Nr. 215. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Dienstag, den 15. September 1931. 13. Jahrgang. Für die Zunge der beste Gewinn ist's unter den Menschen, Wenn sie gespart wird, und sie gefällt mir, wenn sie das Wort hält; Hast du was Schlimmes gesagt,— bald wirst du noch Schlimmeres hören. Hesiod. 12. Westfälischer Beamtentag. Wenn in einer Provinz, in der das Wirtschaftsleben jeder Art in einer Weise pulsiert wie in wenigen anderen Distrikten unseres Vaterlandes, sich tausend und mehr Vertreter des deutschen Beamtentums zu Beratungen zusammenfinden, so muß eine solche Tagung Beachtung finden. Am Sonnabend und Sonntag waren die Vertreter des deutschen Beamtenbundes der Provinz Westfalen in Bielefeld versammelt. In den Bielefelder Zeitungen war ihnen ein persönlicher Gruß des Herrn Oberbürgermeisters von Bielefeld entboten. Bielefeld ist keine Beamtenstadt wie Minden, Münster und andere Städte, wo die Behörden des Landes residieren und einem großen Teil des übrigen Bürgertums die Existenzbedingungen schaffen. Aber doch haben die Bielefelder Bürger dieser Beamtentagung ihr lebhaftes Interesse entgegengebracht. Das zeigte sich auch darin, daß der Oberbürgermeister Dr. Stapenhorst an der Eröffnungsversammlung teilnahm und der Tagung einen sehr warmen und herzlichen Gruß aussprach. Er wünschte, daß die Tagung dazu beitragen möge, daß das deutsche Volk wehrhaft und einig werde, wie es Beispiele sehe in Hermann dem Cherusker auf der Grotenburg bei Detmold und in Herzog Wittekind, der in der Kirche zu Enger begraben liege, und daß es gerecht und sozial denken und handeln lerne, wie es ein Beispiel an Vater Bodelschwingh und seinem Werke am Fuße der Sparenburg und an anderen Orten unseres Vaterlandes sehe. Aber Bielefeld war auch noch durch andere seiner Bürger vertreten, die im politischen Staatsleben stehen, den Minister Severing und den Reichstagsabgeordneten Schreck. Letzterer grüßte die Versammlung im Namen der Abgeordneten, meinte aber, man solle besser von Wehrhaftigkeit, von der der Oberbürgermeister gesprochen hatte, nicht reden, sondern stärker den Abrüstungsgedanken betonen. Oberpräsident Gronöwski von Münster nahm das Wort für die Behörde. Er wies auf den Ernst der Zeit hin, sprach davon, daß in den letzten Monaten recht viel und unfreundlich über die Beamten gesprochen und geschrieben worden sei, daß die Beamten keine Halbgötter seien, Kritik vertragen könnten, diese dürfe aber nicht ausarten und sie tun dann weh, wenn diese Kritik am Beamtenstand und Beamteneinkommen von denen ausginge, denen es noch wesentlich besser geht als den Beamten. Er bat die Beamten, auch ferner treu ihre Pflicht zu tun und sich besonders in dem kommenden schweren Winter als willige und treue Helfer der Hilfe= und Ratsuchenden zu zeigen. Die Verhandlungen wurden geleitet von dem Vorsitzenden der Westfälischen Gruppe des deutschen Beamtenbundes, Herrn Baumhoff. In seiner Eröffnungsrede ging Herr Baumhoff in sehr ernster und eindringlicher Weise auf das Wesentliche ein, was in dieser schweren Zeit die Herzen der Beamten und aller Staatsbürger bewegt. Er betonte, daß es der Beamtenbund immer vermieden habe, sich aktiv an den rein politischen Kämpfen zu beteiligen, er halte es aber für nötig, in dem gewordenen Staat höchste Pflichterfüllung zu üben und mit daran zu arbeiten, daß der Staat all seinen Bürgern ein Vaterland werde, das sie lieben und verteidigen können. Wenn es sich darum handele, welche Form der Wirtschaft die für den Staat gegebene sei, gelte es, ernst zu prüfen, ob die Zeit nicht dafür reif ist, sich nach anderen als den bisherigen Formen umzusehen. Der Ansicht, daß die bisherige kapitalistische freie Wirtschaft die einzig mögliche und richtige sei, stellte er die Frage gegenüber, ob Vorkommnisse wie der Zusammenbruch der Danatbank, ihren Ursachen und Folgen und manche andere Fehlmaßnahmen der Wirtschaft nicht anregen müßten, nach Besserem auszuschauen. In bezug auf die Verwaltungsreform betonte Herr Baumhoff, daß die Beamtenschaft selbst am allerbesten wisse, wo die Schäden säßen und sie sträube sich nicht gegen eine Reform, die zugleich mit Reformen der Wirtschaft dem Staats= und Wirtschaftsleben eine Fundamentierung gebe, die der Allgemeinheit nütze. Ueber„die Beamten in den Wirren der Zeit“ sprach Bundesdirektor Lenz aus Berlin. Auch er übte an Formen und Maßnahmen der Wirtschaft, wie sie sich durch die Konzernbildung und deren Preispolitik zeigen, ernste Kritik. Im übrigen behandelte er die Notverordnungen der Regierung, die die Interessen der Kommunal= und Staatsbeamten stark berühren. In kenntnisvollen Ausführungen legte er die Klagen und Wünsche der Beamtenschaft dar, und die Regierung wird guttun, den von der Versammlung gefaßten Entschließungen weitgehendste Beachtung zu schenken. „Vom Wägen zum Wagen. Der Stand der Reichsreform“, das war das Thema, welches Ministerialdirektor Dr. Brecht, Berlin, behandelte. Der Herr Vortragende, der wahrscheinlich an den Plänen der Reichsreform, soweit sie von der Regierung selbst bearbeitet werden, selbst stark beteiligt ist, beherrschte die Materie meisterhaft und wußte in der ihm zur Verfügung stehenden kurzen Zeit alles Wesentliche zum Vortrag zu bringen. Ein geschichtlicher Rückblick und eine Erläuterung der geographischen Begriffe führten in die Pläne ein, die, durch Krieg und Staatsumwälzung beschleunigt, zu den Vorschlägen führen, die in den letzten Wochen vom preußischen Finanzminister Höpker=Aschoff in eine Form gebracht sind, mit der wohl auch der Ministerpräsident Braun und sicher mit ihm seine politischen Gesinnungsgenossen einig gehen. Nachdem in der Aussprache einige Redner zu den Vorträgen Stellung genommen hatten, unter anderen auch der deutschnationale Landtagsabgeordnete Ebersbach, der wünschte, daß in den anzunehmenden Entschließungen deutlich zum Ausdruck gebracht werde, daß die Hauptursache der deutschen Not der Versailler Vertrag sei, und der darauf hinwies, daß die Verfechter des Reichsreformgedankens in der von Dr. Brecht besprochenen Fassung den politischen Richtungen angehören, die zur Zeit die Staatsmacht in Händen haben, nahm gleich der preußische Innenminister Severing das Wort, um die von dem Abgeordneten Ebersbach etwas auf das politische Gebiet gedrängte Diskussion auch in seinem Sinne auszunutzen. Der Minister ist als schlagfertiger Redner bekannt, der sich auch über für ihn etwas heikle Situationen mit beißender und humorvoller Satire hinwegzuhelfen weiß. Wenn er dem Vorredner die Frage vorlegte: Wodurch kam denn das Versailler Diktat? so konnte er sich auf diese Frage leicht die Antwort geben:„Durch den Krieg.“ Würde man aber weiter gefragt chaben: Woher kam denn der Krieg? so wäre eine Antwort auf diese Frage dem Herrn Minister wahrscheinlich nicht so leicht geworden. Aus der Haltung der Versammlung ließ sich nicht recht feststellen, welcher Auffassung in diesem Punkt die Mehrheit zuneigte, wenn auch zu merken war, daß der Wunsch des Abgeordneten Ebersbach in der Versammlung ein lebhaftes Echo fand. Ein zweites Mal griff Minister Severing in die Diskussion ein, um auf Aufforderung Stellung zu nehmen zu den Notverordnungsbestimmungen, die das preußische Beamtentum angehen und hier starke Beunruhigung hervorrufen. Der Minister betonte sehr nachdrücklich, daß an eine Beseitigung des Berufsbeamtentums nicht gedacht werde und daß es für ihn selbstverständlich sei, alle Gehaltsfragen nach den Gesichtspunkten weitgehendster sozialer Gerechtigkeit zu behandeln. Die Verhandlungen der Tagung gaben Zeugnis von der wohltuenden Diszipliniertheit des Beamtenstandes und der Vorsitzende betonte es in seinen verschiedenen Ansprachen immer wieder, daß die Beamtenschaft wohl gewillt sei, die Interessen ihres Standes zu wahren, so weit es sich mit gutem Gewissen und dem Allgemeininteresse vereinbaren ließe, daß sie sich aber auch in der Opferbereitschaft für die Notleidenden und Schwachen von keinem anderen Stande übertreffen lassen werde. Der Sonnabendabend hatte ein musikalisches Programm, das von Kräften aus der Beamtenschaft Bielefelds in anerkennenswerter Weise bestritten wurde. Orchester und Gesangverein(„Komba" und Polizeibeamten=Gesangverein) mußten sich zu Zugaben verstehen. Einzige Unterbrechung war eine kurze, kernige Ansprache des Bielefelder Kartellvorsitzenden, Herrn Obersteuersekretär Budde. Am Sonntag 11 Uhr fanden sich die Teilnehmer in der schönen Musikhalle(Oetkerhalle) ein, um noch einen Vortrag des Reichsministers Treviranus entgegenzunehmen. Der Herr Reichskanzler, der erst die feste Absicht hatte, an der Tagung der westfälischen Beamten teilzunehmen, aber nun doch verhindert war, grüßte durch ein Telegramm. Minister Treviranus versuchte, in glänzender Rede die Maßnahmen der Regierung zu begründen und zu rechtfertigen. Das war keine leichte Aufgabe. Die Versammlung wahrte auch hier die Disziplin. Wer aber etwas kennt von Versammlungsstimmung, konnte merken, daß nur preußische Beamtendisziplin den Widerspruch zurückhielt, der in der Luft lag. Durch eine kurze Ansprache des Vorsitzenden fand die Tagung ihren Abschluß. Preissenkung und Das Reichskabinett glaubte vor ungefähr Jahresfrist, eine Verbilligung der Lebenshaltung u. a. auch durch Senkung der Löhne und Gehälter erreichen zu können. Man ließ es zu, daß die Lohntarife herabgesetzt und die Gehälter der Angestellten wesentlich gekürzt wurden. Dadurch ist das Einkommen der deutschen Arbeitnehmer in den letzten sechs Monaten erheblich geringer geworden. Verschärft wurde dieser Rückgang durch die steigende Arbeitslosigkeit. Die Zahl der Arbeitslosen ist nach den Angaben des Instituts für Konjunkturforschung im zweiten Vierteljahrsbericht 1½ Millionen größer als im zweiten Vierteljahr 1930. Das bedeutet einen Einkommensausfall von rund ¾ Milliarden RM. Hierzu kommt die Senkung der Tariflöhne und=gehälter, was einen weiteren Lohn= und Gehaltsausfall von rund 400 Millionen Mark ausmacht. Daraus ergibt sich, daß die Arbeitnehmer im Jahre 1931 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres einen Verlust von 1,25 Milliarden Mark erlitten haben. Ein weiterer Verlust ist entstanden durch die Erhöhung der Steuern und der sozialen Lasten. Diese Zahlen zeigen, daß die Kaufkraft der Arbeitnehmer stark gelitten hat, was naturgemäß eine weitere Steigerung der Arbeitslosigkeit zur Folge hat. Interessant ist nun die Frage, ob die Preissenkung mit dieser Verminderung des Arbeitseinkommens gleichen Schritt gehalten hat. Es wird wohl schwierig sein hierüber genaue Angaben zu machen. Das Institut für Konjunkturforschung glaubt an Hand des Lebenshaltungsindex annehmen zu können, daß die Preise gegenüber den ersten sieben Monaten des Vorjahres bis zum August dieses Jahres um 7 Prozent gesunken sind. Am stärksten haben die Preise für Bekleidung und Ernährung nachgelassen. Dagegen sind die Wohnungsausgaben noch um 2,6 Prozent höher als im Vorjahr. Hält man diesen Feststellungen gegenüber, daß nach aus obiger Quelle stammenden Angaben das Einkommen der noch arbeitenden Arbeitnehmer um mehr als 12 Prozent zurückgegangen ist, dann ergibt sich, daß der Rückgang der Preise die Senkung des Nominaleinkommens kaum zur Hälfte ausgeglichen hat. Man sieht also, daß die Löhne dem Druck viel rascher nachgegeben haben als die Preise. Es ist also das eingetreten, was beim ersten Lohn= und Gehaltsabbau vorausgesagt wurde, nämlich, daß die Kaufkraft der Arbeitnehmer erheblich herabgedrückt würde. Inwieweit diese verminderte Kaufkraft durch Mehraufwendung für die Arbeitslosen wieder ausgeglichen wird, kann man nur schätzungsweise vermuten. Tatsache bleibt, daß ganze Industriezweige eine Verschärfung ihrer ungünstigen Lage erfahren haben. Das Institut für Konjunkturforschung hat auch zum ersten Male eine Uebersicht über die Einsparungen gegeben, welche die öffentliche Hand durch die zweimalige Kürzung der Beamtengehälter gemacht hat. Vor jeder Gehaltskürzung wurde vielfach behauptet, daß derartige Kürzungen keinen nennenswerten Erfolg bringen würden. Nun wird aber mitgeteilt, daß die Einsparung für das Jahr 1930 immerhin 750 Millionen Mark beträgt, was unseres Erachtens für Reich, Länder und Gemeinden eine beachtliche Minderausgabe bedeutet, die bei der heutigen Finanznot den verantwortlichen Finanzverwaltungen nicht unwillkommen sein wird, so sehr ja die Betroffenen darunter zu leiden haben. Alle Angaben des genannten Instituts zeigen aber, daß es weiter bergab geht und nirgends der Silberstreifen zu sehen ist, der eine bessere Zukunft ankündet. Die Arbeitslosigkeit steigt, und die Folge ist, daß Reich, Länder und Gemeinden größere Ausgaben und weniger Einnahmen haben werden. Wie lange sie es noch aushalten, ist die bange Frage, die man stellen muß. W. W. Freihelt für Indien. Kurz nach Gandhis Ankunft in London fand eine Begrüßung statt, bei der Gandhi erklärte:„Ich bin vom Panindischen Kongreß hierher gesandt worden, um volle Freiheit für Millionen stummer und halbverhungerter Inder zu erlangen. Meine Freunde und ich sind gekommen, um eine Friedensmission zu erfüllen, und ich hoffe, daß man, wenn unsere Aufgabe beendet sein wird, nicht sagen wird, daß wir die britische Gastfreundschaft mißbraucht haben.“ Gandhi gab erneut seinem Glauben an die Politik eines nichtgewaltsamen Vorgehens Ausdruck. MacDonald, Baldwin und Henderson, die zu der Versammlung eingeladen waren, hatten Absagen gesandt. Die Wiederherstellung der zerstörten französischen Gebiete. Der Kampf um die Revision der Reparationslasten hat begonnen. Das erste Hindernis, das sich diesem Kampf entgegenstellt, ist die Frage der Wiedergutmachung der zerstörten Gebiete, wozu wir gemäß Artikel 232 des Versailler Vertrages verpflichtet sind. Diese Frage hat von jeher Frankreich ungemein interessiert. Schon kurz nach dem Kriege begann das Rätselraten über die Höhe der Schäden. Der seinerzeitige Minister Loucheur erklärte am 17. Februar 1919 im Senat, daß die Wiederherstellung der verwüsteten Gebiete eine Ausgabe von 60 Milliarden Reichsmark erfordern würde. Am 5. November desselben Jahres verstieg sich der französische Minister Klotz, der später wegen Betruges ins Gefängnis wandern mußte, zu der kühnen Behauptung, daß die französische Gesamtforderung sich auf 107 Milliarden belaufe. Anders lauten dagegen die Schätzungen des deutschen und englischen Sachverständigen bei der Friedensdelegation in Versailles. Der deutsche Delegierte Max Urbig, ehemaliger Geschäftsführer der Diskonto=Gesellschaft, schätzte die Kosten der Wiederherstellung der von den Deutschen im Kriege besetzten Gebiete auf rd. 17,5 Milliard. Mark. Der bekannte englische Finanzfachmann Keynes vertrat dagegen die Ansicht, daß„die physischen und materiellen Schäden im zerstörten und bbesetzten Gebiet Nordfrankreichs kaum 10 Milliarden Reichsmark übersteigen dürften“(Seite 103„Wirtschaftliche Folgen des Friedensvertrages"). Nicht uninteressant dürfte die Erwähnung sein, daß auch ein bekannter französischer Fachmann, der Verfasser „der umfassendsten und wissenschaftlichsten Schätzung des französischen Volksvermögens vor dem Kriege“(Keynes) Herr René Rupin, der Meinung war, daß die Material= schäden in dem besetzten Gebiet höchstens 12 Milliarden Mark ausmachen werden. Und so sehen wir, daß die Fachleute, wie leider fast immer in ähnlichen Fällen, nicht einig waren. Die Reparationsfrage wurde damals vertagt und ihre Lösung blieb späteren Vereinbarungen vorbehalten. Auch heute, wo die zerstörten Gebiete zum allergrößten Teil wieder aufgebaut worden sind, herrscht auch keine Einigkeit über die Kosten der Wiederherstellung. Der Finanzfachmann des„Temps“, der als gut unterrichtet gilt, hat in einer Reihe von Aufsätzen dargetan, daß der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete mit Zinsendienst usw. insgesamt 40 Milliarden Mark gekostet habe. Von deutscher Seite wird dagegen behauptet, daß die wirklichen Kosten nur 16 Milliarden ausmachen. Welche Meinung ist nun richtig? Leider sind wir nicht in der Lage, beide Behauptungen auf ihre Richtigkeit hin nachzuprüfen. Eins erscheint uns aber sicher. Daß bei der Wiederherstellung der zerstörten Gebiete leichtfertig gehandelt worden ist. Schiebungen, Doppelzahlungen für das gleiche Objekt, Höherbewertung des vernichteten Eigentums usw. sollen vorgekommen sein. Irrig ist jedenfalls die Meinung des französischen Finanzministers Flandin, daß Deutschland noch nicht alle Sachschäden ersetzt habe. Auch die Rechnung des „Temps“, daß wir bis jetzt lediglich 4385 Millionen bezahlt haben, stimmt nicht. Das französische Blatt geht bei seiner Rechnung von den Zahlungen, die wir auf Grund des Dawesplanes geleistet haben, aus—vergißt mit Absicht die Sach= und die Leistungen zu erwähnen, die wir kurz nach Abschluß des Waffenstillstandes und bis zum Jahre 1924 vollbracht haben. Die Not der deutschen Kinder. „Die häusliche Erziehung des Kindes ist der einzige Beruf, für den keine Ausbildung gefordert wird.“ So ungefähr las ich kürzlich in einer Zeitschrift im Wartezimmer des Zahnarztes. Dieser Satz hat mich seitdem beschäftigt. Ja, aus dieser Tatsache entspringt die heutige Not unserer Kinder. Für jeden Beruf gibt es eine besondere Fachschule, aber für den wichtigsten, das kommende Volk zu erziehen, gibt es keine. Infolgedessen erkennen die wenigsten Väter und Mütter ihre heiligsten Pflichten und versagen vollständig bei der Erziehung des Kindes. Daß diese am ersten Lebenstag beginnen muß in Form von Gewöhnung, wissen sie nicht. Das Kind sollte nachts still sein und am Tage seine Lungen durch Schreien dehnen. Aber es macht es lieber umgekehrt und bringt die Nerven der Eltern und den ganzen Haushalt in Aufruhr und Unordnung. Das Kind wird zur Last, die man sich nicht ein zweites Mal aufbürden möchte. Die Eltern wußten nicht, daß sie in wenigen Tagen und Nächten ihr Kind, das Gottesgeschenk, zur Ordnung hätten erziehen können, das ihnen eine immer sprudelnde Quelle der Freude geworden wäre. Ist das Kind„aus dem Gröbsten heraus“ und schreit es nachts nicht mehr, dann ist es Tags über ein rechter Quälgeist für die Mutter. Es„will“ dies und das und noch etwas und wenn es das Gewünschte hat, weiß es damit nichts anzufangen, reißt irgend etwas herunter, macht kaputt, was es erreichen kann, und— fühlt sich dabei höchst unglücklich und unzufrieden. Eine Geschäftsfrau klagte mir im Laden über ihr dreijähriges Kind:„Es ist zu anspruchsvoll. Es kriegt schon alles, was es haben will und ist doch nicht zufrieden.“ Die arme Frau wußte nicht, daß sie schuld war an der Unzufriedenheit ihres Kindes und der ihr daraus erwachsenen Last. Endlich kommt das Kind zur Schule und ist viele Stunden des Tages beschäftigt. Gewiß eine große Hilfe für die häusliche Erziehung; aber eben doch nur eine Was wir stets bedauert haben und noch bedauern, ist die Tatsache, daß die deutsche Regierung es noch nicht für nötig erachtet hat, eine offizielle genaue Aufstellung unserer bisherigen Leistungen zu veröffentlichen. Für die Klärung der Reparationsfrage ist aber eine solche Aufstellung unerläßlich. Außerdem bedauern wir, daß die deutsche Regierung auf die Behauptungen des Finanzministers Flandin und des offiziösen„Temps“ nicht reagiert. Wir Deutschen wissen, was wir von den französischen Behauptungen zu halten haben. Das Ausland dagegen nicht. Wenn wir schweigen, wird daraus gefolgert, daß die Franzosen doch recht haben. Der Kampf um die Revision der Reparationslasten ist ein schwerer Kampf. Sind wir gewillt, ihn zu gewinnen, dann müssen wir alle Waffen, die uns zu Gebote stehen, gebrauchen, und nicht zuletzt die Propaganda. E. F. Briand Erstaunlich schnell ist Briand wieder gesund geworden. Kaum lag das Haager Urteil über die Zollunion vor, schon war der eben noch schwerkranke Briand am Sonntag in Genf in der fröhlichen Runde der Völkerbundsmitglieder. Briand hat kalt und gründlich Rache an Curtius dafür genommen, daß er nicht zum Präsidenten von Frankreich gewählt worden ist. Hatte damals der Gedanke der österreichisch=deutschen Zollunion die Präsidentenhoffnung Briands vernichtet, so hat Briand dafür nicht nur die Zollunion abgewürgt, sondern auch Curtius als Politiker unmöglich gemacht. Er ist nicht einen Augenblick früher nach Genf gekommen, als bis er wieder freundliche Phrasen sprechen konnte. Er hat die Kapitulation des deutschen Außenministers nicht selbst entgegengenommen. Er hat die Demütigung ausgerechnet dem künftigen französischen Botschafter in Berlin überlassen. Dazu kann er die Genugtuung haben, daß die deutsche Außenpolitik in diesem Zusammenhang so gut wie alle Fehler gemacht hat, die überhaupt gemacht werden konnten. Als Ergebnis sollte Briand, dessen Präsidentenwahl schon an einem bescheidenen Versuch aktiver deutscher Politik gescheitert ist, erwarten können, daß Curtius schnell und endgültig von der politischen Bühne abtritt. Erfolgt das nicht, so kann er nunmehr sicher damit rechnen, daß Curtius nicht noch einmal einen ernsthaften Gegensatz zu ihm riskieren wird. Im Mai bereits, als England die Ueberweisung der Zollunion nach dem Haag beantragte, stand die Isolierung der deutschen Politik in dieser Frage fest. Damals wäre— nachdem man schon rechtzeitige diplomatische Vorbereitungen vor der ersten Ankündigung der Zollunion vergessen hatte, die Möglichkeit gewesen, durch Rücktritt von Curtius die deutsche Stellung zu wahren und dazu dem Außenminister selbst einen anständigen Abgang zu verschaffen. Hätte man damals den Kampf in einer neuen Front aufnehmen können, so ist es nun zur Kapitulation gekommen, wobei der Inhalt des Haager Gutachtens beweist, daß man in dem Drang nach Liquidierung der Angelegenheit auch die letzte Möglichkeit der Rechtsverwahrung gegenüber dem durch faustdicke Politik gekennzeichneten Mehrheitsgutachten aus der Hand gegeben hat. Immerhin hat Curtius den Verzicht nur„in Erwartung eines fruchtbaren Ergebnisses der Arbeiten des Europäischen Studienausschusses" ausgesprochen. Wie wenig von diesen Arbeiten zu erwarten ist, wissen wir. Soll Briand in die Lage versetzt werden, eines schönen Tages auch die„besondere Lage Deutschlands“ feststellen Hilfe, nicht Ersatz. Denn abgesehen davon, daß das Kind den kleinsten Teil des Tages in der Schule zubringt, fühlt sich der(moderne) Lehrer auch nicht zum Erzieher berufen, sondern sieht seine Aufgabe lediglich in der Vermittlung des für seine Klasse vorgeschriebenen Wissens. Trotzdem wird das Kind durch die Schulordnung und den Unterricht zu vorher unbekannten und ungeübten Tugenden angehalten, lernt auch durch das enge Zusammensein mit vielen gleichberechtigten Altersgenossen die Grenzen seiner Freiheit kennen, aber zu einer ruhigen inneren Fortentwicklung gelangt es nur, wenn die häusliche Erziehung seinem Lebensweg vorher die bestimmte Richtung gegeben hat und es unmerklich darin weiterführt. Auch den Gefahren der Entwicklungsjahre, die von innen und außen an die Kinder beider Geschlechter herantreten, steht ein unerzogenes Kind ungewappnet gegenüber; und wenn es später eine Ehe eingeht, ist es ebenso unfähig, sein Kind zu erziehen, wie es die eigenen Eltern waren. Wo liegt nun der Fehler? Fehlt es an einer Fachschule? Nein, es gab früher, ehe man an Fortbildungs=, Frauen= und sonstige Berufsschulen dachte, tüchtigere Handwerksmeister und Hausfrauen als jetzt, wo jeder ein Spezialsach studiert. Die Schule vermittelt Wissen, und„Uebung macht den Meister". Aber der Erzieher braucht mehr, er braucht Weisheit. „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.“ Ihr Eltern, die ihr nicht in der Furcht des Herrn erzogen worden seid und nicht wußtet, wie ihr eure Kinder erziehen solltet, laßt sie— ehe sie sich verheiraten— christliche Häuser, christliche Familien kennen lernen, daß sie sehen und hören und mit erleben, was die wahre Gottesfurcht in den Herzen und Häusern wirkt! Dann werden wir in der nächsten Generation wieder Familien finden, wie sie Ludwig Richter uns gemalt und wie Matthias Claudius sie besungen hat. Dann brauchen wir nicht mehr über die Not der deutschen Kinder zu klagen, sondern können uns über Kinder= und Elternglück freuen. M. R. zu können, von der heute angesichts der völligen Ohn. macht bei Oesterreich die Rede ist? Will man weiter di. Politik des Zu=spät treiben, bis wir ohne französisch, Finanzhülfe überhaupt nicht mehr leben können? Brianz sollte, im Hinblick auf den bevorstehenden französischen Besuch in Berlin, eigentlich wissen, daß Politiker, die bereit sind, weitere Kapitulationen vor Frankreich aug. zusprechen, keine Wechsel auf die Zukunft auszustellen vermögen. Was fangen wir mit dem Ueber, fluß an? Es ist, als wollten die Menschen sich selbst vernichten Nicht ihre Feinde, die ihnen ans Leben wollen, sondern ihre besten Freunde, die ihnen das Leben erhalten— die Nahrung, die Ernte. Ein paar Beispiele: Drei Eisenbahn, wagen tschechischer Gurken, die nach Wien eingeführt wurden, aber nicht abgesetzt werden konnten, wurden in die Donau geworfen. In Delft wanderten zu gleicher Zeit und aus dem gleichen Grund 30000 erstklassiger Gurken auf den Misthaufen. Gegenwärtig gehen bei uns tausende von Zentnern Obst zugrunde— unverkäuflich In den Vereinigten Staaten jammeri man über der überreichen Baumwollernte, die preisdrückend wirkt. Verzweiflungsvorschläge wurden debattiert: Ein Drittel der Baumwollernte soll untergepflügt und vernichtet werden. In Brasilien ist's der Kaffee: man hat in einem Monat dort soviel vernichtet, wie die Schweiz in einem Jahr verbraucht. In Argentinien ist's der Weizen: man rettet sich vor dem goldgelben Ueberfluß, indem man ihn verheizt. Die Staaten Oklahoma und Texas leiden unter dem Oelsegen. Truppen werden aufgeboten, um die Oeltürme stillzulegen, damit die Preise wieder anziehen. Auf der Insel Ceylon wurde der Teepflanze der Krieg erklärt. Man pflückte von jeder Teepflanze statt 3 nur 2 Blätter und drückte so 1930 die Ernte um 75 Millionen Pfund herunter. Warum dieser Vernichtungstaumel? Sind die Menschen übersatt? Keineswegs! Es gibt ganze Völker, die hungern. In China sterben sie zu Hunderttausenden am Hunger— und bei uns haben Tausende nicht das Nötige zu essen! Ja, wenn sie Geld hätten! Dann würden sich die Getreidespeicher öffnen. Dann setzte ein Wettlauf der Lebensmittel ein. Aber weil ja das Geld fehlt, deshalb müssen die Lebensmittel verfaulen und müssen die Hungernden verderben. Das ist der fürchterliche Wahnsinn unserer Zeit. Wann endlich erfaßt die Menschen ein Grausen davor? Oder sollen wir mit sehenden Augen in den Abgrund hineintreiben? Wann endlich wird nicht das Geld, sondern der Mensch in den Mittelpunkt des Lebens gestellt? Wir sehnen uns nach der Wiederkehr jener Zeit, wo die Losung hieß: Decket mit eurem Ueberfluß den Mangel der Armen! Aus der wahnsinnigen Losung: Zerstöret, was ihr nicht verkaufen könnt, aber entstand jene lügenhafte Theorie, als ob die Erde nicht fähig wäre, die auf ihr Wohnenden zu ernähren. Starker Rückgang des Eisenbahnverkehrs. Einen Gradmesser für die gegenwärtige Krise stellt auch der erhebliche Rückgang des Eisenbahnverkehrs im zweiten Vierteljahr 1931 dar. Es wurden in den Monaten April bis Juni nur 421,2 Millionen Reisende gegenüber 480,2 Millionen in der gleichen Zeit des Vorjahres befördert. Allein im Juni ging die Zahl gegenüber Juni 1930 um 37 Millionen von 173 auf 136 Milliofür Bräute und solche, die es werden wollen! Seit einigen Jahren werden in dem Erholungsheim des Evangelischen Verbandes für die weibliche Jugend Westfalens in Sieker bei Bielefeld zehnwöchige Haushaltskurse veranstaltet. Sie stehen unter der Leitung von Betheler Diakonissen, denen Fachkräfte zur Seite stehen und bieten alles, was ein junges Mädchen zur Vervollkommnung im Haushalt bedarf: Unterricht im Kochen, Backen, Hausschlachtung— das Heim hat eigene Landwirtschaft—. Nähen jeglicher Art, Waschen, Putzen, Bügeln, auch in den feineren Künsten wie Servieren und Handfertigkeiten. Dazu kommt der theoretische richt in Haushaltsführung, Lebenskund Heimgestaltung, Kranken= und Säugln Die Kurse sind für den Bedarf des einfachen iten Haushaltes und auf die besonderen Schwierigkeiten der Haushaltsführung der heutigen Zeit eingestellt. Die Schülerinnen der Vorjahre haben alle mit großer Dankbarkeit das Haus verlassen, zumal in diesen Kursen neben der Arbeit auch fröhliche und anregende Gesellig keit, z. B. regelmäßige Singstunden, gepflegt werden und auch, was bei der herrlichen Lage des Erholungshause? leicht möglich ist, für die körperliche Gesundung der Schülerinnen durch Gymnastikstunden, Wanderunge und dergleichen Sorge getragen wird. Das ganze 5 sammensein der Jugend wird von dem lebendigen, dar geistliche Leben fördernden christlichen Geist des Hauses getragen. Der Verband hat im Blick auf die ganzen Zeitverhältnisse das Kursusgeld so niedrig wie möglich angesetz“ (Verpflegung täglich 2 Mark und Schulgeld für den gan zen Kursus 25 Mark.) Der 1. Kursus beginnt am tag, den 13. Oktober, und schließt am Dienstag, den## Dezember. Der 2. Kursus dauert von 6. 1. bis 16. 3. e. Es ergeht also an die Töchter unserer christlichen Fe“ milien, die eine gute und billige Ausbildung in der Haus“ haltungsführung suchen, die Aufforderung, sich bei Heimleiterin, Diakonisse Marie Ziemann, Bieleseg Seker Nr. 256, baldgst zu melden, de zu jeder weitele“ Auskunft gern bereit ist. Pastor Hammerschm Bielefeld. nen zurück. Ganz deutlich zeigt sich hier einmal die Einschränkung des Berufsreiseverkehrs und zum anderen die Verminderung der Urlaubsreisen. Aber nicht nur die Zahl der Reisenden geht zurück, sondern auch die Länge der Reiseziele, da ganz allgemein nähere Reiseziele gewählt werden. Besonders beachtenswert ist auch der Rückgang der Sonderzüge. Im Juni 1930 konnte die Reichsbahn noch über 10000 Sonderzüge fahren lassen, während es im Juni 1931 noch nicht einmal 4000 waren. Der Ausgangspunkt muß die Gleichberechtigung aller Staaten sein, so daß innerhalb der Völkergemeinschaft nicht mehr mit zweierlei Maß gemessen wird. Es muß für alle die gleiche Methode bei der Herabsetzung und Limitierung der einzelnen Rüstungsfaktoren gelten. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Konvention nicht die psychologischen und moralischen Voraussetzungen erfüllen, unter denen das deutsche Volk ihr beitreten kann. Geben wir unseren Delegierten für die Konferenz die weitestgehenden und weitherzigsten Instruktionen. Das Maximum, nicht das Minimum der Abrüstung, muß die Richtschnur unserer Verhandlungen sein. Nur wenn die Staaten, vor allem die waffenmächtigen, einer kühnen und weitschauenden Abrüstungs= und Friedenspolitik die nötigen Opfer bringen, kann die Welt von dem Alpdruck befreit werden, der auf ihr lastet. Es handelt sich hierbei noch um etwas anderes, als um die Ersparnisse in den nationalen Budgets und um Grade der Sicherheit der einzelnen Länder: Es handelt sich, ich wiederhole es, um das Schicksal des Völkerbundes selbst. Versagt der Völkerbund gegenüber dieser Aufgabe, dann hört er auf, das zu sein, was die Völker und wir alle von ihm erwarten. Ein Scheitern der Abrüstungskonferenz würde dem Völkerbund die moralische Autorität nehmen in einer Welt politischer Spannungen, die nach einem friedlichen und zweckvollen Ausgleich suchen. * Zum Schluß der Sitzung billigte die Vollversammlung noch einstimmig die Aufnahme Mexikos in den Völkerbund. ist unzufrieden. Kritik an der Curtiusrede. Der Genfer Sonderberichterstatter des„Matin" befaßt sich mit der Rede von Dr. Curtius im Völkerbund und behauptet, daß sie weder ihrer Form noch ihrem Inhalt nach geeignet sei, eine günstige Atmosphäre für den französischen Ministerbesuch in Berlin vorzubereiten. Während Briand streng im Geiste des Völkerbundes geblieben sei, habe Dr. Curtius die öffentliche Meinung Frankreichs in keiner Weise geschont. Dr. Curtius habe in der Zahlung der polktischen Schulden die Hauptursache für die finanzielle Krise des Reiches finden wollen, während Deutschland in mehreren Monaten dreimal so viel Geld erhalten habe, wie es bezahlt habe. Die Sprache, die Dr. Curtius geführt habe, sei nicht die, die ein Reichsaußenminister in der gegenwärtigen Lage Deutschlands und der Welt führen konnte und durfte. Dagegen meint„Journal“ Dr. Curtius hätte sich wohl versucht sehen können, bei dieser Gelegenheit einen Eklat herbeizuführen, um sich gegenüber den Nationalisten zu rehobilitieren. Er habe weise gehandelt, ihn zu vermeiden mit Rücksicht darauf, daß Hilfe für Deutschland unerläßlich sei. In seiner gemäßigten Form hat Dr. Curtius kategorisch die Frage der Vertragsrevision und die der militärischen Klauseln des Versailler Vertrages aufgerollt. Handstreich der Heimwehr. Mehrere Amtsgebäude in der Steiermark besetzt. — Wien, 14. September. In den obersteierischen Ortschaften Bruck, Katzenberg, Judenburg und Schladning erschien um 2 Uhr früh bewaffnete Heimwehr und versuchte, die Städte militärisch zu besetzen. Der Bundesführer der heimwehr, Dr. Pfriemer, versammelte um.30 Uhr früh in Judenburg die Unterführer um sich. Auf seine Weisung wurden in einigen Ortschaften Plakate angeschlagen, in denen es heißt, daß alle Gendarmerie- und Heeresbeamten ihres Dienstes enthoben seien. Die Heimwehr übernehme die Staatsgewalt. Polizei, Gendarmerie und Bundesheer sind in den betreffenden Gebieten in Bereitschaftszustand gesetzt worden. In Kirchdorf in Oberösterreich hatte der örtliche Heimatschutz die Bezirkshauptmannschaft besetzt; diese wurde jedoch von Gendarmerie aus Linz und Bundesmilitär sofort geräumt. Dabei wurden zwei Führer des Heimatschutzes verhaftet. Die Bundesregierung hat im eigenen Wirkungskreis und durch die Landesregierungen sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet. Im übrigen Bundesgebiet und in der Hauptstadt serrscht Ruhe. Mahnung zur Besonnenheit. Ein Aufruf der Sozialdemokraten. Die„Wiener Arbeiterzeitung“ verbreitete die Meldung von dem Putsch in einem Extrablatt gleichzeitig mit einer Mahnung zur Besonnenheit. In dem Aufruf heißt es: Gewissenlose Abenteurer haben in der Zeit schwerster wirtschaftlicher Not und wichtigster Krisenverhandlungen einen Tollhausstreich gegen die Republik und die Demokratie gewagt. Der obersteierische Irrsinn wird in wenigen Stunden zusammenbrechen. Die Arbeiterschaft und ihr Schußbund sind in Bereitschaft. Sie werden, wenn es notwendig ist, die Republik und die Demokratie zu schützen wissen. Zunächst aber hat die Staatsgewalt gegen die frechen Gesetzesbrecher einzuschreiten. In das Zuchthaus mit den Putschisten, wo sie schon lange hingehören! Arbeiter, Republikaner, eiserne Disziplin und eiserner Wille ist in dieser Stunde das Wichtigste! Keine selbständigen Aktionen! Haltet euch bereit, wenn die Sozialdemokratie euch ruft! Die Hitlerbewegung lehnt Die Landeszeitung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei(Hitlerbewegung) erklärt, daß sie mit der Aktion der Heimwehr in keinerlei Verbindung steht und diese auch ablehne. Die Wiener Polizei hat sämtliche Bundesgebäude besetzt. Die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften haben in einem Ultimatum vom Bundeskanzler sofortige Gegenmaß. nahmen verlangt, andernfalls sie zur Selbsthilfe schreiten würden. Die Bundesregierung hat sofort eine Reihe von Haftbefehlen erlassen, u. a. auch gegen Dr. Pfriemer. Wie verlautet, soll Heimwehrführer Starhemberg die Linzer Garnison aufgesordert haben, sich ihm anzuschließen, wurde aber abgewiesen. — Die Notverordnung über die Sparmaßregeln der preußischen Regierung soll am Dienstag veröffentlicht werden. Seriche Gicheihen far une! Curtius appelliert an das Weltgewissen.— Offene Ablehnung der Legalisierung der Rüstungen. — Genf, 14. Septbr. Nach den Führern der italienischen, englischen und der französischen Delegation hat jetzt auch Reichsaußenminister Dr. Curtius in der Vollversammlung des Völkerbundes das Wort genommen. Zum Ausgangspunkt seiner Darlegungen machte Minister Curtius die beiden Faktoren, die die Lage der diesjährigen Bundesversammlung bestimmen: die furchtbare wirtschaftliche Notlage der meisten Länder und die bevorstehende Abrüstungskonferenz. Nachdrücklichst wandte sich der Vertreter Deutschlands dann gegen die französische, auch von Briand am Vortage wiederholte These: erst Sicherheit und dann Abrüstung, indem er mit erfreulicher Deutlichkeit die moralische und rechtliche Verpflichtung der Völkerbundsstaaten zur Abrüstung darlegte und nochmals feststellte, daß nicht Rüstungen, wohl aber die Abrüstung erst Sicherheit bringt. Auf die Vollversammlung machte die Rede in ihrer klaren Gliederung und der Herausstellung der beiden wichtigsten aktuellen Fragen einen nachhaltigen Eindruck. Viel beachtet wurde auch die weitgehende Gemeinsamkeit der Auffassungen zwischen Deutschland, England und Italien, wie sie in den Reden der Führer dieser Abordnungen zum Ausdruck gekommen ist. Von der Behandlung der Minderheitenfrage sah Minister Dr. Curtius diesmal ab, weil diese Frage ja auf den deutschen Antrag hin im Ausschuß noch eingehend zur Sprache kommen wird. Die erste Hälfte der Rede des deutschen Außenministers behandelte die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten der Völker. Von den Staatsmännern, so führte er aus, erwarten die Völker, daß sie einen Ausweg aus der Not finden oder ihn wenigstens vorbereiten. Die Gefahren der Wirtschaftslage haben sich aufs äußerste zugespitzt. Niemand darf sich darüber täuschen, daß die Erde bebt, auf der der Bau unseres heutigen Wirtschafts= und Währungssystems sowie unserer Kultur aufgebaut ist. Die Regierungen müssen den Gedanken des wirtschaftlichen Zusammenschlusses so umfassend wie möglich schon in der nächsten Zeit in die Wirklichkeit umsetzen. Noch ernster als die Krise der Industrie ist die der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft kann sich weniger durch Organisierung ihrer Produktion helfen; auch die Ernteaufspeicherung bringt nach den Erfahrungen keine Entlastung. Nur internationale Kooperation ist imstande, wirkliche Hilfe zu bringen. Die Arsache der Finanzkrise. Das Einfließen von Kapital aus den kapitalreichen in die kapitalarmen Länder hat ganz aufgehört, dazu haben die kapitalreichen Länder ihre kurzfristig angelegten Guthaben in einem niemals vorherzusehenden Umfang zurückgezogen. Die Geldgeber haben bei der Gewährung dieser Kredite, die ihnen jahrelang hohe Zinsen brachten, damit rechnen müssen, daß sie in den kapitalarmen Ländern häufig nicht unmittelbar liquide angelegt werden würden. Die Kreditnehmer durften daher stillschweigend voraussetzen, daß plötzliche Kündigungen nicht erfolgen werden. Die unvermeidliche Folge der Kreditkündigungen war denn auch der Zusammenbruch von Banken und das Eingreifen der Regierung. Ihren Hintergrund haben diese Vorgänge in der Lage, die durch die politischen Schuldenzahlungen geschaffen worden ist. Die gewaltigen, politischen Zahlungen von Land zu Land, erfolgten ohne wirtschaftliche Gegenleistungen, und ein Fortdauern dieser Entwicklung, d. h. die Ermöglichung der Zahlung politischer Schulden durch Drosselung der Einfuhr und forcierte Steigerung der Ausfuhr muß für die gesamte Welt die verderblichsten Folgen haben. Es ist ein geschichtliches Verdienst des Präsidenten Hoover, daß er in klarer Erkenntnis der Gefahr eine einjährige Pause für die politischen Schuldenzahlungen vorgeschlagen und erreicht hat. Als Vertreter liegt mir daran, auch von dieser Stelle aus die Großzügigkeit des Hooverplanes und die Erleichterung, die er gebracht hat, anzuerkennen. Das Jeierjahr schafft nur eine Atempause. Die große Aufgabe, vor die sich die Welt gestellt sieht, ist jetzt, Herbeiführung einer Gesamklösung, die der Krige wirklich 6n Ende woch.„„zungen bängen van dinzr Alle internationalen Bemuyungen hängen von einer elementaren Voraussetzung ab; das ist die Wiederherstellung des gegenseitigen Vertrauens in den internationalen politischen Beziehungen. Allen chen zur Wiederherstellung eines nomalen Güter= und Kapitalverkehrs müßte ein dauerhafter Erfolg versagt bleiben, wenn dabei nicht in den politischen Beziehungen die Gri Gerechtigkeit und Gleichberechtigung gewahrt würden. Der Völkerbund ist berufen, der Garant dieser Grundsätze auch da zu sein, wo die materielle Regelung der wirtschaftlichen und finanziellen Einzelprobleme nicht in seiner Hand liegt. Wir müssen ganz offen davon sprechen, daß in vielen Ländern ein weitgehender Skeptizismus gegenüber den Genfer Institutionen und, was vielleicht noch schlimmer ist, eine wachsende Gleichgültigkeit ken ist. Gerade da, wo starke Hoffnung auf den Völkerbund besetzt wurde, wächst die Enttäuschung über den Mange greifbarer Erfolge. 6 Der Vertreter Großbritanniens hat die hervorragende Bedeutung unterstrichen, die der ganzen Entwicklung der internationalen Beziehungen, der Annäherung z schen Deutschland und Frankreich zukomme, einer Annäherung, die, wie ersagt, nicht nur in Worten, sondern in Handlungen bestehen muß. Lord Robert eil kann davon überzeugt sein, daß sich die deutsche Regierund dieser Bedeutung voll bewußt ist. Auf die Abrüstungsfrage übergehend, erinnerte Minister Dr. Curtius dann daran, daß die Satzung des Völkerbundes der Welt die Abrüstung verkündet hat und die Abrüstungsfrage damit zur Schicksalsfrage des Völkerbundes geworden ist. Der Anregung des italienischen Außenministers, ein Rüstungs=Ferienjahr einzulegen, stimmte Minister Dr. Curtius zu, betonte aber gleichzeitig, daß Deutschland diesen Gedanken mit der Regierungserklärung zum Hoover=Plan gleichsam schon vorweg genommen habe. Alle Bemühungen um die Beseitigung des Krieges würden aber Stückwerk bleiben, wenn nicht das System der friedlichen Schlichtung von Streitigkeiten vom Völkerbund so ausgebaut werde, daß es auch für die schwersten politischen Interessengegensätze eine gerechte und billige Regelung gewährleiste. In der Ueberzeugung— so führte der deutsche Außenminister dann weiter aus— daß nicht Rüstung, sondern Abrüstung Sicherheit bringt, liegt ein entscheidendes Merkmal der im Völkerbund organisierten Staaten=Gemeinschaft gegenüber den früheren Methoden der internationalen Politik. Die Sicherheit der Staaten ist nur dann eine Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens, wenn alle Staaten an ihr in gleichem Maße teilhaben. Die Völkerbundssatzung kennt nur einerlei nationale Sicherheit für alle Bundesmitglieder. Sicherheit, begründet auf Uebergewicht der Rüstung, bedeutet steis Unsicherheit und Gefahr für die anderen an Rüstung unterlegenen Länder. Sie sät mißtrauen und läßt unvermeidlich den Gedanken des Rustungswettlaufes wieder aufleben, dessen völlige Beseitigung einer der wesentlichen Zwecke der Gründung des Völerbundes war. Wie sehr das Gefühl der militärischen Schutzlosigkeit gegenüber stark gerüsteten Nachbarn auf der Seele einer Nation lastet und ihr ganzes Leben bedrückt, das weiß jeder Deutsche, der die Auswirkungen solcher Zastände am eigenen Volke beobachtete. Rüstungsausgleich gefordert Man hat geltend gemacht, daß der Schutz, den der Völkerbund seinen Mitgliedern gewährt, problematisch bleibt, solange seine Machtmittel nicht durch den Ausbau anderer Teile des Paktes genau bestimmt und ihre Anwendung festgelegt seien. Aber ich bleibe der Ansicht, daß dieser Gedanke einen Trugschluß enthält. Der Schlußstein des Gebäudes einer Friedensorganisation kann erst gesetzt werden, wenn durch einen vorherigen Ausgleich der Rüstungen sichergestellt ist, daß eine Bundesgewalt nur in paritätischer Weise gegen jedes Bundesmitglied, nicht aber mit Hilfe bestimmter starkgerüsteter Staaten gegen andere angewandt werden kann. Die Durchführung der Abrüstung, wie sie Artikel S der Völkerbundssatzung vorsieht, bildet deshalb die Voraussetzung, ohne die an einen Ausbau des Zwangsverfahrens des Völkerbundes nicht gedacht werden kann. Das eigentliche Thema der Herabsetzung der Rüstungen darf auf der Konferenz nicht abhängig gemacht werden von Fragen, die erst nach Durchführung der Abrüstung gelöst werden können. Mit Genugtuung stelle ich fest, daß hier in verschiedenen Erklärungen der Gedanke einer Verschiebung der Abrüstungskonferenz unzweideutig abgelehnt worden ist. Die Aufgabe der Rüstungskonferenz ist eine starke und wirksame Herabsetzung der Rüstungen. Zugleich muß der Weg festgelegt werden, auf dem das endgültige Ziel, wie es in Artikel 8 der Satzung bestimmt ist, erreicht werden soll. Angesichts der gewaltigen Unterschiede im Rüstungsstande würde eine bloße Limitierung der Rüstungen auf den jetzigen Stand eine Anerkennung dieser Rüstungsunterschiede bedeuten und wäre einem Scheitern der Konferenz gleichzusetzen. Vor mehr als einem Jahrzehnt hat man einer Anzahl von Staaten, darunter meinem Lande, unter dem Druck eines verlorenen Krieges die Verpflichtung zur Verminderung der Rüstungen auf einen Minimalstand auferlegt. Die Verpflichtung ist seit langem ausgeführt. Ich verweise auf die Tabellen über den deutschen Rüstungsstand, die die deutsche Regierung auf die Umfrage des Völkerbundes eingereicht hat und die dieser Tage verteilt worden sind. Sie zeigen, bis zu welchem Grade Deutschland abgerüstet hat, daß es keine schwere Artillerie, keine Militärflugzeuge, keine Tanks, keine Unterseeboote mehr besitzt. Sie zeigen, daß Deutschland zum Teil sogar unter den ihm auferlegten Ziffern des Vertrages von Versailles geblieben ist. Aneingelöste Versprechungen. Den Verpflichtungen, die Deutschland im Jahre 1919 übernahm, steht das bindende Versprechen der anderen Staaten gegenüber, daß die Entwaffnung Deutschlands dazu dienen soll, die allgemeine Abrüstung der anderen Staaten einzuleiten; die deutsche Abrüstung soll der erste Schritt für eine allgemeine Abrüstung sein. Zwölf Jahre sind seither verstrichen, und seit fünf Jahren gehört Deutschland dem Völkerbunde an, ohne daß diese Versprechungen eingelöst worden sind. Wenn jetzt endlich die Abrüstungs: konferenz zusammentrikt, so kann vom deutschen voire nicht verlangt werden, daß es sich mit einer Legalisierung der gegenwärtigen Rüstungsverhältnisse abfindet. Eine starke, wirksame Verminderung der Rüstungen der Staaten ist daher für Deutschland die unerläßliche Vorbedingung für das Gelingen der Konferenz. Wenn die Abrüstungskonferenz zu einem politisch erträglichen Ergebnis führen soll, muß sie überdies dafür sorgen, daß künftig auf dem Gebiete der Rüstungsbeschränkung nicht internationale Rechtssätze zweierlei Charakters nebeneinander bestehen bleiben, je nachdem es sich um im Weltkriege unterlegene oder um andere Staaten handelt. Entschließung des 12. Westfälischen Beamtentags Der 12. Westfälische Beamtentag verkennt nicht, daß von der Gesamtheit des Volkes zur Ueberwindung der Volks= und Wirtschaftsnot gewaltige Anstrengungen gemacht werden müssen. Große Opfer und Entbehrungen sind unversseidbar. Sie sind leichter zu ertragen, wenn die Gewähr besteht, daß die Opfer gerecht und gleichmäßig verteilt werden. Der Beamtentag muß jedoch feststellen, daß die bisherige Lastenverteilung im wesentlichen auf Kosten der Lohn= und Gehaltsempfänger erfolgt ist. Die Notgesetzgebung der letzten Zeit legt der Beamtenschaft die schwersten Opfer auf. Darüber hinaus zerstört sie die mühsam aufgebaute Einheitlichkeit der deutschen Beamtenbesoldung; sie erschüttert die rechtliche und wirtschaftliche Grundlage des Berufsbeamtentums überhaupt und vernichtet die berufliche und wirtschaftliche Existenz des Beamtennachwuchses. Der 12. Westfälische Beamtentag erklärt nachdrücklichst, daß die Grenze des Tragbaren bereits erreicht ist. Die seelische Not der Beamten ist infolge der andauernden Beunruhigung und der stetig wachsenden Rechtsunsicherheit ins Unerträgliche gestiegen. An die Beamten ergeht der dringende Appell, angesichts der ernsten Lage die Geschlossenheit der Organisation zu wahren und zu stärken. „Wir wollen helfen!“ Staatssekretär Dr. Geib erläutert das Winter-Hilfsprogramm. Anläßlich eines von der Liga für freie Wohlfahrtspflege in Berlin veranstalteten Presse=Empfangs führte Staatssekretär Dr. Geib vom Reichsarbeitsministerium aus: Wer Arbeit und damit Brot habe, müsse sich des großen Vorsprunges, den er damit vor Millionen Volksgenossen habe, bewußt werden. Zur öffentlichen amtlichen Fürsorge müsse die freigebotene Hilfe des ganzen Volkes für die notjeidenden Schicksalsgenossen treten. Zu dieser Hilfe rufen die Verbände der freien Wohljahrtspflege jetzt auf. Reichspräsident und Reichsregierung geben dem Ruf der freien Wohlfahrtspflege ein Begleitwort mit auf den Weg. Generalsekretär Wöhringer betonte, in Erkenntnis der kommenden Notlage werden die Verbände der freien Wohlfahrtspflege eine großzügige Winterhilfe in ganz Deutschland veranstalten und das Motto„Wir wollen helfen“ immer wieder dem Volke zurufen. Bei den Sammlungen werde es sich nicht nur um Geld, sondern vor allem auch um Naturalien handeln. Ein wesentliches Moment für das Gelingen der Aktion sei die Transportfrage, wozu Reichsbahn und Reichswehr ihre volle Hilfe zugesagt hätten. Einladung an Laval überreicht. — Paris, 14. Septhr Der deutsche Geschäftsträger Botschaftsrat Dr. Forster hat dem französischen Ministerpräsidenten Laval für den 27. September die offizielle Einladung der Reichsregierung für ihn und für den französischen Außenminister Briand nach Berlin zum Wochenende überbracht. Der französische Ministerpräsident hat die Einladung angenommen. Die Einzelheiten der Reise werden später vereinbart werden. Franz Seldte ernstlich krank. Beemerhaven, 14. September. Auf der Landesverbandstagung des Verbandes Niedersachsen des Stahlhelm machte der als Vertreter des ersten Bundesführers Franz Seldte erschienene Landesführer von Groß=Berlin, Major a. D. von Stephani, die Mitteilung, daß Seldte ernsthaft erkrankt sei und für ihn die Gefahr bestehe, auch noch den rechten Arm zu verlieren. Die Schutzlosigkeit der Deutschen in Golassowitz. Kattowitz, 12. September. In der durch den Aufständischenüberfall im vergangenen Herbst bekannten Ortschaft Golassowitz hat sich ein neuer Zwischenfall ereignet, der ein bezeichnendes Licht auf die Rechts= und Schutzlosigkeit der Deutschen in Ostoberschlesien wirft. Der deutsche Gemeindevertreter Johann Lux wurde kurz vor einer Gemeindevertretersitzung, in der über die Unregelmäßigkeiten und Haushaltsüberschreitungen des berüchtigten polnischen Gemeindevorstehers Dolszol beraten werden sollte, verhaftet. Auf dem Gehöft des Lux erschienen neun Polizeibeamte, die sämtliche Gebäude einer gründlichen Durchsuchung unterzogen. Nach mehrstündigem Suchen fand dann die Polizei merkwürdigerweise in einem abseits gelegenen offenstehenden Schuppen, zu dem jeder Zutritt hat, ein in Sackleinwand eingenähtes vollständig verrostetes Gewehr, über dessen Herkunft Lux keine Auskunft geben konnte. Lux wurde daraufhin verhaftet. Ohne Zweifel handelt es sich um bestellte Arbeit, um so den unangenehmen deutschen Gemeindevertreter unschädlich zu machen. Der Vorfall erinnert an eine ähnliche Durchsuchung, die vor mehreren Monaten durch Aufständische in der evangelischen Kirche vorgenommen wurde und wobei auf dem Kirchturm zwei blitzblanke Gewehrpatronen gefunden wurden, die natürlich kurz vorher von Polen dort niedergelegt worden waren. Attentat auf=Jug. 6 Wagen abgestürzt, 22 Tote, 21 Verletzte. — Budapest, 14. September. In der Nacht zum 13. September ist der Schnellzug Budapest-Wien=Passau=Köln auf dem vor der Station Torbagy befindlichen Biadukt entgleist. Die Lokomotive, ein Gepäckwagen, zwei Schlafwagen und drei Personenwagen fielen in die Tiefe. Nach den bisherigen Meldungen sind 22 Jahrgäste getötet worden, 14 schweben in Lebensgefahr. Kurz nach dem Unfall erschienen an dem Unfallorte die Rettungsmannschaften, die die Verwundeten nach Budapester Krankenhäusern brachten. Der Unfall wurde gemäß Feststellungen an Ort und Stelle durch Attentat verursacht. Von dem Zug stürzten insgesamt sechs Wagen mit den Trümmern des gesprengten Viadukts 30 Meter tief. Da es sehr schwer ist, an die Trümmer heranzukommen, ließen sich Eisenbahner an Seilen herab und konnten mehrere Verletzte bergen. Außer der Zündschnur fand man einen Brief, in dem stand:„Da die kapitalistische Gesellschaftsordnung uns keine Arbeit zu verschaffen vermag, so verschaffen wir uns selbst weiche!? Die Höllenmaschine. Nach den Feststellungen des Kommandanten der Pionierabteilung bestand die Höllenmaschine aus einem kleinen Bulkanfiberkoffer, der mit ein bis zwei Kilogramm Nitroglyzerin oder Dynamit gefüllt und an dem eine kurze Zündschnur angebracht war, die durch zwei gewöhnliche Kupferdrähte mit einem elektrischen Taschenlampenelement in Verbindung stand. Die Drähte waren so angebracht, daß sie durch den über sie hinwegfahrenden Zug in Kontakt gebracht wurden, wodurch Kurzschluß entstand, der die Zündschnur in Brand setzte, so daß der Zündstoff zur Explosion gebracht wurde. Die Explosion riß ein langes Schienenstück heraus, das bis zum Rande der fast sieben Kilometer entfernt liegenden Gemeinde Torbagy fortgeschleudert wurde. Posi=Bestellschein der Unterzeichnete bestellt hiermit 1 Eremplar des Aufwärts. aus christl. Fam. sucht Lehrerstelle (Hauslehrerstelle nicht ausgeschl.) Selbiger ist Sohn größerer Familie, die in großer Not ist. Jakob Röhm, TraisaDarmstadt 2— Land. Abgebauter kaufm. Burobeamter sehr fleißig, treu, gewissenhaft, sucht Anstellung als kaufm. Büroangestellter ab 1. Okt. od. später für bescheidenes Monatsgehalt. Angebote erbittet Pastor Erdmann, Stargardt A. L. Dauermieter oder ein bis zwei j. Mädchen z. Erlernung guter Küche finden bei mäßigem Pensionspreis Aufnahme in ruhigem, kl. Villenhaushalt. 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Wie die Deutsche Luft Hansa mitteilt, ist das brasilignische Postflugzeug„Bala“, als es zu einem Sonderflug von Natal nach Rio starten wollte, beim Rollen auf dem Wasser mit einem unter Wasser liegenden Wrack zusammengestoßen und in Brand geraten. Hierbei kamen drei Mitglieder der Besatzung ums Leben. Die Post konnte größtenteils geborgen werden. * Meldungen aus Ostoberschlesien zufolge soll die Laurahütte in Siemianowitz vollständig stillgelegt werden, Die Belegschaft der Hütte umfaßt gegenwärtig 3000 Mann. Bethel. Aus Breslau kommt die Nachricht, daß dort in der Frühe des 11. September Herr Hauptmann a. D. Julius von Pannewitz sonft entschlafen ist. Mehr als 25 Jahre lang ist der Heimgegangene in der Hauptkanzlei unserer Anstalten tätig gewesen. Lange Zeit hat er noch unter Vater Bodelschwingh arbeiten dürfen. Er war ihm immer ein treuer, dienstwilliger Gehülfe und hat mit seiner schönen, klaren Handschrift manchen wichtigen Brief für ihn geschrieben. Auch als er seines vorgeschrittenen Alters wegen in den Ruhestand treten mußte, blieb er mit Bethel treu verbunden. Vor wenigen Wochen durfte er seinen 80. Geburtstag feiern. Es wurde ihm die Freude zuteil, vom Reichspräsidenten von Hindenburg, mit dem zusammen er einst am 18. Januar 1871 in Versailles Zeuge der Neugründung des Deutschen Reiches gewesen war, einen Gruß zu erhalten. Noch bie in die letzten Tage hinein hat er in Breslau, wo er zuletzt wohnte, mit lebendigem Geist an allem teilgenommen, was in Bethel geschieht. Wir gedenken des treuen Mitarbeiters in bleibender Dankbarkeit. — Christlicher Verein junger Mädchen. Dienstag 8 Uhr: Bethelgruppenabend, ältere Abteilung, im Gruppensaal. Mittwoch abend: Vereinsstunde. — Christlicher Verein junger Männer. Heute, Montag, Männerchor in„Ephrata“. Filmvorführung. Am Mittwoch, den 23. September, wird im grogen Saale des Assapheums der Kulturfilm „Am Rande des ewigen Eises“ zur Vorführung kommen. Der Film führt uns zu den Lappländern und bringt Bilder aus ihrem Leben in den verschiedenen Jahreszeiten. Außer der Tierwelt, von der mancherlei interessante und belehrende Bilder gezeigt werden, findet auch noch der Fischfang besondere Berücksichtigung. Die Veranstaltungen finden statt: nachm. um 2 Uhr für die Insassen der Frauenhäuser, nachm. um ½5 Uhr für die Insassen der Männerhäuser, abends um ½8 Uhr für jedermann. Der Eintrittspreis beträgt im Vorverkauf für Erwachsene—,70 RM, für Jugendliche—.40 RM, an der Abendkasse—.80 RM bezw.—,50 RM. Ks Alfotto verstärkter echter Schwarzwälder vereinigt die Wirkung des Franzbranntweins mit der des reinen Fichtennadelöls der Schwarzwaldnadelbäume. Er ist ein hochwertiges Einreibungsmittel von durchgreifender Wirtung bei Rheumatismus, Gicht, Ischias, Nerven= und Kopfschmerzen. Kräftigt überanstrengte Nerven und Muskeln. Vorzügliches Kopf= und Haarpflegemittel besonders bei Haarausfall. Originalfl. Gr. 1.75, Gr. II.—, Gr. IlI 5,—, Gr. 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Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärts“, Christliches Tageblatt, Bethel b. Bielefeld. Fernruf 3911/3916, um Bielefeld. Druck und Verlag: Anstalt Bethel.