# O Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechomal.— .36 Bestellgebühr, beim eigenen Au=land unter Streifband.85(H 635 Ausland Einzelnummer 10 Pfg. — Peete Pgege.# P8 Postscheckkonto el): Preis der Kansmer Giert. miit den Beilagen„Für Herz und „Kindergabe“ und„Ausen Ziel.“ Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennia, Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 26 g je tausend 15 Mi. Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Schluß der A Nr. 199. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bieleseld), Donnerstag, den 27. August 1931. 13. Jahrgang. Leicht ehrest du der Himmlischen Allmächtigkeit, Wo du auf Erden walten siehst Gerechtigkeit. Doch eins ist schwer und eins ist not: auf Gott vertrauen, Auch wo zu siegen scheint der Menschen Schlechtigkeit. Rückert. im gz izii imimi MMMNMNMMNMNMNMN Umschau. — Frankreichs Vormarsch.— Das Baseler Ergebnis.— Ungarns Weg.— Paris=Moskau.— Rücktritt der englischen Arbeiterregierung.— Bildung einer „Nationalregierung“.— Paris entfaltet in den letzten Wochen eine außenpolitische Aktivität, die einfach erstaunlich ist. Die Franzosen wissen genau, daß in wirtschaftlicher Beziehung die Zeit gegen sie arbeitet. Man merkt sehr wohl, daß allenthalben in der Welt die große internationale Weltwirtschaftskrise immer deutlicher als eine unmittelbare Folge der unhaltbaren Tribute und Friedensdiktate erkannt wird. Und so sucht Frankreich mit fieberhaftem Eifer die Entwicklung der Dinge politisch zu seinen Gunsten zu entscheiden, bevor die wirtschaftliche Vernunft an den internationalen Verhandlungstischen praktischere Gestalt anzunehmen beginnt. Daß der französischen Politik hierbei in dem aufgehäuften Tributgold ein unschätzbarer Helfer entstanden ist, wird heute mit Entsetzen auch von jenen Staaten erkannt, die Frankreich zu seiner gegenwärtigen Machtstellung verholfen haben. Auch die Baseler Finanzverhandlungen haben einen unbestreitbaren Erfolg Frankreichs ergeben. Man hatte sich im Anschluß an die Londoner Konferenz in Basel die Aufgabe gestellt, den Kreditbedarf Deutschlands zu prüfen und die Umwandlung der nurzfristigen Kredite in langfristige vorzubereiten. Das einzige, was bei all den langwierigen Beratungen herauskam, ist der Beschluß, uns den Rest der kurzfristigen Kredite noch für weitere sechs Monate zu belassen— und auch das nicht ohne weitgehende Zugeständnisse Deutschlands hinsichtlich der ausländischen Markguthaben. Das praktische Ergebnis ist also wirklich nicht erhebend. Was der Baseler Bericht im übrigen über die Lage Deutschlands sagt, ist teilweise ganz schön, aber im ganzen sehr wenig logisch. Auch in Basel hat man einsehen müssen, daß die Tribute letzten Endes nur mit einer entsprechenden Steigerung der deutschen Ausfuhr bezahlt werden können. Dennoch kommt der Baseler Sachverständigenbericht zu der These, daß „eine Steigerung der deutschen Ausfuhr in dem entsprechenden Ausmaß nur auf Kosten anderer Länder geschehen könne, wodurch die Weltdepression verschärft und die anderen Länder zu Gegenmaßnahmen gezwungen werden würden!" Aus dieser Sackgasse weiß man sich keinen besseren Rat, als die Regierungen aufzufordern, ihrerseits„zu handeln“, womit die ganze Angelegenheit— ganz im Sinne Frankreichs— wieder auf das politische Geleise geschoben ist. Die Mahnung des Layton=Berichtes,„in der Ergreifung der notwendigen Maßnahmen keine Zeit zu verlieren und unverzüglich eine Lage zu schaffen, die es ermöglicht, Finanztransaktionen durchzuführen, um Deutschland und dadurch der Welt die so dringend benötigte Hilfe zu bringen!“, spielt ganz unzweideutig auf das deutsch=französische Verhältnis an. Und wenn dann ferner die Neuregelung der Beziehungen„zwischen Deutschland und anderen europäischen Mächten auf der Grundlage freundschaftlichen Zusammenarbeitens und gegenseitigen Vertrauens" verlangt wird, dann ist zu sagen, daß Deutschland schon seit zwölf langen, harten Jahren geradezu unmenschliche Opfer gebracht und schwerste Demütigungen auf sich genommen hat, um den Beweis seines guten Willens vor aller Welt zu erbringen. Es war vergeblich. Frankreich hat alles getan, um trotz alledem ein„freundschaftliches Zusammenarbeiten und gegenseitiges Vertrauen“ im Keime zu ersticken. Etwas anderes lag auch gar nicht im Sinn der französischen Politik. Frankreich will sich gar nicht verständigen, sondern es will herrschen. Es will kein Vertrauen, sondern Unterwerfung. Während es Frankreich in Basel gelungen ist, eine sofortige Hilfe für Deutschland zu durchkreuzen und in dieser Beziehung alles in der Schwebe zu halten, ist es mit nicht weniger Erfolg daran gegangen, seine politische Stellung in Ost= und Südosteuropa ganz erheblich zu verslarken. Kaum hatten wir in unserer letzten„Umschau“ die Vermutung eines ungarischen Kurswechsels ausgesprochen, als auch schon der Rücktritt des ungarischen Ministerpräsidenten Graf Bethlen gemeldet wurde, der den Franzosen wegen seiner italienfreundlichen Politik schon immer ein Dorn im Auge gewesen ist. Graf Bethlen hat zwar erklärt, daß mit seinem Rücktritt eine Schwenkung in der ungarischen Außenpolitik nicht verbunden sei; aber die internationale Anleihe für Ungarn, an der Frankreich mit erdrückendem Uebergewicht beteiligt ist, sowie die so plötzlich einsetzenden ungarischfranzösischen Handelsvertragsverhandlungen reden doch eine zu deutliche Sprache, als daß nicht die ernstesten Bedenken am Platze wären. Hinzu kommt, daß gleichzeitig und an demselben Ort— nämlich in Lillafüced— auch Verhandlungen zwischen den Ungarn und den Tschechoslowaken stattfinden und in„freundschaftlichem Sinne fortgesetzt werden". Auch wenn vielleicht im Augenblick eine völlige Schwenkung Ungarns von Italien in das französische Fahrwasser noch nicht vollzogen sein mag, so ist die wirtschaftliche und finanzielle Lage Ungarns immerhin derart kritisch, daß die freiheitsdurstigen Ungarn ihre letzten nationalen Energien einsetzen müssen, wenn sie den„goldenen Kugeln“ Frankreichs mit Ersolg Widerstand leisten wollen. Vor uns liegt eine Meldung aus Budapest mit folgendem Wortlaut: „Unter dem äußersten Druck der Situation mußte der Kredit in Paris abgeschlossen werden. Und trotz der vielfachen offiziösen Beteuerungen, daß mit seinem Abschluß politische Bindungen nicht verknüpft seien, verlautet doch aus sehr guter Quelle, daß Frankreich als Bedingung für die Teilnahme an dem Kredit eine Neugestaltung des außenpolitischen Kurses Ungarns gefordert hat.“ Und wenn demgegenüber der„Pester Lloyd“ schreibt, daß„die Stabilität der ungarischen Außenpolitik mit voller Sicherheit gewährleistet sei“, dann kann man nur sagen:—„hoffentlich!“... Es wäre schmerzlich, eins der freiheitliebendsten Völker der Erde unter dem Druck rein wirtschaftlicher Sorgen den Weg in das französische Vasallenlager gehen sehen zu müssen, nachdem es nicht nur im Weltkriege mit bewundenrswerter Tapferkeit an der Seite Deutschlands und Oesterreichs gefochten hat, sondern nachdem es auch in der Nachkriegszeit mit dem gleichen Mut und der gleichen Ritterlichkeit immer wieder für Recht und Gerechtigkeit eingetreten ist. Es wäre jammerschade, wenn gerade auch im Hinblick auf die nächstjährige Abrüstungskonferenz die Reihe der ehrlichen Rüstungsgegner um einen so wackeren Kameraden wie Ungarn gelichtet würde. Wie skrupellos Frankreich in der Wahl seiner Mittel ist, zeigen besonders deutlich auch seine Paktverhandlungen mit Sowjetrußland. Frankreich, das sich noch gestern nicht genug tun konnte in der Begeiferung des„fluchwürdigen bolschewistischen Moskau“, verhandelt heute mit diesem selben Moskau über einen Nichtangriffspakt, der für Frankreich ganz selbstverständlich eine gewaltige politische Entlastung in Osteuropa bedeutet. Inwieweit hierbei die neuerlichen finanziellen Schwierigkeiten bei der Durchführung des Fünfjahresplans und im Zusammenhang hiermit französisches Gold eine Rolle spielen, läßt sich im Augenblick noch nicht klar erkennen. Fest steht jedenfalls, daß Rußlands Interesse an Deutschland merklich abgenommen hat, seit die wirtschafts= und finanzpolitische Katastrophe über uns hereingebrochen ist, und daß es demgegenüber die wachsende Macht Frankreichs in Südost= und Mitteleuropa— zumal auch England gegenüber— sehr wohl einzuschätzen weiß. Wenn man russischerseits auch dem deutschen Gesandten in Moskau versichert hat, daß durch die schwebenden russisch=französischen Verhandlungen an den bestehenden deutsch=russischen Beziehungen nicht das geringste geändert würde, so würde es uns nicht im geringsten wundern, wenn Frankreich unter der Hand die feierliche Anerkennung der polnischen Grenzen durch Rußland durchdrücken würde. In diesem Falle wäre selbstverständlich jede Unterstützung der deutschen Revisionsbestrebungen durch die Sowjetunion ein für allemal ausgeschlossen. Gleichlaufende polnische Verhandlungen mit Moskau über einen Nichtangriffspakt werden zwar in aller Form dementiert, aber das ist eine Frage von sehr nebensächlicher Bedeutung. Denn Polen ist auch in diesem Falle Frankreich. Und wenn Frankreich mit Rußland ins Reine kommt, so wird es schon im eigensten Interesse dafür sorgen, daß auch Polen auf seine Kosten kommt, selbst für den Fall, daß es zum formellen Abschluß eines polnisch=russischen Paktes nicht kommt. Eine außerordentliche Erleichterung hat der machtpolitische Vormarsch Frankreichs in Europa durch die verhängnisvolle Schwäche erfahren, in der sich gegenwärtig England befindet. Wir sind die Letzten, die sich von etwaigen deutschfreundlichen Regungen der Engländer außenpolitische Wunder versprechen. Der Engländer ist Engländer und sonst nichts. Es sei nur erinnert an die Zeit des Ruhrkampfes, wo sogar die Gewerkschaft der englischen Grubenarbeiter gegen den Rückzug der Franzosen aus dem Ruhrgebiet Einspruch erhob. Und zwar deshalb, weil eine Wiederingangsetzung des Ruhrbergbaues den englischen Absatz an Kohle und somit natürlich auch die damals relativ hohen Bergarbeiterlöhne nachträglich beeinflussen müsse. Aber inzwischen ist die Entwicklung weiter gegangen, und heute liegen die Dinge so, daß nicht nur der Lohn der Bergarbeiter, sondern die Wohlfahrt des ganzen Landes auf dem Spiele steht. Und die Engländer wissen, daß ihr gegenwärtiger, so überaus kritischer Notstand genau so gut eine Tributkrise ist wie die deutsche Krise, der die englische auf dem Fuße gefolgt ist. Die Ueberwindung der englischen Krise macht derart scharfe Maßnahmen gerade auch in sozialpolitischer Hinsicht notwendig, daß die englische Arbeiterregierung daran gescheitert ist und einer Nationalregierung Platz machen mußte, die sich auf die Mitarbeit aller drei Parteien stützen will. Es steht natürlich kaum zu erwarten, daß die englische Arbeiterpartei mit Rücksicht auf die Forderungen der Gewerkschaften geschlossen hinter der neuen Regierung stehen wird. Aber den neuen Männern am englischen Staatsruder ist die Aufgabe gestellt, weniger auf parlamentarische Sonderwünsche Rücksicht zu nehmen, als vielmehr England als Ganzes vor dem Zusammenbruch zu retten. Nichts wäre verkehrter, als angesichts der heiklen Lage in England irgendwelche Gefühle der Schadenfreude aufkommen zu lassen. Denn der französische Imperialismus kann sich keinen besseren Bundesgenossen wünschen als die Schwäche Englands. Immerhin wäre zu wünschen, daß auch jenseits des Kanals immer mehr die Erkenntnis reifte, daß es letzten Endes England selber gewesen ist, das den Franzosen die Waffen in die Hände gespielt hat, die sich nun so unheilvoll gegen das englische Volk auswirken. Möchte Alexander Shaw— Direktor an der englischen Notenbank— nicht umsonst gesprochen haben, der dieser Tage erklärt hat,„die Beseitigung der Wirtschaftskrise erfordere eine weitgehende Beschränkung oder Aufhebung der Reparationen und Kriegsschulden. Diese Dinge von internationalem Charakter seien ein Hindernis für den Wiederaufbau Englands und der ganzen Welt. Jedesmal, wenn Handel und Konjunktur sich erholen wollten, tauche die ewige Reparationsfrage wieder auf und alles stürze aufs neue in sich zusammen. Im Grunde genommen sei die allgemeine Unruhe politischer und nicht finanzieller Natur und infolgedessen entwickelten sich Feindseligkeit und Furcht immer mehr, wodurch Europa in ein waffenstarrendes Lager verwandelt würde". Wann endlich werden die englischen Staatsmänner aus dieser Erkenntnis hervorragender Wirtschaftsführer die notwendigen Konsequenzen ziehen? Die italienische über die Baseler Finanzkonferenz In dem stark offiziösen„Popolo'Italia“ finden wir folgende Auslassungen über die Verhandlungen in Basel: „Zeitungen wie Finanzkreise von Basel drücken ihre lebhafte Befriedigung aus über das erreichte Ziel. Was den Bericht des Zehner=Ausschusses angeht, so behauptet man, daß über die wirtschaftliche und finanzielle Lage Deutschlands im besonderen und über die Lage Europas im allgemeinen bisher kein so wichtiges und bedeutungsvolles Dokument verfaßt sei wie dieses. Wenn dem so ist, so können wir Italiener uns darüber nur freuen. Um so mehr, als man beim Durchblättern des umfangreichen Berichtes auf Schritt und Tritt nicht nur leise Spuren sondern geradezu die wichtigsten Gesichtspunkte und Richtlinien wiederfindet, die von der italienischen Regierung und insonderheit ihrem Oberhaupt seit Jahr und Tag zu wiederholten Malen aufgezeigt wurden, beginnend schon bei der Londoner Konferenz von 1922. Das ist besonders dem Prof. Beneduce zu danken, der Italien in diesem Ausschuß zu vertreten hatte unter wirklich nicht leichten Bedingungen. Er hat es dahin gebracht, daß in weitem Maße den Gesichtspunkten unseres Landes Rechnung getragen wurde, die übrigens mit den Interessen der anderen Länder durchaus zusammenfielen. Zum Beweis unserer Auffassung wollen wir gleich hinweisen auf einen Abschnitt des Berichtes, in dem der Ausschuß auf die zwingende Notwendigkeit anspielt, den gesamten Komplex des Reparationsproblems in Verbindung mit den Problemen der Schulden zu revidieren. Der größeren Klarheit halber möchten wir gleich darauf hinweisen, daß alles, was Reparationen und Schulden angeht, für den Ausschuß verbotenes Gebiet war. Nach Wunsch der Londoner Konferenz hatte er sich nur zu beschäftigen mit der Verlängerung der kurzfristigen Kredite und anderen Fragen sekundärer Bedeutung. Und in der Tat: So oft der Verhandlungsgang dazu verführte, diese Grenze zu überschreiten, mahnten die französischen und belgischen Vertreter prompt die anderen Ausschußmitglieder, sich strikt an ihre Kompetenz zu halten. Weiter richtet der Bericht an alle beteiligten Regierungen den dringenden Appell, schleunigst Maßnahmen zu ergreifen, durch die man eine Finanzoperation ins Werk setzen könne nicht nur für Deutschland, sondern damit auch für die ganze Welt, die eine solche Hilfe so bitter nötig habe. Immer noch bleibt der Bericht auf dem„verbotenen Wege“, wenn er auf die dringend nötige Prüfung der Lasten Deutschlands anspielt und so fortfährt: Solange die gegenwärtigen oder eventuell weiter hinzutretenden Gläubiger Deutschlands die wahrscheinliche Zukunftsentwicklung nicht zu überschauen vermögen, bedeutet dies ein schweres Hindernis nicht nur für eine ernsthaftere Ausdehnung kurzfristiger Kredite, sondern auch für deren Verlängerung und erst recht für die Hergabe langfristiger Anleihen. Wir sind überzeugt, daß die Vertreter der verschiedenen Länder in London, wenn sie die Verantwortung auf sich nahmen, den Bankiers der verschiedenen Länder die Aufrechterhaltung der dem Reich zugestandenen Kredite zu empfehlen, sich durchaus darüber Rechenschaft gaben, daß ihr Vorschlag keineswegs eine Lösung des Poblems darstelle, sondern lediglich ein Mittel, Zeit zu gewinnen, während der man andere Maßnahmen zur Festigung der Finanzlage Deutschlands in die Wege leiten könne. Aber die Zeit drängt— so fährt der Bericht mit einer gewissen Feierlichkeit fort. Der Wirtschaftskörper, dessen Lebenskraft schon stark vermindert ist, wird in einem seiner wichtigsten Glieder ernstlich bedroht. Es ist schon eine partielle Lähmung eingetreten, die nur geheilt werden kann durch Wiederherstellung des freien Geld= und Warenumlaufes. Wir behaupten, daß sich dies verwirklichen läßt, wofern nur die Regierungen der ganzen Welt sich der Verantwortung bewußt werden, der sie entgegengehen, und eiligst Maßnahmen ergreifen zur Wiederherstellung des gestörten Vertrauens. Dazu ist notwendig, daß die Regierungen, bevor noch die Periode der Kreditverlängerung, wie sie von der Londoner Konferenz empfohlen wird, ihr Ende erreicht, aller Welt die Gewißheit geben, daß die internationalen Beziehungen auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens wirklich erneuert werden, eine unerläßliche Vorbedingung für jeden Wiederaufstieg, und daß die Zahlungen, die man Deutschland auferlegt, nicht mehr derartig sein sollen, daß sie die Erhaltung wirtschaftlicher Stabilität verhindern. An einer anderen Stelle des Berichtes ist klar zum Ausdruck gebracht, daß Deutschland auf Grund seiner wirtschaftlichen Struktur einen ungeheuer wichtigen Faktor im politischen Leben der Welt und insbesondere Europas bilde. Gerade aus diesem Grunde können die anderen Völker nur schwer aus der gegenwärtigen Depression, unter der sie alle leiden, herauskommen, solange nicht eine merkliche Besserung in der Lage Deutschlands eingetreten ist. Klipp und klar bemüht sich der Bericht zu zeigen, daß Deutschlands Geschicke aufs engste mit denen der übrigen Welt verflochten sind und daß deshalb eine Macht, die etwa aus ehrgeizigen Herrschaftsgelüsten in ihrer negativen und feindseligen Haltung zum Reich beharrte, es früher oder später bitter werde bereuen müssen. Schließlich bietet der Bericht noch eine ganze Reihe von Maßnahmen, die Deutschland wird anwenden müssen, um wenigstens den Versuch zu machen, während der 6 Monate, die ihm als Atempause zugestanden sind, seine prekären Finanzverhältnisse ins Gleichgewicht zu bringen, wenigstens solange sich noch keine günstigen AusDie Not der Jugend und die evangelische Erziehung. Ueber dieses Thema sprach Studienrat Schäfer in einer Versammlung des evangelischen Elternbundes für die höheren Schulen in Bielefeld. Da der Vortragende als Lehrer der alten Sprachen und der Geschichte am Bielefelder Gymnasium wirkt, bezieht sich seine Darstellung im wesentlichen auf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren. Wenn in dem entworfenen Bilde die Schattenseiten besonders betont sind, so ergibt sich das aus der Fassung des Themas, bedeutet also nicht, daß der Redner die wertvollen Ansätze in der heutigen Jugendentwicklung übersieht. Die in Frage kommende Entwicklungsstufe ist im Gegensatz zum Kindesalter durch das erwachende Selbstbewußtsein und die daraus sich ergebende Kampfstellung gegenüber allen Autoritäten ausgezeichnet, welche Eintellung durch die verlängerte Schulzeit noch ausgedehnt und vertieft wird. Andererseits ist heute der Schüler viel stärker ins Leben gestellt; Schule und Haus sind nicht mehr die einzigen formenden Kräfte, sondern neben ihnen stehen Theater, Kino, Presse, Rundfunk und Volksversammlung. Erkenntnis theoretischer Fragen und weltanschauliche Probleme spielen im Leben des heutigen Jugendlichen kaum eine Rolle, dagegen besitzt er einen lebenswarmen Wirklichkeitssinn, der in der regen Anteilnahme an Sport, Technik und Politik zum Ausdruck kommt. Die Einstellung auf die Technik trübt häufig den Blick für das Walten in der Natur, führt aber bisweilen auch zu einem Ahnen von der Dämonie der Technik. Dies Wissen um die Herrschaft der Maschine bewirkt leicht eine Minderung der Arbeitsfreude, da man im Menschen nur noch Objekt sieht. Der Kernpunkt der Not ist aber die Berufsfrage, bei deren Entscheidung der Jugendliche nicht mehr Herr ist, sondern durch die Verhältnisse bestimmt wird. Aus der Verwurzelung dieser persönlichen Not in der Not der Gesamtheit erwächst das Gefühl der Volksverbundenheit, das in einer lebendigen Anteilnahme an der Politik zum Ausdruck kommt. Da sichten zeigen zur Ausgabe einer langfristigen internationalen Anleihe. Soweit die italienische Presse. Wir meinen, daß wir uns dieser verständnisvollen Haltung Italiens wohl freuen dürfen, und hoffen, daß uns auch bei neuen Verhandlungen, insbesondere bei der bald kommenden großen Abrüstungskonferenz, dieser Bundesgenosse treu bleibe. Italien ist auch im„Aufwärts“ vor kurzem wieder stark angegriffen worden wegen seiner Bedrückungsmaßnahmen gegen Südtirol. Es ist ganz selbstverständlich, daß wir dies als Deutsche sehr bitter empfinden, und wir denken nicht daran, dies vertuschen oder entschuldigen zu wollen, wenn auch— das darf mal gesagt sein— die Sache vielleicht etwas anders aussieht, sobald sie von der Gegenseite betrachtet wird. Diese betrüblichen Erfahrungen dürften uns aber doch nicht dazu führen, alles, was von Italien kommt, insbesondere seine uns zustimmende Haltung betr. Revision und Abrüstung, für falsch und heuchlerisch anzusehen und seine Bundesgenossenschaft hierin abzulehnen. w. b. Schule und Jugendnot. (Schluß.) Aus dieser Betrachtung folgt, daß sich unsere Psychologie und die mit von ihr bestimmte praktische Haltung unseren Schülern gegenüber gründlich wandeln muß. Die Forderung der Stunde ist Charaktererziehung. Es muß Schluß gemacht werden mit der weithin üblichen Verhätschelung der Individualität. Es bleibt unter den jetzigen Verhältnissen eine offene Frage, welche von den bekannten, von Spranger unterschiedenen Typen des jugendlichen Lebensgefühls noch ernstlich als einem wirklichen Befund entsprechend aufrechterhalten werden können, und ob sie sich nicht vielleicht infolge der Unordnung des objektiven Geistes zum Teil in ihren Gegensatz verkehren werden. Große Aussichten hat unstreitig der im Körpergefühl Aufgehende, auch vielleicht noch der Erwerbslustige, wenn er nur die erforderliche Rücksichtslosigkeit zum persönlichen Sichdurchsetzen besitzt. Was aus dem ästhetischen Schwärmer heute werden kann, wurde schon angedeutet. Und ob der Problematiker nicht vielleicht zum zersetzendsten Kritiker der untergehenden bürgerlichen Welt und ob nicht der Tatendurstige zu ihrem Umstürzler werden könnte? Soviel wird jedenfalls gewiß sein, daß die Erziehung diese Typen nicht weiter fördern darf, weil sie eine sinnvolle Auswirkung im Arbeitsleben der Nation nur in den allerseltensten Fällen noch finden werden. Wir machen sonst durch unsere Bildungsveranstaltungen die jungen Leute nur noch unglücklicher und für den sie erwartenden Lebenskampf unbrauchbarer. Viel wesentlicher wird es für den Erzieher sein, wenn er angesichts des allen gemeinsamen Schicksals, angesichts der unsere Jugend erwartenden Fron in einem beruflich kaum gegliederten, von dauernder Unsicherheit bedrohten Leben, die Temperamente seiner Schüler sorgsam beobachtet. Denn wichtiger als die Pflege unterschiedener Begabungen, wie sie durch die bekannten Typen angedeutet werden, wird es sein, daß neben dem Nüchternen auch noch der Schwungvolle, neben dem wesensmäßig heiter Gestimmten auch der Schwermütige für den Lebenskampf gerüstet wird. Gegenüber der wachsenden Schwierigkeit, überhaupt einen Arbeitsplatz zu erlangen, ist es verhältnismäßig einerlei, ob man Problematiker oder Liebesmensch ist. Wohl aber dürfte es notwendig sein, den Sanguinikern und Melancholikern unter unseren Schülern besondere Pflege zuzuwenden. Allenfalls vom Phlegmatiker kann man— wedie Lage, in der die heutige Jugend aufwächst, so gänzlich verschieden ist von derjenigen, in der die Erziehergeneration sich entwickelt hat, so nützt dieser das Zurückgreifen auf das Erinnerungsbild der eigenen Jugend wenig. Es besteht also die Gefahr, daß der Erzieher die besondere Lage des Jugendlichen verkennt. Eine andere Gefahr entsteht in der Jugend selbst, nämlich die vorwiegend innerweltliche Bestimmtheit. Leibeskultur, Rasse usw. werden leicht zu Götzen und es entwickelt sich daraus eine Religion der Diesseitigkeit. Selten hat es eine Jugend gegeben, die so aufgeschlossen ist wie die heutige, und die sich so nach dem großen Helfer sehnté. Es besteht die merkwürdige Tatsache, daß die Jugend selbst nach Autorität verlangt. Hüten wir uns, der Jugend nur Probleme vorzusetzen, sie verlangt von uns Entscheidungen. Angesichts der geschilderten Lage erhebt sich die Frage: Wie müssen wir evangelischen Erzieher uns verhalten, um den Gefahren zu begegnen? Antwort auf diese Frage gibt uns nicht das Gewissen, das bei den einzelnen Menschen so verschieden ist, sondern nur das Wort Gottes. Der evangelische Erzieher muß ein mutiger Bekenner sein, der sich mit dem Jugendlichen zusammen unter das Urteil des Wortes stellt. Doch ist das Wort Gottes nicht einfach als„Dienstanweisung“ anzusehen, sondern der Erzieher muß es lernen, auf die Stunde zu hören, dann aber der empfangenen Weisung gemäß alle Kräfte einsetzen, nicht zuletzt das Gebet. Wert und Weite der erzieherischen Arbeit sind eng begrenzt, Phil. 1, 6 ist der Kern aller evangelischen Erziehungsregeln. Der Unterrichtsstoff ist nur Mittel zum Zweck, er dient in erster Linie der Erziehung zu wissenschaftlichem Denken und zur verantwortlichen Erfassung der Wirklichkeit. Das erfordert eine sachliche Unterweisung, die schon in der Stoffauswahl zum Ausdruck kommt. Diese Grundsätze veranschaulichte der Vortragende an seinen Fachgebieten, Latein und Geschichte. So soll z. B. auch an einer evangelischen Schule Tacitus gegenüber den christlichen Lateinschriftstellern des Mittelalters den Vorrang haben. Der Geschichtsunterricht soll nicht einer Doktrin folgen, sondern alles so darstellen, wie es gewesen nigstens vorläufig noch— erwarten, daß er sich unter den heutigen Verhältnissen alleine durchfindet! Mit Reaktion in irgendeiner Form sollte das, wag uns als geboten erscheint, nicht verwechselt werden. Egeht um einen Aufruf zur Besinnung, zu welchem Ende all die ungeheuren Anstrengungen in unserem überschul. ten Deutschland gemacht werden. Die Antwort kann nicht heißen: abbauen. Sie muß vielmehr heißen; ver, innerlichen! Verinnerlichen aus einem tiefen Gefühl her, aus der Schicksalsverbundenheit mit unserem gequälten Volk, das zum großen Teile keine Arbeit, und mit unserer Jugend, die zum größten Teil keine berufliche Zu, kunft hat. Ich komme zum Schluß.— Nur andeutungsweise konnte die Lage umrissen werden: bei der Jugend drau, ßen vor den Toren, bei unseren Schülern innerhalb unserer Mauern, bei uns selbst als den mit ihnen im gleichen Volksschicksal verbundenen Erziehern. Noch skizzenhafter nur mögen leitsatzartig einige Gedanken gewagt werden zu der sich uns aufdrängenden Frage: was bei alledem zu tun sein mag. Ich wage sie zu äußern, um die Aussprache in Fluß zu bringen. Sie mögen zum Teil in Widerspruch stehen zur öffentlichen Meinung, sie mögen zum anderen gerade in unserem Kreise kaum als etwas wesentlich Neues erscheinen. 1. Wir wollen gewiß alles tun, was in unseren Kräften steht, unser Schulwesen hinsichtlich wissenschaftlicher Durchdringung der Fachgebiete und besonnener Methode des Unterrichts auf der Höhe zu erhalten, die es erlangt hat. Aber angesichts der geringen Aussicht, daß auch nur ein Teil unserer Jugend einen ihrer Vorbildung, Eignung und Neigung entsprechenden Beruf erlangen wird, müssen wir uns jedem von außen kommenden Aufruf. die rein intellektuellen Forderungen zu übersteigern, energisch widersetzen. Wir müssen in erster Linie den sittlichen Charakter unserer Schüler entwickeln. Wir müssen der Gefahr ins Auge sehen, daß die bittere Hoffnungslosigkeit in einen schrankenlosen Radikalismus umschlägt, der die letzten Bedingungen unseres Volkstum zerstören wird. Gegenüber einer sich auflösenden Kultur und einem versinkenden Volksleben muß die höhere Schule als die Bildungsstätte der verantwortlichen Kreise darauf bedacht sein, alle äußeren und inneren Widerstandskräfte zu stärken. Bei gleichwertiger Entwicklung aller körperlichen, geistigen und seelischen Fähigkeiten muß sie, mehr als bisher, den Sinn für die geschichtlich gewachsenen Gemeinschaftsformen schärfen und der Bewährung im wirklichen Leben den Vorrang vor ideenmäßiger Abstraktion geben. 2. Wir müssen die Illusion aufgeben, daß unsere höheren Schulen Eliteschulen sein könnten. Auswahl ist sittlich nur dann gerechtfertigt, wenn ihr Aussicht annähernd entspricht. Eingebettet in einen elementaren Vorgang, für den die höhere Schule keine vorzugsweise Verantwortung trägt, wird sie notgedrungen für einen beträchtlichen Anteil unserer Volksjugend Normalschule sein müssen. Da der Prozentsatz der für die Universität in Frage Kommenden nach Eignung und Schicksal naturgemäß klein ist, muß die höhere Schule ihren Abschluß in sich selbst suchen. 3. Soweit die bloße Weckung der Kräfte in den Forderungen der„Richtlinien“ auf Kosten der Zielfrage übersteigert ist, ist zu überlegen, wie diesem Zustand abzuhelfen ist. Für solches Bemühen kommen freilich nur die in Frage, die um die Durchführung der Richtlinien ehrlich gerungen haben. Denn es gilt nicht: hinter die Richtlinien zurückzugehen, sondern durch sie hindurchzustoßen. ist. Er soll das politische Urteil schulen, der Jugendliche soll es lernen, den Gegner ruhig anzuhören. Ziel des Geschichtsunterrichtes ist es, den Sinn zu wecken für die Bedeutung eines kraftvoll geleiteten Staatslebens. Der Vortragende schloß mit dem Wunsch, daß Schule und Elternhaus zusammenwirken möchten, da nur so Erziehungserfolge zu erreichen seien. Dietz. Notschrei eines Postschaffuers. Wer ihn gehört hat, wird ihn nicht vergessen haben (in Nr. 162). Die spätere Entgegnung in Nr. 181 hat ihn nicht entkräftet. Der Hauptpunkt dabei waren die vier Kinder. Wo werden bei uns die Kinder gebührend berücksichtigt?? Junge Leute, die noch keine oder ganz kleine Kinder haben, Leute mit 1 oder 2 Kindern, ältere Leute, deren Kinder aus dem gröbsten heraus sind, kinderlose Leute— die können alle miteinander noch eint germaßen durchkommen. Aber die mittelalterlichen Menschen, von den älteren Verantwortlichen jüngeren Kraften gegenüber vielfach zurückgesetzt, diese mittelalterlichen Menschen mit 3, 4 oder mehr Kindern im Ausbildungsalter— wer nimmt sich derer tatkräftig an?? soll ein unverheirateter Mann wie Brüning für sie Verständnis aufbringen? Oder die anderen leitenden, men schon in höherem Alter befindlichen hochbesoldeten Leute in den mancherlei Behörden, unter denen gar viele un verheiratet oder kinderlos sind? Wer heute Kinder zu versorgen hat, den kann wirklich manchmal die Ver' zweiflung packen, zumal wenn man die Kinder mit den Kindern, oft Einzelkindern, Höchstbesoldeter in Schule und Verkehr zusammenleben lassen muß. Wie Brüning nicht Mut und Kraft gehabt hat, die Höchstbesoldeten unerbittlich anzufassen, die Kapitalflucht rechtzeitig zu stoppen, die beste Allheilkur, die Arbeite dienstpflicht rechtzeitig und entschlossen in die Hand d“ nehmen, so hat er auch kein Verständnis gezeigt für oie im mittleren Alter befindlichen Kinderreichen, auf denen doch vor allem die Not der Zeit und zugleich die Zukum der Nation liegt Er. Fr.=Sch. b. L. Karniien Matbonno=Heone ri. Aus Mitgliedern aller Parteien.— Lord Reading Außenminister. — London, 26. August. Ministerpräsident Macdonald beendete seine Verhandungen mit den Parteiführern und unterbreitete dem König olgende Kabinektsliste: Premierminister Macdonald, Lordzräsident des Geheimen Rates Baldwin, Schatzkanzler snowden, Innenminister Samuel, Lordkanzler Sankey, Außenminister Lord Reading, Staatssekretär für Indien hoare, Dominien und Kolonien Thomas, Gesundheitswesen steville Chamberlain, Handelsminister Cunliffe Lister. Chamberlain Lord der Admiralität. Folgende Persönlichkeiten gehören dem Ministerium, ater nicht dem Kavinen an: Luftfahrtminister Lord Amul= gee. Erster Lord der Admiralität Sir Austen Chamserlain, Sekretär für Schottland Sir Archibald Sinclair, Unterrichtsminister Sir Maclean, Arbeitsminister Sir Henry Betterion, Erster Kommissar für öffentliche Arbeiten Cord condonderry, Kanzler des Herzogiums von Lancester Lord Cothian. Von den zehn Mitgliedern der Konzentrationsregierung gehören vier der Arbeiterpartei, vier den Konservativen und zwei den Liberalen an. Dabei ist jedoch zu beachten, daß die Minister der Arbeiterpartei nur einen Teil ihrer Fraktion hinter sich haben. Von den Ministerien der Nachkriegszeit unterscheidet sich die neue Regierung dadurch, daß sie nach der Zahl ihrer Mitglieder die kleinste ist. Ein weiteres Merkzeichen des neuen Kabinetts ist, daß alle sogenannten„Ausgabenministerien“, ausgenommen das Wohlfahrtsministerium, nicht in das Kabinett eingeschlossen worden sind. Krieg, Luftfahrt, Admiralität, Schottland, Unterricht, Landwirtschaft und Arbeit sind alle ausgeschlossen. Dies zeigt, daß das neue Kabinett entschlossen ist, diesen Ministerien strenge Sparsamkeit zur Pflicht zu machen. Bemerkenswert ist schließlich noch die Rückkehr Sir Austen Chamberlains als Erster Lord der Admiralität in die Regierung. Der Außenminister der neuen Regierung Macdonald, Lord Reading, hat eine sehr bewegte Jugend hinter sich. 1860 als Sohn eines Londoner Kaufmanns geboren, ließ er sich nach seiner in London, Brüssel und Hannover verbrachten Schulzeit als Schiffsjunge anwerben und kam so in jungen Jahren um die ganze Welt und nach Indien. Als er 30 Jahre später wieder dorthin kam, erschien er als Vizekönig und erinnerte sich auch seines ersten Besuchs mit Humor, indem er in seiner Antrittsrede bemerkte:„Als ich zum erstenmal nach Indien kam, hat mich hier niemand erwartet, es wäre freilich auch niemand eingefallen, zu meiner Ehre ein Bankett zu veranstalten. Ich erinnere mich noch heute daran, daß ich am Tage meiner Ankunft besonders hungrig gewesen und ein gedeckter Tisch hätte mir damals eine besondere Freude bereitet.“ Aus dem Schiffsiungen von einst war nämlich inzwischen einer der ersten Juristen und Diplomaten Englands geworden. Als Vizekönig von Indien hat Lord Reading, der der liberalen Partei angehört, erheblich zu einer Entspannung des englisch=indischen Verhältnisses beigetragen. Einige Jahre nach seiner Rückkehr aus Indien übernahm Lord Reading den Vorsitz der englischen Grupp: der Deutsch=Englischen Gesellschaft. * Freitag Führer=Neuwahl in der Arbeiterpartei. — London, 26. August. Die Parlamentsfraktion der Arbeiterpartei hat zum Freitag eine Versammlung einberufen, in der Macdonald vermutlich die Parteilettung niederlegen wird und der Nachfolger zu wählen ist. gegen Macdonald Scharfe Kampfansage des„Daily Herald“.— Hat die amerikanische Finanz Bedingungen gestellt? — London, 26. August. Der„Daily Herald", das Zentralorgan der englischen Arbeiterpartei, der sofort nach dem Rücktrikt Macdonalds in die Opposition eingeschwenkt ist, eröffnet jetzt den Kampf gegen die neue Regierung. Das Blatt veröffentlicht auf g eine Meldung und behauptet darin, amerikanische Bankiers hätten bei der politischen Krise Englands eine Rolle gespielt. Die Bundesreservebank in Neuyork habe der zurückgetretenen Regierung mitgeteilt, sie sei nur dann bereit, der Bank von England weitere große Kredite zu gewähren, wenn erhebliche Abstriche an der Arbeitslosenunlerstützung vorgenommen würden. Dieses„Neuyorker Ultimatum" habe wesentlich zunehmenden Forderung nach E Arbeitslosenversicherungssystems. Auf Grund dieser Darstellung meint„Daily Herold“ dann, es sei keine Vaterlandsliebe, das Diktat nicht einmal einer britischen Bank, sondern der internationalen Finanz anzunehmen. Dieser dem englischen Ansehen versetzte Schlag sei nur mit den Bedingungen des Versailler Vertrages vergleichbar. Die Veröffentlichung dieser Meldung läßt Rückschlüsse zu auf die Schärse, mit der die Mehrheit der Arbeiterpartei den von Macdonald und Snowden geführten Flügel bekämpfen will. Es scheint, als wenn die radikalen Führer von Tag zu Tag mehr in den Vordergrund treten. So hält man es jetzt auch für sicher, daß Macdonald und Snowden wie überhaupt alle Arbeiterparteiler, die im neuen Kabinett mitarbeiten oder diese Politik stützen, von der Mehrheit aus der Partei ausgeschlossen werden. Eine Erklärung Stanley Baldwin, der Führer der Konservativen, veröffentlicht eine Erklärung, in der es u. a. heißt: Die Krisis, der wir gegenüberstehen, erfordert schnelle Maßnahmen. Eine Parlamentsauflösung aber mit darauf folgenden Neuwahlen würde im jetzigen Stadium eine Katastrophe sein. Die Konservativen beteiligen sich an der nationalen Regierung nur zu dem ausdrücklichen Zwecke, das Budget ins Gleichgewicht zu bringen und das Vertrauen zum britischen Kredit wiederherzustellen. Es ist keine Rede von einer dauernden Koalition. Wenn die nationale Regierung ihre Aufgabe erledigt hat, wird, wie verlautet, das Parlament aufgelöst werden, sobald die Umstände es gestatten. Dann wird es jeder Partei freistehen, der Wählerschaft ihre Politik zu unterbreiten. Somit wird keine Partei aufgefordert, einen der Grundsätze preiszugeben, an die sie glauben. Die bürgerlichen Zeitungen Englands äußern sich sehr anerkennend über die Politik Macdonalds und schreiben, Macdonald habe wie ein echter Patriot und Vaterlandsfreund gehandelt.„Times“ betont dabei, es verdiene Anerkennung, daß Macdonald und Snowden bereit seien, ihre politische Laufbahn zum Opfer zu bringen, wenn sie dadurch das Land vor einer Katastrophe bewahren könnten. Verschiedentlich ist auch davon die Rede, daß der König in der letzten Krise eine sehr aktive Rolle gespielt habe. Statt Selbsthilfe „internationale Maßnahmen“. — Stuttgart, 26. August Die Zentrumsfraktion des Reichstages trat im Katholischen Vereinshaus St. Vinzenz zu einer Tagung zusammen. Außer dem Reichskanzler Dr. Brüning, wohnten fast alle Mitglieder der Reichstagsfraktion der Tagung bei. Der Reichskanzler selbst behandelte in einem längeren Vortrag die allgemeine politische Lage. * Brüning auf dem parlamentarischen Abend der Zentrumsfraktion. — Stuttgart, 25. August. Bei dem zu Ehren des Reichskanzlers und der Reichtagsfraktion veranstalteten parlamentarischen Abend der Zentrumspartei GroßStuttgart, den der Vorsitzende, Oberregierungsrat Walter, mit herzlichen Begrüßungsworten für die Gäste aus Berlin eröffnete, ergriff nach Begrüßungsworten des Präsidenten Andre Reichskanzler Brüning, der nach anfänglichen Dementis nun doch an dem Stuttgarter Zentrumsabend teilgenommen hat, das Wort. Er führte etwa folgendes aus: In der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit möchte ich betonen, welchen Wert die heutige Aussprache der Zentrumsfraktion nicht nur für uns in Deutschland, sondern auch für die Klärung der internationalen Atmosphäre hatte. Wir haben die Ueberzeugung, daß die Welt nur gesunden kann, wenn eine Reihe von Maßnahmen auf internationaler Basis in diesem Augenblick und in dieser Zeit der größten Wirtschaftsnot, die die moderne Zeit aufweist, ergriffen werden. Unsere gegenwärtige Lage als sehr schwer einzuschätzen, ist durchaus verständlich, weil die Not und die Lasten schon seit längerer Zeit immer größer werden. Wir haben durch Krieg, Inflation und Stabilisierungserscheinung einen so komplizierken Mechanismus in unserm öffentlichen Leben, daß es ehr schwierig ist, diese Dinge zu verfolgen, so daß dadurch der gedankenleere, phrasenreiche Radikalismus alle Chancen hatte. Die Wählerschaft war nicht in der Lage, den schnellen Gang der Gesetzgebung in den letzten Wochen in seiner vollen Bedeutung zu erfassen, aber trotzdem hat sie keinen Augenblick die Nerven und das Vertrauen in die Führung verloren. Das wird trotz aller Hetze des Tages die Geschichte als eine der großartigsten Leistungen der deutschen Politik anerkennen. Die Regierung ist sich bei all ihren Maßnahmen darüber klar gewesen, daß, wenn nicht das Vertrauen und die Disziplin des deutschen Volkes vorhanden gewesen wären, ihren Anordnungen kein Ersolg beschieden gewesen wäre. Es war der größte Erfolg im Ausland, daß es an dem Tage, wo die Banken und Sparkassen geschlossen werden mußten, in Deutschland zu keinen größeren Ausschreitungen und Tumulten gekommen ist. Die Ausländer mußten feststellen, daß das deutsche Volk noch nie so ruhig gewesen ist wie in diesem Augenblick seiner höchsten Not. Wenn die Botschaft des Präsidenten Hoover sich auch bisher noch nicht voll auswirken konnte, so hat sie doch die Grundlage gelegt für eine dauernde Besserung. Viele internationale Besprechungen müssen noch stattfinden, wenn die Völker der Welt die Weltwirtschaftskrise überwinden wollen. Wir kennen die Grenzen unserer Möglichkeiten und wir sind uns klar, daß wir aus eigener Kraft nicht in der Lage sind, uns zu helsen. Trotzdem müssen wir aber versuchen, das deutsche Volk durch die nächsten Monate und ihre Not aus eigener Kraft hindurchzubringen. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß, wenn das deutsche Volk diese Probe durchhält, wie es auch die letzten Monate überstanden hat, es gelingen wird, die deutsche Wirtschaft und das deutsche Sozialleben wieder gesunden zu lassen. hipstead über die Folgen von Versailles. — Neuyork, 26. August Senator Shipstead, der soeben von einer Reise durch as nordwestliche Europa und durch Deutschland zurückgeehrt ist, erklärte hier, die Vereinigten Staaten sollten tagch stolzer darauf sein, daß sie den Vertrag von Versailes icht mitunterzeichnet hätten. Denn die Lage, in der sich die Gelt heute befinde, sei zum großen Teil durch die Bedinungen dieses Vertrages herbeigeführt worden. doch! Frankreich gibt amtlich den Zusammenhang zwischen den russisch=französischen und polnisch=russischen Verhandlungen zu. — Paris, 25. August. Von amtlicher französischer Seite wird folgende Verlautbarung ausgegeben: „Gewisse Zeitungen haben kürzlich eine Insormation veröffentlicht, der zufolge keine Verhandlungen zwischen Polen und Sowjetrußland hinsichtlich des etwaigen Abschlusses eines Nichtangriffspaktes stattgefunden hätten. Wir sind in der Lage, mitzuteilen, daß diese Nachricht unzutreffend ist. Im Oktober 1930 ist an Polen, wie der französischen Regierung mitgeteilt wurde, ein sowjetistischer Vorschlag auf Abschluß eines Nichtangriffspaktes gerichtet worden. Im Laufe des Monats Dezember hat die polnische Regierung mitgeteilt, daß sie im Prinzip bereit sei, die Anregung der Moskauer Regierung im günstigen Sinne zu prüfen, und am 12. Februar 1931 hat der polnische Außenminister Zaleski im gleichen Sinne vor dem Außenausschuß des polnischen Senats eine Erklärung abgegeben. Erst auf Grund der Tatsache, daß diesbezügliche Verhandlungen seit Monaten zwischen Moskau und Warschau eingeleitet worden sind, hat sich die französische Regierung, indem sie den internationalen Verbindlichkeiten und Verpflichtungen, die sich aus ihrer Beteiligung am Völkerbund ergeben, Rechnung trug, im vergangenen April bereit erklärt, einen Vorschlag derselben Art zu prüfen, der ihr zu wiederholten Malen von der Sowjetregierung unterbreitet worden ist und der sich außerdem auf Verhandlungen zur Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts bezieht. Die letzten Informationen, die aus Warschau hier eingetroffen sind, besagen, daß die Besprechungen zwischen Polen und Sowjetrußland über den Abschluß eines Abkommens zur Zeit vertagt sind, daß sie aber in allernächster Zeit in Moskau wieder ausgenommen werden sollen“. Um die Gehälter der Volksschullehrer. Ein Schreiben des Preußischen Lehrervereins. — Berlin, 26. Aug. Vom Preußischen Lehrerverein wird mitgeteilt: Wie am Dienstag von einigen Berliner Blättern berichtet wurde, sollen zurzeit im preußischen Staatsministerium Pläne erwogen werden, die auf eine Herabsetzung der Volksschullehrergehälter hinauslaufen. Wenn man auch nach unseren Erkundigungen im Laufe des Dienstag von den ursprünglichen Plänen wieder abgekommen ist, so gibt es noch immer einflußreiche Leute, denen die Gehälter der Volksschullehrer zu hoch sind. Man geht dabei offenbar davon aus, daß die Volksschullehrer im Jahre 1920 erheblich stärker als die übrigen Beamten aufgebessert worden seien. Dabei wird aber übersehen, daß die gewiß erhebliche Aufbesserung damals fast lediglich den Landlehrern zugute gekommen ist, die bis dahin in gehaltlicher Beziehung geradezu sträflich vernachlässigt worden waren. Die Lehrer in den großen Städten haben im Jahre 1920 kaum eine Erhöhung ihrer Bezüge ersahren und bei der letzten Besoldungsreform im Jahre 1927 sind die Lehrer lediglich im Rahmen der übrigen Beamtenbesoldung aufgebessert worden. An der 1920 nach langen Kämpfen erfolgten Gleichstellung der Lehrer in Stadt und Land muß aber unbedingt festgehalten werden. Wir glauben zu wissen, daß der preußische Unterrichtsminister einem Plan, der sich ausschließlich gegen die Lehrer richtet, den schärfsten Widerstand entgegensetzen und an seiner Durchführung auf keinen Fall mitwirken würde. Wir hoffen, daß auch alle die Kreise, die die Bedeutung der Schule für den Staat zu würdigen wissen, gegen einen solchen Plan schärfsten Einspruch erheben werden. Wiederöffnung der Börse. Am 3. September. Die Entscheidung über die Wiedereröffnung der seit dem 13. Juli geschlossenen Börsen ist gefallen. Die Berliner Wertpapierbörse wird am 3. September für den Verkehr in Wertpapieren, in- und ausländischen Wechseln und ausländischen Zahlungsmitteln wieder geöffnet. Der Terminhandel und ein Handel mit fortlaufenden Notierungen findet nicht statt. Für jedes Papier wird also nur ein Kurs täglich festgesetzt. Der Handel zu anderen als den festgestellten kursen, sowie das Ausrufen abweichender Kurse in den Börsenräumen sind bis auf weiteres verboten. An den Sonnabenden des Monats September bleibt die Börse geschlossen. Des ferneren wurde beschlossen, durch eine Anweisung an die Notierungskommissare des Börsenvorstandes gegen die Feststellung unsachgemäßer Kurse Vorsorge zu treffen. Nach dieser Anweisung wird in den Fällen, in denen der festzustellende Kurs von dem letztnotierten Kurs derart abweicht, daß der Kursunterschied unter Berücksichtigung des gesamten Kursniveaus in der allgemeinen Marktlage keine Begründung findet, die Notiz gestrichen werden. In Fällen, in denen sich Angebot und Nachfrage nicht decken, soll repartiert werden; wird die Repartierungsquote zu klein, so wird auch hier die Notiz gestrichen werden. Die übrigen deutschen Börsen dürften sich diesem Vorgehen anschließen. Offiziersmord aufgeklärt. — Berlin, 26. August. Die Ermordung der zwei Polizeioffiziere am BülowPlatz ist, wie die Polizei mitteilt, restlos geklärt. Von den in dieser Angelegenheit Verhafteten steht bei fünfen zweifellos fest, daß sie am Bülowplatz geschossen haben. Siedlung am Wendepunkt. Gefahr für den Osten.— 10000 arbeitslose Landarbeiter wollen siedeln.— Aber die Gestehungskosten sind zu hoch. Die deutsche Ostsiedlung steht an einem Wendepunkt! Bisher war es das Bestreben der mit der Siedlung betrauten Stellen, den Siedler auf dem fertigen Hofe anzusetzen und ihn mit entsprechenden Vorräten bis zur neuen Ernte auszustatten. So notwendig die Siedlung an sich ist, so können wir es uns angesichts der Finanznot doch nicht mehr leisten, in der bisherigen Weise weiterzusiedeln. Um einen möglichst großen Siedlungseffekt zu erzielen, ist eine erhebliche Senkung der Gestehungskosten der Siedlung notwendig. Diese Senkung kann, nachdem die Preise der Baumaterialien bereits gesenkt worden sind, nur durch Einparung von Arbeitslöhnen und primitivere Siedlungsformen erzielt werden. Es ist daher geplant, vom kommenden Frühjahre ab den Siedler bereits beim Bau seiner Stelle zu beschäftigen und ihn unter fachkundiger Leitung einen Teil der Arbeiten selbst ausführen zu lassen. Ferner soll die Zwischenwirtschaft des Siedlungsgutes, die bisher von der Siedlungsgesellschaft betrieben wurde und nicht immer ganz billig war, künftig ebenfalls von den landwirtschaftlich geschulten Siedlern unter Leitung eines Inspektors besorgt werden. Die Siedler erhalten bis zur festen Ansetzung einen vorher festgesetzten Einheitslohn, der jedoch nur zu einem Teile zur Auszahlung gelangt, während der Rest kapitalisiert und für den Kaufpreis der Siedlerstelle gutgeschrieben wird. Dadurch wird das vom Siedler benötigte Barkapital ermäßigt, die Kosten der Siedlung werden erheblich niedriger. Auf diese Weise wird Siedlungsinteressenten, die über 2000 Mark verfügen, bereits die Ansetzung auf einer Halbbauernstelle ermöglicht. Diese neue Siedlungsform wird sich ferner dahin auswirken, daß Siedler, die ursprünglich ein kleineres Objekt nehmen wollten, jetzt in der Lage sind, sich eine Halb= oder Vollbauernstelle zu sichern. Von ganz besonderer Bedeutung ist die Verbilligung der Siedlung für die in allernächster Zeit notwendig werdende Ansiedlung von 10000 ostdeutschen Landarbeitern, die in diesem Herbst zur Entlassung kommen dürften, da man befürchtet, daß ein Teil der ostdeutschen Großbetriebe nach Prüfung durch die Osthilfestellen als nicht sanierungsfähig zur Auflosung kommen. Auf keinen Fall dürfen diese mit dem Osten verwachsenen, landwirtschaftlich ausgezeichnet geschulten Kräften im städtischen Proletariat untergehen! Gerade diese ostdeutschen Landarbeiter sind die zur Siedlung geeignetsten Kräfte. Sie verfügen jedoch fast ausnahmslos über keinerlei Mittel, so daß ihre Ansiedlung durch die Siedlungsgenossenschaften nicht in Frage kommen kann. Es ist daher dringend notwendig, daß der Staat eingreift und die Mittel für Ansiedlung dieser Landarbeiter zinslos zur Verfügung stellt. Da fast jeder Landarbeiter über etwas Vieh und einiges totes Inventar verfügt, dürfte pro Arbeiter eine Summe von 1000 Mark voll ausreichen, um den Arbeiter anzusetzen. Bei Ansetzung auf Arbeiterstellen genügt schon eine Summe von 500 Mark pro Arbeiter, doch ist die Ansetzung von 10000 Arbeitern auf Arbeiterstellen unmöglich, weil die Gelegenheit zur Nebenarbeit bei der herrschenden Arbeitslosigkeit für soviel Arbeiter nicht vorhanden ist. Wie steht es nun mit der Ansiedlung von Industriearbeitern im Osten? Hier ergibt sich zunächst, daß schon die Zahl der geeigneten Siedlungsbewerber aus dem Osten allein größer ist, als das Angebot von Sieduungsstellen. Mangel an Siedlern herrscht also nicht! Wenn man daher heute bestrebt ist, die zu Dauerarbeitslosen gewordenen Industriearbeiter Westdeutschlands, die oft genug in der Vorkriegszeit aus der ostdeutschen Landwirtschaft abgewandert sind, wieder der Landwirtschaft im Osten zuzuführen, so tut man das zur Entlastung der kommunalen Wohlfahrt. Bereits vor acht Jahren hat man in der Grenzmark Versuche mit der Ansiedlung von Ruhrrückwanderern gemacht, die allerdings kläglich gescheitert sind, weil diese Arbeiter sich nicht mehr in ländliche Verhältnisse zurückfinden konnten und schließlich ihre Siedlerstellen im Stiche ließen. Sie taten das, weil sie einen wirtschaftlichen Verlust nicht zu befürchten hatten, denn die Kosten der Ansiedlung hatte die öffentliche Hand getragen. Schuld an dem Mißerfolg war aber auch die mangelnde Auswahl der Arbeiter. Heute wird man andere Wege gehen. Unerläßliche Voraussetzung für die Ansetzung als Siedler ist ein bestimmtes eigenes Kapital, da nur dann der Siedler Interesse an seiner Stelle hat, wenn sein Kapital darin investiert ist. Wie ist dieses Kapital zu beschaffen? Die westdeutschen Provinzialverwaltungen haben Bestimmungen in der Richtung erlassen, daß Erwerbslosen, die über Hausund Grundbesitz in Westdeutschland verfügen, dieser Grundbesitz zu annehmbarem Preis abgenommen und das Geld der Siedlungsgesellschaft als Anzahlung überwiesen wird. wenn die Erwerbslosen siedeln wollen. Ebenso werden auch billige Hypotheken zu gleichem Zweck beschafft. Möglich wäre ferner, den Siedlungsbewerbern aus den Kreisen der Rentner durch Kapitalisierung eines Teites ihrer Rente zu einer Siedlerstelle zu verhelfen. Wie hoch sind nun die notwendigen Anzahlungen? Es wären zu zahlen für eine Stelle von 10 Morgen etwa 1200 Mark, für 20 Morgen 1700 Mark, für 30 Morgen 2000 Mark, für 40 Morgen 2400 Mark, für 50 Morgen 2600 bis 2700 Mark, für 60 Morgen etwa 3000 Mark. Dazu kommen dann noch die Mittel fur die Inventarbeschaffung und die Beschaffung von Vieh in Höhe von 500 bis 2000 Mark, die vielfach als billiger Einrichtungskredit herausgegeben werEs zeigt sich also, daß die Siedlung heute bereits so verbilligt ist, daß mit einer weiter verstärkten Ansiedlung zu rechnen ist. Wenn allerdings die Kreditnot in Deutschland bis zum Frühjahr nicht behoben ist wird aus allen schönen Plänen und guten Absichten nichts werden. da dann die Mittel für Löhnung der Arbeiter und die Beschaffung von Baumaterial nicht zur Verfügung stehen und selbst die Durchführung der Osthilfe in Frage gestellt wird. Alfred Käding. Unter Teilnahme von 7 Vertretern aus sämtlichen deutschen Siedlungsgebieten in Europa. — Dresden, 26. August Der Verband deutscher Volksgruppen versammelte sich in Bad Schandau zu seiner 8. Jahrestagung. Erschienen waren etwa 70 Vertreter aus sämtlichen europäischen Siedlungsgebieten des Deutschtums. In seiner Begrüßungsansprache erklärte der Vorsitzende Abg. Graebe aus Polen, das Auslandsdeutschtum blicke mit Bewunderung auf die Festigkeit und Ruhe, mit deutsche Volk im Reich der schweren Krisis entgegengetreten sei. Dem Verband habe das verflossene Jahr schwere Verluste gebracht. Als zweiter Redner begrüßte der Bürgermeister von Bad Schandau, Dr. Ritter, die Gäste. Die Deutschen im Reich fühlten die Rot der Auslandsdeutschen, als ob es ihre eigene Not wäre. Sodann würdigte der Vertreter des Deutschtums in Lettland, Dr. P. Schiemann, in einer warmen Gedenkrede die Verdienste des verstorbenen Rechtsberaters des Verbandes, Dr. Bruns. Neue Zivilprozeßordnung. Ein Entwurf des Reichsjustizministeriums. Das Reichsjustizministerium legt den Entwurf einer neuen Zivilprozeßordnung vor. Als Hauptziele der Neuregelung stellt der Entwurf folgende drei Punkte dar: Beschleunigung des Verfahrens, Vereinfachung und Rationalisierung der Prozeßeinrichtung, Durchprufung sämtlicher bestehender Bestimmungen zwecks Beseitigung von Unstimmigkeiten und Zweifelsfragen, vor allem zweckmäßige Umgestaltung von Vorschriften, die den Anforderungen und Bedurfnissen der Gegenwart nicht mehr entsprechen. Den gesetzgebenden Körperschaften wird der Entwurf vorerst nicht überreicht werden. Sparverordnung Ermächtigung der Länder zur Ausgabensenkung im Wege der Notverordnung. — Berlin, 26. August Auf Grund des Artikels 48. Absatz 2 der Reichsverfassung hat Reichspräsident von Hindenburg in Dietramszell folgende Notverordnung unterzeichnet: „1. Die Landesregierungen sind ermächtigt, alle Maßnahmen, die zur Sicherung der haushalte von Ländern und Gemeinden(Gemeindeverbänden) erforderlich sind. im Verordnungswege vorzuschreiben. Sie können dabei von dem bestehenden Landesrecht abweichen. 2. Die Landesregierungen können insbesondere bestimmen, daß und in welcher Weise die Personalausgaben und andere Ausgaben der Länder und Gemeinden(Gemeindeverbände) herabgesetzt werden. Verpflichtungen aus Verträgen bleiben unberührt, soweit es sich nicht um Personalausgaben handelt.“ Gegengezeichnet haben der Reichskanzler und die Reichsminister Dr. Dietrich und Dr. Wirth. Boykott gegen deutsche Ware. Von Kanton beschlossen.— Wegen Waffenbeförderung durch ein deutsches Schiff.— Eingreisen des Auswärtigen Amtes. — Berlin, 26. August. Nach einer Reuter=Meldung aus Kanton, dem Zentrum der chinesischen Revolution, ist in einer Massenversammlung der Kuomintang der Beschluß gefaßt worden, deutsche Waren zu boykottieren. Zur Durchführung dieses Beschlusses wurde ein besonderer Ausschuß eingesetzt. Als unmittelbare Ursache dieser unfreundlichen Haltung Kantons gegen Deutschland wird die angebliche Sendung von Waffen und Munition im Werte von 32 Millionen Mark an Tschiangkaischek angegeben, die kürzlich mit einem nach Schanghai bestimmten deutschen Dampfer erfolgt sein soll. Deutschland wird ferner beschuldigt, die Zentralreaierung in Nankina durch Entsendung von über 100 militärischen Ratgebern zu unterstützen, di. wie in der Versammlung erklärt wurde, beauftragt seien die Armee der Ranking=Regierung im Gebrauch von Gie, gas im Kampfe gegen die Regierung von Kanton zu unter. weisen. Von zuständiger deutscher Stelle wird zu dieser Mes. dung erklart, ein der Reederei Rickmers gehörendes deu, sches Schiff habe tschechische Gewehre und schwedische Militärflugzeugnach China transportiert. Bestimmt gewesen sei diese Sen, also die Gegnerin Kantons, von der Waffensendung erfaß, rnn und die Reederei durch Drohungen veranlaßt, das Schiff nach Schanghai zu dirigieren, wo die Waffen dann von der Nankingregierung abgenommen worden seien. Daraus ergibt sich also, daß das Vorgehen Kankons— da ja Kanton selbst den Waffentransport veranlaßt hat denn auch sofort Protest erhoben und Kanton wissen lassen daß Deutschland die Revolutionsregierung für alle Folgen des Boykotts verantwortlich machen wird. Im übrigen iu man in den Kreisen der deutschen Regierung der Ansicht. daß die deutschen Reedereien möglichst auch reine Waffen, sendungen für ausländische Rechnung ausführen. Was den deutsch=chinesischen Wirtschaftsverkehr betrifft. sind im letzten Jahr von Deutschland Waren im Werte von 185,1 Millionen Mark nach China ausgeführt worden. Der deutsche Warenbezug aus China belief sich auf 370,7 Millionen Mark. Die Lage auf dem Kartoffelmarkt. Besprechungen im Reichsernährungsministerium. — Berlin, 26. August. Im Reichsernährungsministerium fand unter dem Vorsitz des Ministers Schiele eine Besprechung über die auf dem Kartoffelmarkt zu ergreifenden Maßnahmen statt, an der zahlreiche Vertreter der Landwirtschaft, des Handels und der kartoffelverarbeitenden Industrien teilnahmen. Abschließend stellte der Minister die Zustimmung der Gewerbe zu seinen Vorschlägen fest und kündigte interne Verhandlungen mit den einzelnen Gewerben an. Gedacht ist an eine Erhöhung des Spiritusabnahmezwanges, erweiterte Verwendung der Flocken in Verbindung mit den Gerstebezugsscheinen, Beschreitung neuer Wege im Absatz für Kartoffelstarke und Bereitstellung ausreichender Finanz= mittel zur Bergung der Ernte. Verschiedenes. Der Kirchlich=soziale Kongreß verschoben. Der Kirchlich=Soziale Kongreß, der bekanntlich vom 12. bis 15. Oktober in Stuttgart stattfinden sollte, ist wegen des großen Ernstes der Zeit abgesagt worden. Vorläufig ist geplant, den Kongreß auf Ostern 1932 zu verschieben, falls es die Zeitverhältnisse gestatten. Ein weiteres Schuljahr. Es wird zur Zeit nicht mehr viel darüber geredet. Sollte doch wieder die Rede darauf kommen, dann einen anderen Vorschlag: Kein Kind sollte vor vollendetem?. Lebensjahr in eine öffentliche Schule ausgenommen wer den. Wer die Not der Lehrer mit den Kleinsten kennt, die jedenfalls in den Landschulen bei weiteren Entfernungen vielfach unausgeschlafen, ohne zureichendes Frühstück sich auf den Schulweg machen— Kindern und Lehrern würde das Leben, Lernen und Lehren wesentlich leichter, wenn die Kinder erst mit vollendetem 7. Jahre zur Schule kämen, und welche Vorteile für Haus und Schule und gesamtes Volksleben sich ergeben würden, leuchtet wohl ohne weiteres ein, als daß es im einzelnen ausgeführt werden braucht. Er. Fr.=Sch. b. L. Bethel. — Mittwoch, den 26. August, Frauenhilfe 3½ Uhr im Assapheum.. L. v. B. — Donnerstag abend 8½ Uhr in Gosen Blaukreuzstunde Jedermann ist herzlich eingeladen. Wir bitten unsere verehrte Kundschaft, davon Kenntnis zu nehmen, daß vom 31. 8. ds. Is. ab der Seltersund Bromkeller wie folgt geöffnet ist: vormittags von —12 Uhr, nachmittags von—6 Uhr und Sonnabends von—1 Uhr. Ophir, vereinigte Verkaufsstellen der Anstalt Bethel. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel Aelteres Fräulein sucht Stellung in einer Anstaltsküche oder Privathaushalt. Angebote unt. A1822 an die Geschäftsstelle d. Blattes. Zurdek! Dr. Strathmann Facharzt für Haut- und Harnleiden Bielefeld, Herforder-Straße 2 Herzliche Bitte! Kinderrsiche Witwe(10 Kinder) sucht für ihren 16jähr. Sohn Arbeit gleich welcher Art, am liebsten da wo unter selbständiger Leitung eines Meisters oder Landwirts Gelegenheit ist, etwas Tüchtiges zu lernen. Frau Ww, Dortmund. Gottfried Schulz, Mltarten, Aberotbe 16. 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