Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 122. Tageblatt mit den Beilagen„Für Herz und und„Anser Ziel.“ = Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig, Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 25 g je tausend 15 Mk. Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. PostscheckSchluß der Anzeige,-Anngume nac konto Hannover 6737. s 3 Uhr. Postschenl“ Bielefeld=Bethel(Verlagsort Vielefeld), Freitag, den 29. Mai 1931. 13. Jahrgang. Wer viel mit Menschen reden muß, der muß noch mehr mit Gott reden. Frommel. Mn min „Kulturabbau“ Von Hermann Leitz. Auf den Artikel„Allgemeiner Kulturabbau“ sind mehrere Zuschriften eingegangen. Wir nehmen diesen Artikel auf. Er geht recht scharf mit dem Verfasser ins Gericht, der mit seiner Kritik auch wohl weniger den Stand der Lehrer, als die Mißstände eines Systems treffen wollte. Die Form war freilich nicht sehr geschickt. Ich weiß nicht, wer den Artikel über Kultur= und Schulabbau am 10. Mai geschrieben hat. Als Lehrer habe ich aber den Eindruck, daß der Verfasser kein Schulmann ist. Das erkenne ich an der sehr oberflächlichen Bewertung der Arbeit in der Schule und aus dem recht unfreundlichen Ton, den er für die Schulmeister übrig hat. Beides nehme ich ihm an sich nicht übel. Beides kommt dem Lehrer nur gar zu oft entgegen: Mißachtung und Neid. Ich gestehe ohne weiteres, daß ich selbst den Lehrerstand, bevor ich ihm— gegen meinen Willen— eingefügt worden war, falsch beurteilt habe. Zwar kennt jedermann das Sprichwort:„Ein jeder Stand hat seine Plage“— aber jedermann läßt es nur gelten für seinen Stand. Im allgemeinen macht man sich keine Mühe, die„Plagen“ eines anderen Berufs zu erkennen, weil es mehr Spaß macht, sich an dessen Vorzügen zu vergnügen und dabei die menschliche Fähigkeit des Neides zu pflegen. Also: meinem Mitbürger, der aus Unkenntnis urteilt, nehme ich nichts übel. Aber, da er seine harten und verkehrten Urteile in einer großen Oeffentlichkeit ausspricht, muß er mir wohl erlauben, im Interesse der bedeutsamen Sache, um die es sich handelt, eintges zu erwidern. Ein„Aufwärts"=Artikel unter so fetter und inhaltsschwerer Ueberschrift muß sachlich sein. Er sollte einen nicht an die Gepflogenheiten verhetzter und verhetzender Parteiblätter erinnern. Fiel mir doch beim Lesen die„Österbetrachtung“ eines sozialistischen Blattes ein, in der Pontius Pilatus ausgiebig charakterisiert wurde, und zwar in dieser Art:„Pontius Pilatus— das ist der korrekte Beamte, der satte Bürger, der auch über ein Menschenleben hinweggeht, wenn es ihn in seiner Ruhe stört.. Die Hauptsache ist, daß niemand an seinem Ruhegehalt zu tippen wagt.“ Die persönliche Abneigung gegen den Beamten ist hier nicht weniger deutlich als in dem Kulturabbau=Artikel bei dem Satz:„Wenige, aber gute Lehrer, die mit Lust und Liebe ihren Beruf ausüben, erzielen bessere Ergebnisse als die große Masse der Lelrer und Lehrerinnen, die nur den Lehr=Beruf ergriffen haben, um sich eine gute Stellung zu schaffen, in der man im wesentlichen nur wenige Stunden am Tage zu arbeiten hat, im übrigen aber ein sehr hohes und sicheres Einkommen hat.“ Hier wird einem zahlreichen Berufsstand, dessen tigkeit für das Volksganze von tatsächlich weittragender Bedeutung ist, in einer Form der Kopf„gewaschen", daß es nur bedauerlich ist. Es ist mir wirklich nicht darum zu tun, etwa persönlich gekränktes Ehrgefühl temperamentvoll zu befriedigen. Es handelt sich einfach darum, dieses— ach so schnell und gern nachgesagte— verächtliche Urteil auf seine sachliche Berechtigung zu prüfen, damit nicht der Riß und das Mißverstehen zwischen Schule und Elternhaus noch größer werde auch bei den Besonnenen. Von dem Urteil über die Lehrerschaft hängt das Urteil über die Schule ab! Wie die Eltern, so stehen auch die Kinder der Schule gegenüber. Der Lehrer merkt es sehr genau an seinem Schüler, wie man daheim über Lehrer und Schule spricht. Er merkt das daran, wie weit und stark seine Ermahnungen, Anweisungen und Wünsche auf den Schüler Eindruck machen. Zum Glück haben manchmal die Kleinen mehr Anstandsgefühl und Gerechtigkeitssinn als die Großen.,. 9 Was oben der„großen Masse der Leyrer und Lehrerinnen“ nachgesagt wird, ist mir zu wenig appetitlich, als daß ich mich ausführlich damit abgeben dürfte. Die Gesinnung eines ganzen Standes so zu deuten, ist zumindest zewagt. Ich will nicht wiederholen, was man in Art etwa über den Pfarrerstand spricht. Ich will nur um das Streben nach Gerechtigkeit bitten. Jedenfalls darf ich das eine sagen:„Die große Masse“ der Lehrer hat bisher in einem Alter die Berufswahl getroffen, in dem der Berufsidealismus und nicht der Standesvorteil maßgebend ist. Ethische und intellektuelle Neigung sind betimmend gewesen. Daß der Idealismus im spätegen Al: ter— wie bei allen Berufen— bei gar manchem## 3Ugehörigen nachläßt oder sogar völlig weder bestritten noch beschönigt werden. Das hat si Das Kadinlen ful Earnur. Die Haltung der deutschen Abordnung in Genf vom Reichskabinett gebilligt. — Berlin, 27. Mai. In der Mittwochvormittagsitzung des Reichskabinetts erstattete Reichsminister Dr. Curtius einen ausführlichen Bericht über den Verlauf und die Ergebnisse der Genfer Tagung des Völkerbundsrats und des Europa=Ausschusses. Nach eingehender Aussprache stimmte das Reichskabinett den Ausführungen des Reichsaußenministers zu, welchem vom Reichskanzler der Dank der Reichsregierung zum Ausdruck gebracht wurde. Am Nachmittag wurde in einer Chefbesprechung die Beratung der geplanten Finanz= und wirtschaftspolitischen Maßnahmen fortgesetzt. Das Ergebnis von Genf beurteilt man an zuständiger Stelle wie folgt: In der Frage der deutsch=österreichischen Zollunion sei es in Genf gelungen, die Stellung, die durch die Vorverhandlungen zwischen Wien und Berlin eingenommen war, zu halten. Man sei sich von vornherein darüber klar gewesen, daß der österreichische Vertragspartner sich einer Prüfung der juristischen Unbedenklichkeit des Zollvertrages nicht entziehen konnte. Jedenfalls sei es vermieden worden, daß ein weiteres Eingreifen des Völkerbundes etwa auf Grund der Artikel 11 und 15 der Satzung in rein deutsch=österreichische Angelegenheiten geschehe. Schon jetzt Prognosen für die Behandlung der deutsch=österreichischen Zollunion auf der Herbsttagung in Genf zu stellen, sei natürlich nicht möglich. Jedenfalls ist man in Regierungskreisen der festen Ansicht, daß der Haager Gerichtshof die Rechtsfrage in deutsch=österreichischem Sinne entscheiden wird. Man glaubt sogar, daß sich die Gesamtsikuation insofern günstig für die Verwirklichung des Projektes entwickeln wird, als bei den im Lause des Sommers in Genf stattfindenden Wirtschaftsverhandlungen der verschiedenen Unterkommissionen, die die französischen Gegenvorschläge berasen werden, nicht sehr viel positive Momente sich zeigen werden. Der zweite Hauptpunkt der Genfer Tagung war die Debatte über die Abrüstungsfrage. Ein begrüßenswertes Ergebnis sei es, daß es gelungen sei, zum Präsidenten der Abrüstungskonferenz im Februar 1932 den englischen Außenminister Henderson zu nominieren. Wenn der Reichsaußenminister sich entschlossen habe, trotz der mehrfach von deutscher Seite festgestellten größten Unzulänglichkeit des Abrüstungskonventions=Entwurfs sich bei der Aussprache über die Offenlegung des Rüstungsstandes der Stimme zu enthalten, so sei dies geschehen nur um Schlimmeres zu verhüten, nämlich einer weiteren Verschleierung der bestehenden großen Rüstungen Vorschub zu leisten. Die scharfe Stellungnahme des deutschen Vertreters gegen den verzögerten polnischen Bericht ist bekannt. Die erneute Verhandlung der deutsch=polnischen Angelegenheiten auf der Septembertagung des Rats könne nicht als ein deutscher Mißerfolg angesehen werden, vielmehr sei hervorzuheben,daß auch Henderson, der in dieser Frage den Ratsvorsitz führte, den polnischen Bericht als sehr unzulänglich kritisierte. Ebenfalls in der Behandlung der Danzig= und Memel=Angelegenheiten erblickt man gewisse Fortschritte in Richtung der deutschen Interessen. In den Beralungen des Europa-Ausschusses ist die deutsche Auffassung, die den Abschluß von Regionalverträgen gegen die von einer Zentrale ausgehenden wirtschaftliche Zusammenfassung aller 27 europäischen Staaten bevorzugt, nochmals zum Ausdruck gebracht worden. Die deutsche Zustimmung zu dem Punkt 1 des französischen Gegenvorschlages, nämlich der Errichtung einer internationalen Agrarkreditbank, sei erst geschehen, nachdem sich klar herausgestellt hatte, daß Frankreich in diesem internationalen Bankinstitut nicht die Hauptrolle spiele, sondern eine paritätische Besetzung durch alle an dem Projekt interessierten Mächte garantiert sei. Die von Frankreich vorgeschlagenen besonderen Vorteile für Oesterreich hätten bei den interessierten Staaten allgemeine Ablehnung gefunden. In Regierungskreisen ist man der Auffassung, daß sich bis zum Herbst herausstellen wird, wie ungeeignet das französische Programm zur Sanierung Europas ist. Aus den ganzen Wirtschaftsverhandlungen dieses Sommers wird nichts herauskommen, was besser als die von Deutschland vorgeschlagenen regionalen Zollunionen sein kann. Empfänge in der SPD.=Führer bei Brüning. Im Anschluß an die Kabinettsberatung empfing der Reichskanzler Dr. Brüning zunächst den Führer des Deutschen Landvolks, Reichstagsabgeordneten Dr. Gereke. Alsdann fand die vorgesehene Aussprache mit den Vertretern der sozialdemokratischen Partei statt. Die sozialdemokratische Abordnung setzte sich zusammen aus dem Parteivorsitzenden Wels, dem Vorsitzenden der Reichstagsfraktion Dr. Breitscheid und den Reichstagsabgeordneten Dr. Hertz und Aufhäuser, die ihm die Forderung der Fraktion auf sofortige Senkung der Getreidezölle zum Zwecke der Regulierung des Brotpreises vortrugen. Die Besprechung, in deren Verlauf auch andere Fragen berührt wurden, die unmittelbar vor den Regierungsberatungen über die Notverordnung und vor dem sozialdemokratischen Parteitag besonders interessieren, setzte sich bis in die Nachmittagsstunden fort. Grund im Allgemeinmenschlichen auf der einen und in den„Berufsplagen“ und Arbeitsschwierigkeiten auf der anderen Seite. Gott sei Dank ist im deutschen Lehrerstand, auch bei der„großen Masse“, viel mehr Idealismus vorhanden, als der Außenstehende weiß. Die Behauptungen:„nur wenige Stunden am Tag arbeiten“— d. h. auf deutsch,„im wesentlichen“ faulenzen — und dabei„ein sehr hohes Einkommen haben“, will ich nicht zurechtrücken. So etwas nennt man anderswo: „Demagogisch“. Es geht mir um die Phrase:„Wenige, aber gute Lehrer erzielen bessere Ergebnisse als die große Masse“. Dieser Satz, der für den meist müden und abgearbeiteten Leser sofort einen Schein der Richtigkeit hat, ist ein überaus leichtfertiges Gerede. Eben an ihm will ich zeigen, wie auch gebildete Leute, zu denen doch vermutlich der Verfasser gehört, oft etwas gedankenlos aussprechen, ja sogar drucken lassen, was in keiner Weise Sinn hat. Gewiß, das ist richtig: ein„guter Lehrer, der mit Lust und Liebe seinen Beruf ausübt, erzielt gute Ergebnisse.“ Aber was soll heißen:„wenige, aber gute Lehrer“? Soll das heißen, daß„die große Masse“ der deutschen Lehrer nichts taugt oder soll es heißen, daß man die„große Masse“ heimschicken und die Schüler den übrig. bleibenden„wenigen, aber guten Lehrern“ anvertrauen soll und daß man dann„bessere Ergebnisse erzielt“? Hierher gehören nun die anderen Sätze aus dem gen. Artikel, die lauten:„Das Bildungsniveau ist heute allgemein geringer als vor dem Kriege in den Volksschulen“ trotz der ungeheuren Kosten, die dafür aufgewendet werden".„Bessere Lehrerauswahl und schärfere Lehrund Lerndisziplin würde alles ausgleichen, würde wahrscheinlich noch bessere Ergebnisse erzielen, als das bisher trotz schwacher Klassen und zahlreicher Lehrer der Fall war. Der Schulapparat ist durchweg überbesetzt, überzüchtet und viel zu teuer.“ Stimmt das alles? Das von dem„geringeren Bildungsniveau“? Sicher nur ganz bedingt. Man hat über Leistungen im Schön= und Rechtschreiben und anderen mehr technischen Dingen geklagt. Mit Recht. Durchweg ist aber hier bereits wieder eine Besserung eingetreten. Die mannigfachen Reformbewegungen auf dem schulischen und methodischen Gebiet, mit ihren revolutionären und einander widerstrebenden Tendenzen, die dem Lehrer der letzten zwei Jahrzehnte die Arbeit nur erschwert — und nicht erleichtert— haben, beginnen, sich zu klären, zu läutern, zu ordnen. Es war so sehr alles im Methodischen und Pädagogischen im Fluß, daß man mitunter an all seiner Arbeit irre werden konnte. Die Schule wurde ebensowenig wie die anderen menschlichen Einrichtungen von den Stürmen der Zeit in Ruhe gelassen. Der Glaube, daß mit Zerschlagung der äußeren Formen ein Neues von selbst sich bilde, hat einer vernünftigeren Einsicht wieder Platz gemacht. Weil man der geistigen Selbsttätigkeit und Beweglichkeit der Schüler mehr als bisher meinte behilflich sein zu sollen, die Methoden dieser Hilfe jedoch noch durchaus unklar und unerprobt waren, mußte notgedrungen die Beachtung des mehr Mechanischen, Schematischen, Formellen— Schön= und Rechtschreiben, Kopfrechnen, Lesen— vorübergehend leiden. Die„große Masse“ der Lehrer ist aber einig in dem Bemühen, das gute Alte mit dem guten Neuen harmonisch zu vereinen und die„Leistungen der Schule" nach besten Kräften zu erhöhen. Allerdings ist man entschieden abgerückt von der Großväterzeitenmethode des Angebens, Auswendiglernens und Abhörens. Man will durchaus die jungen Menschen zum eigenen, spekulativen und kritischen Denken erziehen. Man will dem Kind Freund und nicht Stockmeister sein. Immerhin steht das Bildungsniveau in großer Gefahr, herabgedrückt zu werden. Diese Gefahr lauert aber bis jetzt nicht in den Schulhäusern, sondern auf den Gassen und Plätzen der Stadt. Die politisch und ethisch unreine Atmosphäre außerhalb des Schulhauses wirkt in die Schule hinein. Die„große Masse“ der Lehrer wehrt sich mit erfreulichem Ernst gegen diese Atmosphäre. Es ist darum ein Unrecht, gewissen Interessenten das„Kreuzige ihn“ gedankenlos nachzuschreien. Ob jedes Amtsstädtlein von 4000 bis 5000 Einwohnern sein Gymnasium haben muß, ist eine Frage für sich. Ich spreche für die Volksschule. Jedenfalls lassen sich auch in dieser Frage recht klare Gründe für ein„Ja“ hertragen. Der Bewohner des flachen Landes wird anders urteilen als der satte Bürger der Stadt, der leicht meint, für den Landbewohner sei das, was ihm selbst unentbehrlich ist, überflüssig. Vom sozialen Standpunkt aus läßt sich sehr wohl die Ansicht vertreten, daß der Staat auch der Landbevölkerung die Möglichkeit höherer Bildung zu bieten habe und daß man in den Städten dafür mehr sieben soll.— Man hat das Wort von der„Verschulung Deutschlands“ geprägt. Es ist viel Wahres dran. Die Volksschullehrer fordern deswegen einen Ausbau der Volksschule und einen damit verbundenen Abbau der vielen sogenannten„fortbildenden“ Schulen. Der Drang nach der Hochschule rührt her von einer Ueberbewertung des geistigen Wissens und der hiermit verknüpften Geringschätzung des handwerklichen Könnens und— des religiös sittlichen Seins! Eine andere, verständigere Einstellung der Gesellschaft zum Wissen wird nur möglich durch neues Verständnis für den Wert des von einem bestimmten Beruf unabhängigen sittlichen Charakters und der schöpferischen Handwerksarbeit. Es ist doch so: die Industrie vernichtet das„ehrsame Handwerk“. Was bleibt, zu werden, übrig?: Fabrikarbeiter, Büroangestellter, Händler, Studierte. Zwischen diesen fünfen ist die Wahl. Ich sage es immer wieder: Der„Fortschritt der Technik“ bedeutet Untergang der Kultur.— Aber nun, was heißt das:„Bessere Lehrerauswahl“? Das soll doch heißen: Bessere Lehrer auswählen! Es gibt Kreise, die gefallen sich darin, von der„Halbbildung“ des Volksschullehrers zu höhnen und lehnen jede Gemeinschaft mit ihm ab. Dieselben Kreise wehren sich aber fieberhaft gegen jede„bessere" Ausbildung der Lehrer. Oder meint der Verfasser den„besseren“ Charakter? Das wird sehr schwer sein, solange das Lehrersein abhängt außer dem Charakter von Können und Wissen und solange man viele Lehrer braucht. Man darf hier an die Theologenauswahl erinnern. Allerdings meint ja der Verfasser des kritisierten Artikels, wir hätten zu viel Lehrer und zu schwache Klassen. Also: Klassen verstärken, Lehrer abbauen! Es gibt z. Zt. einige„Kriegsjahrgänge"; die beiden letzten sind jetzt im siebten und achten Schuljahr. Es sind die sogenannten„schwachen" Jahrgänge. Sie umfaßten an meinem Ort 20 bis 30 Schüler. Es sind aber teilweise zwei Jahrgänge kombiniert worden. Die Nachkriegsklassen zeigen 40 bis über 50 Schüler. Wer das Glück hatte, „schwache“ Klassen von 25 bis 30 Schülern zu führen, wird zeitlebens die Vorzüge und den Segen solcher „schwachen“ Klassen rühmen. Die Disziplinschwierigkeiten wachsen mit der Klassenstärke. Die Masse verführt zur Gesetzlosigkeit. Einer versteckt sich hinter dem andern; einer steckt den andern an— leider gewöhnlich nicht zum Guten! Der einzelne entschwindet aber auch dem Auge und der Aufsicht des Lehrers. Der Lehrer kann sich dem einzelnen nicht recht widmen. Eine Klasse von 50 braucht häufig doppelt so viel Zeit zur Erreichung eines Ziels als eine Klasse von 25. Jeder Lehrer weiß das. Aber Außenstehende wollen es nicht hören. Die Alten in unserm Dorf sagen manchmal:„Wir waren doch früher 60 und 70 in der Klasse, haben weniger Lehrer im Ort gehabt und auch etwas gelernt.“ Gut, ich bin damit einDer Brief eines nach Sibirien Verschickten. T..., 19. März 1931. Seit wir hier im Walde sind, haben wir keinen Ruhetag mehr, nur jeden 1. und 15. des Monats erhält man Lebensmittel für seine Arbeit und macht es dann möglich, zu Hause zu bleiben. So ging es uns gestern: es hieß wir sollten Produkte bekommen(aus dem 15. ist natürlich schon längst der 18. und heute der 19. geworden und noch haben wir nichts), da blieben wir beide mit meiner jüngeren Schwester zu Hause. Aber ruhig kann man doch nie zu Hause sein: weil eben niemand Ruhetag haben darf, so streift unser Oberster die Baracken ab, kehrt bald da, bald dort ein und treibt alle Arbeitsfähigen und=unfähigen vielfach auf Arbeit. So sitzt man eben in ständiger Angst. Heute ist nun K. auf Arbeit gegangen. Wir haben vorgestern 6 Bäume geworfen, von denen soll sie nun die Aeste abhacken und verbrennen, da hat sie dann allein genug daran zu tun, bis ich komme und wir zusammen sie zersägen können. Ich bin zu Hause geblieben und laufe alle paar Stunden in die Vorratsbaracke, die zum Glück nicht weit ist, und obgleich es schon mittag ist, so ist sie noch immer geschlossen. So wird es wohl abend werden, bis wir endlich unsere Produkte erhalten. Diesmal ist's auffallend viel, was wir kriegen sollen. Jede von uns auf den halben Monat: 5 Kilo und 400 Gr. Mehl(diesmal soll es Gerstenmehl sein), 5 Kilo Sauerkraut und 750 Gr. Grütze und 100 Gr. Zucker. Auf Mutter haben wir bis jetzt als für eine Arbeitsunfähige 3 Kilo Mehl auf den halben Monat bekommen, jetzt soll das aber scheint's auch aufhören. Es heißt, niemand der Arbeitsunfähigen solle mehr etwas kriegen, nun wir hoffen aber doch noch. So viele Verschickte um uns her müssen hungern. Denk nur z.., wenn in einer Familie 4 Esser auf einen Arbeiter sind, und der nur—5 Kilo Mehl auf den halben Monat kriegt und nun Esser nichts mehr kriegen. Ja wovon sollen solche Menschen leben? Bis jetzt gab es immer noch Fische, jetzt sind auch die nicht mehr. Da gaben sie uns nun als besondere Auszeichnung gefrorene Kuhmägen heraus; auf 2 Familien einen. Die verstanden, daß man wieder 60 und 70 in einen kleinen Saal stopft. Aber dann den Lehrplan abgebaut! Aber dann nichts als Lesen, Rechnen und Schreiben und ein bißchen was andres verlangt! Aber dann die alte, von oben und vom Haus her wieder gebilligte Schulzucht mit dem Haselstock her! Anders wird's kaum gehen. Man rede jedoch dann nicht mehr von Fortschritt, von Psychologie, von Pädagogik. Dann kann man auch die Akademien abbauen und wieder intelligente Handwerker anstellen, die mit ihrem gesunden Menschenverstand das schon fertig bringen— wie früher auch. Dann kann man auch das„sehr hohe Einkommen“ beträchtlich kürzen und den Lehrer wieder zum Meßner machen. Wozu auch das gemeine Volk so gescheit machen?! Man sieht ja, was dabei herauskommt! Natürlich denkt man sich den Abbau der Bildungsstätten nur für die andern, für sich selbst und seine eigenen Kinder beansprucht man das Höchste! Nur abgebaut! Aber man wisse: es geschieht— wie überall— am verkehrten Ende! Will man wirklich die Kultur abbauen, dann besorge man es rasch und gründlich. Bei der Volksschule ist's dann sicher ein Axtanlegen an die Wurzel des Baumes. Es ist, als ob auf allen Gebieten die Teufel losgelassen wären: in der Schule, in der Wirtschaft, in der Politik. Unter der Flagge„Rationalisierung" und„Fortschritt“ wird immer genau das Dümmste getan, was zur Verwirrung der Lage getan werden kann. Das ist mir ja klar: auch die beste Volksschule im Sinn moderner Schulmänner nützt zuletzt nichts, wenn unser Volk von Tag zu Tag mehr gottlos und sittlich haltlos wird. Dasselbe gilt aber auch on einer guten leiblichen Gesundheit und von einem eigenen, schönen Heim. Und doch wird kein Vernünftiger deswegen Schule, Gesundheit und Wohnung„abbauen“ wollen. Man sollte„Kultur“ nie abbauen wollen. Ich bin dafür, daß man sich für den Abbau der vielen Egoismen einsetze, denen entwachsen: Nationalismus, Kapitalismus, politische, ständische und kirchliche Sektiererei. Serostverwaltung und Sparsamke Von Dr. Volkmar Löber, Berlin. Wenn man die geniale Schöpfung der Selbstverwaltung des Freiherrn von Stein richtig verstehen will, tut. man gut, den Schöpfer in seiner Zeit zu sehen. Deutschland lag am Boden. Wie die anderen großen Männer seiner Zeit erkannte Stein, daß ein Wiederaufstieg nur dann erfolgen könne, wenn im ganzen Volk wieder starke sittliche Kräfte lebendig würden. Diese in Gott und Volkstum begründeten Kräfte hielt Stein gerade auch für die Erneuerung des staats= und verwaltungspolitischen Lebens für unentbehrlich. Er war sich dessen bewußt, daß Staat und Verwaltung das Spiegelbild des Gemeinschaftslebens des Volkes sind. Wenn die in den einzelnen Verwaltungszweigen zum Ausdruck kommenden staatspolitischen Aufgaben überhaupt gesehen und erkannt wurden, so nur von denen, die durch Stand, Name und Geburt bevorzugt waren. Dem Bürger und Landmann aber waren die großen Zusammenhänge der Volksgemeinschaft noch verschlossen. Er trug keine Verantwortung. Sein staatspolitischer Horizont blieb eng. Ihm fehlte das Bewußtsein und die Erfahrung schicksalsmäßiger Verbundenheit des Einzelnen mit der Gesamtheit und das Gefühl der Verpflichtung gegenüber seinem Volk. Stein wußte, daß hier die Reform= und Erneuerungsarbeit einsetzen müsse. Er war zu der Ueberzeugung geSchweinerei ist ja groß, bis man so ein Ding von allem Mist usw. geputzt hat und sich Suppe kochen kann, und doch schätzt sich jeder glücklich, der so ein Ding für—10 Rubel hat kaufen können. Denn es klebt doch immer etwas Fett dran und man kann eine kräftige Suppe davon kochen, weil die Menschen doch hier vollständig ohne Fett leben. Seit dem vorigen Frühling sollen sie nur einmal Oel herausbekommen haben. Die letzte Zeit war wieder mal recht abwechslungsreich. So hatte Mutter, gerade als wir beide auf der Arbeit waren, sehr unerwarteten Besuch, der sehr lebhaftes Interesse an unsern Sachen bewies und so herzlich von ihr schied, daß er sich einige Sachen, darunter Vaters Taschenkompaß, zum Andenken mitnahm. Jedoch das größte Interesse wandte er unseren Lebensmitteln zu. 2 Tage wurden sie wohl verwahrt unter Schloß und Riegel gehalten und wir durften sie bloß ansehen, nicht anrühren. Der Grund für alle Aufregung war hauptsächlich der, daß wir noch etwas mehr Vorräte hatten, da wir uns noch beizeiten etwas vorgesorgt hatten, während die meisten anderen Menschen hier fast nichts mehr haben. Gott sei Dank, nun haben wir wieder alles zurückkriegen können und können uns wieder satt essen. Ja es ist wunderbar, wie bei uns das Wort eingetroffen ist:„es ist umsonst, daß ihr frühe aufstehet und hernach lange sitzet und euer Brot mit Tränen esset, denn seinen Freunden gibt er es schlafend!“„Sorget nichts(für heute), euer himmlischer Vater weiß, daß ihr das alles bedürfet, ehe denn ihr ihn darum bittet!“ Weißt Du, auf so wunderbare Weise bekommen wir immer wieder mal Lebensmittel. Du batest, ich solle Dir unseren Tag beschreiben: eigentlich ist das nicht schwer, denn die Tage sind beinahe alle gleich, einer wie der andere. Also morgens, es ist noch dämmerig, steht man auf. Jede der 6 Familien in unserem kleinen Raum stellt seine Kasserolle auf den kleinen eisernen Herd, und ehe man sich versieht, sitzen schon alle in ihren Ecken und essen Frühstück. Man sitzt dabei im Kreise auf den Pritschen, die einen die Füße untergeschlagen, die anderen herunterkommen, daß diese Erziehungsarbeit an den breiten Schichten des Volkes am besten dadurch erreicht werden könne, daß der Bürger zur Verantwortung herangeführt und durch Mitarbeit bei Erledigung der die Allgemeinheit berührenden Fragen die Volkszusammenhänge und Ge, meinschaftsbindungen kennen lerne.— Für Stein war Selbstverwaltung gleich Selbstverantwortung. Selbstver, waltung ist für ihn nur dort, wo diese Arbeit nicht mit der Absicht persönlichen Vorteils getan wird. Für den Einzelnen sollte das sittliche Verantwortungsgefühl der Gemeinschaft gegenüber eine Pflicht und ein Ansporn sein, seine Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Stein gab damit sittliche Maßstäbe, die an jeden Einzelnen, wie an die Allgemeinheit, große Anforderungen stellten. Sie allein trugen aber die Möglichkeit in sich, das Volk staatspolitisch aufwärtszuführen. Stein wußte, daß sich der wahre Führer im Staat„empordienen“ muß, wie es im volkskonservativen Manifest treffend gesagt ist. Preußen, Deutschland war zu Steins Zeit arm und zu größter Sparsamkeit gezwungen. Dies kam Stein bei der Durchführung seiner Reformpläne zugute. Stein war kein Anhänger eines ausgedehnten Beamtentums. Er hat den Berufsbeamten jedoch nie abgelehnt, wenngleich er seinen Aufgabenkreis eng begrenzte. Der Beamte war ihm unentbehrlich für die Erledigung der Staatsgeschäfte Er wußte aber gleichzeitig, daß man vom Bürger, der sich aus den von ihm geforderten Motiven zur Mitarbeit innerhalb der Organe der Selbstverwaltung bereit findet. auch Opfer verlangen kann. Stein verlangte dies sogar. Und indem er seinem Volk durch die Selbstverwaltung den Opfergedanken anerzog, hielt er die Kosten für die Verwaltung des preußischen Staates nicht nur in mäßigen Grenzen, sondern machte den deutschen Bürger darüber hinaus dazu bereit, aus freiwilligem Antrieb seine Kräfte auch sonst noch in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Je mehr wir dem großen Gedanken des Reichsfreiherrn von Stein nachgehen, um so mehr wird uns gegenwärtig, wie tief unser deutsches Gemeinschaftsleben erschüttert ist und die„Selbstverwaltung“ sich in der Krisis befindet. Der mit Opfern verbundene Dienstgedanke ist weithin verloren gegangen. Dafür ist das Stadtparlament vielfach der Ort parteipolitischer und privater Geschäfte geworden. Und Kräfte, die aus innerem Verant wortungsgefühl heraus freiwillig mithelfen wollen, werden zurückgedrängt oder zurückgewiesen. Seitdem die Gemeinden immer stärker unter Finanznöten leiden und Sparsamkeit gefordert wird, tritt die oben gekennzeichnete Entwicklung in der Oeffentlichkeit mehr hervor. Es ist ein äußerer Anlaß, der diese geistige Krisis der Selbstverwaltung in das Bewußtsein der All. gemeinheit treten läßt. Bestanden zwar zwischen Wirtschaft und Verwaltung seit jeher Reibungsflächen, so zeigt der finanzielle Zusammenbruch öffentlicher Unternehmungen jetzt in aller Deutlichkeit, wie abwegig die Entwicklung seit 1918 gegangen ist. Noch drastischer tritt die Krise auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege zutage. Alle Liebestätigkeit und Wohlfahrtspflege hat ihren Ursprung in privater Initiative. Der Staat griff später ein, förderte und ist jetzt in besonderem Maße dazu berufen, durch soziale Gesetzgebung sozialen Notstände vorzubeugen und den großen Massennöten entgegenzutreten. Hier versagt die Hilfe des Einzelnen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß die freie Liebestätigkeit nun überflüssig geworden ist. Im Gegenteil, die Nachkriegsgesetze(Fürsorgepflichtverordnung und Reichsjugendwohlfahrtsgesetz) sagen ausdrücklich, daß Einrichtungen öffentlicher Art nur da ins Leben gerufen werden sollen, wo die Arbeit der freien Liebestätigkeit noch nicht ausreicht. Diesen Standpunkt vertrat vor kurhängend, und in der Mitte steht die Schüssel, und daneben die Menschenfüße!! Appetitlich, nicht wahr?! Morgens essen wir gewöhnlich Suppe von Hafermehl und Wasser, und jedes bekommt etwas Brot dazu. Dann ziehen wir uns an: 2 paar Strümpfe, Fußlap. pen und Filzstiefel, der Schnee im Walde ist ja so schrecklich hoch, bis zum Knie vielfach, das macht einen so schrecklich müde beim Gehen. Da niemand eine Uhr hat, weiß man nicht, wieviel es ist, ich denke 7 Uhr ungefähr Eine halbe Stunde gehen wir, dann sind wit mitten in dem tiefsten Walde, wo jede pagnie ihren Holzplatz hat, wo sie arbeiten dars. Da stehst du nun vor diesen mächtigen Bäumen, die noch niemand bis jetzt berührt hat, und dabei fühlt man sich so ohnmächtig, so winzig klein vor diesen Riesen! Das ist ein eignes Gefühl! Ob Du weißl, daß wir mit meiner Schwester K. jetzt allein arbeiten: Erst waren wir 2 Wochen in einer Kompagnie mit? Jungens, da lernten wir wenigstens etwas mit Säge und Beil umzugehen. Da wir aber ganz ungeübte Arbeiter sind, so hatten die durch uns nur Aufenthalt, und so beschlossen wir lieber allein zu gehen. Ja, so stehen wir nun, ich mit der Säge, K. mit dem Beil. Das erste ist, daß wir nun anfangen, Bäume“ schmeißen; zuweilen 8 oder 10 oder 15, wie es kommt. Das ist das Aufregendste an der Sache, den Baum so 3“ dirigieren, daß er auch richtig dahin fällt, wo man!9“ will. Dann muß man alle Aeste abhacken und verbren“ nen. Bis jetzt brannten sie fein, und es sah großartig aus, die brennenden Asthaufen, aber jetzt merkt man 900 sehr, daß der Frühling kommt. Die Bäume sind alle von frischem Saft, da wollen die Aeste schlecht brennen. Wenn alle Aeste abgehackt und verbrannt sind, beginnt der Sägen. Alle Bäume müssen in 1,25 Meter lange Stuchke zersägt werden, die dann schön wie Zündhölzer ausd“ schichtet werden bis zu 1,45 Meter Höhe. Und solch en Würfel— 1,25 Meter breit und 1,45 Meter hoch— wil“ als 2 Kubikmeter gerechnet. Auf jeden Arbeiter, d. h. von unseren Leidensgenosse ist eine Norm gelegt, die er unbedingt täglich ausfullen em erneut auch der Deutsche Städtetag in seiner Denkschrift zur Frage der Sparmaßnahmen und der Reichszparkommissar in seinen bisher von ihm herausgegebenen genkschriften. Dessen ungeachtet wurden in Deutschland nach der Inflation vielfach mit öffentlichen Mitteln Insitutionen geschaffen(Fürsorge=, Erziehungs=, Erholungsheime usw.), bei denen die vom Gesetzgeber gewollte Kationalisierung und die so dringend notwendige Sparsamkeit in keiner Weise berücksichtigt wurden. Meist waren es weltanschaulich radikale(marxistische) Kräfte, die unter Ausnutzung ihrer politischen Mehrheit im Gemeindeparlament mit öffentlichen Mitteln Einrichtungen schufen, um damit— ohne Rücksicht auf den vorhandenen Bedarf— ihre politischen und weltanschaulichen Ziele (besonders an der Jugend) verstärkt verfolgen zu können. In diesem Zusammenhang müssen wir eine unter dem Gesichtspunkt der Sparmaßnahmen kürzlich erschienene denkschrift der Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege erwähnen. Darin heißt es, daß die Anstaltsarbeit der deutschen freien Wohlfahrtspflege der öffentlichen Wirtschaft jährlich mindestens 250 Millionen Mark erspart und daß auf dem Gebiete der geschlossenen Fürsorge weitere Ersparnismöglichkeiten von jährlich mindestens 60 Millionen Mark gegeben sind. Nachstehend noch einige Beispiele aus dieser sehr lesenswerten Denkschrift. Fürsorgeerziehung:„Für jeden in einem Provinzialerziehungsheim untergebrachten Zögling entstehen der öffentlichen Wohlfahrtspflege im preußischen Landesdurchschnitt pro Tag 4,85 RM Selbstkosten; für die in freien Erziehungsheimen untergebrachten Zöglinge wendet dagegen die öffentl. Wohlfahrtspflege nur 2,78 RM pro Kopf und Tag auf. Die freie Wohlfahrtspflege ist also pro Zögling täglich 2,07 RM, im Jahre 756 RM billiger, d. h. beinahe um die Hälfte.— In Berlin z. B. betrug der durchschnittliche Selbstkostenpreis in sechs städtischen Erziehungsheimen 6,47 RM. Den freien Heimen zahlt die Stadt Berlin im Durchschnitt zur gleichen Zeit 2,38 RM pro Zögling und Tag.“ Kindertagesstätten: „Die amtliche Aufstellung des Berliner Magistrats vom April 1930 kommt zu dem Ergebnis, daß jedes Kind in einer städtischen Tagesstätte täglich 0,66, im Jahre 243.31 Reichsmark öffentliche Mehrkosten erfordert gegenüber einem Kind in einer freien Tagesstätte. Durch ihre für die öffentlichen Finanzen billigere Wirtschaftsführung ersparen die privaten Kindertagesstätten nach dem augenblicklichen Stand der Stadt Berlin schon fast vier Millionen Reichsmark im Jahr. Würde die Stadt überhaupt auf eigene Tagesstätten verzichten, alle Kinder in private Einrichtungen schikken und diese nach den bisherigen Sätzen bezuschussen, so ergäbe sich eine weitere Ersparnismöglichkeit von jährlich etwa 830000 RM.“ Krankenanstalten: „Die Krankenkassen gewähren für die öffentlichen und freien Krankenhäuser die gleichen Pflegesätze. In Berlin z. B. beträgt der normale Krankenkassensatz gegenwärtig 7,— RM. Liegt der Kranke in einer freien Anstalt, so entstehen den öffentlichen Finanzen keine weiteren Unkosten. Der Selbstkostenpreis in einem städttschen Krankenhaus beläuft sich aber auf 12,— bis 13.— RM pro Tag. Außer den.— RM der Krankenkasse müssen also noch ungefähr 5,50 RM aus dem Gemeindesäckel zur Deckung der Unkosten hinzugezahlt werden.“ Wir sind bei der Behandlung der Frage:„Selbstverwaltung und Sparsamkeit“ mit gutem Grunde bei der Wohlfahrtspflege stehen geblieben; denn gerade hier tritt die Krise der Selbstverwaltung deutlich zutage, da gerade auf diesem Gebiet Werte eingesetzt und mobil gemacht werden können, die sich dem Staate als beträchtliche Sparmaßnahmen erweisen. Das Zurückdrängen dieser Kräfte bedeutet Verzicht auf Sparmöglichkeiten und zeigt zum anderen, daß der große Gedanke der soll, und zwar so: die Minderjährigen, d. h. bis 14 Jahren und darunter(von 10 und 12 Jahren an), 1 Kubikmeter, dann weiter bis 2 Kubikmeter und alle volljährigen Arbeiter, also alle starken Männer und auch Frauen von 18—50 Jahren, ob stark oder schwach, geübt oder nicht, gesund oder krank, müssen 4 Kubikmeter täglich machen. Das ist aber eine Norm, die niemand bis jetzt ausgefüllt hat, besonders solche, wie unsere Leidensgenossen, die doch alle sehr entkräftet sind durch zu schwere Arbeit und ständige Unterernährung. Auch wir müssen zusammen 8 Kubikmeter täglich machen; wenn wir fleiBig sind, kriegen wir mit Mühe 2 Kubikmeter gemacht. Für jeden Kubikmeter bekommt man 300 Gr. Mehl. Für einen Kubikmeter bezahlt man uns 45 Kopeken, davon werden natürlich noch die Hälfte abgezogen als Prozente. Wir arbeiten bis wir meinen, daß es Mittag sei, dann tt sich alles ans Feuer, jeder nimmt sein Stück Brot raus, spießt es auf ein Stöckchen und hält es ins Feuer. a taut es auf und wird von außen knusprig und schmeckt rrlich. Früher gab man uns noch Fisch, jetzt schon lange cht mehr. Nach dem Mittag geht die Arbeit fort, bis an denkt, daß es Zeit sei heimzugehen. Die beit wäre nicht so schlimm, nur so gefährlich ist's oft. weißt Du, da steht man täglich dem Tode gegenüber. undlich kann es passieren, daß man draußen liegen eibt. In kurzer Zeit sind nun 2 Mädchen und eine au erschlagen worden beim Fällen der Bäume. ir stehen ja in Gottes Hand und das ist ein großer Schutz 70 Trost. Da wird man ganz ruhig und getrost. Zu Hause ist es abends ganz schrecklich eng, da le Arbeiter da sind und alle schnell ihr Essen fertig geocht haben wollen, und bald sitzen wieder alle esten Beschäftigung— am Essen. Nach dem essen umer noch was zum Flicken und zum Stopfen da, und hr bald kriecht alles auf den Sack. Vorher noch liest (ütter eine Andacht oder ein Kapitel aus der Bibel un ir singen alle ein Lied. So geht ein Tag um den a n und man merkt kaum, wie die Zeit fliegt. Selbstverwaltung in den letzten Jahren oft in das Gegenteil dessen verwandelt wurde, was der Schöpfer einst damit erreichen wollte. Die Entwicklung der Wohlfahrtspflege in der nächsten Zeit wird ein besonders gutes Barometer dafür sein, wie weit die richtig verstandene Selbstverwaltung wieder lebendig wird und den noch vorhandenen Apparat wieder mit dem Dienstgedanken des Freiherrn vom Stein erfüllt. Koleiniale= Freihen! Die Deutsche Kolonlalgesellschaft veröffentlicht zu ihrer diesjährigen Frühjahrstagung, die vom 28. bis 30. Mai in Berlin stattfindet, einen Bericht über ihre Arbeiten im Jahre 1930, dem wir den nachfolgenden Abschnitt entnehmen. Will man das koloniale Ergebnis des Jahres 1930 auf eine kurze Formel bringen, so kann man sagen, daß das Jahr uns zwar keinen Ausweg aus der bisherigen kolonialpolitischen Stagnation gebracht hat, doch aber eine Erstarkung des kolonialen Willens im Volke, die günstigere Aussichten auf eine baldige Erfüllung unserer kolonialen Forderungen eröffnet, als es noch zu Anfang des Jahres schien. Das politische Geschehen des Jahres 1930 gliedert sich in vier große Etappen, deren erste mit der vorläufigen Lösung der Reparationsfrage durch den Youngplan und der Befreiung der Rheinlande einen langwierigen und schweren außenpolitischen Kampf der Reichsregierung zum Abschluß brachte. Vergeblich haben sich die Deutsche Kolonialgesellschaft und die Koloniale Reichsarbeitsgemeinschaft bemüht, ihrer Auffassung Geltung zu verschaffen, daß der Abschluß eines neuen Reparationsabkommens, das das deutsche Volk auf Jahrzehnte zu gewaltigen finanziellen Leistungen verpflichten sollte, die Erfüllung der kolonialen Notwendigkeiten zur Voraussetzung habe, wie sie von der deutschen Sachverständigen=Kommission in Paris in ihrem Gutachten eindeutig und einwandfrei formuliert waren. Die zweite Etappe deutscher Politik im Jahre 1930, charakterisiert durch die Bildung des Brüning=Kabinetts und durch das Hindenburg=Programm einer Gesundung unserer Finanzen und einer Belebung der gesamten Wirtschaft, gab uns nur insoweit die Moglichkeit, unseren kolonialen Forderungen Gehör zu verschaffen, als in verschiedenen Erklärungen der Reichsregierung die Notwendigkeit einer Gesamt=Liquidation des Krieges betont und in einer Entschließung des Reichstags vom Zentrum bis zu den Sozialdemokraten die Forderung erhoben wurde, daß in den zukünftigen internationalen Beziehungen„Raum für die Anerkennung der noch nicht befriedigten Lebensnotwendigkeiten Deutschlands“ geschaffen werden müsse. Wir erinnerten die Reichsregierung und die Parteien daran, daß eine Gesamt=Liquidation des Krieges und eine Befriedigung der Lebensnotwendigkeiten Deutschlands nicht ohne Erfüllung unserer kolonialen Notwendigkeiten möglich sei. Immer vernehmbarer erhob sich bereits in dieser Periode unserer Politik der Ruf nach einer Revision der Friedensverträge nicht nur von deutscher Seite; auch von Seiten Italiens, dessen nationale Ansprüche auf kolonialem Gebiete ein taktisches Zusammengehen mit Deutschland möglich erscheinen ließen. Die Neuwahlen zum Reichstag stellten die dritte Etappe in dem politischen Geschehen des Jahres 1930 dar. Sie standen unter dem Eindruck der tiefen Unzufriedenheit weiter Kreise des deutschen Volkes mit den bisherigen Ergebnissen der Reichspolitik. Auf der Tagung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Hannover hat der Präsident, Gouverneur Dr. Seitz, die Forderung erhoben, daß mit der Politik des Abwartens auf kolonialem Gebiete nunmehr endlich Schluß gemacht werde, und daß von der zukünftigen Reichsregierung auch auf kolonialpolitischem Gebiete ein neuer Kurs erwartet werden müsse. Die Deutsche Kolonialgesellschaft wandte sich daher mit einem Appell an alle Parteien des Reichstages, nach Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeit für eine entschiedene Kolonialpolitik einzutreten und im Reichskabinett in diesem Sinne zu wirken. Die Antworten der Parteien, lauteten durchaus im Sinne unserer Forderung und schienen zu dem Optimismus zu berechtigen, daß nunmehr die Parteien den schweren Schritt von der kolonialen Einsicht zum kolonialpolitischen Handeln zu machen bereit seien. In die vierte Etappe deutscher Politik, charakterisiert durch den Versuch einer durchgreifenden Sanierung der deutschen Finanzen angesichts der bedrohlichen Wirtschaftslage, fiel die vom Arbeitsausschuß deutscher Verbände und der Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft eingeleitete große Aktion der Wirtschafts= und Berufsverbände gegen die englischen Ostafrika=Pläne, eine Bewegung, die weit über die verhältnismäßig engen Grenzen der organisierten kolonialen Bewegung hinaus die Mehrheit des deutschen Volkes erfaßte und ein weithin sichtbares Zeichen dafür war, daß der koloniale Wille in Deutschland im entscheidenden Augenblick eine breite Kampffront zu schaffen fähig ist. Nach allen Mißerfolgen unserer Versuche, die Regierung zu einer Aktivität auf kolonialem Gebiete zu bestimmen, darf doch diese Tatsache hoffnungsvoll stimmen, daß noch niemals seit dem Kriege das koloniale Verständnis in der großen Oeffentlichkeit so lebhaft war, und der koloniale Wille großer Parteien und Verbände so deutlich Ausdruck gefunden hat. Der von Jahr zu Jahr wachsende Wille der Nation zur Befreiung von den Fesseln des Versailler Vertrages wird schließlich auch die Reichsregierung bestimmen, aus ihrer bisherigen kolonialen Reserve herauszutreten und mit den anderen großen Aufgaben einer Revision der untragbaren Bestimmungen des Friedensvertrages auch unsere koloniale Forderung in den Mittelpunkt ihrer Außenpolitik zu stellen. Evangelische Tagung der D. N. V. P. Unter sehr zahlreicher Beteiligung fand in Bielefeld eine evangelische Landestagung der Deutschnationalen Volkspartei für Westfalen=Ost statt, die von dem stellvertretenden Vorsitzenden des deutschnationalen Landesverbandes, Amtsgerichtsrat Dr. Heppe=Gütersloh, geleitet wurde. Der stellvertretende Vorsitzende der deutschnationalen Landtagsfraktion, Abg. Sup. D. Koch=Oeynhausen, Präses der Westfälischen Provinzial=Synode, referierte eingehend über den Inhalt des Staatsvertrages mit der evangelischen Kirche, der in den nächsten Wochen im Staatsrat und Landtag endgültig verabschiedet werden soll. Während manche Bestimmungen des Staatsvertrages sowohl im Interesse der Kirche wie des Staates zu begrüßen seien, begegne vor allem die sog. politische Klausel vielfach Bedenken. Hiernach könne der Staat gegen die Berufung der Generalsuperintendenten und des Präses des Oberkirchenrats Einspruch erheben, wenn gegen diese vom staatlichen Standpunkt aus politische Bedenken geltend gemacht würden. Der angestrebte Rechtsschutz gegen diese Bestimmung, der in einem obligatorischen Schiedsgericht bestehen sollte, sei nicht in vollem Umfange erzielt worden. Von erheblicher Bedeutung für die Kirche sei es, daß nach dem Staatsvertrag die Besetzung der fiskalischen Patronatsstellen fast ausnahmslos durch die kirchlichen Instanzen zu erfolgen habe. Mit dem Staatsvertrag würde die evang. Kirche in Preußen aus einer einfachen Körperschaft des öffentlichen Rechts — einer Eigenschaft, die die Kirchen heute mit mancherlei anderen Vereinigungen teilen— zur vertragsgesicherten autonomen Trennungskirche. Die acht evangelischen Landeskirchen in Preußen haben deshalb dem Abschluß des Staatsvertrags trotz mancher Bedenken sämtlich ihre Zustimmung gegeben. In der anschließenden regen Aussprache wurden auch Paritätsfragen erörtert, wobei vor allem gegen den Zentrumsantrag im Preußischen Landtag allseitig mit Nachdruck Stellung genommen wurde, der eine Benachteiligung der evangelischen Beamtenschaft bei der Stellenbesetzung und Beförderung fordert. " Das Gebot der Stunde. Aus der Antwort des Reichskanzlers an den Beamtenbund und an die Vertreter der Sozialdemokratie geht hervor, daß eine Entscheidung über die neuen Sanierungsmaßnahmen noch nicht gefallen ist. Ueber den Inhalt der angekündigten Notverordnung ist man lediglich auf Gerüchte angewiesen. Weder die Beamten noch die übrigen Berufsgruppen wissen, in welcher Form das Reich ihnen Geld abnehmen wird sie wissen nur, daß sie neue Opfer bringen müssen. Je länger diese Unsicherheit dauert und je länger die Notverordnung auf sich warten läßt, um so kritischer und gespannter wird die innerpolitische Stimmung. Die Reichsregierung wird daher schnelle und gründliche Entschlüsse fassen müssen, wenn sie sich die ihr ohnehin bevorstehenden Konflikte nicht noch unnötig verschärfen will. Das wäre schon im Hinblick auf die bevorstehende Reise nach Chequeurs, bedenklich. Denn kritische parteipolitische Auseinandersetzungen, die geeignet sind, die Autorität der Regierung Brüning zu untergraben, kann man in diesem Augenblick weniger brauchen als je. Das Ausland sieht schon an den rigorosen Sparmaßnahmen, zu denen die Regierung greift, wie unmöglich die Aufbringung der Reparationslast für das deutsche Volk ist und wie die ganzen Verhältnisse nach einer Revision schreien. Nach unseren Informationen ist der Reichskanzler— trotz der gewissen Bedenken des Auswärtigen Amtes— fest entschlossen, in Chequeurs die Revisionsfrage anzuschneiden und darzulegen, daß uns mit Anleihen selbst dann nicht geholfen werden kann, wenn sie produktiver angelegt und uns billiger und langfristiger gegeben werden, als bisher. Der englische Versuchsballon, uns erst einmal durch eine Zwei=Milliarden=Anleihe zu beruhigen, hat deshalb in Berlin wenig Gegenliebe gefunden, noch weniger, als man nach den Vorschlägen der Brauns=Kommission, durch Auslandskredite die Wirtschaft anzukurbeln, eigentlich hätte erwarten dürfen. Auslandsanleihen hatten jetzt nur einen Zweck, wenn sie unter der ausdrücklichen Versicherung gegeben werden, daß sie kein Hemmnis für eine grundsatzliche Aenderung des Systems sein werden, das uns auferlegt, Reparationen auf Pump zu zahlen. Man spricht jetzt in internationalen Finanzkreisen, die nicht ohne Einfluß auf die Regierungen sind, viel von einem „Reparationsfeierjahr“. In diesem Jahr würde Deutschland, im Gegensatz zum Youngmoratorium, das ihm keine wesentlichen finanziellen Vorteile bringt, überhaupt keine Zahlungen auf Reparationskonto leisten, und eine internationale Kreditaktion (z. B. die Zwei=Milliarden=Anleihe) sollte den Ländern darüber hinweghelfen, das ihnen aus dem Fortfall ihres Anteils aus den deutschen Annuitäten Etatschwierigkeiten entstehen. Aber auch eine solche Regelung hätte nur dann Zweck, wenn dieses Reparationsfeierjahr dazu benutzt würde, einmal eine rein rechnerische unpolitische Revision des Youngplanes vorzunehmen. Das Revisionsgespräch wird noch in diesem Jahre beginnen, und auch wenn die Regierungen von Berlin und London das Programm von Chequers mit einem undurchdringlichen Geheimnis umgeben: es wird in Chequers beginnen. Es sollen dort, wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, alle Probleme behandelt werden, die die deutsche und die englische Politik interessieren, so die Reparationsfrage, die Abrüstungsfrage, die Beziehungen zu Frankrich, der Zollabbau usw. — Der französtsche Außenminister Briand hat„auf Drängen seiner Ministerkollegen“ sein Rücktrittsgesuch zurückgenogen. Beamtenprotest gegen Sonderbelastungen. Berlin, 27. Mai. Die Protestkundgebung gegen die drohende weitere Gehalts= und Lohnkürzung, die der Deutsche Beamtenbund am Mittwoch abend im Sportpalast abhielt, war von etwa 12000 Personen besucht. Zum Schluß wurde unter lebhaftem Beifall einstimmig eine Entschließung angenommen; in der es u. a. heißt: „12000 im Sportpalast zu Berlin versammelte Beamte aus allen Teilen des Reichs nehmen mit Entrüstung davon Kenntnis, daß im Rahmen der wirtschafts= und finanzpolitischen Maßnahmen der Reichsregierung wiederum eine Sonderbelastung der Beamten beabsichtigt wird. Sie betonen, daß die bereits vorgenommene Belastung die wirtschaftliche Lage der Beamten sehr erschüttert hat. Jetzt, wo Forderungen nach einer erheblichen Gehaltskürzung verstärkt auftreten, sei mit aller Deutlichkeit gesagt, daß eine Gehaltskürzung sowohl wie auch jede andere Sonderbelastung für die Beamten unerträglich ist. Jeder Glaube an Recht und Gerechtigkeit geht dadurch verloren. Mit wachsender Besorgnis ist festzustellen, wie die Radikalisierung weiter Volksschichten auf die Beamten übergreift. Staatsverdrossenheit gewinnt in einer. Zeit an Boden, in der der Staat mehr als je die Hingabe seiner Beamten braucht. Reichsregierung und alle Verantwortlichen sollten diese Zeichen der Zeit verstehen. Die neuesten Vorstöße, die sich nicht nur gegen das Gehalt, sondern unbegreiflicher Weise auch gegen die sozialen Zuschläge richten, lösen hellste Empörung aus. Die Beamtenschaft versteht derartige Maßnahmen um so weniger, als die Preissenkungsaktion in keiner Weise die angekündigte Entlastung gebracht hat. Die Beamtenschaft hat sich noch niemals einer allgemeinen Hilfsmaßnahme zur Beseitigung öffentlicher Notstände verschlossen. Einmütig und geschlossen aber wehrt sie sich gegen die neuen Pläne. Außerdem ist die Beamtenschaft der Auffassung,, daß in Zeiten einer solchen allgemeinen Volksnot politische Zahlungen nicht geleistet werden können. Vereint mit ihren Führern aus dem ganzen Reiche machen die Versammelten alle Verantwortlichen im Staate darauf aufmerksam, daß die Geduld der Beamten einer weiteren Belastungsprobe nicht mehr standhält, Arbeitsfreude erlahmt, die Staatsverdrossenheit wächst, der Volksstaat gerät in Gefahr.— Niemand überhöre unseren Warnungsruf!“ Brünings Antwort an die Kabinettsbeschlüsse noch nicht gefaßt. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion veröffentlicht eine längere Mitteilung über die Besprechung ihrer Vertreter mit dem Reichskanzler. Nach den Vorstellungen der sozialdemokratischen Führer habe Dr. Brüning die tatsächliche Finanzlage g. childert, deren Entwicklung unter dem Einfluß der Wirtschaftskrise ungünstiger sei, als man im Vorjahre hätte annehmen können. Die Reichsregierung strebe nach einer Lösung der Finanzschwierigkeiten, die verhindere, daß die sozialen Einrichtungen wegen Mangels an Mitteln zusammenbrächen. Bisher seien irgendwelche Beschlüsse des Reichskabinetts noch nicht gefaßt worden; es hätten bisher nur Besprechungen in einem Ausschuß des Kabinetts stattgefunden, und diese Besprechungen seien noch nicht abgeschlossen. Die Einzelmaßnahmen müßten nach Meinung der Regierung so gestaltet werden, daß sie von den Massen des Volkes als erträglich angesehen werden könnten. Was besonders die Brotpreise angehe, so halte die Reichsregierung ihre Senkung in kürzester Frist für unbedingt erforderlich. Würden die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, so müsse man zu einer Senkung der Zölle schreiten. Jedenfalls sei damit zu rechnen, daß die neue Natnerardnung nach nar der Abreise des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers nach Chequers fertiggestellt werde, daß aber ihr Erlaß erst nach der Rückkehr von Chequers erfolge. Ich bin dein, hilf mirk Psalm 119, 94. Heute früh durfte mein lieber Mann, unser guter, treuer Dater, der Diakon Eduaré Gottwald im 58. Tebensjahr nach langem, mit viel Geduld ertragenem Teiden eingehen in die Ruhe des Dolkes Gottes. In tiefer Trauer: Cläre Gottwald, geb. Cwellmeper und Kinder Martin Hans Grete Bethel, den 27. Mai 1931. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 30. Mai, nachm. um 3 Uhr von der Zionskirche in Bethel aus statt. Der Flug in den Weltenraum. Professor Piccard mit seinem Mitarbeiter aufgestiegen. Augsburg, 27. Mai. In den frühen Morgenstunden kurz vor 4 Uhr ist bei fast windstillem Wetter Professor Piccard mit seinem Mitarbeiter Kipfer schnell und glatt zum Fluge in die Stratosphäre gestartet. Der Ballon schlug zunächst nordwestliche Richtung ein, drehte sich dann aber nach Südosten. Er blieb lange den unbewaffneten Augen sichtbar und schebte etwa anderthalb Stunden nach dem Start am südöstlichen Horizont in schätzungsweise bereits 5000 Meter Höhe und ungefähr drei Kilometer Entfernung. Die Absperrungen waren sehr streng, so daß selbst die Pressevertreter und Photographen nicht an die Gondel gelangen konnten. Die letzten Vorbereitungen. Nach den abschließenden Beratungen der beiden Gelehrten wurde in den Abendstunden mit der Füllung des Riesenballons begonnen. Die Gondel war bereits fertig ausgerüstet und auch mit dem notwendigen Proviant versehen. Nur die oberste Werkleitung und die aus Schupoleuten und Arbeitern der Ballonfabrik bestehende Startmannschaft waren um die Gondel beschäftigt. Fast regungslos stand der riesige birnenförmige Ballon, der genau dieselbe Füllung wie beim ersten Startversuch (2200 Kubikmeter ist gleich ein Siebentel des Fassungsvermögens) erhalten hatte, über der schwarz=silbernen Aluminiumgondel, von zahlreichen Tauen gehalten. Man sah Professor Piccard im grünen Sportanzug und mit einer Zipfelhaube auf dem Kopf die letzten Anweisungen erteilen. Um 3½ Uhr schlüpfte er mit Ingenieur Kipfer in die Gondel, die alsbald hermetisch geschlossen wurde. Um 3,55 Uhr erfolgten kurze Kommandos. Unmittelbar darauf erhob sich der Ballon unerwartet schnell vor den Augen der ziemlich überraschten Zuschauer in die Lüfte. Der Ballon wird auf seinem Flug von verschiedenen Seiten genau beobachtet und auch im Kraftwagen verfolgt. Die im Sonnenschein glänzende silberne Kugel wurde über Kaufbeuren, Kempten,Memmingen und zuletzt über Lindau am Bodensee gesichtet. In 10 000 bis 12 000 Meter Höhe. Nach Schätzung von sachverständiger Seite hat Professor Piccards Ballon, soweit man seinen sichtbaren Flug verfolgen konnte, die Grenze der Cirruswolken bereits überschritten und damit die Höhe von 10 000 bis 12000 Metern erreicht. Mit dem bisher größten Ballon. Professor Piccard will in der Stratosphäre, der äußeren gleichkalten Luftschicht um die Erde, Messungen über Luftbewegung, Einwirkung der Höhenstrahlung der elektrischen Energien usw. vornehmen. Der Ballon, mit dem Professor Piccard aufgestiegen ist, ist der bisher größte der Welt. Auffallend ist, daß keine Sandsäcke, sondern lediglich 10 Zentner Bleistaub als Ballast mitgeführt werden. In Fachkreisen hält man diese Last für viel zu wenig. Professor Piccard ist für die höchste Not mit einem Fallschirm ausgerüstet, aber das Verlasst der Gondel durch die kleinen Ausst schwierig sein. Welche Höhen wurden bisher erreicht? Die in etwa 13000 Meter beginnende Strakosphäre wurde bereits von einem bemannten Ballon erreicht. Ein Registrierballon konnte bis auf 30 Kilometer Höhe steigen; die größte Höhe wurde jedoch von den Geschossen des deutschen Ferngeschützes, das Paris bombadierte, durchflogen, deren Weg im Scheitelpunkt 38 400 Meter über der Erdoberfläche lag. Der Ballon schwebt schon seit mehreren Stunden in etwa 5000 Meter Höhe und treibt im Inntal. Flugzeuge sind zur Beobachtung aufgestiegen. Oesterreichische Polizeibeamte verfolgen den Ballon auf Motorrädern. be. dus Verlassen leiglocher dürfte sehr Rundschau. leitenden Beamten der preußischen Landeskulturvermalt vom preußischen Minister für Landwirtschaft, Domänen u Forsten für die Zeit vom 27. bis 29. Mai zu einer ap;“.“ nach Berlin berufen worden. Minister Dr. Steiger diese Tagung in der Ehrenhalle der Siedlungs=Sonderauz. stellung des preußischen Landwirtschaftsministeriums au der Lauausstellung. Josisministerl.. au :: Herabsetzung der Ministergehälter in Thüringen. 9, Thüringer Landtag hat auf Grund eines nationalsozialisti, schen Antrags die Ministergehälter von 16 000 auf 12000 Mark herabgesetzt. Da durch diesen Antrag die Ministerigl. direktoren ein höheres Ihreseinkommen als die ihnen vorgesetzten Minister haben würden, erscheint es fraglich, ob der Beschluß richtig durchführbar sein wird. Die Annahm Antrages erfolgte mit den Stimmen der Nationalsozialisten Kommunisten und Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Deutschen Volkspartei, Staatspartei und Deutschnationa, len hei Enthaltung der Wirtschaftspartei und Landvolt. :: Der Erlaß Fricks„wider die Negerkultur“ auf. gehoben. Im Landtag von Thüringen wurde ein Antrag der Linken angenommen, nach dem die von Dr. Frick erlassene Verordnung„Wider die Negerkultur— für deutsches Volkstum“ wieder aufgehoben wird. Ferner wurde ein Antrag der Sozialdemokraten angenommen, zu verhindern, daß Staatsanstalten durch rechtsradikale Parteien zur Provaganda gegen den Staat mißbraucht werden. Rundschau im * In der spanischen Hafenstadt San Sebastian kam es zu stlutigen Zusammenstößen zwischen streikenden Kommunisten und Truppen. Bisher sind drei Tote gemeldet. * Nach Londoner Blättermeldungen will die i# lienische Geheimpolizei festgestellt haben, daß in Lonion eine italienische Geheimpolizei besteht, deren Ziel die Ermordung Mussolinis ist. * Gehaltskünzungen in Japan. Das japanische Kabinett hat beschlossen, die Verminderung der Bezüge der staatlichen Angestellten in der geplanten Weise durchzuführen. Vom 1. Juni ab werden Gehälter und Löhne in Höhe von mehr als 100 Yen (200 Mark) monatlich um drei bis zwanzig Prozent gekürzt werden. Zugleich wird aber die Zusicherung abgegeben, daß die Pensionen und Ruhestandgratifikationen unverändert bleiben. In ganz Japan verkehren die Eisen= und Straßenbahnen wie gewöhnlich, obgleich 1800 Angestellte der Eisenbahnen in Tokio freiwillig wegen des Entschlusses der Regierung, Gehaltsherabsetzungen vorzunehmen, ihre Stellungen aufgaben. Verschiedenes. Hugenberg, Oldenburg=Januschau und Dr. Stadtler werden auf einer deutschnationalen Tagung für Westfalen=Ost und beide Lippe am Sonntag, 7. Juni, in Porta die Hauptreferate halten. Auf verschiedenen Bahnstrecken werden Sonderwagen für die Teilnehne bereitgestellt. Näheres ist bei den deutschnationalen G. schäftsstellen und den Vertrauensleuten zu erfahren. Bethel. — Donnerstag abend 8½ Uhr in Gosen Blaukreuzstunde. Jeder ist herzlich eingeladen. — Christlicher Verein junger Männer. Freitag 8¼ Uhr Bibelstunde in Gosen. Herr Pastor Schlatter über Jesaia 7. — Ueber die Palästina=Reise wird Herr Pastor Tegtmeyer am Sonntag, den 31. Mai, 8 Uhr im Assapheum einen Lichtbilder=Vortrag halten. 60 künstlerische Lichtbilder. Eintritt frei. Sammlung zur Deckung der Kosten und für das Syr. Waisenhaus. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel. Heute morgen wurde der Reister unserer Schuhmacherei Diakon Eduarö Gottwald von seinem langen Teiden erlöst. Seine Treue und Gewissenhaftigkeit waren uns immer ein rechtes Dorbild. Wir werden ihn nicht vergessen. Die Mitarbeiter der Orthopädischen Werkstätten„Heilgarten“. Bethel, den 27. Mai 1931. Nordsee Erholungsaufenfhalt zu günstigen Bedingungen für Erwachsene und Kinder Illustrierte Prospekte. Gemeindevorsteher Paulsen, Amrum-Norddorf. Hobkaber-Photszraphen decken ihren Bedarf in der Photo-Handlung König, Blieleteld, Rathausstr. 3. Tel. 955 Anstolt Kor-scholungsheim vegetarisch und#I. Rohkost LDert Benneckenstein-Hochhars unweit Braunlage Pastor Felkekuren. Prosp. freil Der schönste und modernste Blumenschmuct für Veranda, Balkon und Fensterbrefter sind unstreitig meine echten oberbayrischen Gebirgs-Hängeneiken Versand überallhin. Illustrierte Preisliste gratis und franko. A. 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