektüre betrachten und der Musiker kennt sie nicht. Und doch wäre für das theologische Denken in der bewußten, unvermengten Diesseitigkeit dieser Erörterung ein starker Ansatzpunkt gegeben, der Philosoph würde manche Begriffe, mit denen er täglich arbeitet, angelegt und vorgebildet finden und der Musiker könnte sich, soweit er nur Musiker ist und aus einer unverfälschten, naiven Sinnenhaftigkeit und Weltfreudigkeit lebt und arbeitet, in seinem Urelement bestätigt sehen. Diese geistvolle, psychologisch=gesthetische Untersuchung, die über Mozarts letzte Oper„Don Juan“ handelt, findet sich in.'s erstem Werk„Entweder=Oder". Sie ist noch in jener Zeit entstanden, als ihr Schreiber sich zu den glühendsten Verehrern des hohen Griechentums zählte, als er seine sprühende Ironie in den Kopenhagener Cafés bewundern ließ und seine geschliffenen Bonmots in der Gesellschaft herumgingen. Menschen mit extremer, sich überstürzender Seele, mit Hang zu Schwermut und Melancholie sind häufig die inbrünstigsten und eigensinnigsten Verehrer Mozartscher Musik und Mozartschen Geistes.., der sich selbst zu diesen Menschen stellt, der jeden Gedanken auf die Spitze treibt, bis er sich in sein Gegenteil verkehrt, der Unruhige und Einsame, der die Schwermut seine„vertraute Freundin“ nennt und den Kummer„sein Schloß“, hat sich Mozart geradezu verschrieben. Wie sein Gegenspieler Nietzsche sich die„apollinische“ Welt erfindet und der „sentimentalische“ Schiller die„naive“ Dichtung bewundert, so verehrt K. den Mozartschen Geist. Hier sieht er die ausgeglichene, stille, in sich selbst gegründete Heiterkeit, tönende Harmonie, die sich immer wieder aus eigener Mitte auffüllt und rundet, die unbelastete, unverwischte, unbedürftige Weltlichkeit, die sich in sich selbst erfüllt in großartiger Unbekümmertheit und ungebrochener Kraft, die sich nur aus sich selbst rechtfertigt, die rein ist, weil sie nicht sündigen kann, und nicht sündigen kann, weil sie rein ist. Die Natur in der Natur. Diese naive, selbstsichere Sinnenhaftigkeit will K. in ihrer radikalsten Erscheinung fassen und darstellen. Sie wird zum Phänomen erhoben, zur Idee. Die Musik scheint ihm in ihrem ursprünglichsten Wesen Träger des Sinnenhaften zu sein. Dies ist ihr Urelement und in Mozart findet sich beides in glückhafter Vollkommenheit und Einheit. Das Sinn=liche, die Musik und Mozart sind ihrem Wesen nach eins. Sie decken sich vollkommen. Und diese Dreiheit, die zur Einheit geworden ist, lebt und erlebt sich in sich selbst. Sie ist nach ihrem eigenen Muster gemacht, sie erfüllt sich in Sehnsucht nach ihrem eigenen Bild und ist sich gleichsam selbst Ideal. Diese Vollkommenheit ist in der Musik des„Don Juan“ erreicht. K. unterscheidet in ihrer Entwicklung drei Stadien, die er an zwei anderen Mozartopern, dem „Figaro“ und der„Zauberflöte" erläutert: Von dem Augenblicke an, da ich zum erstenmal von Mozarts Musik im Innersten ergriffen wurde und mich in Bewunderung demütig vor ihr beugte, ist es mir oft eine liebe und erfrischende Beschäftigung gewesen, darüber nachzudenken, wie jene freudige griechische Betrachtung, die die Welt darum Kosmos nennt, weil sie sich als wohlgeordnetes Ganzes darstellt,.. wie jene freudige Betrachtung in einer höheren Ordnung der Dinge, in der Welt der Ideale sich wiederholen läßt, insofern auch hier eine höchste leitende Weisheit ist, die sich wundervoll offenbart im Verknüpfen dessen, was zusammengehört:... Homer mit dem Trojanischen Krieg, Raphael mit dem Katholizismus, Mozart mit Don Juan. ... Glücklich ist in der Geschichte das göttliche Zusammenwirken der Kräfte; das gibt die Festzeit in dem Kreislauf der Jahre. Das Zufällige hat nur einen Faktor: es ist ein Zufall, daß Homer in der Geschichte des Trojanischen Krieges den ausgeprägtesten epischen Stoff fand, den man sich denken kann. Das Glückliche hat zwei Faktoren: es ist ein Glück, daß der ausgeprägteste epische Stoff Homer zuteil wurde. Der Akzent liegt hier sowohl auf Homer wie auf dem Stoff. Hier finde ich jene tiefe Harmonie, die uns aus allen Produktionen entgegentönt, die wir klassisch nennen. So ist es nun auch mit Mozart: es ist ein Glück, daß der im tieferen Sinn einzig mustkaltsche Stoff keinem anderen gegeben wurde als Mozart. ... Unsterblicher du, dem ich alles verdanke,... daß meine Seele aufgewühlt wurde, daß ich in meinem innersten Wesen erbebte, daß ich nicht durchs Leben gehen muß als einer, den nichts erschüttern kann.... Daß irgendeine Zeit ihm seinen Platz in jenem Königreich der Götter streitig machen wird, das brauche ich ja wohl kaum zu befürchten; dagegen muß ich mich darauf gefaßt machen, daß man mich für kindlich erklärt, weil ich ihm den ersten Platz verschaffen will... Wer Mozart in seiner unsterblichen Größe sehen will, der muß seinen„Don Juan“ betrachten; daneben ist alles andere zufällig, unwesentlich. Aber wenn man nun„Don Juan“ so betrachtet, daß man zugleich einzelnes aus Mozarts anderen Opern ins Auge faßt, so wird man... Gelegenheit haben, sich darüber zu freuen, daß die eigentliche Potenz der Musik in Mozarts Musik erschöpft ist.. Das erste Stadium ist in der Figur des Pagen im „Figaro“ angedeutet.... Man muß den Pagen als mythische Figur betrachten; dann wird man auch in ihrer musikalischen Existenz das Charakteristische des ersten Stadiums ausgedrückt finden. Das Sinnliche ist erdacht, doch nicht zur Bewegung, sondern zu stiller Quieszenz, nicht zu Freude und Wonne, sondern zu tiefer Melancholie. Die Begierde schlummert noch, ist nur ahnungsvolle Schwermut, aus der in ungewissem Dämmerschein der Gegenstand des Verlangens aufsteigt... Die Begierde besitzt schon, was Gegenstand des Begehrens werden soll, aber ohne ihn begehrt zu haben; besitzt ihn also eigentlich nicht. In diesem Widersprach liegt die betörende, bezaubernde, süße Qual und Schwermut dieses Stadiums.... Eine Bestimmung hat sie: sie ist unendlich tief. Thor saugt durch ein Horn das Weltmeer ein. So saugt sie aus unendlicher Ferne nach ihrem Gegenstand... Dieses(zweite) Stadium ist durch Papageno in der „Zauberflöte" bezeichnet... Wie das Leben der Pflanze ans Erdreich gebunden ist, so ist das erste Stadium in substantieller Sehnsucht gefesselt. Nun aber erwacht die Begierde, der Gegenstand flieht, die Sehnsucht reißt sich vom Erdreich los und begibt sich auf die Wanderschaft, die Blume bekommt Flügel und flattert unstet und unermüdlich hierhin und dorthin. ... In Papageno geht die Begierde auf Entdeckungen aus. Die Freude am Entdeckten, das ist das Pulsierende in ihm, das ist seine Munterkeit.... Papageno späht aus, Don Juan genießt, Leporello rechnet nach. Wollte ich versuchen, mit einem einzigen Prädikat die Musik Mozarts in dem Teil des Stückes, der uns interessiert, zu charakterisieren, so würde ich sagen: sie ist lebensfreudig, liebesprudelnd. Das, worauf ich hauptsächlich Wert lege, ist die erste Arie und das Glockenspiel. ... Bekanntlich begleitet Papageno seine lebensfrohe Munterkeit auf einer Rohrflöte, deren Töne gewiß auf jeden Hörer einen wundersamen Eindruck machen. ... Sein Leben ist solch unaufhörliches Zwitschern; denn das ist der Inhalt seines Lebens: Frohsinn in allem, was er tut und singt... Dieses(dritte) Stadium ist mit„Don Juan“ bezeichnet Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, das Musikalische in der Idee... zu belauschen; und wenn es mir gelingt, die musikalische Rezeptivität des Lesers so zu steigern, daß er Musik zu hören glaubt, obgleich nichts zu hören ist, so habe ich das Meinige getan... Faust ist Idee, die zugleich wesentlich Individuum ist. Don Juan ist wesentlich weder Idee— d. h. Kraft, Leben— noch Individuum; er schwebt zwischen beidem. Dieses Schweben ist das Leben der Musik.... Fasse ich ihn musikalisch auf, so habe ich die Naturmacht, das Dämonische, das nie müde wird, zu verführen, so wenig wie der Wind zu stürmen, das Meer sich zu wiegen, so wenig wie der Wasserfall es müde wird, sich von seiner Höhe herabzustürzen.... Höret die Musik Don Juans Leben erzählen: Wie der Blitz aus dunkler Wetterwolke, so bricht er hervor aus dem unergründlichen Ernst des Lebens, schneller als der Blitz,— in wilderem Zickzack, höret, wie er anstürmt gegen die festen Dämme des Lebens, höret die leichten, schwebenden Violintöne, das verlende Lachen der Freude, den Jubel der Lust... Gäbe es keinen anderen Beweis für die Klassizität des. Don Juan, so brauchte man nur auf diese Ouvertüre hinzuweisen. Da ist eine Kraft wie von göttlichen Gedanken, tiefer, erschütternder Ernst, zitternde Sinnenlust, zermalmender Zorn, hinreißende Lebensfreude. Ouvertüre und Oper verhalten sich wie Weissagung und Erfüllung.. Die Ouvertüre beginnt mit einigen tiefen, ernsten, ein tönigen Akkorden. Da erklingt es aus unendlich weiten Ferne— einen Augenblick—, jetzt nicht mehr, wie ein flüchtige Andeutung, die, kaum gemacht, wieder zurück genommen wird, als wäre sie zu früh gekommen. Koker und doch mit geheimer Angst schlüpft es herein, wieder und wieder, kecker und kecker, lauter und lauter drängt sich's vor. So sieht man oft in der Natur den Himmel düster und voll Wolken; man hört einzelne dumpfe Laute, doch verraten sie keine Bewegung; da sieht man, am äußersten Rand des Himmels, fern am Horizont ein Leuchten. Hurtig eilt es die Erde entlang und erlischt im selben Augenblick. Aber bald erscheint es wieder, diesmal stärker,... schneller, glühender lodert es auf; es ist, als ob das Dunkel selbst aus seiner Ruhe aufgescheucht würde und in Bewegung käme; wie hier das Auge im ersten Aufleuchten die Feuersbrunst ahnt, so ahnt das Ohr in jenem hinsterbenden Violinstrich die ganze Leidenschaft. Es ist etwas wie Angst in diesem Aufleuchten, es ist, als ob es in der tiefen Finsternis in Angst geboren würde— so ist Don Juans Leben. Keineswegs ist, was die Ouvertüre ausdrückt, Verzweiflung: Don Juans Leben ist die ganze Macht des Sinnenhaften, die in Angst geboren wird, aber gerade diese Angst ist seine dämonische Lebenslust. Nachdem Mozart den Don Juan so entstehen läßt, entwickelt er uns sein Leben in den tanzenden Violinklängen, in denen er leicht und flüchtig über den Abgrund hinjagt. Wie ein Stein, den man so übers Wasser hinschleudert, daß er die Oberfläche nur schneidet, wohl eine Weile in leichten Sätzen darüber hinhüpft, aber sofort in die Tiefe sinkt, sobald er zu hüpfen aufhört: so tanzt er über den Abgrund und jubelt in der ihm vergönnten kurzen Frist... Die innere Vitalität bricht reicher und stärker als je aus Don Juans Innern hervor. Hier ist er gleichsam ideal in sich selbst berauscht. Hier erweist es sich deutlich, was es heißen soll, wenn ich sage, Don Juans Wesen sei Musik. Er löst sich vor uns gleichsam in Musik auf, er entfaltet sich in einer Welt von Tönen... Der Grundton der Oper enklingt in sich selbst.“ Obschon ästhetische Erörterungen solcher Menschen sehr an die persönlichste Situation gebunden sind, läßt sich im Allgemeingültigen über Mozartschen Geist kaum Treffenderes sagen. Der Musiker mag sich, soweit sein sinnlebendiger, musikantischer Beruf reicht, dem Bekenntnis.'s anschließen:„Ich fühle mich unaussprechlich glücklich darüber, Mozart, wenn auch nur von ferne verstanden und sein Glück geahnt zu haben; wie viel mehr mögen, die ihn vollkommen verstanden haben, wie viel mehr mögen. sie sich glücklich fühlen mit dem Glücklichen.“ Und der Verehrer des Religionsphilosophen mag die einzelnen Gebiete aus ihrer Existenz betrachten, wo sich ihre Bereiche trennen und ihre Kreise sich überschneiden, wo sie ihren Sinn und ihre Lösung finden, wo er selbst beteiligt und nichtbeteiligt ist. Eh. Schriftleitung: W. Kraa, Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel, Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärte“. Christliches Tageblatt Bethel v. Bielefeld. Fernruf 3911/3919. Amt Bielefeld. Druch und Verlag: Anstalt Bethel