Bezugspreis: Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und ( 86 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Küre Aussand unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und Kindergabe“ und„Auser Ziel.“ Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30 Pfg. Beilagen unter 25 g je tausend 15 Mi Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 26. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 31. Januar 1931. 13. Jahrgang. SE Wenn die Freunde Gutes von dir sagen, Wird wohl mancher:„Darf man's glauben?“ fragen, Aber lästert dich der Feinde Schar, Fragt kaum einer:„Ist es denn auch wahr?“ Misihiiin Die politische Lage! Am 3. Februar tritt nach längerer Pause der Reichstag zusammen. Der diesmaligen Tagung kommt eine ganz besondere Bedeutung zu, weil sie wahrscheinlich Klarheit bringen wird in die überreichlich verworrene Lage, in der die Reichsregierung sich befindet. Schon vor der Wahl am 14. September 1930 verfügte das gegenwärtige Kabinett nicht über eine sichere Mehrheit. Die Wahlen selbst brachten eine gewaltige Stärkung des rechten Flügels, ein Zusammenschrumpfen der Mittelparteien und eine beachtenswerte Stärkung der äußersten Linken, während die Sozialdemokratie mit einem verhältnismäßig leichten, aber doch schmerzlichen Verlust davon kam. Dieses Ergebnis wirkte sich für die Reichsregierung insofern ungünstig aus, als sie nunmehr nicht mehr damit rechnen durfte, aus den bürgerlichen Parteien auch nur entfernt eine regierungsfähige Mehrheit zu erhalten. Ausschlaggebend war zwar nicht mehr Hugenberg, sondern die Sozialdemokratie, die sich bei den nach der Wahl zu erledigenden Gesetzen, bezw. Abstimmungen über die Notverordnungen der Regierung zur Verfügung stellte. Dieses geschah sicherlich nicht aus Liebe zum Kabinett Bvüning=Schiele, sondern der Selbsterhaltungstrieb war es, der die Sozialdemokraten veranlaßte, diese Taktik einzuschlagen. Dem Reichskanzlev Dr. Brüning ist aus dieser Hilfe vielfach ein Vorwurf gemacht und die Behauptung aufgestellt worden, er habe den Sozialdemokraten weitgehende Konzessionen gemacht. Auch heute noch wird behauptet, daß das Zentrum in Preußen Dr. Braun das Regieren ermögliche, während die Sozialdemokraten im Reich Dr. Brünings Kanzlerschaft zu erhalten suchten. Nach zuverlässigen Informationen ist anzunehmen, daß von einem solchen Abkommen keine Rede sein kann. Wenn zunächst in Preußen eine Aenderung des Regierungssystems nicht herbeigeführt worden ist, dann liegt das an Zwangsläufigkeiten und an einer Reihe von Fragen, die man im Augenblick am besten unerörtert läßt. War es dem Reichskanzler Dr. Brüning somit möglich, in der Dezembertagung des Reichstages alles das durchzusetzen, was er durchsetzen wollte, so läßt sich doch nicht verkennen, daß die Lage seines Kabinetts sich im Laufe der Zeit wesentlich verschlechtert hat. Die Wirtschaftspartei hat Dr. Brüning die weitere Gefolgschaft versagt. Die allgemeine wirtschaftliche Lage hat sich wesentlich verschlechtert. Nicht allzuweit entfernt sind wir von 5 Millionen Arbeitslosen und trotz aller Sanierungsbestrebungen der Reichsregierung durch Schaffung neuer Steuern usw. will es nicht gelingen, den Etat stabil zu gestalten. Man muß gerecht sein und zum Ausdruck bringen, daß bei einer derartigen Arbeitslosigkeit, bei einem derartigen Darniederliegen der Wirtschaft die ausgefallenen Steuern und sonstigen Ausgaben für die Arbeitslosen es keiner Regierung, sie mag heißen, wie sie will, die Möglichkeit geben würde, mit festen Unterlagen einen Etat aufzustellen. In dem Augenblick, wo die zur Aufstellung erforderlichen Arbeiten erledigt sind, müssen schon wieder so und soviel hundert Millionen Mark an Ausfällen und Mehrausgaben berücksichtigt werden. Hinzu kommt, daß die Lage der Landwirtschaft sich ebenfalls weiter verschlechtert hat und die Aussichten auf Hilfe noch recht gering sind. Die vor Jahresfrist angekündigte Osthilfe ist aus dem Stadium der Vorbereitung noch nicht heraus, was natürlich in den betroffenen Gebieten große Verbitterung hervorgerufen hat. Alles das wird der Reichsregierung zur Last gelegt, obwohl man auch hier sagen muß:„Die tüchtigsten Männer können nlicht in kurzer Zeit alles das wieder gut machen, was in 12 Jahren gesündigt ist!“ So denken aber nicht die Parteien, die vielfach glauben, Rücksicht auf ihre Wählerkreise nehmen zu müssen. Daher kommt es wohl auch, daß die Christlich=nationale Bauernpartei zum mindesten nicht mehr als feste Stütze der Reichskegierung angesehen werden darf, sondern sich bereits auffällig im Lager der Opposition bewegt. Damit sind als Stützen der Regierung zwei Mittelparteien ausgeschieden. Aber auch die Sozialdemokratte läßt verlauten, daß sie Dr. Brüning die Steigbügel nicht mehr halten will. Die Sozialdemokratie hat einen Zweifrontenkrieg zu führen, einmal läuft sie Gefahr, ihre Mitglieder an die Kommunisten zu verlieren und zum andern befindet sie sich in nicht leichter Bedrängnis gegenüber den Nationalsozialisten. Beide Parteien dringen in die Gebiete der Sozialdemokratie ein, so daß letztere glaubt, sich nur retten zu können, wenn sie, die große Notlage des Volkes benutzend, sich wieder mehr auf radikale Agitation einstellt. Auch die Deutsche Volkspartei trug sich mit dem Gedanken, ihr Verhältnis zur Regierung zu lockern. Die „Erfolge“ ihres Außenministers Dr. Curtius befriedigten nicht mehr. Immer lauter wurden die Stimmen, die eine Ablösung dieses Ministers verlangten. Insbesondere die Rechtsparteien hatten es darauf abgesehen, Dr. Curtius zu stürzen. Nun dürfte allerdings in bezug auf Dr. Curtius sich die Lage verschoben haben. Durch sein geschicktes Auftreten in Genf hat er in der Posenfrage einen beachtenswerten Erfolg erzielt. Wenn auch die Rechtsparteien, deren führende Organe ein klein wenig Verlegenheit zwischen den Zeilen durchblicken lassen, darauf hinweisen, daß Dr. Curtius für den Osten keine Revision der Ostgrenzen usw. angemeldet habe, so müssen Blätter fast aller Richtungen doch zugeben, daß die deutsche Delegation für diesmal in Genf doch besser abgeschnitten hat, als man das bisher gewohnt war. Der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Dingeldey, hat das am Sonntag in einer Rede in Frankfurt(Main) derartig laut und vernehmlich hervorgehoben, daß nunmehr die Deutsche Volkspartei sicherlich nicht gewillt sein wird, Dr. Curtius fallen zu lassen. Dadurch würde, wenigstens in diesem Zusammenhang, die Lage eine etwas geklärtere. Wie aber im übrigen nach dem Zusammentritt im Reichstag Dr. Brüning sich durchsetzen will, bleibt einstweilen ein Geheimnis. Wer seine Reden in letzter Zeit aufmerksam gelesen hat, wird zu der Auffassung kommen müssen, daß er an einen Rücktritt seines Kabinetts nicht denkt. Falls ihm nun irgendwie ein Mißtrauensvotum ausgesprochen wird oder wichtige Vorlagen abgelehnt werden, so entsteht die Frage, was dann werden soll. Manche trauen den Sozialdemokraten, die sich tatsächlich in einer jämmerlichen Lage befinden, den Mut zu einer kabinettstürzenden Opposition nicht zu; was aber wird, wenn es dennoch der Fall wäre? Ueber diese Frage hüllt sich Dr. Brüning in tiefes Schweigen. Allerdings stellt man in politischen Kreisen die verschiedensten Behauptungen auf und Vermutungen werden laut, an die man einstweilen nicht zu glauben vermag und man deshalb am besten auch nicht darüber schreibt. Alles zusammengenommen kommt man zu dem Ergebnis, daß die gegenwärtige politische Lage mehr als unklar und undurchsichtig, ja direkt trostlos ist. Das bringt uns auf die Frage, was denn überhaupt werden soll, wenn die gegenwärtige Regierung gestürzt wird. Viele glauben, daß eine Rechtsregierung erfolgreicher arbeiten würde, außenpolitisch sowohl wie innenpolitisch. Das möchten wir bezweifeln. Außenpolitisch sind wir noch nicht so weit, daß man mit Kürassierstiefeln auftreten und durch krasse Forderungen größere Erfolge erzielen könnte. Darin liegt eben das Geheimnis der Erfolge Dr. Curtius', daß er sich nicht zu zur Zeit unerfüllbaren Forderungen verstieg und trotz seiner Festigkeit nicht Töne anschlug, die ihm manches Entgegenkommen verscherzt hätten. Wenn das hier ausgesprochen wird, dann ist das keine Weichheit oder Kleinmütigkeit oder gar ein Ausdruck unserer eigenen Schwäche, sondern eine reiflich überlegte Erwägung der Vernunft. Innenpolitisch würde es sich darum handeln, ob eine Rechtsregierung, bestehend aus Nationalsozialisten, Deutschnationalen usw., in der Lage wäre, sich gegenüber der erbitterten Volksstimmung durchzusetzen. Ob das ohne große Störungen abgehen würde, ob unser Wirtschaftsleben dadurch die Kraft zu neuem Aufstieg erhalten würde, bleibt doch recht fraglich. So sehr wir innen= und außenpolitisch es begrüßen, wenn Männer der rechtsstehenden Kreise mit voller Wucht das Steuer der Regierung eindeutig auf die großen nationalen Ziele umstellen würden, so sehr muß doch auch betont werden, daß ein Ausgleich der Volksinteressen erforderlich und darum weises Maßhalten Aufgabe einer jeden Regierung sein muß. Und das ist es gerade, was an der gegenwärtigen Regierung beachtenswert ist. Der Inhalt der Dr. Brüningschen Reden aus letzter Zeit enthält so manchen gesunden Gedanken, dem man absolut zustimmen kann. Unerschrocken geradeaus geht er mit= seinen Kabinettsmitgliedern seinen Weg, dabei eine Fülle von Arbeit leistend, die bewunderungswürdig ist. Den Unduldsamen aber, denen es nicht schnell genug geht, mögen des Reichokanzlers eigene Worte zur Beherzigung empfohlen sein, wenn er sagt: „Bei den ungeheuren Fehlern, die in den letzten 12 Jahren gemacht worden sind, nützt uns kein Programm auf 3, 4 oder 6 Monate, sondern ein großzügiges, weit ausholendes Programm von einem Jahrzehnt!“ In diesen Worten liegt viel Wahrheit und deshalb sollten wir, anstatt zu nörgeln und zu kritisieren, unsere Kräfte, einerlei, in welchem Lager sie stehen, sammeln, um nach dem Wunsche des Reichspräsidenten von Hindenburg als geeinigtes Volk zu versuchen, Herr der Nöte zu werden, die der Krieg und die nachher gemachten Fehler uns aufgebürdet haben.„Vieles haben wir verloren,“ sagte Hindenburg am 18. Januar im Sportpalast,„aber geblieben ist uns unser Vaterland, und das zu retten, ist das Gebot der Stunde, ist eine Aufgabe, der wir uns alle ohne Unterschied der Parteien widmen sollen!“ Ob allerdings die Parteien beim Wiederzusammentritt des Reichstages diese Mahnungen beherzigen werden, ist eine andere Frage. Die Erfahrungen, die wir nach dem 14. September gemacht haben, zeigen, daß verschiedene Parteien sich mit großer Gereiztheit und mit dem Willen des Kampfes gegenüberstehen. Man erinnert sich noch der geradezu widerlichen Szenen, welche sich in der letzten Tagung des Reichstages abspielten. Das wird wahrscheinlich auch für die zukünftige Tagung nicht besser werden, zumal einige Parteien dem Kabinett Brüning den Kampf bis zur Vernichtung angesagt haben. Abgesehen von innerpolitischen Forderungen, wie z. B. Aenderung des Regierungssystems in Preußen, fordert man ein kräftiges Eingreifen in der Frage der Reparationslasten, bezw. des Youngplanes. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß solche Forderungen, insbesondere nach Revision des Youngplanes durchaus berechtigt sind, und es ist erfreulich, daß Dr. Brüning vor einigen Tagen in Chemnitz es selber ausgesprochen hat, daß in dieser Frage ja wohl das ganze deutsche Volk einmütig sei. Also auch der Kanzler bekannte sich zu dieser Notwendigkeit, wenn er auch dabei zum Ausdruck brachte, alles zu seiner Zeit, und weiterhin der Meinung Ausdruck gab, daß, wenn man die Revision des Youngplanes anmeldet und fordert, wir dann im Innern finanziell und wirtschaftlich saniert sein müssen. In dieser Auffassung kann man dem Reichskanzler, soviel Berechtigung seine Auffassung auch haben mag, nicht folgen. So wie die Dinge heute liegen, wir wiederholen es: fast 5 Millionen Arbeitslose, höchst unsichere Steuereinnahmen, die Aussichtslosigkeit einer Wiederbelebung unserer Wirtschaft in Landwirtschaft und Industrie und dazu jährlich über 2 Milliarden Reparationslasten, das alles zusammengenommen untergräbt die Hoffnung, daß wir überhaupt noch in der Lage sein werden, um uns im Innern zu sanieren. Es wird daher der Zeitpunkt kommen, wo Dr. Brüning, falls er Chef der Regierung bleibt, sich zu einer großen Tat entschließen muß. Den Mut dazu wird er haben; es fragt sich nur, ob seine klugen, aber etwas zurückhaltenden Erwägungen die Oberhand behalten werden. Auch im übrigen wird Dr. Brüning innenpolitisch sich zu Handlungen entschließen müssen, wenn er das Steuer der Regierung in seiner Hand behalten will. Denen aber, die sich auf den Standpunkt stellen, alles oder gar nichts, sei gesagt, daß sie mit einer solchen Politik auch die volle Verantwortung vor dem deutschen Volk und der Geschichte übernehmen müssen, genau so gut, wie das andererseits für die Reichsregierung zutreffend ist. W. W. Die Genfer Verhandlungen im französischen Lichte. Die Wiedergabe der Berichte aus ausländischen Zeitungen, sofern sie nicht drahtlich erfolgt, hat den Nachteil, daß sie den Ereignissen nachhinkt. Wenn auch dieser Nachteil recht unangenehm ist, so dürfte der Vorteil, daß nachträgliche Ausführungen es verhindern, daß weltpolitische Dinge in dieser schnellebigen Zeit der Vergessenheit anheimfallen, auch nicht unterschätzt werden. Die Nachricht von der Beilegung des deutsch=polnischen Zwistes, die in Paris fast mit Sicherheit erwartet war, ist freudig ausgenommen worden. Der„Temps“ hat sich in zwei Leitaufsätzen mit den Ergebnissen der Genfer Tagung befaßt und schreibt u.., daß die Art und Weise, mit der Curtius in Genf vorgegangen, nicht sehr klug gewesen sei. Die Taktik, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, habe scheinbur den Zweck gehabt, seine sogar in Berlin schwankende Stellung zu festigen. Wenn er bei seiner Rückkehr nach Deutschland schlecht ausgenommen wird, weil er nicht alles durchgesetzt habe, was er die Unklugheit hatte, unter dem Druck der deutschen Nationalisten(!) zu fordern, so müsse er sich an die halten, die ihn dazu getrieben hötten, in Genf die Frage des Minderheitenschutzes zu stellen. Das sei überhaupt unter einem Gesichtspunkt geschehen, der vielleicht den Interessen Deutschlands dienlich erscheine, der aber niemals dem Geist und Inhalt der Verträge entspreche, noch weniger im Sinne einer wirklichen Friedenspolitik liege. Der deutsch=polnische Streit, so fährt das Pariser Blatt fort, sei ein schlagender Beweis dafür, welche Gefahr es für den Frieden bedeute, wenn man die Interessen der Minderheiten gegen den Staat, dem diese angehören, wahrnehmen wollte. Ueberhaupt wäre es gar nicht Aufgabe und Mission des Völkerbundes, in einer solchen Klage, wie sie Deutschland gestellt habe, gegen einen anderen Staat, der dem Völkerbund angehört, ein Urteil zu fällen. Die deutsche öffentliche Meinung sei übrigens bezüglich aller deutschpolnischen Fragen falsch unterrichtet, und es fällt der deutschen Regierung schwer, sich bei solchen Auseinandersetzungen von den Grundsätzen internationaler Gemeinsamkeit leiten zu lassen. Deutschland hatte die Absicht, aus den Ausschreitungen in Oberschlesien Kapital zu schlagen und die Frage der Berichtigung der Ostgrenze zu ungunsten Polens zu ventilieren. Die Forderungen Curtius' sind nicht erfüllt worden. Anstatt der formellen Verurteilung Polens, die die Deutschen verlangt hatten, hat der Völkerbundsrat Warschau das Vertrauen geschenkt, die Dinge zu regeln und die erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Die Berliner Regierung hat also nichts gewonnen. Curtius hat sich mit dieser vernünftigen Regelung, die von dem Berichterstatter Yoshisawa vorgeschlagen wurde, einverstanden erklärt und damit gezeigt, daß er von gutem Willen beseelt sei.(!)“ Auch„Le Matin",„La Volonté“ und der„Figaro“ sprechen ähnliche Gedankengänge aus. Nachdem die Abrüstungskonferenz erst im Jahre 1932 zusammentreten wird, können Frankreich und Polen mit den Ergebnissen der letzten Völkerbundstagung nu: zufrieden sein. Das Gewitter hat sich nicht entladen. Die polnischen Wahlen bleiben unangefochten. Die der tsche Minderheit ist ihres Einflusses auf das Parlamen: beraubt worden. Die Vergeltungs= und Schadenersatzmaßnahmen, wenn sie auch ehrlich durchgeführt werden, was wir bezweifeln müssen, werden diese Tatsachen nicht mehr aus der Welt schaffen. Und bis Mai ist viel Gras gewachsen. E. F. K Die Verheißungen des Sozialismus. Freiheit und allgemeine Glückseligkeit. Wie sehr der Sozialismus Religion, Ersatzreligion, und wie sehr er messianische Religion ist, das ist vor allen Dingen an den weitgehenden Verheißungen zu sehen, die er seinen Gläubigen gibt. Wir halten uns, wenn wir diese Verheißungen schildern, vor allen Dingen an das Buch, das zwar nicht zu den grundlegenden wissenschaftlichen Werken der sozialistischen Literatur gehört, das aber eine Art Laienbibel des sozialistischen Glaubens darstellt, an das Buch von August Bebel„Die Vom Sinn einer evangelischen Schule. Jahrhunderte lang war die Kirche Erzieherin der Völker, Pflegerin und Ueberlieferin der Kultur. Die Missionskirchen sind es heute noch. Gerade durch ihre Schulen haben sich die kleinen Kirchengemeinschaften, wie die der Waldenser, der Mährischen Brüder, die Kirche unter dem Kreuz durch die Bedrückung der Großkirche hindurchgerettet. Für die evangelische Kirche scheint jetzt eine Zeit hereinzubrechen, wo sie nur durch die Begründung und Unterhaltung konfessioneller Schulen, nach dem Vorbild der kleinen Brüdergemeine, sich erhalten kann. Die größte Anstalt der Inneren Mission, Bethel, hat als eine der ersten diese große Aufgabe bewußt auf sich genommen, eine höhere Knabenschule, sogenannte Aufbauschule, errichtet. Ihr Leiter, Dr. Georg Müller, trägt nun in einem höchst gehaltvollen Heft“) seine Gedanken über die ideellen Grundlagen einer solchen bewußt evangelischen Schule vor, in elf Aufsätzen sein Thema von immer neuen Seiten erfassend. Diese Schule, nämlich konkret die von Dr. Müller geleitete Friedrich v. Bodelschwingh=Schule in Bethel, will eine„Lebensschule“ sein, also dem Leben und der Wirklichkeit dienen, indem sie„eine lebendige Anschauung der Kräfte vermittelt, die die Wirklichkeit gestalten". Wie die deutschen Landerziehungsheime fügt sie also das Leben der Schule in den Rhythmus der sie umgebenden Natur ein, pflegt das jugendliche Gemeinschaftsleben und erkennt der Jugend das Recht zu,„sich ihre gesunden Formen für eigenes Leben zu schaffen“, und ist durch ihren einerseits mathematischnaturkundlichen, andererseits kulturkundlichen Unterricht„eine Stätte der bewußten Wertübermittlung" und vermittelt dadurch zugleich eine Anschauung politisch=wirtschaftlicher Dinge, gewöhnt die Schüler an eine Denkweise, die jederzeit mit ihnen rechnet. Ganz besonders aber läßt sich die Schule durch den Namen, den sie trägt, an einen Mann erinnern,„der noch von einer anderen Wirklichkeit wußte".„Uns genügt für eine Schule nicht, daß an ihr eine„Atmosphäre der Gläubigkeit“ herrsche, wobei offen bleibt, woran man glaubt, sondern uns ist die Schule ein Glied in der Wortverkündigung im Auftrage Christi, gebunden an das Evangelium, wenngleich in einer Gestalt, die sich aus der besonderen Lage einer höheren Schule und aus der gei*) Georg Müller: Vom Sinn einer evangelischen Schule. 1931. Chr. Kaiser=Verlag, München. 92 S. Mk..40. Frau und der Sozialismus.“ Dieses Buch hat wie kaum ein anderes weiteste Verbreitung gefunden. Es ist von ihm schon im Jahre 1919 das 152.—156. Tausend in deutscher Sprache erschienen. Es ist noch ganz aus dem ungebrochenen sozialistischen Heilsglauben heraus geschrieben. Demgemäß treten seine Verheißungen mit einer in Staunen setzenden Gewißheit auf. Bebel ist nicht nur über den Verlauf der bisherigen Geschichte mit Einschluß der Urgeschichte des Menschen genau unterrichtet. Er hat auch einen erstaunlichen Blick in die Zukunft getan. In einer Zukunft, die er noch zu erleben hoffte, sieht er das gelobte Land der sozialistischen Erfüllung. In den leuchtendsten Farben, in einer Art paradiesischen Glanzes sieht er dieses Land vor sich liegen und wird nicht müde, immer wieder seine Schönheit und Herrlichkeit zu schildern. Man kann diese Herrlichkeit nur in dem Worte „Erlösung“ zusammenfassen.„Jetzt wird die Menschheit zu ihrer höchsten Entfaltung gelangen“, so lesen wir am Schlusse des 28. Kapitels,„Das goldene Zeitalter“ von dem die Menschen seit Jahrtausenden träumten und nach dem sie sich sehnten, wird endlich kommen,„herbeigeführt durch den Sozialismus.“— Kann der Glaube an die messianische Sendung des Sozialismus noch deutlicher bezeugt werden?— Man wende hier nicht ein, Bebel sei eben doch nicht eine eigentliche Autorität des sozialistischen Glaubens gewesen und zudem sei seine Zeit vorüber. Hören wir darauf, was uns über diesen Punkt ein Trotzki, einer der Väter des Bolschewismus zu sagen hat, ein Mann also, der unserer Gegenwart angehört, der dazu im hohen Maße gestaltend in die Geschichte des großen russischen Volkes eingegriffen hat.— In seinem„Aufruf zum Kampf gegen den Hunger“ (1918) führt er aus:„Mögen uns die Popen aller Religionsbekenntnisse von dem Paradies in jener Welt erzählen, wir aber sagen, daß wir auf dieser Erde den Menschen ein wirkliches Paradies schaffen wollen. Wir dürfen nicht eine Stunde unser großes Ideal aus dem Gesicht verlieren, das schönste von allen, nach denen die Menschheit strebte. Nehmen Sie die alten Religionslehren, die Lehre Christi, das Schönste, das Edelste, was in diesen Lehren enthalten ist—, es ist in unserer Lehre des Sozialismus verkörpert.“„Unbelastet von Erfahrungen der alten Menschen, aus denen sie ihre pessimistische Einstellung zur Welt ableiten, ungehemmt von einem Historismus, der jenen, gleich einer Kette von Fußangeln, jedes freie Streiten verwehrt, wollten wir als Stoßtrupps des Geistes das Gottesreich auf Erden erstreiten helfen.“— Und Lenin sieht als Endziel des Sozialismus einen Zustand, den er mit folgenden Worten schildert: „Die Verteilung der Konsumtionsmittel wird dann die Normierung der jedem einzelnen zukommenden Mengen durch die Gesellschaft unnötig machen; jeder wird frei nehmen„nach seinen Bedürfnissen".„Vom Standpunkte der Bourgeoisie aus“, so fügte er hinzu,„ist es leicht, eine solche gesellschaftliche Einrichtung als Utopie zu bezeichnen und höhnend darüber die Zähne zu fletschen, daß die Sozialisten jedem das Recht zusprechen, von der Gesellschaft ohne jede Kontrolle über die Arbeitsleistung des einzelnen Bürgers eine beliebige Anzahl Trüffeln, Automobile, Pianinos und anderes mehr zu beanspruchen. Die Mehrheit der„bürgerlichen Gelehrten" beschränkt sich bis auf den heutigen Tag auf dieses Zähnefletschen und bezeugt hierdurch nur ihre Unkenntnis und stigen Art der Jugend bestimmt. Auch die Schule muß von Gott künden“. Und endlich ist es„von größter Bedeutung, wenn der Schüler weiß, daß der Lehrer in der Gemeinde wurzelt, daß er von der Gemeinde seinen Lehr= und Erziehungsauftrag erhalten hat". Diese Gemeinde, nämlich Bethel, vermittelt ihm eine lebendige Anschauung ihrer tätigen Wirklichkeit und läßt ihn zugleich erfahren,„wie sie auch ihn in liebender und tragender Sorge zu den Ihrigen zählt als ein Glied der Gemeinde, durch die Taufe in Christus berufen und durch die Lebensfügungen in ihre Mitte geführt". Eine„Lebensschule" und eine„Tatsachenschule" soll die evangelische Schule ihrem Sinn nach sein.„Tatsachen“, nicht bloß Sachen. Man nimmt z. B.„die Tatsache des Todes und seiner ganzen Unvernunft“ hinein in die Rechnung jedes neuen Tages.„Tatsachenschule“ ist da, wo mit dem ersten Artikel unseres Glaubensbekenntnisses voller Ernst gemacht wird. Der zweite Artikel enthält das die Lehrerschaft zuletzt Verbindende, das über sie hinaus auch zugleich die Grundlage aller Bethelarbeit ist. Und der dritte Artikel weist auf die alleinige Möglichkeit einer Gemeinschaft unter den Menschen hin. Von all den Erziehungsproblemen, die von der Pädagogik der Gegenwart in lebhafter Gedankenfehde neu aufgerollt werden, ist für eine evangelische Schule die uralte Frage nach„Gesetz und Evangelium“ von besonderer Bedeutung. Da zeigt Georg Müller mit großem Ernst, wie der einzige Weg zum Stern des Evangeliums über Gericht und Gnade führt. Diesen Weg „versperren wir aber der uns anvertrauten Jugend, wenn wir unsere Evangeliumsverkündigung mit dem „Gesetz" beginnen“.„Wir verfallen um so leichter der Gefahr, uns trennend zwischen die uns anvertraute Jugend und das Evangelium zu stellen, je selbstverständlicher wir uns berechtigt glauben, ein„Gesetz“ aufzustellen.“ Dem denket nach, ihr Erzieher! Man kann Dr. Müllers Erörterungen nur mit großem Gewinn und Dank aus der Hand legen. Halle S. Dr. G. von Rohden. D. Kuhlo=Horn=Sertett auf Schallplatten. Pastor D. Kuhlo, der„Posaunengeneral“ und Altmeister der deutschen Posaunenmusik, hat mit seinem berühmten„Horn=Sextett“, 6 Schallplattenaufnahmen (3 Platten) gespielt, die unter dem Etikett„Die Kantorei“ erscheinen. Die„Kantorei“ hofft damit den Kreisen der ihre selbstsüchtige Verteidigung des Kapitalismus.“— Wen sollte ein solches Ziel nicht locken! Wie sollte eine solche Aussicht die Massen nicht entflammen!— Beher begnügt sich nicht damit, das verheißene Land des Sozialismus in einem allgemeinen Bilde zu zeichnen, er führt an den verschiedensten Stellen seines Buches die einzelnen Züge des Zukunftsgemäldes aus. Fassen wir einiges davon ins Auge! Vor allem wird der Anbruch des„goldenen Zeitalters“ dem Menschen die Freiheit bringen. Jeder Zwang wird vom Menschen genommen sein und der Mensch wird in vollster Unabhängigkeit sich entfalten können. Auch der Zwang, den der Staat mit seinen Gesetzen und Ordnungen auf den Einzelnen ausübt, wird fallen. In der traurigen Gegenwart ist die Menschheit in Klassen, in herrschende und geknechtete Klassen zerklüftet und der Staat ist niemals etwas anderes als eine Organisation, ein Instrument der jeweils herrschenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft. Aber„die Herrschaft einer Klasse hört auf“ und „mit der Aufhebung des Privateigentums und der Klassengegensätze fällt auch allmählich der Staat“. Ja, das Verschwinden des Staates ist im sozialistischen Programm ein überaus wichtiger Punkt; denn wo Staat ist, da ist eben Zwang und Gewalt, und das„goldene Zeitalter“, das der Sozialismus heraufführt, duldet und kennt eben Zwang und Gewalt in keiner Form. Es kennt nur die„Freiheit".„Wir verfolgen als Endziel“, schreibt Lenin,„die Beseitigung des Staates, d. h. einer jeden organisierten und systematischen Gewalt, jeder Vergewaltigung der Menschen überhaupt.“ Diese Freiheit, die der Sozialismus bringt, ist eine Freiheit in der Gleichheit. Von einem Zustande der Gleichheit aller Individuen ist die menschliche Entwicklung ausgegangen, und„das Ende der staatlichen Entwicklung gleicht dem Beginn des menschlichen Daseins. Die ursprüngliche Gleichheit kehrt zuletzt wieder".— Das Leben aber in diesem Zukunftslande ist ein Leben in allgemeiner restloser Glückseligkeit. Es verschwindet, je mehr der Sozialismus verwirklicht wird,„allmählich die Menge der Uebel, welche die bürgerliche Gesellschaft auf Schritt und Tritt uns zeigt und immer unerträglicher werden“. Gebannt ist vor allem das Gespenst der Sorge, denn über dem Einzelnen waltet wie eine allmächtige und gütige Vorsehung— nicht ein göttlicher Vater, sondern—„die Gesellschaft". Sie ist ja im Besitze aller Mittel und betreut jedes Einzelne ihrer Glieder mit einer hingebenden Liebe und Treue, wie eine gute Amme ihr Kind betreut. Die Gesellschaft übernimmt schon die Erziehung des Kindes.„Jedes Kind, das geboren wird, ist ein der Gesellschaft willkommener Zuwachs; sie erblickt darin die Möglichkeit ihres Fortbestandes, ihrer eignen Fortentwicklung; sie empfindet also auch die Verpflichtung, für das neue Lebewesen einzutreten.“ Und„wie die Gesellschaft für ihre Jugend die Sorge übernimmt, so auch für ihre Alten, Kranken und Invaliden. Wer durch irgendeinen Umstand arbeitsunfähig geworden ist, für den tritt die Gesamtheit ein. Es handelt sich hierbei nicht um einen neuen Akt der Wohltätigkeit, sondern der Pflicht, nicht einen Gnadenbrocken, sondern um eine von jeder möglichen Rücksicht getragene Verpflegung und Hilfe, die demjenigen zuteil werden muß, der in den Jahren der Kraft und der Leistungsfähigkeit gegen die Gesamtheit seine Pflichten erfüllte. Der Lebensabend wird dem Alter mit allem verschönt, was die Gesellschaft ihm bieten Posaunenchöre und darüber hinaus allen Freunden evangelischer Kirchenmusik vorbildliche und künstlerisch wertvolle Aufnahmen zu bieten, die gleichermaßen im Dienste der musikalischen Erziehung wie der künstlerischen Erbauung stehen. Die Platten sind zum Preise von je RM.50 durch jede Musikalien= und Schallplattenhandlung oder direkt von der„Kantorei", BerlinSteglitz, Beymestr. 8 zu beziehen. Best.=Nr. 10 Erstanden ist der heilig Christ; Heut triumphieret Gottes Sohn; Christ ist erstanden; Gelobt sei Gott im höchsten Thron.(Tonsätze von Haßler, Geskus und Vulpius). Best.=Nr. 11 Jesu, meine Freude; Nun lob mein Seel den Herren; Nun danket alle Gott(Tonsätze von Joh. S. Bach.) Best.=Nr. 12 Ein feste Burg ist unser Gott(Tonsätze von Othmayr, Haßler, Eccard) Aus tiefer Not schrei ich zu dir; Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort(Tonsätze von Haßler und Eccard) Kaiser= und Reichsfeier. Entgegen zahlreichen ähnlichen Feiern ist bei der Feier des„Aufrechten“ in der Singakademie in Berlin, der über 1000 Personen beiwohnten, nachdrücklichst der Kaisergedanke betont und in warmen Gedanken der Geburtstag Kaiser Wilhelms II. begangen worden. Man sah dabei auch Mitglieder zahlreicher nationaler Verbände. Vom Hohenzollernhause erschienen die Frau Prinzessin Oskar von Preußen mit den beiden ältesten Söhnen, den Prinzen Oskar und Burchard. Major a. D. v. Jena hielt die Einleitungsansprache, gratulierte im Namen der Versammlung der Frau Prinzessin Oskar, die am 27. Januar zusammen mit dem Kaiser ebenfalls ihren Geburtstag feiert und übergab herzliche Genesungswünsche für den in schwerer Krankheit operierten Prinzen.— Auf den Kaisergruß, den die Leitung des Abends nach Doorn gesandt hatte, war ein Dank eingegangen, der stehend entgegengenommen wurde. Prinz Oskar hatte vom Krankenlager ein Wort des Dankes, der Liebe zum Kaiser und der vaterländischen Mahnung ge“ schrieben, das General v. Felgenhauer unter allgemer nem Beifall verlas. Die Festansprache hielt Pfarret Harder, ein Frontkämpfer, der mit den jungen Reg“ mentern auch bei Langemarck gestanden hat. Reichs“ tagsabgeordneter Dr. Friedrich Everling hielt die Schlußrede. kann".„Die Alter Unterstützung ihre der Gemeinde an zwischen Geburt: allem die leidige sein ausgeschaltet mehr mit ihrem a jeder einzelne arb schaft“— Gesamt sorgt. So wird er ermöglichen und e schenden Hast und benshaltung in de auf ein niedriges genteil: Durch die wendung aller 9 über einen ganz 1 * Reichtum verfüger mehr durch die 1 system immer wiDie„sozialistische sein, jedem ein mi lichkeiten zu gewö Wir werden u auch nur noch ein wirklichung Verai In den Massen al mner noch gele Masse aber läßt so tu euer und Vertrauen ge Nur die allerwid rotten. 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Es ist die Vornahme Krisensymptom Wurzel anfaßt 1 Konjunktur sorg pital, das entwe leihen beschafft dert es die an baren Kapitalie zu vermehren. beschaffung, wen Krise noch inte für die bisher zutrifft— wen arbeitslosen Hi In einzeln Einfluß auf de hindung mit de süche der Krise land und Itali Aber wede noch die des L hann“.„Die Alten sind weder auf die Mildtätigkeit und zinterstützung ihrer Kinder noch auf die Bettelpfennige der Gemeinde angewiesen.“ Und aus dem Leben, das zwischen Geburt und Alter liegt, wird jede Sorge, vor allem die leidige Existenzsorge und der Kampf ums Dasein ausgeschaltet sein. Es gibt ja keine Privatwirtschaft mehr mit ihrem aufreibenden Konkurrenzkampf, sondern jeder einzelne arbeitet für die eine große Firma„Gesellschaft"— Gesamtheit und wird von dieser Firma versorgt. So wird erst der Sozialismus„Ruhe und Genuß ermöglichen und ein Befreier von der gegenwärtig herrschenden Hast und Aufregung sein". Dabei wird die Lebenshaltung in der sozialistischen Gesellschaft nicht etwa auf ein niedriges Niveau herabgedrückt sein. Im Gegenteil: Durch die Zusammenfassung und rationelle Anwendung aller Produktivkräfte wird die Gesellschaft über einen ganz ungeahnten und sich ständig mehrenden Reichtum verfügen. Der Wirtschaftsprozeß wird ja nicht mehr durch die unter dem kapitalistischen Wirtschaftssystem immer wiederkehrenden Krisen gestört werden. Die„sozialistische Gesellschaft“ wird darum in der Lage sein, jedem ein möglichst hohes Maß von Lebensannehmlichkeiten zu gewähren. Wir werden uns kaum vorstellen können, daß heute auch nur noch einer der Führer der sozialistischen oder kommunistischen Bewegung an die Möglichkeit einer Verwirklichung derartiger Verheißungen wirklich glaubt. In den Massen aber werden Bücher wie das von Bebel immer noch gelesen und gläubig hingenommen. Die Nasse aber läßt schon im Interesse ihrer seelischen Selbsterhaltung einen Glauben, an den sie ihr ganzes Hoffen und Vertrauen gehängt hat, nicht so leicht wieder fahren. Nur die allerwidrigsten Erfahrungen können ihn ausrotten. Die Erfahrungen werden, sollte je auch bei uns das praktische Experiment eines derartigen Sozialismus gemacht werden, kommen. Alle Versuche, die der Mensch von sich aus unternimmt, den ersehnten Idealzustand zu schaffen, werden und müssen in ärgster Enttäuschung enden, weil sie auf große Selbsttäuschungen aufgebaut sind. Rafolino. Die Heilung der Krise. Von Dr. J. Jahn. Die Weltwirtschaftskrise, in der wir uns jetzt befinden, und von der fast alle Länder betroffen sind, setzte erwa Ende des Jahres 1929 ein. Verschärft wurde die konjunkturell bedingte„zyklische“ Krise durch das gleichzeitige Wirksamwerden großer struktureller Veränderungen und durch die Rückwirkungen politischer Vorgänge. Durch das Mitwirken anderer, nicht konjunktureller Ursachen erklärt sich die ganz besondere Schwere der jetzigen Not, ihre lange Dauer und die bisher erfolglose Suche nach einem für alle gangbaren Ausweg. Mit dieser Skizze sind nicht alle Schwierigkeiten aller Länder auf einen Nenner gebracht, vielmehr wird das Mitbetroffensein von der Weltwirtschaftskrise in einzelnen Ländern durch heimische Vorgänge und Ursachen verschoben und meistens verschlimmert. Die Bedeutung solcher Besonderheiten läßt sich, wenn man sich auf die großen Länder beschränkt, besonders leicht an den Beispielen Englands, Deutschlands und Frankreichs nachweisen. In der Frage der Heilung der Krise sind wir in einer ähnlich verzweifelten Lage wie die Wirtschaftspolitiker früherer Zeiten gegenüber den von ihnen erlebten Krisen. Wir sehen nur, daß in der ganzen Welt die frühere fatalistische Haltung verschwunden ist. Wir fühlen uns gedrängt, statt auf die Selbstheilung der Krise zu warten, uns um die Heilung zu bemühen. Die Erfolge sind recht bescheiden; es ist aber immerhin der Beweis erbracht, daß wir wenigstens die gefährlichsten Wirkungen der Krise bekämpfen können, wenn wir auch noch nicht ihrer Ursachen Herr geworden sind. Wir können die praktischen Aufgaben gegenüber der Wirtschaftskrise also einteilen in solche der Symptombekämpfung und solche der Ursachenbekämpfung. Durch die Ausbreitung der Arbeitslosenversicherung und den Ausbau anderer staatlicher und privater Wohlfahrtseinrichtungen ist cs heutzutage ohne Frage möglich, die allerschlimmsten Folgen der Wirtschaftskrise zu mildern. Gewiß kann man auch heute noch, nachdem die Arbeitslosenversicherung in einer ganzen Reihe von Ländern obligatorisch geworden ist, feststellen, daß wir über die Zeit des Experimentierens noch nicht hinausgekommen sind, man hat noch keine allgemein befriedigende Formel gesunden, die das Funktionieren der Versicherung auch in Zeiten einer so ausgebreiteten Krisis vollständig sichert. Die Arbeitslosenversicherung ist nach den bis herigen Erfahrungen das wichtigste Hilssmittel gegenüber den sozialen Krisensymptomen; es muß unser Wunsch sein, diese Methode weiterzuführen und zu verbessern. Ein zweites Mittel der Symptombekämpfung ist die öffentliche Arbeitsbeschaffung, d. h. die Vornahme öffentlicher Arbeiten, die sonst auf andere Zeiten verschoben oder überhaupt nicht unternommen würden. Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß auch die Vornahme großer öffentlicher Arbeiten nur ein Krisensymptom bekämpft, nicht aber die Krise an der Wurzel anfaßt und für die Herbeiführung einer neuen Konsunktur sorgt. Oeffentliche Arbeiten erfordern pital, das entweder durch Steuern oder öffentliche Anleihen beschafft werden muß. Infolgedessen vermindert es die an anderen Stellen der Wirtschaft verfügbaren Kapitalien, verschiebt sie also nur, statt sie zu vermehren. Immerhin kann die öffentliche Arbeitsbeschaffung, wenn die Finanzlage eines Staates durch die Krise noch intakt geblieben ist— was gegenwärtig für die bisher von der Krise betroffenen Länder nicht dutrifft— wenigstens vorübergehend einem Teil der Arbeitslosen Hilfe bringen. In einzelnen Ländern hat man durch staatlichen Einfluß auf den Preisabbau zum Teil in Verbindung mit dem Lohnabbau geglaubt, an die Ursache der Krise heranzukommen, vor allem in Deutschland und Italien.„„" 99#2ahb Aber weder die Beeinflussung des Preisabbaues, noch die des Lohnabbaues hat bisher irgendwo verKnzschafts faltri dei Wiuniig. Verhandlungen mit der Grünen Front und der Industrie.— Beschlüsse des Haushaltsausschusses. — Berlin, 80. Januar. Reichskanzler Dr. Brüning setzte seine Verhandlungen mit den Führern der Grünen Frout fort, ferner empfing er Abordnungen des Reichsverbandes der deutschen Industrie= und der Arbeitgebervereinigung. Im weiteren Verlaufe des Tages hatte der Reichskanzler auch Unterredungen mit dem vollsparteilichen Vorsitzenden Dr. Dingeldey und mit Vertretern der sozialdemotratischen Fraktion. Alle diese Verhandlungen dienen der Vorbereitung der Reichstagseröffnung am kommenden Dienstag bzw. der Klärung der wirtschaftspolitischen Fragen, die zu lösen sind. Eine Klärung bahnt sich allmählich im Haushaltsausschuß des Reichstages an, wo sich die Forderungen der Parteien für die Endgestaltung des neuen Haushaltsplanes herauskristallisieren. Man nimmt an, daß die Entscheidung noch während der zweiten Lesung des Etats fallen wird, Die Regierung ist anscheinend entschlossen, für den Fall, daß eine Mehrheit für den neuen Haushaltsplan nicht zustandekommt, das Etatsgesetz durch Notverordnung in Kraft zu setzen. Ferner hört man von Vorbereitungen für die Bildung einer neuen, regional abgegrenzten Arbeitsgemeinschaft der Unternehmer und der Arbeitnehmer. Et besteht die Absicht, führende Unternehmer und Vertrauensleute der Arbeitnehmerschaft mit führenden Kommunalpolitikern zu einer informatorischen Besprechung zusammenzubringen. Der Haushaltsausschuß des Reichstags führte die allgemeine Aussprache zum Etat des Reichsernährungsministeriums zum Abschluß und nahm danach eine Reihe von Entschließungen an. Danach soll die Reichsregierung bei der Kontingentierung der Zuckerwirtschaft dem Kauf=Rübenbau eine ausreichende Mitwirkung verschaffen; das Reichsernährungsministerium wurde ersucht, sich streng an die Reichstags=Richtlinien über die Verausgabung von Reichsmitteln zu halten. Weiter nahm der Ausschuß eine von dem Zentrum und der Landvoltpartei eingebrachte Entschließung an, die die Reichsregierung ersucht, mit der Reichsbahn Verhandlungen mit dem Ziele aufzunehmen, den Provinzen Schlesien, Grenzmark Posen=Westprenßen und Pommern im Nahmen der Osthilfe die gleichen Frachtvergünstigungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse und Bedarfsstoffe zu geben nach Art und Form, wie sie Ostpreußen nach dem Osthilsegesetz gewährt sind. In der voraufgegangenen Debatte hatte Reichsernährungsminister Schiele eine Erhöhung des Vermahlungszwangs für Julandsweizen als undurchführbar erklärt. Ferner hatte der Minister die Mitteilung gemacht, daß die Schweinehaltung in Deutschland 1930 um 17,1 Prozent zugenommen hat. Der Einfuhrüberschuß an Fleisch sei erfreulicherweise von 2,124 Millionen Doppelzentner im Jahre 1929 auf 1,106 im letzten Jahre zurückgegangen. Dr. Gereke von der Landvolkpartei regte die Erhöhung des Brennrechts auf 100 Prozent und die Beschleunigung der Hilfsmaßnahmen für den Osten an. Der deutsche Konsument müsse es als Ehrenpflicht betrachten, in erster Linie deutsche Produkte zu verbrauchen. mocht, die Wirtschaft zu beleben, den Produktionsumfang und den Absatz zu vergrößern. Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Kriegsschuldenregelung, die für Jahrzehnte die europäischen Staaten zu Schuldnerländern Amerikas gemacht hat, und die im Gefolge dieser Regelung durchgeführte Reparationsfestsetzung den wesentlichsten Grund für die immer wieder eintretende Unordnung der Kapitalmärkte und für die völlig ungleichmäßige Bewegung des Zinsniveaus darstellt. Man kann wohl heute von der gemeinsamen Ueberzeugung aller führenden Wirtschaftskenner der Welt sprechen, daß eine Aenderung des amerikanischen Standpunktes in der Kriegsschuldenfrage die wichtigste Voraussetzung für neue Lösungen bildet, die zu günstigerer Kapitalverteilung in der Welt und zu einem Ausgleich des Zinsniveaus führen würden. Wie auf fast allen Gebieten der internationalen Zusammenarbeit ist aber auch auf dem Gebiete der Handelspolitik in den letzten Jahren kein Fortschritt, sondern ohne Zweifel ein Rückschritt eingetreten. Darüber hat kürzlich in Genf der holländische Handelsminister Collijn völlig zutreffend das Nötige gesagt. Die Zahl der internationalen Konferenzen hat zugenommen. Immer neue Kommissionen, auch solche mit weltwirtschaftlichen Aufgaben, sind eingesetzt worden, aber die Delegierten der einzelnen Länder sind zu den Konferenzen nicht gefahren mit dem guten Willen zu internationaler Zusammenarbeit, sondern mit dem schlechten Willen ihrer Verschleppung oder Verhinderung. Die Heilung der heftigsten Krisenschmerzen ist daher vorerst eine Aufgabe der einzelnen Länder und der Wirtschaftsgruppen dieser Gebiete. Tributsenkung dringlich! Kaas mahnt Frankreich.— Die Tardien=Klausel eine europäische Gefahr. In einer Rede in Trier bezeichnete Prälat Kaas, der Vorsitzende der Zentrumspartei, das Jahr 1931 als ein Schicksalsjahr. Was die Tribute betreffe, seien im Youngplan auch der Gegenseite Verpflichtungen auferlegt worden. Die befreiende und erlösende Tat auf reparationspolitischem Gebiet könne ohne schwersten mehr lange aufgeschoben werden. Keine deutsche Regierung werde die Macht haben, dem Volke noch weitere Trivute aufzuzwingen, wenn nicht die Gegenseite an einer tragbaren Regelung der Tributverpflichtungen das größte Interesse zeige. Die kritische Tistanzierung vom Versailler Vertragswerk sei im deutschen Volke stark im Wachsen begriffen. Der Revisions= und Evolutionsgedanke ist da und werde nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden. Wenn sich die sogenannte Tardien=Thefe zur Auslegung des Artikels 19 der Völkerbundstagung durchsetze, dann könne man nur schwarz in die europäische Zukunft sehen. Schuldenabbau nach Ein Schuldensenkungsplan Hurletzs.— Wollen die Vereinigten Staaten einen Druck ausüben? — Chicago, 30. Januar. Der Präsident der American Mannfacturers Exvort Association, Edward Hurley, der seinerzeit auch der Kommission zur Regelung der ausländischen Kriegsschulden angehörte, machte in einer Rede den Vorschlag, die 16 Schuldnernationen der Vereinigten Staaten sollten ihre Militärbudgets herabsetzen und Amerika solle gleichzeitig ihre Kriegsschulden ermäßigen. Die Durchführung dieses Plaues werde zur Hebung der Wirtschaftslage beitragen und so die Arbeitslosigkeit verringern. Die Schuldnernationen seien früher die besten Kunden Amerikas gewesen, und wenn Amerika die Kriegsschulden herabsetze, würden sie auch wieder auf den amerikanischen Märkten kaufen. Nach dem Plan Hurleys soll die Herabsetzung der Kriegsschulden über einen Zeitraum von 30 Jahren verteilt werden und zunächst eineinhalb Prozent jährlich betragen. Insgesamt sollen die Kriegsschulden um 50 Prozent ermäßigt werden. Sachlich sind diese Gedankengänge nicht neu. Es ist schon verschiedentlich angeregt worden, die Mächte durch einen finanziellen Drück zur Abrüstung zu zwingen. Wenn trotzdem auch Hurleys Vorschlag gewisse Beachtung gefunden hat, dann liegt das daran, daß Hurley enge Beziehungen zu Dawes und Schatzminister Mellon unterhält. schweren Lohnkämpfen in der ostoberschlesischen Industrie. — Kattowitz, 30. Januar. Bei den Lohnverhandlungen in der ostoberschlesischen Metallindustrie haben die Arbeitgeber nunmehr eine Lohnkürzung von 15 v. H. verlangt. Die Notwendigkeit einer Lohnherabsetzung wird mit der schlechten wirtschaftlichen Lage der Zinkhütten begründet. Die Verhandlungen wurden vertagt, da die Arbeitnehmer zu den Forderungen nicht sofort Stellung nehmen konnten. Da die Arbeitnehmer nicht gewillt scheinen, eine Lohnkürzung hinzunehmen, muß mit schweren Lohnkämpfen gerechnet werden. Der Hauptverband der ostoberschlesischen Bergwerks= und Hüttenindustrie hat das Gehaltsabkommen mit den Angestellten zum 30. April 1931 gekündigt. * Fünftagewoche in der deutschen Zigarettenindustrie. — Hamburg, 29. Januar. Wie die Verwaltung der Reemtsma=Zigarettenfabriken mitteilt, hat der Reichsarbeitgeberverband der deutschen Zigarettenindustrie im Benehmen mit den Gewerkschaften, um zu verhindern daß der durch die Tabaksteuererhöhung vom 1. Januar 1931 zu erwartende Verkaufsrückgang in Zigaretten zu einer weiteren Entlassung von Arbeitern führt, beschlossen, alsbald die Fünftagewoche einzuführen. Landarbeiter. Beschlüsse des Reichsrats. Der Reichsrat hielt am Donnerstagabend unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Zweigert eine Vollsitzung ab, in der er einem Vorschlage des Reichsarbeitsministers über eine Neuregelung bei der Zulassung ausländischer Landarbeiter für das Jahr 1931 zustimmte. Die Vorlage des Reichsarbeitsministers will die Beschäftigung ausländischer Landarbeiter an folgende Voraussetzungen knüpfen: 1. Es werden nur Betriebe berücksichtigt, die ar.5 bisher schon Ausländer erlaubtelweise beschäftigt haben. 2. Es kommen nur Betriebe in Frage, die Zuckerrüben anbauen und bei denen die Zuckerrüben=Anbaufläche mindestens 25 Morgen beträgt. 3. 80 bis 85 Prozent der Ausländer müssen weibliche Arbeitskräfte sein. 4. Die Zahl der für den einzelnen Betrieb im Jahre 1931 zu genehmigenden Ausländer darf höchstens zwei Drittel der im Jahre 1930 genehmigten Zahl betragen. Die Herabsetzung der Zahl findet ihren Grund in dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Die Zahl der Arbeitslosen war am 15. Januar auf 4 765000 gestiegen. Preußen beantragte eine Entschließung, die schon im Ausschuß Zustimmung gefunden hatte und die auch der Reichsrat annahm. Sie spricht die Erwartung aus, daß die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung ihre Bemühungen, für die Landwirtschaft geeignete inlänländische Arbeitskräfte an Stelle der Ausländer zu vermitteln, mit allem Nachdruck fortsetzt und daß die Anstalt angesichts der großen Arbeitslosigkeit gegen Arbeitslose, die sich ohne berechtigten Grund weigern, eine ihnen zugewiesene Arbeit anzunehmen, mit Entziehung der Unterstützung vorgeht. Der Reichsrat erledigte dann noch einige kleine Vorlagen : Nach einer Erklärung des litauischen Außenministere Dr. Zaunius werden die litautsch=polnischen Streitfragen den Haager Gerichtshof noch mehrere Jahre beschäftigen. Grundfragen der Ernährungspolitik. Von Dr. h. c. Martin Schiele, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft. Minister Schiele hielt am Mittwoch im Haushaltsausschuß des Reichstages zur Einleitung der Beratungen des Haushaltes seines Ministeriums eine ausführliche Rede über die nächsten Aufgaben der deutschen Agrarpolitik. Wir geben aus dieser Rede im Wortlaut die grundlegenden Ausführungen, mit denen er die Rede schloß. Gerade in einer Zeit so unerhörter sozialer und nationaler Nöte sind Landwirtschaftspolitik und Ernährungspolitik weniger denn je zu trennen. Das zeigt ein Blick auf unsere Gesamtlage. Im letzten Jahre betrug das Aktivsaldo aus dem Warenhandel und aus den sogenannten Dienstleistungen 1,9 Milliarden Reichsmark. Aber die Reparationen und der Zinsendienst unserer kommerziellen Auslandsverpflichtungen erforderten rund 2,9 Milliarden Reichsmark, sodaß ein Defizit von 1 Milliarde Reichsmark in unserer Zahlungsbilanz nur durch Auslandskredite gedeckt werden konnte. Wenn diese Auslandskredite ausbleiben— und diese Möglichkeit ist nun einmal aus politischen und wirtschaftlichen Gründen keineswegs ganz von der Hand zu weisen— dann stellt die ökonomische Ratio die deutsche Staatsführung sehr nüchtern vor die Aufgabe: Einnahmen und Ausgaben unserer Zahlungsbilanz aus eigener Kraft zu balanzieren. Politisch und wirtschaftlich ist in einer solchen Lage der schwächste Posten unsere Lebensmitteleinfuhr. Welche Konsequenzen wirtschaftlicher, sozialer und außenpolitischer Art sich daraus ergeben könnten, wenn unsere Landwirtschaft leistungsschwach geworden ist, will ich hier nicht weiter erörtern. Es ist unzweckmäßig. in Notzeiten dem Götzen„Pessimismus“ öffentliche Altäre zu bauen. Aber ich warne auch vor einem Zweck=Optimismus. Man muß allen Möglichkeiten, auch den mangenehmen und gefahrbringenden, ins Auge sehen und ihnen rechtzeitig durch Gegenmaßnahmen zu begegnen suchen. Deshalb ist auch eine klare Entscheidung über die Fortführung und den Ausbau der eingeleiteten Agrarhilfsmaßnahmen gegenwärtig besonders vordringlich. Es gilt, der Landwirtschaft den beabsichtigten Kurs der Agrarpolitik klar zu zeigen, damit sie an die Erreichung der in dem Reichshaushaltsplan aufgezeigten Produktionsziele bereits bei dieser Frühjahrsbestellung mit neuem Unternehmungsmut herangehen kann. Roggenanbau vermindert. Rede des Landwirtschaftsministers im Landtag.— Noch keine Entscheidung über den Arbeitsplan. — Berlin, den 29. Januar 1931. igen Landtagssitzung, in der die Beratung des landwirtschaftlichen Etats fortgesetzt wurde, war eine Sitzung des Aeltestenrats voraufgegangen, nochmals über den Arbeitsplan verhandelt wurde. Die Redner der Opposition betonten darin, wenn das Haushaltsgesetz noch vor Ostern verabschiedet werden solle, dann dürfe doch die Beratung einer so wichtigen Materie keineswegs überstürzt werden. Für den Fall, daß der Opposition einfach das Wort abwerde, sehe sie sich zur Anwendung der Obstruktion gezwungen. Eine neue Beratung über den urbeitsplan wurde danach für Dienstag anberaumt. Etatsdebatte im Plenum begann mit einer Rede des Landwirtschaftsministers Dr. Steiger, in der der Minister zunächst die Vorschläge behandelte, die für die Ueberwindung der Not der Landwirtschaft im Osten gemacht worden sind. eine Kontingentierung des Roggenanbaues fordert, der vergißt, daß die Landwirtschaft kein Maschinenbetrieb, sondern ein lebendiger Organismus ist. Der Minister gab der Ansicht Ausdruck, daß eine Stützungsaktion für den Roggenpreis entbehrlich gewesen wäre, wenn entsprechend seiner Forderung schon Beimahlungszwang von Roggen zu in den Mühlen von 10 Prozent durchgeführt worden wäre. Eine Ausdehnung der Kartoffelverwertung für den menschlichen Verbrauch würde wohl kaum noch zu erreichen sein: der Schwerpunkt läge bei der Verfütterung auf dem Hofe. Der Minister bedauerte, daß das Brennrecht noch immer nicht entsprechend seinem Antrage erhöht ei. Infolge der Zunahme der Schweinemast werde sich die Preisentwickelung im Jahre 1931 ungünstig gestalten, daher müßten nach Möglichkeit Seit Jahren ist es mein besonderes Bemühen, bei meinen Berufsgenossen sowie im gesamten deutschen Volk Verständnis für die enge Verflochtenheit von Landwirtschaft und übriger Wirtschaft zu wecken. Ich habe nicht nachgelassen, darauf hinzuweisen, daß das Arbeitslosenproblem für uns in Deutschland im tiefsten Kern keine Frage der Konjunktur, sondern der Struktur ist. Das Gleichgewicht der deutschen Wirtschaft ist in den letzten 2 Jahrzehnten durch politische und wirtschaftliche Vorgänge in der Welt von Grund auf zerstört worden. Seine Wiederherstellung ist für uns bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen und machtpolitischen Kräfteverhältnissen ohne Anspannung aller Produktivkräfte im eigenen Lande nicht erreichbar. Die in der deutschen Landwirtschaft heute noch vorhandenen latenten Erzeugungsmöglichkeiten sind eine starke nationalwirtschaftliche Kraftreserve. Es ist daher bitter nötig, daß endlich das gesamte deutsche Volk erkennt, daß zwischen Agrarkrise und Arbeitslosigkeit ein unmittelbarer Kausalzusammenhang besteht, und daß zu einer systematischen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auch ein Wiederaufbau der devastierten Ertrags= und Produktionsverhältnisse der deutschen Landwirtschaft gehört. Damit hängen die bevölkerungs= und sozialpolitischen Fragen der Landflucht und der Ostsiedlung aufs engste zusammen. Andauernde Agrarkrise heißt weitere Entsiedlung des Landes, des Ostens, heißt Anwachsen der Arbeitslosigkeit und des Massenelends in den Großstädten. Deshalb ist für mich Agrarpolitik in unserer heutigen Lage in erster Linie auch ein sozial= und staatspolitisches Erfordernis. In einer Zeit so schweren allgemeinen Elends, wo Millionen deutscher Volksgenossen in tiefster seelischer und materieller Not ihre Arme zum Staat nach Hilfe strecken, würde ich alles andere tun, als mich zum Wortführer unbilliger egoistischer Berufsinteressen machen. Ich habe vielmehr mein Amt übernommen und führe es in der Ueberzeugung, daß Agrarpolitik nicht eine einseitige Berücksichtigung eines Volksteiles in einer Zeit allgemeiner Volksnot ist, sondern daß die Agrarpolitik mehr denn je dazu berufen ist, den Grundstein für eine Volkswirtschaft zu legen, in der dem deutschen Bauer wieder Gerechtigkeit und dem ganzen deutschen Volke wieder Arbeit und Brot gewährleistet ist. mehr Fleischschweine Zentnern gemästet werden. Der Minister Hite hinzute Reichs= und Staatshilfe die Selbstvor alsen geten müsse. Diese Selbsthilfe müsse sich auch Einfuhrbedars.. t erstrecken. Der auf dem arf an Eiern lasse infolge der Maßnahmen Gebiete der Geflügelzucht eine Neigung zum Rückgang erkennen, ebenso sei erfreulicherweise ein Rückgang in der Gesamtgemüseeinfuhr festzustellen. Die Forderung nach einem allgemeinen Einfuheverbot für landwirtschaftliche Produkte hegegne bedeutenden Schwierigkeiten. Unsere Ausfuhr habe sere„Einfuhr ohne Reparationslieferungen um über eine Mitliarde Reichsmark überstiegen. Gerade aus Ländern, die unsere besten Kunden seien, stamme der größte Teil der landwirtschaftlichen Einfuhr. Bei einer allgemeinen Sperre der landwirtschaftlichen Einfuhr würden diese Länder das Interesse am Handelsverkehr mit Deutschin d i Peen. trosdem angestrebt werden müsse, die landwirtschafriiche Einfuhr herabzudrücken, so seien hierzu die„verschiedensten Wege gegeben. Hierbei sei man in erster Linie aus oie Mitarbeit der Landwirtschaft angewiesen. Benn ss nicht gelänge, den Vorsprung des Auslandes in der Qualitat der Ware und der rationellen Absatzgestaltung einusss#ßiect, werde es auch mit Zöslen nicht gelingen, die zichtlich der Vore zu. vererängen. Leider wären wir hinnicht walter Zolle für Kase, Eier, Obst und Gemüse noch nicht weitergekommen, da sie in zahlreichen Handelsverträgen gebunden seien. Der Fehler liege weniger im Meistdegünstigungsprinzip als darin, daß wir 1925, zu Beginn der Handelsvertragspolitik, bei den landwirtschaftlichen Zöllen nicht genügend gerüstet gewesen seien. Der Minister schloß mit der Hoffnung, daß der Appell an den deutschen Verbraucher zur Bevorzugung deutscher Erzeugnisse einen vollen Erfolg haben möge.(Beifall.) vermißte ein ausreichendes Eingehen auf die Not der Kleinbauern. Abg. Wachhorst de seine Unterstützung zu, die die bäuerlichen Interessen wahre. Bei der jetzigen egierung sei das der Fall. Neben der Staatshilfe müsse die Lanowirtschaft aber auch zur Selbsthilfe schreiten. Hitler in München über die Revisionsfrage. — München, 29. Januar. In einer überfüllten Ver, sammlung der NSDAP. Bezirk München=Ost sprach an Donnerstagabend im Bürgerbräukeller Adolf Hitler zur Revisionsfrage. Man müsse feststellen, daß der Young, plan sowie die Sanierungsaktion gescheitert seien. Nie, mand, auch nicht die Väter des Youngplanes, stünden heute noch zu diesem Plane. Wieder sei fast eine Milliarde Fehlbetrag zu verzeichnen. Die Wirtschaftskatastrophe sei durch die Maßnahmen der Regierung nur gefördert wor, den. Da der Zusammenbruch unserer allgemeinen Finanzen und unserer Finanzwirtschaft drohe, könne die Not, wendigkeit einer Revision des Youngplanes nicht mehr geleugnet werden. Das Volk müsse zuerst politisch saniert werden, um wirtschaftlich bestehen zu können. Hitler umriß die engen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik und erklärte, wenn die Wirtschaft versage, dann müsse die politische Macht eines Volkes diesem neue Eristenzgrundlagen schaffen. Wer glaube, durch Ausfuhr in die Welt das deutsche Volk erneuern zu können, der werde erkennen müssen, daß eines Tages die Stunde komme, in der nicht mehr die wirtschaftliche Kraft, sondern die politische Macht der Nation entscheide. Erforderlich sei die Wiederherstellung unseres politischen Machtstandes und der Zusammenschluß aller Deutschen über alle egoistischen Standesinteressen hinaus zu einer Kampfgemeinschaft. Der Redner erklärte dann: was ihr wollt, nämlich eine Neubelebung der Reparationsidee, ist lächerlich, denn ihr wollt eine Neuauflage des Dawesplanes, des Youngplanes, eine Atempause für ein Jahr. Was die Nationalsozialisten wollen, ist die ganze Freiheit. Weil sie das größere Ziel aufstellen und größere Einigkeit und ganzen Mut fordern, strömen die besten Elemente des Volkes zu ihren Fahnen. Zum Schluß wandte sich Hitler gegen Hörsing, der gesagt habe, am 22. Februar sei das Reichsbanner marschbereit. Die Nationalsozialisten seien, so erklärte Hitler, immer marschbereit gewesen. Er verwahrte sich dagegen, daß behauptet werde, seine Mutter sei eine Tschechin gewesen. Sie sei eine Deutsche gewesen und habe ihn das Deutsch gelehrt, auf das heute über 10 Millionen Deutsche hörten und das einmal Herrn Hörsing in die Knie zwingen werde. Verschiedenes. Das goldene Jubiläum einer Jugendinternationale. Am 2. Februar 1931 feiert der Jugendbund für entschiedenes Christentum(auch kurz EC genannt) seinen 50. Jahrestag. Er entstand wie so viele religiöse Bewegungen in Amerika; sein Gründer und langjähriger erster Weltbundpräsident war der Pfarrer Dr. Francis E. Clark in Portland(Maine). In Deutschland umfaßt die Bewegung etwa 1500 Ortsgruppen mit 46000 Mitgliedern. Im Herbst wurde in mehreren Artikeln hier ausführlich über die segensvolle Arbeit des Bundes berichtet. Volkshochschule Wislade. In der Wislade bei Lüdenscheid findet vom 14. bis 15. Februar eine pädagogisch=volkswirtschaftliche Tagung statt. Thema: Volksorganisches Denken. Lehrer Otto Remmert aus Gevelsberg wird die Einführung in diese Gedanken von Berthold Otto geben, die in letzter Zeit wieder häufiger erwähnt werden, aber auch ebenso stark umstritten sind. Die Deilnehmergebühr einschl. Unterkunft und Verpflegung beträgt.— RM. Anmeldungen sind sofort an L. Rese, Bielefeld, Göbenstraße 13 zu richten. Kirchliche Nachrichten der Zionsgemeinde zu Bethel. Sonntag, den 1. Februar 1931, Septuag. 8½ Uhr: Pastor Meyer. 9 Uhr: Pastor Brandt, anschließend Beichte und Abendmahl. 10 Uhr: Uhr: Kindergottesdienst.— Montag, 20¼ Uhr: Gosen, Gemeindebibelstunde. Donnerstag, 19½ Uhr: Pastor Greve. Bethel. — Christl. Verein junger Männer. Freitag aber .30 Uhr Bibelstunde. 3. Johannesbrief.(Herr Pastoi Schlatter). Sonntag morgen.30 Uhr Weißkreuzstunde in Gosen. Abends 8 Uhr allgemeiner Jugendabend. — Schlüsselbund gefunden. Abzuholen in Eben=Ezer. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitih: Dr. H. Huttel: Anzeigen: K. Diekmann: alle in Bethel. Ernst Münch, Brackwede Telefon 2426 Gegr. 1886 Hauptstraße 81 Uhrmachermeister, Optiker Zentka- und Zentka-Tavannes Uhren Platura Bestocke, einziges Fabrikat mit eingeöteten Silberplatten an den Aufliegestellen Moderne Augenoptik, Brillen, Klommer, Ferngläser, Theatergläser Schmuck, Alfenidewaren, Kristall Trauringe! erhöhen das Wohlbefinden Beratung und Bedienung Reformhaus zur Gesundheit Bahnhofstraße 2 83 Ecke Jahnplatz Gesucht durchaus ehrlicher, christlicher, fleißiger jung. Mann Nichtraucher, Abstinent, mit Führerschein 3a, oder fähig, solchen gleich zu erwerben, für den Verkauf unserer Bäckereierzeugnisse. Pfarramtliches Zeugnis, lückenloser Lebenslauf. Beglaubigte Zeugnisabschriften erbeten. Kinderheimstätte Jeggen, Post Wissingen bei Osnabrück. Erst prüfen, dann kaufen! länos Harmoniums erstklassige und sollde Fabrikate. Mäßige Preise! Bequeme Tellzahlung Blelefelder Plano- u. 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In dem Vorwort, das Benno von Siebert zum Buche „Am Zarenhof während des Weltkrieges“ von Maurice Paléologue, dem damaligen Botschafter in Petersburg, geschrieben hat, heißt es, daß Rußland für den Westeuropäer auch schon vor dem Kriege ein im Grunde genommen unbekanntes und unverstandenes Land geblieben ist. Die einzigen Pioniere des Westens seien damals der Kaufmann und der Politiker gewesen. Beide aber hätten, da sie bestimmte Ziele verfolgten, es nicht vernocht, ihren Landsleuten eine klare Vorstellung von der Entwicklung und Bedeutung dieses eigenartigen Volkes zu geben. Reiseschilderungen kämen, mit geringen Ausjahmen, hier gar nicht in Betracht. Das ist richtig. Dem Kaufmann und dem Politiker aber muß man einen dritten an die Seite stellen, den Ingenieur. Sie waren in Rußland nicht selten. Als solcher war auch ich in den letzten Jahren vor dem Kriege beim Bau eines großen Werkes in Petersburg an leitender Stelle tätig. Mein Beruf brachte es mit sich, daß ich mit Angehörigen verschiedener Berufsstände und Volksklassen zu tun hatte. Ich saß am Beratungstisch mit Werksdirektoren und Vertretern von Behörden. Ich habe im Speisesaal des Hotel’Europe russische und französische Offiziere sich verbrüdern sehen und im Volkshause zwischen Arbeitern gesessen. Ich stand oft unter den Gläubigen in den Kathedralen und ging mit in den Reihen der Studenten auf dem Newski Prospekt, spürte ihre Erregung, wenn ein Telegramm vom Balkan=Kriegsschauplatz erschien, und ich lernte in den Werkstätten und auf den Arbeitsplätzen etwas von der Art und Denkweise der Arbeiter kennen.. Ich wurde dadurch nicht das, was man einen Rußlandkenner nennt.— Wer kennt Rußland!— Man kennt sich dort selbst nicht genügend. Aber es wurde mir doch näher gerückt, was dem Westeuropäer weltenfern lag und unbegreiflich war. Nachdem ich Land und Leute kennengelernt und manchen Blick in die russische Volksseele hatte tun können, waren mir die Schilderungen der russischen Dichter nicht mehr Zerrbilder, ihre Menschen nicht mehr Karikaturen, sondern ich erkannte darin die lebenswahren Züge. Nun las ich das zu Anfang erwähnte Buch von Paléologue, das näher bezeichnet ist als„Tagebücher und Betrachtungen“. Es wirft Licht in manches Dunkel und Geheimnisvolle. Wir finden darin die Lösung manches Rätsels, das die russische Sphinx aufgibt.— Ich scheide ganz aus, was Paléologue über die Vorgeschichte des Krieges sagt. Er war ja einer von denen, die die Karten mischten. Wer etwas von der Stimmung in Petersburg gespürt hat, weiß auch, daß er die besten Gewinnaussichten hatte. Es geht aus seinem Buche hervor, daß er ein äußerst geschickter Diplomat war, der in hohen und höchsten Kreisen(in manchen sehr intim) verkehrte, in den verschiedenen Lagern seine Kundschafter hatte und seine Beziehungen auszunutzen verstand. Er war aber auch ein Kenner der russischen Geschichte und Dichter, sehr belesen, bemüht und befähigt sich einzufühlen in die Art und Denkweise der Russen— oben und unten—. So gibt sein Buch auch tiefe Einblicke in die russische Volkspsyche, die für die heutigen Zustände von Bedeutung sind. Das Buch umfaßt in zwei Bänden ungefähr 1000 Seiten. Ich will von dem vielseitigen Inhalt hier nur etwas von dem anführen, das zu manchem Unbegreiflichen einen Schlüssel geben kann. Die„nationale Physiognomie“ kennzeichnet Paléologue in folgender Weise: „Nimmt man das Wort„Mystizismus“ in seiner weitestgehenden Bedeutung, ist der Russe vornehmlich mystisch: Er ist es nicht nur in seinem religiösen, sondern auch in seinem sozialen, politischen und Gefühlsleben. Im Grunde der Folgerungen, welche seine Handlungen bestimmen, erscheint immer ein Glauben; er folgert und handelt, als glaubte er, daß die menschlichen Geschehnisse durch heimliche, übersinnliche Kräfte, durch okkulte, beherrschende Mächte herbeigeführt werden. Diese mehr oder minder eingestandene, mehr oder minder bewußte Veranlagung steht in direkter Beziehung zu seiner Phantasie, die von Natur aus flatternd, zersplittert ist; sie entstammt seiner Vererbung, seiner geographischen Umgebung, seinem Klima, seiner Geschichte. Sich selbst überlassen, empfindet er nicht das Bedürfnis, zu begreifen, wie sich die Dinge vollziehen, welche deren praktische oder notwendige Vorbedingungen sind, durch welche zweckmäßige, folgerichtige Mittel man sie erreichen oder verhindern kann...“ Nachdem Paléologue aus dieser Einstellung der Russen eine Folgerungen in religiöser und politischer Hinsicht gezogen hat, kommt er zu dem Schluß: „Eine derartige Auffassung ist persönlichem und verantwortungsvollem Streben, ist einer männlichen und ausdauernden Handlungsweise nicht sehr förderlich. Deshalb setzt uns der Russe so oft in Erstaunen durch seine Lässigkeit, durch seine abwartende Untätigkeit, durch seinen passiven, ergebenen Quietismus. Umgekehrt, und wenn man es versteht, zu seiner Seele zu sprechen, ist er des höchsten Aufschwungs, der heldenmütigsten Opfer fähig. Und seine ganze Geschichte beweist, daß er sich nie selbst aufgibt, wenn er fühlt, daß ihn der richtige Führer lenkt...“(B. I, S. 91 und 92.) In einer Betrachtung über die russische Kunst hebt Paléologue hervor, daß der russische Roman interessant ist als Ausdruck der nationalen Seele und des nationalen Gedankens; dann sagt er, daß weiter noch die russische Musik in die Tiesen des Volksbewußtseins und des Volksempfindens dringt. Es heißt dort: „Man findet unter der verführerischsten, fesselndsten und überzeugendsten Form das ganze Temperament, die ganze Eigenart der Russen wieder: ihre ewige Unruhe, ihr unwiderstehliches, stürmisches Begehren, ihr unklares, schmerzliches, ohnmächtiges, widerspruchsvolles Streben, ihren Hang zum Trübsinn, ihre Zwangsvorstellungen von Welträtsel und Tod, ihr Bedürfnis nach Herzensergüssen und Träumerei, ihr rasches Hinneigen zur äußersten Erregung, ihre zu jeder Zartheit, zu jeder Tollheit bereiten sinnlichen Triebe, ihre Fähigkeit zu Leiden und zur Ergebung, zum Aufruhr und zur Wildheit, ihre Empfänglichkeit für Schauspiele der Natur, für deren verschiedene Stimmen, für ihren einschläfernden oder erschreckenden : !: 5 5 Seine Führung. : : 1 Du lenkst, o zerr, der Menschen Zerzen Der Erde Wasserbächen gleich. Du gibst die Freuden, zählst die Schmerzen Machst uns an stillem Segen reich. : : Du schaust das Wechselspiel der Wellen, Die hin zum Strom, zum Uieere ziehn. Du läßt sie machtvoll überquellen, Dann wieder leis und sparsam ziehn. „ So steht mein Sein in deinen Zänden, Du weißt von fern, was mich berührt, Und alles muß zum Zeil sich wenden, Sofern mich deine Rechte führt. 2 ae Drum will ich mich darunter stellen, Wie auch mein Weg im Leben geht, Da über meines Schicksals Wellen Die Sonne deiner Liebe steht. Martin Ulbrich. Zauber, die dumpfe Ahnung von all dem Schicksalsschweren und Dunklen, von all dem Tragischen und Unermeßlichen, das auf der russischen Landschaft, auf der russischen Geschichte, auf der russischen Seele lastet.“(B. I, S. 307 und 308.) Zu der Zeit, als die innere Lage Rußlands den französischen Botschafter schon mit„lebhafter Besorgnis“ erfüllt, wo man nach„Brot und Frieden“ schreit und ein Garderegiment sich weigert, auf das aufrührerische Volk zu schießen, heißt es im Tagebuch: „Der Muschik ist bekannt durch seine Geduld und seinen Fatalismus, durch seine Milde und Trägheit, er ist manchmal von erhabener Sanftmut und Ergebung. Aber plötzlich lehnt er sich auf und empört sich. Sofort treibt ihn sein Zorn zu gräßlichen Verbrechen, grausamer Rache, zum Höhepunkt der Verworfenheit und Wildheit.“(B. II, S. 372.) Ueber Dostojewsky sagt Paléologue:„In seiner Schöpsung findet man, wie in einem Nachschlagewerk, alle Charaktere, alle Eigentümlichkeiten, alle Irrungen, die aus der russischen Seele die wunderlichste, widerspruchsvollste Blüte der menschlichen Pflanze machen.“— Dann fährt er fort: „Ich bemerke heute in seinem„Tagebuch eines Schriftstellers“ folgende bezeichnende Stelle: „Rußland empfindet immer ein Bedürfnis, das Maß zu überschreiten, bis an den Abgrund zu gelangen, sich über den Rand zu beugen, als wollte es die Tiefe ergründen, und oft sogar, sich wie ein Wahnsinniger hineinstürzen. Es ist beim gläubigsten Menschen das Bedürfnis nach der Ableugnung— der Ableugnung von allem, der Ableugnung der göttlichen Gefühle, des höchsten Ideals, der heiligsten Angelegenheiten, des Vaterlandes. In den schweren Stunden seines persönlichen und nationalen Lebens erklärt sich der Russe mit erschreckender Hast für das Gute oder für das Böse. Unter dem Einflusse des Zornes, des Alkohols, der Liebe, der Erotik, des Hochmuts, des Neides zeigt er sich plötzlich bereit, alles kleinzuschlagen, alles zu verstoßen, Verwandtschaft, Ueberlieferung, Glauben. Der beste Mensch verwandelt sich dergestalt in einen Schuft, der nur noch sucht, sich selbst zu verleugnen, in einen jähen Zusammenbruch zu versinken. Im Uebrigen entwickelt er denselben Ungestüm, um seine Seele zu retten, wenn er an die letzte Grenze gelangt ist und nicht mehr weiß wohin.. Paléologue fügt dem noch hinzu:„Dostojewski hat noch geschrieben:„Der Nihilismus ist nur deshalb bei uns entstanden, weil wir alle Nihilisten sind.“(B. I, S. 431 und 432.) Am 22. Februar 1917 schrieb Paléologue in sein Tagebuch einen Ausspruch von Tschadajew,„des großen, begeisterten Doktrinärs, der um das Jahr 1840 dem russischen Volk so beredte Weissagungen entgegenschleuderte...“ Er lautet: „Die Russen gehören zur Zahl jener Völker, die nur deshalb auf der Welt zu sein scheinen, um der Menschheit furchtbare Lehren zu erteilen. Gewiß werden diese Lehren nicht verloren sein. Aber wer könnte die Prüfungen und Heimsuchungen voraussehen, die Rußland durchmachen wird, ehe es wieder zu seinem natürlichen Schicksalslauf kommt und seinen Platz im Schoße der Menschheit wieder einnimmt.“ Am 17. Mai 1917 brachte der nach Haparanda gehende Zug den französischen Botschafter über die russische Grenze. Seine Rolle war ausgespielt. Als er einen letzten Blick rückwärts richtete, sprach er ein russisches Dichterwort vor sich hin:„Weine, mein heiliges Rußland, weine...“ Dieser Politiker hat Rußland kennengelernt und die Tiefen der Volksseele zu ergründen gesucht. Wir können viel aus seinem Buch lernen. Die religiös Bewegung in Deutschland. Zur Bruderschaft der religiösen Sozialisten und dem weiteren Freundeskreis gehören ungefähr 200 Pfarrer und Theologen, die als die Träger der deutschen religiössozialistischen Bewegung anzusprechen sind. Sie gehören nicht alle zu dem nach Tausenden zählenden Bunde der Religiösen Sozialisten, der seinen Hauptstützpunkt in der evangelischen Kirche Badens und Thüringens besitzt und dort sowohl in den Synoden als in der Kirchenregierung vertreten ist, aber auch bereits in andern Landeskirchen seine Arbeit ausgenommen hat. Die Organe dieses Bundes sind das„Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes“, das unter diesem Titel seit 1923 erscheint, und die seit 1929 jährlich in 6 Nummern herauskommende„Zeitschrift für Religion und Sozialismus“, beide im Verlag des Bundes der Religiösen Sozialisten in Mannheim. Die bekanntesten Führer dieses Kreises sind der jetzige Mannheimer Pfarrer Eckert, D. E. Fuchs, Eisenach, der Leiter des ev. Jugend= und Wohlfahrtsamtes in Karlsruhe, H. Kappes, und nicht zuletzt der Herausgeber der Zeitschrift, Prof. D. Wünsch in Marburg. Auch Lic. Dr. Piechowski in Berlin und Pastor Fritze, Köln, sind diesem Kreise zuzusprechen. In mehr oder weniger enger Fühlung zu dieser Gruppe stehen die Träger der Neuwerk=Bewegung, die im„Neuwerk“ ihr eigenes Organ hat. Es wären da die Namen E. Blum, H. Schafft und G. Dehn zu nennen. Doch haben die zuletzt genannten auch starke Beziehungen zu dem Kreis, der sich ganz unabhängig von dem Bunde der Religiösen Sozialisten, ja direkt im Gegensatz zu ihm in bewußt esoterischer, sehr gründlicher Arbeit um die von Mennicke seit 1920 herausgegebenen„Blätter für den religiösen Sozialismus“ gebildet hatte, und der sich jetzt in etwas erweiterter Form um die„Neuen Blätter für den Sozialismus“(herausgegeben von E. Heimann, Fritz Klatt und Paul Tillich) schart, die seit 1930 das kleine Blatt von Mennicke abgelöst haben und schon heute trotz ihrer verhältnismäßig kleinen Auflage als das bedeutendste Organ aller an einer geistigen Vertiefung und Erneuerung des Sozialismus interessierten Kräfte angesprochen werden kann; stehen ihm doch namhafte wissenschaftliche Persönlichkeiten und besonders auch einflußreiche Politiker zumal aus der jüngeren Generation nahe. Bei der Vielgestaltigkeit der Bewegung soll im Folgenden der Versuch gemacht werden, einige der markantesten Typen herauszuarbeiten, wobei allerdings festgehalten werden muß, daß lebendige Menschen und Bewegungen niemals ganz in dem Schema einer solchen der Verständigung dienenden Typologie aufgehen, weil kaum je ein Mensch nur einen Typ rein darstellt. Die religiös=sozialistische Bewegung ist als solche erst in der Nachkriegszeit etwa im Jahre 1919 entstanden, hat aber ihre Vorläufer in der sogenannten religiös=sozialen Bewegung, die sich in der Schweiz sonderlich an die Namen Ragaz(geb. 1868) und Kutter knüpft und ihrerseits stark von dem jüngeren Blumhardt beeinflußt ist. Blumhardt war als Pfarrer der württembergischen Landeskirche zu einer Zeit, wo die Sozialdemokratie in der herrschenden Gesellschaft noch geächtet war, so daß„ein Sozialdemokrat nicht einmal einen Nachtwächterposten erhalten konnte“, aus Liebe zu den um ihre Anerkennung und um ihr Recht kämpfenden Brüder in die Partei eingetreten, hat zeitweise ein Landtagsmandat innegehabt und mußte um dieses Verhaltens willen sein Pfarramt aufgeben. Sein geistiges Erbe wird im Neuwerk=Kreis gepflegt, und besonders durch Vermittlung von Ragaz, der auf die„Zeitschrift für Religion und Sozialismus“ einen bedeutsamen Einfluß besitzt, wirkt die Blumhardtsche Gedankenwelt auch stark in den Bund der religiösen Sozialisten hinein. Man könnte den durch diese Namen gekennzeichneten Typ den eschatologisch=utopischen nennen. Daß die religiös=soziale Bewegung in diesem Zusammenhang genannt werden muß, hat Ragaz in einer Anmerkung seines Artikels in der ProgrammNummer der„Zeitschrift für Religion und Sozialismus“ selbst begründet:„Die Bezeichnung„religiös=soziale Bewegung“ knüpft sich an Konferenzen, die das„religlöse" und das„soziale“ Thema verbanden. Das scheinbar soviel blässere„religiös“ eignete sich doch besser als„christlich“, weil in der Schweiz„christlich=sozial“ einfach„katholisch“ heißt. So entstand das Seltsame, daß eine Be wegung, die im Namen des„Reiches Gottes“ die„Religion" bekämpft, ausgerechnet„religiös“ heißt. So will auch das„sozial“ nicht bloß„sozial=reformerisch“ heißen: die Bewegung war von Anfang an sozialistisch und ihr Problem die Verbindung von Christentum und Sozialismus. So können Namen oft geradezu irreführend sein.“ (3. R.., Heft 1, 1929 S..) Das Stichwort dieses Typs ist damit genannt: Reich Gottes, und zwar die Verwirklichung des Reiches Gottes auf der Erde, da, wie man hier in Anlehnung an den„heiligen Materialismus“ Oetingers glaubt: das Ende aller Wege Gottes die Leiblichkeit ist. Im Proletariat, das im Ringen um seine Befreiung von einem starken Zukunftsglauben an das Reich, wo alle Glieder Genossen oder Brüder sein werden, getragen wird, sieht Ragaz den stärksten Bundesgenossen für den dem Christen nach dem ursprünglichen Verständnis des Evangeliums aufgegebenen Kampf um die soziale Erlösung, die„in einem besonderen Sinn eine Fortsetzung der Menschwerdung Gottes“ ist, von der es heißt: Und das Wort ward Fleisch(ebenda S. 17). Von der ReichsGottes=geschichtlichen Mission des Proletariats überzeugt, stellen sich die Männer dieses Typs bewußt hinein in die sozialistische Arbeit und sind wohl auch bereit, den proletarischen Klassenkampf mitzukämpfen, doch treten hier naturgemäß die spezifisch sozialistischen Ziele im Wirt schaftlichen und Politischen hinter dem ganz umfassenden Ziel der Bruderschaft des Reiches Gottes, in dem Friede und Gerechtigkeit wohnt, zurück. Ja, man darf sagen, daß die Hauptaufgabe in diesem grundsätzlich„antimilitaristischen“ Kreise eben darin gesehen wird, einmal das Proletariat davon zu überzeugen, daß das angestrebte Endziel nur mit geistigen Mitteln, insbesondere durch die Macht der Liebe erreicht werden kann, woraus sich eine ernsthafte Kritik an der marxistisch=materialistischen Ideenwelt ergibt.(Vergl. besonders Ragaz„Von Christus zu Marx, von Marx zu Christus“, Hans Herder, Verlag, Wernigerode 1929.) Daneben steht dann, ebense wichtig, die andere Aufgabe, die gesamte Christenheit zum sozialen Verständnis des Christentums zu führen, da nur auf diese Weise das eigentliche Endziel, die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden, erreicht werden kann, denn„der religiöse Sozialismus ist nur eine vorläufige Sache“.(3. R. S. 1/1929 S. 21.) Es ist gar keine Frage, daß von dieser„religiös=sozialen“ Bewegung, die im deutschen religiösen Sozialismus stark nachwirkt, ganz bedeutende Impulse auf die ganze Christenheit ausgegangen sind. Daß die christlichen Kirchen weit über die begrenzten Kreise der Religtös=Sozialen hinaus ihre soziale Verantwortung heute in viel höherem Maße spüren und in ihr zu handeln bestrebt sind, ist in hohem Maße als ein Erfolg jener prophetischen Männer zu buchen. Freilich bleiben ernste Bedenken. Zwar kann der Vorwurf, als würde von dieser Gruppe der religiösen Sozialisten eine Verabsolutierung des Sozialismus vollzogen, von Ragaz mit Recht zurückgewiesen werden.„Absolut ist uns Gottes Gebot und Verheißung, nicht die menschliche Verwirklichung. Immer haben wir die Weltüberlegenheit Gottes als eine der Grundvoraussetzungen unseres Denkens und den Kampf gegen die Götzen— und das sind ja die Verabsolutierungen— als die wesentliche Aufgabe im Dienst des lebendigen Gottes betrachtet.“(Neue Wege, Juli August 1927, S. 323.) Aber trotz dieser Verwahrung rückt eben doch das Reich Gottes nach Ragaz in eine allzu starke Nähe der sozialistischen Weltverbesserungsarbeit. Die zwischen der sozialen und religiösen Aufgabe aufgezeigte Verbindung ist in dieser Gruppe allzu direkt und steht in Gefahr, die Religion zu einem Mittel für die weltlichen Zwecke zu machen. Tillich hat wohl nicht nur, aber sicher auch an Ragaz und Vertreter seines Typus gedacht, als er 1929 für seinen Kreis von Religiösen Sozialisten erklärte:„Ueber den Bindestrich in religiös=sozialistisch haben in unserm Kreise vielfache Verhandlungen stattgefunden. Sie haben zu keiner Aenderung geführt, offenbar, weil die Fragwürdigkeit der Situation in der Fragwürdigkeit des Begriffs zu angemessenem Ausdruck kam. Alle Versuche, den Sozialismus als religiöses oder christliches Gesetz an und für sich aufzufassen, haben wir als gesetzlich und sektiererhaft vom ersten Tage unserer Arbeit an nachdrücklichst abgelehnt.“(Anm. 3 z. Vortrag„Klassenkampf und religiöser Sozialismus“, abgedruckt in Rel. Verwirklichung, Furche=Verlag 1930. S. 299.) Nicht an und für sich, wohl aber in der gegenwärtigen Situation sind die Sache der Religion und die Sache des Sozialismus, sofern sie nur beide in ihrer letzten Tiefe geschaut werden, eine Einheit nach der Ueberzeugung dieses Kreises, den man als den geschichts= und kulturphilosophischen Typus des religiösen Sozialismus bezeichnen könnte. Im Mittelpunkt der Geschichtsphilosophie, wie sie von Tillich in Anlehnung und Weiterführung der vorhandenen, besonders der bisherigen dialektischen Systeme begründet worden ist, steht der Begriff des Kairos. Im Kairos, in der Zeitenfülle steht die von göttlichem Gehalt erfüllte, die theonome Kultur. In ihr erhebt sich kraft inneren Rechtes nach einem immanenten dialektischen Gesetz der autonome Geist und kämpft, zunächst selbst noch von göttlichem Gehalt erfüllt, gegen den Versuch, ihn durch die„heiligen“ verabsolutierten Formen, aus denen der Gehalt entwichen ist, einer heteronomen Knebelung zu unterwerfen. Da aber in der autonomen Geisteshaltung der ursprünglich vorhandene Gehalt allmählich erschöpft wird, so steht die autonome Kultur in Gefahr, der Sinnleere und Selbstzerstörung zu verfallen(Anomie), ein Zustand, in dem sie entweder zugrunde geht oder, sofern sie sich öffnet für neuen göttlichen Gehalt, durch Gnade und Schicksal zu einer neuen Theonomie führen kann.(Sonderheft der„Tat" über Rel. Soz. August 1922. S. 346.) Es ist die„prophetische“ Ueberzeugung des Kreises, daß jetzt ein solcher epochaler Geschichtsmoment sichtbar ist. In einer umfassenden kulturkritischen Analyse, die Tillich in gemeinverständlicher Form in der vorzüglichen Schrift„Die religiöse Lage der Gegenwart“ (Ull“ein 1926) gibt, erscheint als Signatur der bürgerlichen Gesellschaft„der Geist der in sich ruhenden Endlichkeit". Ihm ist auch der Sozialismus— ein Beweis für die Mächtigkeit des kapitalistischen Bürgertums— weithin verfallen. Aber wenn man, wie dieser Kreis es tut, den marxistischen Sozialismus und die durch ihn geschaffene Bewegung in ihren letzten Tiefen erfaßt, dann werden gerade dort hoffnungsvolle Ansatzpunkte einer neuen Zeit, Vorboten des kommenden Kairos offenbar. Hier wie sonst nirgends wird die unbedingte Erschütterung und Nichtigkeit des Menschentums, die sich am markantesten in der Lage des Proletariats enthüllt, erfaßt, und hier bricht eben daraus, wie auch sonst nirgends, die Inbrunst einer neuen Gläubigkeit auf eine schicksalsmäßige und doch zugleich in Freiheit zu gestaltende Ueberwindung dieses Zustandes hervor.(Vergl. Klassenkampf und rel. Sozialismus in Tillich„Rel. Verwirklichung", bes. S. 205.) So wird der Sozialismus zu einem religiösen Phänomen. Deshalb ist es die Aufgabe der religiösen Sozialisten, diesen tiefsten Sinn des Sozialismus um seiner selbst willen und eben vom Boden des Sozialismus aus herauszustellen, aber gleichzeitig einen scharfen Kampf gegen alle ihn bedrohenden oder schon zu machtvoller Herrschaft gelangten Dämonien zu führen(Rationalismus, Materialismus, Kollektivegoismus, libertinistische Zerstörung der Ordnungen, Verabsolutierung seiner selbst). Da sich die religiösen Sozialisten in der Erwartung des Kommenden in einer eigentümlichen„Grenzsituation“ befinden, wie Tillich in der Einführung zur „Rel. Verwirklichung“ sagt, so haben sie nach der kirchlich=religiösen Seite die gleiche Doppelaufgabe: Einmal richtet sich der Kampf gegen die dort vorhandenen widergöttlichen Elemente, als da sind das gesetzliche Festhalten an veralteten Denk formen, die ideologische Verachtung der Weltgestaltung und besonders die Benutzung der Jenseitspredigt zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung. Wenn aber„das, was das Heiligste zu sein beansprucht, als Mittel des Machtwillens durchschaut wird, so ist es damit entweiht und zerstört".(Neue WegeBlätter, Heft 9, S. 399.) Daneben aber will der religiöse Sozialismus die Kirchen zu neuem Leben, zu neuer Gestaltung im Theoretischen und im Praktischen aufrufen, wie sie durch das Wesen der Religion selbst gefordert wird, und glaubt, daß sodann aus dem bestehenden Gegeneinander von Religion und Sozialismus das wenigstens für die Gegenwart notwendige Miteinander, ein Bündnis aus gleichgerichteter Zielsetzung entsteht. Eine grundsätzliche Kritik an der geschichtsphilosophischen Begründung dieses Kreises insonderheit an seinem Begriff der theonomen Kultur würde weit über den Rahmen dieses Aufsatzes hinausgehen. Es sei deshalb nur angedeutet, daß nach unserm Verständnis des Neuen Testaments wohl von einer„erfüllten“ Gemeinde des Christus im Gegensatz zur Kultur(vergl. etwa Kol. 2. 9. 10), nicht aber von einer gotterfüllten Kulturperiode gesprochen werden könnte. Danach würde dann auch der Sozialismus in der oben gegebenen Deutung nicht selbst schon zu einem religiösen Phänomen, wohl aber zu einem fruchtbaren Boden für die Aufnahme der religiösen Botschaft. Und wir würden alle diejenigen, die hieraus die Folgerung gezogen haben, auf den Boden des Sozialismus zu treten, den missionarischen Typus der religiösen Sozialisten nennen im Hinblick auf das Verhalten des größten Missionars, der den Heiden ein Heide geworden ist. Neben diesen Typus wäre dann noch der theologisch=sozialethische zu stellen. Die Erkenntnis des sachlichen Rechtes der sozialistischen Bewegung und des sozialistischen Kampfes macht es zu einer Forderung des Gehorsams und der Liebe, in die Reihen der um ihre Menschenwürde und ihr Lebensrecht ringenden Mitmenschen einzutreten, und führt mit Notwendigkeit zu einer gründlichen Revision der bestehenden sozialethischen Grundsätze einer verbürgerlichten Kirche(vergl. m. Artikel „Kirche und Klassenkampf“, Zeitwende, August 1929), und in der logischen Folge zu einem entschlossenen Kampf gegen ihre einseitige soziologische Gebundenheit an die herrschenden Schichten der Gesellschaft und ihre Ideologien. Von dem gleichen Anliegen sind auch diejenigen beseelt, die sich vorwiegend im Bunde der rel. Sozialisten zusammengeschlossen haben. Man würde sie am besten den praktisch=kirchenpolitischen Typus nennen. Der Ausgangspunkt dieser Bewegung, die sich von vorn herein eine Verständigung zwischen der sozialistischen Arbeiterschaft und der bestehenden ev. Landeskirche Badens zur Aufgabe gemacht hat, war die Gründung der volkskirchlichen Vereinigung im Jahr 1919. Die neue Gruppe hat zunächst von einer eigenen theologischen Begründung ihrer Existenz abgesehen; sie erhob lediglich, des Streites der alten theologischen Parteien müde, die Gleichberechtigung der Richtungen zu einem ihrer wesentlichen Programmpunkte. Dieser Programmpunkt wurde auch beibehalten, als am 27. Januar 1922 die Vereinigung mit dem von dem jungen Vikar Eckert in Pforzheim gegründeten„Bund evangelischer Proletarier" zum Volkskirchenbund ev. Sozialisten beschlossen wurde. Es hatte sich herausgestellt, daß eine kirchenpolitische Partei, die Erfolge erzielen wollte, wenn nicht eine eigenartige theologische, so doch wenigstens eine klare soziologische Grundlage haben mußte. Eine wesentliche Veränderung ihrer Zielsetzung hat diese stärkste badische Gruppe auch dann nicht erfahren, als sie sich 1924 mit verschiedenen anderen Bewegungen besonders aus Norddeutschland in Meersburg zur Arbeitsgemeinschaft und 1926 zum Bunde religiöser Sozialisten zusammenschloß. Der Prozentsatz von Katholiken und von Freidenkern, auf die besonders Piechowski in Berlin Wert legte, ist immer klein gewesen, zumal sich die katholischen Sozialisten ihre eigene Organisation und ihr eigenes Blatt geschaffen haben. Die Losung des Bundes: Vom Evangelium zum Sozialismus und vom Sozialismus zum Evangelium enthüllt seine Schwäche und Stärke zugleich. Eine klare theologische Linie läßt er vermissen. Eine gesetzliche Ableitung des Sozialismus aus den Worten der Bergpredigt oder gar die theologisch begründete Forde, rung eines platten Pazisismus steht neben der ernst, haften Begründung des sozialistischen Weges als einer Forderung des Gehorsams und der Liebe in der gegen, wärtigen Zeitlage. Die Fragwürdigkeit einer kirchen, politischen Gründung aus soziologischen Erwägungen, die der Kirche wesensfremd sind, offenbart sich in der agitatorischen Haltung eines ihrer namhaftesten Führer (Eckert), bei dem man oft geneigt ist, zu glauben, daß ihm jedenfalls mehr an der Durchsetzung des Sozialismus, so wie er eben ist, als an der Geltendmachung evangelischer Prinzipien im politischen und auch im kirchenpolitischen Handeln gelegen ist. Aber all diese offenkundigen Mängel, die die Werbekraft des Bundes besonders bei Theologen beeinträchtigen, kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier in ernster Arbeit von der ev. Kirche her ein Weg zu vielen sozialistischen Arbeitern gefunden ist. die bis dahin abseits standen. Auch ist die Kirche selbst nicht nur vor ihre soziale Verantwortung gestellt, sondern in ihrer bisherigen Bürgerlichkeit erschüttert und zur theologischen Besinnung aufgerufen worden. Es hat schon früher manche Versuche gegeben, die aufgerissene Kluft zwischen Kirche, Christentum und Sozialismus zu schließen. Sie waren alle umsonst. Im religiösen Sozialismus aller Schattierungen liegt ein neuer und keineswegs erfolgloser Versuch vor, das abgerissene Gespräch zwischen den feindlichen Lagern wieder in Gang zu setzen. Der Sozialismus als die Gesellschaftsordnung der Zukunft kann dadurch neue Impulse erhalten und die Kirche durch innere Verlebendigung aus ihrer gefährlichen, weltfremden Isoliertheit befreit werden. Dr. H. Wagner, Pastor, Hamburg. 50 Jugendandachten, herausgegeben vom Bundesdirektor des westdt. Jungmännerbundes Pastor Juhl, AussaatVerlag, Wuppertal=Barmen. Gelegentlich der Betheler Tagung legte sich uns wieder die Not aufs Herz, die die tägliche Schul=Andacht bereitet. Dort wurde auch die Frage nach guten Vorbildern laut, ohne die keiner auskommt, der häufig in jugendgemäßer Form„Wort Gottes verkündigen“ soll. Das in der Ueberschrift genannte kleine Buch will uns Erziehern zur Hilfe kommen. Diese wertvolle, neuartige Handreichung stellt nach dem gewissenpackenden Vorwort des Herausgebers keine Sammlung von Muster=Betrachtungen, sondern nur einen„Versuch“ dar, zu der müden, satten, gelangweilten und doch hungernden Jugend nicht in fremden Zungen, sondern in ihrer Sprache zu reden. In meiner Schule findet jeden Montag und Samstag eine gemeinsame kurze Morgenfeier(15 Minuten) mit Lied, freier Ansprache, Gebet und Lied statt. Dank der inneren Geschlossenheit meines Kollegiums wechseln sämtliche Lehrkräfte in diesem Dienst am Wort ab. An den übrigen Tagen beginnen wir mit einer ähnlichen, etwa 10 Minuten währenden Klassen=Andacht, der wir aus erzieherischen Gründen den Vorzug geben und die mitunter in einer gebundenen, objektiven Form(Losungsbuch) gestaltet wird. Dazu kommt eine regelmäßige Abendandacht in unsrem Schülerheim. Wer wie ich fast täglich also diese Aufgabe zu erfüllen hat, kann nicht immer aus sich schöpfen. Er muß einnehmen, um ausgeben zu können. Ich schätze nun von jeher die in dem obengenannten Bändchen befolgte Methode, die ich mit seiner Hilfe wieder erprobt habe. Ich gehe nicht aus von einem mehr oder weniger bekannten Schrift=Abschnitt, sondern ich suche lieber die Aufmerksamkeit zu reizen und die Spannung zu wecken durch anschaul iche Erlebnisse aus der Welt des Jungen(Technik, Sport usw.), seltener durch ein eigenes Erlebnis, das ich schildere. Jedenfalls knüpfe ich mit Vorliebe an eine„konkrete Situation“ an. Man kann gewiß auch andere Wege gehen als so illustrativ zu erläutern und durch die Schale des Alltäglichen zum Kern der zeitlosen biblischen Wahrheit vorzudringen. Denn im Wort Gottes muß natürlich eine solche lebensnahe Betrachtung ausmünden. Das Bibelwort ist allemale Ziel und Gipfelpunkt,„Abstraktion",— das„Gleichnis“ ist der Pfad, ist die„Anschauung". Man kann freilich auch vom Bibeltext aus rein exegetisch vorgehen und in seiner Uebertragung als Anwendung auf das Leben des Jungen Willensimpulse für den Tageslauf mitgeben. Der Jugendpastor W. Christiansen(„Feste Kerle.“—„Es lebe das Leben!“—„Hört zu!“) bevorzugt, um eine dritte Möglichkeit anzudeuten, „klassische" Beispiele, hergenommen aus Geschichte und Schrifttum, und deutet sie religiös aus. Mehr gegenwartsbetont sind also die von Pastor Juhl veröffentlichten Ansprachen. Sie sind übrigens gleichartig, aber nicht gleichwertig, und der Band ist nicht aus einem Guß, wie das bei dem gemeinsamen Werk von 6 Mitarbeitern(darunter Pastor Busch, Essen, Pastor Schlingensiepen, Barmen, und Dr. Wilkes, Barmen) nicht anders sein kann. Aber man findet wirklich wertvolle Anregungen darin, wie man den Jungen ein Junger wird. Die Skizzen sollen freilich nicht der Bequemlichkeit Vorschub leisten, sondern stellen nur ein„Gerüst“ vor und überlassen die Fortsetzung des geschriebenen Wortes und seine biblische Auswertung dem„Verkündiger". Ich verweise auf folgende, darin behandelte Themen als Beispiele, die zur Gestaltung locken: Der Vater— Die Mutter— Der Lehrer— Buch oder Schmöker?— Mogeln— Das Mädchen— Der kleine Kerl mit der großen Klappe— Der Wettlauf— Tempo, Tempo!— Sie sind gefilmt!— Mensch oder Maschine?— Das feinste Instrument Angeseilt! Direktor Dr. Avemarie, Neukirchen. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel.