Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechomal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgebühr bei— eigenen Bostamt bestellt. .36 Bestellgevuhr, beim eigenen#ungunt beßerut.— Fürs Ausland unter Streifband.96(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67877. mit den Beilagen„Für Herz und Haus“, „Kindergabe“ und„Unser Ziel.“ Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig, Reklame 30 Pfg. Beilagen unter Bgje tausend 15 Mk. Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. * Nr. 261. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 7. November 1931. 13. Jahrgang. Die Menschen, die nach Ruhe suchen, die finden Ruhe nimmermehr, Weil sie die Ruhe, die sie suchen, in Eile jagen vor sich her. Wilh. Müller. MIMMMMMMMNMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMN Wandlungen in Sicht? Seit der letzten Reichstagstagung sind Vorgänge bekannt geworden, die im öffentlichen Leben Deutschlands großes Aufsehen erregt haben und teils noch der Klärung bedürfen. Wenn diese Vorgänge in den nachstehenden Zeilen einer Erörterung unterzogen werden, dann lediglich zu dem Zweck, den Lesern des„Aufwärts“ ein Bild zu geben von den Möglichkeiten, die gegenwärtig auf der politischen Schaubühne sehr aufmerksam verfolgt und, je nach der Parteistellung, mit mehr oder weniger kritischen Augen unter die Lupe genommen werden. Nach den Tagen der Harzburger Frontbildung konnte man der Auffassung sein, daß die nationale Opposition in sich einig und geschlossen in Nibelungentreue unentwegt und unbeirrt ihren Weg gehen würde bis zur Erreichung des Zieles, das man sich in vielen Vorbesprechungen und auch in Harzburg gesteckt hatte. Der Weg gemeinsamen Handelns lief jedoch nur bis zur letzten Reichstagssitzung, in der die Abstimmungen zeigten, daß das erste Ziel, die Regierung Brüning zu stürzen, noch nicht erreicht werden konnte. Nach dieser Erkenntnis fing der bisher gemeinsame Weg recht unsicher, ja sogar, wenn man die wenig schmeichelhaften Polemiken in einigen Organen der Rechtsopposition heranziehen darf, steil und dornig zu werden. Was schon in Harzburg nicht mehr zu verheimlichen war, trat immer deutlicher in die Erscheinung, nämlich, daß nur taktische Beweggründe Hitler und Hugenberg, sowie die Führer der Industrie und Landwirtschaft dort zusammengeführt haben. In Wirklichkeit zeigten sich Spuren gewisser Gegensätze, die Führer und Geführte kalt an einander vorbeischauen ließen. Mochte man sich im nationalen Wollen auch einig sein, so gehen doch die Auffassungen auf sozialem, wirtschaftsund finanzpolitischem Gebiet unter den Harzburger Parteien und Wirtschaftsgruppen so weit auseinander, daß eine wahre, allen Stürmen trotzende Arbeits= und Zielgemeinschaft sich nicht entwickeln konnte, um so mehr nicht, da über die erste Führerstellung scheinbar keine Einigung zu erzielen war. Es konnte daher aus allen diesen Gründen nicht ausbleiben, daß die scheinbar innige Verbundenheit Hitlers mit den Vertretern der Schwerindustrie, die schließlich jede ihr genehme Bewegung fördert, draußen von der eigenen Anhängerschaft, aber auch von solchen, welche die Einordnung der Arbeitnehmer als gleichwertigen Faktor im Staats= und Wirtschaftsleben erstreben, mit größter Sorge beobachtet wurde und die dabei der Befürchtung Ausdruck verliehen, daß der Nationalsozialismus im Bunde mit Hugenberg und der ihm nahestehenden Schwerindustrie schließlich, in einer gewissen Abhängigkeit sich befindend, Wege gehen könnte, die man als sozialreaktionär bezeichnen müßte. Da eine solche Entwicklung im Gegensatz zu dem stehen würde, was von Hitler, und seinen Getreuen stets programmatisch vertreten worden ist, haben Beunruhigung und bereits eingetretene Enttäuschung sich dahin ausgewirkt, daß organe und zum Teil auch die Leitung der nationalsozialistischen Partei sich bemühten, den bei den Massen hervorgerufenen ungünstigen Eindruck durch eine starke Unterstreichung der bisherigen Grundsätze zu verwischen. So erklärte der nationalsozialistische Fraktionsführer Dr. Frick in seiner Reichstagsrede vom 14. Oktober, daß seine Partei von ihrer Gründung an die ausschlaggebende Stellung der deutschen Arbeitnehmer im Staatsleben proklamiert und stets die verantwortungsbewußte paritätische Mitarbeit der berufsständischen Organisationen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber im Staatsund Wirtschaftswiederaufbau gefordert habe. Und das nationalsozialistische„Hamburger Tageblatt“, schrieb, wenn es den Gewerkschaften gelingen sollte, die Belange der deutschen Arbeiterschaft im Tarifwesen und in der Lohnhöhe besser und erfolgreicher zu vertreten, dann müßten die Nationalsozialisten sich hinter diese Gewerkschaftsfront stellen. Das klingt doch wesentlich anders als die Ausführungen des deutschnationalen Fraktionsführers Dr. Oberfohren, der in seiner Reichstagsrede sagte: „Die Arbeitslosigkeit kann sich nicht vermindern, solange wir eine Zwangsbewirtschaftung der Arbeit haben mit dem Schlichtungswesen, den Schiedssprüchen und der Unabdingbarkeit der Tarifverträge.“ Trotzdem muß erwähnt werden, daß die Nationalsozialisten trotz ihrer anscheinend freundlichen Einstellung zu den Gewerkschaften, und trotz der scharfen Bekämpfung der gelben wirtschaftsfriedlichen Arbeitnehmerbewegung als Folge des zeitweiligen Bündnisses mit Hugenberg erst dann das vorhandene Mißtrauen in Arbeitnehmerkreisen vollständig aus dem Wege räumen, wenn eine eindeutige, jeden Zweifel ausschließende Erklärung der obersten Parteileitung in dem Sinne erfolgt, wie Dr. Frick,„Hamburger Tageblatt“ und andere es ausgesprochen haben. Ein Drehen und Wenden hilft nicht mehr, da die Harzburger Tagung die Arbeitnehmer hellhörig gemacht hat. Wenn die hier angedeuteten Gegensätze auch, wie es von gewerkschaftlicher Seite schon mehrfach gefordert wurde, noch der Klärung bedürfen, so darf doch gesagt werden, daß sie groß genug sind, um eine in der Regierung sich betätigende Arbeitsgemeinschaft der Harzburger Front zu erschweren oder unmöglich zu machen. Ein solches Zusammenwirken würde zur Folge haben, daß die eine oder die andere Partei entweder einen glatten Verzicht auf programmatische Grundsätze über sich ergehen lassen müßte, oder aber es würde zu Kompromissen kommen, deren Halbheiten von derselben Opposition zur Zeit der Regierung Brüning zum Vorwurf gemacht werden und ein Bestandteil der Agitation dieser Parteien bilden. Zu diesen Schwierigkeiten grundsätzlicher Art kommt noch die starke Ungewißheit, ob die nächsten Wahlen trotz großer Erfolge, welche vorläufig noch die Nationalsozialisten, weniger die Deutschnationalen, zu erwarten haben, eine Rechtsmehrheit gegenüber der sich dann bildenden Opposition von der Mitte bis zur Linken(!!) bringen werden. Nach einer früher oder später, wahrscheinlich schon im Frühjahr zu betätigenden Reichstagswahl wird, die Vermutung liegt nahe, das Zentrum wahrscheinlich nach wie vor den Ausschlag zwischen rechts und links geben; und wenn nicht, bedürfte es schon einer Zusammenfassung der Kräfte rechts vom Zentrum, was die grundsätzlichen Schwierigkeiten noch erweitern würde. Ein Nachdenken über alle diese Fragen scheint dazu geführt zu haben, daß im nationalsozialistischen Lager Erwägungen darüber entstanden sind, ein Zusammengehen mit Hugenberg und der Schwerindustrie als nicht mehr zweckmäßig und, parteitaktisch gesehen, als schädlich anzusehen. Diese Erwägungen scheinen dahin zu führen, daß bei Hitler und seiner Gefolgschaft eine Aenderung der Frontstellung vorbereitet wird. Vielleicht spielt der Gedanke dabei eine Rolle, daß es besser sei, im Bunde mit dem Zentrum schon bald einige bedeutsame Ministerien zu besetzen, als auf eine durch Neuwahlen evtl. zu erreichende eigene Machtvollkommenheit zu warten. Wie dem auch sei, ist der Versuch einer Annäherung gegeben durch den Offenen Brief Hitlers an Dr. Brüning, dessen höfliche Form vom Reichskanzler in seiner zweiten Reichstagsrede ebenso höflich beantwortet wurde. Ueber diesen Brief sagt Max Habermann in der„Handelswacht“, Organ des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, wenn Hitler als der erfolgreichste, von einem unbeirrbaren Glauben an seine Sache erfüllte Massenführer unserer Tage die letzte Entscheidung über die Richtigkeit seiner und Brünings Politik der Geschichte überantwortet und dem Reichskanzler in einer Form, die ganz ehrlich und nicht als banale Floskel der Höflichkeit wirkt, die Lauterkeit seines Wesens bezeugt, dann ist der politische Tageskampf auf eine Ebene gehoben, hinter der die Schmähschriften anderer im wesenlosen Scheine vergehen. Habermann ist der Meinung, daß man um eine Prüfung, ob eine Synthese Brüning=Hitler möglich ist, sich nicht herumdrücken kann. Habermann, dessen ruhiges und klares Urteil schon oft in der Oeffentlichkeit Beachtung gefunden hat, kommt bei einer Prüfung der Möglichkeit eines Zusammenwirkens von Brüning und Hitler zu dem Ergebnis, daß in der Sache gemeinsame Ansatzpunkte gefunden werden können. Manche wirtschaftspolitische Maßnahmen Brünings sind fast als Verwirklichung nationalsozialistischer Programmforderungen, oder mindestens als Versuch dazu, anzusehen. Die staatliche Bankenaufsicht, die Aktienrechtsreform, die Drosselung der Börsenspekulation, der Angriff auf die Rieseneinkommen und die Einschränkung der Aufsichtsratmandate sind doch Taten, schreibt Habermann, die von den 6 Millionen nationalsozialistischen Wählern begriffen werden. Max Habermann kommt zu folgendem Schluß:„Für alles, was in den nächsten zehn Jahren in Deutschland nottut, brauchen wir Herrn Hugenberg nicht einen Tag,(diese Auffassung teilt der Artikelschreiber, soweit Hugenbergs Anhänger in Frage kommen, nicht.) weil hinter ihm die Kräfte von gestern und vorgestern stehen, die nur noch im Schattenreich gelten. Aber ohne die Kräfte von morgen und übermorgen kann nichts gedeihen, was Bestand haben soll. Darum muß das deutsche Volk einen Weg finden, seinen revolutionären Nationalismus mit christlich=sozialen Mächten zu einem geschlossenen Einsatz zusammenzuführen. Je reinlicher sich der Nationalsozialismus von dem Sektierertum trennt, das die Nation vergottet, um so weniger wird positives Christentum einer Verbindung mit ihm widerstreben brauchen, wie es jüngst Wilhelm Stapel in seinem Vortrag„Nationalsozialismus und Christentum“ dargetan hat. Wohl gibt es keine Politik ohne die Scheidung von Freund und Feind; aber was heute Feind ist, muß morgen Freund werden können, wenn das Leben des Volkes es gebietet.“ Man wird Habermanns Ausführungen in vielen Punkten zustimmen können, selbst dann, wenn man am Nationalsozialismus noch mancherlei auszusetzen hat. Das scheint auch zweifellos im Zentrum der Fall zu sein, dessen Organe, soweit sie zu dieser Frage Stellung genommen haben, die Diskussion mit einem deutlichen Wenn und Aber führen. Auch der Zentrumsabgeordnete Prälat Dr. Schreiber ist von starken Bedenken nicht frei. Dr. Schreiber der in der Zentrumsfraktion des Reichstages eine maßgebende Rolle spielt, führte dieser Tage in einer großen Versammlung zu der Frage, ob der Nationalsozialismus zur Regierung herangezogen werden könne, aus: Es sei richtig, daß der Nationalsozialismus durch eine Krise seiner selbst gehe. Ob die produktiven Kräfte sich durchdrängen sei ungemein fraglich. Es müßte eine völlige innere Umkehr der herrschenden Meinungen im Nationalsozialismus stattfinden, eine wirkliche Scheidung revolutionärer und positiv arbeitender Geister. Es müßten Verantwortlichkeiten und Garantien für eine regierungsfähige und ausgeglichene Politik der Zukunft übernommen werden, die im Augenblick noch nicht vorhanden sei. Eine Partei, die nicht das notwendige Existenzminimum von Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin aufbringe, würde die Linie der Regierung nur verwirren, aber nicht festigen.“ An diesen Ausführungen sieht man, daß das Zentrum sich doch nicht den Anschein geben will, die Nationalsozialisten mit offenen Armen aufnehmen zu wollen. De Schreibersche Kritik an dieser Partei, und die Vorbedingungen, die er für eine solche Kombination stellt, treffen wohl zu, es darf aber hinzugefügt werden, daß unlieb same Erscheinungen in dieser Partei auf das ungewöhnlich schnelle Anwachsen dieser Bewegung mit zurückzuführen ist. Es besteht die Absicht, daß bei einer kommenden Wahl eine sorgfältige Auswahl bei der Aufstellung der Kandidatenliste vorgenommen werden soll, ebenso wie in der Organisation selbst.— Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden, daß die Nationalsozialisten in dem bisherigen Zusammengehen des Zentrums mit der Sozialdemokratie eine schwere Belastung des Zentrums erblicken. Trotz dieser beiderseits zum Ausdruck gebrachten Bedenken bleibt aber die Tatsache, daß auf beiden Seiten wahrhaft nach Wegen gesucht wird, die ein Zusammenwirken ermöglichen, unter Umgehung der Deutschnationalen. Das Verbindungsuchen mit dem Zentrum ist es jedoch nicht allein, was die Oeffentlichkeit mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Die Führer der Nationalsozialisten gehen weiter und suchen die Plattform für ein Zusammenwirken mit der Heeresleitung zu schaffen. In diesen Tagen veröffentlichte ein linksdemokratisches Blatt in Berlin in sensationeller Aufmachung über geheime Zusammenkünfte Hitlers mit dem Gewaltigen in der Heeresleitung, Herrn Generalleutnant von Schleicher in dessen Privatwohnung. Nach Mitteilungen Hitlers in einer vertraulichen Führerkonferenz soll sich General von Schleicher, der schon einmal aus politischen Gründen Gegenstand öffentlicher Erörterung war, über seine weitgehende Zuneigung zum Nationalsozialismus und über die starke Verbreitung dieser Idee unter den jüngeren Offizieren ausgesprochen haben. Die Zusammenkünfte wurden zugegeben, die Aeußerungen aber in dieser Form bestritten. Mag davon wahr sein, was will, so scheint doch zwischen Hitler und von Schleicher eine weitgehende Verständigung, um nicht zu sagen, Versöhnung stattgefunden zu haben. Denn die Angriffe gegen Herrn von Schleicher, die in letzter Zeit an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen, sind verstummt. Alles zusammengenommen kann man die starke Vermutung haben, daß wir vor politischen Wandlungen von grundlegender Bedeutung stehen. Wir betonen, was schon öfter im„Aufwärts“ gesagt worden ist, daß wir jeden Vorgang begrüßen, der unser Volk auf christlicher, nationaler und sozialer Grundlage wieder aufzurichten in der Lage ist, ohne Rücksicht darauf, welche Parteien solche Wandlungen herbeiführen. W. W. # W 10 Die französische Kolonial=Ausstellung und Togo=Kamerun. In der Nähe von Paris fand in diesem Jahre während der Sommermonate die Internationale Kolonial= ausstellung statt. Dies weiß man allgemein in Deutschland, und es mag sogar manche Deutsche geben, die auf ihrer Sommerreise einen Abstecher nach Paris gemacht haben, denn dort sollte man ja die„Fahrt um die Welt“ („tour de monde) in einem Tage machen können. Sie werden die exotischen Tempel und Bauten angestaunt haben, und am Ufer des Sees inmitten der afrikanischen Pavillons bei prächtigem Farbenspiel der springenden Wasser eine orientalische Nacht zu verleben gewähnt haben— aber, wenn sie dann auf der Rückreise französische Zeitungen zur Hand nahmen und nichts als Kolonial=Ausstellung lasen, glaubten sie doch manchmal, die Franzosen wären vor Freude und Bewunderung über ihre„Exposition coloniale Internationale“ ein klein wenig verrückt geworden. Jawohl, das konnten sie denken, aber trotzdem, die Franzosen waren gerade in diesem Sommer(auch in allem, was die Kolonial=Ausstellung angeht) alles andere als ein wenig verrückt geworden. Aber um das zu erkennen, muß man etwas tiefer in den Sinn der Kolonialausstellung eingedrungen sein, muß man einen kleinen Einblick in die Vorbereitungen, ja, überhaupt in die französische Kolonialgeschichte getan haben. Und das könnte für unser„Volk ohne Raum“ wohl ganz nützlich sein, besonders weil einen ganz wesentlichen Teil der französischen Kolonial=Ausstellung unsere ehemaligen deutschen Kolonien Togo und Kamerun ausmachen. Frankreich versucht nicht nur, sich ein großes Kolonialreich zu schaffen, sondern es will dieses so an das Mutterland fesseln, daß allmählich der Begriff„Kolonie“ verschwindet und sich alles zu einem großen französischen „Empire“ zusammenfindet. Zu diesem Zweck muß Frankreich Methoden schaffen, die unserem Rassegefühl, und auch dem der Engländer, widersprechen. Jeder Eingeborene kann, wenn er es wünscht, französischer Bürger werden. Er kann wie der weiße Franzose in Paris und an den anderen französischen Universitäten studieren und der Weg steht ihm zu fast allen Aemtern und Würden offen. Damit ist natürlich einer Mischung zwischen Eingeborenen und Franzosen das Tor ausgetan und allem Anschein nach scheint es nicht vergebens offen zu stehen. Ein Gang durch den französischen Justizpalast in Paris genügt vollauf, um zu sehen, daß die schwarzen Rechtsanwälte dasselbe Gehör, dieselbe Achtung finden, wie vielleicht der Sohn einer alten Pariser Familie. In der Universität sieht man fast alle Augenblicke Gruppen französischer Studenten Arm in Arm mit Annamiten oder Schwarzen. Und— es ist nicht zu leugnen— die schönsten Gestalten in den Kouloirs der Sorbonne, die geistreichsten, frischesten Köpfe in den Vorlesungen und Seminaren geben die Eingeborenen der französischen Kolonien ab. Aber die Pariser sind nicht das Abbild der Provinzbevölkerung, und an dieser scheiterte bis jetzt noch die schnelle Vollendung des stolzen Baues eines französischen Empires. Denn die Provinzler hatten bis jetzt noch etwas von einem natürlichen Rassegefühl und waren dem Gedanken der Rassemischung ganz und gar nicht hold gesonnen. Zweitens brauchte man Geld zu diesem Werk, und da wollte der französische Rentier gar nicht heran. Bekanntlich fehlen dem Franzosen(Durchschnittfranzosen) die primitivsten geographischen Kenntnisse und an solchen Mann tritt der Staat dann plötzlich mit der Forderung heran, sich mit seinem Vermögen an irgend einer Kolonialunternehmung, beispielsweise auf Madagaskar, zu beteiligen. Wo mag das liegen, wie sollte man dahin kommen oder wenigstens das Vermögen. Das würde sicher verloren sein— nein, nein, nein, dazu hätte er ja nicht gespart! Da kommt nun die französische Kolonial=Ausstellung und setzt dem Herrn Rentier die Kolonie vor die Nase (richtiger: vor die Tore von Paris). Da kommen sie alle, die kleinen französischen Sparer, von der weiten Loire und der schönen Rhone, aus Bourgogne und der Normandie und leben ein— zwei— drei Tage in den französischen Kolonien. Sie lernen hier die Lebensweise der Eingeborenen kennen, sehen ihre Hütten und Tempel, probieren ihre Speisen und— ich glaube, es ist der raffinierteste Gedanke— sie tanzen sogar mit den Schwarzen. Es gibt besondere Bälle, wo die schlanken Schwarzen die kleinen geschminkten Französinnen schwenken, und wo die zarten Franzosenjüngelchen derbgebaute Damen der Eingeborenengesellschaft mit schwülstigen Lippen und vielen bunten Glasperlen zum Tango einladen. Hier, im Wald von Vincennes, sehen sie einige Tage nichts von ihrem Weinberge— die guten Provinzler—, hier hören sie nur Bum=Bum= und Tam=Tam=Musik, sehen sogenannte Soussons=Sowas=Bauchtänze, riechen nur orientalisches Parfüm— wahrlich eine gute Gelegenheit, sich mit den zukünftigen Reichsangehörigen anzubiedern und das Grauen, was geographische Unkenntnis vor geheimnisvoller Ferne heraufbeschwor, im Bum=Bumrausch zu verlieren. Aber neben Musik, Tanz und den anderen sogenannten„Attraktionen“ besehen sich die„Provinciaux“ auch recht aufmerksam die einzelnen Ausstellungshäufer und lernen bei der Gelegenheit ihre Kolonien kennen. Und siehe da— ganz von selbst mischt sich in ihren Geist, sowieso schon ziemlich berauscht, unter die Namen der wahren französischen Kolonien wie Madagaskar, Indochine oder Algerien der Name unserer afrikanischen Kolonien Togo und Kamerun. Fünf kleine„Pavillons" umgeben einen Hauptpalast; sie sind alle auf Pfählen gebaut und leuchten in primitiven, kräftigen Farben rot, weiß und braun durch das Grün der Bäume von Vincennes. Sie sind zwar als Mandatsgebiete bezeichnet, stehen aber mitten unter den Pavillons der anderen französischen Kolonien. Augenblicklich geht ein Gerücht, hervorgerufen von Fernand de Brinen, in der„Information“, von der Rückgabe dieser beiden Gebiete. In den Sommermonaten brachte die„Republique", Organ der Radikalsozialisten, eine Artikelreihe, in der ebenfalls im positiven Sinne von der Rückgabe gesprochen wurde. Aber bitte keine Illusionen! Haben wir die vielen anderen Artikel in den französischen Blättern vergessen, die in ganz offener Sprache kräftig auf das direkte Gegenteil hinausliefen? Erwähnt sei ein Artikel des„Matin“, den man doch fast als Regierungsblatt bezeichnen kann. Hier wurde die Entwicklung der beiden Gebiete unter deutscher und französischer Herrschaft miteinander verglichen, und an Hand von Zahlen kam man zu einem für Frankreich günstigen Ergebnis. Der Artikel schloß mit dem bekannten Wort von der germanischen Rasse, die wohl ihre Qualitäten habe, aber sich nur nicht einbilden solle, die romanische in irgend einem Punkt ersetzen zu können. Im übrigen ist auch jeder Franzose von der Unfähigkeit der Deutschen, zu kolonisieren, überzeugt, denn es ist geradezu auffällig, wie leicht der Franzose alles das glaubt, was seine Zeitungen ihm vorsetzen. Bei rheumatischen Schmerzen aller Art haben sich Togal=Tabletten ganz hervorragend bewährt. Zahlreiche schreiben über Togal bei veralteten Leiden, bei denen kein anderes Mittel half! Ein Versuch überzeugt! Frag. Sie Ihr. Arzt. In allen Apoth. Mk..40, 12,6% Lith., 0, 4 3% Chin., 748% Acid. acet. salle. Wenn nun wirklich einige Zeitungen die Rückgabe von Togo und Kamerun propagieren, dann tun sie das sicher nicht aus reiner Liebe zu uns. Sie wollen entweder dadurch einen Mißton in unser Verhältnis zu England— welches ja die meisten deutschen Kolonien augenblicklich verwaltet— bringen, oder sie suchen auf diese Weise Deutschland zu einem freiwilligen Verzicht, beispielsweise auf das Saargebiet, zu bewegen. Die Franzosen halten mit Zähigkeit fest, was sie in den Händen haben. Lernen wir hier von ihnen. Vergessen wir nicht, daß auf der großen„Exposition Coloniale Internationale“ 1931 in Paris die deutschen Kolonien Togo und Kamerun die Erzeugnisse deutscher Kolonisation, gezwungenermaßen unter französischem Namen, fast als französische Kolonien, aller Welt zur Schau geboten haben. Togo und Kamerun sind deutsche Kolonien! W. O. Münter. Keserbisten sind Sordaten. Ein Beitrag zur Abrüstungskonferenz. Von Oberstleutnant a. D. Benary. Ein guter Hausvater sorgt für böse Zeiten, sammelt Vorräte und Reserven. Der Franzose ist immer ein vorsorglicher Mann gewesen. Er ist es auch noch heute, ist es besonders, wenn es um den Schutz, die vermeintlich bedrohte Sicherheit seines Landes geht. Vor der Welt freilich da führt er das Wort Abrüstung bei jeder Gelegenheit im Munde, da pocht er darauf, daß er längst mit ihr den Anfang gemacht habe, daß er die aktive Dienstzeit um ein Jahr gesenkt, die Zahl der Divisionen um ein beträchtliches vermindert habe, daß er für seine Wehrmacht verhältnismäßig weniger aufwende als das böse Deutschland. Hinter, den Kulissen aber redet er nicht, da handelt er. Die aktive Dienstzeit ist für ihn nur der Abschluß der großen Wehrschule, die jeder Franzose von seinem sechsten Lebensjahre an durchläuft, das aktive Heer nur der Rahmen für die 28 Jahrgänge von Reservisten und Landwehrleuten. über die er verfügt, die ihm ermöglichen, ein Heer von 4½ Millionen Mann aufzubringen. Zahlreiche Uebungen erhalten diese Reserven kriegstüchtig. Man beherzigt das Wort des Marschalls Foch:„Die Kriegsarmee wird ihren Hauptwert aus dem reichen Bestand der Reservisten und ihren militärischen Eigenschaften ziehen. Und für diese Massen ruht die Ausrüstung, ruhen die Waffen, das Gerät, die Munition auf den Kammern, in den Lagerhäusern, für eine noch etwaige Ergänzung ihrer materiellen Ausrüstung im Falle einer Mobilmachung ist die Umstellung der gesamten Industrie auf Rüstungsfertigung vorbereitet „Der moderne Krieg duldet keine Improvisationen mehr, da durch den Fortschritt der Rüstungen das Schlachtfeld zu einer ungeheuren Werkstatt geworden ist. Die Herstellung des Materials, die Ausbildung von unerläßlichen Spezialisten erfordert lange Zeit,“ prägte dem jungen Geschlecht der Retter von Verdun, General Petain, erst kürzlich wieder ein. Schützend stellten sich Frankreichs Vertreter in der Vorbereitenden Abrüstungskommission in Genf vor diese geheiligten„militärischen Notgroschen“. Sie sperrten sich von Anfang an dagegen, sie in die Abrüstung einzubeziehen. Vergebens wies Deutschland darauf hin, daß sie es ja gerade seien, die das Lebenselement neuzeitlicher Heere ausmachen, daß eine Abrüstung, die lediglich die aktiven Mannschaften, die im Gebrauch befindlichen Waffen und Ausrüstungsstücke berücksichtige, an den Nerv neuzeitlicher Massenheere nicht rühre. Frankreich blieb fest! Anfangs standen es und seine Vasallen mit seiner widersinnigen Forderung so gut wie allein. Das nüchterne England sah die Berechtigung von Deutschlands Ansprüchen vollkommen ein. Noch 1927 erklärte Lord Robert Cecil Englands Vertreter in Genf:„Wir sind uns darüber einig, daß vom Gesichtspunkt der Angriffskraft eines Landes aus die Zahl der vollständig ausgebildeten Reserven das wesentliche ist, und daß wir daher diese beschränken und, wenn möglich, vermindern müssen.“ Aber was nützen allte besseren Erkenntnisse, wenn sie Englands politischen Interessen zuwiderlaufen? Englands stolze Vormachtstellung zur See war seit Kriegsende bedenklich ins Wanken geraten. Wollte man gegen den amerikanischen Rivalen aufkommen, Herbstsing= und Spielfahrt einer Singschar des Finkensteiner Bundes durch den Kirchenkreis Senftenberg, Nieder=Lausitz. Wunderschöne Herbsttage waren es, die uns, etwa 40 junge Menschen beiderlei Geschlechts, in der Zeit vom 1. bis 9. Oktober zu einer Sing= und Spielfahrt durch den Kirchenkreis Senftenberg(Nieder=Lausitz) zusammenführten. Je eine Anzeige in der„Singgemeinde" und in„Lied und Volk“, zwei Zeitschriften des Finkensteiner Bundes, hatten uns am Donnerstag. d. 1. Oktober in dem kleinen Bauerndörschen Lieske(.=.) zusammenkommen lassen. Aus allen Teilen des Reiches waren wir herbeigeeilt. Bis nus Berlin, Magdeburg, Bautzen und weit hinter Breslau nach Osten zu waren einzelne Teilnehmer gekommen. Der größte Teil stand sich am ersten Tage vollkommen fremd gegenüber; der Berichterstatter kannte nur einen einzigen jungen Menschen, und der war gleich ihm aus Schlesien. Aber schon in den nächsten Tagen waren wir uns alle liebe Bekannte, und am Schluß der Fahrt war es, als ob wir uns alle vorher längst gekannt hätten. Die ersten Tage standen im Zeichen ernster und zielbewußter Vorbereitungsarbeit. Ehe wir öffentlich singen konnten, mußten wir uns erst zusammengesungen haben. Die Morgenfeier am ersten Tage stellte die ganze Fahrt unter das Leitwort:„Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“(Joh. 3, 30.) Ein Spruch, vertont von Dr. Adolf Seifert, ließ uns bitten: „Leit uns in allen Dingen, laß Rechtes uns vollbringen, tu uns treulich beraten, stärk uns zu guten Taten.“ Bei den Bauern des Dorfes Lieske waren wir für die ersten drei Tage, völlig unentgeltlich, untergekommen. Das war manchem von uns heilsam und gut(junge Lehrer und Studenten der Theologie), mit diesen Menschen einmal unmittelbar zusammenzuleben. Ihnen zu Dank sangen wir am Sonnabend abend vor dem Erntedankfest unsere Volks= und einige geistliche Lieder, während am Nachmittag ein Teil von uns schon einigen Kranken und Alten der Gemeinde zu Trost und Freude gesungen hatte. Am Erntedankfest selbst sang ein Teil unseres Chores im Gottesdienst in der liebevoll geschmückten Dorfkirche in Lieske und Wendisch=Sorno, während wir anderen beim Erntedank= und Kirchweihfest in Senftenberg II den Gottesdienst gestalten halsen. Drei Chorsätze alter Meister hatten wir hierfür ausgewählt: Zu Beginn den Morgenchoral„Lobet den Herren, alle, die ihn ehren“ im Tonsatz von Joh. Crüger aus dem Jahre 1653, während der Liturgie den zweistimmigen Tonsatz von Angelo Bertalotti„Lobsinget dem Herrn in seinem Heiligtum“ und in der Schlußliturgie den unvergleichlich schönen Satz von Hans Leo Hasier„Allein zu Dir, Herr Jesu Christ, mein Hoffnung steht auf Erden.“ Dieselben Lieder sangen wir am Nachmittag noch einmal in einem zweiten Erntedankfestgottesdienst in dem Industrieort Sauo, der uns wohl allen unvergeßlich bleiben wird. Am Abend vereinigte sich der gesamte Chor zu einer Geistlichen Abendmusik in der vor zwei Jahren erbauten schönen Heilandskirche in Senftenberg II. Nach einleitendem Spiel der Orgel(Fantasie in=dur zu 5 Stimmen von Joh. Seb. Bach) sangen wir Sätze von Joh. Schop(Sollt ich meinem Gott nicht singen), Jak. Hintze(Gib dich zufrieden), Melch. Vulpius(Hinunter ist der Sonnenschein), Hans Leo Hasler, Joh. Seb. Bach(Wie schön leuchtet der Morgenstern), Joh. Crüger, Bertalotti und einige neuere Bearbeitungen alter Weisen von Dr. Walther Hensel (Steht auff, ir lieben Kinderlein, Es sungen drey Engel) und Dr. Adolf Seifert(Der Mond ist aufgegangen) u. a. Im Mittelpunkt der Darbietungen stand die Kantate von Dietrich Buxtehude(Lobet, Christen, euren Heiland) für Chor, zwei Geigen und Orgel. Zwischendurch spielten Blockflöten(ein Instrument, das die Jugendmusikbewegung mit Recht wieder zum Klingen gebracht hat) einen Choralsatz von Gerhard Schwarz(Was mein Gott will, das'scheh allzeit) und einen Satz eines alten Meisters mit Begleitung der Orgel. Gegen Ende der Feierstunde sprach der Ortsgeistliche über Singen und Spielen zu Lob und Ehre Gottes, während vor Beginn unser Chorführer, Rektor Karl Görischk aus Ströbitz b. Cottbus, bereits einige einführende Worte über die besondere Art unseres Singens gesagt hatte. Auch die Gemeinde blieb während der Feierstunde nicht ganz unbeteiligt, wir wollten ja kein Konzert geben. Der kommende Tag führte uns zu einem Volksliedsingen nach dem Industrieort Groß=Räschen. Der größte Saal des Ortes war hier bis auf den letzten Platz gefüllt. Unsere Lieder(aus den„Finkensteiner Blättern“, dem „Singenden Quell“, dem„Aufrecht Fähnlein" u. a. Sammlungen aus dem Bärenreiter=Verlag, Kassel=Wilhelmshöhe) fielen hier auf besonders fruchtbaren Boden und wurden auch ohne das übliche Beifallklatschen hinter jedem einzelnen Liede mit sichtlicher Freude ausgenommen. Am Dienstag wurde abermals eine Teilung des Chores nötig. Der größere Teil gestaltete am Abend eine Feierstunde in der Kirche in Klettwitz, nachdem er bereits am Nachmittag in dem großen Krankenhause des Industriebezirkes in Annahütte und in einer Frauenversammlung desselben Ortes gesungen hatte, die kleinere Hälfte hielt ein Saalsingen in dem Industrieort Costebrau. Für Mittwoch war ein Kirchen= und Saalsingen in Welzow festgelegt. Am frühen Nachmittag sangen wir noch einige Lieder in der erkrankten Familie des Ortspfarrers Hanschkatz. Der Donnerstag, der letzte Tag unserer Fahrt durch den Kirchenkreis, stellte uns die Aufgabe, ein letztes Geistliches Abendsingen in der deutschen Kirche der Industriestadt Senftenberg.=L. zu gestalten. Auch hier war die große Stadtkirche dicht gefüllt. Die Wiedergabe war durchdrungen von warmer inniger Liebe zur Musik, die sich auf alle Hörer übertrug. Man merkte das bewußte, verinnerlichte Musizieren. Nicht konzertmäßig will ihr Wir brauchte man Frankreichs Hilfe, brauchte man zum mindesten Rückenfreiheit in den europäischen Gewässern. So verkaufte man um das Linsengericht der wiederzugewinnenden Seeherrschaft seine ehrliche Ueberzeugung und gab in allen Fragen der Landabrüstung Frankreich freie Hand. 1930 bedauerte der gleiche Lord Cecil,„daß seine deutschen und sapanischen Kollegen die Frage der ausgebildeten Reserven, die in keinem Zusammenhang mit der Abrüstung stände, aufgeworfen haben,“ und stimmte Frankreichs Antrag auf Freigabe der ausgebildeten Reserven zu.“ Ganz genau so dachte sich Lord Cecil um, als es zur Entscheidung über das lagernde Material kam. Frankreich war auf den Ausweg gekommen, es indirekt, d. h. durch eine allgemeine Beschrankung der Heeresausgaben zu erfassen. Deutschland hielt dem entgegen, eine riche allgemeine Beschränkung der Heeresausgaben treffe weniger die rüstungsfreien Staaten, die noch vom Kriege her über gewaltige Bestände verfügen, die alles, was ihnen noch fehlen sollte, von einer blühenden, vom Absatz im Ausland lebenden Industrie zu den billigsten Preisen beziehen könne, als die durch das Friedensdiktat geknebelten Heere ohne Rüstungsbestände, ohne eine lebensfähige Rüstungsindustrie. 1927 stimmte Lord Cecil diesem Standpunkt noch voll und ganz bei. Heute ist er der begeisterte Verkünder der indirekten Begrenzung auf dem Wege der Beschränkung des Heereshaushaltes. Auch Amerika blieb nicht bei der Stange. Sein Vertreter erklärte:„Während der früheren Verhandlungen bestrebte sich die amerikanische Delegation, die Versammlung zu überzeugen, daß das lagernde Material beschränkt werden müsse. Jetzt sind wir, obgleich unsere Ueberzeugung sich nicht geändert hat, in dieser Frage, sowie in der Frage der ausgebildeten Reserven, bereit, der Ueberzeugung der Mehrheit derjenigen Mächte beizutreten, deren Verteidigung in der Hauptsache auf dem Lande liegt.“ So kam ein Abrüstungsentwurf zustande, der kein Wort von ausgebildeten Reserven und lagernden Beständen entalt der den Fortbestand aut eizo=felgstgerständsche, gag fu. alle Zukunft sichert. Es ist selbstverstandlich, daß sland einen solchen Entwurf ablehnen mußte, der nach rteil des Grafen Bernstorff„mit Abrüstung nichts gemein hat als die Ueberschrift". Ausgebildete Reerven, lagernde Bestande werden die Kernragen sein, um die es auf der kommenden Abrüstungskonferenz gehen wird. Machen wir uns klar, was sie bedeuten, damit wir fest in unseren Forderungen bleiben. falsch seien. Augenblicklich sei zwar an eine Schwenkung nicht gedacht, aber daß es niemals dazu kommen dürfe, werde mit keinem Wort behauptet. Die„Börsenzeitung“ bemängelt, daß der Kanzler nicht die deutsche Forderung nach vordringlicher Behandlung der kurzfristigen Kredite, nach Ueberwindung des starren Young=Systems laut ausgesprochen habe. Die Rede hätte der lebendige Ausdruck der nicht mehr zu steigernden Verzweiflung des deutschen Volkes sein müssen. Statt dessen habe er parteipolitische Angriffe und kühle Darlegungen wirtschaftspolitischer Art gebracht. Der„Tag“ ist der Auffassung, daß Reichskanzler Brüning vor dem Reichsparteiausschuß des Zentrums eine Parteirede gehalten und durch seine Angriffe gegen Parteien der Rechten eine Verschärfung der inneren Spannung herbeigeführt habe. Die „Voss. Ztg.“ schreibt, auf der Zentrumstagung sei die Führerstellung Brünings so stark zum Ausdruck gekommen, daß an irgendwelche Schwankungen und Schwenkungen seiner Partei in absehbarer Zeit nicht zu denken sei. Ernste Stegerwald vor dem Zentrumsausschuß. Im Anschluß an die Rede des Reichskanzlers im Reichsausschuß der Zentrumspartei sprach Reichsminister Stegerwald über die ernste Finanzlage Deutschlands. Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald betonte, daß eine koalitionspolitische Frontverbreiterung heute nicht möglich sei. In einer Stunde, wo es um Kopf und Kragen eines 60=Millionen=Volkes geht, kann man nicht taktisch operieren. Außenpolitisch haben wir in den nächsten Wochen uns darüber zu entscheiden, ob wir für einige Jahre noch die Zähne aufeinanderbeißen oder ob wir uns für Jahrzehnte in die Gefangenschaft anderer Völker begeben wollen. Daneben ist die Außenpolitik der nächsten Monate eine große finanzpolitische Transaktion. Wir sind gegenwärtig mit etwa elf bis zwölf Milliarden kurzfristig, mit etwa einer gleichen Summe langfristig verschuldet, und dazu kommen etwa vier bis fünf Milliarden ausländische Beteiligungen an der deutschen Wirtschaft. so daß die gesamte deutsche Schuldenlast ans Ausland etwa 27 bis 28 Milliarden beträgt.Dazu kommen noch die politischen Schulden. In den nächsten Wochen wird der außenpolitische Kampf darum entbrennen, ob und wie die politischen Schulden gleichberechtigt neben den privaten behandelt werden können. Private Schulden müßten zurückerstattet werden, wir lönnten aber nicht nach potttische Schulden bezahlen Inflatorische Maßnahmen kämen nicht in Frage, aber wir können für die nächsten Jahre den jetzigen nominellen Stand des Volkseinkommens nicht halten, sondern werden uns mit einem kleineren Einkommen begnügen müssen, das Geld muß verstärkte Kaufkraft gewinnen. Die Löhne sind im letzten Jahre um etwa zwei Milliarden Mark gekürzt worden. Wenn wir aber die Bilanzwahrheit mit dem neuen Aktienrecht durchführen, dann wird sich herausstellen, daß von den 24 Milliarden, die in unseren Aktiengesellschaften investiert sind, kaum viel mehr als zehn Milliarden erhalten bleiben werden. Im sozialen Abbau ist schon viel mehr geschehen, als die Oeffentlichkeit glaubt. An der Arbeitslosenfürsorge sind mindestens 750 Millionen praktisch gekürzt worden. Auch in der Arbeitslosen= und Krankenversicherung seien große Veränderungen nicht mehr möglich. In der Invalidenund Unfallversicherung werde es noch zu größeren Veränderungen kommen. Der Minister betonte zum Schluß, daß er den Kern der Sozialversicherung zu erhalten suche, und ebenso den Kollektivvertrag und die Verbindlichkeitserklärung, wenn auch in der Handhabung Aenderungen in mancher Hinsicht getroffen werden müßten. In einem Schlußwort dankte Prälat Kaas dem Reichskanzler für seine offenen Darlegungen und sprach die Hoffnung aus, daß Deutschland bald wieder auf den Weg der Freiheit gelangen möge. Mittelstand und Regierung. Keine Sonderzuwendungen für einzelne Kreditinstitute. Amtlich wird mitgeteilt:„In der Presse sind in der letzten Zeit, trotz der eindeutigen Richtigstellung, erneut Mitteilungen über angebliche Millionenzuwendungen an Kreditinstitute, Gewerbebanken und Sparkassen des Mittelstandes in Verbindung mit der Abstimmung über das Mißtrauensvotum gegen die Reichsregierung erschienen. Die Reichsregierung stellt demgegenüber noch einmal ausdrücklich fest, daß die in diesem Zusammenhang besonders genannte Wirtschaftspartei weder Forderungen auf Stützung einzelner Kreditinstitute gestellt hat, noch daß in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der Stellungnahme der Wirtschaftspartei bei der Abstimmung Kredite oder Subventionen gewährt worden sind. Die Wirtschaftspartei hat bei ihren Verhandlungen mit dem Herrn Reichskanzler allerdings auf die durch die schwere Wirtschaftskrise bei den Genossenschafts=, Spar= und Gewerbebanken entstandenen großen Schwierigkeiten hingewiesen und die Erwartung ausgesprochen, daß im Interesse der Erhaltung der gesamten mittelständischen Wirtschaft die Reichsregierung dieser Frage ihre besondere Beachtung zuwenden möge. Der Reichskanzler hat mit Bezugnahme auf seine in den Kundgebungen der unpolitischen Spitzenorganisationen der mittelständischen Wirtschaft im Frühjahr dieses Jahres abgegebenen Erklärungen versichert, daß die Reichsregierung dieser vordringlichen Aufgabe ihre besondere Aufmerksamkeit widmen und die in dieser Richtung bereits eingeleiteten Aktionen beschleunigt durchführen werde.“ Die neuen Männer in England Im neuen englischen Kabinekt ist Mordonald Premier= minister und erster Lord des Schatzamtes. Die übrigen Ministerien sind wie folgt besetzt: Schatzkanzler Neville Chamberlaln, Präsident des Handelsamtes Runciman. Dei Kanziel3 Nch!. Revision und Aufbau. Die nächsten Aufgaben Deutschlands.— Kanzlerrede im Zentrumsausschuß.— Prälat Kaas gegen die Koalitionsgesgrüche. — Berlin, 6. November. Unter starker Beteiligung aus dem ganzen Reichsgebiet versammelte sich im Reichstag der Reichsausschuß der Zentrumspartei. Den Beratungen wohnten auch Reichskanzler Dr. Brüning, Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald und die preußischen Minister Dr. Schmidt, Dr. Steiger und Hirtsiefer bei. Eröffnet wurden die Verhandlungen mit einer Ansprache des Parteivorsitzenden Dr. Kaas. Besonders herzlich begrüßte Prälat Kaas in dieser Rede den Kanzler. Auf die politische Lage eingehend nahm Dr. Kaas in sehr entschiedener Weise zu den seit einigen Wochen im Gang befindlichen Auseinandersetzungen über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen Zentrum und Nationalsozialisten Stellung. Redner erklärte, die Nöte unserer Zeit würden nicht mit Worten und Resolutionen und auch nicht mit Gesprächen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit anderer koalitionspolitischer Frontbildungen gelöst. Das Zentrum habe Wichtigeres zu tun, als sich mit dem„koalitionspolitischen Gerede“ auseinanderzusetzen, das in den letzten Wochen gewisse Kreise beschäftigt habe und anscheinend noch beschaftige. In einem Augenblick, so fuhr Prälat Dr. Kaas fort, wo die politische Gesamtlage ein klares Wort nach dieser Richtung verlangt habe, sei dieses Wort von der Reichstagsfraktion des Zentrums klar ausgesprochen worden.— Gemeint ist damit der Fraktionsbeschluß, an einer Rechtsregierung weder teilzunehmen, noch sie zu dulden—. Ihm sei nicht bekannt, daß inzwischen Tatsachen eingetreten seien, die die Voraussetzungen des damaligen Beschlusses herabminderten. Vor dem zweiten Kabinett Brüning und vor dem Zentrum stünden außenpolitische Aufgaben von gigantischer Größe und von schicksalsentscheidender Auswirkung. In solcher Lage der Aktionsfähigkeit und Verhandlungsaussichten des Kabinetts durch solche Erörterungen zu verhindern oder zu verkleinern, sei nach Anschauung des Zentrums nicht zu verantworten. Wenn jemals, so sei jetzt Sammlung und nicht Entzweiung die Parole, und wenn es heute nicht möglich sei, auch solche Gruppen links oder rechts zu gemeinsamem Handeln, wenn auch nur auf Zeit, zusammenzuführen, die bis jetzt eine Zusammenarbeit noch nicht gekannt haben, so bleibe nur eins übrig: Das zu bewahren, was ist, und es nicht in Experimenten zu opfern, deren Ausgang niemand berechnen und darum auch niemand ken sein; denn die Sänger und Sängerinnen singen zu ihrer eigenen Freude und Erbauung und möchten so gerne dabei auch ein wenig Freude ihren Mitmenschen schenken.“(Aus dem Bericht der dortigen Ortszeitung.) Etwa zwei Stunden vor dieser Abendmusik war eine Orgelfeierstunde nur innerhalb unseres Kreises in derselben Kirche. Der Unterzeichnete spielte hierbei Werke von Joh. Christ. Bach, Pachelbel, Telemann und Joh. Seb. Bach. Unsere Lieder und die Art ihrer Wiedergabe, bei der wir uns bewußt unter das Wort und dessen Zeugnis stellten, hatten uns in den acht Tagen unseres Zusammenseins derart vereint, daß wir uns wie eine große Familie vorkamen, die mit ihrem Singen und Spielen den innerlich verarmten Menschen unserer Tage ein Gottesgeschenk nahebringen wollte, das infolge Radio und Schallplatte in seiner Ausübung durch den Menschen unserer Tage selbst immer mehr und mehr zurückgedrängt wird. Weil ein Hebelgriff genügt, um Musik aus aller Herren Länder zu hören, verstummt zu unserm Schaden unser eigenes Singen und Musizieren. Die Menschen unserer Zeit wieder zu eigenem bewußten Singen des echten Volks= und geistlichen Liedes zu bringen, war nicht zuletzt einer der Hauptzwecke unserer Sing= und Spielfahrt. Dieses wertvolle Mittel zur Verjüngung unserer selbst dürfen wir gerade in unserer an inneren Werten so armen Zeit nicht aus der Hand geben. Was unseren Bätern in schwerster Notzeit eine Kraftquelle war und blieb, wollen auch wir nicht aufgeben. Es kann uns gut geleiten. Darum sangen wir es fast jeden Abend in die Herzen unseret Zuhörer hinein und möchten, daß es noch recht oft gesungen wird, was in dem„vralten Ruff von Christo“(13. bis 17. Jahrhundert) gesagt ist: „Wir heben an, wir loben Gott, wir rufen in an, es thut unsnot.“ W. Heinrich, Peterwitz(Schles.). verantworten könne. Die Stunde gehöre der schöpferischen staatspolitischen Tat und nicht unfruchtbaren partei= und koalitionspolitischen Wortgefechten. Im Anschluß daran sprach Generalsekretär RuffiniKöln über das Thema:„Wie sehen Land und Volk die Politik des Kabinetts Brüning?“ Danach behandelte Reichskanzler Dr. Brüning in eineinhalbstündiger Rede die deutsche Innen= und Außenpolitik. Der Reichskanzler bezeichnete es als das Ziel seiner Politik, eine Vertrauensatmosphäre nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt für Deutschland zu schaffen und eine erträgliche Lösung des Reparations- und Stillhalteproblems zu erreichen, damit dem Schrumpfungsprozeß im deutschen Wirtschaftsleben endlich Einhalt geboten werde. Es gebe für das Kabinett nur einen Weg: die Durchfürung sachlich notwendiger Maßnahmen. Daß man mit Notverordnungen auf die Dauer nicht regieren könne, wisse auch die Regierung. Die Mark folgt nicht dem Pfund. Die Verschuldung Deutschlands sei im wesentlichen eine ausländische und laute auf ausländische Währung. Unter keinen Umständen werde die Reichsregierung die Mark dem Pfunde folgen lassen. Wörtlich erklärte der Kanzler dabei: „Ich werde mich bis zum äußersten gegen jede inflatorische Maßnahme stemmen, insbesondere deshalb, weil nur dann in der Wirtschaft Klarheit und Wahrheit geschaffen wird, Wenn das Ausland siehl, wie die Wirtschaftslage in Deutschland in Wirklichkeit ist, erst dann wird das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft aus dem Ausland gefestigt werden.“ Die Politik der Reichsregierung habe dem Auslande zu einem Teil bereits die Augen geöffnet und Klarheit über die wahre Lage Deutschlands geschaffen. Auch in Zukunft werde das deutsche Volk noch schwere Opfer bringen und sich Einschränkungen gefallen lassen müssen. Allerdings habe es Anspruch darauf, daß alle Lasten gerecht verteilt würden. Weitere Ersparnisse seien notwendig, andererseite müsse oler auch die Kaufkraft wieder gestärkt werden. Im Interesse der Wiederbelebung der Wirtschaft müßten die Selbstkosten gesenkt werden. Dieses Problem sei aber nicht zu lösen lediglich durch einseitige Lohnsenkung, denn das würde nur eine weitere Einschränkung der Kaufkraft zur Folge haben und damit die Wirtschaft selbst schädigen. Die einzelnen Berufsgruppen müßten sich verständigen. Das wird gelingen, bei gegenseitigem, aufrichtigem Verständigungswillen. Die Etatslage im Jahre 1932 werde eine sehr schwierige sein. Die Hauptaufgabe sei: Rückkehr zu den soliden Geschäftsprinzipien der Vorkriegszeit. Weiter werde eine Lösung des Reparationsprobiems gefunden werden müssen, die für das deutsche Volk und die ganze Welt das Vertrauen wiederherstelle. Zugleich müsse eine Regelung der kurzfristigen Kredite erfolgen. Durchführbar seien die Aufgaben der deutschen Politik jedoch nur dann, so beendete der Kanzler seine Ausführungen, wenn auch in diesem Winter, der dem deutschen Volke die schwerste Nervenkrise auferlege, jedes Experiment in der Politik unterbleibe. * Die Stimmen der Presse. Berliner Blätter zur Brüning=Rede. — Berlin, 6. November. Zu der Tagung des Reichsparteiausschusses und besonders zu der Rede des Reichskanzlers Dr. Brüning nehmen verschiedene Berliner Blätter ausführlich Stellung. Die„Germania“ hebt hervor, daß sich die Zentrumspartei am Donnerstag in wunderbarer Geschlossenheit des Geistes und des Willens erneut zu jener Politik der mutigen Sachlichkeit bekannt habe, die in der Perfönlichkeit des Reichokanzlers Brüning verkörpert sei. Bezüglich der Angriffe auf einzelne Parteien der Rechten weist das Blatt darauf hin, daß der Reichskanzler in dieser internen Versammlung seiner Partei im Hinblick auf den letzten Reichstagskampf selbstverständlich nicht umhin gekonnt habe, gewisse parteipolitische Fragen zu streifen. In Wirklichkeit hätten diese Dinge ganz an der Peripherie seiner Rede gelegen, die eine groß angelegte, rein sachliche Darlegung seines politischen Wollens gewesen sei. Die„...“ weist darauf hin, daß die Tagung keine Ueberraschungen über die Koalitionegespräche zwischen Nationalsozialisten und Zentrum gebracht habe und meint, daß alle Deutungen der Rede des Parteiführers Kaas, die von einer Absage der Zentrumspartei an eine Rechtsortentierung sprachen, vollkommen Staatssekretäre: Für Auswärtige Angelegenheiten Sir John Simon, für die Dominions Thomas, für die Kolonien Cuncliffe Lister, für Indien Sir Samuel Hoare, für Schottland Sir Archibald Sinclair, für Krieg Lord Hailsham, für Luftfahrt Lord Londonderry, Staatssekretär des Innern ist Sir Herbert Samuel, Erster Lord der Admiralität Sir Bolton Eires Nonsell. Baldwin wurde zum Lordpräsidenten des Geheimen Rates ernannt. Gesundheitsminister wurde Sir Hilton Young, Lordkanzler Lord Sankey, Lordgeheimsiegelbewahrer Snowden, Präsident des Unterrichtsamtes Sir Donald Maclean, Minister für Landwirtschaft, und Fischereien Sir John Gilmore, Arbeitsminister Sir Henry Betterton, Hauptkommissar für öffentliche Arbeiten Ormesby Gore. Ablösung statt Räumung. Japanischer Beruhigungsversuch in Washington. Die Räumung der Mandschurei, die nach der letzten Ratsentschließung möglichst am 16. November beendet sein sollte, scheint in sehr weiter Ferne zu liegen. Die japanischen Militärbehörden haben nämlich beschlossen, dem Kabinett die Entsendung von 4000 Mann aus Japan vorzuschlagen, damit die von den Anstrengungen erschöpften Truppen in der Mandschurei abgelöst werden. Außerdem wollen die Militärbehörden die in der Mandschurei stehenden Rekruten, deren Dienstzeit im Dezember abläuft, vorläufig dort behalten. In Washington gab der japanische Botschafter Debuchi beruhigende Erklärungen ab. Er betonte, ein allgemeiner Vormarsch sei nicht beabsichtigt. Die letzten Truppenbewegungen seien nur zu dem Zweck erfolgt, die Wiederherstellung zerstörter Brücken sicherzustellen, besonders um den Transport der Soya=Bohnenernte zu erleichtern, aus dem die Eisenbahn einen beträchtlichen Teil ihrer Einnahmen beziehe. An dem Brückenkopf Nanni in der Mandschurei ist es zu einem ernsten Gefecht zwischen japanischen und chinesischen Truppen gekommen. Die Chinesen sollen schwere Verluste erlitten haben. Von den Japanern wurden 18 getötet und eine größere Anzahl verwundet. Die übrigen sollen sich in einer schwierigen Lage befinden und bereits zum Rückzug gezwungen worden sein. Bürgerkriegsschule In Sachsen.— 17 Festnahmen.— Haussuchungen in Thüringen. Die Polizeidirektion Zwickau ließ auf Grund von Mitteilungen über kommunistische Lehrgänge zur Schulung für den Bürgerkrieg die Sporthalle des Sportvereins in Bermsgrün, sowie das Volkshaus und das Gebäude des Konsumverein in Schwarzenberg von einem größeren Aufgebot Schutzpolizei besetzen. Nach dem Polizeibericht wurden in der Bermsgrüner Kampfschule 12 Männer und 5 Frauen beim Unterricht überrascht und festgenommen. Die Untersuchung förderte eine größere Menge Schriftstücke zutage, die noch gesichtet werden müssen. Gegen die festgenommenen Personen wird beim Oberreichsanwalt die Einleitung eines Verfahrens wegen Hochverrats beantragt werden. Auch aus Thüringen werden Maßnahmen gegen Kommunisten gemeldet. So wurden in Gräfenhain(Kreis Gotha) von einem starken Polizeiaufgebot bei 40 Mitgliedern der Kommunistischen Partei Haussuchungen vorgenommen, darunter in der Wohnung des früheren kommunistischen Bürgermeisters und jetzigen Landkreisabgeordneten Hermann sowie in der Geschäftsstelle des Konsumvereins. Eine große Anzahl kommunistischer Schriften wurde beschlagnahmt. Besonders belastendes Material soll bei dem kommunistischen Agitator Amling gefunden worden sein. Amling und seine Frau, die sich ebenfalls politisch sehr eifrig betätigte, sind dem Vernehmen nach unter dem Verdacht des Hochverrats festgenommen und dem Amtsgericht in Ohrdruf zugeführt worden. Nationalsozialist erschossen. — Berlin, 6. November. In Berlin=Treptow wurde kurz nach Mitternacht vor den Augen einer Polizeistreife der 21 Jahre alte Angehörige der ASDAP. Erwin Moritz von zwei anderen jungen Burschen niedergeschossen und schwer verletzt, die Polizeistreife sorgte für seine sofortige Ueberführung in das UrbanKrankenhaus, wo er kurz nach seiner Einlieferung verstarb. Die Gründe der Tat und Näheres über die Täter, die unerkannt zu flüchten vermochten, konnten nicht ermittelt werden. Amzugsverbot in Mecklenburg=Schwerin. — Schwerin, 6. November. Unter Hinweis auf die blutigen Zusammenstöße bei den Amtsvertreterwahlen hat das Innenministerium Mecklenburg=Schwerins bis auf weiteres sämtliche politische Versammlungen und Umzüge unter freiem Himmel verboten. Ferner sind die Ortspolizeibehörden angewiesen worden, Personenfahrten auf Lastkraftwagen, die von Mitgliedern politischer Vereinigungen oder zu politischen Zwecken unternommen werden zu verbieten. Auch bei Versammlungen in geschlossenen Räumen soll in jedem einzelnen Falle geprüft werden, ob nicht ein Verbot notwendig sei. Haag verhandelt den Der Ständige Internationale Gerichtshof ist im Haager Friedenspalast zu seiner 23. außerordentlichen Tagung zusammengetreten, in der er sich mit dem danzig=polnischen Kriegsschiffstreit beschäftigen wird. Die erste öffentliche Sitzung, in der man mit der mündlichen Verhandlung beginnen will, ist auf kommenden Montag anberaumt. Lokal= und Provinzialnachrichten. — Bielefeld, Oktober 1931 Eine dringende Bitte. Die Flut der Not steigt und steigt. Ihr merkt das daran, daß immer stärker und immer mehr an euren Türen um milde Gaben gebeten wird. Wir bitten, fallt einer geregelten Fürsorge nicht in den Rücken. Gebt nichts an Fremde und Unbekannte, deren Hilfsbedürftigkeit Ihr nicht kennt und die z. T. aus dem Betteln ein Geschäft machen. Gebt nur Herbergsmarken zu 5 und 10 Pfennig. Diese Herbergsmarken können von den Wanderern im Pertheshaus, in der Herberge eingelöst werden. Gebt kein Geld, keine Kleidung, keine Lebensmittel, sondern gebt Herbergsmarken, damit die bittenden Leute der geordneten Fürsorge überwiesen werden. Die Herbergsmarken sind überall erhältlich in den Gemeindehäusern, bei den Pfarrern, bei den Gemeindeschwestern, in den Frauenhilfen, in der Volkslesehalle, in der Volkshalle(Papenmarkt, im Pertheshaus und Evangelischen Jungendamt, Altstädter Kirchplatz 2a(Zimmer 9, Kasse) Und noch eine Bitte. Denkt an die Wandererfürsorge, denkt an das Pertheshaus und bestellt Brennholz im Pertheshaus.(Tel. 5800). Achtet aber darauf, ob das Pertheshaus das Brennholz liefert. Es laufen Werber in der Stadt herum, die sagen, sie seien vom Pertheshaus geschickt, die aber für andere Betriebe die Aufträge sammeln. Laßt uns mit dieser großen Not nicht im Stich. Ueber 30000 Menschen— wir fragen nicht nach Konfession und Beruf, sondern wir sehen nur auf die Not— wollen nicht nur verpflegt sein, sondern auch Arbeit haben. Helft uns, indem Ihr das Holz jeglicher Art im Pertheshaus bestellt und indem Ihr Herbergsmarken kauft. Die Wirkung des Togal. Unser Arzneischatz ist nicht arm an schmerzstillenden Mitteln. Die stets wiederkehrende Klage der Aerzte ist aber, daß die gebräuchlichen Mittel unangenehme Nebenerscheinungen und Nachwirkungen haben. Dies ist laut zahlreichen ärztlichen Berichten bei Togal nicht der Fall, wenn es vorschriftsmäßig eingenommen wird. Da es überdies prompt wirkt, dürfte es von allgemeinem Interesse sein, auf das Präparat hinzuweisen. Kirchennachrichten der Zionsgemeinde zu Bethel. Sonntag, den 8. November 1931. 23. S. n. Trin. Samstag 19.10 Uhr: Beichte und Abendmahl in Zion, Pastor Bischoff. Sonntag 8½ Uhr: Pastor Schlatter; 9 Uhr= Pastor Schmidt; 10 Uhr: Pastor Tegtmeyer; 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Montag 20¼ Uhr: Gosen, Gemeindebibelstunde. Donnerstag 19½ Uhr: Pastor Jungblut. Bethel. — Christlicher Verein junger Männer. Der Lichtbilder=Vortrag über„Pompeji“ findet mit dem Brüderkreise heute, Freitag abend 8¼ Uhr in GroßNazareth statt. K 1 Bicleielder Musikinstrumenten-Fabrik LRNSTBATIB getründet 1885 prämilert mit Ehrendiplom und goldner Medaille liefert als Spezialltät die von den = Posaunen-Chören= bevorzugten Flügelhörner(System Kuhlo) sowie in bester Qualifät auch alle anderen Blechinstrumente, empfohlen durch Pastor Kuhlo in seinen„Posaunenfragen“.— Seite 20—26 Katalos und Preisliste gratis. Leichtlungenkranke u. Erholungsbedürftige finden liebevolle Aufnahme bei zeitgem. Preise. Liegehalle am Walde, Zentralheizung usw. Kurheim Frau Dr. Brandner, St. Blasien. Preiswerte, gebrauchte (auch Markenfabrikate) in allen Holzarten, von MK. 375.— an unt. voller Garantie, abzugeben Manss August Festing Planofortefabrik Bielefeld- Bahnhofstraße 6 Dir und Deinen Kindern eine Heimat auf eigener Scholle im schuldenfreien Haus Deutsche Bausparkasse.-G. Berlin W. 8, Unter den Linden 16. 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Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 7. November 1931. 13. Jahrgang. 5 Leib, Seele und Geist. Arbeitsgemeinschaft der Mediziner und Theologen. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden— von keiner gottgeordneten Gemeinschaft gilt das mehr als von der allerersten und natürlichsten, der Einheit von Leib und Seele. Im ersten Artikel stellt Luthers Erklärung alles Leiblich=Natürliche, unsre gesamte Geist=Leiblichkeit, unter die Herrschaft des Geistes Gottes. Luther legte größten Wert auf die Schöpfungsordnung. Es kamen manche Zeiten, wo die Bedeutung des ersten Artikels in der evangelischen Kirche nicht mehr verstanden wurde. Der Pietismus stützte sich unter Vernachlässigung des ersten vorzugsweise auf den zweiten Artikel, wie Domprediger Arndt v. Kirchbach in dem großen Thimmeschen Sammelwerk„Im Kampf um die Kirche“ in einer höchst bemerkenswerten Darlegung von neuem nachweist. Diese Einseitigkeit hat sich schwer gerächt; die hohe Uebergeistigkeit schlug oft ins niedrig Fleischliche um! Aber bis in die neuere Theologie und Predigtweise hinein wird diese Geringschätzung des Schöpfungsmäßigen gepflegt unter der Devise:„Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott“, gepflegt, als ob es Gott nur mit der Seele zu tun hätte! Die heilige Schrift aber sagt: Und unser Geist ganz, samt Seele und Leib müsse unsträflich bewahrt werden usw. Nach einem bekannten Studentenlied bekümmert sich der Pastor nur um die„sündige Seele“ und der Arzt ausschließlich um„ihr verfallenes Haus“, den leidenden Körper. Jetzt aber wollen beide Fakultäten wieder zusammenarbeiten, so wie sie ursprünglich im Priester eins waren. Unter mancherlei leisen Vorahnungen einer neuen, besseren Zeit ist diese sich anbahnende Arbeitsgemeinschaft von Medizinern und Theologen eine der aussichtsvollsten. Und die Mediziner haben den Anfang gemacht. Sie erkannten, daß eine rein naturwissenschaftliche Einstellung, die lediglich den„Mechanismus“ der physiologischen Vorgänge in Betracht zieht, den Arzt nicht zu seinem Ziel kommen läßt. Denn unsre Leiblichkeit ist ihrem Wesen nach in jeder Hinsicht vom Seelischen mitbestimmt, auch wenn z. B. die Vorgänge der Atmung, Verdauung, Säftebildung sich zunächst rein mechanisch zu vollziehen scheinen. Leben, auch leiblich leben, können wir schließlich nur aus dem Geist und durch den Geist. Das Mitwirken des seelischen Faktors bei der Entstehung und Heilung von Krankheiten kann nicht leicht überschätzt werden. Insbesondere reden wir mit vollem Recht von Geisteskrankheiten; sie sind keinesbegs, wie der Naturalismus meint, bloße Hirnerkrankungen, wenn auch in der Regel mit solchen verbunden. Wie die geistige Gesamthaltung und einzelne Gefühlserregungen— etwa Schrecken, Angst oder Freude, Zuversicht— auf den Körperzustand ungünstig oder günstig einwirken, so beeinflußt die Hirnschädigung, etwa Verletzung oder Geschwulst des Gehirns, den Charakter nachteilig. Es besteht eben innigste Wechselwirkung zwischen der leiblichen und der geistigen Sphäre. Das haben also die Aerzte zuerst erkannt. Die Psychotherapeutik, das heißt die Heilweise von der Seele aus, hat sich allgemein durchgesetzt. So sehr, daß z. B. die Geisteskranken für ihr Tun wieder verantwortlich gemacht werden, wenn auch natürlich in angemessener Stufenordnung. Eine bestimmte medizinische Schule hat es bekanntlich unternommen, nervöse Krankheitszustände durch Psychoanalyse, also rein seelische Behandlung, zu heilen. Die Theologen bequemten sich erst mit einiger Selbstüberwindung dazu, die neue Betrachtungsweise der Medizin zu beachten und anzuerkennen, mit anderen Worten, sich auf ihren evangelischen Glaubensartikel, auf die Schöpfungsordnung ernstlich zu besinnen. Ganz langsam gelangten sie zu der Einsicht, daß das weit verbreitete Mißtrauen gegen den Seelsorger, die Abwendung vom Pfarramt, mit der überlieferten Verständnislosigkeit der Pastoren für die leiblichen Grundlagen der seelischen Nöte zusammenhänge; man traut ihnen nicht die richtige Würdigung des Natürlichen zu, vor allem nicht in den peinlichen Fragen der Sexualethik. Der Arzt erfreut sich auch als Seelsorger größerer Beliebtheit als der Pfarrer, allerdings wohl auch deswegen, weil er eben nicht„die sündige Seele ausschilt“ und den schwachen Menschen „versteht“. Genug, die künstliche Trennung des Zusammengehörigen mußte endlich überwunden werden. So haben denn weitschauende Vertreter beider Fakultäten neuerdings ein planmäßiges Zusammenarbeiten, die gemeinsame Ueberlegung der für beide Teile gleich wichtigen Probleme, in die Wege geleitet. Seit einer Reihe von Jahren sammelt sich im Johannesstift zu Spandau, unter Leitung der „apologetischen Zentrale“ eine Anzahl interessierter Geister aus beiden volkserzieherischen Aemtern — Pädagogen übrigens nicht ausgeschlossen!— zu einer Fachkonferenz. Die stärksten Anregungen sind von hier ausgegangen; gegenseitige mannigfaltige Befruchtung war ein schönes Ergebnis der Zusammenkünfte. Schreckte man doch nicht davor zurück, die schwere Frage nach Sünde und Schuld als Krankheitsursache in den Kreis dieser interfakultätlichen Verhandlungen zu ziehen! Von besonderer Bedeutung war nun die diesjährige Konferenz vom 17.—19. Oktober. Ein geradezu erhebendes Schauspiel: Mediziner und Theologen zeigten sich schon so erstarkt im wechselseitigen Vertrauen, daß sie ihre amtlichen Nöte, Schäden und Fehler voreinander aufdeckten und zur Sprache brachten. Das Thema„Die Person des Arztes als Gefahrenquelle" und„Die Person des Seelsorgers als Gefahrenquelle“ mit aller Offenheit zu erörtern, wäre so etwas vor 10—20 Jahren auch nur für möglich gehalten worden?! Alles aus dem Gesichtswinkel der leitenden Oberfrage nach dem Zusammenhang von Leib=Seele=Geist. Zunächst trat ein ungemein sympathischer Arzt auf, Dr. Villinger von Hamburg, und belehrte uns eingehend über„die gegenwärtige Lage der Medizin“, nämlich vor allem über den wundersamen„Umschwung“, den die Medizin in den letzten Jahrzehnten durchgemacht. Man kann ihn vielleicht auf die Formel bringen: Hatten die Aerzte früher nur die einzelnen Krankheiten ins Auge gefaßt und sie als Schädigungen besonderer Körperorgane behandelt, so haben sie jetzt es mit dem Kranken selbst zu tun, mit dem ganzen Menschen als Träger der Krankheitserscheinungen. So wie die KrimiMann? O deutsches Volk, o deutsches Land, wann wird's, daß wieder unverwandt dein Trauen ist auf Gott gestellt, wie sonst auf nichts in weiter Welt, daß Seines Geistes Macht und Kraft in jeder Brust aufs neu' erschafft, was lange tot in uns schon ruht: des Herzens Treu', der Hoffnung Mut, des Glaubens und der Liebe Glut? O wohl dem Volk, wo in der Not der Bruder Brüdern bricht sein Brot, wo eins des andern Hand erfaßt und einer trägt des andern Last! Da ziehn der Zwietracht Teufel aus: denn Gottes Friede ist im Haus, und Gottes Hilf und Gottes Heil ist aller Guten Trost und Teil! O wann, wann endlich, deutsches Land — eh' ganz die Not dich übermannt—. ergreifst du deines Retters Hand? Hermann Trebbin. nalistik früher die Verbrechen zu ihrem Gegenstand hatte und jetzt den Verbrecher. Nicht die Einzelsymptome, sondern die Ganzheit der Person kommt jetzt in Frage. Also die gesunde oder kranke Körperlichkeit ist gewiß sehr wichtig; aber sie ist doch nur die materielle Unterschicht, auf deren Boden sich die Gesetzmäßigkeit des Lebens, die Form, Gestalt, Konstitution des Menschen aufbaut, eine Einheit, die eben die leib=seelische Einheit darstellt und vom Geist getragen und durchdrungen wird. Die Körperlichkeit reicht hinein bis in die letzte Wurzel der Geistigkeit und umgekehrt reicht die Beseeltheit bis in die letzte Zelle des Leibes hinein. Gesundheit und Krankheit sind keine Seinsbegriffe, sondern Wertbegriffe. Die Lungenentzündung eines frommen Bauers, der sich mit seinem Leiden in den Willen Gottes ergibt, ist eine ganz andere Krankheitserscheinung als die eines nervösen Großstädters, der alles besser weiß. Genug, die Persönlichkeit selbst ist der entscheidende Faktor für Gesundheit und Krankheit. Und wie die Theologen hier begierig vom Mediziner lernten, so durften hinwiederum die letzteren ganz neue Einsichten über„die gegenwärtige Lage der Theologie“ mitnehmen. Dies Thema wurde von Professor Tillich in einer solch durchsichtigen, glänzenden Weise behandelt, daß ich hier den Raummangel besonders bedaure, der mir verbietet, dem bedeutenden Vortrag einen angemessenen Bericht zu widmen. Ich darf nur andeuten, daß Tillich von einer vierfachen Begegnung der protestantischen Theologie sprach; zuerst von der Begegnung der Theologie mit sich selbst, der„dialektischen Theologie“ oder der prophetischen Frage, sodann von ihrer Begegnung mit fremder Theologie, nämlich der orientalisch=griechischen, dem Katholizismus und der englisch=amerikanischen Welt. Er nannte dies die priesterliche Frage. Ferner die logische Frage, d. h. die Frage nach dem Logos, das heißt dem Logos von Gott oder die Begegnung der Theologie mit Wissenschaft und Philosophie, und endlich die sozialethische Frage oder die Begegnung der Theologie mit der Wirklichkeit. Eine überwältigende Fülle anregender Gedanken, für den Theologen ein geistiges Festmahl. Das übergeordnete Leitproblem der ganzen Tagung selbst, Leib=Seele=Geist, wurde von Med.=Rat Dr. Schneider=Bethel in tiefgründiger und anfassender Weise behandelt, allerdings in einer so streng philosophischen Sprache, daß nicht alle Zuhörer, auch recht gebildete Theologen nicht, wenn sie nicht mit den Heideggerschen Terminalpunkten ein wenig bekannt waren, folgen konnten. Aufs beste wurde diese Darbietung ergänzt durch ein leichter verständliches theologisches Korreferat von Dr. Carl Schweitzer, dem verdienten Leiter der apologetischen Zentrale selbst. Einen dritten ausgezeichneten und neuerdings viel genannten Arzt lernten wir dann in Dr. Liek von Danzig persönlich kennen, der mit bedeutsamen Veröffentlichungen, z. B. über die Mängel unseres Versicherungswesens, insbesondere der Versicherungspsychose, hervorgetreten ist. Diese Mängel, zeigte er, hängen ganz wesentlich mit der mechanistischen Anschauung zusammen, die zur Zeit der Krankenversicherungsgesetzgebung noch in der offiziellen Medizin herrschte, die nur nach Krankheitsformen schematisch fragte, Krankheitspsychose erzeugte und es unmöglich machte, dem wirklichen Kranken gerecht zu werden. Damit wird das große Gebiet der suggestiven Wirksamkeit der Person des Arztes berührt, eine wirkliche„Gefahrenquelle". Daneben dann sofort der ernste Blick auf die Person des Seelsorgers als Gefahrenquelle gelenkt und von dem bekannten Psychologen und Theologen Dr. Schairer=Stuttgart die ganze Fragwürdigkeit der pfarrerlichen Seelsorge in ein grelles Licht ge stellt. Die Person des Seelsorgers in seiner Verständnislosigkeit für die leiblich=seelischen Zustände des irrenden, bedrängten Menschen, in seinem Ungeschick zu seelischer Führung; des Seelsorgers, der von der menschlichen Seele und ihren Wallungen und Wirrsalen kaum das Oberflächlichste weiß. Und noch einmal wurde das Leib=Seele=Geist=Problem durchgearbeitet unter einem sehr gegenwartsmächtigen Gesichtspunkt, dem der Eugenik. Der Meister der Rassenhygiene, Professor Lenz von München, war selbst gekommen, um sich mit den Theologen zu messen, mit den kirchlichen Bedenken gegen die Eugenik sich auseinanderzusetzen. Und das wurde nun ungemein interessant und lehrreich. Lenz betonte, auch seinem Korreferenten, Professor Schreiner, gegenüber, daß die Rassenhygiene keineswegs im platten Naturalismus gründe, daß vielmehr auch die Geistigkeit der Völker durchaus in den Kreis der rassenhygienischen Betrachtung gehöre. Doch auch hier ergab sich eine solche Fülle von schwierigen Einzelfragen— die ganze Bevölkerungspolitik mit Geburtenregelung, Empfängnisverhütung, Sterilisierung usw. gehört ja in das Gebiet hinein— daß der Versuch, den behandelten Problemen gerecht zu werden, den Rahmen dieses knappen Berichts sprengen müßte. Nur zwei Andeutungen: Empfängnisverhütung bezeichnete Lenz als keineswegs ideal, aber als das„kleinere Uebe!"; „es ist Christenpflicht, erbliche Krankheiten nach Möglichkeit zu verhüten“! Professor Schreiner, der bisherige souveräne Leiter des Johannesstiftes, erreichte in seinem Korreferat, das mit verständnisvollem Eingehen auf die naturwissenschaftliche Beweisführung des Vor tragenden die entschiedenste Wahrung des christlich=evangelischen Standpunktes verband, den letzten Höhepunkt der ganzen reichen Tagung— ein bedeutsamer Abschluß seines leib=geistigen erfolgreichen Wirkens in Spandau! Er ist als Professor der praktischen Theologie nach Rostock berufen. Man kann sehr gespannt sein auf die Veröffentlichung der acht gehaltvollen Vorträge und der anschließenden lebendigen Aussprache in der Schriftenreihe„Arzt und Seelsorger“. Ballenstedt, bisher Halle. Gustav von Rohden. Mit dem Evangelium durch die Geschichte! Bei einer Behandlung der Fragen, die aus dem Verhältnis der drei Größen Evangelium, Christentum und Volkstum zueinander erwachsen, erwachte in mir der Wunsch, eine Uebersicht über den Wanderweg zu haben, den das Evangelium im Verhältnis zum Christentum und Volkstum ganz besonders durch die deutsche Geschichte gemacht hat. Es ist außerordentlich verlockend, diesen Gang weiter auszuführen auch in die Reiche anderer Völker, aber wir können hier nur in aller Kürze einige wichtige Punkte hervorheben. Das Evangelium wird hineingeboren in eine sich gerade damals zum letzten Kampfe rüstende nationalistische Umwelt. Mit der Messiashoffnung des jüdischen Volkes, die in einem jüdischen Weltreich das Ziel der Weltentwicklung sieht, muß sich das Evangelium auseinandersetzen. Jesus beschränkt auf der einen Seite absichtlich seine Tätigkeit auf den engen Kreis seines Volkes, er weiß sich in seinem Erdenleben nur gesandt zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel, und gibt den Jüngern bei ihrer ersten Aussendung den Befehl, nicht auf der Heiden Straße und in der Samariter Städte zu ziehen. Die Liebe Jesu zu seinem eigenen Volke tritt uns aus den Evangelien klar und deutlich hervor. Aber auf der anderen Seite steht er den nationalen Erwartungen seines Volkes ablehnend gegenüber. Er weiß sich gekommen, M. das Gesetz und die Propheten zu erfüllen, also gewissermaßen die ganze Vergangenheit seines Volkes zur Erfüllung zu bringen. Aber solche Erfüllung besteht bei ihm nicht in der Erfüllung der messianischen Volkserwartungen, die hat er, wie uns die Versuchungsgeschichte berichtet, energisch von sich gewiesen, sondern die Erfüllung von Gesetz und Propheten bedeutet für ihn die Herrschaft Gottes in den Herzen der Menschen, die Gotteskindschaft im Geist und in der Wahrheit, das Reich Gottes. Da ihm die Frage nach der Stellung zum römischen Kaisertum vorgelegt wird, das dem jüdisch=religiösen Nationalismus der schlimmste Stein des Anstoßes war, antwortet Jesus: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Für Jesus ist die Stellung zu Gott die Hauptsache, aus der allein die Stellung zur Welt hervorwächst, nicht umgekehrt. Dem Versuch des Volkes, ihn zum Messias auszurufen, entweicht er, indem er unerwartet in die Einsamkeit entflieht. Seinen Jüngern gibt er die Weisung:„Ihr wisset, daß die weltlichen Fürsten herrschen und die Oberherren haben Gewalt, so soll es bei euch nicht sein, sondern so jemand unter euch gewaltig sein will, der sei euer Diener, und wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht. Gleich wie des Menschen Sohn ist nicht kommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zur Erlösung für viele.“ Kurzum, die Auseinandersetzung zwischen Evangelium und jüdischem Nationalismus führt dahin, daß das jüdische Volk Jesus an das Kreuz schlagen läßt. Merkwürdig ist es, daß derjenige, der das Evangelium aus den Grenzen des jüdischen Volkes in die weite Heidenwelt hinaustragen sollte, bis dahin selbst ein treuer Diener des jüdischen Nationalismus gewesen war, der Apostel Paulus. Wir verspüren in seinen Briefen, besonders im Römerbrief, den schweren inneren Kampf, den er um seiner Berufung willen zwischen Nationalismus und Evangelium durchkämpfen mußte. Er bleibt dabei, daß er Leben und Seligkeit drangeben würde, wenn er damit sein Volk aus seiner Verstocktheit erretten könnte, er vertraut auch auf eine letzte Errettung seines Volkes, wenn die andern Erdenvölker den Heiland gefunden haben werden. Aber gerade durch seine Berufung, die ja in erschütternden Gegensätzen arbeitet, wird Paulus in eine neue Sicht hineingeführt, die in dem Worte gipfelt:„Ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Jesum Christum. Denn wieviele von euch getauft sind, die haben Christum angezogen. Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib, denn ihr seid alle Einer in Christus Jesus. Wenn ihr aber Christus angehört, dann seid ihr auch somit Abrahams Nachkommen, Erben auf Grund der Verheißung.“ Man bedenke, was hier der Jude Paulus sagt: Daß die Christen aus den nichtjüdischen Völkern durch ihre innere Zugehörigkeit zu Jesus die Erben der Verheißung sind, die Gott dem jüdischen Volke gegeben hat. Wir stellen als erste Erkenntnis unserer geschichtlichen Wanderung die Schlußfolgerung auf: Jesus Christus sowohl wie der Apostel Paulus haben eine große Liebe zu ihrem angestammten Volke, aber das Ziel des Evangeliums, das von Christus zu Paulus kommt, ist nicht nationale Macht oder irgend eine andere Form weltlicher Herrschaft, sondern das allen Menschen ohne Unterschied des Volkes, des Standes und des Geschlechts gehörige Gottesreich. Mit den Aposteln, mit der ersten Christengemeinde tritt das Evangelium in die große Welt und hüllt sich fortan in das Gewand des Christentums, dessen Wesen wir oben kennzeichneten. Ohne dieses Gewand ist das Evangelium nicht mehr in der Welt zu finden, weder in der Kirche noch bei den Sekten, noch bei irgend einem einzelnen, der sich etwa aller Bindungen frei erklärt, um das Evangelium in seiner wahren Gestalt zu besitzen. Das Christentum ist im steten Wandel begriffen, bekommt im Laufe der Geschichte die verschiedensten Gestaltungen und Farben, aber das Evangelium bleibt darunter stets dasselbe. Aus der Welt des Gesetzes und der Propheten tritt das Evangelium in die Welt des römischen Staates, in der nicht irgend ein Volkstum, sondern die römische Staatsidee herrschend war, die in einem göttlich verehrten Oberhaupt ihre Ausprägung fand. Allen ein eigenes Staatswesen suchenden nationalen Willen der anderen Völker schlug dieser römische Staat, solange er es vermochte, nieder, die römische Staatsidee gilt ihm alleinseligmachend für alle Völker. Die Auseinandersetzung des Evangeliums mit dem römischen Staat führt zunächst innerhalb des Christentums dahin, daß nach langen, heftigen, inneren und äußeren Kämpfen der römische Staat unter den Stürmen neuer Völker seine Cäsarengewalt an die christliche Kirche abgibt, die sie in der Papstgewalt erneuert und damit, wie auch nun im übrigen das Gewand des Evangeliums, ihr Christentum dem römischen Staatswesen stark anpaßt, die christliche Kirche wird Staatskirche, das Christentum Staatsreligion und vom Papst regiert die Welt zum christlichen Religionsstaat. Jetzt werden die Fragen brennend: Evangelium und Staat, der Dienstwille Christi, der Machtwille des Staates. Deshalb werden diese Fragen brennend, weil beides, Christus und Staat, plötzlich in der Hand des Papstes liegen. Nun liegt die Frage vor der Tür, wie soll das Evangelium durch die Mauern des Staates hindurch in das Volkstum anderer Völker kommen, so daß die Völker das Evangelium als ihr Eigentum erkennen? Man muß bedenken, daß die römische Kirche mit dem Namen und der obersten Gewalt auch die Machtmittel des Staates geerbt hat und sehr bald in die Versuchung kommen muß, mit diesen Mitten das Evangelium in die Welt zu tragen, zumal es dadurch viel schneller geht als mit den Mitteln der ersten Christengemeinde. Die Frage wird brennend, sobald die Kirche mit der germanischen Welt in Berührung kommt. Der römische Staatsgedanke wird noch einmal übernommen durch Karl den Großen, der im Jahre 800 zum Kaiser gekrönt vom Papst in Rom, den römischen Staatsgedanken nun in der germanischen Welt befestigt. Das Christentum wird mit den Mitteln des Staates in der germanischen Welt eingeführt, ich erinnere nur an die Kämpfe Karls mit den Sachsen. Die Verkünder des Evangeliums waren nicht nur Boten Christi, sondern auch zugleich Träger des römischen Staatsgedankens, der römischen Staatsmacht, und zwar in doppelter Weise, einmal als Schützlinge des Kaisers, dessen Herrscherwillen und Macht ihnen die Wege wies, und weiter als Vertreter des römischen Papstes, als Priester, denn das tritt klar hervor, daß in der allmählich sich ausbildenden und ständig wachsenden Priestergewalt der römischen Kirche das Cäsarentum des römischen Staates eine Wiedergeburt erlebt. Das Evangelium, das also, obgleich es natürlich auch gepredigt und gelehrt wird, mit der Gewalt des Staates, der den germanischen Stämmen selbst zum Teil noch fremd war, hineingeworfen wurde in die germanische Welt, mußte sich mühsam Heimat suchen im germanischen Volkstum, und es liegt auf der Hand, daß der römische Staatsgedanke, der im Papsttum sowohl wie im Kaisertum lebendig war und das Evangelium selbst verbreiten wollte, dem Heimatsuchen des Evangeliums oft hinderlich sein mußte. Denn einerseits war das Evangelium nicht frei, sondern in den Ketten des Staates, seine Verkünder Staatsdiener, sowohl als Untertanen des Kaisers wie als Priester, andererseits mußte aus dem römischen Staatswesen beständig ein starkes Mißtrauen gegen alles selbständig emporwachsende Volkstum aufstehen, das nicht zuließ, daß das Evangelium frei und fröhlich in das vorchristliche germanische Volkstum hineinstieg. Wir stellen als zweite Schlußfolgerung auf: Durch die Bindung des Evangeliums an den römischen Staatsgedanken in Kirche und Staat wurde eine freie selbständige Entfaltung des Evangeliums im germanischen Volkstum verhindert oder wenigstens stark gehemmt und hinausgeschoben. Auch das germanische Volkstum, zu dem das Evangelium kommen wollte, trug vielerlei in sich, das mit dem Evangelium eine Auseinandersetzung suchen mußte. Wir wollen nur einen wichtigen Gedanken germanischen Volkstums hervorheben, den Heldengedanken. Er ist in der germanischen Götter= und Heldensage ganz besonders schön zum Ausdruck gebracht und wir wollen uns freuen, daß wir hier die Reste unseres Volkstums alter Zeit rettet haben. Dieser Heldengedanke, der mit ganz besonderer Liebe heute von den Verkündern germanischen Volkstums ausgenommen und gepflegt ist(Ritter, Tod und Teufel,„der heldische Gedanke“ von Hans F. K. Günther) mußte sich mit dem Evangelium auseinandersetzen. Schon im Heliand(kurz nach Karl dem Großen) verspüren wir deutlich den Zusammenstoß, uns ist der Heliand eins der schönsten Zeugnisse des Heimatsuchens des Evangeliums im germanischen Volkstum, aber wir merken gerade in ihm, daß das germanische Volkstum mit seinem Heldengedanken eine christlich=germanische Hülle, ein Christentum formt, in dem das Evangelium in einer ursprünglichen Reinheit verhüllt wird oder das letzte Geheimnis des Evangeliums nicht zum Ausdruck kommen kann. Der heldische Gedanke findet heute in der nationalen Jugend außerordentlichen Zuspruch, ganz besonders hat ihn Hitler auf seine Fahne geschrieben und dadurch ohne Zweifel einen starken Schwung in die national=sozialistische Partei gebracht, dadurch gerade die Jugend in Scharen an sich gefesselt. Hitler sagt:„Der Bestand und die Zukunft von Völkern auf dieser Erde liegen: 1. in ihrem eigenen rassischen Wert; 2. in der Einschätzung, die sie der Bedeutung der Persönlichkeit zollen; 3. in der Erkenntnis, daß alles Leben in diesem Universum Kampf heißt.“ Ich gebe zu, daß diese hohe Einschätzung völkischen Wesens heute viele aus einer toten Gleichgültigkeit oder einer internationalen Verwelschung zu neuem Leben emporreißt, ich bewundere und beneide fast den Nationalsozialismus um seinen starken Schwung, um die glühende Begeisterung, die er in Tausenden auslöst, ich gebe zu, daß das Aufsteigen des heldischen Gedankens im deutschen Volke ein Zeichen seiner wiedererwachenden Lebenskraft ist und würde es für grundverkehrt halten, ihn zu verachten, trotzdem aber halte ich ihn nicht für christlich, denn die Erkenntnis des Christen führt nicht zur wertvollen Bedeutung der Persönlichkeit des Menschen, nicht zur Höhe rassischen Wertes, sondern zu der Erkenntnis:„Gott sei mir Sünder gnädig“. Und über diese Erkenntnis zu der seligsten und kühnsten Gewißheit:„Von Gottes Gnaden bin ich, das ich bin.“ Der germanische Heldengedanke und die römische Staatsidee erfüllen von uns aus gesehen das Leben des Mittelalters. Sie dringen Kaiser und Papst gegeneinander, aber auch einen Friedrich Rotbart und Heinrich den Löwen, sie bauen im Verein miteinander für den König Himmels und der Erden die gewaltigen Dome, in denen germanisches Heldentum sich zum Himmel emporreckt, und in seinem Schutze das Priestertum die Macht des römischen geistlichen Staates entfaltet. Wir sehen Christus als den Richter des Weltalls thronen über allem, was lebt und webt, ein Bild der geistlichen Weltmacht, denn dieser Christus muß sich richten nach dem Willen seines Stellvertreters auf Erden. Wir sehen aber auch den gequälten, gemarterten, oft mit den erschütterndsten Zügen des Leidens ausgestatteten Christus, der mir in seiner Häufigkeit und in seiner wehen Gequältheit ein Zeugnis dafür zu sein scheint, wie deutsches Volkstum unter dem unheimlichen Zwange der römischen Staatsgewalt, die in der damaligen Kirche so oft zum Ausdruck kommt, nicht zur letzten freudigen Gewißheit erblühen und reifen konnte. Erst in Martin Luther erleben wir den völligen Durchbruch des Evangeliums in das deutsche Volkstum, Evangelium und Volkstum finden in ihm ihre Versöhnung:„Laß zürnen Teufel und die Höll, Gottes Sohn ist worden Euer Gesell.“ Deutsches Volkstum erwacht im Dienste des Evangeliums zu reicher Blüte, nicht zur Verherrlichung menschlichen Heldentums, sondern allein im Dienste des wiederum Fleisch gewordenen Heilandes. Nur deshalb, weil nicht nationale Forderungen, sondern die Gotteskindschaft Luther beherrschte, konnte ihm die Befreiung des Evangeliums vom römischen Staatsgedanken gelingen, sowohl dem Papst wie dem Kaiser gegenüber, so daß Luther die Freiheit des in Gottes Gnade und in keiner anderen Macht der Welt begründeten Gewissens als eine in Christo gegebene Tatsache hinstellen kann und damit jedem Volkstum, in dem das Gewissen wohnt, den eigenen selbständigen Weg zum Evangelium freilegt. Daraus ergibt sich aber auch, daß das Evangelium jede politische oder staatliche Erzwingung oder Verteidigung seiner Belange ablehnen muß. In Martin Luther gewinnt Christus Heimat im deutschen Volkstum, in dem das Christentum nun nicht mehr von Staats und Priester wegen zu den Menschen kommt, sondern zu dem einzigen Grunde zurückgeführt ist, auf dem allein es bestehen kann, zum Evangelium von der Gnade Gottes in Christo Jesu. Nun ist die unmittelbare Verbindung ohne andere Mittler hergestellt: Evangelium, Christentum, Volkstum, und damit sind dem Christentum wie dem Volkstum ganz neue Entfaltungsmöglichkeiten gegeben. Wir stellen den Satz auf:„In Martin Luther ist das Evangelium durch die Befreiung aus dem römischen Staats= und Machtgedanken frei geworden zur selbständigen Entfaltung im Volkstum, das Christentum zurückgeführt auf den einzigen Grund, auf dem es bestehen kann, das Evangelium und endlich das Volkstum durch die Berührung mit dem Evangelium zu einer eigenen allein auf das in Gottes Gnade wurzelnde Gewissen begründeten Entwicklung gekommen, deren Ziel nicht die Walhalla germanischer Helden, sondern zuletzt das Reich Gottes ist. Freilich tritt zunächst eine ganz andere Entwicklung ein. Derselbe Luther, der die Freiheit des Gewissens von Roms Priesterherrschaft gewinnt, legt in Ermangelung anderer Möglichkeiten die Kirchengewalt in die Hände der Landesfürsten, der Notbischöfe. Somit treten an die Stelle der römischen Staatskirche eine Menge kleinerer Landeskirchen, in denen Christentum und Evangelium wiederum gefesselt werden in die Ketten kleiner und kleinster Staatswesen,„cujus regio, ejus religio". Wiederum kann das Evangelium nicht in Freiheit zum Volkstum kommen, es muß erst durch das Kabinett des Landesfürsten. Besonders interessant wirkt sich diese Tatsache in der im 17. und 18. Jahrhundert erwachenden Heidenmission der evangelischen Kirche aus, wie auch in der Geschichte der Sekten etc. Dazu kommt der Dreißigjährige Krieg, der alles Volkstum in Deutschland zerschlägt, ihm jedes Rückgrat nimmt, und nur politische Mächte, nämlich die römische Kirche und eine Reihe von Landesfürsten übrig läßt, die evangelische Kirche im sicheren Gewahrsam der Landeskirchen, gewissermaßen als eine ihrer Domänen. Das Volk ist einstweilen erledigt Während im 18. und 19. Jahrhundert, die Staatsgewalten zu neuer Macht heranwachsen, erwachen im Volkstum neue Lebensgebiete, die früher nicht in dem Maße Allgemeingut gewesen sind oder unter der Herrschaft der römischen Kirche der Priesterschaft untertan gewesen sind, wie z. B. die Wissenschaft und der politische und soziale Wille des Volkes. Mit ihnen muß sich das Evangelium auseinandersetzen. Dieses Evangelium aber sitzt jetzt im Gewande des Christentums im Gewahrsam der Landeskirchen, der Landesfürsten, der staatlichen Obrigkeit und der römischen Kirche. In stetem Kampfe mit diesen Mächten erobert sich ein Gebiet des Volkes nach dem andern seine Selbständigkeit, und stellt nun diese Selbständigkeit nicht etwa auf das Evangelium, wie einst Luther getan, da ja das Evangelium verschlossen im Gewahrsam einer anderen irdischen Macht liegt, sondern vielmehr, da sich keine andere Möglichkeit bietet, auf die Freiheit, Würde und Selbständigkeit des Menschentums. An die Stelle der Gnade Gottes in Christo Jesu ist nun die Würde des freien Menschen getreten. Es dauert lange, sehr lange, bis das Evangelium frei wird aus seinem Gewahrsam, wir sehen, wie währenddes die Wissenschaft im Materialismus Kirche, Christentum und Evangelium ablehnt, wir sehen, wie der Sozialismus des 19. Jahrhunderts erbittert sich gegen die Kirche und Christentum wendet und vielfach auch damit das Evangelium fortwirft, wir sehen, wie Dichtkunst, Wirtschaft, ein Zweig nach dem andern sich auf eigene Füße stellt und der Kirche, dem Christentum und nicht immer, aber doch häufig auch dem Evangelium den Rücken kehrt. Wir nennen diesen Prozeß Säkularisierung des Volkslebens, ein Prozeß, in dem wir noch mitten darinnen stehen. Das Christentum unserer Zeit hat sich in diesem Prozeß vielfach dem Zeitgeist anzupassen versucht, sowohl in der katholischen, wie in der evangelischen Kirche, aber es hat sich deutlich gezeigt, daß solch ein Christentum den Einfluß des Evangeliums auf das Volkstum nur verbaut, ein Christentum, das im Banne irgend einer Partei, irgend einer wirtschaftlichen oder politischen Richtung lebt, zieht der Tätigkeit des Evangeliums Mauern. Andererseits muß die Entwicklung des Volkstums abseits vom Evangelium zuletzt in den Tod führen, denn entweder lebt es nur noch von der Dürftigkeit des Materialismus oder kennt nur das eine Ziel: den Heros Mensch. Wir stellen folgenden Satz auf: Die Landeskirchen haben durch die Verknüpfung des Evangeliums mit dem Staatsgedanken der freien Entfaltung des Evangeliums innerhalb des neu erwachenden Volkstums wiederum Mauern gezogen. Infolgedessen konnte der heraufsteigende Materialismus um so leichter das Volksleben säkularisieren. Wir stehen heute vor der brennenden Frage: Wird das Evangelium sich aufs neue Bahn brechen in die Gebiete des Volkstums und eine Wiedergeburt des Volkstums heraufführen? Damit würde eine neue Epoche des Christentums beginnen. Wülfingerode. Ubbelohde. Schriftleitung: W. Kraa. Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel, Anzeigen: K. Diehmann, alle in Bethel. für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärts“, Christliches Tageblatt Bethel d. Bielefeld. Fernruf 3911/3919. Amt Bielefeld. Druck und Verlag: Anstalt Betdel.