Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und und„Anser Ziel.“ Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile Reklame 30 Pfg. Beilagen ur oder deren Raum 10 Pfennig, Sc## Wilagen unter W a se, tausend 15 Mi. Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 258. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Mittwoch, den 4. November 1931. 13. Jahrgang. Nimmer ist ein solche Unheil wie das Geld Der Welt erwachsen, Städte kehrts verwüstend um Und treibt die Menschen flüchtig fort von Haus und Herd; Betörend überreckt das Geld der Edlen Sinn, Daß sie zu schmachvoll bösem Handeln sich verstehn, Zu jeder Arglist leitet Geld die Menschen an Und weiht sie ein in jedes gottvergeß'ne Tun. Sophokles. Mt Deutsche Not! Eine Erwiderung. W. Weber klagt in seinem Artikel„Deutsche Not“, in Nr. 246 des Aufwärts darüber, daß dis deutsche Volk, trotzdem es einen ungeheuren Produktionsapparat an Fabriken, Bergwerken, Ziegeleien, Sägewerken, sowie Millionen technisch und geistig geschulter Menschen besitze, so große Not leide, weil der Produktionsapparat sowie die Arbeitskräfte stilliegen. Wenn Weber hierin einen großen Widersinn findet, so kann ihm darin nur beigestimmt werden. Nicht aber kann ich die von ihm geäußerten Ansichten, wie der Not abgeholfen werden könne, für richtig halten. Diese Ansichten sind in den folgenden Sätzen ausgesprochen:„Unsere heutige Not läßt sich durch Arbeit überwinden. Und wiederum ist es einzig und allein die Arbeit, durch die neues Kapital gebildet wird“, und weiter unten:„Warum können wir unsere Leistungen und Arbeitsprodukte nicht gegeneinander austauschen, solange der Bedarf nicht gedeckt ist? Es liegt einzig und allein am Gelde, das als Mittel des Austausches versagt.“ Den Aufsatz voll Otto Weißleder, „Das Tauschproblem als Angelpunkt der Volkswirtschaft“, den der Aufwärts im August gebracht haben soll und auf den W. Weber anstatt weiterer Begründung seines letzteren Satzes verweist, habe ich nicht gelesen, kann daher zu ihm auch keine Stellung nehmen. Da die beiden oben angeführten Sätze von W. Weber aber in Uebereinstimmung mit einander stehen müssen, so darf man annehmen, daß er einem direkten Natural=Tauschverkehr unter Ausschaltung des Geldes das Wort reden will. Dann würde dazu passen der erstere Satz:„Unsere heutige Not läßt sich durch Arbeit überwinden.“ Dies vorausgeschickt hätte ich— auf den Gebieten der Währung und Volkswirtschaft als Laie— zu den Sätzen Webers folgendes zu bemerken: daß das Geld als Mittel des Austausches versagt hat, ist sicher richtig. Man braucht nur an die Worte Inflation und Deflation zu denken, von denen das erstere bedeutet„zuviel Geld“, das letztere„zu wenig Geld“, so wird einem dies sofort klar. Die Inflation ist durch das Verdienst von Helfferich, den Erfinder der Rentenmark, überwunden worden. In der Deflation befinden wir uns noch mitten darin. Sie hat die Arbeitslosigkeit gebracht und droht; wenn man ihrer nicht Herr wird, den Bolschewismus zu bringen. Man kuriert daran herum, im Lande mit Preissenkungsaktionen, Lohn= und Gehaltsabbau, Sparverordnungen, Beseitigung der kommunalen Selbstverwaltung, Stützung wackelnder Großbanken,Devisennotverordnungen und dergleichen; im internationalen Verkehr mit Konferenzen der Staatsmänner und Ministerbesuchen in schneller Folge, Einsetzung von Wirtschaftsausschüssen zur„Zusammenarbeit“ und dergleichen. Aber alles ist bisher völlig vergeblich gewesen und mußte vergeblich sein. Denn man kuriert an den Symptomen herum anstatt dem Uebel an die Wurzel zu gehen. Bei den internationalen Besprechungen redet man an der Sache vorbei, teils aus Selbstsucht, teils aus Schwäche. Und dabei mehren sich täglich die Stimmen nicht nur der Presse aller Länder, sondern auch maßgebender wirtschaftlicher und politischer Persönlichkeiten, selbst in ehemals feindlichen Ländern, wie soeben erst Senator Borah in Washington, die es aussprechen, daß die Tributzahlungen und deren Fundament, das Diktat von Versailles, der Grund alles übels sind! Es ist ja auch gar nicht ersichtlich, warum das Geld, welches bis zum großen Kriege und dessen Beendigung durch das Diktat don Versailles als Mittel des Austausches, von kleinen Schwankungen abgesehen, gut funktioniert hat, nun mit einem Male versagen sollte! Und andererseits: Eine Tributzahlung von nahezu 2 Milliarden und eine fast ebenso hohe Summe von Zinsen für Schulden, die zur Bezahlung der Tribute aufgenommen sind, gehen jährlich ohne Gegenleistung aus dem Lande! Ist denn das etwas so Nebensächliches, daß man sich das Gehirn zu zermartern brauchte, um den Urgrund der Deflation in allem möglichen andern zu finden?! Die Sache ist in der Tat so einfach, daß man versucht ist, sich auf Onkel Bräsig zu berufen, der bekanntlich meinte, die Armut kommt von der Powerté. Hiermit habe ich eigentlich schon ausgesprochen, daß ich den Satz Webers:„Unsere heutige Not läßt sich durch Arbeit überwinden“, leider nicht für richtig halten kann. Wäre er richtig, so hätten wir keine Not; denn unsere 6 Millionen Arbeitslosen würden nur zu gern arbeiten. Das ist ja gerade die ganze Not, daß sie nicht arbeiten dürfen!— Warum haben denn die Betriebe, die den Produktionsapparat des deutschen Volkes bilden, geschlossen? Doch nur deshalb, weil die Steuern und sozialen Lasten so hoch gestiegen waren, daß ein Ertrag nicht mehr herauszuwirtschaften war, der sogar zugesetzt werden mußte. Dieses ist so bekannt, daß ich es nicht näher auszuführen brauche. Aber wie kommt es denn, daß mit einem Male die Steuern so hoch sein müssen? Sollte daran vielleicht neben der roten Verschwendungswirtschaft doch der Tribut die Schuld haben? Oder woher nimmt sonst die Regierung das Geld für die Milliardenzahlungen an den Reparationsagenten oder, wie er jetzt so schön heißt die„...“(Bank für internat. Zahlungsausgleich)? Und wenn sie bisher das Geld durch Anleihen(!) aufgebracht hat, woher nimmt sie das Geld zur Verzinsung dieser Anleihen?? Also da kommt man auf die Steuern. Diese ruinieren die Betriebe und die Kaufkraft. Danach Stillegungen, Arbeitslosigkeit, Erhöhung der Beiträge für die Arbeitslosenversicherung, neue Stillegungen, und so schließt sich dieser circulus vitiosus! Wir sehen also, unsere heutige Not läßt sich nicht durch Arbeit überwinden. Der Hebel muß vielmehr ganz woanders angesetzt werden. Es muß mit dem Tributwahnsinn Schluß gemacht werden. Dann werden sich sofort Handel und Wandel wieder beleben und die Arbeitslosigkeit wird überwunden sein. Man kann den Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht, die sich übrigens, wie oben schon gesagt, auch im Auslande immer mehr durchsetzt, auch von der anderen Seite her führen, indem man auf Frankreich hinweist. Dieses Land erhält von dem Tribut den Löwenanteil und es kennt keine Arbeitslosigkeit!! Wenn Weber am Schlusse seines Artikels ausruft: „Und warum zeigen die Herren von der Zunft der Nationalökonomie keinen rettenden Weg? Sie wußten bei der Inflation nichts Vernünftiges zu sagen und heute schweigen sie wieder“,— so muß hierauf nach dem oben Gesagten die Antwort lauten: Das Problem ist kein volkswirtschaftliches, sondern ein politisches! S. v. H. Krebs? „Ihrer die Wunden, unser die Narben; Wir leben schwerer als jene starben.“ Freiherr von Münchhausen an die Toten des Weltkrieges. II. Eines der ergreifendsten modernen Dramen bildet zweifellos das von Toller„Die Maschinenstürmer". Jeder, der Reinhardts Inszenierung im Zickus Busch in Berlin gesehen hat, wird den tiefsten Eindruck von der Massenszene bewahrt haben, in der die Arbeiter mit den Rufen„Tod der Maschine!“, die Fabriksäle stürmen und die Maschinen, die ihnen das Brot der Handarbeit genommen haben, zerstören.(Das gleiche Problem findet sich ja auch bei Hauptmann und in der wirklichen Geschichte Englands). Die meisten Zuhörer werden die Arbeiter bei ihrem Kampfe gegen die leblose Maschine entweder für bedauernswert oder für verrannt gehalten haben. Das erstere ist zweifellos richtig, das zweite unrichtig. Der Instinkt dieser einfachen Leute war klarer als der Verstand von Staats= und Wirtschaftsführern, die, von den augenblicklichen Erfolgen geblendet, die Erfindung neuer Maschinen als dauernde Errungenschaft der Menschheit begrüßten und in dem Triumphe der Technik das Tor zu einem goldenen Zeitalter sahen. Gewiß hat die Technik— nicht zu verwechseln mit der Kultur!— auf diese Weise in den letzten 100 bis 200 Jahren ungeahnte Erfolge erzielt und sicherlich vieles zur Annehmlichkeit des Lebens beigetragen. Unter dieser glänzenden Außenseite aber bereitete sich unerkannt die schwerste Krankheit des Wirtschaftskörpers vor. Wenn nämlich beispielsweise durch eine Maschine, die ein Mann bedient, 10 Arbeiter zwecklos werden, was wird aus den übrigbleibenden 9? Sie gehen zunächst zu anderen Berufen. Aber nun werden auch dort Maschinen mit dem gleichen Erfolg verwendet. Was ist dann das Endergebnis? 1 Mann arbeitet und 9 feiern, 9 Arbeits lose auf 1 Arbeitenden! Wenn diese einfache Ueberlegung, deren Richtigkeit wohl niemand bestreiten kann, mehr als 100 Jahre hindurch scheinbar durch die Praxis widerlegt worden ist, so erklärt sich das dadurch, daß die Umstellung der Handarbeit in Maschinenbetriebe zunächst einen Arbeitsbedarf von ungeahnter Größe schuf. Zuerst mußten die Fabriken errichtet werden, die die Maschinen herstellten; dann wurden in ihnen die Maschinen gebaut; dann wurden Maschinen und Fabriken wieder modernisiert. Die Errichtung der Industriestädte brauchte viele Massen von Arbeitern, der Bau der Eisenbahnen forderte viele Jahrzehnte hindurch mehr Arbeitskräfte, als ihre Einführung an anderen Transportkräften ersparte. Dann kam die Neuerschließung des Koloniallandes und der exotischen Staaten, die alle Bedarf, aber keine Produktion hatten. Verwaltung, Gerichte und Finanz wurden komplizierter und nahmen mehr Personal auf, die soziale Gesetzgebung erschien. Militär und Marine entzogen ständig mehr Arbeitskräfte, und gerade die tauglichsten, in den besten Jahren der Arbeit, und verbrauchten dabei Unmengen von Material an Ausrüstungen, Bewaffnungen, Schiffen und dergleichen; die Waffenindustrie allein im weitetesten Sinne beschäftigte Hunderttausende von Arbeitern; Werke wie Krupp kamen in 50 Jahren von 50 auf 50000 Arbeiter. So kam es, daß die Produktion, gleich zeitig gehemmt durch die Entziehung von Arbeitskräften, ständig ansteigen und doch stets Absatz finden konnte. Die Maschinisierung glich sich also mit dem tatsächlichen Bedarf aus. Der Höhepunkt war der Weltkrieg, in dem gar nicht genug produziert werden konnte. Selbst hinterher flaute der Bedarf noch nicht sofort ab, weil infolge der Bevorzugung der Kriegsbedürfnisse der Friedensbedarf eine außerordentliche Höhe erreicht hatte und die Umstellung der Kriegs= in Friedensindustrie sowie die aus den Friedensverträgen folgenden Zwangsleistungen eine riesenhafte Arbeit verlangten. Hierzu kamen die Unausgeglichenheiten, die aus dem Währungsverfall in verschiedenen Ländern folgten. Sobald aber der Anstieg aufhörte, mußte nach ewigem Naturgesetz der Abstieg beginnen und um so länger dauern als der Aufstieg gedauert hatte; und je höher die Welle gestiegen war, um so stärker und tiefer muß sie sich überschlagen. Jetzt beginnt sich herauszustellen, daß eine völlige Umgestaltung der Gesetze von Angebot und Nachfragen naturwidrig, also unmöglich, ist. Die Maschinisierung, heute zum Teil Rationalisierung genannt, setzt stets wachsenden Bedarf voraus, also einen Dauerzustand, während in der Natur keine Bewegung andauert. Was uns damals als glücklich erschien, der ungehemmte lange Aufstieg, bedeutete also in Wirklichkeit ein Unglück für die Zukunft; unter dem Schein dieses äußerlichen Wohlbefindens konnte sich die Krankheit ungestört ausbreiten, bis sie schließlich alle Kulturländer ergriff und damit den ganzen internationalen Wirtschaftskörper verseuchte. Es ist unmöglich, die aufs äußerste rationalisierte Produktion unterzubringen. Es ist aber ebenso unmöglich, diese Produktion einzudämmen, ohne daß man die Produktionsmittel und damit den größten Teil des nationalen Vermögens zerstört. Diese Sachlage muß auch immer schlimmer werden, je mehr die unproduktiven Ausgaben, insbesondere die internationalen Rüstungen, aber auch die sonstigen Luxusausgaben aller Art in Wegfall kommen. Das Bild der internationalen Wirtschaft ist heute der Krebskranke im Spätstadium. Die falsche Krankheitsdiagnose, die Krankheit und Symptome verwechselt und lediglich an letzteren herumkuriert, erklärt die falschen Dispositionen, denen die ersten Namen der Wirtschaft zum Opfer gefallen sind, erklärt auch die völlig falsche Behandlung, mit der der kranke Körper jetzt geheilt werden soll. Die jetzt getroffenen Sparmaßnahmen können nichts anderes erreichen als weitere Verringerung des Bedarfs, des Konsums, also einen noch rapideren Absturz, ein noch schnelleres Ende. Was wir aber heute noch nicht verstehen, das hat schon zu Beginn des Maschinenzeitalters einer unserer ganz Großen, dessen 100. Todestag wir bald begehen werden, prophezeit, wenn er in seinen„Wanderjahren“ sagt: „Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich; es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen; es wird kommen und treffen.“ Jetzt hat es getroffen, schwer, vielleicht tödlich „Wir leben schwerer, als jene starben.“ Dr. von Schönberg=Dresden 89