Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67877. mit den Beilagen„Für Herz und „Kindergabe“ und„Auser Vel.“ =Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig, Reklame 30 Pfg. Beilagen unter Wgje tausend 15 Mk. Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 207. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 5. September 1931. 13. Jahrgang. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht. Schiller. imizmm giiiMMMMM MMMMM Ueber aller Not des Tages dürfen wir nicht das weitfristige Denken vergessen. Wir dürfen nicht nur fragen: wie kann die Not der Stunde durch hohe Zinsen, durch Minderung der Unkosten, durch Förderung des Exports und ähnliches vorgesorgt werden. Das sind alles Tagesfragen. Aber sie helfen auch nur für den Tag. Wir müssen auch an das denken, was dauernd hilft. Gewiß steht dabei der Kampf gegen die Tribute in der ersten Linie. Sein erfolgreicher Fortgang ist Voraussetzung aller anderen Besserungen. Aber eines muß doch auch immer wieder in den Vordergrund gestellt werden: der Kampf gegen das Wohnungselend, der Kampf gegen die überfüllten Wohnungen, gegen die völlig ungenügenden Wohnungen, gegen das Mietskasernenelend. Gewiß, die letzten Jahre haben vorwärts gebracht. Für teurere Wohnungen ist sogar in manchen Großstädten ein Ueberfluß entstanden. Nur an billigen Wohnungen fehlt es. Und wir müssen uns darüber klar sein, daß der Bau von Kleinstwohnungen, wie sie das Reichsarbeitsministerium heute betreibt, zwar durch die Not der Stunde gefordert ist, aber auf die Dauer zu schweren Nachteilen führt, wenn man große Mietskasernen mit Kleinstwohnungen baut, die dann vielleicht 100 Jahre stehen und allem Familienleben, vor allem jedem Kinderreichtum feindselig sind. Wollen wir aber dauernd helfen, so müssen wir unerschrocken auch das fordern, daß nicht kommende bessere Zeiten die Grundstückpreise beliebig in die Höhe treiben, sondern daß, bei voller Anerkennung des persönlichen Eigentums, bei voller Wertung jeder in den Boden hineingesteckten Arbeit, doch dem hemmungslosen Spekulantentum entgegengetreten werden muß. Das bedeutet natürlich, daß dort, wo in Grundeigentümervereinen nicht der solide Grundeigentümer, sondern der Bodenspekulant und der Haushändler heimlich herrscht, man auf Gegensätze stößt. Und auch die Wirtschaftspartei, in der das Spekulantentum kräftigen Einfluß hat, dürfte Front gegen jeden Versuch eines Wohnheimstättengesetzes machen. Aber durch ihre Gegnerschaft gegen die Regierung ist diese Gruppe ja ebenso ohnmächtig wie durch inneren Zwist. Und so wollen wir im Blick auf das kommende Zusammentreten des Reichstages im Herbst, vor allem aber im Blick auf das, was unserem Volke not ist, kräftig uns einsetzen für den„Entwurf zu einem Wohnstättengesetz", wie ihn der Christlich=soziale Volksdienst unter Nr. 911 der Drucksachen des Reichstages eingereicht hat. Und wir freuen uns hierbei der Bundesgenossenschaft von Viceadmiral z. D. Oldekop, der uns soeben eine Schrift hierüber geschenkt hat*). Manches Jahr währt dieser Kampf bereits. Und bereits am 10. Mai 1920 verabschiedete der Reichstag ein „Reichsheimstättengesetz", das auf dem Grund von Artikel 155 der Reichsverfassung steht. Dieser Artikel der Reichsverfassung, zu dem Friedrich Naumann und ich in der Nationalversammlung unabhängig von einander die erste Anregung gaben, hat folgenden Wortlaut: „Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staats wegen in einer Weise überwacht, die Mißbrauch verhütet und dem Ziele zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besoders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn= und Wirtschaftsheimstätte zu sichern. Kriegsteilnehmer sind bei dem zu schaffenden Heimstättenrechte besonders zu berücksichtigen. Grundbesitz, dessen Erwerb zur Befriedigung des Wohnbedürfnisses, zur Förderung der Siedlung und Urbarmachung oder zur Hebung der Landwirtschaft nötig ist, kann enteignet werden. Die Fideikommisse sind aufzulösen. Die Bearbeitung und Ausnutzung des Bodens ist eine Pflicht des Grundbesitzers gegenüber der Gemeinschaft. Die Wertsteigerung des Bodens, die ohne eine Arbeitsoder Kapitalaufwendung auf das Grundstück entsteht, ist für die Gesamtheit nutzbat zu machen. *)„Der Christlich=soziale Volkedienst und der Entwurf zu einem Wohnheimstättengesetz“ von J. Oldekop, Vizeadmiral z. Hannover=Waldheim, Verlag Walther Werchmeister u. Co. Preis: 20 Pfennig. Alle Bodenschätze und alle wirtschaftlich nutzbaren Naturkräfte stehen unter Aufsicht des Staates. Private Regale sind im Wege der Gesetzgebung auf den Staat zu überführen.“ Freiherr vom Stein, der heute so viel genannte treue evangelische Christ, hatte schon 1807 das Problem erkannt, indem er in seinem Bauernbefreiungsedikt vom Oktober 1807 nicht den Bauern freies Veräußerungsrecht gab, sondern sie, nach dem Muster der grundwirtschaftlichen Verfassung in Westfalen und Hannover, zu Erbpächtern des Staates zu machen suchte. Seine Aechtung durch Napoleon ließ diesen Versuch scheitern. Wir aber müssen, in den Spuren Friedrichs von Bodelschwingh, hier erneut vorstoßen und dazu helfen, daß eine wachsende Schicht des deutschen Volkes wieder ein eigenes Häuschen erwirbt. Ist man überzeugt, daß wir nicht wieder zu den alten langen Arbeitszeiten zurückkehren, daß wir, um nur die Zahl der Arbeitslosen zu mindern, immer mehr den freien Sonnabend erhalten werden, daß wir die Fabrikarbeit der verheirateten Frau ungünstig ansehen müssen, so müssen wir umsomehr sorgen, daß immer mehr Menschen eine kleine abgeschlossene Wohnung mit Gemüsegärtlein, Kartoffelacker, wohl auch mit einem Stall, sei es für eine Ziege, sei es für ein Schwein, sei es gar für eine Kuh, gewinnen und allmählich sich zum schuldenfreien Eigentum machen können. So ist das Siegerland seit Jahrzehnten, obwohl es so stark industrialisiert wurde, davor bewahrt geblieben, von Sozialdemokratie und Kommunismus überwuchert zu werden; die kleinen Häuschen werden und sind Pflegestätten christlichen, biblisch gerichteten Familienlebens. Schon die Mehrung der Schrebergärten hat in der heutigen Zeit der Arbeitslosigkeit hohe Bedeutung. Mit Recht sagt Johannes Lubahn in der Augustnummer der„Heimstätte": „Statt eines Teiles der Arbeitslosenunterstützung gebe man den Arbeitslosen ein Stück Heimstättenland. Dieser Teil der Arbeitslosenunterstützung wird alsdann für das ganze Volk am besten produktiv angelegt sein. Durch Umwandlung des brach liegenden Spekulationslandes oder auch durch Umwandlung des landwirtschaftlichen Bodens in gärtnerischen Boden wird unser Volksvermögen vergrößert. Die Ausgaben für Heimstättenboden als Arbeitslosenunterstützung sind kulturell nicht hoch genug zu werten. Heimstättenarbeit führt aus der Arbeitslosigkeit und aus der Verzweiflung der Seele, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Unser Volk verlangt nicht in erster Linie Arbeitslosenunterstützung, sondern Arbeit! Auch hier heißt es gebieterisch: zurück zum Boden! Ebenso brauchen wir billiges Heimstättenland durch das Wohnheimstättengesetz, um die Möglichkeit eines Ausgleiches zu verschaffen für Lohnausfälle bei Arbeitszeitverkürzung.“ Der Gesetzentwurf des Christlich=Sozialen Volksdienstes will das Bodenrecht so ausgestalten, daß den heimatlosen Volksschichten die Möglichkeit erschlossen wird, sich in harter Arbeit ein ihren Bedürfnissen entsprechendes Eigentum zu erwerben und damit wieder eine Heimat, ein Vaterhaus zu gewinnen. Zu diesem Ziel sagt Admiral Oldekop: „Wird diesem dringendsten aller Bedürfnisse abgeholfen, wie es eben durch die Schaffung von Heimstätten geschieht, dann wird damit auch der sozialistischen Lehre der Nährboden entzogen, denn der Besitzer eines Eigenheimes kann nicht gleichzeitig Anhänger dieser Lehre sein. So zeigt sich also, daß der„Entwurf zu einem Wohnheimstättengesetz nicht nur die Auswüchse einer kapitalistischen, sondern im gleichen Maße auch die einer sozialistischen Weltanschauung bekämpft, indem sie die Richtung angibt, die zu einer Versöhnung und Ueberbrükkung dieser beiden Gegensätze führt. Keine der auf sozialem Boden stehenden politischen Parteien dürfte es sich entgehen lassen, an der Erreichung dieses Zieles mitzuwirken, und in diesem Sinne kann es nur als eine ebenso bedeutsame wie erfreuliche Tatsache verzeichnet werden, daß der Christlich=soziale Volksdienst sich mit der Einbringung eines„Entwurfs zu einem Wohnheimstättengesetz“ in den Reichstag an die Spitze seiner Bewegung gestellt und damit eine Aufgabe übernommen hat, die ihren Segen in sich trägt.“ O. Reinhard Mumm,..R. Eisap Trmhtingen und Fantreich. Ziele und Bedeutung der autonomistischen Bewegung. Straßburg, Ende August. Das Gebiet zwischen Vogesen und Rhein war von jeher heiß umstritten und fiel stets dem Sieger als Beute zu, die Elsässer vor allem haben seit dem Raubzuge Ludwigs XIV. jeden Krieg zwischen Frankreich und Deutschland im eigenen Lande mitgemacht— von den Deutschen aber wie von den Franzosen wurde dieses Völkchen, das wohl am meisten unter den Kriegen zu leiden hatte, als Feind angesehen. Wenn man bei einem Volke verstehen kann, daß es friedliebend ist, dann ist es bei den Elsässern und Lothringern. Heute aber umgibt Frankreich sich mit einem dreifachen Festungsgürtel, der von Basel bis Maastricht reicht. Die prächtigen Wälder, die das Unglück haben, an der Grenze zu liegen, werden abgeholzt, und an ihre Stelle werden Unterstände und Festungen gebaut. Wofür das alles? Von wem wird Frankreich bedroht? Von Deutschland, das seine Westgrenze mit jener 50=Kilometer=Zone umgeben mußte, in der es keinerlei militärische Anlagen oder Garnisonen unterhalten darf— und wer kann sich eines Lächelns erwehren, wenn das deutsche Hunderttausend=Mann=Heer, das keinen Tank, kein Flugzeug usw. besitzt, mit der französischen Armee, die unendliche Reserven im Inneren Afrikas besitzt, überhaupt verglichen wird? Nein, Frankreich ist von einer unbeschreiblichen Angst befallen, die an Wahnsinn grenzt. Die Elsaß=Lothringer aber, die den Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich herbeiführen wollen, werden in eine Mauer von Stahl geswängt.„.„. S Einstmals war das Elsaß und Deutschlorhringen ein Land, an dessen Deutschtum niemand zweifelte, die Romanisierung aber hatte den Erfolg, daß das äußere Bild mancher Städte sich von dem der innerfranzösischen Städte kaum unterscheidet, das Land aber ist immer noch deütsch, wenn auch manches welsche Wort seinen Eingang in die Sprache gefunden hat, was übrigens in geringerem Maße auch in Teilen des Rheinlandes der Fall ist. Daß die deutsche Regierung manchen Fehler nach 1871 in den Reichslanden gemacht hat, bestreitet niemand. Wenn es aber nicht gelang, die völlige Eingliederung der Reichslande in Deutschland durchzuführen, so lag das zum großen Teil an den Treibereien der Wetterlés und Konsorten, die jede Maßnahme der Regierung sabotierten. Die preußische Regierung beging den Fehler, daß sie versuchte, die Reichslande wie eine preußische Provinz zu behandeln, das hätte man mit den Süddeutschen Staaten nie gewagt. Aber damals hatten die Elsaß=Lothringer doch ihr eigenes Parlament und die französische Sprache wurde in den französischsprechenden Gebieten in keiner Weise unterdrückt, wie allgemein zugegeben wird. Die religiösen Einrichtungen wurden geachtet und die Freiheit der Presse und Versammlung wurde nur dann unterbunden, wenn diese Freiheit gegen den Staat mißbraucht wurde, aber auch dann noch nicht einmal immer. Die ganze Geschichte seit der Besitzergreifung ElsaßLothringens durch die Franzosen soll hier nicht behandelt werden, wie der Terror damals gegen alles, was deutsch war, ausgeübt wurde, läßt sich kaum beschreiben. So etwas ist zu deutscher Zeit niemals vorgekommen. Es war selbstverständlich, daß sich die eingesessene Bevölkerung gegen den Terror, der von Paris aus einsetzte, zur Wehr setzte. So entstanden verschiedene Organisationen von Leuten, die die Rechte ihrer Heimat— dieses deutsche Wort Heimat übersetzt der Franzose mit „petite patrie“— gegen die Willkürherrschaft französischer Militärs verteidigte. Doch nun zum Autonomismus selbst. Der.=I. Autonomismus(autonom— mit eigenen Gesetzen) geht von der Voraussetzung aus, daß Elsaß=Lothringen in völkischer und kultureller Hinsicht von dem übrigen Frankreich verschieden ist und eine besondere Stellung beanspruchen kann. Nun bezeichnen sich die verschiedensten Gruppen als Autonomisten. Die radikalsten Verfechter finden wir wohl unter den Kommunisten, sie bekennen sich zum offenen Separatis mus mit dem Endziele der Errichtung eines souveränen Staates Elsaß=Lothringen. Diese Kommunisten aber haben sich vor einiger Zeit größtenteils von den orthodoxen russischen Kommunisten getrennt. Zur kommunistischen Partei im Elsaß bekennen sich viele Elsässer, die nur ihre autonomistische Gesinnung deutlich zum Ausbruck bringen wollen, im übrigen aber gute Christen und Staatsbürger sind, wie der nationalfranzösische Bischof Ruch aus Straßburg bestätigte. Diese Kommunisten schlossen bei Wahlen in den meisten Städten Wahlbündnisse mit den anderen Autonomisten. In Straßburg ist einer ihrer Parteigänger, Hüber, Oberbürgermeister. Die„Landespartei“ bekennt offen, daß ihr Endziel „ein freies Elsaß=Lothringen, Glied der Verein. Staaten von Europa, ein Mittler zwischen Deutschland und Frankreich“ ist(Manifest der Landespartei von 1927). Von den übrigen autonomistischen Organisationen ist der überparteiliche„Heimatbund“ zu erwähnen, dem die bekannten Autonomisten Ricklin, Rossé und Hauß angehören. Es gibt noch verschiedene Parteien, die aber teilweise nur einen sehr gemäßigten„Regionalismus“ vertreten. Zweifellos besteht heute eine Mehrheit im Elsaß und in Deutschlothringen, die für eine weitgehende Autonomie eintritt. Die allgemein verfochtenen Ziele sind etwa folgende:(wie sie im Programm der„Landespartei“ formuliert sind): Schutz der deutschen Sprache, die überall Geltung haben muß. In den Schulen, Kirchen und Zeitungen kommt ihr der erste Platz zu, die französische Sprache ist eine Fremdsprache und muß auch so behandelt werden. Die Verwaltung soll von Einheimischen geleitet werden, in den Gerichten soll in deutscher Sprache verhandelt werden. Elsaß=Lothringen muß eigene Banken haben, die Eisenbahnen werden vom.=I. Staate verwaltet. Eigene deutschsprechende Heeresteile, mit deutschen Kommandos werden eingerichtet. Ein eigenes Parlament für Elsaß=Lothringen. Schutz der einheimischen Industrie und des Weinbaues gegenüber der französischen. Eigene Regelung der Schul= und Kirchenfragen. Usw. Wenn auch andere Gruppen in ihren Forderungen nicht so weit gehen, so dürfte dieses Programm doch ziemlich von den allermeisten Elsaß=Lothringern gebilligt werden. Zu den ausgesprochenen Gegnern dieser Wünsche gehören die nationalistischen Katholiken und vor allem die Sozialdemokraten, ferner die Radikalsozialisten, die aber keine große Rolle spielen. Sie kämpfen für den historischen Zentralismus und die konfessionslose staatliche Schule, beides wird von den Autonomisten schärfstens bekämpft. Interessant ist auch die Haltung der Kommunisten, die sich wesentlich von der der Sozialisten unterscheidet. Während der Sozialist Peirotes als Straßburger Oberbürgermeister die Gelder für die Religionsgemeinschaften nicht bewilligte, tat dieses der Kommunist Hüber als Oberbürgermeister ohne weiteres! Ein innerfranzösischer Schriftsteller, O. De Ferenzy, schreibt in seinem Buche„La Verité sur'Alsace“, das übrigens ganz vom französischen Standpunkt geschrieben ist(Verlag Bloud et Gay, Paris) von dem Sozialisten Grumbach: Grumbach ist nicht nur verbündet mit den schlimmsten Feinden der Religion, der Familie und der Gesellschaft, sondern der Name Grumbach ist im Elsaß das Symbol des antichristlichen Fanatismus und des radikalsten Antiklerikalismus.“ Man kann dieses auch aufs kulturpolitische Gebiet ausdehnen. Während Deutschland sehr viel gegen das Analphabetentum tat— in Elsaß=Lothringen betrug 1875 ihre Zahl 3,75 Prozent, 1911 nur 0,01, steigt die Zahl der Analphabeten nach dem Kriege wieder bedenklich. In der Schule in Elsaß=Lothringen ist heute die französische Sprache die Hauptsprache. Nach der letzten Sprachstatistik aber ist die Bevölkerung Elsaß=Lothringens zu 80% deutschsprachig und der größte Teil dieser Deutschsprachigen versteht kein Französisch(übrigens ist obendrein noch anzunehmen, daß das Bild, das uns die Statistik übermittelt, stark zu Gunsten Frankreichs, d. h. der französischen Sprache, retouchiert ist). Die Folge der französischen Schulpolitik ist die, daß die Kinder, die nur die deutsche Sprache kennen und von Anfang an in der französischen unterrichtet werden, nachher weder Deutsch noch Französisch können. Das gibt man auch allgemein zu. Die deutsche Regierung hat das niemals gemacht, in den französischsprechenden Gebieten wurde der Unterricht französisch(höchstens wurde Deutsch als Fremdsprache gegeben) erteilt und nur in den deutschen Gebieten deutsch. Von einer Presse= und Versammlungsfreiheit kann man in den ehemaligen Reichslanden heute gar nicht mehr sprechen. Welchen kleinlichen Schikanen die deutsche Presse ausgesetzt ist, nur weil sie deutsch geschrieben ist, ist ja bekannt. Jeder, der sich nur zum Autonomismus bekennt, wird als Pangermanist von den Nationalisten= und Regierungsorganen verfolgt. Auch bei den Wahlen scheut man sich nicht, die Autonomisten als„Hitlerianer“ und„Boches“ zu beschimpfen. Die Autonomisten wollen im Rahmen Frankreichs einen Bundesstaat Elsaß=Lothringen, so etwa, wie es vor dem Kriege die Reichslande im Reiche waren. Man will, wie man offen sagt, wieder„à'allemande“, nach deutscher Art, verwaltet werden. Es ist seltsam, daß gerade die Leute, die früher die deutsche Regierung— die sicher manchen Fehler begangen hat— bekämpften, die früheren Zeiten so loben und die jetzigen so verdammen. Der vielgenannte Abbé Haegy zum Beispiel, früher Parteigänger Wetterlés, ist heute Autonomist und Herausgeber verschiedener Zeitungen des Autonomismus. Während die meisten Autonomisten gleichzeitig Verfechter des Christentums sind— die Protestanten und Katholiken haben sich zu einer starken Einheitsfront zusammengeschlossen— gibt es auch eine kleine autonomistische Linksgruppe, deren Führer Camille Dahlet ist. In einem Aufsehen erregenden Artikel in der„Deutschen Allgemeinen Zeitung" stellte er fest, daß die Els.Lothringer eine Minderheit sind und eine dementsprechende Behandlung verlangen. Dahlet erklärte übrigens in einem Vortrag im„Club de Faubourg", daß Deutschland nicht nur das Recht einer Zollunion mit Oesterreich habe, sondern auch das des Anschlusses. Die„deutschen Patrioten“ von ehemals, die damals stolz preußische Orden auf ihrer Brust trugen, schmücken Geöffnete Augen. Zum Gedächtnis unserer Gefallenen. Von Gustav von Rohden. (Fortsetzung.) Er war noch nicht zwanzig Jahre alt, dieser Sänger! — So hüllt die ewig junge Natur, der Gottheit lebendiges Kleid, auch den Todgeweihten schützend ein und läßt ihn in ihre tiefsten Schönheiten hineinblicken. Im ungewohnt freien Leben geht der Soldat Tag und Nacht mit ihr um und lernt ihre Seele mit einem ganz neuen Verständnis erkennen und in diesem Lichte das Dasein und die Menschen selbst besser verstehen. Der Flieger vom Schwarzen Meer hat auf die geheime Stimme der Natur gelauscht und sich von ihr etwas erzählen lassen über ihr inneres Leben und das der Mitmenschen.„Ich lag heute morgen hoch über dem Meere und als ich aufgehört hatte, genau auf die Wellen zu achten, hörte ich plötzlich, wie das Meer atmete, lebte, sprach und erzählte, ganz unabsichtlich, gleich, als ob ich schon fortgegangen sei und es hinterher doch belauschte, das scheue Sprechen der Meeresseele. Und ich tat, als ob ich nicht darauf achtete und hörte es doch. So ist es mit der Seele der Natur, sie hält am liebsten Monologe und mag nicht, daß einer zuhört. So kann man das Zuhören nicht erzwingen. Aehnlich spricht die Menschenseele. Jedes in sich abgeschlossene sichere Sein spricht immer nur Monologe, immer wieder will es ausdrükken das Eine, daß es lebt, vor lauter Freude an diesem Leben. Wie eben der Quell, der immer von seinem Leben erzählt.“(Zwei Brüder II., S. 206.) Lauter Freude am Leben, in die Höhe und Tiefe gesteigert durch die unverbrüchliche Nähe des Todes! 2. Neue Augen für die Natur im Kriege, neue Augen nicht minder für die Kunst. Durch die Greuel des Menschenmassenmordes findet da ein Philologe bei sich die Hemmungen gesprengt, die bis dahin seine Anlagen regsten Kunstsinnes in Fesseln hielten.„So, wie ich jetzt meinen Mörike und Hölderlin usw. liebe, hab' ich ihn auf der Schulbank nie geliebt. Es ist mir gerade, wie wenn ich aus tiefstem, kaltem Keller käme und jetzt die Kunst in warme Sonnenstrahlen gebadet vor mir läge.“ (Kriegsbriefe S. 260). Und wie die Dichtkunst ist ihm auch die Musik, Mozart und Brahms, dort draußen unter dem Kanonendonner neu geschenkt. Er möchte die Kunst noch im Tode umarmen nach den Versen Tibulls: Dir möcht ich noch ins Antlitz schauen, wenn mir die letzte Stunde schlägt, Dich möcht ich sterben noch halten, wenn schon die Hand mir versagt.(a. a. O. S. 259). Aus dem Todesschauer schwerer Kämpfe heraus kommen zwei Offiziersbrüder zu einigen Ruhetagen ins Elsaß und dort wird ihnen das lang vertraute Straßburger Münster zu einem ganz neuen großen Erlebnis. „Beinahe wäre ich neulich aufgewacht“, schreibt der eine, „und hätte mich verliebt in das herrliche Leben, als ich sah, wie turmhoch über das vergängliche zufällige Einzelschicksal ewige Werte, unvergängliche Schönheit in ihm geschaffen werden. Ich sah nämlich das Münster in Straßburg, vor dem die Seele in Andacht versinken muß. Ich dachte aber, wenn Deutschland ein solcher Bau wird, dann brauch ich mich gar nicht erst in das Leben zu verlieben, denn dann lebe und schaffe ich doch an seinem Grunde, ohne daß ich davon ein Gefühl habe.(Zwei Brüder II, S. 147). Mehr noch: Erst die Kunst, die„unter dem Tode lebt“ die von ihm geweckt wird, gelangt zu ihren tiefsten Inhalten, dringt zu ihren Wurzeln vor. Sehr trostlos freilich, wenn Hermann Löns singt: Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein, Kein Hügel soll dort geschüttet sein; Kein Kranz soll liegen da, wo ich starb, Keine Träne fallen, wo ich verdarb. Will nichts mehr hören und nichts mehr sehn, Wie Laub und Gras, so will ich vergehn; Und darum kein Hügel und deshalb kein Stein: Spurlos will ich vergangen sein. („Vermächtnis“, S. 50.) Oder wenn er drei Tage vor seinem Tode bei Reims dem Kriegstagebuche die schweren Verse einverleibt: Sehe von meinem Lager den Sternschnuppen zu, Denke an die Leichen. An den erschossenen Spion. Droben am Firmament dieselbe Not. Leben ist Sterben, Werden— Verderben. (a. a.., S. 50). Aber unter der Asche dieses Pessimismus glüht der opferfreudige, darum dem Leben gehörende Geist, von dem ein Walter Flex bezeugt: Dreimal noch zuckte, dreimal des Sterbenden Hand Ueber Herz und Büchse und braunes Land. (a. a.., S. 49). Mit unerhörter Wortgewalt besingt Kurt Adler sein Geschütz, wie es droht zum Menschen, drohet zum Land, drohet zum Himmel, gleich einem gebundenen Wildtier sich heute ebenso stolz als„nationale Franzosen“ mit dem Bändchen der Ehrenlegion, dem echten Elsässer aber war solche Heuchelei stets zuwider. Er fühlte sich nicht als Preuße und ebensowenig als Franzose.„Wir sind eben ein Völkchen für uns“, pflegt man hier zu sa, gen. Nicht das Saargebiet, wie es manche Franzosen so gerne möchten, ist der Vermittler zwischen Deutschland und Frankreich, sondern das Land zwischen Vogesen und Rhein, das von Natur deutsch ist, aber nach dem Raube Ludwigs ein französisches Land wurde. Die innerfranzösischen Beamten im Elsaß können an seinem deutschen Bilde nichts ändern. Wenn verschiedene französische Nationalisten aus dem Saargebiet einen Völkerbundsstaat machen wollen, so ist dafür kein Grund vorhanden, wohl aber sollte man das mit Elsaß=Lothringen machen, schrieb die.=l. Presse vor einiger Zeit. Wird aber Frankreich den allzu berechtigten Wünschen der Autonomisten nachgeben? Kann ein Staat. der Jahrhunderte hindurch ein überaus zentralistischer war, noch einen Föderalismus einführen, den man im Norden bei den Flamen und im Westen bei den Basken und Katalanen verlangt? Von der Lösung dieser Frage wird viel abhängen, auch die Zukunft der drei neuen Departements. Wie Frankreich die Frage des Föderalismus lösen wird, oder ob es bei seinem Zentralismus verharrt— der den Verlust der deutschen Teile Frankreichs früher oder später zur Folge haben wird, wird die Zukunft entscheiden. H. W. R. Volkswirtschaft ohne Geld. Der unmögliche Zustand, in dem wir uns in Deutschland, in dem sich der größte Teil der übrigen Welt befindet, besteht darin, daß wir viele Millionen Arbeitslose ernähren und unterhalten müssen, die zur Untätigkeit verurteilt sind, obwohl sie gerne arbeiten würden. Wir sind mit Blindheit geschlagen, so daß wir keinen Ausweg aus den Irrgängen unserer Erziehung finden, sonst könnten wir schon ohne Not besser leben. Gewiß wird schon lange an dem Problem, uns aus der Not zu befreien, gearbeitet, studiert, wir beten zu Gott:„Gib uns unser täglich Brot!“ Es ist alles in Hülle und Fülle da, aber wer kein Geld hat, kann es sich nicht kaufen. Wer viel Geld hat, kann sich allen Luxus erlauben, kann Reisen unternehmen, sich mit Dienerschaft umgeben, aber, er schwebt in steter Sorge, daß ihm sein Geld, sein Besitz, abgeschwindelt oder gestohlen wird; daß seine Wertpapiere entwertet werden, ähnlich wie in der Inflation, wo man hier und da die Zimmer mit Milliardenscheinen tapezierte. Wäre damals, als Deutschland wieder zum festen Gelde zurückkehrte, dessen Ausgabe unterblieben und statt dessen ein Buch angelegt worden, ein Guthaben= und Schuldbuch, in dem jeder sein Konto hat, so hätte das arme Deutschland die Welt von ihrem Goldtraume erlösen und aus der Knechtschaft des Goldes befreien können. Aber die Zeit dazu war noch nicht da. Du sagst:„Ein Buch, in dem alle Menschen stehen, mit Soll und Haben, mit Schulden und Vermögen, das müßte ja ein fürchterliches Buch sein! Das größte Haus in Deutschland würde es nicht fassen können. O du Kleingläubiger, würde ich dann sagen, denke einmal in Schlingen steht, bis es gelöst; und dann rätselkühl sphinxhaft den Brand schaut,„den rauschenden Tod, das schreiende Blut",„und gebiert nach Tag und Nacht, Nacht und Tag neue blutlüsterne Brut.“(a. a.., 108.). Oder die Schlacht selbst wird in erlebter Dichtung eindrücklich gemacht. Hans Ehrenbaum dagegen schnitt den Sonatenkranz auf das 1000. Regiment: Der helle Klang der springenden Schrapnelle ist im Gewölk und Abendrot verweht. Aufsteigt die Nacht wie eine graue Welle, in der die laute Schlacht nun untergeht. Nur selten ziehen noch in schnellen Strichen verirrte Kugeln her, man weiß nicht wie, als käm der Tod nun heimlich angeschlichen, der tags blutwild nach Hekatomben schrie. Und was noch blieb, paar Dutzend Mann vielleicht, kriecht dicht an dicht, daß Herz an Herzschlag klopft und uns das bißchen Wärme alle tränkt. Bis einer plötzlich still die Schläfe senkt und auf das Land, das weiß im Mondlicht bleicht, sein rotes Leben schweigend niedertropft.— (a. a.., S. 67). Wenn Gottfried Keller angesichts der untergehenden Lebenssonne wehmütig von dem goldnen Ueberfluß der Welt spricht, der von den nun bald brechenden Augen noch getrunken werden sollte, so gewinnt dieser Gedanke seine tiefere Fülle erst in der Gemeinschaft der Todgeweihten: Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht, mit vorgehaltenem Zügel. Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen, vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen. Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken würden unsere Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken.(a. a. O. S. 42.). Als größtes Erleben schafft also der Krieg auch der Kunst neu erfüllte Augen, höchste Spannkraft. Und diese Höhe der Kunst im ewigen Sinne ist durchaus nicht der einzige Ertrag des Krieges für die in der volkstümlichen Kunst sich aussprechenden Gemütswerte: das gemeinsame Erleben, das in den Soldatengesängen und Volksliedern so unmittelbar ergreifend sich Ausdruck verschafft hat, ist für das tiefere Empfinden wohl noch wirksamer gewesen. Das alte, schlichte„Ich hatt' einen Kameraden“ hat doch für das ganze Volk eine neue Kraft gewonnen, zu einer wesenhaften Macht geworden.—(Forts. folgt.) nach, in wie vielen Büchern dein Name jetzt schon steht, wenn du im arbeitsfähigen Alter bist. 1. wurdest du schon am Tage nach der Geburt fein säuberlich in das Standesamtregister eingetragen.— Ueberspringen wir 14 Jahre und du kommst in die Lehre, sagen wir mal bei einem Dachdecker, weil du gerne hoch hinaus willst, so wirst du in die Lehrlingsrolle eingetragen, bekommst eine Karte zum Einkleben der Marke für die Invalidenversicherung, ein Arbeitsbuch vom Bürgermeisteramt, wo du nun auch in einem Buche stehst und dann wirst zu noch in die Mitgliederliste der Ortskrankenkasse eingetragen. Ist das nicht genug? Nun ist Schluß mit der Eintragerei, aber am Ende des Jahres muß dein Meister, in dessen Lohnliste auch zu stehst, dich mit deinem Lohn für die Berufsgenossenschaft anmelden, sonst bekommst du keine Rente, wenn du vom Dach fällst und brichst ein Bein. Nebenbei bemerkt bist du aus der Schülerliste in die der Fortbildungsschule hinübergewechselt. Hast du die Lehre aus und wirst arbeitslos, registriert dich das Arbeitsamt, um dich als Arbeitslosen in das öffentliche Leben einzuführen. du bist nun in großer, leider sehr trauriger Gesellschaft und hast viel Zeit, darüber nachzudenken, in wie viel Büchern dein Name schon eingetragen wurde, so daß, wenn nun noch ein Buch mit Soll und Haben hinzukommt, die Arbeit dir nicht mehr so gefährlich scheinen wird. Außerdem können dir, wenn du älter geworden und als Meister in gutem Verdienst stehst, die Steuern von deinem Guthaben abgeschrieben werden, was sehr leicht und schmerzlos zugeht. Die Buchführung, auch die staatliche, ist doch jetzt durch die vielen Betrüger sehr viel umständlicher. Im Falle der Gebrüder Sklarek in Berlin mußte der Staatsanwalt, als die Anklageschrift endlich fertig war, zum Transport derselben mehrere Möbelwagen bestellen. Oder ist sie noch nicht fertig, dann war es die Anklageschrift aus dem Barmat= oder Kutisker=Prozeß, oder der Frankfurter Versicherungs.=G. oder sonst was. Es wird so viel gestohlen und betrogen, daß die Uebersicht verloren geht. Ist das Gold als Währungsbürge von seinem Throne gestürzt, was kommen wird, so hat Diebstahl und Betrug keinen Sinn mehr. Es man dann noch vorkommen, daß der an Kleptomanie Leidende in der Konditorei eine Tafel Schokolade verschwinden lassen wird, aber Millionen werden es bestimmt nicht sein, denn du hast ja nur ein Konto, nicht bei zwölf verschiedenen Banken je eins. Hast du schon gehört, daß vom Postscheckkonto ein Betrag gestohlen wurde? Nein! Auf dem Deutschen Reichs=Postscheckkonto werden jährlich mehr als tausendmal höhere Werte umgesetzt, als die Reichsbank an Gold in ihren Tresors liegen hat. Hieran siehst du, daß Geld in Wirklichkeit kein Gold, kein sonstiges Edelmetall, kein dekoriertes Papier zu sein braucht, sondern nur ein Guthaben. Zweifelnd, lachend siehst du mich an und denkst eine Weile nach; steckst die Pfeise an und qualmst. Ich sehe, wie es in dir arbeitet, wie du erwägst, überlegst. Endlich bist du so weit:„Nee, dat geit net, dat geit geweß on wahrhaftig net— ohne Geld! Da ka'r jo noch net mol bem Omnibus no dr Stadt fohrn on sich e Päckelche Tubak kaufe.“ Aehnliches habe ich erwartet. Haben wir erst die Riesenaufgabe gelöst, dann wird uns das kleine Einmaleins der Wirtschaftsreform keine Hindernisse bereiten.„Hellertaler Zeitung.“ Die Rarnatut..... auf die Jollunion Oesterreichisch-deutsche Erklärung im Europaausschuß. — Genf, 4. September. Nach Abschluß der Arbeiten des Koordinationskomitees begann nunmehr der Europaausschuß des Völkerbundes einen neuen Tagungsabschnitt. Gleich zu Beginn der Sitzung nahm der österreichische Außenminister Dr. Schober das Wort. Anknüpfend an den Bericht der Wirtschaftssachverständigen und die darin aufgeworfene Frage, ob es nicht möglich sei, durch ein neues Konzept der europäischen Zusammenarbeit eine neue Sachlage zu schaffen, gab dann Minister Dr. Schober folgende Erklärung ab: Die Grundgedanken des Berichtes begegnen sich mit den Beweggründen, die die österreichische Regierung im Einvernehmen mit der deutschen Reichsregierung im März dazu geführt haben, mit dem Projekt einer Zollunion hervorzutreten. Es war von allem Anfang an klar, daß dieser Entwurf nur dann Aussicht auf Verwirklichung haben konnte, wenn auch andere Staaten sich dazu bereitfinden würden, daran teilzunehmen. Wir kennen ja die Entwicklung, die diese Frage genommen hat. Mit Rücksicht auf diese Entwicklung und da überdies die Frage der Zollunionen nun auf die Tagesordnung der Europäischen Studienkommission gestellt ist, haben wir uns mit der deutschen Regierung über die einzunehmende Haltung verständigt. Da die österreichische Bundesregierung aus den Ereignissen der letzten Monate feststellen konnte, daß im Gegensatz zu ihren Absichten Schwierigkeiten für die vertrauensvolle Zusammenarbeit der europäischen Völker aus der Durchführung des Zollprojekts entstehen könnten, erklärt sie, weil für sie das Interesse an dieser Zusammenarbeit eng mit den österreichischen Interessen verbunden ist, ihren Entschluß, das Projekt der Zollunion nicht weiter zu verfolgen. Ich hoffe, daß diese Erklärung wesentlich dazu beitragen wird, die so notwendige allgemeine Beruhigung herbeizuführen und eine Stimmung zu schaffen, welche konstruktives Zusammenwirken der Regierungen ermöglichen wird. einzelnen führte Minister Dr. Schober zum Schluß seiner Rede noch aus, Oesterreich tue alles, um sich durch seine eigene Tätigkeit zu helfen und verwies auf die neuerdings abgeschlossenen Verträge. Es werde jedoch nicht möglich sein, für alle europäischen Staaten zugleich zu einem gemeinsamen wirtschaftlichen Statut zu gelangen. Nur gruppenweises Vorgehen könne zum Ziel führen. Was die Verhandlungen mit England beträfe, sei Oesterreich nunmehr bereit, den britischen Wünschen auf Zollermäßigungen möglichst Rechnung zu tragen. Es würde sich empfehlen, so betonte der Redner zum Schluß, einen Unterausschuß zu bilden, der alle wesentlichen Elemente der Zollunionen in einem Statut zusammenfasse. Im Anschluß an Dr. Schober machte Reichsaußenminister Dr. Curtius längere Ausführungen, wobei er sich über die österreichisch= deutsche Zollunion wie folgt äußerte: Die Absicht der deutschen und österreichischen Regierung bei dem Projekt einer Zollunion zwischen ihren Ländern ist von vornherein dahin gegangen, daß dieser Plan der Ausgangspunkt für weitergehende Wirtschaftsverträge sein sollte, an denen eine möglichst große Anzahl europäischer Mächte teilzunehmen hätte. Seitdem haben sich die Ereignisse überstürzt, so daß sich die ursprüngliche Sachlage völlig verändert hat. Wir stehen jetzt hier in der europälschen Studienkommission vor Plänen von allgemeinerem Charakter. Wir wollen an der Verwirklichung dieser Pläne aktiv mit allen Kräften mitarbeiten. In Erwartung eines fruchtbaren Ergebnisses der Arbeiten der europäischen Studienkommission hat die deutsche Regierung im Einvernehmen mit der österreichischen Regierung nicht die Absicht, das ursprünglich ins Auge gefaßte Projekt weiter zu verfolgen. Zum Schluß äußerten sich die Vertreter Frankreichs, Italiens und der Tschechoslowakei. Der französische Finanzminister Flandin erklärte, im Namen seiner Regierung nehme er Kenntnis von der„in so glücklicher Weise" zum Ausdruck gebrachten Absicht der beiden Regierungen, den Plan einer Zollunion nicht weiter zu verfolgen. Er hoffe,„daß das durch diesen Plan unbestreitbar entstandene Unbehagen“ nunmehr behoben sei und daß günstigere Bedingungen für die Entdicklung der europäischen Gemeinschaft, die den Daseinszweck dieses Ausschusses bilde, geschaffen würden. Frankreich und seine Regierung seien nach wie vor von dem Wunsche beseelt, nach praktischen Mitteln zu suchen, um den Frieden zur Schaffung einer imer engeren moralischen und materiellen Solidarität zu sichern. Der italienische Außenminister Grandi erklärte, er nehme mit Befriedigung Kenntnis von den Erklärungen des deutschen und des österreichischen Vertreters und würdige den Geist, der die Erklärungen der beiden Regierungen bestimmt habe. Gerne stelle er fest, daß diese Frage nunmehr aus der Diskussion ausgeschieden sei.„Die Erklärungen der beiden Regierungen könnten als Beseitigung eines Grundes zur Verstimmung in allen Ländern nur ein günstiges Echo finden und würden den Willen zur Zusammenarbeit wecken, dessen Deutschland und Oesterreich angesichts ihrer Schwierigkeiten bedürfen.“ Wachsendes Vertrauen in Deutschland. — Neuyork, 4. September. Der amerikanische Staatssekretär Stimson gab nach einer Landung von der Rückreise aus Europa eine Erkläkung über die wichtigsten Ereignisse der letzten Monate in Süropa und führte u. a. aus: Wir haben seit Beendigung der Londoner Siebenmächtekonferenz im vergangenen Monat Gelegenheit gehabt, uns ein Bild von dem Wert der Ergebnisse dieser Konferenz und der verschiedenen ihr vorangegangenen und gefolgten Konferenzen zu machen. Auf Grund meiner Informationen glaube ich, daß Deutschland von einem neuen Geiste des Mutes und Vertrauens beseelt ist. Der Ausgang des Volksentscheides und die Tatsache, daß am Tage der Wiedereröffnung der beutschen Banken die Einzahlungen die Abhebungen überliegen sowie zahlreiche ähnliche Anzeichen weisen sämtlich auf hoffnungsvollere Verhältnisse und eine optimistische Stimmung hin. Noch ermutigender waren die Zusammenkünfte der sranzösischen und deutschen Minister sowie der liche und versöhnliche Geist, in dem Laval und Brüning die Ekorterung der ihre Länder trennenden lebenswichtigen volitischen Fragen begonnen haben. Dasselbe gilt für die Besprechungen, die zwischen den deutschen und englischen sowie den deutschen und italienischen Staatsmännern stattgefunden haben. Derartige zwanglose Zusammenkünfte stellen das wirksame Mittel dar, um sich mit diesen wichtigen politischen Problemen näher zu befassen und sie zu besprechen; ohne diesen Geist ist eine gründliche Wiederherstellung der Wirtschaft Mitteleuropas unmöglich. — Neuyork, 4. September. Nach den letzten Meldungen aus der südamerikanischen sepublik Chile befindet sich die gesamte Flotte im Aufstand; ur die Unterseebootsbesatzungen sollen treu geblieben sein. ie Regierung ist zurückgetreten, ein neues Ministerium ist sereits vereidigt worden. Die meuternden Kriegsschiffe aben den Heimathafen verlassen und befinden sich anscheisend in Anfahrt auf Valparaiso. Die Regierung entsandte inen Admiral zu Verhandlungen, doch lehnten die Revoutionäre eine Besprechung ab. Wie weiter verlautet, haben se ein Ultimatum mit kommunistischen Jorderungen gesellt und für den Fall, daß dieses Ultimatum nicht erfüllt vird, mit der Beschießung der hauptstadt gedroht. Starke Kursabschläge. — Berlin, 4. Septbr. Die deutschen Wertpapierbörsen, die seit den dramatischen Ereignissen vom 13. Juli für jeden Verkehr geschlossen waren, haben nun den Handel wieder ausgenommen. Der Eröffnung des Börsenverkehrs wohnte ein großer Interessentenkreis bei, auch war die erste Garnitur der Bankführer nahezu vollzählig erschienen. Das Geschäft vollzog sich, wie es freilich zu erwarten war, auf einem Niveau, das noch ganz erheblich unter dem vom Juli 1931 lag. So wurden z. B. von den Bergwerkswerten Harpener mit 40 gegen 55 Prozent am 11. Juli notiert; Ilse erreichten einen Kurs von 115 gegenüber 142 im Juli. Von den Elektrizitätswerten notierten die Aktien der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft mit 59 gegen 85 im Juli. Bei den Schiffahrswerten kam für den Norddeutschen Lloyd keine Notiz zustande, während die Aktien der HamburgAmerika=Linie mit 27.5 gegen 41,75 im Juli bezahlt wurden. Von den Banken notierten die Deutsche Bank und die Discontogesellschaft 75(100.), die Commerz= und Privatbank 72(100.5) und die Darmstädter und Nationalbank 76 gegenüber 100.25 im Juli. Der Anleihemarkt stand gleichfalls im Zeichen der Repartierungen und Kursstreichungen, was für die Börse eine ziemliche Ueberraschung bedeutete. Man hatte nicht mit dem Herauskommen von so viel Bestensverkäufen gerechnet. Voll abgenommen wurden die gangbaren Pfandbriefe, wobei 8proz. Pfandbriefe sich durchschnittlich etwa 12 Prozent niedriger stellten als am 11. Juli. Scharf repartiert oder gestrichen wurden die meisten kleinen Werte des Anlagenmarktes, insbesondere Stadtanleihen. Die 7= prozentige Berliner Verkehrsanleihe stellte sich auf 68,50 Prozent bei nur 10 Proz. Abnahme. Damit haben die deutschen Wertpapiere nach den Tiefkursen vom Juli einen neuen Rekord=Tiefstand erreicht. Wie weitgehend die Entwertung des deutschen Effektenbesitzes bereits fortgeschritten ist, wird am krassesten sichtbar, wenn man die heutigen Kurse den Höchstkursen aus dem Jahre 1927 gegenüverstellt. Dann ergibt sich, daß man für eine Tausendmark=Aktie der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft 1927 2290 Mark gezahlt hat, während man dieses Papier heute für 590 Mark haben kann. Für eine Aktie der I. G. Farbenindustrie im Nominal= werte von 1000 M. zahlte man 1927 in der Hausse 3535 Mark, heute dagegen werden diese Aktien mit 930 Mark angeboten. Für die Harpener=Aktie stellen sich die entsprechenden Zahlen auf 278 und 40 und für die Darmstädter und Nationalbank auf 301 und 76. Wenn trotz dieser anhaltenden Wertzerstörung auch bei der Wiedereröffnung der Börse neue starke Abschläge zu verzeichnen gewesen sind, dann liegt das daran, daß Europa nach wie vor von dunklen Wolken überschattet wird. Und die Zukunft ist gleichfalls ungewiß. insbesondere weiß man noch nicht, was nach dem Hoover=Freijahr werden wird. Dazu steht ein Winter bevor, der an die Führung des deutschen Staatsschiffes größte Anforderungen stellt. Ferner ist bei den Abschlagen am Tage der Wiedereröffnung der Börse zu berücksichtigen, daß in den siebeneinhalb Wochen, da in Deutschland der Effektenhandel eingestellt war, im Ausland fast Tag für Tag Kursrückgänge zu verzeichnen gewesen sind. Nun haben die deutschen Börsen den so vom Ausland auf dem Wege abwärts gewonnenen Vorsprung mit einem einzigen Satz wieder eingeholt und nicht sehr selten noch weit übertroffen. So ernst die seit 1927 zu beobachtende Entwertung des deutschen Effektenbesitzes ist, so unterliegt es andererseits auch keinem Zweifel, daß der Wert des deutschen Nationalvermögens nicht nur von seiner Einschätzung an den Börsen abhängt! Die Hauptsache ist, daß die deutsche Industrie, daß das Handwerk, Gewerbe und die Landwirtschaft gesund erhalten werden, denn dann werden sich auch sehr rasch Kurskorrekturen ergeben. Notwendig aber ist auch, daß man in diesen kritischen Zeiten durch Fehldispositionen die Situation nicht noch weiter wenn heute jemand gute Pfandbriefe weggeben wollte, ohne daß er zur Geldbeschaffung gezwungen ist, dann würde er damit nicht nur sich selbst schädigen, weil er ja gegenwärtig weniger erhalten wird, als er seinerzeit bezahlt hat, sondern damit würde auch der Weg zur Wiederaufnahme der Emissionstätigkeit nur verlängert werden. Was nun die Frage nach der weiteren Entwicklung betrifft, so ist ihre Beantwortung abhängig von der Meinung, die man über die Wiedergesundung der Wirtschaft und die Fähigkeit der europäischen Staatsmänner hat, die Faktoren auszuschalten, die die Lage so außerordentlich verschärft haben. Reichsarbeitslosenfürsorge? Rotruf der deutschen Landgemeinden. — Berlin, 4. September. Die Vorstände des Deutschen Landgemeindetags und des Verbandes der preußischen Landgemeinden betonen in einer Entschließung, daß die Not auf das höchste gestiegen ist und mit Sparmaßnahmen allein nicht mehr behoben werden kann. „Die Finanznot der ländlichen Kreise und Gemeinden“ — so fährt die Entschließung dann fort—„beruhl nicht auf einer zu großen Ausgabefreudigkeit, sondern auf der die großen Städte einseitig bevorzugenden Verteilung des Steueraufkommens durch die Finanzausgleiche der meisten Länder sowie auf der Ueberbürdung mit zwangsläufigen Ausgaben in den Gebieten der Schule, der Fürsorge und des Straßenbaues. Die Ausgaben für die Arbeitslosen werden nur dann aufgebracht werden können, wenn die Organisation nach den Vorschlägen des Deutschen Landgemeindetages durch Schaffung einer Reichsarbeitslosenfürsorge geändert wird, in der die Krisenfürsorge und die Wohlfahrtspflege zusammengefaßt sind. Darüber hinaus muß bei der Gewährung jeglicher Arbeitslosenunterstützung nur nach Bedarf die Bedürftigkeit durch eine Vorprüfung bei den Gemeinden nachgewiesen werden. Die Naturalverpflegung der Arbeitslosen muß baldigst entsprechend den Verhältnissen in den einzelnen Bezirksfursorgeverbänden von den letzteren gefördert werden, wenn auch durch eine derartige Maßnahme wesentliche Ersparnisse nicht erzielt werden. Notwendig sei ferner ein gerechter Finanzausgleich, der nicht mehr das örtliche Steueraufkommen berücksichtige, sondern in erster Linie von der Einwohner= und Kinderzahl ausgehe. preußische Veröffentlichung für die nächste Woche zu erwarten. Wie zu den in Preußen geplanten Sparmaßnahmen mitgeteilt wird, weichen die von der Staatsregierung gefaßten Beschlüsse in zahlreichen Fällen von den Vorschlägen der Ressorts ab. Die Fülle der behandelten Fragen— es handelt sich vor allem um die Sparmöglichkeiten im Rahmen der preußischen Besoldungsordnung, auf dem Gebiete der Fürsorgeerziehung, der Rechtspflege sowie bei den Gemeinden und Gemeindeverbänden— mache es nötig, daß das Ergebnis der Beratungen des Staatsministeriums noch eine eingehende redaktionelle Fassung erfährt, bevor es als Notverordnung in Kraft treten kann. Die Fertigstellung der endgültigen Fassung dürfte mehrere Tage in Anspruch nehmen. Die Bekanntgabe der Sparmaßnahmen ist daher erst für die nächste Woche zu erwarten. Nur ein Minister Eine Verordnung der braunschweigischen Regierung. — Braunschweig, 4. September. Auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung der Haushalte der Länder und Gemeinden erläßt die braunschweigische Regierung eine Verordnung über die Führung der Geschäfte des Staatsministeriums durch einen Minister. Danach besteht das Staatsministerium aus nur einem Minister. Der Landtag ist berechtigt, zwei Minister zu wählen. der Länder. Richtlinien des Reichsfinanzministers für den Erlaß der Notverordnungen. — Berlin, 4. Septbr. Der Reichsminister der Finanzen hat den Länoerregierungen zur Durchführung der Notverordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung der Haushalte Richtlinien zugehen lassen. Darin empfiehlt der Minister für Personalersparnisse die Kürzung der Besoldung, sowie die Herabsetzung des Hundertsatzes bei den Pensionen, Wartegeldern und Hinterbliebenenbezügen mit dem Ziel der Angleichung an die Reichsbesoldung. Dazu gehöre auch die Beseitigung günstigerer Eingruppierung oder zu günstiger Festsetzung des Besoldungsdienstalters und die Beseitigung oder Kürzung von Zulagen oder Nebenbezügen, die im Reiche nicht oder nicht in demselben Maße gewährt werden. Die Aenderung kann auch erfolgen durch Verlängerung der Aufrückungsfristen und durch Vermehrung der Dienstaltersstufen. Weiter sehen die Richtlinien vor: Wegfall= und Umwandlungsvermerke, Entlassungen von Arbeitern und Angestellten. Revision der Urlaubsbestimmungen, Herabsetzung oder Streichung von Notstandsbeihilfen, Unterlassung von Versetzungen, starke Drosselung der Dienstreisen und Zurückhaltung bei der Ausgabe von Mitteln für Ausbildung und Fortbildung der Beamten. Um Mieten zu ersparen, sollen die Verwaltungsgebäude stärker ausgenutzt werden. Ferner schlagen die Richtlinien vor, daß Bauten unterlassen werden, wenn die Mittel für die Wohlfahriserwerbslosen nicht voll vorhanden sind. Wenn nötig, soll überhaupt von dem Bau von Verwaltungsgebäuden und Schulen abgesehen werden. In diesem Sinne soll auch auf die der Landesaufsicht unterstehenden Körperschaften eingewirkt werden. Auch hält es der Reichsfinanzminister für angezeigt, den Neubau von Hotels, Gaststätten, Pensionen, Theatern, Kinos und ähnlichen Dingen mit hohen Verwaltungegebühren oder sonstigen Lizenzgebühren zu belasten. Für das Unterrichtswesen wird die Erhöhung der Klassenfrequenz und der Pflichtstundenzahl, die Einengung der Freistellen durch stärkere Begabtenauslese, die Einschränkung der Ausgaben für Stipendien usw. empfohlen. Wegen einer Justizreform will sich der Finanzminister mit dem Reichsjustizminister in Verbindung setzen, empfiehlt aber den Ländern eine Herabsetzung der Notariatsgebühren. Wegen der Ersparnisse an den Fürsorgelasten verweist der Minister auf die Richtlinien des Städtetages. Im übrigen empfiehlt er den Ländern und Gemeinden Abschlagszahlungen auf ihre kurzfristigen Kredite. Länder und Gemeinden müßten selbst Schuldentilgungspläne aufstellen, die die Abdeckung aus laufenden Mitteln in den nächsten Jahren gewährleisteten. Zur Wohlfahrtserwerbslosen=Fürsorge bemerkte der Reichsfinanzminister: Bei der Lage des Reichs werde ich außerstande sein, den Ländern und Gemeinden außer etwa in Fällen einer Umschuldungsaktion oder eines Sonderzuschusses zu den Kosten der Wohlfahriserwerbslosenfürsorge eine finanzielle Hilfe zu leisten. Ich muß aber schon jetzt darauf hinweisen, daß ich auch auf dem Gebiete der Wohlfahrtslasten nur dort unterftützend eingreifen werde, wo sowohl im Lande, als auch in der betreffenden Gemeinde alles zum Etatsausgleich Erforderliche getan worden ist. beendet. Rückkehr Ingoslawiens zum parlamentarischen Regierungssystem. — Belgrad, 4. Septbr. König Alexander von Jugoslawien hat die dem Ministerium Zivkowitsch gewährten außerordentlichen Vollmachten wieder aufgehoben und gleichzeitig mit der Umbildung der Regierung dem Lande eine neue Verfassung gegeben. Nach dieser Verfassung wird Jugoslawien, das eine konstitutionelle erbliche Monarchie mit einem Herrscher aus dem Hause Karageorgewitsch bleibt, in Zukunft wieder parlamentarisch regiert. Das Parlament bestehl aus einem Abgeordnetenhaus und dem Senat. Die ordentliche Session der gesetzgebenden Körperschaften beginnt am 20. Oktober jeden Jahres. Das Abgeordnetenhaus wird auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählt. Zur Teilnahme an der Wahl sind alle Bürger berechtigt, die das 21. Lebensjahr überschritten haben. Die Hälfte der Senatsmitglieder wird auf Grund des allgemeinen Stimmrechts gewählt, während die andere Hälfte ernannt wird. Die Lebensdauer des Abgeordnetenhauses beträgt vier, die des Senats sechs Jahre. Das Abgeordnetenhaus erhält weitgehende Rechte zur Ueberprüfung des Staatshaushalts und auf dem Gebiete der Interpellation und des Prüfverfahrens. Das Königreich wird in neue Banatgebiete eingeteilt. Die Banatrate werden auf Grund des allgemeinen Stimmrechts gewählt, während die Exekutive durch einen Rat ausgeübt wird, dessen Mitglieder vom Banus ernannt werden. Steuerkalender für September. Die Abgaben im Reich. 5. Abführung der für die Zeit vom 15.—31. August einbehaltenen Lohnabzüge und der Krisensteuer. Keine Schonfrist.) 10. Die Börsenumsatzsteuer für August ist anzumelden und im Verrechnungsverfahren zu zahlen.(Keine Schonfrist.) 20. Abführung des Lohnabzugs und der Krisensteuer für die Zeit vom.—15. September.(Keine Schonfrist.) Die Abgaben in Preußen. 10. Abführung der Bier= und Getränkesteuer. 15. Zahlung der Grundvermögenssteuer mit Zuschlägen für Monatszahler. 15. Zahlung der Hauszinssteuer. Guatemala verzichtet auf seinen Aus Sparsamkeitsgründen. Die Vollversammlung des Völkerbundes wird be# ihrem Zusammentritt außer den drei turnusmäßig aug, scheidenden nichtständigen Ratsmitgliedern auch Guatemolg das im letzten Jahre in den Rat gewählt worden ist, zu er, setzen haben, da dieser Staat— eine neue Erscheinung in der Geschichte des Völkerbundes— auf seinen Ratssitz ver, zichten will. Als Begründung wird angegeben, daß der gegenwärtige Vertreter Guatemalas, Gesandter Matotog aus persönlichen Gründen in seine Heimat zurückkehrt und seine Regierung aus finanziellen Rücksichten sich nicht in der Lage sieht, einen Nachfolger zu benennen. Wie verlautet, werden die südamerikanischen Staaten Venezu, ela als Nachfolger Guatemalas im Völkerbundsrat vorschlagen. Der heutigen Ausgabe dieses Blattes fügt die weithin bekannte Textilmanusaktur Haagen Wilhelm Schöpflin in Haagen (Baden) wieder einen interessanten Prospekt bei, der eine große Auswahl in Webwaren enthält. Das letzte Mal machten schon viele Leser von dem günstigen Angebot dieser Firma Gebrauch und bestätigten ihre Zufriedenheit mit den Lieferungen durch laufende Nachbestellungen. Sicherlich werden auch jetzt wieder viele der Leser den gebotenen Vorteil ausnutzen und ihren Bedarf bei der Textilmanufaktur decken.— Der gute Ruf, der den weithin bekannten Wiesentäler=Stoffen vorausgeht, bürgt von vorneherein für beste Qualitäten. Kirchennachrichten für Zion. Sonntag, den 6. September 1931. 14. S. u. Trin. 8½ Uhr: Pastor Brandt; 9 Uhr: in Sarepta: Pastor Meyer; 10 Uhr: Pastor Jungblut; 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Montag 20¼ Uhr: Gosen, Bibelstunde. Donnerstag 19½ Uhr: Pastor Wilmanns. Waldgottesdienst bei gutem Wetter auf der Waterbör. Sonntag, den 6. Sept. 1931, vorm. 10.15 Uhr: Herr Pastor Kuhlo. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 6. September 1931: 8 Uhr vorm. Frühgottesdienst, Pastor Hopmann; 9 Uhr vorm. Kinderlehre für die Konfirmierten von Pastor Dahlmann und Pastor Hopmann; 10 Uhr vorm. Hauptgottesdienst, Pastor Neuhaus; 1½ Uhr nachm. Kindergottesdienst. Mittwoch, den 9. September 1931: 8½ Uhr abends Bibelstunde im Gemeindehause. — Christlicher Verein junger Männer. Heute, Freitag, 8¼ Uhr Mitgliederversammlung in Gosen. Tagesordnung: 1. Einleitung und Aufnahmen. 2. Von Bergen, Menschen und Gott(Reisebericht v. Bruder Sprinz). 2. Verschiedenes. Samstag abend 6,45 Uhr ab Telefonhaus nach „St. Petri“ zur Jahresfestkundgebung. — BK. Am Sonnabend, den 5. September, ist für alle BK=ler(von VI.—Ol.) Speerspiel auf der Morijawiese um 3 Uhr. — Verloren von einem armen Pensionär eine Geldtasche mit 30 M Inhalt. Der ehrliche Finder wird herzlich gebeten, dieselbe in der Anstaltspost abzugeben. Anzeigen aus Bethel. — Im Schlachthof ist wieder Heidschnuckenfleisch vorrätig. Bestellungen erbitten wir rechtzeitig. Der Schlachthof. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr H. 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Wird der Philosoph dem schlichten Gläubigen dartun, daß das Christentum wohl seinem Erlösungsbedürfnis Rechnung trägt, daß es aber andere Religionen gibt, die an Nahrung für das Denken und geistigem Gehalt weit mehr bieten, und daß daher das Suchen gebildeter Menschen nach diesem Geisteswehen und Kulturantrieb in anderen Religionen verständlich, ja lobenswert ist, daß z. B. der Buddhismus und seine abendländische Ausgestaltung, die Theosophie, den Bedürfnissen von Geist und Seele mehr entsprechen als das Christentum? Schweitzer faßt am Schluß seiner Untersuchungen über „das Christentum und die Weltreligionen“ seine Ergebnisse dahin zusammen, daß im Christentum sich die tiefste Religion und die tiefste Philosophie vereinigen, daß es die einzige wahre Erlösung aus der Welt und die einzige lebendige Geistigkeit wirkt. Wie ist ihm dies möglich, wodurch erhält es diesen überragenden Charakter? Ueber den Wert einer Religion, über ihr innerstes Wesen entscheidet ihr ethischer Gehalt. Das Christentum aber ist die einzige ethische Religion, d. h. die einzige, die Gott als eine ethische, lebendige Persönlichkeit erkennt, die den Menschen in die Welt stellt und ihm befiehlt, darin in seinem, des ethischen Gottes, Geist zu leben und darin zu aller Zeit und unter allen Umständen seine Bestimmung zu sehen. Die anderen Religionen, Brahmanismus, Buddhismus, Hinduismus und die Religion der Chinesen in ihren verschiedenen Ausprägungen(die Religion Zarathustras, den Islam, die Religion Israels läßt Schweitzer aus verschiedenen Gründen beiseite) sind logische Religionen, entstanden aus reinem logischem Denken über die Welt und von durchaus intellektuellem Charakter. Sie glauben, die Lösung der Rätsel, die Welt und Menschenleben in sich schließen, zu besitzen und wollen einheitliche, in sich geschlossene, logische Welterkenntnis sein. Diesem Bestreben entspricht das Bild, das sie sich von Gott machen. Dem Brahmanismus, dem Buddhismus bleibt Gott reine, unbelebte Geistigkeit und die Welt eine unvollkommene Erscheinung des reinen Seins, die Bestimmung des Menschen aber nur, sich aus der Sinnenwelt in die Welt des reinen Seins, also zur absoluten Teilnahmslosigkeit und Tatenlosigkeit zu erheben als ein der natürlichen Welt Erstorbener und so in die reine Geistigkeit, Gott, zu versinken. In völlig geistiger Weise, allein durch die Erkenntnis, den Brahmanismus, der Askese und Selbstpeinigung zu Hilfe ruft, hinter sich zurücklassend, will der Buddhismus diese„Erlösung“, die also nichts weiter ist als eine vollkommene Welt= und Lebensverneinung, erreichen. So bieten diese Religionen überhaupt keine Erlösung, denn was ihnen Erlösung ist, das Versinken in die tote Geistigkeit, ist nur eine Vernichtung der Persönlichkeit und noch dazu nicht allen möglich. Denn es darf nicht übersehen werden, daß die Erlösung nur durch die vollkommene Zurückgezogenheit von der Welt, also eigentlich nur Priestern und Mönchen, erreichbar ist. Für den, der den Acker baut, der in irgend einer Weise an dem Leben der Welt mitarbeitet, ist noch keine Erlösung da; er muß in einer kommenden Inkarnation erst zu einer höheren Erkenntnis gelangen, die ihn von der Sinnenwelt abwendet. Es ist aber auch letzten Endes keine Möglichkeit für die Betätigung sittlicher Kräfte gegeben, denn auch die Begeisterung für das Gute muß als eine Leidenschaft, also etwas Ungeistiges, überwunden werden. Den Chinesen ist Gott der einfache Inbegriff aller in der Natur waltenden Kräfte. Aus dem Walten der Kräfte der Natur, also aus Nachdenken über das Wesen der Welt, wollen sie eine Religion der Liebe ableiten können. Zu dem Zweck idealisieren sie die in der Welt waltenden Kräfte und legen ihnen ethischen Charakter bei. Sie kommen also nicht zu der Lebensverneinung der anderen Religionen, sondern konstruieren eine positive religiöse Naturphilosophie. Das Ziel des Menschen ist, in Harmonie mit dem aus dem Walten der Naturkräfte erkannten Gott zu leben und zu denken; er erreicht das Ziel, wenn er wird wie die Kräfte der Natur, die unscheinbar, selbstlos, von innen heraus wirken. Auch hier soll sich einheitliche, in sich geschlossene, logische Welterkenntnis ergeben— einheitlich um den Preis, daß die Welt und die Naturkräfte nicht ihrer wahren Natur entsprechend betrachtet werden. Die Ausgestaltung der chinesischen Religion ist daher bei den einzelnen Denkern verschieden. Je mehr sie der Wirklichkeit und dem natürlichen Verlauf der Dinge samt den treibenden Kräften ins Auge schauen, desto geringer ist der ethische Gehalt, den sie ihrer Religionsphilosophie geben können; je mehr es ihnen auf ethischen Gehalt ankommt, desto mehr müssen sie sich von der Wirklichkeit entfernen. Manche Denker kommen dabei in ihrer Lehre zu einer wirklichen Verwandtschaft mit dem Christentum. Alle lassen den überlieferten Ahnenkult als belanglos bestehen. Der Hinduismus ist die in Indien volkstümliche, neben Buddhismus und Brahmanismus dahingehende Religion, die diese zu durchdringen und eine wärmere, lebendigere Frömmigkeit zu bringen sucht, auch für die niederen Kasten, denen die starre Kälte der beiden anderen Religionen unmöglich Befriedigung bieten kann. So wird er Kompromißreligion. Er bringt dabei die merkwürdige Lösung des Problems zustande, zugleich monotheistisch und polytheistisch zu denken, indem er alle Götter nur als Erscheinungsformen des einen höchsten Gottes erklärt. Diese theoretische Auffassung, die dem Bestreben, ethischer Monotheismus zu werden, Genüge leisten soll, kommt dem Volke kaum zum Bewußtsein, um so weniger, als die unsittlichsten, polytheistischen Kulte geduldet werden. Je nach Umständen ändert der Hinduismus Charakter und Gesicht und sucht die unvereinbarsten Gegensätze miteinander zu verschmelzen oder sie zu überbrücken. So verwischt er auch den Gegensatz zwischen Gott und Welt, zwischen Gut und Böse; in Gott seiend steht der Mensch Sonntagskeier. Nun sich die Nacht zu Tale neigt, wie leuchtend alles Leben steigt und mag doch heut nicht jauchzend gehn, nur Ihm zu dienen, stille stehn. Durchs Land ein heilig Schauern weht, fromm neigt der Halm sich zum Gebet. Das stillste Blümlein leuchtet klar und weiht sich Gott zum Festaltar. Der blaue Dom, so licht, so weit! Und alles harrt und steht bereit. O Mensch, zeuch deine Schuhe aus, wenn du eintrittst in Gottes Haus! Hermann Trebbin, Müllrose. über Gut und Böse; er muß nur all sein Tun, sei es ethisch oder unethisch, als in Gott getan betrachten. Er sucht eben das höchste Prinzip aufrecht zu halten, eine in sich einheitliche logische Religion, die alles erklärt, zu sein; er opfert ihm alle ethischen Ansätze, die er unzweifelhaft, ohne sich das eingestehen zu wollen, dem Christentum zu verdanken hat, mit dem er seit Jahrhunderten in Berührung steht. Diesen auf einem Gedankensystem aufgebauten, als Denken über die Welt unangreifbaren Religionen steht das Christentum als ethische Religion gegenüber. Es lebt von der Gewißheit, daß Gott ethische Persönlichkeit ist und mit all seinem Walten auf die Gestaltung der ethischen Persönlichkeit des Menschen abzielt und von jeher abgezielt hat. Nicht als ob das Christentum auf das Denken verzichtete. Aber in der Frage„geistig oder ethisch als höchstes Ziel?“ wird ihm durch die ethische Persönlichkeit Gottes das Ethische als alleiniger Wertmesser für die Religion klar angezeigt, und die ethischen Forderungen des Gottes der Liebe werden als alles durchdringende und beherrschende Gesetze erwiesen. Hinter dieser lebendigen und lebenschaffenden Natur des Christentums tritt das Bestreben, ja der Wahn, das Wesen der Welt erkennen und restlos erklären zu können, völlig zurück. Wir sehen uns auf Schritt und Tritt vor unerklärlichen Geheimnissen stehen, und Gott und Gottes Tun bleibt ein unergründliches Rätsel für uns; er wohnt in einem Dunkel, da niemand zu kann. Immer wieder haben auch die Christen versucht, das Walten Gottes und den natürlichen Weltenlauf in Einklang zu bringen; nie ist es gelungen. So verharrt das Christentum in Unfertigkeit, aber gerade weil sein Denken mehr in die Tiefe geht und daher notwendig unvollendet bleiben muß. Das Bekenntnis dieser Unvollendetheit verstandesmäßigen Denkens braucht es nicht zu scheuen; denn Halt und Richtung für unser Leben kann kein Wissen und keine Erkenntnis uns geben. Die höchste Erkenntnis ist, daß alles, was uns umgibt und um uns her vorgeht, undurchdringliches Geheimnis ist. Aber über aller Erkenntnis und über aller scheinbaren Ungerechtigkeit und Sinnlosigkeit, über allen Widersprüchen steht, Hand in Hand gehend mit der historischen, die innere Offenbarung, die uns das Bild des Gottes der unbegrenzten Liebe als einen Strahl von Gott selbst gesandt gibt und uns nicht irre leiten kann. Aus dieser Quelle stammen die Lebenskräfte, von denen das Christentum sich nährt. Es lebt in der unerklärlichen, vom Bösen beherrschten Welt von der Hoffnung auf eine bessere, von Gott selbst herbeigeführte Welt; es lebt und handelt in der Welt, nicht um von ihr frei zu werden, sondern um, ergriffen von dem Liebeswillen Gottes, der geheimnisvoll wirkenden Kraft des göttlichen Willens den eigenen Willen völlig hinzugeben zu ethischem Tun. Nicht als ob dadurch das Reich Gottes auf Erden kommen sollte; das ethische Tun des Menschen ist gleichsam nur eine mächtige Bitte zu Gott, daß er das Reich bauen möge, denn das geschieht durch Gott allein. Aber das lebenbejahende Tun des Menschen muß freudig über die Grenze hinwegschreiten, die dem Denken, das zur Lebensverneinung führt, gezogen ist. Und Kultur kann nur auf ethische Welt= und Lebensbejahung zurückgehen. Darum — Schweitzer berührt das Problem wieder in seiner Kulturphilosophie und in seiner Selbstdarstellung— war keine der anderen Religionen, auch trotz tiefer ethischer Antriebe, imstande, eine der christlichen vergleichbare Kulturarbeit zu leisten. Wenn man einen wertvollen Schatz besitzt, so soll man das Bewußtsein um dieses Kleinod stets im Gemüt tragen, denn nur so kann dem Wesen und Leben des Eigners das Gepräge des kostbaren Besitzes aufgedrückt werden. Von den östlichen Religionen können wir hier unendlich viel lernen. Mit ihrer Ruhe und Sammlung, ihrer Geschlossenheit und Innerlichkeit schauen sie auf unsere Unruhe und unser ungesammeltes Wesen herab und sind sich dieser ihrer Ueberlegenheit wohl bewußt. Aber sie fragen auch nach den Früchten unserer ethischen Religion. Denn wir haben das, was wir als Ideal aufstellten, nicht verwirklicht. Wir haben nicht den Beweis für den eigentlichen Charakter des Christentums, eine Frömmigkeit aus innerer Nötigung zu sein, erbracht. Wir haben es uns zu leicht gedacht, den Geist Jesu zu besitzen; ja, wir sind ihm im Kriege in furchtbarer Weise untreu geworden, so daß nicht nur der äußere Eindruck den östlichen Religionen Anlaß zu scharfer Kritik gibt, sondern der Anspruch des Christentums, die höchste, ganz ethische Religion zu sein, von ihnen mit Recht in Frage gestellt werden kann. Um so dringender wird uns damit die Verpflichtung auferlegt, mitten unter Bolschewismus und Gottlosenpropaganda, mitten unter dem herabgeminderten sittlichen Fühlen und Wollen und den daraus folgenden Verfallserscheinungen, die in allen menschlichen Beziehungen zutage treten, die bewahrenden, aufbauenden, reinigenden Kräfte des Christentums wirksam werden zu lassen.„Die christliche Religion ist ein mächtiges Wesen für sich, woran die gesunkene und leidende Menschheit von Zeit zu Zeit sich immer wieder emporgearbeitet hat“ hören wir aus Goethes Munde. Und welche Tiefe edelster Kultur ihm im Christentum beschlossen war, zeigt sein anderes Wort: „Mag... der menschliche Geist sich erweitern wie er will, über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinaus können.“ Das gilt heute, wie es vor hundert Jahren galt. Schweitzers Schrift, ursprünglich an Missionare gerichtet, die„das Christentum gegenüber den andern Weltreligionen zu verteidigen haben“, zeigt ihnen und uns, worin die Einzigartigkeit des Christentums und seine besondere Tiefe besteht. M. Schröder. Braucht der neuzeitliche Mensch keine Bibel mehr: „Das kommt ganz darauf an, was der neuzeitliche Mensch will.“(So beginnt ein Flugblatt, herausgegeben von der Privil. Württ. Bibelanstalt, Stuttgart, das jedem in beliebiger Zahl kostenlos zur Verfügung gestellt wird.) Aber wie steht es heute tatsächlich mit dem Bibellesen bei uns Christen? In welcher Familie finden wir einen regelmäßigen Bibelleseplan, an Hand dessen nun die täglichen Bibelstunden erfolgen? Gewiß, die Bibel ist vorhanden, gut in einer Ecke aufbewahrt, aus der Konfirmationszeit von Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter, und daher ein liebes Andenken— weiter nichts. Kommt nun zufällig jemand aus der Familie in den Konfirmandenunterricht, so holt man die Bibel nach jahrelangem Verweilen aus der Ecke, bläst den reichlich angesammelten Staub herunter, und nach Absolvierung der beiden Jahre kommt sie wieder an ihren Platz. So ist es doch, aber so soll es nicht sein! Das Buch der Bücher soll zu unserm täglichen Handbuch werden.(Ich erinnere an den engl. Premierminister Macdonald, der eine alte, abgenutzte Bibel auf seinem Arbeitstisch liegen hat.) Daß die Bibel nicht zu unserm täglichen Handbuch geworden ist, beweist, daß wir sie noch nicht entdeckt haben. Wir müssen die Bibel erst neu entdecken, um sie lieb zu gewinnen. Gibt es ein Buch, das so weit in die Weltgeschichte zurückgreift wie die Bibel? Und was für ein Geist leuchtet aus der Bibel? Es ist der Geist der Männer, die Gott geschaut haben, denen Gott begegnet ist! Und wimmelt heute die Welt auch nicht von sog. Gottsuchern, die ihren Gott aber an der verkehrten Ecke suchen, sich eigene Götter machen, dann verzweifeln und hilflos dastehen? Schreit heute nicht alles nach Wahrheit,„die Wahrheit wollen wir, die Gerechtigkeit, nichts weiter"?— Aber das Suchen ist vergeblich, weil man sich auf Irrwegen befindet. Gerade die großen Wahrheitsschreier soll man zunächst prüfen, ob sie selbst die Wahrhei vertragen können, in dem man ihnen die Bibel vors Angesicht hält: Das ist die Wahrheit! Eine gewisse Unruhe wird sie packen, und sie werden, in den meisten Fällen, ausweichen. Aber all die neuen Rezepte, geschrieben von den erstklassigsten Geistesheroen, helfen auch nichts. Mögen sie immer wieder die Bibel mit ihrem Verstand ablehnen:„.6n Kreu# Was der Verstano aolehnt, braucht oas Herz nicht zu leugnen!„Suche Jesum und sein Licht, alles andere hilft dir nicht!“ Greife zur Bibel, und lasse den Geist der großen Gotteskämpfer auf dich wirken. Man sieht dann die heutige Zeit und ihre Kämpfe um die schwerwiegenden Probleme mit ganz anderen Augen. Lerne das stille, verborgene Bibellesen, und du wirst selbst stille, lernst das Schweigen, und denkst darüber nach, was bisher in deinem Leben verkehrt war, und wie der zukünftige Weg mit Gottes Hilfe sein soll. Mit eisernem Fleiß muß man sich das, was die Bibel bietet, erarbeiten, mit scharfer Konzentration auf sich einwirken lassen, so wird man die wahren Tiefen dieses herrlichen Meeres bald schauen. Der heutige Mensch verlangt täglich etwas Neues, Abwechslungsreiches. Das gibt eben die Bibel, wenn sie mit den richtigen Augen und dürstender Seele gelesen wird. Und Gott läßt sich finden von dem, der ihn ernstlich sucht! Des Menschen Verlegenheit ist Gottes Gelegenheit! Aber beim ersten Spatenstich stößt man noch nicht auf Gold. Grabe mit eisernem Fleiße, verzage nicht und sage stets: Ichwill! So ist bald das Buch des Lebens dein Leben! Kurt Süselbeck. „Wir haben noch das alte Evangelium. „Brüder und Schwestern, wir haben noch das alte Evangelium; sollte es nicht auch unter uns die alte Kraft erweisen, uns geschickt machen zu allem guten Werk?“ Mit diesen Worten hat am 10. September 1831 im Bergedorfer Boten Amalie Sieveking ihren„Aufruf an christliche Seelen“ eingeleitet. Wir wissen, um welche Not es sich damals handelte: In Hamburg war eine verheerende Seuche ausgebrochen. Die Cholera forderte ein Opfer nach dem andern. Ungeheuer groß war das Elend vor allem in den ärmsten Vierteln der Stadt. Die Krankenhäuser brauchten dringend Hilfe jeder Art. Amalie Sieveking hatte sich zum freiwilligen Hospitaldienst gemeldet— ein in der damaligen Zeit aufsehenerregender Fall; denn einer„Dame“ traute man nicht die notwendige praktische Geschicklichkeit und Ausdauer zu. Sie erzählt später selbst von diesem anfänglichen Mißtrauen, aber auch von der folgenden Anerkennung im Dienst. Hatte ihr Aufruf den„christlichen Mitschwestern“ nur erst als Anregung gegolten, so trieben die Erfahrungen dieser Hospitalzeit sie zu dem weiteren Schritt, eine„eigentliche barmherzige Schwesternschaft" zu gründen. In dem von ihr ins Leben gerufenen Verein für Armen= und Krankenpflege wurde der Grundstein dieses Werkes gelegt. Heute— nach 100 Jahren— ist uns die Schwesternschaft eine Selbstverständlichkeit geworden; heute gibt es ungezählte Vereine zur Armen= oder Krankenpflege; heute ist das gesamte Wohlfahrtswesen so genau organisiert, daß manche denken, es sei genug geschehen und bedürfe der persönlichen Mitarbeit der einzelnen evangelischen Frau nicht mehr. Solcher nicht selten gehörten Anschauung möchte ich am liebsten den ganzen Aufruf der Amalie Sieveking noch einmal vor Augen halten und ins Gewissen bringen. Aber auch Auszüge daraus können schon deutlich machen, was— nach 100 Jahren!— für unsere Notzeit noch Bestand hat. „Aber, hat auch ein jeder unter uns schon einen ernstlichen Anschlag gemacht, was nach dem Maße der ihm verliehenen Mittel und Kräfte von ihm erwartet werden dürfte als Beitrag zur Milderung jenes(heute: des gegenwärtigen) Elends, auf daß er nicht dereinst erfunden werde als ein ungetreuer Haushalter der mancherlei Gnaden Gottes?“ Hier erinnert Amalie Sieveking uns an das alte Evangelium, das wir„noch haben“. Wem fiele bei ihrer Ermahnung nicht ein das Apostelwort von den mancherlei Gaben, mancherlei Aemtern, mancherlei Kräften!(1. Kor. 12.) Wer könnte sich noch als unbefähigt auszureden versuchen gegenüber solchem Wort, das alle Einwendungen gegen den Dienst der Liebe vorwegnimmt! Wen träfe nicht die Wahrheit, daß in Christo Jesu nur der Glaube gilt, der durch die Liebe tätig ist!(Gal. 5,.) Lassen wir uns nun durch Amalie Sieveking noch einmal aufrufen zum Dienst der Barmherzigkeit, so trifft ein aus späteren Jahren gegebener Hinweis auf die rechte Art der Armenpflege das Gewissen des einzelnen ganz besonders in unserer Zeit der organisierten Wohlfahrt. Hört!„Es ist nicht genug, daß wir unseren hilfsbedürftigen Brüdern und Schwestern ein Stück totes Metall geben, auch nicht genug, daß wir unsere Kräfte in ihrem Dienst verwenden; wir müssen noch etwas Besseres ihnen mitteilen, etwas, das noch mehr unser eigen ist: wir müssen vor allem unser Herz sie finden lassen.“ Gewiß ist heute das tote Metall außerordentlich wichtig. Aber, verliert es an Wert, wenn du es lebendig werden läßt? Kostet es dich mehr, eine bestimmte Summe zur Unterstützung Bedürftiger hinzulegen, als für die gleiche Ausgabe das Kind eines Arbeitslosen an deinen Tisch zu nehmen?(Wenn es auch nur, deinen eigenen Verhältnissen entsprechend, wenige Male sein kann.) Ist es zuviel verlangt, die Kleine, der du ein Kleid schenken willst, in deinem Hause anprobieren und so an der Vorfreude teilnehmen zu lassen? Wie wäre es, wenn du einen Jungen selbst zum Schuster führtest, damit sein Schuhwerk ausgebessert wird? Könntest du deiner kranken Bekannten wohl ein Viertelstündchen etwas vorlesen, anstatt ihr nur das Buch hinzuschicken? Hast du einmal den Versuch gemacht, den um Almosen Bittenden an deiner Hausandacht teilnehmen zu lassen? Bringst du um Jesu willen einem Strafentlassenen soviel Vertrauen entgegen, daß du ihn in Arbeit nimmst? Das möchten nur ein paar Winke sein. Und vielleicht beantwortest du jetzt meine vorhin gestellte Frage so:„Ja, wohl kostet das alles mehr als die flüchtige Art des Wohltuns; denn es kostet mehr Zeit, mehr Kraft, vor allem aber, es kostet wirklich ein ganzes Herz.“ Aber vielleicht fügst du auch gern hinzu:„Doch, ich gebe es freudig, das ganze Herz; denn unser Heiland hat gesagt:„Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ Darum laßt uns in allem Ernst bedenken: Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann!(Joh. 9,.)— und laßt uns dankbar bezeugen: Wir haben noch das alte Evangelium! Fr. Kameradschaftliche Aufbau=Urbeit. Eine Frucht der schweren Kriegsjahre ist die Kameradschaft, die nach dem Zusammenbruch Millionen von Kämpfern vereinigt zu kameradschaftlicher Aufbauarbeit. Diese kameradschaftlichen Vereinigungen haben unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten ihre Arbeit getan. Wie Mannigfaltigkeit einst bei den Aufgaben der Truppe herrschte, so auch jetzt bei den friedlichen Aufgaben der Arbeit am Wiederaufbau des Vaterlandes. Kameradschaftliche, vaterländische, politische, soziale, humane und religiöse Ziele werden bald stärker, bald schwächer betont. Aus der Fülle der kameradschaftlichen Zusammenschlüsse sei heute einer genannt, dessen Gründung im Juli 1918 erfolgte, während noch die Kanonen ihre ernste Sprache redeten. Wir meinen den Kriegerdankbund e.., Berlin SW. 11, Bernburger Str. 34. Er ist ein Bund christlicher Krieger und Soldaten, entstanden nach dem Vorbild des 1871 ins Leben gerufenen Kriegerdankvereins fürs Siegerland in Westfalen. Der Name soll zum Ausdruck bringen, daß die Bundesglieder den Dank für so manches Große, innere und äußere Erleben während des Krieges nicht vergessen, sondern den Dank zur Tat werden lassen wollen. Der Bund hat Ortsgruppen und Einzelmitglieder in ganz Deutschland. In seinen Reihen fühlt sich jeder wohl, der christliche Kameradschaft und Brüderschaft sucht. Hier ist ein Platz, wo ehemalige Soldaten und Krieger im Geiste der Wahrheit und Liebe untereinander verkehren. Der Kriegerdankbund ruft zum Kampfe, nicht mit Waffen oder in der Politik, sondern zum Kampf für die heiligsten Güter unseres Volkes gegen Entsittlichung und Entchristlichung. Seine Kampfmittel sind Wort und Schvift, Volksmissionen in verschiedenen Formen und die Tat der Liebe gegenüber Not und Elend unter den Kameraden. Er hat eine prachtvolle Kriegerheimat im Welzheimer Walde in Württemberg auf einem 71 Morgen großen Gelände und ein Erholungsheim in Ostpreußen am Ostseestrande für seine Mitglieder geschaffen. Das Bundesorgan heißt: „Stimme des Dankens“ und erscheint monatlich in Berlin in der Bundesgeschäftsstelle Bernburger Str. 34. Auch dieses Haus ist Eigentum des Bundes. Die ruhige, zielbewußte kameradschaftliche Aufbauarbeit hat bisher unter Ausschaltung aller parteipolitischen Bestrebungen schöne Früchte getragen, zum Heil seiner Mitglieder und weiter Kreise unseres Volkes. Die diesjährige Generalversammlung des Bundes findet im September in Duisburg statt, wo sich auch eine Ortsgruppe des Bundes befindet. Am 6. September werden der weithin bekannte erste Vorsitzende, General von Oven, und der Bundeswart Nerlich im Börsensaal bei einem Lichtbildervortrage reden. Vom Blumenschmuck auf dem Altar. Unter der Ueberschrift: Rudolf Schäfer und der 84. Psalm bringt am 11. August an dieser Stelle G. Meister in Ebeleben eine kleine Abhandlung, die den Blumenschmuck in der Kirche, insbesondere auf dem Altar, zum Gegenstand hat. Es spricht daraus eine Vertrautheit mit den Gewächsen des Gartens, auch mit seltenen und vielfach vergessenen, die das Herz warm macht und vielleicht manchen Leser wie ein freundlicher, verständnisvoller Gruß berührt hat. Zu dem, was über den Schmuck des Altares und des Altarraumes gesagt wurde, muß aber doch einiges Ergänzende hinzugefügt werden, das einer anderen Erfahrung, einem anderen Gesichtswinkel entstammt. Solange der Blumenschmuck in der Kirche maßvoll und zurückhaltend angewendet wird, kann er seinen Zweck erfüllen und die Feierlichkeit des Gottesdienstes erhöhen. Aber ein Uebermaß an Blumen auf dem Altar verrät eine Einstellung unserer Zeit, die den innerlichen Sinn der kirchlichen Symbolik nicht mehr begreift. Es liegt hier eine Gefahr nahe, die dem freudigen Eifer mancher Gemeindeglieder nicht immer bewußt ist. Auf dem Altar steht das Kreuz als das klare, eindeutige Bekenntnis der Kirche zu ihrem Herren, stehen rechts und links die Leuchter mit den beim Gottesdienst brennenden Wachskerzen, als Symbol dessen, der als wahrhaftiges Licht in die Welt gekommen ist. Es liegt die Bibel vorne auf dem Altar und zur Abendmahlsfeier stehen Kelch und Hostienteller daneben. Alle diese Geräte sind für den Gottesdienst wesentlich, ebenso wie das Tuch aus reinem weißen Leinen, das den Altar bedeckt. Wer sich dieser Tatsache bewußt ist, wird ganz von selbst die Blumen zu einem zarten, unaufdringlichen Schmuck verwenden. Er wird nicht in den Fehler verfallen, Kreuz und Leuchter durch die Fülle der Blumen zu verdecken. Auch den Altarraum in einen„kleinen heiligen Hain“ zu verwandeln, bringt die Gefahr mit sich, daß die Bedeutung des Altares dadurch verwischt wird. Wohl können ein oder zwei Sträuße frischer Blumen zeigen, daß die Gemeinde zum Feiern versammelt ist, aber es spreche aus ihnen dieselbe Einfalt, mit der Maria von Bethanien ihr Nardengefäß brachte. Auch etwas von der herben Strenge, die sich in der alten Kirchenmusik findet, und deren Kraft unsere Zeit wieder zu spüren beginnt, wärg uns in den sichtbaren Dingen des Kirchenraumes eine heilsame Schule. Blumentöpfe verwende man mit Maß. Sie sollten nicht an die Stelle der fvisch geschnittenen Blüten und Zweige treten, solange sich solche noch beschaffen lassen, Auf alle Fälle sorge man bei Blumentöpfen für geeignete Untersätzer, ohne welche das weiße Leinentuch leicht beschmutzt wird. Auch zu den Gefäßen muß noch ein Wort gesagt werden. Es wird nicht jeder metallenen Vasen zustimmen: sie stehen den Blumen nicht wohl an. Es ist auch bedenklich, wenn sie aus demselben Material hergestellt sind, wie die Leuchter, denn sie sollen gegen diese zurücktreten. Schlichte Tongefäße sind, besonders in ländlichen Kirchen, sehr wohl denkbar, aber warum kein Glas? Stengel der Blumen sind darin sichtbar und das ist für ihre Schönheit sehr wesentlich. Auch verschwindet die Glasvase auf dem Altar fast gänzlich und in ihrer durchsichtigen Zerbrechlichkeit ist sie nichts weiter als ein Gefäß. ohne besonderen Selbstzweck. Vorausgesetzt muß freilich werden, daß sie für den Altar möglichst ohne Schliff und von sehr einfacher Form ist. Das hier Gesagte soll keine Regel, keine Vorschrift sein; es soll nur zum Nachdenken anregen und zur Selbstprüfung und denen einige Winke geben, die das Amt des Blumenschmuckes in der Kirche übernommen haben. Irmentraut v. d. Schulenburg, Vorsitzende der Marienberger Vereinigung für evangelische Paramentik. vierte Pfarrerlehrgang. für neuzeitliche Leibesübungen fand vom 17.—26. August im Eichenkreuzheim in Kassel=Wilhelmshöhe statt. Immer mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß Kirche und Sport keine Gegensätze sind, sondern daß sich beide not wendigerweise ergänzen müssen. Vor zehn und mehr Jahren war ein sporttreibender Pfarrer eine Einzelerscheinung, über die gespottet oder gelächelt wurde. Heute ist es anders geworden. Da gehört zur kirchlichen Jugendpflege auch der Sport; also müssen auch die Leiter und Führer derselben selbst mit dem Sport in Theorie und Praxis vertraut sein. Dazu wollen die Turnlehrgänge im Eichenkreuzheim mithelfen. Auch der Staat bringt diesen Lehrgängen Interesse entgegen, das geht daraus hervor, daß er Beihilfen für die Fahrt und den Aufenthalt gewährt. Auch diesmal waren mehr als 50 Pfarrer aus allen Gegenden Preußens zusammengekommen. Wer glaubte, daß dort in Wilhelmshöhe Erholungs= und Ferienzeit sei, der sah sich darin enttäuscht; im Gegenteil, es war eine Woche höchster körperlicher und geistiger Anstrengung. Aber gerade die körperliche Arbeit brachte schnell die gegenseitige Annäherung und das Sichkennenlernen zustande. Der Verlauf eines Tages sei hier kurz geschildert. Früh morgens 6½ Uhr Wecken von einem des Posaunenblasens kundigen Amtsbruder. Im Sportanzug ging es dann zum„Lungenfrühstück“, dem sogenannten Waldlauf. Anschließend ein Brausebad und weiteres Ankleiden, 7½ Uhr gemeinsames Frühstück und von—10½ Uhr Bibelbesprechung und wissenschaftlicher Vortrag über „Kirche und Sport“, gehalten von Studentenpfarrer Kunze aus Leipzig. Die Zeit von 11 bis 12 Uhr war für Leibesübungen und Gymnastik bestimmt, 12½ Uhr gemeinsames Mittagessen und anschließend bis 15 Uhr stille Zeit. Nach dem Nachmittagskaffee von 16—17½ Uhr wieder wissenschaftliche Arbeit, die insbesondere auf die Bedeutung der Leibesübungen im Vereinsleben hinwies. Von 17—19 Uhr fanden wieder praktische Uebungen auf dem Sportplatz statt; insbesondere wurden Spiele, volkstümliches Geräteturnen, Hindernisturnen, leichtathletische Uebungen, Ballbehandlung(Medizinball, Hohlball, Schlagball), Volks= und Massenspiele veranstaltet. Der Abend war wieder bis 21½ Uhr mit wissenschaftlicher Arbeit ausgefüllt. Ein reichhaltiges Programm. Aber die Leiter der wissenschaftlichen Arbeiten und insbesondere der der praktischen Uebungen, Reichsturnwart Müller aus Witten, verstanden es, alle Teilnehmer ohne Ausnahme zu fesseln, so daß am Schluß des Lehrganges nur ein einziges Lob über die Veranstaltung laut wurde. Der dazwischenliegende Sonntag wurde zum Besuch eines Ferienzeltlagers in Landau benutzt. Reichsturnwart Müller, der Führer dieses Ferienlagers, zeigte dort auch wieder sein großes Können und die Liebe, die er zum Eichenkreuzwerk im Herzen trägt. Das Jugend= und Volksfest am Sonntagnachmittag zeigte gleich die praktische Auswertung der Leibesübungen innerhalb der Eichenkreuzarbeit. Aufs Ganze gesehen kann man nur sagen, daß Kirche und Sport keine Gegensätze sind, sondern aufeinander angewiesen sind, ja zusammengehören. Wer die 50 Pfarrer in einheitlicher Sportkleidung auf dem Sportplatz gesehen hat, wird wohl kaum auf den Gedanken gekommen sein, daß er hier Pastoren vor sich hat. Wer aber selbst mitgemacht hat, weiß sehr wohl, wie wichtig der Sport und jede andere turnerische Bewegung für die Jugendarbeit ist. Die kirchliche Jugendarbeit, zumal das Eichenkreuzwerk, will den ganzen Menschen erfassen, d. h. für Leib und Seele sorgen. Während viele Sport= und Turnvereine nur an die Weiterbildung des Leibes denken und damit nur einseitig den Menschen erfassen, will alle kirchliche Jugendpflege dem ganzen Menschen dienen. Darum sollten wir Pfarrer es immer mehr verstehen lernen: Leibesübungen und sportliche Betätigung sino keine Hemmnisse für unsere kirchliche Arbeit an der Jagend, sondern recht angewandt fördern sie unsere und helfen uns immer mehr, die Jugend für die Firchligh Vereinsarbeit zu gewinnen, weil es dann auch die verstehen wird, daß bei unserer Arbeit Leib und Seele ihrem Rechte kommt. M. K. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitts: Dr. H. Huttel: Enzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel.