Cbristliches Tageblatt mit den Beilagen„Für Herz und „Kindergabe“ und„Anser Ziel.“ Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig, 3° Wfa, Beilagen unter 25 gje, tausend 15 Mi. 30 Pg. 2 Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 6737 = Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 143. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Dienstag, den 23. Juni 1931. 13. Jahrgang. Es muß ein Menschenherz wohl etwas Großes sein, Gott, Teufel, Welt und Fleisch, ja, alles will hinein, Erwähle, weil du kannst, dir doch den besten Gast. Hast du was Gut's erwählt, so halte, was du hast. Tersteegen. Winiiiihiiihiiiiiigin Mensch und Maschine. Von H. L. Die anhaltend hohe Arbeitslosenziffer läßt auch sonst oberflächliche und sorglose Gemüter bedenklich werden und nach der Ursache fragen, um auf Abhilfe zu sinnen. Wir teilen das harte Schicksal der Arbeitslosigkeit mit allen alten Kulturländern, und wenn es auch ein schlechter Trost ist, im Unglück Genossen zu haben, so ist es immerhin ein Trost, denn man darf hoffen, nun auch gemeinsam eine der Fehlerquellen zu verstopfen, als die sich der Versailler Vertrag erwiesen hat. Deutschlands vertragsbedingte Zwangslage, ausführen zu müssen, ließ automatisch die anderen Länder Abwehrzollschranken gegen unerwünschte, die eigene Produktion bedrohende Einfuhr errichten. Wirtschaftliche Not oder Einsicht wird diese Fragen eines Tages durch Abänderung des unglückseligen Vertrages international neu regeln müssen, um nicht noch weiterhin auf beiden Seiten Arbeitskraft und Kaufkraft zu vernichten. Eines aber ist nicht wieder aus der Welt zu schaffen: das Ueberflüssigwerden der Menschenhand durch die Maschine. Hier gibt es kein Zurück, diese Entwicklung wird vielmehr weiter vorwärts drängen und uns vor neue Rätsel stellen. Nicht nur zukünftige Schlachtfelder werden menschenleer sein, sondern auch moderne Fabriken. Welche Umwälzungen brachte die mechanische Kraft! Die Maschine ist die Magd der Hausfrau geworden; die Maschine ersetzt die Muskelkraft des Mannes und verschiebt damit die Wertung der Geschlechter ein wenig mehr zu Gunsten der Frau; die Maschine ist ausdauernder als der fleißigste Mensch und das stärkste Tier, sie ist jederzeit leistungswillig und=fähig, sofern sie nur gepflegt und bedient wird, kurzum: sie ist die Wohltäterin der Menschheit— auch ihr Tyrann. Sie zwingt dem Menschen ihr pausenloses Tempo auf, in unveränderlichem Gleichmaß bedingt sie grauenhafte Eintönigkeit der Arbeit, und in ungehemmter Bewegung fordert sie schärfste Aufmerksamkeit des sie Bedienenden. Sie gestattet kein Andersdenken und=fühlen, kein Abschweifen der Gedanken, trotz strafsster Einfügung in das gesamte Werk läßt sie Zusammenhänge nicht mehr erkennen; sie macht eben den Menschen zu ihrem seelenlosen Sklaven. An der Seelenlosigkeit der Arbeit krankt unsere Zeit und die Erkenntnis dieser grausigen Tatsache scheint nur die Lage zu verschärfen. Mancherlei Vorschläge werden gemacht, der mechanischen Arbeit unserer Tage wieder inneren Wert zu verleihen, der scheinbaren Sinnlosigkeit monotoner Griffe einen Sinn zu geben. So hat es sich insbesondere das Deutsche Institut für technische Arbeitsschulung(Dinta) zur Aufgabe gestellt, Lehrlinge für den modernen Fabrikbetrieb heranzubilden, neben der Fachausbildung aber auch die menschliche Entwicklung der ihnen anvertrauten Jugendlichen zu pflegen und zu fördern. Es ist eine große Freude, hierüber den Ausführungen des Obering. Arnhold=Gelsenkirchen folgen zu dürfen, der mit einem warmen Herzen von seiner Arbeit an der Werksjugend berichtet. Bei dieser„industriellen Menschenführung“ wird eine planvolle Ausbildung und Entwicklung des ganzen Menschen erstrebt, abgesondert vom Hauptbetrieb ist die Lehrlingsschule ein Betrieb im Kleinen, hier wird der junge Arbeiter mit den Dingen des zukünftigen Berufes vertraut gemacht, Frohsinn, Sport und Heimatliebe werden gepflegt und die großen wirtschaftlichen Zusammenhänge erläutert mit dem Ziel, dermaleinst auch für den mechanischen Betrieb bewußte Mitarbeiter zu gewinnen, denen das Gefühl für den Eigenwert ihres Menschentums nicht verloren gegangen ist. So außerordentlich wertvoll diese Arbeit des„Dinta“ für die 10000 von ihm erfaßten Lehrlinge ist, so wenig bedeutet es für die große Masse unserer Arbeiterschaft, die nicht des Vorzuges einer solchen Menschenführung keilhaftig sein kann und sich in ihrem Menschenwert bedroht fühlt. Steigt nicht hier die unerbittliche Frage vor uns auf, ob überhaupt die Arbeit am laufenden Band noch künstlich inhaltreich gemacht werden kann, ob es nicht ihr Schicksal ist, keine„Seele" zu haben? Es ist vielleicht der große Fehler unseres Bemühens, das, was naturnotwendig nur noch gezählte Leistung sein kann, zu einem geschaffenen Werk umstempeln zu wollen, weil wir aus alten, liebgewordenen Gedankengängen nicht herauszufinden vermögen. Wir sehen, wie der Mensch des Maschinenzeitalters innerlich verkümmern muß, wie ihm das Leben nicht mehr lebenswert erscheint, wie er nach Surrogaten der Freude greift, weil er die wahre Freude am Werk nicht mehr kennt, und mit Sehnsucht blicken wir zurück zur Vergangenheit mit ihrem inneren Reichtum der Freude am selbstgeschaffenen Werk. Aber, war denn wirklich immer und für alle die Arbeit ein Schaffen voll tief innerer Befriedigung? Gab es nicht doch auch zu allen Zeiten für die Masse mehr Frondienst, mehr Kärnerarbeit als schöpferisches Gestalten? In ungesunden Werkstätten bei schier unbegrenzter Arbeitszeit und ohne Sonntagsruhe? Müssen wir nicht ehrlich eingestehen, daß jeder von uns bei aller Hast unseres Erwerbslebens noch viele berufsfreie Stunden hat, die er für sich verwenden kann? Noch haben wir den Achtstundentag. Wie lange oder wie kurze Zeit wird es. dauern, und eine internationale Regelung senkt auch diese erst vor einem Jahrzehnt heiß erstrittene Arbeitszeit um ein Beträchtliches herab, um alle Menschen am Produktionsprozeß teilnehmen zu lassen. Dann wird die große Masse der Arbeitnehmer noch mehr freie Zeit für sich zur Verfügung haben, mit der sie vorläufig nicht viel anzufangen weiß, wie das Beispiel ungezählter Erwerbsloser uns heute schmerzlich deutlich zeigt. Um die Jugend vor dem Versinken zu bewahren, sind Behörden und freiwillige Helfer bemüht, dem inhaltlosen Tag dieser Bedauernswerten durch Unterhaltung und Belehrung wieder Aufgabe, Sinn und Inhalt zu geben. Dieser Notstand weist aber auch deutlich den Weg in die Zukunft, den wir beschreiten müssen, wenn der Mensch des Maschinenzeitalters seine Seele wieder finden soll. Mechanische Arbeit zu beseelen, so sahen wir schon oben, wird uns nicht gelingen, sie muß eben getan werden, so eintönig und so stumpfsinnig sie nun einmal ist. Und sie kann es auch, wenn die Arbeitszeit nicht zu lang ist und wenn eine wertvoll ausgefüllte freie Zeit den Ausgleich schafft, um das innere Gleichgewicht wieder herzustellen. Unsere große Aufgabe wird es sein, diese freien Stunden inhaltreich und beglückend zu gestalten, so daß sich gesundes Selbstbewußtsein und inniges Heimatgefühl bei der Volksmasse wieder entfalten können und Geist und Gemüt Nahrung und Pflege empfangen. Das hat der große Volksfreund Pastor von Bodelschwingh schon vor 50 Jahren vorausgesehen und uns den Weg gewiesen, den wir jetzt zu beschreiten haben. Wiederholt sprach er noch als alter Mann im Preußischen Landtage zur Lage des. Industriearbeiters.„Was nützt der Achtstundentag?“ so führte er 1905 aus,—„der Sechsstundentag ist darin noch schlimmer— wenn der Mann nach Hause kommt und nichts zu tun hat... Der Achtstundentag gewinnt erst dann seine große Bedeutung, wenn der Mann seinen eigenen Garten bebauen kann. Es gibt keine Kapitalsanlage von solch idealem Wert, daß man denselben in Zahlen gar nicht ausdrücken kann.“ Ist es nicht, als seien diese Worte heute zu uns gesprochen? Hier fühlt der greise Führer mit dem kleinen Mann und gibt dessen unbewußtem Sehnen Ausdruck, der Sehnsucht nach dem kleinsten Stückchen Vaterland. An der Bahnstrecke entlang künden sich mit bestimmten Anzeichen die großen Städte an. Ehe die zahlreichen Industriewerke nahen, gleiten Gärten und Gärtchen mit Lauben und Wimpeln vorüber; Berlin allein zählt 360 000 Schrebergärten! Was anders sind diese Kolonien als ein tausendfacher Schrei nach Heimaterde, nach Menschseindürfen, nach Lebenswerten. Und sie sind zugleich ein feines Zeugnis der in unserem Volk noch vorhandenen gesunden Seelenkraft, die sich zur Eintönigkeit des Arbeitslebens neben dem Sport diesen anregenden Ausgleich in der Freizeit verschafft.(Schluß folgt.) Wie kommen wir aus dem Dilemma heraus? Dr. Vögler, der vor zwei Jahren unter dem tiefen Eindruck der Pariser Verhandlungen stehend, die Regierung davor gewarnt hat, die bisherige Verschleierungspolitik weiter zu betreiben und dem oft enttäuschten Volk Erleichterungen und Verbesserungen vorzugaukeln, hat vor einigen Tagen wiederum seine warnende Stimme erhoben. Er hat bei der Tagung des Langnamvereins erklärt, daß es sehr leicht sei, in die Welt zu schreien: „Fort mit den Reparationen“. Man vergesse aber dabei, daß hier bindende, feierlich eingegangene Abmachungen vorliegen und daß die Welt nicht ohne weiteres auf die Tribute, die sie als Einnahmen bucht, verzichten wird. Nur auf dem Wege der Verhandlungen könne man eine Aenderung der Tributzahlungen, die an der großen Arbeitslosigkeit Deutschlands und der Welt zum größten Teil schuld sind, herbeiführen. Erfolgreiche Verhandlungen sind aber erst dann möglich, wenn eine überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes geschlossen dahinter steht. Eine solche Front zu bilden, ist die erste und wichtigste Aufgabe der Reichsregierung, sofern sie bewußt Aufbauarbeit vollbringen will. Daß Frankreich und England sich einstweilen einer Ermäßigung der Zahlungen widersetzen werden, nachdem die ablehnende Haltung Amerikas nicht mehr zweifelhaft erscheint, geht aus den Kommentaren der ausländischen Presse klar hervor. Die deutsche Krisis wird im allgemeinen viel besprochen. Je nach Einstellung der Zeitung ist der Unterton freundlich oder unfreundlich; der Grundton aber ist fast bei allen der gleiche:„Solange Amerika von einer Ermäßigung der Kriegsschulden nichts wissen will, können wir uns auch nicht mit einem Nachlaß unserer Forderung einverstanden erklären, denn der Ausfall deutscher Zahlungen müßte durch neue Steuern wettgemacht werden. Wir können aber unserem Volke nicht weitere Steuererhöhungen zumuten.“ Der„Temps“ stellt sich beispielsweise auf den formalen Standpunkt. Er erinnert daran, daß die Tribute aus ungeschützten und geschützten Jahresleistungen bestehen. Die ungeschützten Annuitäten von 600 Millionen Reichsmark, die übrigens zum Teil bereits mobilisiert und daher jeder Aenderung entzogen sind, müssen unter allen Umständen nach wie vor überwiesen werden. Dagegen könnten die geschützten Jahresleistungen, die in etwa den Zahlungen der Alliierten an Amerika entsprechen, hinausgeschoben werden. Nach dem Youngplan ist der Deutschen Regierung das Recht zuerkannt wor den, mit 90tägiger Voranzeige die Uebertragungen der fälligen Summen aufzuschieben. Im ersten Jahr muß Deutschland aber die festgesetzten Beträge auf das Konto der B33. bei der Reichsbank hinterlegen. Erst im zweiten Jahr könnte Deutschland die Zahlungen bis 50 Prozent zurückstellen. Die ungeschützten Zahlungen betragen 1025 Millionen Reichsmark für das Jahr 1931—1932. In dieser Summe sind 700 Millionen Reichsmark Sachleistungen enthalten. Nach Ansicht des„Temps“, der wir zustimmen müssen, wird ein Moratorium nicht viel nutzen, weil Deutschland ja in diesem Jahr die Zahlungen doch leisten muß. Außerdem darf man nicht außer acht lassen, daß ein Zahlungsaufschub uns vielleicht Krediteinbuße zufügen würde. Nach den letzten börslichen Erschütterungen dürfen wir nichts vornehmen, was unsere ohnehin ungesunden Finanzen gefährden könnte. Die Behauptungen des französischen Blattes aber, daß die gegenwärtigen Schwierigkeiten lediglich eine Auswirkung der falschen deutschen Außenpolitik seien, müssen wir entschieden zurückweisen. Nicht die Bemühungen um die Zollunion, sondern die Friedensverträge und der Youngplan haben Deutschland und Europa nicht zur Ruhe und zur organischen Entfaltung kommen lassen. Solange diese einengenden Verträge in der gegenwärtigen Gestalt bestehen bleiben, ist mit einer Befriedung der Geister und Völker in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Wir wissen genau, daß wir von Frankreich in unseren Bemühungen, den Frieden zu festigen, kein Entgegenkommen erwarten dürfen. Frankreichs Ziel ist und bleibt, Deutschland auch wirtschaftlich niederzuhalten, damit es niemals seine Hegemoniepläne durchkreuzen kann. England zeigt uns andererseits bei aller Freundlichkeit und allem Verständnis doch die kalte Schulter. Seine Sorgen sind auch riesengroß und stehen ihm näher als die unsrigen. Mit Italiens Hilfe kann man nach den letzten Erfahrungen nicht rechnen. Italiens geradlinige Politik zielt nicht auf eine Aenderung der politischen und wirtschaftlichen Lage zu Gunsten Deutschlands, sondern nur auf eine Mattsetzung Frankreichs. Solange Hoover Präsident der USA. ist, dürfen wir auf eine Hilfe der geldgierigen amerikanischen Shylocks nicht hoffen. Es bleibt uns nur eins übrig: den Weg zu gehen, den uns Dr. Vögler vorgezeichnet hat, nämlich eine Bewegung im deutschen Volk gegen den Youngplan und die sogen. Friedensverträge zu entfachen, die darauf abgestellt ist, eine Aenderung dieser friedensstörenden Instrumente herbeizuführen. Ein einig Volk vermag auch Schwierigkeiten zu überwinden, die unüberwindlich erscheinen. Das haben wir zuletzt im Krieg erlebt, das werden wir immer wieder erleben. Die Not kann Menschen und Völker festigen oder zerbrechen. Hoffentlich wird die gegenwärtige bittere Not das deutsche Volk erwachen lassen. E. F. K. Sind die Reparationen schuld? Die augenblickliche innenpolitische Lage Deutschlands weist eine große Aehnlichkeit auf mit derjenigen des Inslationsjahres 1923. Zug um Zug kann man Parallelen aufdecken: Die Verarmung von Arbeiterschaft und Mittelstand, Finanznot des Reiches und der Gemeinden, zerbrochene Existenzen, wachsende Zahl der Selbstmorde, Unruhe in den Städten, systematisch einsetzender Bürgerkrieg, kurz und gut, damals wie heute: Höhepunkte der Not und des Elends. Ja, man kann noch weiter gehen. Man kann die Regierungen miteinander vergleichen und wenn man das Ergebnis betrachtet: es ist kein großer Unterschied. Damals im Inflationswirrwarr der Reichskanzler Cuno—(wer weiß heute noch was von ihm?)— begrüßt von der deutschen Presse als Retter des Vaterlandes, als starker Mann, der den passiven Widerstand propagierte, der mit politischen, nicht mit wirtschaftlichen, Mitteln die Mark stabilisieren wollte, dabei die Notenpresse weiter laufen ließ und schließlich in der Papiergeldflut versank. Und heute das Kabinett Brüning in der Deflationserstarrung. Der Reichskanzler, der den Mut hatte, die Not als Not zu bezeichnen ohne Verschleierung, mußte zu Beginn seiner Amtszeit durchaus als sympathische Persönlichkeit wirken. Er galt für viele ebenfalls als der starke Mann, ebenfalls als der Retter des Vaterlandes. Heute ist bereits die Ernüchterung da. Bekenntnis zur Wahrheit ist kein Ersatz für mangelnde politische Einsicht. Genau wie Cuno will Brüning mit politischen Mitteln das wirtschaftliche Gespenst der Krise bannen. Er will den Staatshaushalt durch die neue Steuererpressung in Ordnung bringen, und stillschweigend geht die Folgerung weiter, daß damit auch Ordnung und Leben in die Volkswirtschaft zurückkehren würde. Als wenn der Weg nicht umgekehrt lauten müsse: erst Gesundung der Wirtschaft, dann Gesundung des Staatslebens. Die Notverordnung. so betrachtet, ist nichts anderes als ein großangelegtes Dokument dilettantischer Regierungskunst. Die Rettung wird durch sie nicht herbeigeführt, so wie damals wird auch heute der Umschwung durch andere Kräfte bewirkt werden. Von wirtschaftlicher Seite erfolgte 1923 der Anstoß zur Gesundung der Währung. Man schuf die Rentenbank und die Rentenmark. Von maßgebenden Vertretern des herrschenden Geldsystems wird auch das Ende der Krise vorbereitet, dann, wenn es Zeit ist,— wenn man an der Krise nichts mehr verdienen kann. Die Frage nach der Ursache der Krise wird augenblicklich lebhaft erörtert: Alle möglichen Dinge sollen schuld sein. Und gerade verantwortliche Führer suchen nicht die vor ihnen liegenden Wurzeln aufzudecken, sondern ziemlich weit in die Ferne zu schweifen, von unentrinnbarem Schicksal, von Weltkrise und Weltarbeitsmarkt zu sprechen., Stillschweigend wirkt dabei der Gedanke mit: wir tragen keine Verantwortung, wir sind überirdischen Kräften ausgeliefert, wir als Vertreter eines einzigen Landes können nichts machen. So beruhigt man sich und diejenigen, die man führt. Ein beliebtes Mittel, auf solche Art seine Unfähigkeit zu verdecken, stellt die Reparationsfrage dar. Wie damals in der Hochflut der Inflation ist sie auch gegenwärtig wieder in den Vordergrund getreten und es ist geradezu erschreckend, welchen Unfug man damit treibt. Reichstagung der Evangelischen Frauenhilfe in Breslau. Von Pfarrer Nominikat, Königsberg i. Pr. In den Tagen vom 13. bis 16. Juni 1931 war Breslau Sammelpunkt der evangelischen Frauen Deutschlands, die dort über ihre Aufgabe innerhalb der evangelischen Kirche sich von neuem klar werden wollten durch Rückblick auf die geleistete Arbeit und Ausblick auf neu einzuschlagende Wege. Heute umfaßt der Gesamtverband in 19 Provinzialund Landesverbänden 5620 Einzelvereine mit über 650000 Mitgliedern. Neben die freiwillige Mitarbeit der Mitglieder trat im Laufe der Jahre eine Berufsarbeit. Die Schwesternschaft der Frauenhilfe zählt jetzt an 750 Schwestern, und über 8000 Helferinnen sind für ländliche Krankenpflege ausgebildet worden. Im Ganzen ist die Frauenhilfsarbeit eine Arbeit, die in der Stille treu und unermüdlich geleistet wird. Wenn sie bei der Breslauer Tagung des Gesamtverbandes in die Oeffentlichkeit trat, so hatte das namentlich in der Kundgebung in der Jahrhunderthalle den Sinn eines Bekenntnisses. Fast zwölftausend Menschen sah die Jahrhunderthalle. Tausende konnten sie wegen Ueberfüllung nicht betreten, so daß im Messehof eine zweite Kundgebung veranstaltet werden mußte. Dreitausend Sänger und Sängerinnen, Abordnungen der Jugendbünde mit Wimpeln und Fahnen, Elternbünde, Arbeitergemeinschaften, selbst die Kleinsten vom Kindergottesdienst standen auf der Empore vor der Riesenorgel. Inmitten der verantwortlichen Leiter, der Geistlichkeit, Vertreter der Behörden— als Vertreter des Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin nahm dessen geistlicher Vizepräsident D. Burghart an der Tagung teil— war auch die Kronprinzessin erschienen. In einer kurzen Ansprache eröffnete die Vorsitzende des Gesamtverbandes Frau von Oppen die feierliche Versammlung.„Frauenhilfsdienst im Kampf der Kirche" lautete das Thema, über das Gen.=Sup. D. EgerMagdeburg und Frau LiebeHHartkort=Hagen=Haspe sprachen. Männerchöre des Schlesischen Sängerbundes umrahmten die Ansprachen der Redner. Das von den vielen Tausenden mit Orgel= und Posaunenbegleitung gemeinsam gesungene„Frauenhilfslied“(„Kling durch alle Lande") unseres Königsberger Frauenhilfspfarrers Lie. Hermenau beendete die machtvolle Feier. Die im Mittelpunkt der Arbeit der Frauenhilfe stehenden Fragen wurden in Sonderversammlungen und in besonderen Arbeitsgemeinschaften behandelt. Ich möchte nicht mißverstanden werden. Als Vertreter einer politischen Bewegung, die jede Ausbeutung aufs schärfste bekämpft, bin ich mir vollständig klar über das Wesen der Reparationen. Sie stellen nichts weiter dar, als die sichtbaren Tatsachen eines internationalen Ausbeutungsverhältnisses, das auf brutaler Machtüberlegenheit aufgebaut ist. Jede Politik, die zielbewußt diese Ausbeutungserscheinung zu beseitigen bestrebt ist, muß begrüßt werden. Hier aber wende ich mich gegen die öffentliche Irreführung, die man mit Hilfe der Reparationsfrage bewirkt. Auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei in Leipzig erklärte kürzlich der Hauptredner Tarnow, daß nun auch die Arbeiterschaft hinsichtlich der Not für eine Beseitigung der Reparationen eintreten müsse. Zu gleicher Zeit tagte in Düsseldorf der großindustrielle Langnamverein und Generaldirektor Vögler sagte, Krise und Reparationsfrage hingen unauflöslich miteinander zusammen, und im Kampf gegen die Reparationen bildelen Arbeiter und Unternehmer eine Einheitsfront. Auch bei dem Kanzler= und Ministerbesuch in Chequers stand im Mittelpunkt der Besprechungen die Reparationsfrage als wesentlich bestimmender Faktor der deutschen Not. Was so vorsichtig und geschickt von den Zentralstellen unseres sozialen Lebens formuliert wurde, hat die Presse in immer wiederkehrenden Variationen bearbeitet und volkstümlich gemacht. So ist in weitesten Volkskreisen — und nicht nur in den unteren ungebildeten Schichten — die Meinung vertreten, die Reparationen seien schuld an der Krise. Jeder, der diesen Glauben teilt, möge klar und einfach, losgelöst von jeder gefühlsmäßigen Einstellung, einmal die Frage beantworten, wie sich denn rein wirtschaftlich dieses Verhältnis von Ursache und Wirkung darstellt. Von einem Menschen, der politisch ernst genommen werden will, muß man die Beantwortung dieser Frage einfach verlangen. Mit Gefühlsausbrüchen und Sentimentalitäten kann man wohl auf Massenversammlungen einwirken, in einer zielbewußten Politik hat nüchterne Tatsachenerkenntnis zu entscheiden. Machen wir uns die Sachlage klar. Deutschland hat jährlich zwei Milliarden Mark an Reparationen abzuführen. Diese zwei Milliarden Mark gehen ab von dem Arbeitsprodukt des deutschen Volkes, sie müssen abgezogen werden von dem Lebensstandard aller Deutschen. Auf den Kopf macht das eine Belastung von etwa 33 Mark im Jahre aus; ganz grob gesprochen: der einzelne, ob Kind, ob Greis, muß auf den Kaufkraftwert von 33 Mark im Jahre verzichten zugunsten der ehemaligen Feindstaaten. Weltwirtschaftlich wirkt sich das folgendermaßen aus. Deutschland muß für zwei Milliarden Waren ausführen, für die es keine Waren einführen kann. An diesem Punkte setzen gewöhnlich die Krisenerklärungen ein. Man sagt: die deutsche Ausfuhr überschwemmt den Weltmarkt. Das hat zur Folge, daß die Auslandsarbeiter nicht mehr so viel produzieren können. Ihre Arbeitslosigkeit veranlaßt ihre Regierungen zu Zollmaßnahmen und Einfuhrverboten. Diese Sperrungen wieder wirken zurück auf Deutschland. Sein Absatzmarkt ist verschlossen und in der Not verschließt es den Auslandsprodukten dann ebenfalls den deutschen Markt. Die Weltkrise ist da, zwei Milliarden Mark Reparationen bilden den Ausgangspunkt, und die Kette scheint lückenlos geschlossen zu sein. Eine Grenzlandtagung in Oberschlesien, Ausflüge nach dem Riesengebirge, nach Buchwitz und die Einweihung der Kapelle im Müttererholungsheim Rosenthal schlossen sich an. Möge sie bei allen Teilnehmern Treue zum evangelischen Glauben und zur evangelischen Kirche geweckt haben! Eindringliche Worte bei der Einweihung des Predigerseminars in Frankfurt(Oder). Am 11. Juni fand in Frankfurt(Oder) unter außerordentlicher Beteiligung aus allen Kreisen der Stadt, während die Kirchenglocken läuteten und die Fahnen vom Rathaus wehten, die feierliche Eröffnung des Predigerseminars statt, das der Hut und Pflege des Superintendenten Wolfgang Staemmler anvertraut wurde. Bei der Weihe sind Worte gesprochen worden, die es wert sind, auch in weiteren Kreisen gehört und beherzigt zu werden. So sagte der Generalsuperintendent der Neumark und der Lausitz D. Vits u. a. folgendes: Ein evangelischer Pfarrer muß mehr sein als Prediger. Er muß Pastor, Hirte, Lehrer und Erzieher der Kindergemeinde, Führer und Freund der reiferen Jugend, Seelsorger und Berater, Helfer in inneren und äußeren Nöten sein. Allein pectus facit theologum— das Herz macht den Theologen. Gewiß, eine gediegene Allgemeinbildung, eine gründliche wissenschaftliche und praktische theologische Durchbildung, ein sicheres Wissen und Können— das alles ist notwendig. Aber das Entscheidende ist im letzten die persönliche Lebensgemeinschaft mit unserem Herrn Christus.. Wir klagen heute mit Recht über die grenzenlose Verwirrung aller religiösen und sittlichen Begriffe. Selbst die großen, heiligen, ewigen Gottesgebote stehen nicht mehr als unverrückbare Grenzsteine fest. Die Dämme der Zucht werden fortgeschwemmt. Hier gilt der Herrenmensch, dort der Massenmensch als Ideal. Trotz allen Bildungshungers und Bildungsstrebens eine erschreckende Unwissenheit gerade in religiösen Dingen, auch in den Kreisen der sogenannten Gebildeten. Keine noch so wunderliche und verrückte Lehre, die nicht ihre Gläubigen findet. Die gefährlichsten und verderblichsten Irrtümer gehen um und verwirren die Köpfe und Herzen. In einer solchen Zeit tut es wahrlich not, daß wir uns und anderen das Wort zurufen: Einer ist euer Meister, euer Lehrer, Christas!... Wenn die Erstarrung auf dem Weltmarkt wirksich von den Reparationen abhinge, müßte sie auch zahlen, mäßig in der Höhe der Reparationssumme sich ken. Das heißt: Der Außenhandel der Völker müßte in seiner Gesamtheit um die Summe von 2 Milliarden Mark, für die Deutschland ja keine Waren abnimmt, zu. rückgehen. Das tatsächliche Bild aber sagt etwas andereg: Von 1929 auf 1930 ging die Ausfuhr zurück: in Amerika um 5,5 Milliarden, in England um 3,2 Milliarden, in Frankreich um 1,2 Milliarden. In 3 Ländern der Welt, wirtschaft also betrug der Rückgang der Ausfuhr gunshernd 10 Milliarden Mark, während doch die Hemmung durch die Reparationsleistung nur 2 Milliarden Mark be, trug, wobei diese Hemmung sich noch über die ganzen Weltländer, die deutsche Waren kauften, verteilte. Mie können also die zwei Milliarden Mark die Wirtschafts. krise erzeugen. Noch absurder wird der Gedanke, wenn man an den allgemeinen Rückgang der Produktion in der Weltwirtschaft denkt. Bei den fast zwanzig Millig, nen Arbeitslosen macht das mehr als 50 Milliarden Mark aus. Mit der Reparationsfrage ist diese Erscheinung nicht zu erklären. Maßgebend ist der stockende Absatz, veranlaßt durch den stockenden Geldumlauf. Bei der Inflation wußte man schließlich, daß die Not durch falsche Geldpolitik verursacht war, heute in der Deflation weiß man es noch nicht allgemein. Muß das Elend noch größer werden, um diese Lehre brutal und offen allen deutlich zu machen? Die Inflationsgewinnler konnten damals die Wahrheit nicht verschleiern, wird das den Krisengewinnlern von heute auch unmöglich sein? Wer das Geld beherrscht, hat ein Interesse daran, die Gesetzmäßigkeit seines Auf und Ab hinter äußeren Erscheinungen zu verbergen. Daß man heute die Reparationsfrage in diesem Sinne wieder einmal als Opium fürs Volk benutzt, ist bequem und wirksam. Tragisch aber ist es, daß gerade die breitesten nationalen Schichten unseres Volkes sich durch diesen Köder irreleiten lassen. Man sagt wohl, Not lehrt beten. Ich will hinzufügen, Not möge auch denken lehen! Denken in volkswirtschaftlich=sozialen Dingen, das ist notwendiger denn je!. Kurt Becker. Auch Seipel gescheitert. Buresch mit der Kabinektsbildung beauftragt. Nach dem Bundeskanzler Ender ist nun auch der frühere österreichische Regierungschef Prälat Dr. Seipel mit seinen Bemühungen um die Regierungsbildung gescheitert. Dr. Seipel hat Sonnabend mittag seine Mission in die Hände des Bundespräsidenten zurückgelegt, da alle seine langwierigen Versuche, die auch den größten Teil der Nacht in Anspruch nahmen, weder in bezug auf die Bildung einer Konzentrationsregierung, noch einer Mehrheitsregierung Erfolg hatten. Der Bundespräsident erklärte hierauf, noch einen letzten Versuch der Bildung einer parlamentarischen Mehrheitsregierung zu machen und ersuchte den Abgeord. neten Landeshauptmann Dr. Buresch, sich als designierter Bundeskanzler dieser Aufgabe zu unterziehen. Die Sozialdemokraten hatten den Eintritt in das Konzentrationskabinett Seipel abgelehnt, da nach ihrer Auffassung die Voraussetzungen für eine Konzentration noch nicht gegeben seien. Seipel versuchte darauf, ein Kabinett aus den bisherigen bürgerlichen Mehrheiten zu bilden, doch blieb auch dieser Versuch erfolglos, da die GroßWir aber sollen Verkünder dieser Botschaft sein, nicht bloße Referenten oder Berichterstatter vergangener Geschichte, vielmehr lebendige Zeugen des lebendigen, gegenwärtig wirkenden Christus... Darum sollt Ihr Euch durch unsern Herrn Christus das Herz warm machen lassen für die Not unserer Brüder, für die Not unseres Volkes. Wir können keine Pastoren gebrauchen, die nicht mit weitem Herzen im Volksleben stehen. Noch ist, gottlob, unsere evangelische Kirche eine Volkskirche; wie lange noch, das steht in Gottes Hand. Aber wir wollen dankbar sein, daß wir das Netz mit auswerfen dürfen, daß wir allen denen dienen dürfen, die das Band mit der Kirche noch nicht zerschnitten haben. Allein, unsere suchende und werbende Liebe muß auch den Fernen und Entfremdeten gehören, so gewiß die Borschaft von der vergebenden Liebe allen, aber auch wirklich allen gilt... Es gilt, mitzutragen und mitzuleiden, fremde Schuld aufs eigene Herz und Gewissen nehmes. Wir müssen uns in die Seelen der andern hineinversetzen, in ihre Not und ihre Schuld, in ihr Sehnen und Suchen, um dann mit ihnen und für sie den Weg in die Höhe zu suchen..“ Ueber jedem Gottesdienst, an dem wir teilnehmen und mitwirken dürfen, soll es leuchtend stehen: Er der Meister, wir die Brüder! Und von hier aus mus dann der Liebesdienst Jesu Christi in Haus und in Beruf und Amt, in Politik und Wirtschaft, in Staal und Volk hineingetragen und hineingelebt werden. s“ an einer neuen Volksgemeinschaft mitzuarbeiten, das seid Ihr berufen.“— Auch der geistliche Vizepräsident D. Burghardt ergriss und zwar als Vertreter des Ev. Oberkirchenrats, Wort. Mit ungeheurem Ernst erklärte er u..: „Wir verschweigen den jungen Theologen den Ern der Lage nicht, wir wollen niemanden zum Amt zulassen, der nicht bereit ist, mit Leib und Seele der Kirche d“ dienen. Wir wollen niemanden haben, der sich an Nut übertreffen läßt von den jungen Leuten, die in das Reich“ heer eintreten und die doch auch damit rechnen mussen, daß sie einst ihr Blut hingeben müssen. Wir können zum geistlichen Amt nur Menschen gebrauchen, stark, fest en“ schlossen, nur dem einen zu dienen, der in die Welt 9“ kommen ist, die Menschenseele zu verbinden mit den ewigen und lebendigen Gott... So wollen wir m“ Glaubensmut und mit fester Entschlossenheit auf unseren Posten ausharren in Pflichterfüllung bis zum Letzten deutschen, wenn sie auch die Regierung unterstützen wollten, an derselben nicht teilnehmen zu können erklärten. Die Großdeutschen hatten ihren Standpunkt in der Frage des Beamten=Notopfers nicht geändert, wodurch dieselbe Lage gegeben war, wie vor dem Rücktritt Dr. Enders. Damit sah Dr. Seipel seine Mission für erledigt an. * Kabinett Buresch gebildet. die Fragen der Beamtengehaltskürzung und der Arbeitslosenversicherung zurückgestellt. Die Bemühungen des bisherigen Landeshauptmanns von Niederösterreich, Dr. Buresch, um die Bildung einer Regierung aus den bisherigen Mehrheitsparteien haben zum Erfoig geführt. .—— Bundeskanzler wird Dr. Bures dr. Schober, Heeresminiser. 4au nbbundl 2l. Außenmini Innenn Vizekanzler und ster Baugoin, Fher(Laneruno), Iinanzminister Dr. Josef Redlich, Minister für soziale Verwaltung Dr. Resch. Minister für Landwirtschaft Dollfuß, Ainister für Unterricht Czermak und für Handel Aleini, Jufiiz= minister wird Dr. Schürff. mminister Dr. S minister Wink Redisch, m Gleich nach der Ernennung durch Bundespräsident Miklas leisteten die Mitglieder des neuen Kabinetts den Eid in die Hand des Bundespräsidenten. Die nächste Sitzung indet am Dienstag, den 23. Juni, des Nationalrats findet statt. Bureschs Konzessionen an die Parteien. den Verhandlungen Dr. Bureschs über die Kabinettsbildung spielten die Fragen der Beamtengehälterkürzung mit Rücksicht auf die Großdeutschen und der Arbeitslosenversicherung eine wesentliche Rolle. Die Erledigung beider, früher beabsichtigten auf Ersparungen hinzielenden Maßnahmen werden vorläufig zurückgestellt, letztere im Hinblick auf eine wohlwollende Haltung der Sozialdemokratischen Partei, mit deren Führer Dr. Buresch eine längere Unterredung hatte. Dr. Josef Redlich war früher Professor der Nationalökonomie und Rechtswissenschaften an der Universitat Wien. Im Herbst 1918 gehörte er als Finanzminister dem Kabinett Lammasch, dem letzten kurzfristigen Kabinett der Monarchie, an. Seit einer Reihe von Jahren ist Redlich ordentlicher Professor an der Harvad=Universität in Amerika und war jetzt zum Sommeraufenthalt in seine österreichische Heimat Zdoder=Wa=Leutschrand hersen. Atempause.— Neue Anleihen. Der Berliner Eindruck der Washingtoner Erklärungen. — Berlin, 21. Juni. Das Reichskabinett ist am Sonnabend zu der angekündigten Sitzung zusammengetreten, in der bekanntlich Personalfragen geregelt werden sollten. Es liegt auf der Hand, daß man sich bei dieser Gelegenheit auch über die Washingtoner Meldungen unterhielt, die eine Initiative Amerikas in der Kriegsschulden= und Reparationsfrage ankündigen. Die Erklärungen Hoovers bei der Pressekonferenz im Weißen Hause haben in der Reichshauptstadt natürlich ein ganz außerordentliches Interesse gefunden, zumal der amerikanische Präsident besonders die Bedeutung hervorgehoben hal, die der Lage Deutschlands in diesem Zusammenhang zuerkannt werden muß. In Berliner politischen Kreisen wird die Initiative des amerikanischen Präsidenten außerordentlich herzlich begrüßt. Die bisher vorliegenden Meldungen lassen freilich noch nicht erkennen, in welcher Jorm und in welchem Umfang die angekündigte amerikanische Aktion durchgeführt werden soll. Bisher sind in der amerikanischen Presse nur die Gedankengänge erwähnt worden, die in Europa und namentlich in Deutschland bereits seit langem entwickelt wurden. Man spricht von dem Zusammenhang zwischen Reparationen und Kriegsschulden; man ventiliert außerdem die Möglichkeiten einer Anleihehilfe. Ueber die Absichten Hoovers selbst ist jedoch noch nichts Authentisches bekanntgeworden. Es empfiehlt sich deshalb zunächst einmal abzuwarten, bis nähere Informationen vorliegen. Immerhin läßt sich schon jetzt erkennen, daß auch in den verantwortlichen Kreisen Amerikas die Zusammenhänge der Finanz= und Wirtschaftskrise erkannt werden und daß man sich auch dort kaum noch einem Zweifel über den Ernst der Situation hingibt. Ueberrascht hat in politischen Kreisen, daß Präsident Hoover bereits jetzt mit seiner Erklärung hervorgetreten ist, ehe Staatssekretar Stimson seine Europareise gemacht hat. Die Entwicklung der letzten Wochen, vielleicht auch die Berichte, die Staatssekretär Mellon nach Washington gegeben hat, dürften den verantwortlichen amerikanischen Kreisen die Ueberzeugung vermittelt haben, daß ein längeres Warten die Situation nur noch bedrohlicher gestalten kann. Jedenfalls läßt sich bei aller selbstverständlichen Zurückhaltung des Urteils nach der Auffassung politischer Kreise den Erklärungen des Präsidenten entnehmen, daß die Vereinigten Staaten sich an den bevorstehenden internationalen Verhandlungen recht aktiv beteiligen werden. * Die Wirkung auf die Börse. Kurze Hoover=Hausse.— Später Krediteinschränkung durch die Reichsbank. Die freundlichen Erklärungen Hoovers, in Verbindung mit unbestätigten Gerüchten über einen langfristigen amerikanischen Bereitschaftskredit für die Reichsbank in Höhe von 300 Millionen Dollar bewirkten zunächst eine kräftige Erholung an der Berliner Börse, wobei die Kurse teilweise bis um 10 Prozent stiegen. Die sehr feste Tendenz konnte sich unter kleinen Schwankungen bis zur Feststellung der Kurse am Devisenmarkt halten. Als sich dann ergab, daß die Devisennachfrage gegen gestern kaum geringer geworden war,— sie soll annähernd wieder 70 Millionen Mark betragen haben— trat an den Effektenmärkten ein allgemeiner Stimmungsumschwung ein, und die anfänglichen Kursgewinne gingen fast wieder verloren. Angesichts der unverändert großen Devisenanforderungen sah sich die Reichsbank zu der Maßnahme gezwungen, die Notierung des Privatdiskontsatzes ausfallen zu lassen. Runmehr müssen also auch diejenigen Wechsel, die die besonders gute Qualität der Privatdiskonten haben, auf dem regulären Diskontweg bei der Reichsbank eingereicht werden. Ein amerikanischer Bereitschaftskredit wäre wohl das einzige zur Zeit sichtbare Mittel, um die eben von der Reichsbank eingeleitete. Methode der Krediteinschränkung alsbald wieder verlassen zu können und die Wirtschaft vor dem schweren zusätzlichen Druck zu bewahren, den Kreditüber sie einengungen „ verhängen. Hoovers Vorschlag. Amerika schlägt ein Schuldenfeierjahr vor. Der von der ganzen Welt mit größter Spannung erwartete Vorschlag Amerikas zur Schuldenfrage ist jetzt der Oeffentlichkeit bekanntgegeben worden. Wie aus Washington bemeldet wird, hat Präsident Hoover folgende Ersatung abgegeben, deren Wortlaut er den Missionscheso der beteiligten Lander, darunter dem deutschen Geschäftsträger Leitner, durch das Außenamt überreichen ließ: Die amerikanische Regierung schlägt einen einsäheigen Aufschub aller Zahlungen auf Schulden der Regierungen, Reparationen und Wiederaufbauschulden vor, und zwar sowohl bezüglich des Kapitals wie der Zinsen, ausgenommen natürlich Schuldverpflichtungen der Regierungen, die sich in Privathänden befinden. Vorbehaltlich der Zustimmung des Kongresses ist die amerikanische Regierung bereit zu einem Aufschub aller ihr seitens fremder Regierungen geschuldeten Zahlungen während des am 1. Juli 1931 beginnenden Ekatjahres. unter der Bedingung, daß die wichtigeren Gläubigerstaaten ebenfalls alle ihnen geschuldeten Zahlungen auf Regierungsschulden für ein Jahr aufschieben. Dieser Schritt ist von 21 Senatoren und 18 Mitgliedern des Repräsentantenhauses gebilligt worden. Er wurde ferner gebilligt von dem Botschafter Dawes und Owen D. Young. dieses Schrittes ist, das kommende Jahr der wirtschaftlichen Erholung der Welt zu widmen und die Kräfte in den Vereinigten Staaten, die bereits am Wiederaufbau arbeiten, von den von außen kommenden verzögernden Faktoren zu befreien. Die über die ganze Welt verbreitete Depression hat die europäischen Staaten mehr in Mitleidenschaft gezogen als uns. Einige jener Staaten fühlen die Verminderung ihrer wirtschaftlichen Stabilität durch diese Depression in ernstem Maße. Das Gewicht der Regierungsschulden, das in normalen Zeiten tragbar wäre, drückt inmitten dieser Depression schwer auf die Völker. Aus einer Reihe von Gründen, die aus der Depression resultierten, beispielsweise der Preissturz fremder Waren und das mangelnde Vertrauen in die wirtschaftliche und politische Stabilität im Ausland, begann eine abnorme Zuwanderung von Gold nach den Vereinigten Staaten, wodurch die Kreditfähigkeit vieler fremder Staaten vermindert wurde. Diese und andere Schwierigkeiten im Ausland verringern die Kaufkraft für unsere Exportwaren und sind daher in gewissem Umfang schuld an unserer fortdauernden Arbeitslosigkeit und den fortdauernd niedrigen Preisen für unsere Farmprodukte. gen und dadurch den politischen Frieden und die wirtschaftliche Stabilisierung in der Welt zu fördern. Die es es chsels ese els heie Kongresses herzliche Unterstützung zugesichert worden. Der kern des Vorschlages ist, den Schuldnern Zeit zur Wiedererlangung ihrer nationalen Prosperität zu geben, und ich richte an die Amerikaner den Rat, in ihrem eigenen Interesse gute Gläubiger und gute Nachbarn zu sein. Amerika und die Reparationen. Ich möchte diese Gelegenheit dazu benutzen, meine Ansicht über unsere Beziehungen zu den deutschen Reparationen und den uns von den europäischen alliierten Regierungen geschuldeten Summen offen zu äußern: Unsere Regierung hat sich nicht an der Auferlegung der Reparationen beteiligt, noch sich irgendwie bezüglich ihrer Festsetzung geäußert. Wir haben mit voller Absicht keinen Anteil gehabt an den allgemeinen Reparationen oder an der Aufteilung von Kolonien oder von Privateigentum. Die Rückzahlung der Anleihen, die wir den Alliierten für den Krieg und für Wiederaufbauzwecke gewährten, wurde auf einer Basis geregelt, die weder mit den deutschen Reparationen irgendwie zusammenhing, noch von deren Zahlung abhängig gemacht wurde. Daher ist die Reparatlonsfrage notwendigerweise ein rein europdisches Problem, mit dem wir nichts zu tun haben. Ich billige nicht im entferntesten die Streichung der uns geschuldeten Summen. Das Weltvertrauen würde durch einen derartigen Schritt nicht gefördert werden. Keiner unserer Schuldner hat das #i uten-Räbobbak-atand unsere eigenen Prinzipien durch, wenn wir die gegenwär. tigen anormalen Verhältnisse in der Welt in Rechnung giehen.„ n" Ee vu. Ich bin davon überzeugt, daß das amerikanische Volk nicht den Wunsch hat, den Versuch zu machen, vom Schuldner mehr herauszuholen, als er zahlen kann, und meiner Ansicht nach verlangt eine weitschauende Volitik, daß unsere Regierung die gegenwärtige Situation in ihrer Realität anerkennt. Diese Haltung entspringt vollkommen unserer bisher befolgten Politik. Wir werden dadurch nicht in die Diskussion rein europäischer Probleme, zu denen die Reparationsfrage gehört, hineingezogen, wir wollen lediglich unsere Bereitschaft ausdrücken, zur baldigen Erholung der Weltprosperität, an der unser Volk so stark interessiert ist, unseren Teil beizutragen.—— möchte noch hinzufügen, daß wir, obgleich dieser Schritt mit der für nächsten Februar angesetzten Konferenz zur Beschränkung der Landabrüstungen nichts zu tun hat, doch die Hoffnung haben, angesichts des starken Einflusses des Wettrüstens auf die gegenwärtige Depression werde unser Schritt zu freundschaftlicheren Beziehungen beitragen, die für die Lösung dieser wichtigen Rüstungsfrage so notwendig sind. ——„ Durch diese Erklärung des amerikanischen Präsidenten werden die ersten aufsehenerregenden Meldungen der Neuyorker Presse über ein beabsichtigtes zwei bis dreijähriges Schuldenmoratorium überholt. Der Bericht der Washingioner Botschaft. Dem Auswärtigen Amt ist ein ausführlicher Kabelbericht der heutschen Botschaft in Washington zugegangen, den der Gesandtschaftsrat Leitner, der in Abwesenheit des Botschafters die Geschäfte führt, über seine Unterredung mit dem amerikanischen Außenminister gegeben hat. Der Bericht enthält eine ausführliche Darstellung der Vorschläge; die der amerikanische Präsident in den Fragen der Schuldenstundung, der Anleihegewährung nach Europa und der finanziellen Entlastung Europas aufgestellt hat, sowie die Erörterungen. die in einer ausführlichen Unterredung der amerikanische Außenminister diesen Vorschlägen zugefügt hat. * Reparationsberatungen in Berlin. Das Reichskabinett und namentlich der reparationspolitische Ausschuß des Kabinetts hat am Sonnabend die vorgesehenen Beratungen fortgesetzt. An den Verhandlungen nahmen wieder die bereits in Berlin weilenden deutschen Botschafter teil. Entlastung um 1500 Millionen. Die Bedeutung des Hooverschen Vorschlages.— Der Eindruck in Berlin. — Berlin, 22. Juni. Der Vorschlag des Präsidenten Hoover findet in Berlin die Aufnahme, die einem Ereignis von ganz außergewöhnlicher Bedeutung zukommt. Diese Bedeutung zeigt sich in der Tatsache, daß der Gedanke Hoovers weit über das hinausgeht, was der Youngplan an möglichen Erleichterungen vorsieht. Das gilt von drei Gesichtspunkten aus: 1. Hoover schlägt nicht nur einen Transfer-, sondern einen Zahlungsaufschub vor; 2. der Aufschub soll nicht erst nach den im Youngplan vorgesehenen Fristen, sondern bereits am 1. Juli eintreten; 3. er umfaßt die geschützten und die ungeschützten Zahlungen, also auch die 660 Millionen, die wir bei einem regularen Young-Moratorium auf alle Fälle zu zehlen hätten. Die Ersparnis des schuldenfreien Jahres wurce uns etwa 1500 Millionen Mark ausmachen. De: amerikanische Präsident nimmt von dem Feierjahr die Schuldenverpflichtungen an Private aus. Das würde bedeuten, daß die Zinsen aus der Dawes= und der Younganleihe weiter zu zahlen wären. Dabei handelt es sich aber nur um einen verhältnismäßig geringfügigen Betrag, der sa auch im Etat außerhalb der Reparationsannuität-besonders angesetzt ist. Dagegen würden die Zahlungen, die wir auf Grund des deutsch=amerikanischen Friedensvertrages an die Vereinigten Staaten zu leisten haben, mit einer unwesentlichen Ausnahme ebenfalls eingestellt werden können. Der Reichshaushalt erfährt durch die völlige Außerkraftsetzung des Zoungplans für ein Jahr eine Enklastung von über 1500 Millionen Mark. Das kommt gleichzeitig unserer Devisen= und Kredittage zu Hilfe und wirkt sick ichen damit nicht nur finanz=, sondern auch wirtschaftspolttisch aus. In Berliner politischen Kreisen unterstreicht man besonders, wie stark in der Erklärung des Präsidenten Hoover betont wird, daß jetzt die Wirtschaft und Notwendigkeit ihrer Gesundung den Vorrang vor der Politik habe. Das ist ein Ideengang, wie er in Deutschland seit langem vertreten wird. Erfreulicherweise hat sich diese Einsicht auch in Amerika so weit durchgesetzt, daß sie zu einer Initiative des Präsidenten Hoover führte, die in Deutschland nur auf das herzlichste begrüßt wird. weitere Entwicklung hängt nun davon ab, wie die europäischen Mächte die amerikanische Anregung aufnehmen. Allgemein erwartet man, daß sich niemand den Vorschlägen Hoovers entziehen kann. Das gilt auch für Frankreich, in dessen Presse wohl am ehesten noch eine gewisse Skepsis gegen die in den letzten Tagen angekündigten amerikanischen Schritte herauszulesen war. Der Vorschlag Hoovers ist zudem auch so aufgebaut, daß er ja auch den europäischen Gläubigerstaaten materiell entgegenkommt. Das geschieht vor allem mit der ausdrücklichen Einbeziehung auch der Zinszahlungen. Sie betragen nach dem Schuldenabkommen in der fraglichen Zeit bei Frankreich etwa das Dreieinhalbfache und bei England fast das Fünffache der Schuldentilgung. Betrachtet man den Vorschlag Hoovers schließlich noch unter dem Gesichtspunkt einer Revision, so muß man zu dem Ergebnis kommen. daß auch in dieser Beziehung eine Erleichterung durch das Ferienjahr vorbereitet wird. : Alle eingeweihten Kreise sind sich darüber klar gewesen. daß„die Revisionsmöglichkeiten durch drei Ereignisse stark gehemmt und erschwert werden, die in den Jeitraum bis M zum nächsten Sommer fallen. Das sind die Wahlen in Amerika und Frankreich, ist weiter die Abrüstungskonferenz. Ueber diese Schwierigkeiten hilft das Ferienjahr hinweg. und inzwischen findet sich, so hofft man in politischen Kreisen, Gelegenheit, die Revisionsfrage praktisch aufzurollen. Hindenburg an Hoover. Eine Botschaft des Reichspräsidenten. — Berlin, 22. Juni. Wie wir erfahren, hat Reichspräsident von Hindenburg in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag an den Präsidenten Hoover ein Telegramm gerichtet, in dem er darauf hinweist, daß die Notlage des deutschen Volkes eine sofortige Entlastung notwendig mache. Es ist anzunehmen, daß der Reichspräsident diesen Schritt nicht ohne das vorherige Einverständnis des Präsidenten Hoover unternommen hat. Eine Veröffentlichung des Telegramms wird nicht in Berlin, sondern vielleicht in Neuyork erfolgen. Deutschland hat bereits zugestimmt. Annahme durch England und Italien bevorstehend. Die Reichsregierung ist über den Vorschlag des amerikanischen Präsidenten ebenso wie die anderen Hauptmächte auf dem Weg über die Botschaft in Washington Sonnabendabend unterrichtet worden. Wie wir erfahren, hat sie der amerikanischen Regierung bereits ihre Zustimmung zu dem Vorschlag mitgeteilt. Die Zustimmung ist um so freudiger erfolgt, als man in Berlin wohl zu würdigen weiß, was die Einschaltung der Vereinigten Staaten in die Bemühungen zur Beseitigung der Weltwirtschaftskrise bedeutet. Die Erleichterungen die Deutschland nach dem Vorschlag zuteil würden, belaufen sich nach den Berechnungen der zuständigen Stellen auf rund 1500 Millionen. Von der Gesamtsumme, die während dieses Zeitraums fällig wäre, muß man etwa 200 Millionen für laufende Zinsverpflichtungen abziehen. In diesem Zusammenhang ist auch zu unterstreichen, daß die Revisionsmöglichkeiten durch das Ferienjahr nicht beeinträchtigt werden. Nach Berliner Auffassung wird auf diese Weise keine Aussicht verbaut, und es ist schließlich richtiger, die Zahlungen auf Wunsch des Gläubigers als gegen die Front der Gläubiger einzustellen. Eine wesentliche Frage für die weitere Entwicklung ist natürlich, welchen Standpunkt die übrigen Mächte einnehmen werden. Es ist anzunehmen, daß England ebenfalls sein Einverständnis erklären wird, ebenso Italien. Problematischer erscheint im Augenblick noch die Stellung Frankreichs. Auch in deutschen politischen Kreisen wird nicht verkannt, daß Frankreich gewisse Opfer bringen müßte. Frankreich erhält von uns über 800 Millionen RM und hat selbst mehr als 400 Millionen Kriegsschuldenverpflichtungen zu zahlen, erleidet also einen Ausfall von 400 Millionen RM. Es ist aber schließlich wohl kaum anzunehmen, daß Frankreich sich einer Gesamtaktion Amerikas und Europas entziehen wird. Hoover lehnt Gegenvorschläge ab. — Neuyork, 22. Juni. Nach aus Washington vorliegenden Berichten sind Verhandlungen über die Verwirklichung des Hooverschen Vorschlages bereits im Gange, jedoch sei noch unerkennbar, wie die amerikanische Anregung verwirklicht werden solle. Es scheint festzustehen, daß Hoover energisch etwaige Gegenvorschläge interessierter Regierungen ablehnen wird. Insbesondere wären Bemühungen auf Ausdehnung des Zahlungsaufschubs auf einen größeren Zeitraum zum Scheitern verurteilt. In politischen Kreisen werden einige Befürchtungen über die Haltung Frankreichs laut, da man glaubt, daß die Pariser Regierung versuchen werde, einen gewissen Teil deutscher Tributleistungen vom Zahlungsaufschub auszunehmen. Andererseits aber geben maßgebende Politiker der Meinung Ausdruck, daß Frankreich unter dem Druck der Weltmeinung gezwungen sein werde, den Vorschlag bedingungslos anzunehmen. Die Gerüchte, daß die Federal Reservebank der Reichsbank einen Bereitschaftskredit von 300 Millionen einnäume, erhalten sich weiter. Von Hoover nahestehenden Kreisen wird jedoch versichert, daß eine Regierungsanleihe selbstverständlich nicht in Frage komme. Jedoch würde die Regierung gegen die Kreditgewährung der Federal Reservebank nichts einzuwenden haben. Posi= Bestelschein Der Unterzeichnete bestellt hiermit 1 Eremplar des Aufwärts. Für Monat 198" Der Bezugspreis wolle von mir erhoben werden. Ich wünsche die Zeitung zugestellt zu erhalten“). Ich werde die Zeitung abholen"). Aeberfall auf Nationalsozialisten in Danzig schwindisteilt war immer ausgezeschnete Ficht. 3— dier er 11 Schwerverletzte. — Danzig, 21. Juni. Am heutigen Sonntag nachmittag kam es im Zentrum der Stadt zu einer Straßenschlacht zwischen Arbeiterschutzbündlern und Nationalsozialisten, die durch das herausfordernde Verhalten der Arbeiterschutzbündler hervorgerufen worden war. Arbeiterschutzbündler zogen in geschlossenem Zuge— was in Danzig verboten ist— durch die Straßen der Altstadt und fielen in der Schmiedegasse über zwei Nationalsozialisten her, die sie niederschlugen und schwer verletzten. Als hierauf zahlreiche Nationalsozialisten aus ihrem Parteilokal in der Schmiedegasse ihren bedrängten Kameraden zu Hilfe eilten, wurden sie von den Arbeiterschutzbündlern mit Revolverschüssen empfangen. Die Nationalsozialisten erwiderten das Feuer. Bei der Schießerei wurden drei Nationalsozialisten durch Revolverschüsse schwer verletzt. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Die Schlägerei pflanzte sich später auf dem Holzmarkt fort, wo es zu größeren Zusammenstößen und schließlich zu einer regelrechten Straßenschlacht kam, bei der von beiden Seiten ausgiebig von der Schußwaffe Gebrauch gemacht wurde. Insgesamt wurden acht zum Teil Schwerverletzte in das Krankenhaus eingeliefert, darunter sieben Schußverletzte mit gefährlichen Wunden am Kopf, Schultern und Beinen. Die sofort alarmierte Polizei wurde von den Arbeiterschutzbündlern ebenfalls mit Schüssen empfangen. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Wie herausfordernd das Verhalten der Arbeiterschutzbündler war, geht aus der Tatsache hervor, daß bald nach den Zusammenstößen eine geschlossene Gruppe von Arbeiterschutzbündlern an dem Parteilokal der NSDAP in der Schmiedegasse vorbeimarschierte, wobei der Führer der Schutzbündler„die Augen links“ kommandierte und alle Arbeiterschutzbündler in der Richtung auf das Lokal ausspuckten. Auch an der Grünen Brücke, die ebenfalls im Zentrum der Stadt liegt, kam es zu einem kleineren Zusammenstoß, bei dem gleichfalls ein Nationalsozialist eine Schußverletzung erhielt. kommunistische Volksbegehren in Braunschweig. — Braunschweig, 21. Juni. Für das kommunistische Volksbegehren auf Auflösung des Landtages wurden am Sonntag in der Stadt Braunschweig 16 788 Stimmen abgegeben. Bei der letzten Landtagswahl im September erhielten die Kommunisten in der Stadt Braunschweig 8756 Stimmen. Wahlberechtigt waren bei den letzten Wahlen in der Stadt 115 560 Personen. Ueber die Ergebnisse im Lande Braunschweig liegen noch keine Resultate vor. In einigen Orten soll die Mindestzahl, also 10 v.., überschritten sein, während in vielen Orten diese Zahl nicht erreicht sein soll. Die Zahl der Wähler in Stadt und Land Braunschweig beträgt insgesamt 346000. Infolgedessen müssen die Kommunisten für den endgültigen Wahlgang mindestens 173000 Stimmen aufbringen. 271 Kilometer in 104 Minuten. Glückliche Schnellfahrt des Schienen-Jeppelin. 4 Nach dem Start um.27 Uhr in Bergedorf bei Hamburg traf der Schienenzeppelin Krukenbergs Sonntag früh um.11 Uhr auf dem Spandauer Hauptbahnhof ein. Er hatte die Strecke von 271 Kilometern in 1 Stunde 44 Minuten durchfahren und einen Durchschnitt von 170 StundenKilometern erreicht. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 230 Stunden-Kilometer. Nachdem bei Dergenthien die Höchstgeschwindigkeit erreicht war, mußte der Eisenbahnknotenpunkt Wittenberge wenige Minuten später,.41 Uhr, mit stark gedrosselter Geschwindigkeit— 60 Kilometer— befahren werden, wegen der kurven= und weichenreichen Strecke. Bald war jedoch wieder eine Geschwindigkeit von etwa 200 Stunden= Kilometern erreicht. Dr. Krukenberg wurde von den auf dem Bahnsteig Anwesenden mit herzlichem Beifall begrüßt. An der Fahrt hatten ferner teilgenommen der Mitkonstrukteur Dipl.=Ing. Stedefeld, der Führer Ing. Plack, die Gattin Krukenbergs sowie zwei Monteure. Ingenieur Stedefeld berichtete, daß alles wie am Schnürchen geklappt hätte. Er habe auf der Fahrt ein Flugzeug von Hamburg aus beobachtet, als jedoch die aroßen Geschwindigkeiten erreicht wurden, habe das Gehcht vom id. Jol Achügee Mädchen oder Haustochter nicht unter. 20 Jahre, aus guter Familie, die bereit ist zu allen häusl. Arbeiten bei Familienanschluß u. Taschengeld. Wirtschafterin und Köchin vorhanden. Angebote mit Lichtbild und Referenzen an Töchterheim Mackrodt=Zobel Halberstadt a. Harz. Ferienreisenden, welche eine Erholung nach Leib und Seele suchen, kann das Christl. Erholungsheim in Gsteigwiler bei Interlaken, Haus Schönfels aufs beste empfohlen werden. Bei mäßigen Preisen, in der Nähe des Verkehrs und doch in stiller Abgeschiedenheit mit dem Blick auf die Schneeberge des Berner Oberlandes gelegen, verbindet es äußere Fürsorge mit dem Segen einer verständnisvollenchristlichen Hausgemeinschaft, sodaß es von zahlreichen christlichen Freunden mit immer neuer Freude und Dankbarkeit aufgesucht wird. Trotz der frühen Morgenstunden hatten sich längs der Bahnstrecke riesige Menschenmassen angesammelt. Hoit Spandau war auf den Beinen. Nach einem halbstündige Aufenthalt in Spandau setzte sich der Propellerwagen wiedein Fahrt, und der silberne Leib glitt ruhig, ohne Propelser, antrieb, zum Bahnhof Grunewald. Hier hatten sich di, Vertreter der Deutschen Reichsbahn eingefunden. Raz 8 Uhr früh ab wurde der Wagen dem Publikum gezeigt Ueber die Rückfahrt nach Hannover ist noch nichts Nähereg festgelegt. 8 Do X in Rio de Janeiro. Begeisterter Empfang durch die Bevölkerung. Das deutsche Flugschiff Do X ist nach abermaliger Zwischenlandung in Sao Pedro Sonnabend mittag in der brasilianischen Hauptstadt Rio de Janeiro gelandet. Die brasilianische Regierung entsandte sofort, nachdem der Da y in der Guanabara=Bucht in ruhigem Wasser niedergegangen war, zwei Militärflugzeuge, um das Flugschiff nach der Ankerstelle zu verbringen. Die Begeisterung der Bevölte, rung war ungeheuer. Hohe Regierungsbeamte und die Spitzen der Gesellschaft fanden sich in großer Zahl in dem Besichtigungs=Pavillon ein, um sich das Riesenflugschiff anzusehen, und Tausende von Menschen umsäumten die Hafboulevards, um Do X zu begrüßen. Gegen die Notverordnung. Der Hausbesitz protestiert. Der Zentralverband Deutscher Haus= und Grundbesitzervereine, die Spitzenorganisation des deutschen Hausbesitzes, veranstaltet am 22. Juni im Berliner Sportpalast eine öffentliche Protestkundgebung gegen die neue Notverordnung, insbesondere gegen die in der Notverordnung getroffene Regelung der Abgeltung der erhöhten Aufwertungsverzinsung. Thüringen verlangt Abänderung. Der Thüringische Landtag nahm eine Entschließung der Volkspartei an, in der die Regiernug ersucht wird, bei der Reichsregierung auf eine Aenderung der Nolverordnung vom 5. Juni 1931 und auf die Aufhebung der Tributzahlungen hinzuwirken. Die Annahme dieses Satzes erfolgte einstimmig. Die Entschließung lautet weiter:„Zu ändern sind die Bestimmungen der Notverordnung, durch die dem deutschen Volk über die bisher untragbare Last hinaus noch neue Lasten auferlegt werden sollen.“ Weiter gelangte aus einer Entschließung der Nationalsozialisten folgender Satz zur Annahme:„Die Regierung wird beauftragt, bei der Reichsregierung umgehend Protest zu erheben gegen die Notverordnung vom 5. Juni, deren Auswirkungen das Lebensniveau des deutschen Volkes auf das unerträglichste herabdrücken.“ Herabsetzung der Mais- und Gerstenpreise Der Verwaltungsrat des Maismonopols hat beschlossen, den Preis für Mais von 250 Mark auf 170 Mark für die Tonne herabzusetzen. Ferner ist von den zuständigen Ministern eine Verordnung gezeichnet worden, die am 26. Juni 1931 in Kraft tritt und vorsieht, daß künftig beim Bezuge von einem Doppelzentner Kartoffelflocken von der Deutschen Getreidehandelsgesellschaft m. b. H. ein Doppelzentner Gerste zu Futterzwecken zum Zollsatz von 5 Mark für einen Doppelzentner eingeführt werden darf. Da Kartoffelflocken künftig zu 170 Mark statt zu 185 Mark abgegeben werden, ermäßigt sich bei Zugrundelegung eine Preises von 85 Mark für die Tonne Gerste zu Futterzwecken auf 152.50 Mark. Für die alten Gerstenbezugsscheine, die bei Inkrafttreten der neuen Verordnung noch nicht ausgenutzt sind, wird der Zoll gleichfalls auf 5 Mark für einen Doppelzentner herabgesetzt. Bad Salzuflen am Teutoburger Walde. Trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Lage ist der Besuch des lippischen Heilbades Salzuflen auch in diesem Jahre ein verhältnismäßig guter und hat nach starkem Zustrom von Kurgästen, besonders in den ersten Tagen des Monals Juni, bereits die Zahl von 8000 Fremden überschritten. Die Vorzüge heilkräftiger Thermalquellen und reizvoll schöner landschaftlicher Lage werden immer mehr aner kannt. Dazu kommt, daß man in Erkenntnis der allge meinen Notlage sich zu weitgehenden Ermäßigungen und vor allem zur Einführung sogenannter Pauschalkuren entschlossen hat und bestrebt ist, den Kuraufenthalt sovie wie irgend möglich zu verbilligen. Der Erfolg solcher der ständnisvoller Maßnahmen ist denn auch nicht ausgebir ben, denn es ist nicht zu bestreiten: Bad Salzuflen u# auch in diesem Jahre seine Anziehungskraft aus! Einige gebrauchte, z. T. fast neue Pianos bewährte Fabrikate u. ein mod. kl. Flügel (Knake) sind besonders preiswert (auch auf Teilzahlung) abzugeben. FESTING PIANOFORTEFABRIK Es finden einige Ruhe= und Erholungsbedürftige liebevolle, gute Aufnahme und Verpflegung. Einf., saub., sonniges Haus. Beste frische und tiefgekühlte Milch jederzeit. Auf Wunsch Diät. Aeußerst preiswert. Landw. Schröder, Wöhren, Post Blomberg(Lippe). 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Erwerbslose, die sich ausweisen, haben er freien Zutritt. unzeigen aus Bethel. — Stäbe für Tomaten, Dahlien und sonstige Blume“ stäbe hat abzugeben Wandererheim.— Schriftleitung: B. Kuaa; Wirtschafte= und Weltgizei Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in